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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 34
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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31. Kapitel.
Die »Urga«

Abermals reisten wir an den mir nun bekannten Orten vorbei, an dem Berg, von dem ich das Detachement Bezrodnoffs entdeckt, und dem Strom, in den ich meine Waffen geworfen hatte. Bald lag alles dies hinter uns. Auf der ersten Ourton waren wir enttäuscht, keine Pferde zu finden. In den Jurten waren lediglich ein Mongole und zwei seiner Söhne. Als ich dem Mongolen mein Dokument zeigte, rief er aus: »Der Noyon hat das Recht auf Urga. Pferde werden sehr bald gebracht!«

Er sprang in den Sattel und nahm zwei meiner Mongolen mit sich, indem er sie und sich selbst mit vier bis fünf Meter langen dünnen Stangen versah, die an den Enden Seilschlingen trugen. Die drei galoppierten hinweg. Mein Karren setzte sich hinter ihnen in Bewegung. Wir verließen die Straße und durchquerten eine Stunde lang die Steppe. Dann stießen wir auf eine große Herde grasender Pferde. Der Mongole fing mit seiner Stange die für uns notwendige Zahl von Pferden ein, als plötzlich von den Bergen die Eigentümer der Herde herbeigaloppiert kamen. Sobald der alte Mongole ihnen meine Papiere zeigte, fügten sie sich ergeben und stellten vier Männer als Ablösung für die Mongolen zur Verfügung, die mich bis hierher begleitet hatten. Auf diese Weise reisen die die Urga benutzenden Mongolen nicht auf der Ourton- oder Stationsstraße, sondern direkt von einer Herde zur andern. Alle Mongolen, die urgapflichtig werden, versuchen ihre Aufgabe so schnell wie möglich zu erfüllen. Sie galoppieren wie Wahnsinnige der allgemeinen Reiserichtung folgend bis zu der nächsten Herde, um dort die Aufgabe dem Nachbar zu übertragen. Jeder Reisende, der das Recht der Urga hat, kann sich selber Pferde einfangen und, wenn keine Eigentümer zugegen sind, die bisherigen Eigentümer zwingen, weiter mitzureiten und die Tiere bei der nächsten Herde, bei der eine Requisition stattfindet, zurückzulassen. Doch das kommt nur selten vor; denn der Mongole liebt es nicht, seine Pferde aus einer andern Herde herauszusuchen, da das Anlaß zu Streitigkeiten gibt.

Von dieser Einrichtung, so lautet eine Erklärung, hat die Stadt Urga bei den Landesfremden ihren Namen erhalten. Die Mongolen nennen sie stets Ta Kure, das große Kloster. Der Grund, warum die Burjetten und Russen, die als erste diese Gegenden bereisten, die Stadt Urga nennen, ist, daß sie das Hauptziel aller Handelsexpeditionen war, die die Steppe mit Hilfe dieser alten Reisemethode durchquerten. Eine zweite Erklärung geht dahin, daß die Stadt in einer »Schlinge« liege, deren Seiten von drei Bergrücken gebildet werden, deren einen entlang der Tolafluß läuft, genau wie die Stange der Urga.

Mit Hilfe der einzigartigen Urga-Fahrkarte durchquerte ich ungefähr zweihundert Meilen bisher unbereisten Gebietes der Mongolei. Ich hatte dabei die mir willkommene Gelegenheit, die Fauna dieses Landesteils zu beobachten. Es kamen mir viele große Herden mongolischer Antilopen von fünf- bis sechstausend Stück und viele Gruppen von Dickhörnern, Wapiti und Kabarga-Antilopen zu Gesicht. Manchmal huschten kleine Herden wilder Pferde und Esel schnell wie eine Vision über den Horizont.

An einer Stelle konnte ich eine große Kolonie von Murmeltieren beobachten. Ein ganzes Gebiet von mehreren Quadratmeilen war mit ihren verstreuten Hügeln bedeckt, deren Eingangslöcher zu den Gängen und Wohnungen der Tiere führen. Zwischen diesen Hügeln liefen die graugelben und braunen Tiere in allen Größen umher. Die größten von ihnen erreichten die Höhe eines mittelgroßen Hundes. Ihre Bewegungen waren schwerfällig. Die Haut auf ihren fetten Körpern bewegte sich, als wenn sie zu weit wäre. Die Murmeltiere sind ausgezeichnete Graber. Wenn sie ihre tiefen Gruben aushöhlen, werfen sie stets die Steine an die Oberfläche. An vielen Stellen sah ich Murmeltierhügel, die aus Kupfererzstücken bestanden. Weiter im Norden fand ich oft Hügel mit Mineralien, die Wolfram und Vanadium enthielten. Wenn sich das Murmeltier am Eingang seines Loches aufhält, so sitzt es aufrecht auf seinen Hinterbeinen und sieht wie ein Stück Holz oder ein Steinklumpen aus. Sobald es in der Entfernung einen Reiter erspäht, beobachtet es ihn mit großer Neugierde und stößt scharfe Pfiffe aus. Aus dieser Neugierde der Murmeltiere ziehen die Jäger Nutzen, indem sie sich mit wehenden Tuchfetzen, die an einer Stange befestigt sind, an die Löcher heranmachen. Die ganze Aufmerksamkeit des kleinen Tieres ist dann auf diese Fetzen gerichtet. Erst die Kugel, die ihm das Leben nimmt, erklärt ihm die Bedeutung dieses ihm bisher unbekannt gewesenen Gegenstandes.

Ich sah ein sehr aufregendes Bild, als ich durch eine Murmeltierkolonie in der Nähe des Orkhonflusses hindurchkam. Es gab dort viele Tausende von Löchern, so daß meine Mongolen äußerst vorsichtig sein mußten, um ihre Pferde vor Beinbrüchen zu bewahren. Ueber uns kreiste ein Adler. Plötzlich ließ sich dieser wie ein Stein auf einen Hügel niederfallen, wo er, zu einem Felsblock erstarrt, bewegungslos sitzen blieb. Nach wenigen Minuten lief das Murmeltier, das den betreffenden Hügel bewohnte, aus seinem Loch heraus, um sich zum Eingang eines Nachbarn zu begeben. Der Adler hüpfte in aller Ruhe von der Hügelspitze herunter und verschloß mit einem seiner Flügel den Eingang des Loches. Das Murmeltier hörte das Geräusch, wandte sich um und ging sogleich zum Angriff vor, um zu seinem Loch durchzubrechen; denn offenbar hatte es da unten seine Familie gelassen. Der Kampf begann. Der Adler kämpfte mit dem freien Flügel, einem Bein und seinem Schnabel, ohne den Eingang freizugeben. Das Murmeltier sprang den Raubvogel mit großer Kühnheit an, fiel aber bald infolge eines Schlages, den es auf den Kopf erhielt, zu Boden. Erst dann zog der Adler seinen Flügel von dem Eingang zurück. Nachdem er dem Murmeltier den Garaus gemacht, trug er es mit Mühe in seinen Fängen den Bergen zu.

In kahleren Gegenden, wo man nur ganz gelegentlich Grashalme sieht, lebt ein anderes Nagetier, das Imouran. Dieses hat ungefähr die Größe eines Eichkätzchens. Sein Pelz gleicht der Farbe der Steppe. Es bewegt sich in schlangenähnlichen Windungen. Es sammelt die Samenkörner, die vom Winde herbeigeblasen werden, und trägt sie in seine winzige Behausung. Das Imouran hat einen treuen Freund, die gelbe Steppenlerche, deren Rücken und Kopf braun sind. Wenn die Steppenlerche das Imouran über die Ebene laufen sieht, setzt sie sich auf dessen Rücken, schwingt dabei ihre Flügel auf und ab, um Gleichgewicht zu halten, und reitet so mit größter Geschwindigkeit spazieren, indessen das Imouran mit seinem langen, zottigen Schwanz in bester Laune hin- und herwedelt. Während dieses Rittes fängt die Lerche mit großem Geschick und erstaunlicher Geschwindigkeit die Parasiten, die auf dem Rücken ihres Freundes leben, und gibt ihre Freude an dieser Arbeit durch einen kurzen, fröhlichen Gesang kund. Die Mongolen nennen deshalb das Imouran »das Roß der fröhlichen Lerche«. Die Lerche warnt das Imouran, wenn sich Adler und Habichte nähern, indem sie drei scharfe Pfiffe ertönen läßt, sobald sie die Räuber der Lüfte wahrnimmt. Sie sucht dann selber hinter einem Stein oder in einem kleinen Erdloch Zuflucht. Nach diesem Signal zeigt kein Imouran seinen Kopf mehr, bis die Gefahr vorüber ist. So leben die fröhliche Lerche und ihr Roß in liebenswürdiger Gemeinschaft.

In anderen Teilen der Mongolei, in denen es viel Gras gibt, bin ich noch auf einen anderen Typ von Nagetieren gestoßen, der mir schon einmal in Urianhai begegnet war, nämlich auf eine riesige schwarze Steppenratte mit kurzem Schwanz, die in Kolonien bis zu zweihundert Stück lebt. Diese Ratte ist interessant und einzigartig, denn sie ist hinsichtlich der Bearbeitung ihres Winterfutters der geschickteste Landwirt unter den Tieren. In den Wochen, in denen das Gras am saftigsten ist, mäht sie es mit schnellen Rucken ihres Kopfes nieder, indem sie mit ihren scharfen langen Vorderzähnen etwa zwanzig bis dreißig Halme mit einem Hieb abhaut. Dann läßt sie das Gras trocknen, um das so präparierte Heu später in höchst wissenschaftlicher Weise aufzuschichten. Sie errichtet nämlich zunächst einen ungefähr einen Fuß hohen Hügel. Durch diesen hindurch treibt sie vier schräge Stöckchen in den Grund, die unter der Mitte des Haufens zusammenlaufen, und verbindet ihre oberen Enden an der Oberfläche des Heus mit langen Grashalmen, deren Enden genügend hinausragen. Dann setzt sie eine weitere einen Fuß hohe Schicht auf, worauf sie die Oberfläche wiederum in ähnlicher Weise festmacht. Dieses Verfahren bewahrt die Heuhaufen davor, von dem Sturmwind fortgeblasen zu werden. Die Haufen bringt sie stets unmittelbar vor der Tür ihrer Behausung an, so daß sie nicht lange Wintergänge zu unternehmen braucht. Die Pferde und Kamele schätzen das Heu des kleinen Landwirts sehr, da es aus dem nahrhaftesten Grase gemacht ist. Doch sind die Heuhügel so stark gebunden, daß sie nur mit großer Mühe auseinandergetreten werden können.

Fast überall in der Mongolei traf ich einzelne Paare oder ganze Scharen von graugelben Steppenhühnern an, die Salga oder »Schwalbenrebhühner« genannt werden. Der Name kommt daher, daß sie, ähnlich wie die Schwalben, lange, spitze Schwänze haben, und daß auch ihr Flug dem Schwalbenfluge ähnelt. Diese Vögel sind zahm und wenig scheu. Sie lassen die Menschen bis auf zehn bis fünfzehn Schritt herankommen. Wenn sie aber dann aufschrecken, steigen sie sehr hoch hinauf und fliegen weite Entfernungen, wobei sie die ganze Zeit wie Schwalben zwitschern. Im allgemeinen sind sie grau und gelb gezeichnet, doch haben die männlichen Tiere hübsche schokoladenfarbige Flecke auf ihren Rücken und Flügeln und an ihren Beinen und Füßen ein dichtes Federkleid.

Die Gelegenheit, diese Beobachtungen zu machen, ergab sich mir, da ich mit der Urga durch wenig besuchte Gegenden reiste. Diese Reisemethode hatte indessen auch ihre Nachteile. Die Mongolen brachten mich stets in gerader Linie und mit großer Geschwindigkeit an den Bestimmungsort und nahmen dafür höchst vergnügt die chinesischen Dollars, die ich ihnen zur Belohnung schenkte. Da ich jedoch vor dieser Fahrt bereits fünftausend Meilen auf meinem Kosakensattel zurückgelegt hatte, der nun mit Staub bedeckt unbenutzt hinter mir auf dem Karren lag, lehnte ich mich innerlich dagegen auf, nun durch die rücksichtslose Gangart des Karrens, der wahllos von wilden Pferden und ebenso wilden Reitern über Steine, Hügel und Erdlöcher gezerrt wurde, förmlich gerädert und in Stücke gerissen zu werden. Alle meine Knochen schmerzten. Schließlich stöhnte ich bei jedem Atemzug. Mein verwundetes Bein wurde durch eine starke Ischias-Attacke gepeinigt. In der folgenden Nacht konnte ich weder schlafen noch liegen, sogar das Sitzen machte mir Beschwerden. So verbrachte ich die Nacht, indem ich in der Steppe auf- und abging und auf das laute Schnarchen der Jurteninsassen lauschte. Gelegentlich hatte ich mich gegen zwei ungeheuer große schwarze Hunde zu wehren, die mich anfielen. Am folgenden Tage konnte ich das Gerüttel nur bis zum Mittag ertragen. Ich war gezwungen, Halt zu machen und mich hinzulegen. Der Schmerz war unerträglich. Ich konnte weder mein Bein noch meinen Rücken bewegen. Schließlich verfiel ich in hohes Fieber. Ich verschlang meinen ganzen Vorrat von Aspirin und Chinin, ohne Erleichterung zu finden. Mir stand also eine weitere schlaflose Nacht bevor. Ein schauderhafter Gedanke! Unser Quartier war eine Gäste-Jurte, die neben einem Kloster lag. Meine Mongolen sandten nach dem Lamadoktor, der mir zwei sehr bittere Pulver gab und mir versicherte, daß ich imstande sein würde, die Reise am nächsten Morgen fortzusetzen. Bald fühlte ich eine Zunahme der Herztätigkeit, doch wurde der Schmerz danach noch ärger. So mußte ich eine weitere Nacht schlaflos verbringen. Als aber die Sonne am nächsten Morgen aufging, verschwand im gleichen Augenblick der Schmerz. Eine Stunde darauf ließ ich mir ein Pferd satteln. Den Karren wollte ich nun nicht mehr benutzen.

Während die Mongolen die Pferde einfingen, kam Oberst N. N. Philipoff zu meinem Zelt. Er erzählte mir, er habe alle Anklagen, daß er, sein Bruder und Poletika Bolschewiki seien, bestritten, und Bezrodnoff habe ihm erlaubt, nach Van Kure zu reisen, um dort Baron Ungern zu treffen, der in Van Kure erwartet werde. Philipoff wußte aber nicht, daß sein mongolischer Führer mit einer Bombe bewaffnet und ein anderer Mongole bereits mit einem Brief an Baron Ungern unterwegs war. Er wußte auch nichts von der Erschießung seiner Brüder und Poletikas in Zain Shabi.

Philipoff war in Eile; er wünschte Van Kure am gleichen Tage zu erreichen. Ich brach eine Stunde nach ihm auf.

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