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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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6. Kapitel.
Ein Fluß in Gärung

Meine Anwesenheit in der Sifkowa-Gegend dauerte nicht lange. Aber ich nutzte sie in jeder Weise aus. Zunächst entsandte ich einen Mann, dem ich Vertrauen schenken durfte, zu meinen Freunden in der Stadt und empfing so von diesen Wäsche, Stiefel, Geld und eine kleine Kiste, die Material für die erste Hilfe bei Unfällen und die wesentlichsten Medizinen enthielt. Und so erhielt ich auch, was am wichtigsten war, einen Paß mit einem falschen Namen, denn für die Bolschewiki war ich natürlich tot.

Unter diesen etwas günstigeren Verhältnissen dachte ich über meinen zukünftigen Aktionsplan nach. Man hörte bald in Sifkowa, daß ein bolschewistischer Kommissar ankommen werde, um Vieh für die Rote Armee zu requirieren. So wurde es gefährlich, länger hier zu bleiben. Ich wartete nur, bis der Jenissei seine massive Eisdecke verloren haben würde, die ihn noch lange Zeit verschloß, wenn auch die kleineren Flußläufe bereits offen standen und die Bäume bereits ihr Frühlingslaub trugen. Für tausend Rubel verpflichtete ich einen Fischer, der sich bereit erklärte, mich fünfundfünfzig Meilen den Fluß hinauf nach einer verlassenen Goldmine zu bringen, sobald der Fluß gänzlich vom Eise befreit sei.

Eines Morgens hörte ich einen ohrenbetäubenden Krach, der wie ein furchtbarer Kanonenschuß klang. Ich lief hinaus und fand, daß der Fluß seine mächtige Eisdecke gehoben hatte und dann durchgebrochen war, um sie in Stücke zu reißen. Ich lief zum Ufer, wo ich eine schreckenerregende, aber großartige Szene erblickte. Der Fluß hatte die große Eismenge heruntergeschwemmt, die im Süden losgebrochen war, und schleppte sie in nördlicher Richtung unter das dicke Lager, das ihn hier noch teilweise verdeckte. Ihr Druck zerbrach schließlich diesen Winterdamm des Nordens und machte so die ganze große Masse zu einem letzten Ansturm nach dem Eismeer frei.

Der Jenissei, »Vater Jenissei«, »Held Jenissei«, ist einer der längsten Flüsse Asiens. Er ist tief und wundervoll, besonders sein Mittellauf, der von Bergketten eingerahmt ist.

Der ungeheure Strom hatte riesige Eisfelder heruntergeschleppt, die er auf den Stromschnellen und an den hier und da herausragenden Felsen zerbrach, indem er sie in zornigen Wirbeln packte und dabei die Lagerstellen mit hinabriß, die man auf dem Eise für Karawanen errichtet hatte, welche im Winter auf dem Wege von Minusinsk nach Krasnojarsk stets den zugefrorenen Fluß benutzen. Von Zeit zu Zeit stockte der freie Abfluß des Stromes. Dann entstand ein Gebrüll. Die großen Eisfelder wurden gequetscht und türmten sich auf, manchmal bis zu einer Höhe von dreißig Fuß. Sie bildeten so gegen das hinter ihnen befindliche Wasser einen Damm, so daß dieses schnell höher und höher stieg, an niedrigen Uferstellen übertrat und größere Eismassen auf das Land warf. Dann jedoch eroberte die Gewalt der verstärkten Wasser den sperrenden Eisdamm und riß ihn in Stücke, dabei entstand ein Klirren wie von brechendem Glase.

An den Flußkrümmungen und den großen Felsen entstand ein schreckliches Chaos. Ungeheure Eisblöcke drängten sich dort und tanzten wild umher, bis sie hoch in die Luft geschleudert wurden, gegen andere Eisblöcke stießen oder gegen die Klippen des Ufers schmetterten, wo sie Geröll, Erde und Bäume herausrissen. Das ganze Ufer entlang häufte dieser Naturriese mit ungeheurer Plötzlichkeit eine große, fünfzehn bis zwanzig Fuß hohe Mauer auf, die von den Bauern Zaberega genannt wird und durch die sie nur an den Fluß gelangen können, indem sie sich eine Straße hindurchschlagen. Eine unglaubliche Leistung sah ich den Riesen vollbringen. Er schleuderte nämlich einen viele Fuß dicken und viele Meter breiten Eisblock steil in die Höhe, so daß er mehr als fünfzig Fuß vom Uferrande auf die Erde niederfiel, um dort Jungholz und kleine Bäume zu zerschmettern.

Während ich diesen großartigen Abgang des Eises beobachtete, erfüllte sich mein Herz mit Schrecken und Entsetzen, als ich die fürchterliche Beute sah, die der Jenissei auf diesem jährlichen Rückzug mit sich hinabschleppte. Sie bestand aus den Leichen hingerichteter Gegenrevolutionäre – Offiziere, Soldaten und Kosaken der früheren Armee des Obergouverneurs des antibolschewistischen Rußland, Admiral Koltschaks. Das war das Ergebnis der blutigen Arbeit der Tscheka in Minusinsk. Hunderte dieser Leichen mit abgeschnittenen Köpfen und Händen, mit verstümmelten Gesichtern, halbverbrannten Körpern und zerschmetterten Schädeln schwammen an der Oberfläche und mischten sich auf der Suche nach ihren Gräbern mit den Eisblöcken; oder die Leichen wurden im Gewirbel der wütenden Strudel zwischen den spitzigen Eisblöcken zerrieben und zu gestaltlosen Massen zerrissen, die der Fluß, entsetzt über die ihm zugedachte Aufgabe, auf die Inseln und Sandbänke ausspie. Ich bin den ganzen mittleren Jenissei entlang gegangen und stieß beständig auf diese verwesenden entsetzlichen Spuren der Arbeit der Bolschewiki. An einer Stelle des Flusses sah ich an einer Biegung einen großen Haufen von Pferdekadavern, die durch den Strom und das Eis in einer Zahl von nicht weniger als dreihundert dorthin geworfen worden waren. Eine Werst unterhalb dieser Stelle machte ich eine andere Entdeckung, die zu ertragen meine Nerven nicht imstande waren. Ich fand nämlich eine Reihe von Weiden am Ufer, die aus dem geschändeten Strom mit ihren fingerartig herabhängenden Zweigen menschliche Leichen in allen Formen und Lagen herausgefischt hatten und in so natürlicher Weise festhielten, daß mein belastetes Gemüt diesen Eindruck niemals wieder vergessen kann. Siebzig Leichen bildeten hier eine grauenvolle Gruppe.

Schließlich waren all die Berge von Eis den Fluß hinabgeschwommen und in ihrem Gefolge die Stämme gefallener Bäume, Holzklötze und Leichen, Leichen, Leichen. Der Fischersmann und sein Sohn nahmen mich und mein Gepäck in einen kleinen Nachen, der aus einem ausgehöhlten Espenbaumstamm bestand, und stießen mich, dem Ufer folgend, mit Stangen stromaufwärts. Kähne in einer starken Strömung mit Stangen aufwärts zu stoßen, ist eine sehr harte Arbeit. An den scharfen Kurven wurden wir gezwungen, zu rudern und mit unseren Muskeln gegen die ganze Gewalt des Stromes anzukämpfen. An manchen Stellen mußten wir uns an die Klippen klammern und konnten nur vorwärts kommen, indem wir die Felsen mit unseren Händen ergriffen und uns langsam vorwärts zogen. Wiederholt dauerte es überaus lange, um fünf oder sechs Meter in derartigen Stromschnellen voranzukommen.

Wir erreichten unser Reiseziel in zwei Tagen. Ich verbrachte mehrere Tage in einer Goldmine, in der ein Wächter und seine Familie lebten. Da diese selber Mangel an Vorräten hatten, konnten sie mir nichts abgeben, so daß mein Gewehr wieder in Funktion treten mußte, um mir Nahrung zu verschaffen und meinen Wirten zu Nahrungsmitteln zu verhelfen.

Eines Tages tauchte hier ein Agronom auf. Ich verbarg mich nicht vor ihm, denn während meines Winteraufenthalts im Walde war mir ein großer Vollbart gewachsen, so daß mich wohl selbst meine eigene Mutter nicht erkannt hätte. Unser Gast war indessen scharfsichtig genug, sofort zu sehen, wer ich war. Doch hatte ich keine Furcht vor ihm, denn ich merkte, daß er kein Bolschewik war. Wir fanden, daß wir gemeinsame Bekannte und gemeinsame Anschauungen in Bezug auf die Gegenwartsereignisse hatten. Er lebte in der Nähe der Goldmine in einem kleinen Dorf, wo er öffentliche Arbeiten zu beaufsichtigen hatte. Wir beschlossen, zusammen aus Rußland zu fliehen. Eine lange Zeit hatte ich mir bereits über diese Frage den Kopf zerbrochen. Jetzt war mein Plan gereift. Da ich meine geographische Position in Sibirien gut kannte, entschied ich mich dahin, daß der beste Weg zur Sicherheit folgender sei: durch Urianhai nach dem nördlichen Teil der Mongolei, der zum Quellgebiet des Jenissei gehört, und dann quer durch die Mongolei hindurch nach dem Fernen Osten und dem Stillen Ozean. Vor dem Sturz der Koltschak-Regierung hatte ich den Auftrag erhalten, Urianhai und die Westmongolei zu erforschen, und hatte damals infolgedessen mit großer Genauigkeit alle Karten und Bücher studiert, die ich über dieses Gebiet erhalten konnte. Zur Durchführung meines kühnen Planes war mein Drang nach Sicherheit die stärkste Triebkraft.

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