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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 33
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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30. Kapitel.
Verhaftet

Ungefähr zwölf Meilen von Zain entfernt sahen wir von einem Bergrücken, wie eine schlangenähnliche Linie von Reitern ein Tal durchritt. Auf dieses Detachement stießen wir eine halbe Stunde später am Ufer eines tiefen, sumpfigen Stroms. Es bestand aus Mongolen, Burjetten und Tibetanern, die alle mit russischen Gewehren bewaffnet waren. An der Spitze der Kolonne ritten zwei Männer. Der eine von ihnen, der eine riesige schwarze Astrachankappe mit roter, kaukasischer, auf die Schulter hinabhängender Kapuze trug, versperrte mir den Weg und fragte mich mit grober, rauher Stimme: »Wer sind Sie? Wo kommen Sie her und wo gehen Sie hin?«

Meine Antwort war genau so lakonisch. Der Führer sagte darauf, daß sein Detachement eine Abteilung der Truppen Baron Ungerns unter dem Befehl des Hauptmanns Vandaloff sei.

»Ich bin Hauptmann Bezrodnoff, der Kriegsrichter.« Dann lachte er plötzlich laut. Sein unverschämtes dummes Gesicht gefiel mir nicht. Ich befahl meinen Reitern weiterzureiten, indem ich mich vor den übrigen Offizieren verbeugte.

»Aber nein,« rief Hauptmann Bezrodnoff aus, indem er mir abermals den Weg versperrte. »Ich kann Ihnen nicht erlauben weiterzureisen. Ich möchte eine lange, ernste Unterhaltung mit Ihnen haben. Dazu werden Sie mit mir nach Zain zurückkehren müssen.«

Ich protestierte und berief mich auf den Brief von Oberst Kazagrandi. Doch antwortete Bezrodnoff mit großer Kälte:

»Dieser Brief ist eine Sache des Obersten Kazagrandi. Sie nach Zain zurückzubringen und mit Ihnen zu reden, ist meine Sache. Geben Sie mir Ihre Waffe.«

Doch ich wollte dieser Aufforderung nicht nachkommen, selbst wenn mich der Tod bedroht hätte.

»Hören Sie,« sagte ich. »Sagen Sie es mir offen. Ist Ihr Detachement wirklich eine Abteilung, die mit den Bolschewiki Kampf führt, oder ist es ein rotes Kontingent?«

»Nein, das ist es nicht, ich versichere es Ihnen,« warf der Burjettenoffizier Vandaloff ein, indem er sich mir näherte. »Wir stehen schon seit drei Jahren im Kampf mit den Bolschewiki.«

»Dann kann ich Ihnen meine Waffe nicht aushändigen,« entgegnete ich ruhig. »Ich habe sie von Sowjetsibirien mitgebracht. Ich habe viele Kämpfe mit dieser treuen Waffe durchgefochten, und jetzt soll ich von weißen Offizieren entwaffnet werden! Diese Schande kann ich nicht zulassen.«

Mit diesen Worten warf ich mein Gewehr und meinen Mauserrevolver in den Strom. Die Offiziere waren verwirrt. Bezrodnoff wurde rot vor Zorn.

»Ich ersparte Ihnen und mir eine Demütigung,« erklärte ich.

Schweigend wendete Bezrodnoff sein Pferd. Sein ganzes aus dreihundert Mann bestehendes Detachement setzte sich sogleich vor mich. Nur die letzten zwei Reiter hielten und befahlen dem Mongolen, meinen Wagen umzuwenden. Dann ritten sie hinter meine kleine Gruppe. So war ich nun verhaftet! Einer der Reiter hinter mir war ein Russe, der mir erzählte, daß Bezrodnoff viele Todesurteile bei sich trüge. Ich war gewiß, daß das meinige darunter sein würde.

Dumm! Höchst dumm! Was hatte es für einen Zweck, sich durch rote Detachements hindurchzuschlagen, von Frost und Hunger gequält zu werden und in Tibet fast umzukommen, um dann durch eine Kugel von einem der Mongolen Bezrodnoffs zu sterben? Um dieses Vergnügen zu haben, lohnte es sich nicht, so lange Zeit, so weit zu reisen! In jeder sibirischen Tscheka hätte man mir freudigst ein solches Ende bewilligt.

Als wir in Zain Shabi ankamen, wurde mein Gepäck untersucht. Bezrodnoff fragte mich auf das genaueste über die Ereignisse in Uliassutai aus. Wir sprachen ungefähr drei Stunden miteinander. Ich versuchte die Offiziere von Uliassutai zu verteidigen, indem ich den Standpunkt vertrat, daß man sich nicht bloß auf die Berichte von Domojiroff verlassen dürfe. Als unsere Unterhaltung beendigt war, stand der Hauptmann auf und bat mich wegen des Aufenthaltes um Entschuldigung, den er mir verursacht hatte. Danach schenkte er mir einen schönen Revolver mit silbernem Beschlag am Griff und sagte:

»Ihr Stolz hat mir außerordentlich gefallen. Ich bitte Sie, diese Waffe als Erinnerung an mich anzunehmen.«

Am nächsten Morgen brach ich erneut von Zain Shabi auf. Nun hatte ich einen laissez-passer von Bezrodnoff in der Tasche.

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