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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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Teil II.
Das Land der Dämonen

17. Kapitel.
Die geheimnisvolle Mongolei

Im Herzen Asiens liegt die weite, geheimnisvolle, reiche Mongolei. Sie erstreckt sich von den schneeigen Hängen des Tien Schan und den heißen Sandsteppen der westlichen Tsungarei bis zu den bewaldeten Höhen des Sajangebirges und der großen Mauer Chinas über eine ungeheuer weite Fläche Mittelasiens.

Die Mongolei ist die Wiege der Völker, von ihr sind Geschichtsepochen ausgegangen, sie ist von Legenden umwoben. Sie ist das Geburtsland blutiger Eroberer, deren Hauptstädte heute unter dem Sand der Gobi vergraben liegen, deren geheimnisvolle Beziehungen und alten Nomadengesetze aber bis zur Gegenwart lebendig geblieben sind; sie ist das Gebiet von Mönchen und bösartigen Teufeln, das Land herumwandernder Stämme, die von den Abkömmlingen Dschingis Khans und Kublai Khans, den Khanen und Prinzen der jüngeren Linien, regiert werden.

Die Mongolei ist das geheimnisvolle Land des Kultes des Rama, Sakia-muni, Djonkapa und Paspa, des Kultes, der durch die Person des »Lebenden Buddha« – Bogdo Gheghen in Ta Kure oder Urga –, des als dritthöchsten Würdenträgers der lamaistischen Religion wiedergeborenen Buddha, vertreten wird; sie ist das Land geheimnisvoller Doktoren, Propheten, Zauberer, Wahrsager und Hexenmeister, das Land der Swastika, das Land, das noch immer nicht die Gedanken der vor langer Zeit verstorbenen, zu Herrschern über Asien und die Hälfte von Europa gewordenen großen Potentaten vergessen hat.

Die Mongolei ist das Land nackter Gebirge und kahler Ebenen, die die Sonne verbrannt und die Kälte gemordet hat, das Land kranker Rinder und kranker Menschen, das Nest der Pest, scheußlicher Hautkrankheiten und der Pocken. Sie ist das Land kochend heißer Quellen und gefährlicher Bergpässe, auf denen böse Geister wohnen, das Land heiliger fischreicher Seen, das Land der Wölfe, seltener Hirscharten und Bergziegen, das Land zahlloser Murmeltiere, wilder Pferde, wilder Esel und wilder Kamele, die niemals gezügelt worden sind, das Land wütender Hunde und gieriger Raubvögel, die die auf den Ebenen ausgesetzten Leichen der Menschen verschlingen.

Die Mongolei ist das Land, dessen aussterbende, primitive Bevölkerung auf die im Sand und Staub der Ebenen bleichenden Gebeine großer Väter blickt, in dem ein Volk dahinschwindet, das einst China, Siam, Nordindien und Rußland erobert hat, dessen Streiter aber dann von den Speeren polnischer Ritter aufgehalten wurden, die damals die ganze christliche Welt gegen den Einbruch des wilden Asien verteidigten.

Die Mongolei ist das Land, das an Bodenschätzen zum Bersten reich ist, das aber nichts produziert, dem alles fehlt, das Not leidet und auf das das gegenwärtige Weltverhängnis in schwerer Weise drückt.

In diesem Land, so wollte es das Geschick, mußte ich in meinem Ringen ums Leben und in meinem Streben, in Sicherheit zu kommen, ein halbes Jahr zubringen, nachdem mein Vorsatz, den Indischen Ozean über Tibet zu erreichen, sich als unausführbar erwiesen hatte.

Mein alter, treuer Freund und ich wurden in den Wirbelwind der außerordentlich wichtigen und gefährlichen Ereignisse hineingerissen, der im Jahre 1921 über die Mongolei hinwegfegte.

Diesem Umstande habe ich es zu danken, daß es mir möglich war, das ruhige, gutherzige und ehrliche mongolische Volk kennen zu lernen. Ich konnte in seiner Seele lesen, sah seine Leiden und seine Hoffnungen. Ich wurde zum Zeugen des furchtbaren Zustandes der Bedrücktheit und Furcht, in dem es im Angesicht des Mysteriums in diesem Lande dahindämmert, in dem das Mysterium das ganze Leben erfüllt. Ich beobachtete, wie Ströme während der schweren Winterkälte ihre Eisketten mit dumpfem Donnerkrachen zerbrachen, sah, wie Seen menschliche Gebeine an ihre Ufer warfen, hörte, wie wilde Stimmen in den Bergschluchten ertönten, stellte Feuerflammen auf morastartigen Steppen fest, erblickte brennende Seen, schaute zu Bergen hinauf, deren Spitzen unbesteigbar sind, stieß auf große Haufen sich windender, in Gruben überwinternder Schlangen, kam an Ströme, die ewig zugefroren sind, fand Felsen vor, die wie versteinerte Züge von Kamelen, Reitern und Karawanen aussahen, und überall erblickte ich die nackten, nackten Berge, deren Falten dem im Schein der Abendsonne in Blut getauchten Mantel Satans gleichen.

»Sehen Sie dorthin,« rief ein alter Hirte, indem er auf den Hang des verfluchten Zagastei wies. »Das ist kein Berg, das ist Er, der dort im roten Mantel liegt und den Tag erwartet, an dem er sich von neuem erheben wird, um abermals den Kampf mit den guten Geistern aufzunehmen.«

Als der Hirt das sagte, kam mir das mystische Gemälde des bekannten Malers Vroubel in Erinnerung. Es zeigt dieselben nackten Berge mit dem violett und purpurfarbigen Gewande Satans, dessen Gesicht durch eine näherkommende graue Wolke halb verdeckt ist.

Die Mongolei ist ein furchtbares Land des Mysteriums und der Dämonen. Es ist daher nicht erstaunlich, daß hier jede Verletzung der uralten Lebensordnung der wandernden Nomadenstämme in Strömen roten Blutes und in Schrecken ausläuft.

Nachdem wir von dem Koko-Nor-Bezirk nach der Mongolei zurückgekehrt waren und uns einige Tage in dem Narabantschi-Kloster ausgeruht hatten, lebten wir für einige Zeit in Uliassutai, der Hauptstadt des westlichen Teils der Aeußeren Mongolei. Uliassutai ist die letzte rein mongolische Stadt im Westen. In der Mongolei gibt es nur drei rein mongolische Städte, nämlich Urga, Uliassutai und Ulankom. Die vierte Stadt, Kobdo, hat ausgesprochen chinesischen Charakter, da sie die Zentrale der chinesischen Verwaltung dieses Bezirks ist, der von herumwandernden und die Herrschaft Pekings und Urgas nur nominell anerkennenden Stämmen bewohnt wird. In Uliassutai und Ulankom befanden sich außer den widerrechtlich anwesenden chinesischen Kommissaren und Truppen mongolische Gouverneure oder Saits, die von dem »Lebenden Buddha« ernannt waren.

Als wir in der Stadt eintrafen, befanden wir uns sogleich auf von politischen Leidenschaften wild bewegter See. Die Mongolen lehnten sich in leidenschaftlicher Erregung gegen die von den Chinesen in ihrem Land geführte Politik auf. Die Chinesen wüteten und forderten von den Mongolen Steuerzahlung für die ganze Zeit, seitdem China die Anerkennung der Autonomie der Mongolei abgezwungen worden war. Die russischen Kolonisten, die sich seit Jahren in der Nähe der Stadt und in der Nachbarschaft der großen Klöster und unter den herumwandernden Stämmen niedergelassen hatten, waren in politische Gruppen gespalten, die sich gegenseitig befehdeten. Aus Urga kam die Nachricht von dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit der Aeußeren Mongolei unter der Führung des russischen Generals Baron Ungern von Sternberg. Die russischen Offiziere und Flüchtlinge schlossen sich zu Detachements zusammen, die die chinesischen Behörden nicht dulden wollten, die aber von den Mongolen begrüßt wurden. Die Bolschewiki, denen die Bildung weißer Kampftruppen in der Mongolei Sorge machte, entsandten ihre Truppen nach den mongolischen Grenzen. Zwischen Irkutsk und Tschita und Uliassutai und Urga verkehrten Sendboten, die den chinesischen Kommissaren alle möglichen Vorschläge der Bolschewiki überbrachten. Die chinesischen Behörden in der Mongolei traten allmählich in wachsendem Maße in geheime Beziehungen zu den Bolschewiki und lieferten ihnen in Kjachta und Ulankom unter Verstoß gegen das Völkerrecht die russischen Flüchtlinge aus. In Urga richteten die Bolschewiki eine russische kommunistische Gemeinde ein. Die gesetzlichen russischen Konsuln taten nichts. Die im Gebiet von Kosogol und des Selengatales befindlichen roten Truppen lieferten dort Gruppen antibolschewistischer Offiziere Gefechte. Die chinesischen Behörden errichteten in den mongolischen Städten Garnisonen und entsandten Strafexpeditionen in das Land. Und um den Wirrwarr zu vervollständigen, führten die chinesischen Truppen Haussuchungen durch, bei denen sie sich Plündereien und Diebstähle zuschulden kommen ließen.

In was für eine Atmosphäre waren wir nach unserer schwierigen und gefährlichen Reise am Jenissei, durch Urianhai, die Mongolei, das Land der Torguten, Kansu und Koko Nor geraten!

»Wissen Sie,« sagte mein alter Freund zu mir, »ich würde lieber Parteigänger erwürgen und gegen Hunghutzen kämpfen als hier auf Nachrichten und immer schlimmere Nachrichten zu warten!«

Er hatte recht. Denn das Schlimmste an unserer Lage war, daß in diesem Gewirr von Tatsachen, Gerüchten und Klatsch sich die Roten Uliassutai hätten ohne Widerstand nähern und hier jedermann mit bloßen Händen ergreifen können.

Wir hätten gerne diese Stadt der Ungewißheiten verlassen. Doch wußten wir nicht, wohin wir uns begeben könnten. Im Norden lagen feindliche Parteigänger und rote Truppen. Im Süden hatten wir bereits mehrere unserer Gefährten verloren und selber Wunden davongetragen. Im Westen wüteten die chinesischen Verwaltungsbeamten und ihre Truppen, und im Osten war ein Krieg ausgebrochen, über den Nachrichten trotz der Versuche der chinesischen Behörden, alles geheimzuhalten, durchsickerten, die von dem Ernst der Lage in diesem Teil der Aeußeren Mongolei zeugten. Infolgedessen blieb uns nichts anderes übrig, als in Uliassutai zu bleiben. Hier lebten außer mir noch mehrere polnische Soldaten, die aus den Kriegsgefangenenlagern in Rußland entkommen waren, zwei polnische Familien und zwei amerikanische Firmen. Alle diese Leute befanden sich in der gleichen Lage wie wir. Wir schlossen uns zusammen und organisierten unseren eigenen Nachrichtendienst, der über die Entwicklung der Ereignisse sorgfältigst zu wachen hatte. Es gelang uns, zu dem chinesischen Kommissar und dem mongolischen Sait in ein gutes Verhältnis zu treten, was uns für unsere Orientierung sehr nützlich war.

Was ging hinter allen diesen Ereignissen in der Mongolei vor? Der sehr intelligente mongolische Sait von Uliassutai gab uns die folgende Erklärung:

»In Uebereinstimmung mit den zwischen der Mongolei, China und Rußland am 21. Oktober 1912, am 23. Oktober 1913 und am 7. Juni 1915 abgeschlossenen Abkommen wurde der Aeußeren Mongolei die Unabhängigkeit gewährt und sie als moralischer Führer unserer Gelben Lehre anerkannt. Seine Heiligkeit der »Lebende Buddha« wurde der Suzerain des mongolischen Volkes von Khalkha und der Aeußeren Mongolei mit dem Titel »Bogdo Djebtsung Damba Hutuktu Khan.« Solange Rußland stark war und seiner Politik in Asien Geltung verschaffte, achtete die Regierung von Peking den Vertrag. Aber als nach Beginn des Krieges mit Deutschland Rußland gezwungen war, seine Truppen aus Sibirien herauszuziehen, begann Peking die Wiederherstellung seiner in der Mongolei verlorenen Rechte zu fordern. Aus diesem Grunde wurden die beiden Verträge von 1912 und 1913 durch die Konvention von 1915 ergänzt. Als jedoch im Jahre 1916 alle Streitkräfte Rußlands in dem erfolglosen Kriege festgelegt waren, und als später im Februar 1917 die russische Revolution ausbrach, nahm sich die chinesische Regierung die Mongolei wieder offen zurück. Sie setzte überall andere mongolische Minister und Saits ein, Individuen, die China freundlich gesinnt waren. Sie ließ viele Anhänger der mongolischen Unabhängigkeitsbewegung verhaften und in Peking ins Gefängnis werfen. Sie richtete in Urga und anderen mongolischen Städten eine chinesische Verwaltung ein und entkleidete Seine Heiligkeit den Bogdo Khan jeder Verwaltungsrechte, indem sie ihn zu einer bloßen Unterzeichnungsmaschine für chinesische Dekrete machte. Schließlich schickte sie auch noch Truppen nach der Mongolei. Von diesem Augenblick an setzte ein starker Zustrom chinesischer Kaufleute und Kulis ein. Die Chinesen forderten die Zahlung der Steuern und Gebühren seit 1912. So wurde die mongolische Bevölkerung bald um ihren Besitz gebracht, so daß Sie jetzt in der Nachbarschaft unserer Städte und Klöster ganze Niederlassungen von zu Bettlern gemachten, in Erdlöchern wohnenden Mongolen finden können. Alle unsere mongolischen Arsenale und Schatzkammern wurden beschlagnahmt, alle Klöster zur Steuerzahlung gezwungen, alle Mongolen, die für die Freiheit ihres Landes eintraten, verfolgt. Durch Bestechung mit chinesischem Silber, Auszeichnungen mit Titeln schufen sich die Chinesen unter den ärmeren mongolischen Fürsten eine Gefolgschaft. So ist es leicht zu verstehen, daß die regierende Schicht, Seine Heiligkeit, die Khane, die Fürsten und hohen Lamas, wie auch das ruinierte und bedrückte Volk in Erinnerung daran, daß mongolische Herrscher einst über Peking und China regiert und China unter ihrer Regierungszeit die erste Stelle in Asien gegeben haben, jetzt gegen die so auftretenden chinesischen Verwaltungsbeamten ausgesprochen feindlich gesinnt sind. Auflehnung war indessen unmöglich. Wir hatten keine Waffen. Alle unsere Führer standen unter Bewachung und würden bei jeder Bewegung im Sinne eines bewaffneten Widerstandes ihre Laufbahn in denselben Pekinger Kerkern abgeschlossen haben, in denen bereits achtzig unserer Edlen, Fürsten und Lamas, unter Hunger und Qualen umgekommen sind. Ein außerordentlich starker Anstoß war notwendig, um das Volk zum Handeln zu bringen. Er wurde durch die chinesischen Administratoren General Tscheng Y und General Tschu Tschihsiang gegeben. Diese hatten angekündigt, daß Seine Heiligkeit der Bogdo Khan in seinem eigenen Palast ein Gefangener sei, und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß nach einem früheren Dekret der Pekinger Regierung – welches aber von den Mongolen als rechtswidrig angesehen wird – Seine Heiligkeit der letzte Lebende Buddha sei. Das war zu viel. Sofort wurden geheime Beziehungen zwischen dem Volk und ihrem Lebenden Gott angeknüpft und Pläne für die Befreiung Seiner Heiligkeit und den Freiheitskampf ausgearbeitet. Wir fanden bei dem großen Fürsten der Burjetten, Djam Bolon, Hilfe, der mit dem damals mit den Bolschewiki in Transbaikalien kämpfenden General Ungern Verhandlungen begann und ihn aufforderte, in der Mongolei einzumarschieren und uns im Kampf gegen die Chinesen zu helfen. So begann unser Freiheitskampf.«

Auf diese Weise erklärte der Sait von Uliassutai mir die Lage. Später trug sich dann folgendes zu: Nachdem Baron Ungern eingewilligt hatte, für die Freiheit der Mongolei zu kämpfen, ordnete er die Mobilmachung aller Mongolen in den nördlichen Bezirken an und sagte zu, dem Kerulen-Flusse folgend, mit seinem eigenen kleinen Detachement nach der Mongolei zu kommen. Danach knüpfte er mit dem anderen in der Mongolei befindlichen russischen Detachement, der Abteilung des Obersten Kazagrandi, Beziehungen an und begann, unterstützt von den mobilisierten mongolischen Reitern, den Angriff auf Urga. Zweimal wurde er geschlagen. Doch am 3. Februar 1921 gelang es ihm, die Stadt zu erobern und den »Lebenden Buddha« wieder auf den Thron der Khane zu setzen.

Gegen Ende des Monats März waren diese Ereignisse jedoch in Uliassutai noch unbekannt. Wir wußten weder etwas von dem Fall Urgas noch von der Vernichtung der aus nahezu 15 000 Mann bestehenden chinesischen Armee in den Schlachten von Maimaitscheng am Ufer des Tola und an den Straßen zwischen Urga und Ude. Die Chinesen gaben sich alle Mühe, die Wahrheit zu verbergen, indem sie jedermann verhinderten, westlich von Urga zu gelangen. Doch die Gerüchte lagen in der Luft und brachten alles in Aufregung. Die Atmosphäre wurde immer gespannter, und die Beziehungen zwischen den Chinesen auf der einen und den Mongolen und Russen auf der anderen Seite nahmen täglich an Schärfe zu.

In dieser Zeit war der chinesische Kommissar in Uliassutai Wang Tsao-tsun, sein Ratgeber hieß Fu Siang. Beide waren junge und unerfahrene Männer.

Die chinesischen Behörden entließen meinen Freund, den Sait von Uliassutai, den hervorragenden mongolischen Patrioten Fürsten Chultun Beyle und setzten an seine Stelle einen chinafreundlich gesinnten Lama-Fürsten, den früheren Vizekriegsminister von Urga.

Die Bedrückung wurde noch schlimmer. Jetzt begann man auch hier Haussuchungen in den Wohnungen der russischen Offiziere und Kolonisten abzuhalten und in offene Beziehungen zu den Bolschewiki zu treten. Verhaftungen und Prügeleien waren an der Tagesordnung. Die russischen Offiziere bildeten ein geheimes, aus sechzig Mann bestehendes Detachement, so daß sie sich nun verteidigen konnten. In diesem Detachement entstanden jedoch zwischen Oberstleutnant M. M. Michailoff und einigen seiner Offiziere Meinungsverschiedenheiten. Es war klar, daß im entscheidenden Augenblick das Detachement auseinanderfallen würde.

Wir Nichtrussen beschlossen, gründlich auszukundschaften, ob Gefahr in Bezug auf die Ankunft roter Truppen bestehe. Mein alter Freund und ich erklärten uns bereit, die Kundschafter zu sein. Fürst Chultun Beyle gab uns einen sehr guten Führer, einen alten Mongolen namens Tzeren, der fließend russisch sprechen und lesen konnte. Dieser Führer war eine sehr interessante Persönlichkeit, denn er hatte bereits die Stellung eines Dolmetschers sowohl bei den mongolischen Behörden wie auch gelegentlich bei dem chinesischen Kommissar eingenommen. Vor nicht langer Zeit war er als Sonderbote mit sehr wichtigen Depeschen nach Peking gesandt worden. Bei dieser Gelegenheit hatte der unübertreffliche Reiter die Reise zwischen Uliassutai und Peking, eine Entfernung von 1800 Meilen, in neun Tagen zurückgelegt, so unglaublich das auch klingen mag. Er hatte sich für diese Reise vorbereitet, indem er sich seinen Leib, die Brust, die Beine, die Arme mit starken baumwollenen Bandagen umband, um sich auf solche Weise gegen die Anstrengungen einer so langen Zeit im Sattel zu schützen. In seiner Kappe trug er drei Adlerfedern als Zeichen dafür, daß er Befehl erhalten hatte, mit der Geschwindigkeit eines Vogels zu fliegen. Mit einem besonderen Dokument versehen, Tzara genannt, das ihm das Recht gab, auf allen Poststationen die besten Pferde zu verlangen, nämlich eines zum Reiten und ein völlig gesatteltes Handpferd zum Wechseln, und sich von zwei Oulatchen oder Wachen als Bedeckung und zur Zurückführung der Pferde begleiten zu lassen, legte er die Entfernung von 15 bis 30 Meilen zwischen den Ourton genannten Stationen in gestrecktem Galopp zurück und hielt auf jeder Station nur gerade so lange an, wie zum Wechseln der Pferde und der Begleitung notwendig war. Vor ihm ritt ein Oulatchen, so daß er stets an der nächsten Station angemeldet werden konnte. Jeder Oulatchen hatte drei Pferde mit sich, was ihnen ermöglichte, sich von Sattel zu Sattel zu schwingen und ermüdete Tiere bis zu ihrer Rückkehr zurückzulassen. Auf jeder dritten Station nahm der Depeschenträger eine Tasse heißen grünen Tees zu sich, dann setzte er sofort sein Rennen in südlicher Richtung fort. Nach siebzehn oder achtzehn Stunden derartigen Reitens brachte er den Rest der Nacht auf einer Station zu, wo er vor dem Schlafengehen einen gesottenen Hammelschenkel verschlang. So reiste er neun Tage lang!

Mit diesem Mann als Diener traten wir an einem kalten Wintermorgen in Richtung auf Kobdo den Vormarsch an. Wir hatten von dort die beunruhigende Nachricht erhalten, rote Truppen seien in Ulankom eingezogen, und die chinesischen Behörden hätten ihnen dort alle Europäer ausgeliefert. Auf unserem Wege lag der Dzaphin-Fluß, der vereist war. Er ist ein furchtbarer Strom. Sein Bett ist mit Treibsand angefüllt, der im Sommer eine große Anzahl von Kamelen, Pferden und Menschen hinabzieht.

Nachdem wir die Hälfte des Weges nach Kobdo zurückgelegt hatten, stießen wir am Ufer des kleinen Sees Baga Nor auf die Jurte eines Hirten. Dort zwangen uns der hereinbrechende Abend und ein starker Schneesturm zu übernachten. Neben der Jurte stand ein prächtiger Falbe, der einen reich mit Silber und Korallen gezierten Sattel trug.

Als wir uns der Jurte von der Straße aus näherten, traten zwei Mongolen eiligst aus ihr heraus. Einer von ihnen sprang schnell in den Sattel und verschwand alsbald hinter den schneeigen Hügeln der Ebene. Wir konnten erkennen, daß er unter seinem großen Ueberzieher eine gelbe Robe trug und sahen, daß er ein großes, in grüner Lederscheide steckendes Messer bei sich führte, mit einem aus Horn und Elfenbein gefertigten Griff. Der andere Mann war der Besitzer der Jurte, der Hirte des ortsangesessenen Fürsten Novontziran.

Dieser machte ein Zeichen der Freude, als er uns sah. Er nahm uns in seiner Jurte auf.

»Wer war der Reiter auf dem Falben?« fragten wir ihn.

Er senkte die Augen und schwieg.

»Sag es uns,« forderten wir. »Wenn Du uns nicht seinen Namen sagst, so bedeutet das, daß Du schlechten Umgang hast.«

»Nein, nein,« wehrte er ab, indem er mit den Händen herumfuchtelte. »Er ist ein guter, ein großer Mann. Aber das Gesetz verbietet mir seinen Namen auszusprechen.«

Wir begriffen, daß der Mann entweder der Chef des Hirten oder irgend ein hoher Lama war. Infolgedessen bestanden wir nicht auf unserer Forderung und machten uns zum Schlafen bereit. Unser Gastfreund schickte sich an, drei Hammelschenkel für uns zu sieden, indem er mit seinem großen Messer geschickt die Knochen herausschnitt. Wir plauderten mit ihm und erfuhren, daß hier niemand rote Truppen gesehen hatte, aber daß in Kobdo und Ulankom die chinesischen Soldaten die Bevölkerung bedrückten und mongolische Männer, die ihre Frauen gegen diese Unholde verteidigten, mit Bambusknüppeln totprügelten. Einige der Mongolen waren deshalb nach den Bergen geflüchtet, um hier den Detachements unter der Führung von Kaigorodoff beizutreten, einem Tatarenoffizier von Altai, der sie mit Waffen versah.

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