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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Sechstes Kapitel

Michalek war nicht ganz nüchtern. Eben hatte er unten in der Wirtsstube sein tägliches Einmaleins begonnen, er hatte nichts von dem Getöse in der Mädchenkammer gehört. Der Gendarmenwachtmeister mußte ihn die Treppe zu dem Gelaß der Mädchen hinaufschieben. Auch jetzt übersah er nicht, was geschehen war.

»Scherben, woher?«

»Da, die Olga!« flüsterte Mizzi zischend. Die anderen schwiegen.

Olga verteidigte sich nicht. Ihre sonst so glatte Stirn wogte, durchwühlt von Falten, ihre Augen von innenher verfinstert, glichen flüssigem Teer, unbewegt, schwarz, glühend.

»Komm!« sagte schwerfällig der Mann, »so komm mit mir, du Haushälterin! Du – eine Haushälterin! Ihr anderen da, räumt die Scherben zusammen, das sind die letzten, die sie zerschlagen hat.«

Olga ging stumm die Treppe herab. Ihre Hände zitterten. An ihrer Stirn brannte die Stelle, wo Mizzi ihr die Haare ausgerissen hatte. Sie war müde zum Umsinken.

»Lege dich hin, Olga, ruhe dich aus, denn heute mußt du fort. Lange habe ich Geduld gehabt, aber heute ist dein letzter Tag! Lache nur, du unflätiger Geist, der mit anderen unflätigen Geistern sich auf der Erde umherwälzt! Schade nur um das teure Porzellan, aus Eisen müßte alles für euch sein, wie für das liebe Vieh!«

»Mein letzter Tag! Weggehen! Das erlebst du nie!«

»Vielleicht brauchst du nur Geld?«

»Geld auch! Tausend Gulden!«

»Tausend Ohrfeigen kannst du bekommen!«

»Aber nicht von dir!«

»Nein, von deinen tausend Gästen!«

»Franz!«

»Was, Franz! Ich bin kein Franz für eine Hure!«

»Bin ich eine Hure, was bist dann du?«

»Der Herr! Bin ich auch einmal vor Gericht gestanden, haben sie mir auch meine Offizierssterne abgerissen, überstanden ist es, hier bin ich Herr, jetzt bin ich Herr!«

»Ein Herr? Ein Schinder!«

»Und du, Olga, die am Schinder hängt?«

»Franz!«

»Schreie nur, mich rührt das nicht. Hundert Kronen biete ich dir, nimm sie und geh!«

»Reiß mir doch das Hemd vom Leibe und jage mich nackt auf die Straße! Wieviel Tausend und tausendmal Tausend habe ich dir schon in deinen Schlund hineingeworfen? Wovon hast du gelebt? Wer hat dich gefüttert? Hast du vor meiner Zeit je etwas zu essen gehabt? Wer ist früher Tag für Tag in die Kaserne gegangen und hat die gemeine Mannschaftsmenage in sich geschlungen, ganz heiß noch, wie das liebe Vieh?

Hundert Kronen! Wem habe ich Geld auf Geld gebracht, Silberkronen, die Rolle zu hundert jede Woche?

Wer hat dich gekleidet von Kopf bis zu Fuß? Und den Zivilrock zum Schluß und den Spazierstock zum Spazieren und den Revolver? Alles für hundert Kronen?

Glaubst du, ich weiß nicht, was du gestern den Leuten unten erzählt hast?

Champagner! Du und Champagner! War es dein Geld, womit du ihn bezahlt hast?

Wieviel Wochen und Tage und Jahre bin ich bei dir? Habe ich ein einziges Mal davon gesprochen? Nie habe ich gemahnt um mein Geld. Aber du, du, du, und wieder du, und dann willst du dich noch wichtig machen mit deinem Gerede!

Wer hat mich zu dem Juden hingeschickt, deine Schulden zu bezahlen? Glotz mich nur an mit deinen Slibowitzaugen, ich fürchte dich nicht.

Hundert Kronen, der ganze, bittere Lohn, alles zu wenig!

Also auf, Olga! Auf zum Regimentsarzt! Also auf, Olga, auf zum Holzhändler, zum alten, beim Kartenspielertisch! Also auf, Olga, zum jungen Einjährigen, der unter dir gedient hat. Wer war das? Wer rühmt sich damit? Zwei Pferde im Stall, sagt er, der Offizier, eine Olga am Weg, die Pferde stehen und fressen, aber die Olga fliegt und verdient!«

»Was soll das Schreien? Was soll das Knirschen mit den Zähnen? Das war einmal. Was willst du jetzt?«

»Hätte ich dich doch damals erschlagen! Was wäre mir geschehen? Fünf Jahre Zuchthaus. Aber hier, das ist ärger als Zuchthaus!«

»Ich gebe dich frei aus dem Zuchthaus!«

»Aber bei dir, das ist ärger als Hölle!«

»Du brauchst nur zu gehen. Dann bist du frei aus der Hölle und ledig!«

»Und sind nicht alle Leute immer von dir gewichen? Schon als Kadett, als halbes Kind warst du, was du jetzt bist. Nicht einmal mit zwei Paar Handschuhen wollten deine Kameraden dich anfassen. Jeder hat dich gescheut.

Du mußt verflucht sein, und wer dich anrührt, der ist mit dir verflucht. Und das Geld, das du zusammengräbst und der Rausch, den du dir antrinkst und dein Mund ist verflucht und jedes Wort...«

»Alles gut, alles recht. Hundertundfünfzig Kronen. Gibst du mir dann Frieden?«

»Frieden! Ja, hatte ich dich blutdürstige Bestie nicht lieb gehabt! Jeder weicht dir aus, du Abdecker, nur ich ...« »Zweihundert Kronen.«

»Nicht ein Heller, den ich dir nicht mit Gewalt aus den Händen habe reißen müssen. Ich war mit dir von Anfang an und du hast mich gehabt. Und du hast mich gehabt und den anderen hingeworfen hast du mich und ich habe es getan für dich!

Aber wenn ich vor Hunger vor deinen Augen hätte verrecken müssen, du hättest dich nicht gerührt.

Aber wenn mein Fleisch pfundweis zu verkaufen gewesen wäre, du hättest es verkauft.

So habe ich dich geliebt, so hast du mich geliebt.«

»Wenn du mich so liebst, dann tu mir auch die letzte Liebe und laß mich los. Ich will dich nicht, ich sage es dir und so ist es.

Ich will dir Geld geben, zweihundert und mehr. Mich brauchst du nicht, aber Geld brauchst du, das verstehe ich.

Du wirst nach Haus zurück. Dort in der Stadt wirst du dir eine Schneiderwerkstätte eröffnen.

Bei der Mutter wirst du ruhig leben.«

»Ich brauche keine Mutter.«

»Dort wirst du während der Woche arbeiten und am Sonntag in die Kirche gehen.

Olga, dort weiß niemand etwas von dir. Hier ist kein rechtes Leben. Die Mizzi läßt dich nicht leben. In der Nacht kommt sie über dich und beißt dir den Hals durch.

Olga, glaube mir, hier ist kein Leben mehr für dich. Für eine Mizzi ist das hier das rechte Leben. Die gehört zu mir, für die bin ich gerade gut.

Aber du? Dort bist du ein Liebesmensch. Hier doch nur ein Massenmensch.

Was hast du hier? Leben mußt du wie das liebe Vieh, das Fressen bekommt und Saufen. Dafür muß es hergeben, was es hat. Wenn es alt wird, wirft man es hin.

Wenn es tot ist, wird es nicht begraben.

Was bin ich dir? Der Blutsauger, der dich aussaugt. Der Schinder, der an dir reißt.«

»Nein, Franz, nur bei dir kann ich leben. Wo soll ich leben, wenn nicht hier?«

»Aber die Mizzi, die läßt dich nicht leben» Ihr könnt nicht beide zugleich bei mir sein. Und die Mizzi wird bleiben, solange ich lebe. Ich lasse sie nicht fort. Die Mizzi muß bleiben.« »So soll sie bleiben. Nur laß mich hier!«

»Aber dann wird sie Haushälterin und du mußt wieder mit den Herren gehen!«

»Aber laß mich nur nicht fort von dir! Ich habe dir Glück gebracht, ich werde dir noch viel Glück bringen. Ich habe dir viel Geld gebracht, was das Haus wert ist, das habe ich dir verdient.

Was soll ich allein zu Hause? Was soll ich in der Kirche? Was nützt mir der Herrgott und Heiland?

Ich weiß, du wucherst mich aus, du saugst mir das Blut.

Aber es reißt mich zu dir. Besser hier das liebe Vieh, das sich auf allen vieren wälzt, als dort der reine Engel im seligen Paradies.

Was Kirche! Du bist meine Kirche.

Besser hin werden hier als selig werden dort!«

»Du bist ja berauscht, besessen, wo bist du denn?«

»Franz, barmherziger Heiland!

Franz, allgütiger Herr!

Franz, was wird aus mir?

Laß mich reden, nur ein einziges Wort! Heute ist kein gewöhnlicher Tag! Hier ist kein verrufenes Haus!

Ich will es dir sagen... ich weiß ...«

»Wenn ich nur deine Stimme nicht hören müßte. Ja, ist denn das noch mein eigenes Haus! Ja, hat man nicht einmal am Sonntag seine Ruhe? Du bist angesteckt mit Wut! Die arme Mizzi hättest du mir erschlagen, wenn ich dich nicht weggerissen hätte von ihr! Wem wäre das nicht zuviel? Schreien, die Ordnung stören und dann noch die Menschen totschlagen, wovon unsereiner lebt, ja, ich bin ein guter Herr, aber das ist zuviel.

Ja, Segen für euch beide, wenn man euch auseinanderbringt. Du wirst es mir einmal danken.«

»Ich will keinen Segen, ich kann es nicht sagen. Hier will ich gerne bleiben. Ich muß hier sein.«

»Jetzt auf, Olga!«

Mit seiner schweren Soldatenfaust riß er sie empor von dem schäbigen Teppich, worauf sie kniete. Vor ihren Augen seine starren Knie, eine undurchdringliche Mauer, erhob sie sich mit Mühe, sie wankte vor in den alten, geliebten Raum. »Gehe! Marschieren, marsch! Links, rechts! Eins und eins und eins!«

Die Tür in das Kabinett stand offen, es schimmerte wie Sommerlaub der grüne Raum. Olga warf sich auf Michaleks Bett.

Als sie erwachte, war es abends spät.

Das elektrische Klavier spielte.

Draußen fiel der Schnee und durch die Schneeflocken schimmerten, mitten in lichten Wolkenkreisen geklärt, weiß und zitternd die Sterne.

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