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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 26
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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23. Kapitel.
Auf einem Vulkan

Am nächsten Abend kamen wir in Khathyl an, das eine kleine russische Niederlassung, bestehend aus zehn zerstreuten Gebäuden, im Tale des Egingol oder Jaga ist, der eine halbe Meile oberhalb des Dorfes aus dem Kosogol tritt. Der Kosogol ist ein ungeheurer alpiner See. Er ist tief und kalt und mißt fünfundachtzig Meilen in der Länge, zehn bis dreißig Meilen in der Breite. Auf seinem westlichen Ufer leben die Darkhat-Sojoten, die ihn Hubsugul nennen. Kosogol ist sein mongolischer Name.

Sowohl die Sojoten als auch die Mongolen halten den See für ein fürchterliches, heiliges Gewässer. Man kann dieses Vorurteil sehr leicht verstehen, denn der See befindet sich in gegenwärtig noch in vulkanischer Tätigkeit befindlichem Gebiet. Im Sommer wird seine Oberfläche manchmal an völlig ruhigen Sonnentagen von hohen Wellen gepeitscht, die nicht allein für die Fischerboote der Eingeborenen, sondern auch für die auf dem See verkehrenden großen russischen Passagierschiffe gefährlich sind. Und im Winter sprengt der See gelegentlich ganz unerwartet seine Eisdecke in Stücke, während an den Bruchstellen hohe Dampfwolken aufsteigen. Offenbar treten am Boden des Sees sporadisch heiße Quellen in Tätigkeit, oder vielleicht handelt es sich auch um Lavaströme. Daß diese Naturerscheinungen auf irgendwelche unterirdischen Konvulsionen zurückzuführen sind, tut die Menge toter Fische kund, die gelegentlich den Ausfluß an flacheren Stellen versperren.

Der See ist außerordentlich fischreich. Er hat hauptsächlich Forellen- und Salmsorten. Er ist berühmt durch seine wunderbaren »weißen Fische«, die früher über ganz Sibirien, selbst bis nach Mukden in der Mandschurei, versandt wurden. Der »weiße Fisch« ist fett, wunderbar zart und erzeugt guten Kaviar. Eine andere Fischsorte des Sees ist der weiße Khayrus oder Forelle, der in der Winterzeit, entgegen den Gewohnheiten der meisten Fische, stromabwärts in den Jaga zieht, wo der ganze Fluß gelegentlich von Ufer zu Ufer durch nebeneinanderwimmelnde Fischrücken gefüllt wird. Diese Fischsorte wird jedoch nicht gefangen; denn sie ist voller Würmer und zur Nahrung nicht geeignet. Sogar Katzen und Hunde berühren den Khayrus nicht. Es handelt sich hier um ein sehr interessantes Phänomen, das von Professor Dorogostaisky der Irkutsker Universität untersucht wurde, bis die Bolschewiki ihn bei dieser Arbeit störten.

In Khathyl herrschte eine Panik. Das russische Detachement des Obersten Kazagrandi war plötzlich gefechtsunfähig gemacht und infolge von Streitigkeiten unter den Offizieren auseinandergefallen, nachdem es die Bolschewiki zweimal geschlagen und in seinem Vormarsch auf Irkutsk gute Fortschritte gemacht hatte. Die Bolschewiki zogen aus dieser Lage ihren Vorteil, verstärkten die Streitkräfte auf tausend Mann und machten eine Vorwärtsbewegung, um den verlorenen Boden wieder zu gewinnen, während sich die Ueberbleibsel des Kazagrandischen Detachements auf Khathyl zurückzogen, wo ein letzter Widerstand gegen die Roten versucht werden sollte.

Die Bewohner von Khathyl luden ihr ganzes bewegliches Eigentum auf Karren und flüchteten von der Stadt fort, Vieh und Pferde zurücklassend. Eine Gruppe plante, sich in den nicht weit entfernten Lärchenwäldern und Bergschluchten zu verstecken, während sich eine andere Gruppe in südlicher Richtung nach Muren-Kure und Uliassutai zu wandte.

Am Tage nach unserer Ankunft wurde der mongolische Ortsbeamte benachrichtigt, die Roten Truppen hätten Oberst Kazagrandis Leute umgangen und seien nun tatsächlich im Anmarsch auf Khathyl. Der mongolische amtliche Vertreter ließ sogleich seine Dokumente und seine Bedienten auf elf Kamelen verladen und verließ den Yamen. Mit ihm verschwanden unsere mongolischen Führer, ohne uns ein Wort zu sagen, und nahmen unsere Kamele mit.

Unsere Lage erschien verzweifelt. Wir eilten zu den Kolonisten, die noch nicht die Flucht ergriffen hatten, um zu versuchen, von ihnen Kamele zu kaufen. Doch hatten diese, in Erwartung der Ereignisse, ihre Herden nach abgelegenen Stellen der Mongolei gesandt und konnten uns deshalb nicht dienlich sein. Darauf begaben wir uns zu Dr. V. G. Gay, einem in der Stadt lebenden Tierarzt, der in der ganzen Mongolei durch seinen Kampf gegen die Rinderpest berühmt geworden war. Er wohnte hier mit seiner Familie und war, nachdem er sich gezwungen gesehen hatte, den Regierungsdienst aufzugeben, Viehhändler geworden. Er war eine höchst interessante, geschickte und energische Persönlichkeit. Unter dem zaristischen Regime war ihm der Auftrag geworden, sämtliche Fleischlieferungen aus der Mongolei für die russische Armee an der deutschen Front zu besorgen. So wurde er zum Organisator eines ungeheuren Unternehmens. Doch als die Bolschewiki 1917 die Macht ergriffen, stellte er sich auch diesen zur Verfügung. Als dann im Mai 1918 Koltschaks Streitkräfte die Bolschewiki aus Sibirien vertrieben, wurde er verhaftet und vor ein Gericht gestellt. Man ließ ihn jedoch frei, denn man sah ein, daß er die einzige Persönlichkeit war, die dieses große mongolische Unternehmen leiten konnte. So wurde er dann zum Fleischlieferanten des Admirals Koltschak. In der letzten Zeit war Gay der hauptsächliche Organisator und Lieferant der Streitkräfte Kazagrandis gewesen.

Als wir zu ihm kamen, meinte er sofort, es bliebe uns nichts anderes übrig, als uns mit einigen armseligen niedergebrochenen Pferden zu begnügen, die uns die sechzig Meilen bis Muren-Kure tragen könnten, wo wir Kamele für die Rückkehr nach Uliassutai finden würden. Doch auch diese Pferde befänden sich in einiger Entfernung von der Stadt, so daß wir hier die Nacht zubringen müßten, die Nacht, in der die Roten Truppen erwartet wurden.

Wir waren erstaunt zu sehen, daß auch Gay mit seiner Familie bis zur Ankunft der Roten bleiben wollte. Sonst blieben in der Stadt nur noch einige Kosaken, die den Auftrag erhalten hatten, zurückzubleiben, um die Bewegungen der Roten Truppen zu beobachten.

Die Nacht kam. Mein Freund und ich waren bereit zu kämpfen oder, im äußersten Falle, Selbstmord zu begehen. Wir hielten uns in einem kleinen Hause in der Nähe des Jaga auf, in dem einige Arbeiter wohnten, die es nicht für notwendig hielten, sich zu entfernen. Die Arbeiter begaben sich auf einen Hügel, von dem das ganze Gelände bis zu der Bergkette, hinter der das rote Detachement auftauchen mußte, übersehbar war. Von diesem Ausguckposten im Walde kam plötzlich ein Arbeiter schreiend zurückgelaufen.

»Wehe, wehe, die Roten kommen. Ein Reiter galoppiert, so schnell er kann, die Waldstraße entlang. Ich rief ihn an. Aber er gab mir keine Antwort. Es war dunkel, doch konnte ich erkennen, daß das Pferd ein fremdes Tier war.«

»Schwatz' keinen Unsinn,« sagte ein anderer Arbeiter. »Wahrscheinlich ist irgendein Mongole vorbeigeritten, den Du für einen Roten gehalten hast.«

»Nein, es war kein Mongole,« entgegnete der erste Arbeiter. »Das Pferd war beschlagen. Ich habe deutlich den Hufschlag auf der Straße gehört. Wehe uns!« –

»Schön,« sagte mein Freund. »Es scheint, daß dies unser Ende ist. Eine dumme Sache, so zu enden.«

Er hatte recht.

Gerade in diesem Augenblick klopfte jemand an die Tür. Es war der Mongole, der uns die drei Pferde zur Flucht brachte. Wir sattelten sofort und packten auf das dritte Tier unser Zelt und die Nahrungsmittel. Dann ritten wir sogleich ab, um uns noch von Gay zu verabschieden.

In Gays Haus fanden wir einen ganzen Kriegsrat vor. Zwei oder drei Kolonisten und einige Kosaken waren von den Bergen herbeigaloppiert und hatten gemeldet, daß das rote Detachement sich Khathyl nähere, aber in der Nacht im Walde bleiben werde, wo es bereits Lagerfeuer anzünde. In der Tat konnte man durch die Fenster des Hauses Feuerschein sehen. Es war wirklich sehr sonderbar, daß der Feind den Morgen dort im Walde abwarten wollte, wo er doch ungestört bis zu dem Dorfe, das er zu erobern wünschte, hätte reiten können.

Ein bewaffneter Kosak trat in den Raum ein und meldete, zwei bewaffnete Männer des Detachements näherten sich dem Hause. Alle in dem Zimmer befindlichen Männer spitzten ihre Ohren. Außerhalb hörten wir Hufschlag mehrerer Pferde und Menschenstimmen. Dann klopfte es an die Tür.

»Herein,« sagte Gay.

Zwei junge Männer traten ein. Ihre Bärte waren ganz weiß und ihre Backen infolge der Kälte flammend rot. Sie hatten den gewöhnlichen sibirischen Mantel an und trugen große Astrachankappen. Aber sie führten keine Waffen bei sich.

Sie wurden sogleich ausgefragt. Dabei ergab sich, daß das in Frage stehende Detachement eine Abteilung weißer Bauern von den Bezirken von Irkutsk und Jakutsk war, die gegen die Bolschewiki gekämpft hatten. Sie waren in der Nähe von Irkutsk geschlagen worden und versuchten nun, eine Verbindung mit Kazagrandi herzustellen. Der Führer dieser Truppe war ein Sozialist, Hauptmann Wassilieff, der unter dem Zaren wegen seiner sozialistischen Neigungen viel zu leiden gehabt hatte.

Nun waren wir außer Gefahr. Dennoch beschlossen wir, sofort nach Muren-Kure aufzubrechen, da wir alles Wünschenswerte erfahren und Eile hatten, unseren Bericht zu erstatten.

Auf der Straße holten wir drei Kosaken ein, die die nach Süden fliehenden Kolonisten zurückholen wollten. Wir schlossen uns ihnen an. Abgesessen führten wir die Pferde über das Eis des Flusses. Der Jaga war toll. Die unterirdischen Kräfte erzeugten unter dem Eis große nach oben drängende Wellen, die unter lautem Gebrüll große Eisstücke losrissen, sie in kleine Klumpen zerbrachen und unter das flußabwärts gelegene noch nicht zerbrochene Eisfeld saugten. Schlangenähnliche Spalten liefen in verschiedenen Richtungen über die Eisfläche. Einer der Kosaken stürzte in einen dieser Risse. Wir konnten ihn gerade noch herausziehen. Infolge seines Bades im eiskalten Wasser mußte er nach Khathyl zurückkehren. Unsere Pferde glitten wiederholt aus und stürzten hin. Menschen und Tiere fühlten die Nähe des Todes.

Endlich erreichten wir das jenseitige Ufer und konnten die Reise in südlicher Richtung fortsetzen. Nach zehn Meilen stießen wir auf die erste Flüchtlingsgruppe. Die Flüchtlinge hatten ein großes Zelt aufgeschlagen, in ihm ein Feuer angezündet und es mit Wärme, aber auch mit Rauch angefüllt. Ihr Lager war dicht neben einer chinesischen Handelsniederlassung, deren Besitzer sich jedoch weigerten, die Kolonisten ihre geräumigen Gebäude betreten zu lassen, obgleich sich unter den Flüchtlingen Kinder, Frauen und Leidende befanden. Wir brachten hier nur eine halbe Stunde zu.

Als wir dann die Reise fortsetzten, war die Straße gut, ausgenommen die Stellen, wo der Schnee hoch lag.

Wir überquerten die ziemlich hohe Wasserscheide zwischen den Flüssen Egingol und Muren. In der Nähe des Passes stieß uns etwas ganz Unerwartetes zu. Wir durchritten gerade ein ziemlich breites Tal, dessen oberer Teil von einem dichten Walde bedeckt war. In der Nähe des Waldes entdeckten wir zwei Reiter, die uns offenbar beobachteten. Die Art, wie sie sich in den Sätteln hielten, und der Typ ihrer Pferde sagten uns, daß sie keine Mongolen sein könnten. Wir riefen ihnen zu und winkten mit den Armen. Doch sie gaben keine Antwort. Aus dem Gehölz kam ein dritter Reiter, der ebenfalls stillhielt, um nach uns zu blicken. Wir beschlossen, sie auszufragen, trieben unsere Pferde an und galoppierten auf sie zu. Als wir etwa tausend Meter von ihnen entfernt waren, ließen sie sich aus den Sätteln gleiten und eröffneten Schnellfeuer auf uns. Glücklicherweise waren wir in aufgelöster Ordnung geritten, so daß wir ein schlechtes Ziel boten. Wir sprangen ab, legten uns flach auf die Erde und machten uns zum Kampfe fertig. Indessen schossen wir nicht, da wir dachten, daß sie uns vielleicht irrtümlich für Rote hielten. Kurz darauf verschwanden sie. Ihre Schüsse aus europäischen Gewehren hatten uns einen weiteren Beweis dafür gegeben, daß sie keine Mongolen waren. Wir warteten, bis nichts mehr von ihnen im Gehölz zu sehen war. Dann gingen wir nach vorn, um ihre Spur zu untersuchen, die von beschlagenen Pferden stammte, wie wir feststellten, was uns klar bestätigte, daß wir es nicht mit Mongolen zu tun gehabt hatten. Wer mochten diese Leute wohl gewesen sein? Wir haben es niemals feststellen können.

Nachdem wir den Paß überwunden hatten, stießen wir auf den russischen Kolonisten D. A. Teternikoff aus Muren-Kure, der uns einlud, beim Eintreffen in Muren-Kure in seinem Hause zu wohnen, und versprach, uns dort von den Lamas Kamele zu verschaffen.

Die Kälte war äußerst scharf und der schneidende Wind machte sie noch fühlbarer. Am Tag froren wir bis auf die Knochen, um in der Nacht neben unserem Zeltofen aufzutauen und uns gemütlich anzuwärmen.

Nach zwei Tagen erreichten wir das Tal des Muren und sahen aus der Ferne das Viereck von Kure mit seinen chinesischen Dächern und großen roten Tempeln vor uns liegen. In der Nähe befand sich ein zweites Viereck, die chinesische und russische Niederlassung. Zwei weitere Stunden brachten uns zu dem Hause unseres gastlichen Begleiters und seiner liebenswürdigen jungen Frau. Die neu gewonnenen Freunde setzten uns ein wunderbares Lunch aus sehr schmackhaften Gerichten vor.

Wir brachten fünf Tage in Kure zu, auf die von uns zu mietenden Kamele wartend. Während dieser Zeit trafen viele Flüchtlinge aus Khathyl ein, denn Oberst Kazagrandi zog sich allmählich auf das Südufer des Kosogol zurück. Unter den Ankömmlingen befanden sich zwei Obersten namens Plawako und Maklakoff, die den Grund zur Auflösung der Streitkräfte Kazagrandis gegeben hatten. Kaum waren die Flüchtlinge in Muren-Kure erschienen, als die mongolischen Beamten die Mitteilung ergehen ließen, die chinesischen Behörden hätten ihnen befohlen, alle russischen Flüchtlinge zu vertreiben.

»Wohin können wir Obdachlosen uns jetzt im Winter mit Frauen und Kindern wenden?« fragten die bedürftigen Flüchtlinge.

»Das geht uns nichts an,« erwiderten die mongolischen Beamten. »Die chinesischen Behörden sind zornig und haben uns befohlen, Euch fortzutreiben. Wir können Euch nicht helfen.«

Die Flüchtlinge mußten Muren-Kure verlassen und schlugen ihre Zelte unter dem freien Himmel nicht weit von der Stadt auf. Plawako und Maklakoff erstanden Pferde und brachen in Richtung auf Van Kure auf. Später erfuhr ich, daß beide unterwegs von Chinesen erschlagen worden waren.

Wir verschafften uns drei Kamele und traten die Reise mit einem großen Trupp chinesischer Kaufleute und russischer Flüchtlinge in Richtung auf Uliassutai an. Eine sehr angenehme Erinnerung an unsere freundlichen Gastgeber T. V. und D. A. Teternikoff begleitete uns auf unserem Marsch.

Für die Miete unserer Kamele hatten wir den sehr hohen Preis von 33 Liang ungemünzten Silbers zu zahlen gehabt, das uns durch eine amerikanische Firma in Uliassutai geliefert worden war. Dieser Betrag kam ungefähr 2,7 Pfund des weißen Metalls gleich.

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