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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Siebentes Kapitel

Fiebernd lag Olga in Michaleks Bett. Hinter den Augen schienen sich ihr irgend fremde, pochende Fingerchen zu bewegen. Ihre Haare schmerzten, mit beiden Händen hob sie das schwere Haar von ihrem Kopfe fort, plötzlich wuchsen in ihren Händen Gewichte, eisenschwer, aber nicht kühl wie Eisen, sondern warm wie menschliche Haut, wuchsen, spannten ihre Finger aus und schmerzten sehr. Ihr Mund war ganz trocken und rauh, sie dachte, Michalek hätte ihre Lippen mit Sand bestreut, einmal hatte er ja Kathinka, die stets schwer zu erwecken war, Zigarrenasche in den Mund gestreut. Wer hätte damals nicht gelacht? Aber wenn sie die Lippen mit der Zunge befeuchtete, wenn sie sie in den Mund hineinsaugte, dann war ihr plötzlich, als müsse sie heraus aus sich, mitten in eine Umarmung. Vor ihren Lippen waren andere Lippen heiß wie »kochende Glut«.

Einmal war sie eine Woche lang still gewesen. Eine kleine Krankheit, kurz nachdem sie mit Michalek hergekommen war. Fieber, Träume, Angst und etwas in ihr, das hungerte. Nun aber berührte Michalek die noch Blasse, Zitternde nicht und ließ sie allein unter den andern. Während das elektrische Klavier schmetternd wie ein Orchestrion spielte, ging er draußen im Gang hin und her. Einmal sagte sie nein. Michalek ging draußen hin und her, heimlich spionierte er ihr nach, verdeckte aber seine »weißen Blicke« mit der dickrauchenden Zigarre, der Rauch der Zigarre verdarb die Gardinen und eingeatmeter Zigarrenrauch war scharf und sauer, nicht süß wie ein Zimmer voll von herrlichen Zigaretten, süßen. – Dann sagte sie ja ... Warum? Wofür? Eigentlich doch für nichts.

Sie stand auf, sie dachte, Michalek stünde draußen, aber der Gang war leer. Weit entfernt schimmerte eine Tür, goldig in zarten Linien. Sie ging in die Küche. Die Köchin stand am Herd und kochte Kaffee, raspelte mit den Ringen auf der Ofenplatte.

»Wo ist mein Abendessen?«

»Was für ein Abendessen? Hier ist nichts, bitte Fräulein, ich weiß nichts.«

»Hat der Herr nichts gesagt?«

Die Köchin antwortete nicht.

»Nichts?...«

»Der Herr hat ja immer die Schlüssel«, sagte die Köchin.

»Nicht einmal ein Stück Brot?«

»Der Herr versperrt alles«, sagte die Köchin.

Olga knirschte mit den Zähnen. Sie machte die Augen ganz klein. Sie war glücklich in ihrer Wut.

»Hier ist noch etwas, Fräulein, aber das ist mein!« sagte die Köchin. In diesem Hause, das von Weibern lebte, war sie die einzige, die ein Weib war und die niemand berührte. Nun sah sie mit Rührung Olga an und ihr dunkles wollenes Kleid mit den Flecken.

»Wir werden noch etwas anderes für Sie finden«, sagte sie. »Das wäre ja sonst zu traurig.« Sie ließ sie niedersetzen, trug den Kaffee nach vorn, brachte dann ein Stück Apfelstrudel von Mittag. »Es ist nur der Hansl,« sagte sie, »sonst bleibt ja nichts für unsereinen.«

Es war die schlechteste Portion der Mehlspeise. Auch etwas Fleisch war noch da, in einem Winkel der Bratröhre auf einem kleinen Teller.

»Nein, nicht essen«, sagte Olga. Sie hatte Angst, sie könne zufrieden werden, halb und halb glücklich und sie wußte doch, sie brauchte ihre Wut, den Schmerz ihres ausgehungerten Körpers, das zurückgedrängte Fieber ihrer Leidenschaft, die nun schon ein paar Tage müßig gegangen war.

»Na, vielleicht ist Ihnen der Hansl zu schlecht? Mir nicht. Es ist ein und derselbe Teig. Dann gehen Sie schlafen...« sagte die Köchin beleidigt. »Für mich ist alles gut genug.« Sie setzte sich wieder an den Ofen, stellte die Weckeruhr neben sich und begann zu lesen. Sie hatte immer Romanhefte, welche die Mädchen gekauft und nicht ausgelesen hatten.

Olga wollte zurück in Michaleks Zimmer. Es war geschlossen. Michalek war also dagewesen und hatte die Tür versperrt. Sie lief zum Salon, wollte die Tür aufreißen, schreien und Lärm machen! Schon sah sie sich, wie sie den großen Spiegel von der Wand riß, schauernd in einer blinden Phantasie von Wut. Sie sah Michalek daneben stehen und lachen. Plötzlich wurde ihr dunkel vor den Augen.

Ein kleiner Spiegel hing hier, vor Alter fast grün, mit winzigen hellen Sprenkeln durchsetzt, da sah sich Olga gespiegelt: als Kind, in der Zeit lange vor Michalek. Sie hatte die zahme, schwere, weiße Taube auf dem Rücken der linken Hand; Olgas schwarze Haare hingen ihr tief über die Kinderstirn herab und streichelten das schnell atmende, in seinem weichen Flaus zitternde, warme, kleine Tier; mit ihren vollen Kinderlippen streifte sie über den Schnabel der Taube und lachte, müde, gerade vor dem Schlafengehen; auch die Taube schien müde, schien nach dem Käfig zurück zu wollen, der unter grünem Tuche verhangen, in der Ecke stand, nahe dem auslöschenden, aber immer noch glosenden Ofen.

Olga erwachte, die Hände auf die immer noch warme Ofenplatte gelehnt. Niemand war in der Küche.

Die Uhr schlug im Winkel, die Schläge konnte sie nicht zählen. Wie verzaubert schlug ihr Herz.

Sie ging in das Mädchengelaß, wollte schlafen; aber es war eisigkalt. Sie suchte ihre Zigaretten, die sie in einem Winkel ihres Bettgestelles versteckt hatte. Sie waren nicht mehr da. Sie weinte.

Sie hörte, wie eines der Madchen mit einem der Herren die Treppe heraufkam. Sie dachte, es könnte Mizzi sein, und lief auf den Korridor hinaus. In ihrer Hand zitterte besinnungslose Wut. Aber es war Kathinka. Die sprach sie flüsternd an. Kathinka bedauerte Olga, sie schien ihr krank. Sie hatte nur zwei Zigaretten, eine schenkte sie ihr.

Olga kehrte in ihr Zimmer zurück, rauchte die Zigarette. Nach dem ersten Zuge konnte sie sich nicht mehr vor Sehnsucht nach den eigenen halten. Sie kroch unter die Betten, zerrte die Polster umher, brach die Schubladen auf, trieb es so stundenlang in dem dunklen Zimmer. Die Musik spielte unten, ab und zu rauschten die Röcke der Mädchen auf der Treppe... sie wurde sehr müde... Plötzlich war ihr, als sei sie eingeschlafen, an der Tür hatten Mizzi und Franz gestanden, um die Wette nach ihr hingespien. Alles war dunkel; ihre Stirn war feucht. Kathinka war schon zu Bett, schnarchte und bewegte sich träge. Das Bettzeug raschelte wie vertrocknetes Laub.

Sie dachte daran, den letzten Gast mit sich zu nehmen; sie öffnete das Fenster und sah auf die Straße herab. Niemand kam. Das rote Licht leuchtete wie gestern.

Plötzlich fiel sie in ihr Bett, schlief, schlief, schlief wie tot.

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