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Tiere, Menschen und Götter

Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen und Götter - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFerdinand Ossendowski
titleTiere, Menschen und Götter
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H. Abteilung Buchverlag
yearo.J.
printrun71.-80. Tausend
editorWolf von Dewall
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180430
projectidca6e1c21
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13. Kapitel.
Mysterien, Wunder und ein neues Gefecht

Am Abend dieses Tages kamen wir am Heiligen See Teri Nor an, einer acht Kilometer weiten Wasserfläche, die schlammig und gelb aussah und kein einladendes Ufer hatte. In der Mitte des Sees lagen die Ueberreste einer allmählich verschwindenden Insel, auf der wenige Bäume und einige alte Ruinen standen. Unser Führer setzte uns auseinander, daß der See vor zwei Jahrhunderten nicht bestanden und sich an seiner Stelle eine sehr starke chinesische Festung befunden habe. Ein chinesischer Befehlshaber der Festung habe einen alten Lama beleidigt, von dem dann der Ort unter der Prophezeiung, daß ihm völlige Zerstörung bevorstünde, verflucht worden sei. Schon am nächsten Tage hätten sich die Wasser aus dem Boden erhoben, die Festung zerstört und alle chinesischen Soldaten verschlungen. Noch heute würfen die Fluten, wenn der Sturm über dem See wüte, Gebeine von Menschen und Pferden, die darin umgekommen seien, an das Ufer.

Der Teri Nor vergrößert sich jährlich und tritt allmählich immer mehr an das Gebirge heran. Dem östlichen Ufer des Sees folgend, begannen wir den Anstieg eines schneebedeckten Bergrückens. Zunächst war die Straße gut; doch sagte uns der Führer im voraus, daß der schwierigste Teil der Reise vor uns liege. An diesen schwierigsten Teil gelangten wir zwei Tage später. Wir hatten es dort mit einem steilen Berge zu tun, der dicht mit Wald und Schnee bedeckt war. Jenseits dieses Berges lag das Gebiet des ewigen Schnees – Bergketten, aus deren weißem in dem klaren Sonnenschein glänzenden Mantel dunkle Felsblöcke herausragten. Dies war der östliche, der höchste Teil des Tannu-Ola-Gebirges.

Wir brachten die Nacht in dem Gehölz zu und begannen am nächsten Morgen das Gebirge zu übersteigen. Mittags ließ uns unser Führer in wirrem Zickzack gehen. Ueberall war unser Weg durch tiefe Schluchten, breite Sümpfe, gefallene Bäume und Felsblöcke gesperrt, die hier in ihrem tollen Absturz von der Bergspitze aufgefangen worden waren. Wir kämpften uns einige Stunden vorwärts, erschöpften unsere Pferde und gelangten plötzlich an die Stelle, an der wir unseren letzten Halt gemacht hatten. Es war ganz klar, unser Sojot hatte den Weg verloren. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Furcht.

»Die alten Teufel des verfluchten Waldes wollen uns nicht gestatten, hindurchzukommen,« flüsterte er mit bebenden Lippen. »Das ist ein sehr schlimmes Zeichen. Wir müssen nach Kharga zum Noyon zurückkehren.«

Doch ich bedrohte ihn, worauf er, offenbar hoffnungslos, abermals die Führung übernahm. Glücklicherweise entdeckte einer unserer Leute, ein Jäger von Urianhai, die Male an den Bäumen, die den von unserem Führer verlorenen Weg bezeichneten. Diesen Malen folgend, gelangten wir durch den Wald und kamen durch einen niedergebrannten Lärchenwaldgürtel. Danach traten wir abermals in einen kleinen Wald ein, der am Rande des mit ewigem Schnee bedeckten Gebirges lag.

Es wurde dunkel, so daß wir hier übernachten mußten. Ein starker Wind erhob sich, der dichten, weißen Schnee mit sich führte, so daß uns jede Aussicht genommen und unser Lager hoch mit Schnee bedeckt wurde. Unsere Pferde standen wie weiße Geister umher, wollten nicht fressen und nicht vom Feuer fortgehen. Der Wind wühlte in ihren Mähnen und Schweifen. Er heulte und pfiff durch die Bergspalten. Von irgendwoher war undeutlich das Lärmen einer Meute von Wölfen vernehmbar, das ab und zu zum scharfen Gebell anschwoll, wenn ein Windstoß es zu uns herüberwehte.

Als wir am Feuer lagen, kam der Sojot zu mir herüber und sagte: »Noyon, kommen Sie mit mir zum Obo, ich möchte Ihnen etwas zeigen.«

Wir gingen dorthin und erstiegen den Berg. Am Fuße eines sehr steilen Abhanges war ein großer Haufen aus Steinen und Baumstümpfen aufgerichtet worden und bildete auf diese Weise eine Erhöhung von etwa drei Meter. Das war der Obo. Die Obos sind für die Lamaisten heilige Mäler, die an gefährlichen Stellen errichtet werden, die Altäre für die bösen Geister, die Herrscher dieser Stellen. Vorüberkommende Sojoten und Mongolen leisten den Geistern Tribut, indem sie an den Baumzweigen am Obo Hatyks, das sind lange blaue Seidenbänder oder Stücke, die aus dem Futter der Röcke gerissen wurden, oder einfach Haarstränge aus den Mähnen der Pferde aufhängen. Manchmal legen sie auch Fleischklumpen und Salz nieder oder setzen Tassen mit Tee auf die Steine.

»Sehen Sie sich das an,« sagte der Sojot. »Die Hatyks sind abgerissen worden. Deshalb sind die Dämonen zornig und werden uns nicht erlauben hindurchzukommen, Noyon ...«

Er ergriff meine Hand und flüsterte mit flehender Stimme: »Bitte, lassen Sie uns umkehren, Noyon, bitte, bitte! Die Geister wünschen nicht, daß wir ihre Berge überschreiten. Seit zwanzig Jahren hat niemand gewagt, gegen den Willen der Götter diese Berge zu überschreiten, und die kühnen Männer, die es versucht hatten, sind alle hier umgekommen. Die Dämonen sind im Schneesturm und Frost über sie hergefallen. Sehen Sie! Es beginnt bereits ... Gehen Sie zu unserem Noyon zurück. Warten Sie, bis wärmeres Wetter kommt, dann ...«

Ich hörte nicht weiter auf den Sojoten, sondern kehrte zum Feuer zurück, das ich durch den dichten Schnee kaum sehen konnte. Da ich befürchtete, daß unser Führer fortlaufen könnte, befahl ich dem Posten, an seiner Seite zu bleiben. Spät in der Nacht wurde ich durch den Posten aufgeweckt, der zu mir sagte: »Es kann sein, daß ich mich irre, aber ich glaube, daß ich einen Gewehrschuß gehört habe.«

Was sollte ich dazu sagen? Es war wohl möglich, daß Herumstreifende durch den Gewehrschuß verlorenen Gefährten ihre Lage zu erkennen geben wollten. Oder vielleicht hatte der Posten irrtümlicherweise das Geräusch eines herabfallenden Fels-, Eis- oder Schneestückes für einen Gewehrschuß gehalten. Bald schlief ich von neuem ein. Im Schlaf schenkte mir ein Traum eine klare Vision. Draußen in der tief in Schnee getauchten Ebene bewegte sich eine Linie von Reitern. Ich sah unsere Packpferde, unseren Kalmücken und das komische Pferd mit der römischen Nase. Ich sah, wie wir von diesem Schneeplateau in eine Geländefalte des Gebirges hinabstiegen. Hier wuchsen einige Lärchen, in deren Nähe ein kleiner, nicht zugefrorener Bergstrom gurgelte. Nachher bemerkte ich ein zwischen den Bäumen brennendes Feuer. Dann wachte ich auf.

Es wurde hell. Ich rüttelte die anderen auf und ersuchte sie, sich so schnell wie möglich zum Aufbruch vorzubereiten, da wir keine Zeit zu verlieren hätten. Der Sturm wütete. Der Schnee raubte uns das Sehvermögen und verwischte alle Wegspuren. Die Kälte wurde schärfer. Schließlich waren wir im Sattel. Der Sojot ritt voran und versuchte den Weg zu finden. Je höher wir kamen, um so seltener verlor der Führer die Wegspur. Oft fielen wir in tiefe Schneelöcher hinein. Wir hatten über eisglatte Felsen zu klettern. Schließlich drehte der Sojot sein Pferd um, kam auf mich zu und kündigte in sehr fester Sprache an:

»Ich möchte nicht mit Ihnen sterben und weigere mich weiterzugehen.« Meine erste Bewegung war, mit meiner Peitsche auszuholen. Ich war dem »gesegneten Lande« der Mongolei so nahe, daß mir dieser der Erfüllung meiner Wünsche im Wege stehende Sojot mein schlimmster Feind zu sein schien. Doch ich ließ meine erhobene Hand wieder sinken. Durch meinen Kopf schoß ein ganz verrückter Gedanke.

»Jetzt hör mal zu,« sagte ich. »Wenn Du umdrehst, wirst Du eine Kugel in den Rücken kriegen und Du wirst nicht auf dem Gipfel des Berges, sondern an seinem Fuße umkommen. Aber ich will Dir sagen, was aus uns werden wird. Wenn wir jene Felsen dort oben erreicht haben werden, dann werden Sturm und Schnee aufhören. Die Sonne wird scheinen, während wir die Schneeebene durchreiten, und danach werden wir in ein Tal eintreten, in dem Lärchen wachsen und ein nicht zugefrorener Bergstrom fließt. Dort werden wir unser Lagerfeuer anzünden und die Nacht verbringen.«

»Hat der Noyon bereits das Gebirge von Darkhat Ola überschritten?« fragte der Sojot erstaunt.

»Nein,« erwiderte ich. »Aber ich hatte gestern nacht eine Vision, daher weiß ich, daß wir den Bergrücken hinter uns lassen werden.«

»Ich werde Sie führen,« rief der Sojot aus. Er peitschte sein Pferd und führte uns den steilen Hang hinauf nach dem Gipfel des Rückens im Bereich des ewigen Schnees.

Dort angekommen, rief er durch den heulenden Sturm hindurch: »Hier auf dem Schnee ist die Schnur einer Peitsche entlang gezogen worden. Es waren keine Sojoten.«

Das Rätsel fand eine sofortige Lösung. Eine Salve ertönte. Einer meiner Begleiter stieß einen Schrei aus und griff sich an die rechte Schulter. Ein Packpferd, das von einer Kugel hinter dem Ohr getroffen war, stürzte tot nieder. Wir ließen uns schleunigst aus unseren Sätteln fallen, suchten hinter den Felsen Deckung und prüften unsere Lage. Von einer parallel laufenden Berglinie waren wir durch ein kleines Tal getrennt, das ungefähr tausend Schritt weit war. Dort entdeckten wir etwa dreißig Reiter, die abgesessen waren und auf uns schossen. Der Feind hatte uns unvermutet angegriffen, so gab ich meiner Gesellschaft den Befehl, den Kampf zu erwidern.

»Zielt auf die Pferde,« rief Oberst Ostrowsky. Dann befahl er dem Tataren und Sojoten, unsere eigenen Tiere in Sicherheit zu bringen. Wir töteten sechs der gegnerischen Pferde und verwundeten wahrscheinlich noch mehr Tiere des Feindes, denn diese wurden wild. Unsere Gewehre gaben auch jedem unserer Feinde, der kühn genug war, seinen Kopf hinter den Felsen zu zeigen, einen Denkzettel. Wir hörten wütende Rufe und Flüche roter Soldaten, die unsere Stellung immer lebhafter beschossen.

Plötzlich bemerkte ich, wie unser Sojot drei der Pferde durch Tritte in die Höhe brachte, wie er sich auf einem der Tiere in den Sattel warf und ein zweites Pferd hinter sich herzog. Hinter ihm sprangen der Tatar und der Kalmück in die Höhe. Ich hatte bereits auf den Sojoten angelegt, aber als ich den Tataren und den Kalmücken auf ihren schönen Pferden hinter ihm sah, ließ ich das Gewehr sinken. Denn nun wußte ich, daß alles in Ordnung war. Die Roten gaben eine Salve auf das Trio ab, doch die drei entkamen und verschwanden hinter den Felsen. Das Feuergefecht nahm eine immer heftigere Form an. Ich wußte nicht, was zu tun war. Von unserer Seite wurde selten geschossen, um Munition zu sparen.

Während ich den Feind aufmerksam beobachtete, sah ich zwei dunkle Punkte im Schnee hoch über den Roten. Sie kamen unseren Gegnern langsam näher und wurden vor ihnen durch einige scharfe Bergvorsprünge verborgen. Als sie hinter diesen hervortraten, befanden sie sich hart am Rande einer überhängenden Klippe, an deren Fuß die Roten in Deckung gegangen waren. Jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, daß die dunklen Punkte die Köpfe zweier Männer seien. Plötzlich sah ich, wie diese beiden Männer aufsprangen, etwas über sich schwangen und hinabwarfen. Dann ertönte ein betäubender Knall, der in dem Bergtal ein wiederholtes Echo fand. Unmittelbar darauf erfolgte eine weitere Explosion, die wildes Schreien und ungeordnetes Geschieße auf der Seite der Roten nach sich zog. Mehrere Pferde des Gegners rollten den Abhang hinab in den Schnee hinein. Durch unsere Schüsse verfolgt, rissen die Soldaten so schnell wie möglich in dem Tale aus, aus dem wir herausgekommen waren.

Später erzählte mir der Tatar, daß der Sojot vorgeschlagen hatte, ihn und den Kalmücken um die Stellung der Roten herumzuführen, um den Feind im Rücken mit Bomben zu fassen.

Nachdem ich die Schulter des verwundeten Offiziers verbunden hatte und dem getöteten Lastpferd die Last abgenommen worden war, setzten wir unsere Reise fort. Unsere Lage war schwierig. Es bestand kein Zweifel, daß das Rote Detachement aus der Mongolei gekommen war. Befanden sich demnach rote Truppen in der Mongolei? Wie stark waren diese? Wo würden wir auf sie stoßen? War also die Mongolei nicht mehr das gesegnete Land? Ueberaus traurige Gedanken bemächtigten sich unser.

Doch die Natur war uns gnädig. Der Wind ließ allmählich nach. Der Sturm hörte auf. Die Sonne brach immer mehr durch die Wolken. Wir marschierten auf einem hohen schneebedeckten Plateau, das bald hier durch den Wind schneefrei gefegt worden war, und auf dem bald dort der Wind so hohe Schneehaufen gebildet hatte, daß unsere Pferde stecken blieben. Wir mußten absitzen und bis an den Leib im Schnee waten. Oft brachen Mann und Pferd ein, so daß sie erst wieder herausgezogen werden mußten.

Endlich begann der Abstieg. Bei Sonnenuntergang hielten wir in dem kleinen Lärchengehölz an, verbrachten die Nacht am Feuer unter Bäumen und tranken Tee, der mit Wasser gemacht war, das wir aus dem offenen kleinen Bergstrom geschöpft hatten. Wiederholt trafen wir die Spuren unserer jüngsten Gegner.

Alles, sogar die Natur und die zornigen Dämonen von Darkhat Ola hatten uns geholfen. Doch wir waren nicht fröhlich; denn wieder lag eine schlimme Ungewißheit vor uns, die mit neuen und möglicherweise verderblichen Gefahren drohte.

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