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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 37
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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34. Kapitel.
Der Schrecken des Krieges

Bei Morgendämmerung brachte man mir am nächsten Tage das prächtige weiße Kamel Baron Ungerns. Wir traten die Reise an. Meine Gesellschaft bestand aus zwei Kosaken, zwei mongolischen Soldaten und einem Lama. Ich hatte zwei Packkamele, die das Zelt und die Lebensmittelvorräte trugen.

Ich befürchtete noch, daß der Baron vielleicht vorhätte, mich auf dieser Reise umbringen zu lassen, um sich meiner nicht vor den Augen meiner Freunde in Van Kure entledigen zu müssen. Eine Kugel im Rücken, und es wäre geschehen. Deswegen hielt ich mich bereit, jederzeit meinen Revolver zu ziehen und mich zu verteidigen. Ich achtete darauf, daß sich die Kosaken immer vor mir oder neben mir befanden.

Gegen Mittag hörten wir aus der Entfernung den Hornruf eines Automobils und sahen bald Baron Ungern in voller Geschwindigkeit heranrasen. In seiner Begleitung waren zwei Adjutanten und Prinz Daitschin Van. Der Baron grüßte mich sehr liebenswürdig und rief:

»Werde Sie in Urga wiedersehen!«

»Ah!« dachte ich. »Offenbar soll ich Urga erreichen. So brauche ich mir auf der Reise keine Sorge zu machen, und in Urga werde ich viele Freunde haben.«

Nach der Begegnung mit dem Baron wurden die beiden Kosaken sehr aufmerksam zu mir und trachteten danach, mich durch Erzählungen zu zerstreuen. Sie erzählten mir von ihren schweren Kämpfen gegen die Bolschewiki in Transbaikalien und in der Mongolei und von der Schlacht mit den Chinesen in der Nähe von Urga; sie beschrieben, wie man kommunistische Pässe bei verschiedenen chinesischen Soldaten gefunden habe; sie rühmten, wie groß die Tapferkeit Baron Ungerns sei, und wie er rauchend und teetrinkend mitten in der Schlachtlinie am Lagerfeuer zu sitzen pflege, ohne daß er auch nur von einer einzigen Kugel verletzt werde; als Beispiel erwähnten sie, daß in einer Schlacht vierundsiebzig Kugeln in seinen Mantel, seinen Sattel und die Satteltaschen eingedrungen seien, ohne daß er eine Verletzung davongetragen habe. Sie meinten, das sei einer der Gründe seines großen Einflusses über die Mongolen; sie erzählten ferner, wie Baron Ungern vor der Schlacht von Urga einen Patrouillenritt gemacht und auf seinem Rückweg einen chinesischen Offizier und zwei Soldaten mit seinem Bambusstock (Tashur) getötet habe; sie stellten anerkennend fest, daß der General keine andere Ausrüstung besitze als eine zweite Wäschegarnitur und ein zweites Paar Stiefel; und sie sprachen sich über sein Wesen dahin aus, daß er in der Schlacht immer ruhig und jovial, in den seltenen Tagen des Friedens aber streng und verdrießlich sei.

Ich erzählte den Kosaken von meiner Flucht aus Sibirien. Indem wir so miteinander plauderten, verstrich der Tag schnell. Unsere Kamele trabten die ganze Zeit, so daß wir anstatt der üblichen achtzehn bis zwanzig Meilen am Tag fast fünfzig Meilen zurücklegten. Mein Tier war schneller als alle anderen Tiere. Es war ein ungeheuer großes, weißes Kamel mit einer prächtigen, dicken Mähne, das Geschenk eines Fürsten der inneren Mongolei an Baron Ungern.

Jenseits des Orkhonflusses stießen wir auf die erste Leiche eines chinesischen Soldaten. Sie lag mit dem Gesicht nach oben und mit ausgestreckten Armen mitten auf dem Wege. Nachdem wir die Burgutberge überschritten hatten, betraten wir das Tal des Tolaflusses, an dem weiter oberhalb Urga liegt. Die Straße war jetzt mit Mänteln, Hemden, Stiefeln, Mützen und Kesseln besät, die hier von den Chinesen auf ihrer Flucht weggeworfen worden waren, und mit vielen Leichen besät. Danach durchquerte die Straße einen Morast, an dessen beiden Seiten große Berge von Leichen von Menschen, Pferden und Kamelen, zerbrochene Karren und die Trümmer militärischer Gegenstände jeder Art lagen. Hier hatten die Tibetaner Baron Ungerns den chinesischen Vorratstrain auf seiner Flucht abgeschnitten.

Es war ein sonderbarer, erschütternder Kontrast, die Leichenhaufen neben dem sprießenden, erwachenden Leben des Frühlings zu sehen. In jeder Pfütze schwammen wilde Enten verschiedener Arten. In dem hohen Gras vollführten Kraniche ihren eigenartigen Liebestanz. Auf den Seen trieben große Scharen von Schwänen und Gänsen. Die Sümpfe waren von stets paarweise auftretenden Surpanen oder »Lamagänsen« belebt, jenen den Mongolen geheiligten Vögeln, die mit ihrem glänzenden Farbenkleid wie huschende Lichtflecke wirken. Auf den höheren, trockeneren Stellen hüpften wilde Truthähne herum und kämpften miteinander, während sie ihr Futter suchten. Scharen von Salgarebhühnern flogen vorbei. Und an dem Berghange lagen, nicht weit von diesen sich der Rückkehr des Frühjahrs erfreuenden Tieren entfernt, bellende und sich in den Sonnenstrahlen räkelnde Wölfe, die spielenden Hunden glichen.

Die Natur kennt nur das Leben. Der Tod ist für sie eine Episode, deren Spuren sie mit Sand, Schnee und dem Schmuck üppigen Grüns und glänzend farbiger Büsche und Blumen auswischt. Was bekümmert sich die Natur darum, wenn eine Mutter in Tschifu oder an den Ufern des Jangtse einen Napf mit Reis darbringt und Weihrauch vor einem Opferschrein verbrennt, um für die Rückkehr ihres Sohnes zu beten, der für alle Zeiten unbekannt auf der Steppe an dem Tolafluß gefallen ist, wo seine Gebeine unter den Strahlen des verschwenderischen Feuers der Natur trocknen und von den Winden auf dem Steppensand verstreut werden? Die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber dem Tode und ihre Gier nach Leben ist großartig!

Am vierten Tage erreichten wir nach Einbruch der Nacht das Ufer des Tolaflusses. Wir konnten nicht die gewöhnliche Furt finden. So zwang ich mein Kamel in den Strom zu treten, um auf gut Glück hinüberzukommen. Glücklicherweise fand ich eine flache, obgleich ein wenig schlammige Stelle. So kamen wir heil hinüber. Dafür mußte ich dankbar sein; denn wenn ein Kamel das Wasser zu tief findet und ihm das nasse Element bis zum Hals reicht, dann schwimmt es nicht wie ein Pferd, sondern legt sich gewöhnlich auf die Seite, um sich von der Strömung treiben zu lassen, was für seinen Reiter sehr unbequem ist.

Am Ufer des Flusses errichteten wir unser Zelt.

Nach weiteren fünfzehn Meilen durchquerten wir am folgenden Tage ein Schlachtfeld, auf dem die dritte große Schlacht für die Unabhängigkeit der Mongolei stattgefunden hatte. Hier war die Truppe Baron Ungerns mit sechstausend Chinesen zusammengestoßen, die von Kiachta herbeigeeilt waren, um ihren Landsleuten in Urga Hilfe zu bringen. Die Chinesen waren vollständig geschlagen und viertausend Mann von ihnen zu Gefangenen gemacht worden, aber die sich ergeben hatten, hatten in der Nacht danach versucht zu entkommen. Darauf waren von Baron Ungern die transbaikalischen Kosaken und seine Tibetaner zu ihrer Verfolgung entsandt worden, deren Arbeitsergebnis wir nun auf diesem Felde des Todes erblickten. Es lagen ungefähr noch fünfzehnhundert unbeerdigte Leichen umher. Eine noch größere Zahl war, so erklärten meine Kosaken, die an der Schlacht teilgenommen hatten, bereits vergraben worden. Die Getöteten zeigten schreckliche Säbelwunden. Ueberall lagen Ausrüstungsstücke verstreut durcheinander. Die Mongolen hatten diese Gegend des Schreckens verlassen. An ihre Stelle waren die Wölfe getreten, die hinter jedem Stein und in jeder Grube lagen. Hundemeuten, wild gewordene Bestien, kämpften mit den Wölfen um die Beute.

Endlich lag die Stätte des dem verfluchten Kriegsgott dargebrachten Massenopfers hinter uns. Bald kamen wir in die Nähe eines flachen, reißenden Stromes. An diesem ließen sich die Mongolen von ihren Kamelen gleiten. Sie nahmen ihre Kappen ab und tranken aus ihnen das Stromwasser. Es war der heilige Strom, der an dem Wohnsitz des Lebenden Buddha vorbeifließt.

Aus dem gewundenen Tal traten wir plötzlich in eine andere Einsenkung, wo ein großer, mit dunklem, dichtem Lärchenwald bedeckter Berg vor uns auftauchte.

»Heiliger Bogdo-Ol!« rief der Lama aus. »Der Sitz der Götter, die unseren Lebenden Buddha beschützen!«

Bogdo-Ol ist der ungeheure Knoten, der drei Bergketten miteinander verknüpft: Gegyl im Südwesten, Gangyn im Süden und Huntu im Norden. Der mit Urwald bedeckte Berg ist das Eigentum des Lebenden Buddha. Der Wald ist von allen Arten von Tieren bewohnt, die in der Mongolei gefunden werden. Aber die Jagd ist hier nicht gestattet. Ein Mongole, der gegen dies Gesetz verstößt, wird zum Tode verurteilt, während für Ausländer Deportation die Strafe ist. Selbst die bloße Durchquerung des Bogdo-Ol ist bei Todesstrafe verboten. Dieses Gebot wurde nur von einem Manne übertreten, von Baron Ungern, der den Berg mit fünfzig Kosaken überquerte, zu dem Palast des Lebenden Buddha, in dem der Oberpriester von Urga von den Chinesen in Gefangenschaft gehalten wurde, vordrang und den Lebenden Buddha stahl.

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