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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 24
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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21. Kapitel.
Eine Stätte des Todes

Unsere Kamele trotteten langsam und gleichmäßig in nördlicher Richtung. Wir legten am Tage fünfundzwanzig bis dreißig Meilen zurück. Der Weg brachte uns in die Nähe eines kleinen Klosters, das zu seiner Linken lag. Die Gebäude des Klosters bildeten ein Viereck und waren von einem hohen Zaun von dicken Pfählen umgeben. Auf jeder Seite des Zaunes befand sich in der Mitte eine Oeffnung, die zu den vier Türen des Tempels führte, der im Mittelpunkt des Gebäudevierecks lag. Der Tempel zeigte die rot lackierten Säulen und geschwungenen Dächer des chinesischen Baustils und ragte weit über die um ihn herumliegenden niedrigen Wohnhäuser der Lamas hinaus. Auf der anderen Seite des Weges befand sich etwas, was wie eine chinesische Festung aussah, was jedoch in Wirklichkeit eine Handelsniederlassung oder ein Dugun war. Die Chinesen bauen nämlich ihre Niederlassungen stets in Gestalt einer Festung mit zwiefachen, wenige Schritte voneinander getrennten Mauern. Sie haben gewöhnlich zwanzig bis dreißig völlig bewaffnete Männer dort drinnen für jeden Notfall bereit. So können diese Duguns im Falle von Gefahren als Blockhäuser verwandt werden und sind imstande, längere Belagerungen auszuhalten.

Zwischen dem Dugun und dem Kloster, etwas näher an der Straße, befand sich das Lager einiger Nomaden. Ihre Pferde und Rinder waren nirgends sichtbar. Offenbar hielten sich diese Mongolen hier schon seit einiger Zeit auf und hatten ihr Vieh in den Bergen gelassen. Ueber mehreren Jurten wehten vielfarbige, dreieckige Flaggen, ein Zeichen, daß dort Krankheiten herrschten. In der Nähe einiger Jurten waren hohe Pfähle, die mongolische Kappen auf ihren Spitzen trugen, in den Boden gesteckt worden, ein Zeichen, daß die Herren der betreffenden Jurten gestorben waren. Hundemeuten, die über der Ebene herumzogen, gaben kund, daß die Leichen irgendwo in der Nähe lagen, entweder in den Schluchten oder an den Flußufern.

Als wir uns dem Lager näherten, hörten wir ein tolles Getrommel, die melancholischen Laute einer Flöte und schrilles, wahnsinniges Schreien. Unser Mongole, der nach vorne gegangen war, um zu erkunden, berichtete, einige mongolische Familien seien hierher nach dem Kloster gekommen, um bei dem Jahantsi Hutuktu Hilfe zu suchen, der in dem Rufe stand, eine wundersame Heilkraft zu haben. Die Leute waren von Aussatz und schwarzen Pocken befallen und hatten einen langen Weg zurückgelegt, um zu finden, daß sich der Hutuktu nicht in dem Kloster befand, sondern zu dem »Lebenden Buddha« nach Urga gegangen war. Infolgedessen waren sie gezwungen, Zauberärzte anzurufen.

Die Leute starben allmählich dahin, einer nach dem anderen. Gerade am Tage vor unserer Ankunft hatten sie die siebenundzwanzigste Leiche in der Ebene ausgesetzt.

Als wir uns noch über den Fall unterhielten, trat ein Zauberdoktor aus einer der Jurten. Ein alter Mann mit dem Star auf einem Auge und mit pockennarbigem Gesicht. Er war in Lumpen gekleidet. Mehrere farbige Fetzen hingen von seinen Hüften herab. Er hatte eine Trommel und eine Flöte bei sich. Wir sahen Schaum auf seinen blauen Lippen, Wahnsinn in seinen Augen. Plötzlich begann er herumzuwirbeln und mit tausend Verrenkungen seiner langen Beine und tausend Schwingungen seiner Schultern zu tanzen, indem er dabei die Trommel schlug, die Flöte blies, Schreie ausstieß und raste und sich zu immer schnelleren Bewegungen steigerte. Schließlich stürzte er mit bleichem Gesicht und blutunterlaufenen Augen auf den Schnee, wo seine Glieder weiter zuckten und er fortfuhr, zusammenhanglose Schreie auszustoßen. Auf diese Weise behandelte der Doktor seine Patienten. Seine Tollheit sollte die bösen Geister schrecken, die die Träger der Krankheit waren.

Ein anderer Zauberdoktor gab seinen Patienten schmutziges, schlammiges Wasser zu trinken, wie man mir sagte, das Badewasser des »Lebenden Buddha«, der seinen »göttlichen« aus der heiligen Lotosblume geborenen Leib in ihm gewaschen hatte.

»Om, Om,« schrien beide Zauberer ohne Unterbrechung.

Während die Doktoren die Teufel bekämpften, waren die kranken Leute sich selber überlassen. Sie lagen in hohem Fieber unter Bergen von Schafspelzen und Mänteln, delirierten, tobten und warfen sich herum. Neben den Kohlenbecken schwatzten gleichgültig Erwachsene und Kinder, die noch gesund waren, tranken Tee und rauchten. In diesen Jurten sah ich unter den Leidenden und Toten so viel abschreckendes Elend, daß ich es nicht beschreiben kann.

Der Gedanke kam mir: O großer Dschingis Khan, warum hast du, der du ein so gutes Verständnis für die Lage Asiens und Europas hattest, der du dein Leben dem Ruhme des mongolischen Namens gewidmet hast, nicht deinem eigenen Volke, das noch immer seine alte Moral, Ehrlichkeit und friedliche Sitten bewahrt hat, die nötige Aufklärung gegeben, daß es gegen einen solchen Tod geschützt ist? Deine im Mausoleum von Karakorum durch die Jahrhunderte zermürbten Gebeine sollten sich gegen das schnelle Aussterben deines einstmals großen, von der halben zivilisierten Welt gefürchteten Volkes auflehnen!

Diese Gedanken durchzogen meinen Sinn, als ich das Lager der den sicheren Tod Erwartenden sah und das Gestöhn, die Schreie und das Toben der sterbenden Männer, Frauen und Kinder hörte. Irgendwo in der Entfernung heulten hungrige Hunde, und monoton erklang die Trommel des ermüdeten Zauberers.

Vorwärts! Ich konnte dieses Bild des Entsetzens nicht länger mit ansehen. Als wir wieder unterwegs waren, lastete auf uns das Gefühl, daß uns von der fürchterlichen Stelle irgendein schrecklicher, unsichtbarer Geist folge. Die Teufel der Krankheiten? Oder nur die Bilder des Schreckens? Oder gar die Seelen der Menschen, die dort auf dem Altar der mongolischen Finsternis geopfert wurden? Eine unerklärliche Furcht bemächtigte sich unser. Erst als wir uns von dem Wege abwandten und über einen bewaldeten Bergrücken hinweg in einen Kessel eintraten, von dem weder das Kloster Jahantsi Kure, noch der Dugun, noch das Grab der sterbenden Mongolen sichtbar war, konnten wir wieder freier atmen.

Wir waren an einen großen See gelangt. Es war der Tisingol. Am Ufer stand ein großes russisches Haus, die Telegraphenstation zwischen Kosogol und Uliassutai.

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