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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 52
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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49. Kapitel.
Die Prophezeiung des Königs der Welt im Jahre 1890

Der Hutuktu von Narabantschi erzählte mir folgendes, als ich ihn in seinem Kloster zu Beginn des Jahres 1921 besuchte:

»Als der König der Welt vor dreißig Jahren vor den von Gott begünstigten Lamas in unserem Kloster erschien, machte er für das bevorstehende halbe Jahrhundert folgende Prophezeiung:

»Mehr und mehr werden die Menschen ihre Seelen vergessen und auf ihr leibliches Wohl bedacht sein. Die größte Sünde und Verderbtheit wird auf der Erde herrschen. Die Menschen werden wie wilde Tiere nach dem Blut und dem Tod ihrer Brüder dürsten. Der Halbmond wird düster werden und seine Gefolgschaft wird in Bettlertum und endlosen Krieg versinken. Seine Eroberer werden den Sonnenstich erleiden und werden nicht weiter aufsteigen können. Zweimal werden sie von schwerstem Mißgeschick heimgesucht werden, das ihnen zur Schmach in den Augen der anderen Völker gereichen wird. Die Kronen von Königen, großen und kleinen, werden fallen ... Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht ... Eine schreckliche Schlacht wird unter allen Völkern stattfinden. Die See wird sich röten ... Die Erde und der Meeresboden werden mit Knochen bedeckt sein ... Königreiche werden der Auflösung verfallen ... Ganze Völker werden dahinsterben ... Hunger, Krankheit und Verbrechen, wie die Welt sie vorher nie gesehen hat, werden herrschen. Die Feinde Gottes und des göttlichen Geistes im Menschen werden kommen. Derjenige, der die Hand eines anderen ergreift, wird umkommen. Die Vergessenen und Verfolgten werden aufstehen und die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen. Es wird Nebel und Stürme geben. Nackte Berge werden plötzlich mit Wäldern bedeckt sein. Erdbeben werden kommen ... Millionen werden ihre Sklavenfesseln und ihre Erniedrigung mit Hunger, Krankheit und Tod vertauschen. Die alten Straßen werden von Mengen bedeckt sein, die von Platz zu Platz wandern. Die größten und schönsten Städte werden im Feuer vergehen ... Eins, zwei, drei ... Der Vater wird gegen seinen Sohn, der Bruder gegen seinen Bruder und die Mutter gegen ihre Tochter aufstehen ... Laster, Verbrechen und Zerstörung von Leib und Seele werden folgen ... Familien werden auseinandergerissen ... Glaube und Liebe werden verschwinden ... Unter zehntausend Menschen wird nur einer übrig bleiben, und er wird nackt und toll und ohne Kraft und ohne die Kenntnis sein, wie er sich ein Haus bauen und Nahrung finden kann ... Er wird heulen wie der wütende Wolf, Leichen verschlingen, sich ins eigene Fleisch beißen und Gott zum Kampfe herausfordern ... Die ganze Erde wird leer werden. Gott wird sich von ihr abwenden und über ihr wird es nur Nacht und Tod geben. Dann werde ich ein Volk, ein jetzt unbekanntes Volk senden, das das Unkraut der Tollheit und des Lasters mit starker Hand ausreißen und diejenigen, die dem Geiste der Menschheit treu geblieben sind, zum Kampf gegen das Böse anführen wird. Dieses Volk wird auf der durch den Tod der Nationen gereinigten Erde ein neues Leben begründen. Im fünfzigsten Jahre werden drei große Königreiche in Erscheinung treten, die einundsiebzig Jahre lang glücklich bestehen werden. Danach wird es achtzehn Jahre des Krieges und der Zerstörung geben. Dann werden die Völker von Agharti aus ihren unterirdischen Höhlen auf die Oberfläche der Erde kommen ...«

Als ich später durch die Ostmongolei nach Peking reiste, dachte ich oft:

Und was, wenn? Was, wenn ganze Völker verschiedener Farben, Glaubensbekenntnisse und Stämme die Wanderung nach dem Westen antreten würden?

Jetzt, während ich diese Schlußzeilen niederschreibe, wenden sich meine Augen unwillkürlich dem Herzen Asiens zu, über das sich die Spuren meiner Wanderungen ziehen. Durch wirbelnden Schnee und die treibenden Sandwolken der Gobi ziehen sie zurück zu dem Antlitz des Narabantschi Hutuktu, der mir seine innersten Gedanken mit ruhiger Stimme, indem er mit seiner zarten Hand gegen den Horizont wies, also eröffnete:

»In der Nähe von Karakorum und an dem Ufer von Ubsa Nor sehe ich riesige, vielfarbige Lager, Herden von Pferden und Rindern und die blauen Jurten der Führer. Darüber sehe ich die alten Banner Dschingis Khans, der Könige von Tibet, Siam, Afghanistan und indischer Fürsten, die heiligen Zeichen aller lamaistischen Hohenpriester, die Wappen der Khane der Olets und die einfachen Zeichen der nordmongolischen Stämme. Ich höre nicht den Lärm der erregten Menge. Die Sänger singen nicht die eintönigen Gesänge der Berge, Steppen und Wüsten. Die jungen Reiter erfreuen sich nicht an dem Wettlauf ihrer flinken Rosse ... Da stehen zahllose Scharen alter Männer, Frauen und Kinder, und jenseits im Norden und Westen ist der Himmel, so weit das Auge blicken kann, rot wie eine Flamme. Dort sind das Gebrüll und das Krachen des Feuers und wilder Kampfeslärm zu hören. Wer führt diese Krieger an, die unter dem geröteten Himmel ihr eigenes Blut und das Blut anderer vergießen? Wer führt diese Scharen unbewaffneter alter Männer und Frauen an? Ich sehe strenge Ordnung, tiefes religiöses Verstehen der Zwecke, Geduld und Ausdauer ... Eine neue große Wanderung der Völker, den letzten Marsch der Mongolen ...«

Karma mag in der Geschichte ein neues Blatt aufgeschlagen haben!

Und wie wäre es, wenn der König der Welt mit ihnen wäre?

Aber dieses größte Mysterium der Mysterien bewahrt sein eigenes, tiefes Schweigen.

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