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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 28
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
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25. Kapitel.
Tage der Unruhe

Wieder einmal fanden wir uns im Wirbelwind der Ereignisse. Während der zwei Wochen, die wir von Uliassutai abwesend waren, hatte sich sehr viel zugetragen. Der chinesische Kommissar Wang-Tsao-tsun hatte im ganzen elf Boten nach Urga entsandt. Doch war kein Bote zurückgekehrt. Die Lage in der Mongolei blieb völlig unklar. Das in Uliassutai gebildete russische Detachement hatte infolge der Ankunft von Kolonisten Verstärkung erhalten und setzte seine rechtswidrige Existenz fort, obgleich die Chinesen durch ihr ausgedehntes Spionagesystem davon Kenntnis hatten. In der Stadt wagte kein Russe und überhaupt kein Ausländer, seine Wohnung zu verlassen. Jedermann blieb bewaffnet zu Hause. Des Nachts standen bewaffnete Posten in allen Siedlungshäusern. Die Chinesen gaben den Anlaß zu diesen Vorsichtsmaßnahmen. Auf Befehl ihres Kommissars hatten die chinesischen Kaufleute ihre Angestellten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Gewehrvorräten bewaffnet und die übrig bleibenden Gewehre den Beamten ausgehändigt, die damit eine Schar von zweihundert Kulis ausrüsteten. Die Chinesen ergriffen auch Besitz von dem mongolischen Arsenal und verteilten die dort befindlichen Waffen unter den chinesischen Gemüsebauern in dem Nagan Hushun, wo die chinesische Bevölkerung stets der niedrigsten Arbeiterklasse angehörte. Dieser Auswurf Chinas fühlte sich jetzt mächtig. Die Kerle hielten erregte Versammlungen ab und bereiteten sich offenbar für einen Zusammenstoß vor. Des Nachts trugen Kulis viele Kisten Patronen von den chinesischen Läden nach dem Nagan Hushun. Das Benehmen des chinesischen Mobs wurde unerträglich frech. Diese Kulis hatten die Unverschämtheit, die Leute auf der Straße anzuhalten und zu durchsuchen. Sie waren darauf aus, Zusammenstöße hervorzurufen, die ihnen Gelegenheit geben würden, sich zu bereichern. Durch geheime Nachrichten, die wir von gewissen chinesischen Kreisen erhielten, erfuhren wir, daß die Chinesen sich zu einem Pogrom gegen alle Russen und Mongolen in Uliassutai bereit machten. Es war uns klar, daß im richtigen Teil der Stadt lediglich ein einziges Haus angezündet zu werden brauchte, um die ganze aus Holzhäusern bestehende Niederlassung in ein Flammenmeer zu verwandeln. Die Russen und Mongolen bereiteten ihre Verteidigung vor. Sie verstärkten die Posten auf den Anwesen, ernannten Führer für gewisse Stadtbezirke, organisierten eine besondere Feuerwehr und hielten Pferde, Wagen und Nahrungsmittel für den Fall einer plötzlichen Flucht bereit. Die Lage wurde noch schlimmer, als die Nachricht von Kobdo eintraf, daß die Chinesen dort einen Pogrom veranstaltet, mehrere Einwohner getötet und die ganze Stadt nach einer wilden Plünderungsorgie niedergebrannt hätten. Viele Leute hatten in den Bergwäldern Zuflucht gesucht, aber da sie nicht genügend mit warmen Kleidern und Nahrungsmitteln versehen waren, so hatten die Berge in der Umgebung von Kobdo in den nächsten Tagen bald vom Notgeschrei der Flüchtlinge widergehallt. Die scharfe Kälte und der Hunger hatten unter dem offenen Himmel des mongolischen Winters Frauen und Kinder dahingerafft. All diese Nachrichten wurden den Chinesen in Uliassutai bald bekannt. Sie lachten spöttisch und organisierten eine große Versammlung im Nagan Hushun, auf der die Loslassung des Mobs gegen die Stadt zur Erörterung stand.

Wir erfuhren von diesen Plänen durch einen jungen Chinesen, den Sohn des Kochs eines der Kolonisten. Wir beschlossen, der Sache sofort nachzugehen. Ein russischer Offizier, mein Freund und ich traten zusammen, um unter Führung des jungen Chinesen den Außenrand der Stadt aufzusuchen. Wir taten, als ob wir lediglich einen Spaziergang machen wollten. Doch hielt uns am Außenende der Stadt ein chinesischer Posten an, der uns in unverschämter Weise erklärte, es dürfe niemand die Stadt verlassen. Während ich mit dem Kuli sprach, stellte ich fest, daß zwischen der Stadt und dem Nagan Hushun den ganzen Weg entlang chinesische Posten aufgestellt waren, und daß sich Ströme von Chinesen in jener Richtung ergossen. So wurde uns klar, daß es von hier aus völlig unmöglich war, den Versammlungsort zu erreichen. Darum wählten wir einen andern Weg.

Wir verließen die Stadt in östlicher Richtung und wanden uns das Lager der durch die chinesische Ausbeutung zu Bettlern gewordenen Mongolen entlang. Auch in dem Mongolenlager schien man ängstlich auf das, was kommen sollte, zu warten; denn obgleich die Stunde bereits vorgerückt war, hatte sich niemand schlafen gelegt. Ueber das Flußeis schlichen wir dann auf Umwegen zu dem Nagan Hushun. Außerhalb der Stadt krochen wir auf dem Boden, indem wir Deckung suchten, wo sich dazu Gelegenheit bot. Wir waren mit Revolvern und Handgranaten bewaffnet. Eine kleine Abteilung von Freunden hielt sich in der Stadt bereit, um uns im Notfall zu Hilfe zu kommen. Als erster von uns Vieren kroch der junge Chinese. Unmittelbar hinter ihm folgte, wie dessen Schatten, mein Freund, der dem Chinesen stets in Erinnerung rief, daß er ihn wie eine Ratte erwürgen würde, wenn er die geringste Bewegung machte, die uns verraten könnte. Ich fürchte, der junge Führer hatte an diesem Spaziergang kein großes Vergnügen.

Endlich wurde die Umrahmung des Nagan Hushun sichtbar. Jetzt war nichts als offenes Gelände zwischen uns und den Verschwörern, so daß unsere Gruppe hätte leicht entdeckt werden können. Infolgedessen beschlossen wir, einer nach dem andern, über den freien Raum zu kriechen, mit der Ausnahme jedoch, daß der Chinese in der Gesellschaft meines Freundes blieb. Glücklicherweise lagen viele gefrorene Misthaufen auf der Ebene, die uns Deckung gewährten.

Im Schatten der Umzäunung glitten wir an den Hof heran, von wo uns die Stimmen einer erregten Menge anlockten. Da wir in der Dunkelheit eine gute Beobachtungsstelle wählten, konnten wir in unserer unmittelbaren Nachbarschaft etwas Außerordentliches feststellen.

Ein anderer unsichtbarer Gast war bei der Chinesenversammlung zugegen. Er lag am Boden mit seinem Kopf in einem Loch, das Hunde unter dem Zaun gegraben hatten. Er hielt sich völlig still und hatte offenbar unser Herannahen nicht gehört. In der Nähe von ihm lag ein weißes Pferd mit zugebundenen Nüstern in einem Erdloch. Ein wenig weiter fort stand ein anderes gesatteltes Pferd, das an den Zaun gebunden war.

Im Hofe herrschte großer Lärm. Es schrien dort ungefähr zweitausend Menschen durcheinander. Sie debattierten und gestikulierten wild mit den Armen. Fast alle waren mit Gewehren, Revolvern, Säbeln und Beilen bewaffnet. Durch die Menge hindurch liefen junge Burschen, die den Leuten beständig zuredeten, Papiere austeilten und Erklärungen abgaben. Schließlich stieg ein großer, breitschultriger Chinese auf die Brunnenumrahmung. Er schwang sein Gewehr über dem Kopf und begann in lauten, scharfen Tönen eine Ansprache.

»Er sagt den Leuten,« so setzte uns unser Dolmetscher auseinander, »daß sie hier tun müßten, was die Chinesen in Kobdo bereits getan haben. Sie müßten von dem Kommissar die Versicherung erlangen, daß er der Wache befehlen werde, der Ausführung ihrer Pläne nicht in den Weg zu treten. Der Kommissar müsse ferner auch den Russen alle Waffen abverlangen. Dann werden wir uns an den Russen für ihr Blagoweschtschensker Verbrechen rächen, bei dem sie im Jahre 1900 dreitausend Chinesen ertränkten. Ihr bleibt jetzt hier, während ich mich zum Kommissar begebe, um mit ihm zu reden.«

Der Redner sprang vom Brunnen herab und begab sich geschwind nach dem zu der Stadt führenden Tor. Da bemerkte ich, daß der mit dem Kopf unter dem Zaun liegende Mann aus seinem Loch herauskroch, das weiße Pferd aus der Grube aufriß und dann an die Stelle lief, wo das andere Pferd angebunden war, und daß er dieses darauf nach unserer Seite brachte, die von der Stadt mehr abgewandt war. Dort ließ er das zweite Pferd und verbarg sich hinter der Ecke des Hushun. Der Wortführer der Chinesen trat aus dem Tor heraus. Als er sein Pferd auf der anderen Seite der Umzäunung sah, schwang er sein Gewehr über den Rücken und begab sich zu dem Tier. Er war ungefähr die Hälfte des Weges gegangen, als der Fremde aus seinem Versteck hinter der Zaunecke plötzlich herausgaloppierte und den Mann blitzschnell vom Erdboden auf seinen Sattelknopf hinaufriß, wo er dem bereits halberwürgten Chinesen den Mund zuband. Dann sauste der Fremde in westlicher Richtung von der Stadt hinweg.

»Wer, glauben Sie, ist das gewesen?« fragte ich meinen Freund, der sogleich erwiderte: »Es war sicherlich Tushegoun Lama ...«

Auch mich erinnerte die ganze Erscheinung stark an den geheimnisvollen Lamarächer.

Spät in der Nacht erfuhren wir, daß einige Zeit, nachdem der Redner der Chinesen fortgegangen war, um des Kommissars Beistand für das geplante Unternehmen zu suchen, der Kopf des Wortführers mitten in die wartende Versammlung hineingeworfen wurde und daß ähnlich acht junge Burschen auf dem Wege von dem Hushun nach der Stadt spurlos verschwanden. Das terrorisierte die Chinesen dermaßen, daß ihr erhitztes Gemüt eine kalte Dusche empfing.

Am nächsten Tag erhielten wir unerwartete Hilfe. Ein junger Mongole kam von Urga in die Stadt hineingaloppiert. Sein Mantel war zerrissen, sein Haar völlig aufgelöst, ein Revolver ragte aus seinem Gürtel heraus. Auf den Markt stürmend, auf dem sich die Mongolen zu versammeln pflegen, rief er, ohne den Sattel zu verlassen:

»Urga ist von unsern Mongolen und Dchiang Dchün von Baron Ungern erobert worden! Bogdo Hutuktu ist wiederum unser Khan! Mongolen, schlagt die Chinesen tot und plündert ihre Läden! Unsere Geduld ist erschöpft!«

Der Menge bemächtigte sich eine große Erregung. Der Reiter wurde von Menschen umringt, die unablässig Fragen an ihn richteten. Der von den Chinesen entlassene alte mongolische Sait, Chultun Beyle, wurde sogleich von der Sachlage unterrichtet. Er ließ den Boten vor sich bringen. Nachdem er ihn ausgefragt hatte, ließ er den Mann wegen Aufwiegelung der Menge zu Unruhen verhaften. Doch weigerte er sich, ihn den chinesischen Behörden auszuliefern. Ich war selbst bei dem Sait, als sich das zutrug, und wurde zum Zeugen seiner Stellungnahme. Als der chinesische Kommissar Wang-Tsao-tsun dem Sait damit drohte, er werde ihn wegen Ungehorsams zur Rechenschaft ziehen, faßte der alte Mann nur nach seinem Rosenkranz und sagte:

»Ich glaube, jedes Wort in der Erzählung dieses Mongolen ist wahr, und ich fürchte, daß unsere gegenseitigen Beziehungen bald ins Gegenteil gewandelt sein werden.«

Ich hatte das Gefühl, daß auch Wang-Tsao-tsun die Richtigkeit des Berichts des Mongolen erkannte; denn er bestand nicht weiter auf seiner Forderung.

Von diesem Augenblick ab verschwanden die Chinesen von den Straßen Uliassutais. Patrouillen russischer Offiziere und von Leuten unserer ausländischen Kolonie traten an ihre Stelle. Die unter den Chinesen entstandene Panik wurde noch durch das Eintreffen eines Briefes vergrößert, der die Nachricht brachte, daß die Mongolen und die Altai-Tataren unter der Führung des Tatarenoffiziers Kaigorodoff die Verfolgung der Chinesen von Kobdo angetreten hätten, die mit der bei der Plünderung dieser Stadt gemachten Beute zu entkommen trachteten, daß die Verfolger die Plünderer eingeholt und an der Grenze von Singkiang vernichtet hätten. Ein anderer Teil des Briefes behauptete, General Bakitsch und die sechstausend Mann, die mit ihm von den chinesischen Behörden am Flusse Amyl interniert worden waren, seien bewaffnet worden und schickten sich an, sich mit Ataman Annenkoff zu vereinigen, der in Kuldja interniert worden war, um danach eine Vereinigung mit Baron Ungern anzustreben. Der zweite Teil des Briefes erwies sich als unrichtig, denn weder Bakitsch noch Annenkoff hatte irgend einen derartigen Plan. Annenkoff war vielmehr von den Chinesen tief nach Turkistan hinein verschickt worden. Die Nachrichten erzeugten jedoch auf jeden Fall unter den Chinesen größte Verblüffung.

Gerade zu diesem Zeitpunkt trafen im Hause des russischen bolschewistischen Kolonisten Bourdokoff drei Agenten der Bolschewiki aus Irkutsk ein. Sie nannten sich Saltikoff, Freimann und Nowak. Die drei Agenten bemühten sich sogleich, die chinesischen Behörden zur Entwaffnung der russischen Offiziere und Auslieferung an die Roten zu bewegen. Sie überredeten die chinesische Handelskammer, an den Irkutsker Sowjet um Entsendung eines roten Detachements nach Uliassutai zum Schutze der Chinesen gegen die weißen Detachements zu petitionieren. Freimann hatte kommunistische Flugblätter, die in mongolischer Sprache geschrieben waren, und außerdem Anweisungen für den Wiederaufbau der Telegraphenlinie nach Irkutsk mitgebracht.

Dieses Quartett hatte mit seiner Politik großen Erfolg. Bald arbeitete Wang-Tsao-tsun Hand in Hand mit den Agenten. So kehrten die Tage, in denen wir in Uliassutai einen Pogrom erwarten mußten, schnell wieder zurück. Die russischen Offiziere fürchteten festgenommen zu werden. Der Vertreter einer der amerikanischen Firmen ging mit mir zu dem chinesischen Kommissar, um Verhandlungen anzuknüpfen. Wir setzten ihm auseinander, daß seine Handlungen ungesetzlich seien, da er keine Ermächtigung von seiner Regierung habe, zu den Bolschewiki in Beziehungen zu treten, und die Sowjetregierung von Peking noch nicht anerkannt worden sei. Wang-Tsao-tsun und sein Ratgeber Fu Siang zeigten sich sehr verwirrt, als sie auf diese Weise erfuhren, daß wir von ihren geheimen Zusammenkünften mit den bolschewistischen Agenten wußten. Der Kommissar versicherte uns, seine Wache sei stark genug, um einen Pogrom zu verhindern.

Seine Wache war in der Tat eine tüchtige Truppe, denn sie bestand aus gut gedrillten und disziplinierten Soldaten, deren Führer ein ernster und gut erzogener Offizier war. Aber was konnten achtzig Soldaten gegen einen Mob von dreitausend Kulis, eintausend bewaffneten Kaufleuten und zweihundert jungen Burschen ausrichten!

Wir brachten unsere Befürchtungen stark zum Ausdruck und drangen in den Kommissar, jegliches Blutvergießen zu verhindern. Wir wiesen darauf hin, daß die ausländische und russische Einwohnerschaft entschlossen sei, sich bis zum letzten zu verteidigen.

Wang ordnete sofort an, daß starke Patrouillen die Straßen durchziehen sollten. So ergab sich alsbald ein höchst merkwürdiges Bild, es zogen nämlich überall in der Stadt zu gleicher Zeit russische, ausländische und chinesische Patrouillen herum. Damals wußten wir noch nicht, daß weitere dreihundert Mann auf Posten waren, nämlich Leute Tushegoun Lamas, die sich in den Bergen versteckt hielten.

Bald trat eine neue gründliche und plötzliche Wendung ein. Der mongolische Sait erhielt durch die Lamas des nächsten Klosters die Nachricht, daß Oberst Kazagrandi nach einem Gefecht mit irregulären chinesischen Banden Van Kure eingenommen, dort drei russisch-mongolische Kavalleriebrigaden gebildet und überhaupt die Mongolen auf Befehl des Lebenden Buddhas und die Russen auf Befehl des Baron Ungern mobilisiert habe. Wenige Stunden später wurde bekannt, daß in dem großen Kloster von Dzain der russische Hauptmann Barsky von chinesischen Soldaten getötet worden war und infolgedessen ein Teil der Truppen Kazagrandis die dortigen Chinesen angegriffen und vertrieben hatte.

Bei der Einnahme von Van Kure hatten die Russen einen koreanischen Kommunisten zum Gefangenen gemacht, der zur Bearbeitung Koreas und Amerikas von Moskau mit Gold und Propagandaschriften unterwegs war. Oberst Kazagrandi sandte diesen Koreaner mit seiner Goldladung an Baron Ungern weiter.

Nachdem diese Nachrichten in Uliassutai eingegangen waren, verhaftete der Führer des russischen Detachements unserer Stadt alle bolschewistischen Agenten und stellte sie, wie auch die Mörder der Bobroffs, vor ein Kriegsgericht. Kanine, Frau Pouzikoff und Freimann wurden erschossen. Was Saltikoff und Nowak anbetrifft, so entstanden einige Zweifel an ihrer Schuld. Ueberdies gelang es Saltikoff zu entkommen, während Nowak auf Befehl des Oberstleutnants Michailoff nach dem Westen abgeschoben wurde.

Der Führer des russischen Detachements von Uliassutai ließ die russischen Kolonisten mobilisieren und stellte die Stadt offen unter seinen Schutz, wozu die mongolischen Behörden ihr stillschweigendes Einverständnis gaben.

Der mongolische Sait Chultun Beyle lud die benachbarten mongolischen Fürsten zu einer Beratung ein, deren Seele der bekannte mongolische Patriot Hun Jag Lama wurde. Die Fürsten setzten sogleich die an die Chinesen zu richtenden Forderungen auf, die dahin gingen, daß das dem Sait Chultun Beyle unterstehende Gebiet völlig geräumt werden müsse. Aus dieser Forderung entstanden Verhandlungen, Bedrohungen und Reibungen unter den verschiedenen chinesischen und mongolischen Elementen. Wang-Tsao-tsun schlug einen eigenen Regelungsplan vor, der von einigen mongolischen Fürsten angenommen wurde. Aber Jag Lama warf das chinesische Dokument im entscheidenden Augenblick auf den Boden, zog sein Messer und schwor, daß er lieber Selbstmord begehen werde, als sein Siegel unter ein solches verräterisches Abkommen zu setzen. Infolgedessen wurden die chinesischen Vorschläge abgelehnt, so daß sich die Gegner nun zum Kampf vorbereiteten. Alle bewaffneten Mongolen wurden von den Gebieten des Jassaktu Khan, Sain-Noyon Khan und des Jahantsi Lama einberufen. Die chinesischen Behörden brachten ihre vier Maschinengewehre in Stellung und rüsteten sich für die Verteidigung der Festung.

Fortwährende Beratungen wurden sowohl von den Chinesen als auch von den Mongolen abgehalten. Schließlich kam unser alter Bekannter Tzeren zu mir als einem der nicht direkt betroffenen Ausländer und überreichte mir gleichzeitig Bitten von Wang-Tsao-tsun und Chultun Beyle, daß ich versuchen sollte, den Frieden zwischen den beiden Elementen und ein faires Abkommen herzustellen. Aehnliche Bitten wurden dem Vertreter einer amerikanischen Firma überreicht.

Am folgenden Abend wurde die erste Versammlung der Schiedsrichter und der chinesischen und mongolischen Vertreter abgehalten. Sie verlief leidenschaftlich und stürmisch, so daß wir Ausländer an dem Erfolg unserer Mission verzweifelten. Als gegen Mitternacht die Redner müde geworden waren, führten wir indessen in Bezug auf zwei Punkte eine Uebereinstimmung herbei: die Mongolen erklärten, daß sie nicht Krieg zu führen wünschten und daß sie die Absicht hätten, die ganze Angelegenheit in einer Weise zu regeln, die ihnen die Freundschaft des großen chinesischen Volkes erhalten würde, wohingegen der chinesische Kommissar zugab, daß China gegen die Verträge verstoßen habe, durch die der Mongolei in gesetzlich gültiger Weise volle Unabhängigkeit gewährt worden war.

Diese beiden Punkte bildeten unsere Arbeitsunterlage bei der nächsten Versammlung und gaben uns die Ausgangspunkte, um auf eine Versöhnung zu drängen. Die Beratungen dauerten drei Tage an und entwickelten sich schließlich so, daß wir Ausländer uns in der Lage befanden, Vorschläge für eine Regelung zu machen. Die Hauptpunkte unserer Vorschläge gingen dahin, daß die chinesischen Behörden auf die administrative Gewalt verzichten, die Waffen an die Mongolen zurückgeben, die zweihundert Burschen entwaffnen und das Land verlassen sollten, und daß die Mongolen dem chinesischen Kommissar mit seiner bewaffneten Wache von achtzig Mann freien und ehrenhaften Abzug aus ihrem Land gewähren würden. Dieser chinesisch-mongolische Vertrag von Uliassutai wurde von den chinesischen Kommissaren Wang-Tsao-tsun und Fu Siang, den beiden mongolischen Saits, Hun Jag Lama und anderen Fürsten unterzeichnet und gesiegelt, wie auch von den Präsidenten der russischen und der chinesischen Handelskammer und uns als Schiedsrichter unterfertigt.

Die chinesischen Beamten und ihre Bedeckung begannen sogleich einzupacken und sich zum Abmarsch vorzubereiten. Die chinesischen Kaufleute blieben in Uliassutai; denn Sait Chultun Beyle, der jetzt über die Stadt volle Gewalt hatte, garantierte ihre Sicherheit.

Der Tag der Abreise der Expedition Wang-Tsao-tsuns war gekommen. Die Kamele mit ihren Ladungen füllten bereits den Hof des Yamen, und die Männer warteten nur noch auf die Ankunft der Pferde von der Steppe. Plötzlich verbreitete sich die Nachricht, daß die betreffende Pferdeherde in der Nacht gestohlen und in südlicher Richtung abgetrieben worden sei. Von den zwei Soldaten, die ausgesandt worden waren, um den Spuren der Herde zu folgen, kam nur einer mit der Meldung zurück, daß der andere getötet worden sei.

Große Verblüffung bemächtigte sich der ganzen Stadt. Unter den Chinesen brach eine offene Panik aus, die noch zunahm, als einige Mongolen von einem entlegenen Ourton im Osten kamen und meldeten, daß sie an verschiedenen Stellen an der Poststraße nach Urga die Leichen von sechzehn Soldaten gefunden hätten, die von Wang-Tsao-tsun mit Briefen nach Urga gesandt worden waren. Das Geheimnis, das diese Ereignisse umgab, wird bald Aufklärung finden.

Der Führer des russischen Detachements erhielt einen Brief von einem Kosakenoberst namens V. N. Domojiroff, der den Befehl gab, sofort die chinesische Garnison zu entwaffnen, alle chinesischen Beamten zu verhaften, sie nach Urga zu Baron Ungern zu schicken, von Uliassutai, wenn nötig mit Gewalt, Besitz zu ergreifen und die Verbindung mit seinem Detachement herzustellen. Zu gleicher Zeit kam ein Bote vom Narabantschi Hutuktu mit einem Brief in die Stadt galoppiert, in dem berichtet wurde, daß ein russisches Detachement unter der Führung von Hun Boldon und Oberst Domojiroff aus Urga einige chinesische Geschäftshäuser geplündert und die Kaufleute getötet habe, daß dieses Detachement dann zu dem Kloster gekommen sei und Pferde, Nahrungsmittel und Unterkunft verlangt habe. Der Hutuktu bat um Hilfe, denn es bestehe Gefahr, daß der wilde Eroberer von Kobdo, Hun Boldon, das abgelegene, unbeschützte Kloster plündere.

Wir drangen mit Nachdruck in Oberstleutnant Michailoff, nicht den besiegelten Vertrag zu verletzen, was alle Ausländer und Russen, die an seinem Abschluß beteiligt waren, desavouieren würde. Das würde nur eine Nachahmung der bolschewistischen Methode sein, jedermann in den Staatsgeschäften zu täuschen.

Unsere Vorstellungen machten auf Michailoff Eindruck. Denn er gab Domojiroff zur Antwort, Uliassutai sei bereits kampflos in seine Hände gefallen, über dem Gebäude des ehemaligen russischen Konsulats wehe die russische Reichsflagge, die chinesischen Burschen seien entwaffnet worden, im übrigen könnten jedoch die erteilten Befehle nicht ausgeführt werden, da sonst der gerade in Uliassutai unterzeichnete chinesisch-mongolische Vertrag verletzt werden würde.

Täglich gingen mehrere Boten vom Narabantschi Hutuktu nach Uliassutai ab. Die Nachrichten wurden immer beunruhigender. Der Hutuktu meldete, daß Hun Boldon die mongolischen Bettler und Pferdediebe mobilisiere, bewaffne und militärisch ausbilde, daß die Soldaten dem Kloster die Schafe wegnähmen, daß der »Noyon« Domojiroff immer betrunken sei, und daß der Hutuktu als Antwort auf seine Proteste nur Spott und Schimpf bekomme.

Die Boten waren nicht in der Lage, irgendwelche genauen Angaben über die Stärke jenes Detachements zu machen. Einige sagten, es bestehe aus ungefähr dreißig Mann, während wieder andere behaupteten, Domojiroff befehlige eine achthundert Köpfe starke Truppe. Wir konnten die Sachlage überhaupt nicht verstehen, das um so weniger, als bald überhaupt keine Boten mehr kamen. Alle Briefe des Sait blieben unbeantwortet, und die von ihm entsandten Boten kehrten nicht zurück. Es schien außer Zweifel zu stehen, daß die Leute entweder getötet oder gefangen genommen worden waren.

Prinz Chultun Beyle beschloß, sich persönlich an Ort und Stelle zu begeben. Er nahm die Präsidenten der russischen und der chinesischen Handelskammer und zwei mongolische Offiziere mit. Drei Tage verstrichen, ohne daß wir von ihm irgend etwas hörten. Die Mongolen begannen sich zu beunruhigen.

Der chinesische Kommissar und Hun Jag Lama richteten an unsere ausländische Gruppe die Bitte, jemand nach Narabantschi zu entsenden, um den dort ausgebrochenen Streit zu schlichten und Domojiroff zur Anerkennung des Vertrages zu überreden. Unsere Gruppe bat mich, im Dienste des öffentlichen Wohls diese Mission zu übernehmen. Als Dolmetscher wurde mir ein tüchtiger junger russischer Kolonist, der Neffe des ermordeten Bobroff, der zugleich ein ausgezeichneter Reiter und ein kaltblütiger, tapferer Mann war, beigegeben. Oberstleutnant Michailoff gab mir außerdem noch einen seiner Offiziere zur Begleitung mit.

Mit einer Expreß-Tzara für die Postpferde und einem Führer versehen, legten wir den mir nun vertrauten Weg zu meinem alten Freunde Jelib Djamsrap Hutuktu von Narabantschi in großer Geschwindigkeit zurück. Obgleich an einigen Stellen hoher Schnee lag, machten wir täglich hundert bis hundertundfünfzehn Meilen.

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