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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 29
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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26. Kapitel.
Eine Bande weißer Hunghutzen

Am dritten Tage unserer Reise kamen wir spät in der Nacht in Narabantschi an. Als wir uns dem Kloster näherten, bemerkten wir mehrere Reiter; sobald sie uns gesehen, galoppierten sie geschwind zum Kloster zurück. Lange blickten wir nach dem Lager des russischen Detachements aus, doch ohne es zu finden. Mongolen brachten uns in das Kloster hinein, wo mich der Hutuktu sofort empfing. In seiner Jurte saß Chultun Beyle. Er schenkte mir Hatyks und sagte: »Der gute Gott hat Sie gerade in diesem schwierigen Augenblick hierher gesandt.«

Es ergab sich, daß Domojiroff beide Handelskammerpräsidenten verhaftet und Fürst Chultun mit Erschießen bedroht hatte. Da weder Domojiroff noch Hun Boldon irgendwelche Dokumente hatten, die sie zu ihren Handlungen ermächtigten, so wollte es Chultun Beyle auf einen Kampf mit ihnen ankommen lassen.

Ich bat, daß man mich zu Domojiroff führe. Im Dunkeln sah ich vier große Jurten und zwei mongolische Posten mit russischen Gewehren. Wir betraten das Zelt des russischen »Noyon«. Hier bot sich uns ein sonderbares Bild. In der Mitte der Jurte brannte ein Feuer auf dem Feuerbecken. An der Stelle, wo sonst der Altar steht, befand sich ein Thron, auf dem der hochaufgeschossene dünne, grauhaarige Oberst Domojiroff saß. Er war nur in Unterkleidern und Strümpfen, offenbar leicht angetrunken und schien Geschichten zu erzählen. Um das Feuerbecken herum lagerten zwölf junge Männer in mannigfachen malerischen Posen.

Der mich geleitende Offizier erstattete Domojiroff über die Ereignisse in Uliassutai Bericht. Während der Unterhaltung, die dann begann, fragte ich Domojiroff, wo sich das Lager seines Detachements befinde. Er lachte, als er mit einer Handbewegung antwortete: »Dies hier ist mein Detachement.« Ich wies ihn darauf hin, daß die Form seiner nach Uliassutai gesandten Befehle in uns den Glauben erweckt hätte, er habe eine starke Truppe unter seinem Kommando.

Dann erzählte ich ihm, Oberstleutnant Michailoff bereite sich vor, mit einer auf Uliassutai im Anmarsch befindlichen roten Streitmacht die Waffen zu kreuzen.

»Was?« rief er furchtsam und verwirrt aus. »Die Roten kommen?«

Wir brachten die Nacht in seiner Jurte zu. Als ich mich anschickte, mich hinzulegen, flüsterte mir mein Offizier ins Ohr:

»Nehmen Sie sich in acht, halten Sie Ihren Revolver bereit,« worauf ich lachend erwiderte:

»Aber wir befinden uns doch in der Mitte eines weißen Detachements und sind in vollkommener Sicherheit.«

»Huhu,« erwiderte mein Offizier, indem er mit einem Auge zwinkerte.

Am nächsten Tage forderte ich Domojiroff zu einem Spaziergang in der Steppe auf. Diese Gelegenheit benutzte ich dazu, um mit ihm freimütig über die Ereignisse zu sprechen. Er und Hun Boldon hatten von Baron Ungern lediglich Befehl erhalten, mit General Bakitsch in Verbindung zu treten. Aber anstatt das zu tun, hatten sie die chinesischen Geschäftshäuser, die an ihrem Wege lagen, geplündert, und er selbst hatte beschlossen, ein großer Eroberer zu werden. Unterwegs war er auf mehrere Offiziere gestoßen, die von Oberst Kazagrandis Truppe desertiert waren und nun seine eigene Bande bildeten. Ich überredete Domojiroff, den Streit mit Chultun Beyle friedlich zu regeln und gegen den Vertrag nicht zu verstoßen.

Domojiroff begab sich darauf noch vor mir zu dem Kloster. Als ich mich auf dem Rückweg befand, traf ich einen großen Mongolen mit wildem Gesicht, der in einen blauseidenen Rock gekleidet war – es war Hun Boldon. Er stellte sich mir vor und sprach russisch.

Nach diesem kurzen Zusammentreffen mit dem mongolischen Räuberhauptmann im Zelte Domojiroffs angelangt, hatte ich gerade nur Zeit, meinen Mantel auszuziehen, als ein Mongole hereingerannt kam und mich aufforderte, in die Jurte Hun Boldons zu kommen. Der Räuberfürst wohnte nebenan in einer prächtigen blauen Jurte. Da ich die mongolischen Sitten kannte, sprang ich in den Sattel und ritt die zehn Schritte bis zu seinem Zelt.

Hun Boldon empfing mich kalt und stolz.

»Wer ist er?« fragte er den Dolmetscher und wies mit dem Finger auf mich.

Ich verstand, daß er mich beleidigen wollte. So antwortete ich auf dieselbe Weise, indem ich mit einem Finger auf ihn zeigte und mit noch unfreundlicherem Tone mich mit der gleichen Frage an den Dolmetscher wandte:

»Wer ist er? Hoher Fürst und Krieger, oder ein Vieh?«

Boldon wurde verwirrt. Mit bebender Stimme und aufgeregtem Wesen fuhr er mich an, er werde mir nicht erlauben, mich in seine Angelegenheiten einzumischen, und jeden erschießen, der wage, sich in Gegensatz zu seinen Befehlen zu bringen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann erhob er sich und zog den Revolver. Doch ich, der ich viel unter den Nomaden gereist war, hatte sie – die Fürsten, Lamas, Schafhirten und Räuber – gründlich studiert. Ich ergriff meine Peitsche, schlug mit aller Kraft auf den Tisch und sagte zu dem Dolmetscher:

»Sag ihm, daß er weder zu einem Mongolen noch zu einem Russen redet, sondern die Ehre hat, mit einem Ausländer, dem Angehörigen eines großen und freien Staates zu sprechen. Sag ihm, daß er erst lernen muß, ein Mann zu sein. Erst dann darf er mich besuchen, und erst dann können wir miteinander reden.«

Ich wandte mich um und ging hinaus. Zehn Minuten später trat Hun Boldon in meine Jurte und bat um Entschuldigung. Ich überredete ihn, mit Chultun Beyle zu verhandeln und das freie mongolische Volk nicht durch sein Verhalten zu beleidigen. Noch in derselben Nacht wurde alles geregelt. Hun Boldon entließ seine Mongolen und reiste nach Kobdo ab, während Domojiroff mit seiner Bande den Vormarsch nach dem Gebiet des Jassaktu Khan antrat, um dort die Mobilisierung der Mongolen vorzunehmen. Mit Zustimmung Chultun Beyles richtete er an Wang-Tsao-tsun einen Brief, in dem er die Entwaffnung der chinesischen Wache verlangte, da alle chinesischen Truppen in Urga ebenso behandelt worden seien. Doch traf dieser Brief erst in Uliassutai ein, nachdem Wang, der als Ersatz für die gestohlenen Pferde Kamele gekauft hatte, bereits auf dem Wege zur Grenze war. Daraufhin entsandte Oberstleutnant Michailoff eine Abteilung von fünfzig Mann unter dem Befehl von Leutnant Strigine, die Wang einholen und die Waffen seiner Wache in Empfang nehmen sollte.

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