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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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19. Kapitel.
Die wilden Tschahars

Nach unserer Rückkehr nach Uliassutai hörten wir, daß der mongolische Sait beunruhigende Nachrichten von Muren-Kure erhalten habe. In dem Brief, den er erhalten hatte, wurde mitgeteilt, daß Rote Truppen den Oberst Kazagrandi in Gebiete des Kosogol-Sees zurückgedrängt hatten. Der Sait fürchtete, daß die Roten auf Uliassutai vorstoßen würden. Infolgedessen liquidierten die beiden amerikanischen Firmen ihre Geschäfte, auch alle unsere anderen Freunde bereiteten sich zu schnellem Aufbruch vor, obgleich sie aus Furcht, auf das von Osten geschickte Tschahar-Detachement zu stoßen, zögerten, die Stadt zu verlassen.

Wir beschlossen, die Ankunft dieses Detachements abzuwarten, da hierdurch die ganze Lage geändert werden konnte. Nach wenigen Tagen traf es ein. Es bestand aus zweihundert kriegerischen Tschahar-Räubern, die unter dem Befehl eines chinesischen Hunghutze standen. Dieser war ein großer, fast nur aus Knochen und Haut bestehender Mann, dessen Hände beinahe bis zu den Knien hinabreichten. Sein Gesicht war von Wind und Sonne geschwärzt, zwei breite lange Narben zogen sich über Stirn und Backe, eine lief schräg über eine leere Augenhöhle.

Das Detachement kampierte in der zerstörten Festung in der Nähe eines chinesischen Gebäudes, das beim Sturme der Mongolen nicht der allgemeinen Vernichtung verfallen war und jetzt dem chinesischen Kommissar als Hauptquartier diente. Schon am Tage ihrer Ankunft plünderten die Tschahars einen chinesischen Dugun oder Handelsniederlassung, der kaum eine halbe Meile von der Festung entfernt lag. Sie beleidigten auch die Frau des chinesischen Kommissars, sie nannten sie Verräterin. Die Tschahars hatten mit dieser Behauptung nicht unrecht, denn der chinesische Kommissar Wang-Tsao-tsun war nach seiner Ankunft in Uliassutai der allgemeinen Sitte der Chinesen in den Dominions gefolgt und hatte eine mongolische Konkubine. Der servile neue Sait hatte daraufhin Befehl gegeben, ihm ein schönes mongolisches Mädchen zur Verfügung zu stellen.

Raubüberfälle, Streitigkeiten und Orgien betrunkener Tschahars waren an der Tagesordnung, so daß sich Wang-Tsao-tsun alle Mühe gab, das Detachement schleunigst in westlicher Richtung auf Kobdo und weiter nach Urianhai hinein abzuschieben.

Als sich die Einwohner von Uliassutai am Morgen eines kalten Wintertages erhoben, wurden sie Zeugen einer sehr merkwürdigen Szene. Die Hauptstraße der Stadt entlang zog die Tschahar-Abteilung. Die Krieger ritten auf ihren kleinen mageren Ponies in Gliedern von drei und drei. Sie waren in warme blaue Röcke und Mäntel aus Schafpelz gekleidet, trugen die vorschriftsmäßigen Bärenfellkappen und waren bis an die Zähne bewaffnet. Sie ritten mit wilden Rufen und Schreien die Straße hinunter und blickten dabei mit gierigen Augen nach den chinesischen Läden und den Häusern der russischen Kolonisten. An ihrer Spitze ritt der Hunghutzenhäuptling, drei weißmäntelige Reiter hinter sich, die wehende Banner trugen und auf Muscheln etwas bliesen, was sie wohl für Musik hielten.

Einer der Tschahars konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er sprang vom Pferde und stürzte sich in einen chinesischen Laden. Sofort ertönten die ängstlichen Schreie der chinesischen Kaufleute aus dem Hause. Da schwang der Hunghutze sogleich sein Pferd herum, er sah das Pferd des Tschahars an der Ladentür und verstand, was sich dort zutrug. Mit rauher Stimme rief er den Tschahar heraus. Als dieser kam, schlug er ihm mit aller Kraft mit seiner Peitsche mitten ins Gesicht. Blut floß von der gepeitschten Backe. Doch der Tschahar war schon nach einer Sekunde ohne Murren wieder im Sattel und galoppierte in Reih und Glied zurück.

Bei diesem Abzug der Tschahars verbarg sich jedermann in den Häusern. Man wagte nur ängstlich durch Türspalten und um Fensterecken herum den abziehenden Kriegern nachzuspähen. Doch abgesehen von diesem einen Vorfall vollzog sich der Abmarsch friedlich. Erst als die wilden Krieger etwa sechs Meilen außerhalb der Stadt auf eine chinesische Weinkarawane stießen, brach ihre angeborene Leidenschaft durch. Sie plünderten die Karawane und leerten mehrere Fässer. In der Nähe von Hargama fielen sie danach in einen Hinterhalt, den ihnen Tushegoun Lama gelegt hatte, und wurden dabei so behandelt, daß sich die Weidegründe der Tschahars nicht freuen werden, wenn diese Krieger, die ausgesandt wurden, um die Sojotenabkömmlinge des Tuba zu besiegen, zu ihnen zurückkehren werden.

Am Tage, an dem die Abteilung Uliassutai verließ, war starker Schneefall, so daß die Wege bald ungangbar wurden. Es waren deswegen keine Mongolen zu finden, die bereit gewesen wären, sich auf den Weg zu begeben, selbst nicht mit Ochsen und Yaks. Bei diesen Wetterverhältnissen waren nur Kamele verwendbar, doch gab es nur wenige Kamele in Uliassutai und auch ihre Treiber glaubten nicht bis zur nächsten Eisenbahnstation, nach Kuku-Hoto, gelangen zu können, das ungefähr 1400 Meilen entfernt war. So schienen wir von neuem zum Warten gezwungen zu sein. Zum Warten worauf? Auf den Tod oder auf Rettung? Nur unsere eigene Kraft konnte uns helfen. So beschlossen mein Freund und ich trotz allem aufzubrechen, nachdem wir uns mit einem Zelt, einem Ofen und Lebensmitteln versehen hatten.

Wir wollten das Ufer des Kosogol-Sees auskundschaften, von wo der mongolische Sait die Ankunft Roter Truppen erwartete.

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