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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 41
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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38. Kapitel.
Vor dem Antlitz Buddhas

Als wir am Kloster ankamen, verließen wir das Automobil und tauchten in dem Labyrinth enger Gassen unter, bis wir schließlich vor dem größten Tempel Urgas standen, der tibetanische Mauern und Fenster, aber ein prätentiöses chinesisches Dach hatte. Eine einzige Laterne brannte am Eingang. Das schwere, mit Bronze- und Eisenbeschlag verzierte Tor war geschlossen. Als der General auf den großen Messinggong schlug, der neben dem Tore hing, kamen erschreckte Mönche aus allen Richtungen herbeigelaufen. Den »General Baron« sehend, stürzten sie auf den Boden, aus Scheu, ihre Gesichter zu dem großen Mann zu erheben.

»Steht auf,« sagte der Baron, »und laßt uns in den Tempel ein.«

Das Innere war wie in den meisten Lamatempeln, dieselben vielfarbigen Flaggen mit Gebeten, symbolischen Zeichen und Bildern von Heiligen, dieselben großen von der Decke herabhängenden seidenen Bänder und Bildnisse von Göttern und Göttinnen. Zu beiden Seiten des Altars standen niedrige, rote Bänke für die Lamas und den Chor. Kleine Lampen warfen ihre Strahlen auf die goldenen und silbernen Gefäße und Leuchter, die auf dem Altar standen. Hinter diesem hing ein schwerer, gelbseidener Vorhang mit tibetanischen Inschriften.

Die Lamas zogen den Vorhang zur Seite. In dem Halblicht, das die flackernden Lampen verbreiteten, ward in dem dahinter erscheinenden Raum die große vergoldete Statue des auf goldener Lotosblume sitzenden Buddha sichtbar. Das Antlitz des Gottes war gleichgültig und ruhig. Schwacher Lichtschein gab ihm etwas Leben. Zu beiden Seiten der Statue waren viele tausende geringerer Buddhas aufgestellt, Opfergeschenke frommer Tempelbesucher. Der Baron schlug auf den Gong, um die Aufmerksamkeit des Großen Buddha auf sein Gebet zu lenken, und warf eine Handvoll Münzen in eine große Bronzeschale. Dann schloß dieser Sproß der Kreuzfahrer, der alle Philosophen des Westens gelesen hatte, seine Augen, legte seine Hände vor das Gesicht und betete. Ich bemerkte einen schwarzen Rosenkranz an seinem linken Handgelenk. Er betete ungefähr zehn Minuten lang. Darauf führte er mich zum anderen Ende des Klosters. Während wir dorthin gingen, sagte er:

»Ich liebe diesen Tempel nicht. Er ist neu und wurde errichtet, als der Lebende Buddha blind wurde. Ich kann auf dem Gesicht des Goldenen Buddha weder Tränen noch Hoffnung noch Kummer noch den Dank des Volkes sehen. Es ist noch nicht genug Zeit vergangen, um solche Spuren auf dem Antlitz des Gottes zurückzulassen. Wir werden uns jetzt zu der alten Kapelle der Prophezeiungen begeben.«

Diese war ein kleines, vom Alter geschwärztes Gebäude, das einem Turm mit glattem, rundem Dach ähnelte. Die Türen standen offen. Zu beiden Seiten der Türe waren drehbare Gebeträder angebracht. Oberhalb der Türe befand sich eine Kupferplatte mit den Zeichen des Zodiakus. In der Kapelle waren zwei Mönche, die heilige Sutras anstimmten. Sie erhoben ihre Augen nicht, als wir eintraten. Der General trat zu ihnen heran und sagte:

»Werft die Würfel nach der Zahl meiner Tage!!«

Die Priester brachten zwei Schalen herbei, in denen viele Würfel lagen. Die Würfel rollten auf einen niedrigen Tisch. Der Baron sah ihnen zu und rechnete das Ergebnis mit ihnen zusammen aus, dann sagte er:

»Einhundertunddreißig! Wieder einhundertunddreißig!«

Indem er an den Altar trat, der eine von Indien stammende alte Steinstatue Buddhas trug, betete er erneut.

Als der Tag dämmerte, besuchten wir noch andere Tempel und Kapellen, das Museum der Medizinschule, den Turm für astrologische Zwecke und auch den Hof, auf dem die Bandi und jungen Lamas ihre täglichen Morgenübungen im Ringen machen. An anderen Stellen übten sich die Lamas im Bogenschießen. Einige der höheren Lamas setzten uns warmes Hammelfleisch, Tee und wilde Zwiebeln vor.

Als wir zur Jurte zurückgekehrt waren, versuchte ich vergeblich zu schlafen. Zu viele Fragen durchjagten meinen Kopf. Wo bin ich? In welcher Epoche lebe ich? Ich wußte, daß ich unklar die unsichtbare Berührung irgendeiner großen Idee, irgendeines riesigen Planes, irgendeines unbeschreiblichen menschlichen Wehs fühlte.

Nach unserem Mittagsmahl sagte der General, er wolle mich dem Lebenden Buddha vorstellen. Da es sehr schwierig ist, eine Audienz beim Lebenden Buddha zu erhalten, war ich über die mir gebotene Gelegenheit sehr erfreut. Unser Automobil fuhr bald am Eingangstor der den Palast des Gottes umgebenden rot und weiß gestreiften Mauer vor. Zweihundert Lamas in gelben und roten Roben rannten herbei, um den Dchiang Dchün, den General, mit unterdrücktem respektvollen Geflüster »Khan! Kriegsgott!« zu begrüßen. Sie führten uns durch eine geräumige Halle, deren harte Linien durch das Halbdunkel gemildert waren. Schwere geschnitzte Türen führten in die inneren Teile des Palastes. In der Tiefe der Halle stand ein Dais mit einem mit gelben Seidenkissen bedeckten Thron. Der Rücken des Thrones hatte ein rotes Feld mit goldenem Rande. Zu seinen beiden Seiten waren Wandschirme aus gelber Seide aufgestellt, die verzierte Rahmen aus chinesischem Schwarzholz hatten. Neben dem Thron befanden sich Vitrinen, die allerlei Kunstgegenstände aus China, Japan, Indien und Rußland enthielten. Vor dem Thron stand ein langer, niedriger Tisch, an dem acht mongolische Edle saßen. Ihr Vorsitzender war ein sehr ehrwürdiger alter Mann mit klugem, energischem Gesicht und großen, durchdringenden Augen. Seine Erscheinung erinnerte mich an die Holzbildnisse buddhistischer Heiligen mit Augen aus Edelsteinen, die ich früher einmal in dem Kaiserlichen Museum von Tokio in der Abteilung gesehen hatte, die dem Buddhismus gewidmet ist und in der die Japaner alte Statuen von Amida, Daunichi-Buddha, der Göttin Kwanon und dem vergnügten alten Hotei zeigen.

Dieser Mann war der Hutuktu Jahantsi, der Vorsitzende des mongolischen Ministerrats, ein Mann, der weit über die Grenzen der Mongolei hinaus Verehrung genoß. Die übrigen Anwesenden waren Minister, Khane und die höchsten Fürsten von Khalkha. Jahantsi Hutuktu lud Baron Ungern ein, an seiner Seite Platz zu nehmen. Für mich wurde ein europäischer Stuhl herbeigebracht. Baron Ungern kündigte dem Ministerrat durch einen Dolmetscher an, daß er in wenigen Tagen die Mongolei verlassen würde, und ermahnte die Minister, die für die Nachfolger Dschingis Khans erworbene Freiheit zu schützen, denn des großen Kaisers Seele lebe noch immer und fordere von den Mongolen, daß sie erneut ein mächtiges Volk würden und alle asiatischen Königreiche, die er einst regierte, zu einem einzigen großen mittelasiatischen Staat vereinigten.

Der General erhob sich. Alle übrigen folgten seinem Beispiel. Er nahm von jedem einzelnen ernsten Abschied. Vor Jahantsi Lama verbeugte er sich tief. Jahantsi Hutuktu legte seine Hände auf des Barons Kopf und segnete ihn.

Von dem Ratszimmer begaben wir uns sogleich zu dem in russischem Stil gebauten Hause, das der persönliche Wohnort des Lebenden Buddha ist. Das Haus war ringsum von einer Schar roter und gelber Lamas umringt, von Dienern, Räten des Bogdo, Beamten, Wahrsagern, Doktoren und Günstlingen. Zu der Außenmauer des Palastes führte von dem Eingangstor dieses Hauses ein langes rotes Seil, dessen Ende außen über die Mauer hinabhing. Scharen von Pilgern pflegen auf ihren Knien herbei zu kriechen, das Ende des Seiles vor dem Tore zu berühren und einem dort stehenden Mönch einen Hatyk aus Seide oder ein Stückchen Silber zu geben. Die Berührung des Seilendes, dessen inneres Ende sich in der Hand des Bogdo befindet, stellt eine direkte Verbindung mit dem heiligen wiedergeborenen Lebenden Gott dar. Man glaubt, daß ein Strom des Segens durch das aus Kamelwolle und Pferdehaar bestehende Seil zu den Betenden hinausfließe. Jeder Mongole, der das mystische Seil berührt hat, trägt zum Zeichen seiner vollbrachten Pilgerfahrt ein rotes Band um den Hals.

Ich hatte sehr viel über den Bogdo Khan gehört, bevor mir die Gelegenheit gegeben wurde, ihn zu sehen. Ich hatte gehört, wie stark er dem Alkoholgenuß zuneige, der für seine Erblindung verantwortlich sei, wie sehr er äußerlich die westliche Kultur liebe, und daß er mit seiner Frau, die in seinem Namen zahlreiche Delegationen und Boten empfange, tief in den Becher zu blicken pflege.

In dem Zimmer, das der Bogdo als sein privates Arbeitszimmer benutzte, befanden sich zwei Lamasekretäre, die hier Tag und Nacht die Truhe zu bewachen haben, in der seine großen Siegel bewahrt werden. In dem Raum herrschte strengste Einfachheit. Auf einem niedrigen chinesischen Lacktischchen lagen das Schreibzeug des Bogdo und eine in gelbe Seide eingehüllte Schachtel mit kleinen Siegeln, die ihm von der chinesischen Regierung und vom Dalai Lama gegeben worden waren. Daneben standen ein niedriger Lehnstuhl und ein Kohlenbecken aus Bronze mit einem eisernen Ofenrohr. An den Wänden waren die Zeichen der Swastika und tibetanische und mongolische Inschriften zu sehen. Hinter dem Lehnstuhl stand ein kleiner Altar mit einer goldenen Buddha-Statue, vor der zwei Talglichter brannten. Der Boden war mit einem dicken gelben Teppich bedeckt.

Als wir eintraten, war der Lebende Buddha in der kleinen Privatkapelle, die in einem Nebenzimmer war. Niemandem ist es gestattet, dieses Zimmer zu betreten, außer dem Bogdo Khan selber und einem Lama, dem Kampo-Gelong, der die Tempelarrangements zu besorgen und dem Lebenden Buddha bei seinen einsamen Gebeten zu assistieren hat. Einer der Sekretäre sagte uns, der Bogdo sei heute früh sehr erregt gewesen. Mittags sei er zur Kapelle gegangen.

Lange Zeit konnten wir die Stimme des Hauptes der Gelben Lehre im ernsten Gebet hören. Dann wurde eine andere, unbekannte Stimme klar vernehmbar. In der Kapelle hatte eine Unterredung zwischen dem Buddha der Erde und dem Buddha des Himmels stattgefunden – so erklärten es uns wenigstens die Lamas.

»Wir wollen etwas warten,« schlug der Baron vor. »Vielleicht wird er bald heraustreten.«

Während wir warteten, erzählte mir der General von dem Jahantsi Lama. Er sagte, wenn Jahantsi ruhig sei, so gleiche er einem gewöhnlichen Menschen. Doch wenn er bewegt und in tiefen Gedanken sei, werde ein Heiligenschein um seinen Kopf sichtbar.

Nach einer halben Stunde zeigten die Lamasekretäre plötzlich Zeichen großer Furcht. Sie lauschten neben dem Eingang zur Kapelle. Dann fielen sie mit den Gesichtern auf den Boden. Die Türe öffnete sich langsam. Der Kaiser der Mongolei, der Lebende Buddha, Seine Heiligkeit Bogdo Djebtsung Damba Hutuktu, der Khan der Aeußeren Mongolei trat ein. Er war ein dicker alter Mann mit einem ernsten, glattrasierten Gesicht, das mich an die Kardinäle der katholischen Kirche erinnerte. Er trug einen mongolischen Rock aus gelber Seide mit schwarzer Borde. Die Augen des blinden Mannes standen weit offen. Furcht und starres Erstaunen waren in ihnen ausgedrückt. Er sank schwerfällig in den Lehnstuhl nieder und flüsterte: »Schreibt!«

Ein Sekretär nahm sogleich Papier und einen chinesischen Schreibpinsel zur Hand. Der Bogdo diktierte die soeben gehabte Vision, die sehr verwirrt und nichts weniger als klar klang. Er endigte mit den folgenden Worten:

»Dies habe ich, der Bogdo Hutuktu Khan, gesehen, als ich mit dem Großen Weisen Buddha sprach, der von den guten und bösen Geistern umgeben war. Weise Lamas, Hutuktus, Kampos, Marambas und Heilige Gheghens, gebt die Antwort auf meine Visionen!«

Nachdem er sein Diktat beendigt hatte, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und fragte, wer zugegen sei.

»Der Khan Dchiang Dchün Baron Ungern und ein Fremder,« antwortete einer der Sekretäre kniend.

Der General stellte mich dem Bogdo vor, der als Zeichen des Grußes den Kopf neigte. Der General und der Bogdo sprachen leise miteinander. Durch die offene Türe sah ich einen Teil der Kapelle. Ich konnte einen großen Tisch mit einem Haufen Bücher, von denen einige offen waren und andere auf der Erde lagen, ein Kohlenbecken mit rotglühender Holzkohle und einen Korb, der die Schulterblätter und Gedärme eines Schafes zum Wahrsagen enthielt, erkennen. Bald erhob sich der Baron und verbeugte sich vor dem Bogdo. Der Tibetaner legte dem Baron die Hände auf den Kopf, indem er dabei ein Gebet flüsterte. Dann nahm er von seinem eigenen Hals einen schweren Ikon und hängte ihn dem Baron um.

»Sie werden nicht sterben, sondern in der höchsten Form der Lebewesen wiedergeboren werden. Denken Sie daran, wiedergeborener Kriegsgott, Khan der dankbaren Mongolei.« Es wurde mir klar, daß der Lebende Buddha den »blutigen General« vor seinem Tode segnete.

In den nächsten beiden Tagen hatte ich dreimal Gelegenheit, den Lebenden Buddha mit einem Freunde des Bogdo, dem Burjettenfürsten Djam Bolon, zu besuchen. Diese Besuche werde ich im vierten Teil meines Buches beschreiben.

Baron Ungern organisierte die Weiterreise zum Stillen Ozean für mich und meine Begleitung. Wir sollten Kamele bis zur nördlichen Mandschurei benutzen. Da ich von Uliassutai aus einen Brief an die französische Gesandtschaft in Peking gerichtet hatte und einen Brief von der chinesischen Handelskammer jener Stadt bei mir trug, in dem mir der Dank dafür ausgesprochen wurde, daß ich Uliassutai vor einem Pogrom bewahrt hatte, so beabsichtigte ich zur nächsten Station an der Ostchinesischen Eisenbahn vorzudringen und mich von dort nach Peking zu begeben. Der dänische Kaufmann E. V. Olufsen sollte mich begleiten, ebenso auch ein gelehrter Turguten-Lama, dessen Reiseziel ebenfalls China war.

Niemals werde ich die Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1921 vergessen. Nach dem Abendessen schlug Baron Ungern einen Gang zur Jurte Djam Bolons vor, dessen Bekanntschaft ich am ersten Tage nach meiner Ankunft in Urga gemacht hatte. Djam Bolons Jurte war auf einer erhöhten hölzernen Plattform aufgestellt und befand sich in einem Anwesen, das hinter der russischen Niederlassung lag. Zwei Burjettenoffiziere empfingen uns am Eingang und begleiteten uns in die Jurte hinein. Djam Bolon war ein Mann mittleren Alters, groß und dünn, und hatte ein ungewöhnlich langes Gesicht. Vor dem Weltkrieg war er ein einfacher Schafhirte gewesen, aber er hatte mit Baron Ungern zusammen an der deutschen Front und nachher gegen die Bolschewiki gefochten. Er war ein Großfürst der Burjetten, ein Nachfolger ehemaliger Burjettenkönige, die von der russischen Regierung nach ihrem Versuch, die Unabhängigkeit des Burjettenvolkes durchzusetzen, entthront worden waren.

Die Diener brachten Schüsseln mit Nüssen, Rosinen, Datteln und Käse herein und warteten mit Tee auf.

»Das ist die letzte Nacht, Djam Bolon! Sie versprachen mir ...«

»Ich denke daran,« antwortete der Burjette. »Alles ist bereit.«

Als die Uhr auf Mitternacht zeigte, stand Djam Bolon auf und ging aus der Jurte hinaus.

»Ich will, daß mir mein Geschick noch einmal prophezeit wird,« sagte Baron Ungern zu mir, als wenn er sich rechtfertigen wollte. »Im Interesse unserer Sache ist es zu früh für mich zu sterben ...«

Djam Bolon kam zurück in Begleitung einer kleinen Frau mittleren Alters, die auf östliche Weise vor dem Kohlenbecken niederhockte, sich tief verbeugte und begann, Baron Ungern anzustarren. Ihr Gesicht war weißer, schmaler und dünner, als sonst bei mongolischen Frauen zu finden ist. Ihre Augen waren schwarz und scharf. Ihr Anzug sah der Kleidung eines Zigeunerweibes ähnlich. Später erfuhr ich, daß sie eine berühmte Wahrsagerin und Prophetin des Burjettenvolkes war, die Tochter einer Zigeunerin und eines Burjetten.

Sie zog langsam einen kleinen Beutel aus ihrem Gürtel und entnahm ihm einige kleine Vogelknochen und eine Handvoll getrocknetes Gras. Dann begann sie abgerissene, unverständliche Worte zu flüstern und von Zeit zu Zeit Gras in das Feuer zu werfen. Das Zelt füllte sich allmählich mit Wohlgeruch. Ich fühlte deutlich, wie mein Herz klopfte und in meinem Kopf Nebel aufstiegen. Nachdem die Wahrsagerin all ihr Gras verbrannt hatte, legte sie die Vogelknochen auf das Kohlenbecken, indem sie sie immer wieder von neuem mit einer kleinen Bronzezange umdrehte. Als die Knochen schwarz geworden waren, untersuchte sie sie. Da drückte ihr Gesicht auf einmal Furcht und Schmerz aus. Sie riß nervös das um ihren Kopf gewickelte Tuch herunter, verfiel in Zuckungen und stieß kurze, scharfe Sätze hervor.

»Ich sehe ... Ich sehe den Kriegsgott ... Sein Leben geht zu Ende ... schrecklich ... danach ein Schatten ... schwarz wie die Nacht ... Schatten ... Einhundertdreißig Schritte bleiben noch ... darüber hinaus Finsternis ... nichts ... ich sehe nichts ... Der Kriegsgott ist verschwunden ...«

Baron Ungern senkte seinen Kopf. Die Frau fiel nach hinten auf den Rücken mit ausgestreckten Armen. Sie war ohnmächtig geworden, aber es schien mir einmal, als wenn ich unter ihren geschlossenen Lidern eine glänzende Pupille gesehen hätte. Zwei Burjetten trugen die leblose Gestalt hinaus. Darauf herrschte lange Schweigen in der Jurte des Burjettenfürsten. Schließlich stand Baron Ungern auf und begann um das Kohlenbecken zu wandern, und flüsterte mit sich selbst. Dann stand er still und sprach sehr schnell:

»Ich werde sterben! Ich werde sterben ... Aber das macht nichts, macht nichts. Die Sache ist in Bewegung, und sie wird nicht sterben ... Ich kenne die Wege, auf denen diese Sache wandeln wird. Die Stämme der Nachkommen Dschingis Khans sind erwacht. Niemand wird das Feuer in den Herzen der Mongolen auslöschen! In Asien wird es einen großen Staat von dem Pazifischen und Indischen Ozean bis an das Ufer der Wolga geben. Die weise Religion Buddhas wird sich nach Norden und Westen ausbreiten. Es wird der Sieg des Geistes sein. Ein Eroberer und Führer wird erstehen, der stärker und kühner sein wird als Dschingis Khan und Ugadai. Er wird klüger und gnädiger sein als Sultan Baber, und er wird die Macht bis zu dem glücklichen Tage in der Hand behalten, an dem der König der Welt aus seiner unterirdischen Hauptstadt an das Tageslicht heraustreten wird. Warum, warum werde ich mich nicht in den vordersten Reihen der Krieger des Buddhismus befinden? Warum hat Karma das beschlossen? Aber es muß so sein! Rußland muß sich erst von der Schmach der Revolution reinigen, es muß sich mit Blut und Untergang reinigen, und alle Leute, die sich zum Kommunismus bekennen, müssen mit ihren Familien untergehen, damit ihre Nachkommenschaft ausgerottet werde!«

Der Baron hob seine Hand über den Kopf und bewegte sie, als wenn er Befehle und Vermächtnisse an eine unsichtbare Person richtete.

Der Tag dämmerte.

»Meine Zeit ist gekommen!« sagte der General. »Binnen kurzem werde ich von Urga aufbrechen.«

Schnell und fest schüttelte er uns die Hände:

»Leben Sie wohl für immer. Ich werde einen schrecklichen Tod sterben. Aber die Welt hat niemals einen solchen Terror und ein solches Blutmeer gesehen, wie sie es jetzt sehen wird ...«

Die Türe der Jurte schlug zu. Er war fort. Ich habe ihn niemals wiedergesehen.

»Ich muß auch fortgehen; denn ich reise gleichfalls am heutigen Tage von Urga ab.«

»Ich weiß es,« erwiderte der Fürst. »Der Baron hat Sie aus einem bestimmten Grunde hiergelassen. Ich werde Ihnen als vierten Begleiter den mongolischen Kriegsminister geben. Es ist notwendig für Sie ...«

Djam Bolon sprach diesen letzten Satz aus, indem er auf jedes einzelne Wort Nachdruck legte. Ich fragte ihn nicht nach dem Grunde; denn ich war an das Mysterium dieses Landes der Mysterien und der Guten und Bösen Geister gewöhnt.

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