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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 23
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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20. Kapitel.
Der Dämon von Jagisstai

Unsere kleine Kolonne von vier Reitkamelen drang in nördlicher Richtung im Tale des Boyagol-Flusses auf die Tarbagatai-Berge zu vorwärts. Die Straße war steinig und mit tiefem Schnee bedeckt. Unsere Kamele schritten sehr vorsichtig aus und suchten bei den Ok-Ok-Rufen der Kameltreiber schnaubend den Weg. Wir ließen die Festung und den chinesischen Dugun hinter uns, bogen dann hinter einem Hügelrücken ab und begannen, nachdem wir mehreremale durch einen eisfreien Strom hatten hindurchreiten müssen, die Besteigung eines Bergkammes. Dieser Marsch wurde zu einer schweren, gefährlichen Arbeit. Unsere Kamele beobachteten äußerste Vorsicht und bewegten beständig die Ohren, wie es in solchen Lagen ihre Angewohnheit ist. Der Weg lief im Zickzack in Bergschluchten hinauf, führte über Bergrücken hinüber und zog dann abermals in Täler hinab, die jedoch weniger tief eingeschnitten waren, so daß wir immer größere Höhen erreichten. An einer Stelle erblickten wir unter den über den Bergrücken lagernden grauen Wolken schwarze Flecke auf der weißen Schneefläche über uns.

»Das sind die Obos, die Altäre für die bösen Geister dieses Passes«, erklärte der Führer. »Der Paß wird Jagisstai genannt. Viele uralte Geschichten sind über ihn bis heute im Umlauf. Diese Geschichten sind so alt wie diese Berge.«

Wir forderten ihn auf, uns einiges davon zu berichten.

Der Mongole gab sich auf seinem Kamel einen Ruck, blickte ängstlich um sich und begann seine Erzählung:

»Es war vor langer, langer Zeit ... Der Enkel des großen Dschingis Khan saß auf seinem chinesischen Throne und herrschte über Asien. Die Chinesen töteten ihren Khan und wollten seine ganze Familie ausrotten. Doch ein heiliger, alter Lama rettete die Frau und den kleinen Sohn des Kaisers und brachte beide auf schnellen Kamelen nach dem Gebiet jenseits der großen Mauer, von wo sie nach unseren Steppen gelangten. Die Chinesen suchten lange Zeit nach den Spuren der Flüchtlinge und fanden schließlich heraus, wohin sie sich gewandt hatten. Eine starke chinesische Abteilung auf schnellen Pferden wurde ausgesandt, sie zu fangen. Fast hätten die Chinesen den fliehenden Erben des Khans erreicht. Doch der Lama erflehte starken Schneefall vom Himmel, so daß nur Kamele, aber keine Pferde durch den Schnee gelangen konnten. Dieser Lama stammte aus einem abgelegenen Kloster. Wir werden selber dorthin kommen. Um es zu erreichen, muß man über den Jagisstai hinüber. Gerade an dieser Stelle wurde der alte Lama plötzlich von einer Krankheit befallen, so daß er tot aus dem Sattel zu Boden stürzte. Ta Sin Lo, die Witwe des großen Khan, brach in Tränen aus. Als sie sah, daß die chinesischen Reiter dort unten im Tal heranbrausten, wollte sie dennoch den Marsch nach dem Paß fortsetzen. Aber die Kamele waren erschöpft und blieben alle Augenblicke stehen. Die Frau wußte nicht, wie man sie antreiben mußte. So kamen die chinesischen Reiter immer näher und näher. Ihre Freudenrufe waren bereits zu vernehmen, denn sie fühlten schon den für die Ergreifung des Thronerben von den Mandarinen ausgesetzten Preis in ihren Fäusten. Sie wollten die Köpfe von Mutter und Sohn nach Peking zurückbringen, um sie dort der Verhöhnung durch das Volk auf dem Tschien-Men auszusetzen. Die erschreckte Mutter hielt ihren kleinen Sohn gen Himmel und rief:

»Erde und Götter der Mongolei, schaut auf den Sprößling des Mannes, der den Namen der Mongolen von einem Ende der Welt zum anderen berühmt gemacht hat! Gestattet nicht, daß das wahre Blut Dschingis-Khans zugrunde geht!«

Da sah sie eine weiße Maus, die auf einem nahen Felsen saß. Die Maus sprang ihr aufs Knie und sagte:

»Ich bin hierher gesandt, Dich zu retten. Gehe ruhig weiter und fürchte nichts! Die Leute, die Dich und Deinen Sohn, dem ein ruhmvolles Leben bestimmt ist, verfolgen, haben das Ziel ihres Lebens erreicht.«

Ta Sin Lo konnte nicht verstehen, wie eine winzige Maus dreihundert Mann aufhalten könnte. Die Maus sprang auf den Boden und sprach weiter: »Ich bin der Dämon von Tarbagatai, Jagisstai, ich bin mächtig und der Liebling der Götter. Da Du aber die Macht der wundervollbringenden Maus bezweifelt hast, so wird von heute an der Jagisstai für Böse und Gute gefährlich sein.«

Die Witwe des Khans und sein Sohn wurden gerettet. Aber bis heute kennt Jagisstai keine Gnade. Auf der Reise über diesen Paß muß man stets auf der Hut sein. Der Dämon des Berges ist immer bereit, den Reisenden in Fallen zu locken.« –

Alle Höhenrücken des Tarbagatai tragen Obos in großer Zahl. An einer Stelle war ein förmlicher Turm aus Steinen errichtet worden. Der Dämon schien uns zu erwarten. Denn als wir den Anstieg des Hauptrückens begannen, blies er uns scharfen, kalten Wind ins Gesicht, der uns umpfiff und umbrüllte. Dann schleuderte er uns Blöcke von Schnee entgegen, die von den Hängen über uns abgetrieben waren. Wir konnten um uns herum nichts erkennen und waren kaum imstande, das nächste Kamel vor uns zu sehen.

Plötzlich fühlte ich einen Stoß. Ich blickte mich um. Doch war nichts Ungewöhnliches zu erblicken. Ich saß bequem zwischen meinen beiden mit Fleisch und Brot angefüllten Satteltaschen, aber ... ich konnte den Kopf meines Kamels nicht sehen. Das Kamel war verschwunden. Es schien ausgeglitten und in eine enge Schlucht gefallen zu sein, während die großen Satteltaschen an einem Felsen hängen geblieben waren. Dieses Mal hatte der Dämon von Jagisstai sich nur einen Scherz erlaubt, einen Scherz, der ihm jedoch noch nicht zu genügen schien; denn er wurde immer wütender!

Mit rasenden Windstößen suchte er uns und unser Gepäck von den Kamelen zu reißen, unsere Tiere niederzuwerfen und uns mit gefrorenen Schneestücken Atem und Sehvermögen zu rauben. Lange Stunden hindurch schleppten wir uns in dem tiefen Schnee ganz langsam vorwärts. Schließlich kamen wir in ein kleines Tal, in dem der Wind mit tausendstimmiger Kraft pfiff und heulte. Es war dunkel geworden. Der Mongole lief herum und suchte den Weg. Endlich kam er zurück, gestikulierte mit den Armen und sagte:

»Wir haben uns verlaufen. Wir müssen die Nacht hier zubringen. Das ist sehr schlimm; denn es gibt hier kein Holz für unseren Ofen und die Kälte wird noch schärfer werden.«

Mit großer Mühe gelang es uns, mit erfrorenen Händen das Zelt in dem Wind aufzurichten. Wir stellten in ihm den hier nutzlosen Ofen auf. Wir bedeckten das Zelt mit Schnee, gruben lange Löcher in die zusammengetriebenen Schneemassen und zwangen unsere Kamele, sich dorthin zu legen, indem wir »dzuk, dzuk«, das Befehlswort zum Niederknien, ausriefen. Dann brachten wir das Gepäck in das Zelt.

Mein Gefährte lehnte sich gegen den Gedanken auf, eine kalte Nacht neben einem unbenutzten Ofen zubringen zu müssen.

»Ich gehe hinaus, Feuerholz suchen,« sagte er entschlossen.

Er ergriff eine Axt und verschwand. Nach einer Stunde kam er mit einem großen Stück Telegraphenstange zurück. »Hört, Ihr Dschingis Khane,« sagte er, indem er seine erfrorenen Finger rieb, »wenn Ihr Eure Aexte nehmt und dort hinauf etwas nach links geht, dann werdet Ihr umgestürzte Telegraphenstangen finden. Ich habe die Bekanntschaft des guten Jagisstai gemacht, der mir die Pfähle gezeigt hat.«

Nur eine geringe Strecke von uns entfernt lief die russische Telegraphenlinie, die vor den Tagen der Bolschewiki Irkutsk mit Uliassutai verbunden hatte, die von den Mongolen auf Befehl der Chinesen niedergelegt und ihrer Drähte beraubt worden war. Diese Pfähle wurden nun Retter der den Paß überschreitenden Reisenden. Ihnen hatten wir es zu danken, daß wir die Nacht in einem warmen Zelt zubrachten und ein warmes Abendbrot, bestehend aus heißer Fleischsuppe mit Nudeln, mitten im Herrschaftsgebiet des zornigen Jagisstai einnehmen konnten.

Früh am nächsten Morgen fanden wir den Weg wieder. Er führte nicht mehr als zwei- bis dreihundert Schritte an unserem Zelt vorbei. So setzten wir den Marsch über die Kette des Tarbagatai fort.

Am Beginn des Adair-Flußtales sahen wir eine Menge mongolischer Krähen mit karminroten Schnäbeln die Felsen umkreisen. Wir näherten uns dieser Stelle und entdeckten dort die Leichen eines Pferdes und eines Reiters, die erst vor kurzem zu Fall gekommen sein konnten. Es war schwer zu erraten, was ihnen zugestoßen war. Sie lagen dicht nebeneinander, der Zügel war um die rechte Hand des Mannes geschlungen. Kein Messerstich, keine Schußwunde war zu erblicken. Die Züge des Mannes waren unkenntlich. Sein Mantel war mongolisch, doch waren seine Hosen und sein Jackett nicht nach mongolischer Art geschnitten. Wir fragten uns, was Reiter und Pferd zugestoßen sein mochte.

Unser Mongole senkte ängstlich sein Haupt und meinte flüsternd, aber mit bestimmtem Tone: »Das ist die Rache des Jagisstai. Der Reiter hat an dem südlichen Obo kein Opfer dargebracht. Deshalb hat der Dämon ihn und sein Pferd erwürgt.«

Endlich lag die Tarbagatai-Kette hinter uns. Zu unseren Füßen das Tal des Adair. Dieses ist eine enge, im Zickzack verlaufende Ebene, die dem von Bergketten eingerahmten Fluß folgt und mit saftigem Grase bedeckt ist. Das Tal war durch die zerstörte Telegraphenlinie in zwei Teile geteilt. Die Zerstörung des Telegraphen zwischen Irkutsk und Uliassutai war infolge der aggressiven Politik Chinas in der Mongolei notwendig geworden.

Bald stießen wir auf große Schafherden, die durch den Schnee hindurch nach dem sehr nahrhaften Grase suchten. An einigen Stellen zeigten sich an den höheren Hängen der Berge Yaks und Ochsen. Doch nur einmal konnten wir einen Hirten sehen; denn die Bewohner des Landes schienen die Durchreisenden zu meiden. Es waren auf dem Wege keine Jurten zu finden. Die Nomaden sind sehr geschickt in der Auswahl der Stellen für ihre Winterquartiere. Ich habe oft im Winter mongolische Jurten besucht, die sich an so geschützten Stellen befanden, daß ich, der ich von der windigen Ebene kam, das Gefühl hatte, mich in einem Treibhaus zu befinden.

Als wir uns unterwegs einer großen Schafherde näherten, zog der größere Teil der Herde allmählich ab. Von dem kleineren Teil entfernten sich, als wir noch näher herankamen, ungefähr dreißig oder vierzig Tiere, die den Berghang hinaufsprangen. Ich nahm mein Fernglas ans Auge und machte folgende Entdeckung: Der Teil der Herde, der auch jetzt noch stehen geblieben war, bestand aus gewöhnlichen Schafen. Der größere Teil, der über die Ebene abgezogen war, wurde von mongolischen Antilopen (gazella gutturosa) gebildet. Die wenigen Tiere jedoch, die den Berg hinaufgeklettert waren, waren Hornschafe (ovis Argali). Die ganze Gesellschaft hatte zusammen mit den Hornschafen auf der Ebene des Adairtales gegrast. Das Tal war offenbar, selbst jetzt im Winter, ein guter Weidegrund. An vielen Stellen war der Fluß nicht zugefroren, und hin und wieder sah ich große Dampfwolken über der Oberfläche des offenen Wassers. Einige der Antilopen und Hornschafe äugten zu uns herüber.

»Jetzt werden sie bald versuchen, unseren Weg zu kreuzen,« lachte der Mongole. »Die Antilopen sind sehr komische Tiere. Manchmal laufen sie meilenweit, um vor die Pferde der Reiter kommen und vor diesen den Weg kreuzen zu können, dann aber, nachdem dies geschehen ist, grasen sie wieder ganz ruhig.«

Diese Strategie der Antilopen war mir bereits bekannt. Ich beschloß sie für meine Jagdzwecke auszunutzen. Unsere Jagd wurde in folgender Weise organisiert: Wir ließen einen Mongolen mit dem Lastkamel in derselben Richtung weiter vorgehen. Die übrigen drei von uns gingen aber in Fächerform auseinander und bewegten sich rechts von der Straße auf die Herde zu. Die Herde stand sofort erstaunt still; denn ihre Etikette verlangte, daß sie vor allen vier Reitern zu gleicher Zeit die Straße kreuzen mußten. Es waren ungefähr dreitausend Tiere. Diese ganze Armee lief nun ziellos von einer Seite zur anderen. Es entstand völlige Verwirrung. Eine Gruppe von etwa fünfzig Stück stürmte in zwei Reihen auf den Punkt zu, an dem ich mich befand. Ich stieß einen Ruf aus und schoß. Die Tiere blieben sofort stehen, flogen herum und stürzten dabei, teilweise sich gegenseitig überspringend, durcheinander. Ihre Panik sollte sie teuer zu stehen kommen; denn sie gab mir Gelegenheit, viermal zu schießen und zwei prächtige Tiere zu erlegen. Mein Freund war noch glücklicher als ich, er schoß nur einmal in die Herde hinein, die in parallelen Linien an ihm vorbeiraste, und brachte mit einem Schuß zwei Tiere zur Strecke.

Inzwischen waren die Hornschafe den Berg weiter hinaufgeklettert und hatten sich dort wie Soldaten in Reih und Glied aufgestellt. Sie beobachteten uns scharf. Selbst bei dieser Entfernung konnte ich ihre muskulösen Körper mit den majestätischen Köpfen und starken Hörnern ganz klar erkennen.

Nachdem wir unsere Beute aufgelesen hatten, holten wir den Mongolen ein, der vorausgeritten war, und setzten die Reise fort. An vielen Stellen stießen wir auf die Kadaver von Schafen, denen die Hälse aufgerissen und das Fleisch von den Flanken weggefressen war.

»Das ist Wolfsarbeit,« sagte der Mongole. »Es gibt in dieser Gegend sehr viele Wölfe.«

Wir trafen noch viele andere Antilopenherden an, die stets so lange neben uns herstürmten, bis sie vor uns den Sprung über die Straße tun konnten. Dann standen sie jedesmal still und grasten friedlich weiter. Einmal wandte ich, um die Antilopen an der Nase herumzuführen, mein Kamel in entgegengesetzte Richtung. Die ganze Herde nahm sofort die Herausforderung an, stürmte in paralleler Richtung mit meiner neuen Marschroute, bis sie bequem vor mir über die Straße hinweg konnte. Da wandte ich mein Kamel von neuem um, worauf die Tiere sogleich dasselbe Manöver begannen, was sie auf ihren ersten Weidegrund zurückbrachte. Bei einer anderen Gelegenheit wiederholte ich diesen Trick dreimal mit einer bestimmten Herde, was mich über die törichten Gewohnheiten dieser Tiere herzlich lachen ließ.

Wir mußten in diesem Tal eine sehr unangenehme Nacht zubringen. Es wurde an dem Ufer des zugefrorenen Stromes an einer Stelle Halt gemacht, an der wir durch eine hohe, überhängende Klippe gegen den Wind Deckung fanden. In unserem Ofen brannte das Feuer. In unserem Kessel kochte Wasser. So war auch unser Zelt warm und gemütlich. Wir wollten uns gerade der Ruhe hingeben und freuten uns schon auf das Abendessen, als wir plötzlich unmittelbar außerhalb des Zeltes ein höllisches Geheul und Gelächter hörten, während von der anderen Seite des Tals als Antwort langgezogenes klägliches Heulen erklang.

»Wölfe,« sagte der Mongole in aller Ruhe, ergriff seinen Revolver und verließ das Zelt. Er kehrte längere Zeit nicht zurück. Endlich hörten wir einen Schuß. Kurz danach betrat er das Zelt.

»Ich habe ihnen ein wenig Furcht eingejagt,« sagte er. »Sie hatten sich am Ufer des Adair um den Leichnam eines Kamels versammelt.«

»Hoffentlich sind sie nicht an unsere Kamele gegangen?« fragten wir.

»Wir werden vor dem Zelt ein Feuer machen, dann werden sie uns in Ruhe lassen.«

Nach dem Abendessen legten wir uns schlafen. Doch war ich lange Zeit wach und lauschte auf das Knistern des im Feuer brennenden Holzes, das tiefe seufzende Atmen der Kamele und das entfernte Geheul der Wolfsmeuten. Schließlich fiel ich trotz all dieser Geräusche in Schlaf. Wie lange ich wohl geschlafen haben mochte, wußte ich nicht, als ich plötzlich durch einen starken Stoß in meine Seite wach wurde. Ich lag hart am Rande des Zeltes. Irgend etwas von draußen war ohne die geringste Zeremonie heftig gegen mich gerannt. Ich dachte, es sei vielleicht eines der Kamele gewesen, das an dem Filz des Zeltes genagt hätte. So ergriff ich meinen Mauserrevolver und schlug energisch gegen die Zeltwand. Ein scharfes Geheul ertönte, dem das Geräusch geschwind hinweglaufender Füße folgte.

Am nächsten Morgen stellten wir Fußspuren von Wölfen fest, die nahe an das Zelt herangekommen waren und versucht hatten, unter der Zeltmauer zu graben. Offenbar hatte sich aber einer der Räuber mit einer Beule auf dem Schädel zurückziehen müssen.

»Wölfe und Adler sind die Diener des Jagisstai,« sagte der Mongole mit großem Ernst. Dies hindert die Mongolen indessen nicht, die Wölfe zu jagen. Im Lager des Fürsten Baysei wurde ich einst Zeuge einer solchen Jagd. Die mongolischen Reiter holten auf ihren besten Pferden die Wölfe in der offenen Ebene ein und erschlugen sie mit schweren Bambusknüppeln, Tashur genannt. Ein russischer Tierarzt hatte die Mongolen einmal gelehrt, Wölfe mit Strychnin zu vergiften, aber dieses Verfahren wurde von den Mongolen bald aufgegeben, da es ihre Hunde, die treuen Freunde und Verbündeten der Nomaden, gefährdete. Die Mongolen gehen aber niemals gegen Adler und Habichte vor, sie füttern sie sogar. Wenn sie Tiere schlachten, werfen sie oft, so wie wir den Hunden Futter zuwerfen, Fleischstücke in die Luft, die von den Habichten und Adlern im Fluge erhascht werden. Die Adler und Habichte werden sehr geschätzt, weil sie die Krähen und Elstern verscheuchen, die für das Vieh und die Pferde gefährlich sind; denn sie kratzen und hacken in die Wunden, die sich auf den Rücken der Tiere befinden.

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