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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Der letzte Besucher kam halb fünf Uhr morgens. Die Glocke schellte. Olga erwachte sofort. Niemand sonst im Hause rührte sich. Michalek hatte in der letzten Nacht zum erstenmal beide Einmaleinse ausgetrunken. Olga zog den großen Hausschlüssel unter ihrem Kissen hervor. Sie gab sich alle Mühe, Kathinka aufzuwecken, diese aber lag wie ein Stein da, hatte die schwere, rotgewürfelte Bettdecke über den Kopf geschlagen. Warmer Dunst wogte um sie wie eine Wolke. Olga rief sie an, griff nach ihr, wollte sie unter den Kissen hervorziehen. Kathinka aber wehrte sich und hielt sich mit beiden Händen an den Bettpfosten fest. Im Lichte der Kerze schimmerten die Narben in ihrem Gesicht wie kleine Löcher. Inzwischen hatte sich Mizzi, »das Wiener Kind«, erhoben. Es gab übrigens stets eine Wienerin namens Mizzi in dem Hause. Auch die anderen Mädchen waren erwacht. Olga sah, daß Erna und Milena in einem Bett lagen und daß Erna Milenas Kette von weißen Korallen um den Hals trug. Die zwei Mädchen lachten, indem sie voneinander fortrückten. Kathinka aber schlief schon wieder, wie ein Igel zusammengerollt.

Der Waschtisch, der an der Wand stand, klirrte. Die Wienerin wusch sich. Olga dachte an die grausamen Stunden, wenn sie sich frühmorgens, roh aus dem ersten Schlaf gerissen, waschen mußte, um im Salon einen nach Schnaps und Zigarren riechenden Gast zu empfangen, dessen Liebkosungen sie schon jetzt mit Widerwillen und Angst erfüllten, während sie das Gesicht in das kalte Wasser tauchte.

Durch den Dunst ihres verflogenen Traumes schwebte immer noch eine Zigarette, und sie hätte weinen mögen, entsetzt fliehen vor sich selbst, die sich mit ihren zurückstrebenden Lippen und Augen zum Gast hinabbeugen mußte, wie zu einem Gefäß voll kalten Wassers, in eine Blechschüssel, die eisig klirrte. Nun aber stieg sie, ohne sich gewaschen zu haben, beinahe aus eigenem Willen die Treppe hinab, und in ihrer Tasche raschelten trocken und vergnügt viele Zigaretten. Mizzi, die Wienerin, ging voraus, zündete im Salon den Gaslüster an, während Olga an dem gleichen Hölzchen, das noch glimmte, ihre Zigarette entzündete.

Der Ofen im Salon war kalt. Das Licht des Gaslüsters spiegelte sich auf der Politur des Klaviers. Der Morgen war lang. Es war ganz still, von Zeit zu Zeit aber hörte man Michalek im Schlafe stöhnen. Er war nicht erwacht, als die Glocke draußen geschellt hatte, er war nicht erwacht, als Mizzi mit dem fremden Gast in das Fünfer-Kabinett gegangen war, das neben seinem Schlafzimmer lag. Olga fror und war müde. Sie sehnte sich danach, in Michaleks Schlafzimmer zu gehen, einzutreten in den Dunstkreis seiner Wärme, einzuschlafen und plötzlich anderswo zu erwachen, ein geschliffenes Glas in der Hand, neugeboren, ein anderes Wesen, gekleidet in ein niegetragenes Kleid. Das alles war unmöglich, deshalb begnügte sie sich damit, zu weinen. Ihre Erinnerungen erschienen ihr schön, einzigartig, aber traurig.

Sie weinte gern, ihre Trauer beruhigte sie. Sie dachte, es sei der neue Mond, der erste Frost. Sie sah zum Fenster hinaus, verschwommen blinkte das Fensterkreuz, die heilige Figur, durch ihre Tränen. Sie hielt die Zigarette weit ab, lehnte den Kopf dann mit tief gesenkten Nüstern über die blaue Rauchsäule. Aber es war kalt, immer wieder erweckte sie eine fremde Leere, ein ungeahnter Hunger, sie wußte nicht, was es war, sie hielt den Rauch in der Lunge zurück, wollte ganz durchatmet sein von seinem Duft, es war ja alles gut... beide Hände breitete sie aus, um ihre Tränen aufzufangen. Dann trocknete sie die Hände an den Fenstervorhängen ab. Der rote Schlafrock mußte geschont werden, und Tränen hinterließen ebenso Flecken wie Kaffee oder Bier. Vorsichtig hielt sie ihre Hände, die nach dem Staub des Fenstervorhangs und nach der Zigarettenasche des letzten Abends rochen, vor ihr Gesicht. Plötzlich erinnerte sie sich daran, daß sie sich nicht gewaschen hatte. Sie war vergnügt, schnupperte mit spitzbübischem Lächeln an ihren Händen. Als der fremde Gast über die steinernen Fliesen des Korridors trampelte, begriff sie mit einer nie geahnten Freudigkeit, daß ein neues Leben für sie beginne. Sie ergriff den Schlüssel, öffnete das Haustor weit, indem sie mit der linken Hand den Ausschnitt des Schlafrockes festhielt. Es war kalt, die Straße draußen war vereist, wie mit Zuckerguß überglänzt. Der Mond war gelb, und nun erschien er ihr unnatürlich groß, beängstigend nah, gewaltig wie die Sonne, wenn sie durchs Kirchenfenster brach, des Heilands Brust im hohen Glasfenster goldig durchleuchtend.

Der fremde Gast drückte ihr eine Krone in die Hand. Olga steckte das Geldstück nicht in den Strumpf, sondern legte es im Salon auf den Tisch. Als sie aber oben, in dem gemeinschaftlichen Schlafraum angekommen war und sich zu Bett gelegt hatte, fiel ihr ein, daß das Geld am nächsten Morgen von einem Gast gestohlen werden könnte. Auch hatte sie es nicht, wie es sonst ihre Gewohnheit war, angespien. Aber es war ja eigentlich nicht Liebesgeld, sondern Sperrgeld.

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