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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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15. Kapitel.
Der Geisterzug

Ich kann diesem Teil meiner Reisebeschreibung vom Erofluß nach der Grenze von Tibet keinen anderen Titel geben. Die Entfernung von elfhundert Meilen legten wir über verschneite Gebirge und Wüstenboden in achtundvierzig Tagen zurück. Wir suchten während des Ritts ein Zusammentreffen mit anderen Menschen zu vermeiden, gönnten uns nur ganz kurze Aufenthalte an absolut gottverlassenen Stellen und aßen ganze Wochen hindurch nichts anderes als rohes gefrorenes Fleisch, um nicht die Aufmerksamkeit der Menschen durch unser Lagerfeuer auf uns zu ziehen. Wenn es durchaus nötig war, daß unsere Verpflegungsabteilung ein Schaf oder einen Stier kaufte, sandten wir zwei unbewaffnete Leute aus, die den Eingeborenen erzählen mußten, daß sie die Arbeiter russischer Kolonisten seien. Wir scheuten uns sogar, Schüsse abzugeben, obgleich wir z. B. eines Tages auf eine große, fünftausend Köpfe zählende Antilopenherde stießen. Hinter Balia im Gebiete des Lamas Jassaktu Khan, der durch die auf Befehl des »Lebenden Buddha« in Urga erfolgte Vergiftung seines Bruders auf seinen Thron gekommen war, trafen wir herumziehende russische Tataren, die ihre Herden den ganzen Weg vom Altai und von Abakan bis hierher getrieben hatten. Diese Leute begrüßten uns herzlich, versahen uns mit Ochsen und mit sechsunddreißig Ziegeln Tee. Sie retteten uns überdies vor unvermeidlichem Untergang, denn sie erzählten uns, daß es in dieser Jahreszeit für Pferde völlig unmöglich sei, durch die Gobi zu kommen, da es dann überhaupt kein Gras gibt. Wir müßten Kamele gegen unsere Pferde und unsere überflüssigen Vorräte austauschen. Einer der Tataren brachte am nächsten Tage einen reichen Mongolen nach ihrem Lager, mit dem er diesen Handel abschloß. Der Mongole gab uns neunzehn Kamele und nahm dafür unsere sämtlichen Pferde, ein Gewehr, eine Pistole und den besten Kosakensattel. Er riet uns, unter allen Umständen dem heiligen Kloster von Narabantschi einen Besuch abzustatten, dem letzten lamaistischen Kloster auf der Straße von der Mongolei nach Tibet. Er sagte uns, der Heilige Hutuktu, »die Wiedergeburt Buddhas«, würde sehr beleidigt sein, wenn wir das Kloster und seinen berühmten »Opferschrein der Segnungen«, an dem alle nach Tibet gehenden Reisenden zu opfern pflegten, nicht besuchen würden. Unser kalmückischer Lamaist pflichtete dem Mongolen bei. So beschloß ich, mit dem Kalmücken dorthin zu gehen. Die Tataren gaben mir einige große seidene Hatyks als Geschenke und liehen uns vier prächtige Pferde. Obgleich das Kloster fünfundfünfzig Meilen von dem Lagerplatz entfernt war, betrat ich um neun Uhr abends desselben Tages die Jurte dieses Heiligen Hutuktu.

Der Hutuktu war ein kleines glattrasiertes Männchen in mittlerem Alter, das den Namen Jelyp Djamsrap Hutuktu führte. Er empfing uns herzlich und freute sich sehr über das Hatyk-Geschenk wie auch über meine Kenntnisse in mongolischen Etikettefragen, in denen mich mein Tatar seit langer Zeit mit großer Ausdauer unterwiesen hatte. Er hörte mir höchst aufmerksam zu und gab mir für den einzuschlagenden Weg wertvollen Rat. In Erwiderung unseres Geschenkes überreichte er mir einen Ring, der mir seitdem die Türen zu allen lamaistischen Klöstern öffnete. Der Name dieses Hutuktu wird nicht nur in der ganzen Mongolei, sondern auch in Tibet und in der lamaistischen Welt Chinas hochgeehrt. Wir brachten die Nacht in seiner prächtigen Jurte zu und besuchten am nächsten Morgen die Opferschreine, wo gerade ein feierlicher Gottesdienst unter musikalischer Begleitung von Gongs, Tamtams und Pfeifen stattfand. Die Lamas stimmten mit ihren tiefen Organen die Gebete an, während die geringeren Priester stets mit demselben Refrain erwiderten. Der heilige Satz: »Om! Mani padme Hom!« wurde endlos wiederholt.

Der Hutuktu wünschte eine erfolgreiche Reise, schenkte uns einen großen gelben Hatyk und begleitete uns nach der Klosterpforte. Als wir in den Sätteln saßen, sagte er:

»Denken Sie daran, daß Sie hier immer willkommene Gäste sein werden. Das Leben ist sehr verwirrt und kann jede Wendung nehmen. Vielleicht werden Sie in der Zukunft noch einmal gezwungen sein, unsere abgelegene Mongolei zu besuchen. Dann versäumen Sie bitte nicht, Narabantschi Kure aufzusuchen.«

In derselben Nacht kehrten wir zu dem Lagerplatz der Tataren zurück, um unsere Reise am nächsten Tage fortzusetzen. Da ich müde war, waren mir die langsamen und bequemen Bewegungen des Kamels willkommen und beruhigend. Den ganzen Tag über döste ich vor mich hin und verfiel ab und zu in Schlaf. Das sollte mir zum Verhängnis werden. Denn als mein Kamel einmal das steile Ufer eines Flusses hinaufging, fiel ich im Schlaf herunter und schlug mit dem Kopf so hart gegen einen Stein, daß ich das Bewußtsein verlor, beim Aufwachen fand ich meinen Mantel mit Blut befleckt. Meine Freunde standen mit erschreckten Gesichtern um mich herum. Sie verbanden meinen Kopf. Dann ging es weiter. Ich erfuhr erst sehr viel später von einem Arzt, der mich untersuchte, daß mich meine Siesta einen Schädelbruch gekostet hatte.

Wir überquerten die östlichen Bergreihen des Altai und des Karlik Tag, die äußersten Vorposten, die das Gebirgssystem des Tien Schan in der Richtung auf die Gobi vorgeschoben hat. Dann durchritten wir von Norden nach Süden die ganze Khuhu Gobi. Schärfste Kälte herrschte während dieser ganzen Zeit. Doch erlaubte uns der gefrorene Sand glücklicherweise, unser Tempo zu beschleunigen. Bevor wir die Khara-Kette überschritten, tauschten wir unsere Kamele wieder gegen Pferde ein. Bei diesem Geschäft zogen uns die Torguten das Fell über die Ohren.

Dem Rande dieser Berge folgend, gelangten wir in die Provinz Kansu. Das war ein gefährlicher Schritt, denn die Chinesen nahmen alle Flüchtlinge fest, so daß ich für meine russischen Reisebegleiter besorgt sein mußte. Tagsüber verbargen wir uns in Schluchten, Wäldern und Buschwerk, des Nachts machten wir Gewaltmärsche. Die wenigen chinesischen Bauern, die wir trafen, machten einen friedlichen Eindruck und zeigten sich sehr gastlich. Ausgesprochen sympathisches Interesse fanden der Kalmück, der ein wenig chinesisch sprechen konnte, und mein Medizinkasten. Ueberall trafen wir kranke Leute, die es hauptsächlich mit Augenentzündungen, Rheumatismus und Hautkrankheiten zu tun hatten. Immer wieder wurde meine Hilfe verlangt.

Als wir uns dem Nan Schan, dem nordöstlichen Zweige des Altyn Tag, näherten (der der östliche Vorläufer des Pamir- und Karakorum-Systems ist), überholten wir eine große Karawane chinesischer Kaufleute, der wir uns anschlossen. Drei Tage lang wanden wir uns durch endlose, schluchtenartige Bergtäler. Dann ging es hohe Bergpässe hinauf. Hier stellten wir fest, daß die Chinesen sich gut darauf verstehen, die leichtesten Karawanenwege in diesem schwierigen Gebiet ausfindig zu machen.

Ich legte diese ganze Reise bis zu der großen Gruppe sumpfiger Seen, die die Zuflüsse zu dem Koko Nor und einem ganzen Netz großer Flüsse bilden, in halb ohnmächtigem Zustande zurück. Durch Ermüdung und beständige Nervenanspannung, zu der wahrscheinlich der Sturz auf den Kopf beigetragen hatte, hatte ich heftige Fieberattacken auszuhalten, so daß ich manchmal förmlich glühte und danach wieder so stark mit den Zähnen klapperte, daß mein Pferd vor Furcht durchging und mich einige Male aus dem Sattel warf. Ich tobte, schrie, ja manchmal weinte ich. Ich rief meine Familie herbei und sagte ihr, wie sie zu mir gelangen könnte.

Ich erinnere mich wie im Traum, wie ich eines Tages von meinen Gefährten aus dem Sattel gehoben, auf den Boden gelegt, mit chinesischem Branntwein gestärkt wurde, und wie sie dann, als ich mich ein wenig erholt hatte, zu mir sagten:

»Die chinesischen Kaufleute wenden sich nach Westen. Wir aber müssen in südlicher Richtung marschieren.«

»Nein! In nördlicher Richtung!« erwiderte ich mit großer Schärfe.

»Nicht doch, in südlicher,« suchten mich meine Gefährten zu überzeugen.

»Zum Teufel,« rief ich ärgerlich aus, »wir sind gerade durch den Kleinen Jenissei geschwommen, und Algiak liegt im Norden!«

»Wir sind in Tibet,« widersprachen meine Gefährten. »Wir müssen an den Brahmaputra gelangen.«

»Brahmaputra ... Brahmaputra.« Dieses Wort wühlte in meinem brennenden Gehirn, machte schreckliches Geräusch und fürchterliche Bewegung darin. Aber plötzlich kam mir alles in die Erinnerung zurück und ich öffnete meine Augen. Ich konnte kaum meine Lippen bewegen und verlor bald abermals das Bewußtsein. Meine Gefährten brachten mich nach dem Kloster Sharkhe, wo der Lama-Doktor mich alsbald durch eine Lösung von Fatil oder chinesischem Ginseng wieder herstellte. Als er unsere Reisepläne mit uns erörterte, äußerte er ernste Zweifel, ob wir durch Tibet hindurchgelangen könnten. Die Gründe für seine Zweifel wollte er mir indessen nicht erklären.

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