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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Neuntes Kapitel

Ungeheuer ragte er vor ihr, der eiskalte Mann, der hämische Böse, das rauschende Gelächter rings um ihr jammerndes, liebendes Herz. Blendend zuckten vor ihren Augen seine gelben Zähne in seinem lachend aufgerissenen Munde, seine Hände sah sie funkeln, mitten durch die Finsternis, blaue, fünfgezackte Blitze, Höllenflammen. Sein Hals, aufpochend im Pulsschlag des Lachens, unendlich reizte er Olga, lockte mit langem, süßen Ruf ihr Blut. Im tiefsten Wirbel der Hölle kreiste sie in lautloser Schwingung; über seinen Tod, mitten durch ihre Vernichtung trieb es sie, aufwärts, jenseits von Mensch, Erde und Hölle. In seinen unermeßlichen Leib krallte sie sich ein, auch sie im Traumwahn zu unermeßlicher Größe aufgerissen, in einem Sprung warf sie sich über den lebenslang geliebten, umfaßte ihn ganz, den jahrelang ersehnten, sie zwang ihn in die eiserne Zwinge ihrer starken Glieder, wie eine Kette schlossen sich ihre Hände um seine breite Kehle, unter der das Lachen, schon unterirdisch gedampft, dahinrann, immer näher zusammen, hinein die Krallenfinger in den Hals, der von Adern wie von Galgenstricken durchzogen, sich unter ihr bäumte, ohne Befreiung!

Wort auf Wort schlug aus ihr wie Feuer.

Sterben nein! Morden ja! Ganz langsam wirst du erwürgt, das ist deine Todesstrafe. O nein, den Mund, o ja, die Hand! O nein, den Kuß, o ja, den Tod! In der schwarzen Pferdegrube wirst du enden. Kein Erbarmen, kein Umarmen. Dort wirst du verfaulen. Beten? Nein, zertreten! Du eiskalter toter Stein, wie ein Stein liegen. Millionen Fliegen zur Marter über dir.

Tausendmal hast du mich geliebt.

Ich habe niemals geboren.

Verflucht war ich mit dir!

Schrei nur, du eiseskalter Satan, niemand hört dich! Du liebst mich niemals mehr.

Du saugst mir das Blut? Jetzt sauge ich dich! Mit ihren kleinen, harten, starken Lippen, unabwendbar saugte sie sich an seinem Halse blutig fest, zwischen ihre festen, weißen, scharfen Zahne nahm sie sein Fleisch, rollte es unter der Zunge, unnennbar beseligt.

Gut, ist das gut? Was, kein Wort? Tot? Schlaf! Augen zu! So will ich dich lieben, so muß ich dich küssen, Franz, Strafe Gottes. Das tut mir wohl. Muß ich dich so lieben? Bin ich ein Mensch?

Das kahlköpfige, schwarz umdunkelte Weib, triefend in der Dunkelzelle, rittlings im Dämonenritt über der einst geliebten Gestalt, mit ihren entfesselten Locken wehte sie ihm um das nachtschwarze Gesicht.

Entweibt, der langen Locken entkleidet, deckte sie ihn mit dem schweren Schleier ihrer Haare, schüttete das letzte Dunkel aus im Liebesgemache.

Mit ihren Knien glitt sie an seinem Halse in die Höhe, aus ihr wuchs er, er selbst aus der tausendfach unfruchtbaren Umarmung. Er allein ausgeboren, der eisige Stein!

Olga, zu einem steilen Berge getürmt, niedrig die milchweißen Füße, unter denen seine Brust schwer nur atmete, langsam sein Herz sich hob. Niedrig das Haupt, das in triefender Nässe schwarz funkelte. Hoch die Hüften, aufgebaut über das Leben, ragend aus der Hölle zur Höhe.

Ihre ganz durchblutete Wange legte sie an seine, das Mädchen nahe dem ersten Geliebten, ihr überblühendes Fleisch schmiegte sie an seine kalten Wände.

Aber nicht einen Atemzug lang ruhte sie, schon schoß unter ihr wie ein brennendes Feuer sein zischender Hohn hervor, das ewige nein, einstimmig von beiden Feinden geflüstert, ihm aus den Fingerspitzen entspringend, ihr aus der Wunde entrollend. Höllischer Laut. Lautgewordene Hölle.

Aufwirbelnd aus dem tiefsten Grunde, sammelte sie sich zu der Vernichtung.

Ausbrechend aus der geliebten, warmen, vertrauten, durchfreuten, durchlittenen menschlichen Gestalt, zersplitterte sie Franz, Mizzi, sich selbst.

Erst starrte sie hinab unter sich, genau sicherte sie ihr Ziel. Dann spritzten ihr die Tieresnägel aus der entketteten, entfalteten Faust, sie faßte ihn unerbittlich in den Mund, mit ihrem Kopfe schmetterte sie nieder auf seinen Hals, durchhackte ihm die Adern mit spitzen Zähnen.

Ausweitend ihre Lippenwinkel in tierischer Wollust, sog sie, langsam sich berauschend, an seinem schweren, süßen, schwarzen Blut.

Auf und nieder stampfte sie. Über den knirschenden Filz der Pritschendecke krachte ihr Fuß. Sie trat den Geliebten nieder, wie ein Mörser zertrümmerte sie ihn ganz.

Aber noch tönte ihr zum Hohn, zum ewigen Hunger, das ewige nein, noch war sie nicht gesättigt, verschwunden blieb Mizzi. Erste tierische Glut ergriff die Verwandelte. Sie suchte Mizzi in der Dunkelheit, geschmeidig ausweichend spitzen Kanten, steilen Mauern, die Finsternis durchwanderte Olga im Sprung.

Verschwunden blieb die verhaßte Erscheinung, aber noch lebte sie, spritzte aus allen Ecken Gift und Schmerzen und Hohn. Wut raste in Olga empor.

Warme Hände packten sie an den Schultern, langsam geriet sie ins Kreisen.

Wie ein Stück Eisen, fortgewirbelt vom zerschmetterten Schwungrad, wie ein Stück Stern, fortgeschleudert von einer zertrümmerten Sonne, zu Atomen zerstiebend im eng geketteten Räume, so warf es sie umher in der Zelle, dumpf knirschten ihre Zähne in Tobsucht, im Frieden des Tobens, in der Freude des Wahnsinns, in der letzten Erfüllung. Der zertrümmerte Freudenmensch stürzte empor, aufwärts, rasend vom rasenden Menschen zum ruhenden schweigenden Tiere.

In Spiralen funkelten ihre Hände durch das höllendunkle Gemach, niedrig, hart das Kinn an das Schlüsselbein gepreßt, wirbelte ihr kahles Haupt, es zagten die Brüste, eine tobende Meute, vor ihr her.

Krachend zerspaltenem Holze gleich schwang sich mit ihr das Geheul.

Ihr Körper schleuderte sich mit nie erlebter Gewalt durch den Raum. Glühender Stern. Rollendes Gestirn, unbeseeltes. Glücklicher Stern, rasend im Chaos.

Glücklich im Chaos geborgen, im Chaos vergehend. Glücklich, da es sie ganz entriß, sie ganz zerriß. Mord, Liebe, Freudenhaus, Leidenswelt, Traum und Zuhause, Zurück und Zertrümmern, Vergehen, Vergessen, Verwehen, Verwandeln, Wahn, Wahnsinn, Wandlung und Tod, rotrauschende Seide, rotblühender Mund, silberne Heilandsbrust, silberne Mädchenbrust, silberner Sonnenstrahl, Licht war überall, sie atmete leicht, leicht. Ihre Pranken packten die Klinke der versperrten Tür, ihre Zahne bissen in das kalte Metall, den blonden, giftigen Flimmerstrahl, sie rissen es mit hinein in den wirbelnden Kreiselschwung, leuchtende Kreise vorfunkelnd den Tieraugen Olgas.

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