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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Am nächsten Tage stand Olga frühmorgens auf. Sie wusch sich, was sie gestern versäumt hatte, und das Wasser tat ihr wohl. Der Kamm, den sie durch das lange Haar schleifte, schmerzte nicht. Sie zog wieder das graue Kleid an; die andern Mädchen, auf die Ellbogen gestützt, müde in den Augen grabend, sahen sie an; endlich war sie fertig; ein Lächeln noch zog sie an, ein lächelndes, ruhiges Gesicht.

Michalek war unten in der Stube. Er hatte drei Schnapsflaschen vor sich stehen und roch vorsichtig an den Korken.

Olga setzte sich zu ihm.

»Nun?«

»Ja,« sagte sie, »du...« und lächelte.

»Ich wußte es. Was soll denn auch das alles... Es nützt dir ja auch nichts. Und willst du dein Geld sogleich? Und wieviel war es? Zweihundert, nicht?«

»Du bist doch kein Wucherer, vierhundert sagtest du gestern ... und hundert für alles andere.«

Michalek antwortete ihr nicht gleich. »Willst du unsern Mädchen nicht adieu sagen?« fragte er.

»Gut. Inzwischen schreibst du mir ein Zeugnis. So, als wäre ich bei dir im Dienst gewesen: Treu, ehrlich, fleißig.«

»Ich weiß nicht, was du willst... Aber schreiben, nein, ich schicke es dir nach, ich weiß ja, wohin du fährst...«

»Warum willst du nicht schreiben?«

»Schreiben? Jetzt am frühen Morgen?«

»Ich schreibe es dir selbst, du mußt nur deine Unterschrift darunter setzen.«

Michalek war einverstanden. Olga nahm das Geld in Empfang. Die letzte Freude war, daß sie die Scheine vor Mizzi ausbreiten konnte, und daß sie Zigaretten an alle verteilte, Mizzi ausgenommen. Spät am Vormittag reiste sie ab.

Nach zwei Tagen kam sie in die Heimat. Die Geschwister und die Mutter erwarteten sie. Der Vater war vor kurzem gestorben. Klagend sagte die Mutter, der Platz für das Grab sei nicht bezahlt. Olga gab Geld. Die Schwester, die ein Kind erwartete, bat Olga, Patin zu sein. Auch dies kostete Geld. Alle entfernten Bekannten kamen, brachten wertlose, kleine Geschenke und ließen sich dafür freihalten. Die Familie war arm. Nach kurzer Zeit begann Olga etwas anderes. Sie gab Geld, immer in kleinen runden Beträgen, aber nur gegen einen Zettel. Sie lieh den Vettern, die Geld zur Anzahlung auf einen neuen Anzug brauchten, lieh Geld für alle möglichen Bedürfnisse.

Sie lernte einen ziemlich alten, abgenutzten Rechtsanwalt kennen; er gehörte zu der Art von Männern, die man im Hause 37 altbackene Kipfel, kalte Kapitelherren genannt hatte. Sie war nicht mehr Donna Olympia, zauberhaft mit Stimme und Körper, aber ihre Schönheit war unzerstörbar. Die Verwandten wollten das Geld nicht zurückzahlen; sie wurden ungemütlich. Der Platz wurde eng. Das Kind der Schwester kam zur Welt, nirgends hatte Olga Ruhe. Wenn sie vormittags lange schlief, sagte man ihr, sie solle doch spazierengehen, sich ein wenig zeigen; mittags, wenn sie beim Tisch sitzen wollte, flüsterten die Verwandten, richteten die Blicke nach ihr hin, warteten, ob sie doch endlich verschwände. Oft war es ihr, als lachten alle über sie, und niemand besah ihr Zeugnis, niemand befragte sie. Sie bat die Mutter um ihr Geld: nein, nicht um das Ganze, nur um einen Teil, eine Ratenzahlung. Aber die Mutter beschimpfte sie, nannte sie, plötzlich von Wut erfaßt, ein Bordellfräulein, einen ausgekochten Fetzen, ein wildes, undankbares Vieh. Das Zeugnis Michaleks hatte nichts genützt. Man wußte, auch so weit von dort, was er war.

Olga schwieg still. Seit jenem Tag, da sie Mizzi in ihrer Wut beinahe erschlagen hätte, lag etwas tot in ihr.

Sie klopfte bei dem Rechtsanwalt an, sie blieb bei ihm über Nacht. Am nächsten Morgen weigerte sich seine Haushälterin, ihr die Schuhe zu putzen. Es war Ende Februar, kotiges, warmes Wetter. Olga brachte den Rechtsanwalt dazu, die Haushälterin fortzujagen. Nun arbeitete sie Tag und Nacht für Dr. Richard Kühn, einen kahlköpfigen Junggesellen. Sie machte ihn glücklich. Nie hatte er ein Weib besessen, das sich täglich zweimal die Hände wusch.

Der Verfallstag der kleinen Wechsel kam heran. Gemeinsam mit Dr. Kühn sah sie die Zettelchen durch. Kaum die Hälfte war rechtskräftig. Hier fehlte das Datum, dort die Unterschrift. Mit dem Bleistift in der Hand saß Olga da, befeuchtete die Spitze des Bleistiftes mit den Lippen, nach Dienstmädchenart. Der Doktor nahm ihr den Bleistift aus der Hand. Die Spitze kitzelte ihre vollen Lippen. Sie wurde weiß und zitterte. Plötzlich bereute sie, daß sie sich an jenem Dezemberabend nicht auf Michalek gestürzt und ihn erwürgt hatte.

Seit einiger Zeit lebte sie wieder als Weib, in regelmäßigen Zeiten wurde sie wütend, zitterte, verkroch sich ins Bett, hungerte. Und in dem Schmerz des Hungers war etwas von dem brennenden Gefühl, das sie für Michalek gehabt hatte.

Der Rechtsanwalt sah sie an, dann begann er zu sprechen, und nach seinem ersten Wort wurde Olga wie immer. Er holte seine Stempel heran, zahlte ihr die kleinen Beträge aus, die auf dem Zettelchen standen, und drückte seinen Namen nun auf die Forderungen. Einige Tage später war viel Geld, auch ein Teil der nicht rechtskräftigen Gelder, eingegangen, ungefähr 320 Kronen im ganzen. Die Mutter kam zu Besuch, brachte Kuchen und frug die Tochter, ob sie nicht etwa ein Mittel gegen das Zahnen kleiner Kinder wüßte? Sie wäre doch lange bei kleinen Kindern gewesen? Bei der Offiziersfamilie Michalek? Ihre Enkelin, das arme, stumme Wurm, bitte darum. Sie war süß und überfreundlich. Olga erschauerte vor Ekel. Seit einigen Tagen begannen sie die Verwandten auf der Straße zu grüßen, die Offiziere aber sahen sie nicht an, das grauwollene Kleid war alt und häßlich. Zu Hause trug sie den rotseidenen Schlafrock, ein neues Kleidungsstück, nach dem alten, unvergeßlichen Modell gearbeitet, so rauschte sie nachmittags durch die Zimmer.

Die Hand, die kleine, weiche Hand auf das runde Knie geschlagen, las sie im Schaukelstuhl die Zeitung, lächelte von weitem dem Rechtsanwalt zu, wenn er nach Hause kam. Er glaubte, daß Olga ihn liebte. Die Luft war voll von Resedaduft und lichtflimmerndem Staub. Der Frühling nahm kein Ende.

Olga wurde unaufhörlich mit der Bitte um Geld bestürmt. An ihrem Geburtstag (plötzlich hatte sie Geburtstag, jahrelang aber war sie von ihrer Familie wie »ausgerottet« behandelt worden) kamen kleine Kinder, nannten Namen, die sie nie gehört hatte, sprachen sie mit Tante an, trugen dicke Blumen in der Hand. Ihre Eltern hatten eine kleine Bauernhütte, ein Stück Vieh mehr war ihr einziger Wunsch. Olga versprach das Geld, nur zwölf Prozent Zinsen, aber auch eine große Provision, die durch die Hand des Doktor Kühn eingeliefert wurde. Dann machte eine Händlersfrau Konkurs. Die Verwandten waren zwar Konkurrenten, wollten aber aus Gnade und Barmherzigkeit das Lager kaufen. Geld war teuer. Der Rechtsanwalt schenkte Olga Geld, und Olga, deren gutes Herz nun bekannt wurde, machte das Geschäft. Offiziere ließen fragen, ob man ihnen Vorschuß auf ihre Gage geben wollte, Olga zögerte, dann sagte sie zu. Ihre Zinsen waren nicht übertrieben, aber sie schenkte keinem etwas. Tag und Nacht dachte sie an Geld. Das Geld wurde ihre Leidenschaft. Und da sie sonst ohne Leidenschaft lebte, wurde sie schwerfällig. Nur in ihren Augen blieb etwas von früher.

Am Ende des zweiten Jahres hatte Olga zweitausend Kronen. Von Michalek war kein Brief gekommen. Sie hatte das Blatt der Stadt abonniert, in der sie früher gelebt hatte, sie sah es täglich durch, aber Michaleks Todesanzeige stand nicht darin.

Die Gegend, in der sie lebte, war eine gute Weingegend. Aber die Weinbauern tranken selbst gern. Die Pflaumen waren weitberühmt, es gab ihrer so viel, daß im Herbst das Vieh und sogar die Kinder mit Obst gefüttert wurden. Einmal bekam Olga ein kleines Fäßchen Sliwowitz in Zahlung, sie wog es in den Händen, schaukelte es hin und her, roch an dem Stöpsel. Dann sandte sie es, obwohl es einen Wert von fünfundzwanzig Kronen hatte, an Michalek, der ihr dankte. Und so sandte sie ihm von Zeit zu Zeit etwas. Die Leute wußten, daß sie dergleichen stets in Zahlung nahm. Und in Erwartung künftiger Zeiten legten sie Früchte in Weingeist ein, Kalmus, Orangen, Kirschen. Eine Sorte Schnaps, die aus reinstem Weingeist, Ingwer, Pflaumen und Orangen bereitet wurde, war so wunderbar, daß Michalek Olga Geld dafür anbot. Sie ging darauf ein; aus der ganzen Gegend kamen Leute und brachten den Schnaps, der »Aranka« hieß. Olga sandte zehn Flaschen an Michalek, bekam aber kein Geld von ihm. Nun wußte sie doch, er lebte, war noch immer der alte.

Gegen Ende des vierten Jahres mietete Olga sich eine eigene Wohnung, ließ sich gnädige Frau nennen. Der Rechtsanwalt kam täglich zu ihr. Er hätte sie gern geheiratet, aber Olga riet ihm ab. Er drängte, Olga versprach ihm, es sich zu überlegen. Sie war vom ersten Tag an die liebende Geliebte, das unbezahlte Dienstmädchen gewesen. So klug er war, ließ er sich doch überreden, Olga sei unverschuldet einmal ins Unglück gekommen.

Seitdem er sie kannte, ging seine Praxis viel besser als früher. Oft sagte er, ihr Rot sei ihm wertvoller als der seines Konzipienten, der nichts vom wirklichen Leben der Menschen wußte, nichts von ihrer Gemeinheit auf Wechselseitigkeit. Er erzählte ihr alles, sie wußte alles und sprach nicht darüber.

Die Gegend, in der sie lebten, war eben und reizlos. An manchen Tagen mußte sie allein sein; sie ging stundenlang, schleppte ihr Seidenkleid durch endlose Dorfstraßen. Die Leute kannten sie, grüßten und wichen ihr aus. Sie sah niemanden. Sie ging schnell, aber mit zusammengerafften Röcken, wie gebunden. Oft fand sie sich abends nicht mehr zurück; dann nahm sie einen Wagen oder übernachtete in einem Bauernhaus.

Das war meist gegen Ende des Monats. Allmählich beruhigten sich ihre Gedanken. Das Gehen wurde ihr schwer. Sie blieb lange Zeit hindurch daheim und betete, legte die Hände in kaltes Wasser. Sie weinte nie.

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