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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 39
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
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36. Kapitel.
Ein Sohn der Kreuzfahrer und Seeräuber

»Erzählen Sie mir von sich und Ihrer Reise,« drang er in mich. Ich berichtete alles, was ihn meiner Meinung nach interessieren konnte. Meine Erzählung schien ihn aufzuregen.

»Jetzt werde ich Ihnen von mir berichten und Ihnen sagen, wer und was ich bin! Mein Name ist von so viel Haß und Furcht umgeben, daß niemand wissen kann, was wahr und was falsch, was Geschichte und was Legende ist. Sie werden vielleicht einmal darüber schreiben, wenn Sie eine Aufzeichnung von Ihrer Reise durch die Mongolei und Ihrem Aufenthalt in der Jurte des »blutigen Generals« machen.«

Baron Ungern schloß seine Augen und rauchte, beim Sprechen stieß er seine Sätze hervor, ohne sie zu beendigen, als wenn ihn jemand daran hinderte, sie richtig aufzubauen.

»Die Familie der Ungern v. Sternberg ist eine alte Familie, eine Mischung von Deutschen mit Ungarn und Hunnen aus der Zeit Attilas. Meine kriegerischen Vorfahren haben an allen europäischen Kämpfen teilgenommen. Sie waren bei den Kreuzzügen dabei. Ein Ungern kämpfte unter Richard Löwenherz und wurde am Fuße der Mauern von Jerusalem getötet. Selbst in dem tragischen Kinderkreuzzug kam ein Ungern um, Ralph Ungern, ein elfjähriger Knabe. Als die kühnsten Krieger des Landes im zwölften Jahrhundert gegen die Slawen an die Ostgrenze des deutschen Kaiserreiches entsandt wurden, befand sich unter diesen mein Vorfahr Arthur Baron Halsa Ungern-Sternberg. Dort an der Grenze bildeten die Ritter den Deutschritterorden, der die christliche Lehre unter den Litauern, Esten, Letten und Slawen mit Feuer und Schwert ausbreitete. Als der deutsche Orden in der Schlacht bei Grünwald von polnischen und litauischen Truppen vernichtet wurde, kamen zwei Barone von Ungern-Sternberg um. Meine Familie ist immer kriegerisch und dem Mystizismus und Asketentum ergeben gewesen.

Im 16. und 17. Jahrhundert besaßen mehrere Barone von Ungern Burgen in Lettland und Estland. Mancherlei Legenden und Erzählungen sind an ihre Persönlichkeiten geknüpft. Heinrich Ungern v. Sternberg, die »Axt« genannt, war ein wandernder Ritter. Auf den Turnieren in Frankreich, England, Spanien und Italien waren sein Name und sein Speer so bekannt, daß seine Gegner ihn fürchteten. Er fiel bei Cadiz in Spanien unter dem Schwert eines Ritters, der ihm Helm und Schädel spaltete. Baron Ralph Ungern war ein Raubritter, der zwischen Riga und Reval sein Wesen trieb. Baron Peter Ungern besaß eine Burg auf der Insel Dagö in der Ostsee, wo er als Raubritter den Seehandel jener Zeit beherrschte.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebte der bekannte Baron Wilhelm Ungern, der Alchimist war und der »Bruder Satans« genannt wurde. Mein Großvater war ein Seeräuber im Indischen Ozean, der den englischen Kaufleuten Tribut abverlangte, die britischen Kriegsschiffe konnten mehrere Jahre hindurch seiner nicht habhaft werden. Schließlich wurde er jedoch gefangen genommen, dem russischen Konsul ausgeliefert und von diesem nach Rußland geschickt, wo er zur Verbannung nach Transbaikalien verurteilt wurde. Ich bin auch ein Marineoffizier, doch zwang mich der russisch-japanische Krieg, meinen eigentlichen Beruf aufzugeben und in die Truppe der Zabaikal-Kosaken einzutreten. Ich habe mein ganzes Leben dem Krieg und dem Studium des Buddhismus gewidmet. Mein Großvater hatte uns den Buddhismus aus Indien mitgebracht. Mein Vater und ich bekannten uns infolgedessen zu dieser Lehre. In Transbaikalien habe ich versucht, zum rücksichtslosen Kampf gegen die Niedrigkeit der Revolution den Orden der Militärischen Buddhisten zu bilden.«

Als der Baron bis hierher gekommen war, schwieg er und trank nervös eine Tasse Tee nach der andern. Sein Tee war stark und schwarz wie Kaffee.

Die Niedrigkeit der Revolution! ... Hat irgend jemand jemals daran gedacht außer dem französischen Philosophen Bergson und dem hochgelehrten Taschi Lama in Tibet?

Der Sohn des Seeräubers fuhr in seiner Erzählung fort, indem er dabei wissenschaftliche Theorien, Werke, die Namen von Männern der Wissenschaft und Schriftstellern, die Heilige Schrift und buddhistische Bücher zitierte und französisch, deutsch, russisch und englisch durcheinander sprach.

»In den buddhistischen und den alten christlichen Büchern lesen wir über die Zeit, in der der Krieg zwischen den guten und den bösen Geistern ausbrechen wird. Dann muß der unbekannte »Fluch« kommen, der die Welt erobern, die Kultur austilgen, die Moral töten und jedermann vernichten wird. Seine Waffe ist die Revolution. Während jeder Revolution wird an die Stelle des durch Erfahrung gereiften Intellekt-Schöpfers die rohe Gewalt des Zerstörers treten. Dieser wird die niedrigsten Instinkte und Wünsche in den Vordergrund drängen. Die Menschheit wird sich noch mehr von der Gottheit und Geistigkeit entfernen. Der Große Krieg hat bewiesen, daß sich die Menschheit zu höheren Idealen erheben muß. Dann aber erschien dieser »Fluch«, der von Christus, dem Apostel Johannes, Buddha, den ersten christlichen Märtyrern, Dante, Leonardo da Vinci, Goethe und Dostojewsky vorausgesehen worden ist. Er erschien, hielt den Fortschritt der Menschheit auf und versperrte unsern Weg zur Göttlichkeit. Die Revolution ist eine ansteckende Krankheit. Als Europa mit Moskau Verträge schloß, täuschte es sich selber und die anderen Teile der Welt. Der Große Geist stellte an die Schwelle unserer Leben Karma, der weder Zorn noch Gnade kennt. Er wird Abrechnung halten und diese wird auf Hunger, Zerstörung, den Untergang der Kultur, des Ruhmes, der Ehre und des Geistes, auf den Untergang der Staaten und den Untergang der Völker lauten. Ich sehe bereits diese Schrecken, die finstere, tolle Zerstörung der Menschheit.«

Die Tür der Jurte sprang plötzlich auf. Ein Adjutant trat herein und stand stramm.

»Warum dringen Sie gewaltmäßig in ein Zimmer?« rief der General zornig aus.

»Exzellenz, die Vorposten an der Grenze haben eine bolschewistische Patrouille gefangen genommen und sie hierher gebracht.«

Der Baron erhob sich. Seine Augen blitzten, sein Gesicht geriet in Zuckungen.

»Bringen Sie sie hier vor meine Jurte!« befahl er.

Alles war vergessen; die inspirierte Rede, die eindringliche Stimme, alles wurde durch den rauhen Befehl des strengen Kommandeurs verdrängt. Der Baron setzte seine Mütze auf, ergriff den Bambustashur, den er immer mit sich trug, und stürzte aus der Jurte. Ich folgte ihm. Vor der Jurte standen sechs rote Soldaten, die von Kosaken umringt waren.

Der Baron stand still und starrte die Gefangenen einige Minuten lang an. In seinem Gesicht war heftiges Gedankenspiel zu erkennen. Dann wandte er sich von den Gefangenen ab, setzte sich auf die Türschwelle eines Chinesenhauses und war lange Zeit in Gedanken versunken. Plötzlich stand er auf, schritt zu den Gefangenen hin und tupfte, mit großer Entschiedenheit in seinen Bewegungen, jedem von ihnen mit seinem Tashur auf die Schulter, indem er sagte: »Du nach links, Du nach rechts.« Auf diese Weise teilte er die gefangengenommene Patrouille in zwei Gruppen: vier Mann standen rechts und zwei links.

»Durchsucht diese beiden! Sie müssen Kommissare sein!« befahl der Baron. Dann fragte er, sich zu den anderen vier wendend: »Seid Ihr von den Bolschewiki mobilisierte Bauern?«

»Ganz richtig, Ew. Exzellenz,« riefen die erschreckten Soldaten.

»Geht zum Kommandanten und sagt ihm, daß ich befohlen habe, Euch in meine Truppe einzureihen!«

Bei den beiden, die links standen, wurden Pässe gefunden, die zeigten, daß sie Kommissare des Kommunistischen Politischen Departements waren. Der General runzelte die Stirn und verkündete langsam: »Schlagt sie mit Knüppeln tot!«

Er wandte sich um und trat in die Jurte zurück. Doch wollte unsere Unterhaltung jetzt nicht mehr in Fluß kommen. So überließ ich den Baron sich selber.

Nach dem Abendessen in der russischen Firma, in der ich Quartier genommen hatte, kamen einige Offiziere Ungerns zu uns in das Haus. Wir führten eine lebhafte Unterhaltung, als wir plötzlich das Horn eines Automobils hörten. Die Offiziere verfielen darauf sofort in Schweigen.

»Der General fährt irgendwo in der Nähe vorüber,« bemerkte einer von ihnen mit sonderbar veränderter Stimme.

Die unterbrochene Unterhaltung kam bald wieder in Gang. Doch nicht für lange Zeit. Der Kommis der Firma rannte in das Zimmer und rief aus: »Der Baron!«

Der Baron trat ein und stand an der Schwelle still. Die Lampen waren noch nicht angezündet, obgleich es im Zimmer bereits dunkelte. Dennoch erkannte der Baron sofort einen jeden von uns. Er näherte sich der Frau des Hauses, küßte ihr die Hand, begrüßte jeden von uns herzlich, setzte sich an den Tisch und nahm die ihm angebotene Tasse Tee entgegen. Bald begann er zu sprechen.

»Ich möchte Ihnen Ihren Gast stehlen,« sagte er zu der Dame des Hauses. Dann fragte er mich: »Wollen Sie mit mir eine Ausfahrt im Automobil machen? Ich werde Ihnen die Stadt und die Umgebung zeigen.«

Als ich meinen Mantel anzog, steckte ich, meiner Gewohnheit folgend, den Revolver ein, worauf der Baron lachte.

»Lassen Sie das Ding zurück! Sie befinden sich hier in Sicherheit. Außerdem müssen Sie an die Prophezeiung des Narabantschi Hutuktu denken, daß das Glück immer mit Ihnen sein wird.«

»Schön,« erwiderte ich, indem ich gleichfalls lachte. »Ich erinnere mich sehr wohl dieser Prophezeiung. Nur weiß ich nicht, was der Hutuktu in meinem Falle unter Glück versteht. Es mag sein, daß er mit Glück den Tod meint.«

Wir gingen hinaus. Am Tor stand der große Fiatwagen, mit weithin leuchtenden Laternen. Der als Chauffeur Dienst tuende Offizier saß wie eine Statue am Steuerrad und blieb stramm sitzen, während wir einstiegen und uns niedersetzten.

»Nach der drahtlosen Station!« befahl der Baron.

Wir flogen geradezu. In der Stadt herrschte nach wie vor das orientalische Treiben. Aber das Bild, das sie bot, erschien jetzt noch merkwürdiger und wunderbarer. Ueberall waren unter der Menge flinke mongolische, burjettische und tibetanische Reiter zu sehen. Die Kamele der Karawanen erhoben feierlich ihre Köpfe, während wir vorbeirasten. Die hölzernen Räder der mongolischen Karren quietschten schmerzhaft. Alles lag im Lichte prächtiger großer Bogenlampen da, die ihren Strom von dem Elektrizitätswerk erhielten, das der Baron unmittelbar nach der Einnahme Urgas zugleich mit einer Telephonanlage und einer drahtlosen Station hatte einrichten lassen. Auf seinen Befehl waren auch die Straßen gereinigt und desinfiziert worden, was ihnen seit der Zeit Dschingis Khans sicherlich nicht begegnet war. Er hatte auch einen Auto-Omnibus-Verkehr zwischen verschiedenen Teilen der Stadt organisiert, Brücken über die Flüsse Tola und Orkhon gebaut, eine Zeitung ins Leben gerufen, ein Laboratorium für Tierärzte geschaffen, Krankenhäuser und Schulen eröffnet und Maßnahmen zum Schutze des Handels getroffen, indem er schonungslos russische und mongolische Soldaten hängen ließ, die bei der Plünderung chinesischer Firmen angetroffen wurden. So waren einmal zwei Kosaken und ein mongolischer Soldat von dem Kommandanten verhaftet worden, weil sie Branntwein in einem chinesischen Laden gestohlen hatten. Als die Sünder vor den Baron gebracht wurden, ließ er sie in sein Automobil werfen, das er sofort zu dem betreffenden Laden fuhr. Dort lieferte er den gestohlenen Branntwein wieder ab und befahl prompt dem mitarretierten Mongolen, einen seiner russischen Kameraden an dem großen Torbogen des Anwesens aufzuhängen. Als dies geschehen war, befahl er: »Jetzt hänge auch den andern auf!« Nachdem der Mongole auch das getan hatte, befahl er dem Kommandanten, nun den Mongolen zu hängen. Das war immerhin ein schnelles und gerechtes Verfahren. Doch kam der chinesische Besitzer in großer Not zu dem Baron gelaufen und bat: »General Baron! General Baron! Bitte lassen Sie diese Leute von meinem Torbogen wegnehmen. Denn sonst wird niemand in meinen Laden kommen!«

Nachdem das Handelsviertel an meinen Augen vorbeigeflogen war, kamen wir in die russische Niederlassung. Mehrere russische Soldaten und vier sauber aussehende, mongolische Frauen standen hier an einer Brücke, über die wir hinwegfahren mußten. Die Soldaten rissen die Knochen zum Gruß zusammen, standen wie unbewegliche Statuen da und richteten ihre Augen auf das strenge Gesicht ihres Kommandanten. Die Frauen wollten erst fortlaufen. Dann aber wurden sie von der Disziplin angesteckt. Auch sie rissen ihre Hände zum Gruß an den Kopf und standen ebenso unbeweglich wie ihre Kurmacher des Nordens. Der Baron sah mich an und lachte.

»Sehen Sie diese Disziplin! Sogar die mongolischen Frauen grüßen mich.«

Bald befanden wir uns in der Steppe. Das Automobil schoß wie ein Pfeil dahin, während uns der Wind um die Ohren pfiff und an den Falten unsrer Mäntel und Mützen zerrte. Doch Baron Ungern war nicht zufrieden. Mit geschlossenen Augen dasitzend, rief er immer wieder: »Schneller! Schneller!« Lange Zeit schwiegen wir.

»Gestern ließ ich meinem Adjutanten Prügel geben, weil er in die Jurte hineinrannte und meine Erzählung unterbrach,« sagte er.

»Sie mögen sie jetzt beendigen,« erwiderte ich.

»Langweilt Sie meine Geschichte nicht? Es ist von ihr nicht mehr viel übrig geblieben. Ich sagte Ihnen gestern schon, daß ich die Absicht hatte, einen Orden militärischer Buddhisten in Rußland zu gründen. Wozu? Zum Schutz des Evolutionsprozesses der Menschheit und zum Kampf gegen die Revolution. Denn ich bin sicher, daß die Evolution zur Göttlichkeit und die Revolution zur Bestialität führt. Aber ich hatte in Rußland zu arbeiten! In Rußland, wo die Bauern roh, unmündig, wild und immer mißmutig sind, wo sie jedermann und jedes Ding hassen, ohne zu wissen warum. Sie sind argwöhnisch und materialistisch und haben keine geheiligten Ideale. Die russischen Intellektuellen aber leben unter imaginären Idealen, die der Realität bar sind. Sie haben eine starke Befähigung, alles zu kritisieren, aber es fehlt ihnen an produktiver Kraft. Sie haben auch keinen Willen und können nichts als reden, reden, reden. Wie die Bauern vermögen sie nichts und niemanden gern zu haben. Ihre Liebe und ihre Gefühle sind imaginär. Ihre Gedanken und Stimmungen kommen und gehen wie flüchtige Worte, ohne eine Spur zu hinterlassen. So kam es, daß meine Gefährten bald anfingen, gegen die Bestimmungen des Ordens zu verstoßen. Darauf wurde von mir das Zölibat eingeführt, die gänzliche Negation der Frau, der Bequemlichkeiten und des Ueberflüssigen, so wie es die Gelbe Lehre verlangt. Und um dem Russen zu ermöglichen, seine physische Natur zu überwinden, führte ich den unbegrenzten Genuß von Alkohol, Haschisch und Opium ein. Jetzt lasse ich meine Offiziere und Soldaten wegen Alkoholgenusses hängen. Damals aber haben wir bis zum »Weißen Fieber«, dem Delirium tremens, getrunken. Den Orden konnte ich nicht organisieren. Aber ich sammelte dreihundert Männer um mich, die überaus kühn und wild waren. Im Krieg gegen Deutschland entwickelten sie sich als Helden wie auch später in den Kämpfen gegen die Bolschewiki. Jetzt sind nur noch wenige von ihnen übrig geblieben.«

»Die drahtlose Station, Exzellenz!« meldete der Chauffeur.

»Fahren Sie dahin!« befahl der General.

Auf einem flachen Hügel stand die große mächtige Radiostation, die von den Chinesen bei ihrem Rückzug zum Teil zerstört, doch von den Ingenieuren des Barons Ungern wieder hergestellt worden war. Der General durchflog die eingegangenen Telegramme und überreichte sie mir. Sie kamen von Moskau, Tschita, Wladiwostok und Peking. Auf einem besonderen gelben Blatt Papier standen die chiffrierten Meldungen. Diese ließ der Baron in seine Tasche gleiten, indem er zu mir sagte:

»Diese Meldungen kommen von meinen Agenten, die in Tschita, Irkutsk, Charbin und Wladiwostok stationiert sind. Die Agenten sind alle Juden, sehr geschickte und kühne Leute, sie sind alle Freunde von mir. Ich habe auch einen jüdischen Offizier, Vulfovitch, der meinen rechten Flügel befehligt. Er ist wild wie der Teufel und dabei klug und tapfer ... Aber jetzt wieder zurück!«

Abermals sausten wir den Weg entlang und versanken in der Dunkelheit der Nacht. Es war eine wilde Fahrt. Der Wagen sprang über kleine Steine, Erdlöcher und über kleine Bäche. Während wir über die Steppe rasten, bemerkte ich des öfteren zuckende kleine Lichter, die immer nur einen Augenblick lang zu sehen waren.

»Die Augen von Wölfen,« erklärte mein Begleiter. »Wir haben sie mit unserem Fleisch und dem Fleisch unserer Feinde sattgefüttert.« Dann kehrte er zu seinem Glaubensbekenntnis zurück.

»Während des Krieges erkannten wir die allmähliche Korrumpierung der russischen Armee und sahen Rußlands Verrat an den Alliierten wie auch die Gefahr der Revolution voraus. Um der letzteren vorzubeugen, wurde ein Plan ausgearbeitet, nach dem sich alle mongolischen Völker, die ihre alten Bekenntnisse und Sitten noch nicht vergessen haben, zu einem Asiatischen Staat zusammenschließen sollten. Dieser Staat sollte aus autonomen Stammeinheiten bestehen und unter die moralische und legislative Führung Chinas, des Landes der höchsten und ältesten Kultur, treten. Ihm sollten die Chinesen, die Mongolen, die Tibetaner, die Afghanen, die mongolischen Stämme von Turkestan, die Tataren, die Burjetten, die Kirgisen und die Kalmücken angehören. Er sollte physisch und moralisch stark sein und durch sorgfältige Betonung seines eigenen Geistes, seiner eigenen Philosophie und seiner eigenen individuellen Politik das Bollwerk gegen die Revolution bilden. Wenn die tolle und verderbte Menschheit fortfahren würde, den göttlichen Geist im menschlichen Geschlecht zu bedrohen, Blut zu vergießen und die moralische Entwicklung zu hindern, dann sollte der Asiatische Staat dieser Bewegung entschlossen ein Ende bereiten und einen dauernden, festen Frieden aufrichten. Unsere Propaganda machte während des Krieges unter den Turkmenen, Kirgisen, Burjetten und Mongolen prächtige Fortschritte ... Anhalten!« rief plötzlich der Baron.

Das Automobil stand mit scharfem Ruck. Der General sprang hinaus und hieß mich ihm folgen. Wir schritten über die Steppe. Der Baron ging die ganze Zeit mit vorgebeugtem Kopfe, als wenn er etwas suchte.

»Ah!« murmelte er schließlich. »Er ist jetzt fort ...«

Ich blickte ihn erstaunt an.

»Ein reicher Mongole hatte hier früher seine Jurte. Er war ein Lieferant des russischen Kaufmanns Noskoff. Noskoff war ein wilder Mensch, wie der ihm von den Mongolen gegebene Name »Satan« besagte. Er ließ seine mongolischen Schuldner durch die chinesischen Behörden prügeln und ins Gefängnis werfen. So ruinierte er auch diesen Mongolen, der alles verlor und nach einem Ort entkam, der dreißig Meilen von hier entfernt liegt. Aber Noskoff fand ihn dort, nahm von allem Besitz, was dem Mongolen an Vieh und Herden übrig geblieben war, und überließ ihn und seine Familie dem Hungertode. Als ich Urga eroberte, erschien dieser Mongole mit dreißig anderen in gleicher Weise von Noskoff ruinierten Familien vor mir. Sie verlangten seinen Tod ... So hängte ich »Satan« – – –«

Erneut raste das Automobil durch die Nacht, indem es auf der Steppe einen großen Bogen beschrieb, und erneut ließ Baron Ungern mit scharfer, nervöser Stimme seine Gedanken um ganz Asien wandern.

»Rußland wurde zum Verräter an Frankreich, England und Amerika. Es unterzeichnete den Vertrag von Brest-Litowsk und versank im Chaos. Da beschlossen wir, Asien gegen Deutschland mobil zu machen. Unsere Boten drangen nach der Mongolei, Tibet, Turkestan und China vor. Aber zu dieser Zeit begannen die Bolschewiki alle russischen Offiziere zu töten. So sahen wir uns gezwungen, in den Bürgerkrieg gegen sie zu treten und unsere panasiatischen Pläne aufzugeben. Doch hoffen wir, später ganz Asien noch aufzurütteln und mit seiner Hilfe den Frieden und Gott zur Erde zurückzubringen. Ich möchte das Gefühl haben, daß ich dieser Idee durch die Befreiung der Mongolei geholfen habe.«

Der Baron dachte einen Augenblick lang nach.

»Aber einige meiner Gefährten in der Bewegung lieben mich wegen meiner Greueltaten und meiner Strenge nicht,« bemerkte er mit trauriger Stimme. »Sie können noch nicht verstehen, daß wir nicht eine politische Partei, sondern eine Sekte von Mördern der ganzen zeitgenössischen geistigen Kultur bekämpfen. Warum richten die Italiener die Mitglieder der »Schwarzen Hand« hin? Warum töten die Amerikaner anarchistische Bombenwerfer auf elektrischem Wege? Und mir soll nicht erlaubt sein, die Welt von denen zu befreien, die die Seele des Volkes töten möchten? Mir, einem Deutschen, dem Abkömmling von Kreuzfahrern und Raubrittern? Ich kenne für Mörder nur den Tod ... Wenden!« befahl er dem Chauffeur.

Nach anderthalb Stunden erblickten wir die elektrischen Lichter von Urga.

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