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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Fünftes Kapitel

Es krachte an der Decke. Das Fenster wurde zur Seite geschoben, rotgelbes Licht entfaltete sich neu. Die Augen des Mannes funkelten böse, zwei Augen brannten in eines zusammen, das aufglühte, wieder erlosch, wieder glühte.

Wie Olga atmete, auf! In flehendem Gebet, auf, die Finger gesammelt zum Rosenkranz, zum einzig gnadenspendenden, noch einmal die Perlen, die Lippen entlang geküßt, immer zu wenig, oh, dann auf, brustauf, zum Himmel gewendet, zum flackernden Dach, und immer vergebens!

Olga stand auf, sie lehnte sich an die Wand, die grabeskühle, eng schmiegte sie den flammenden Körper an die eisige Kälte, im Stehen mußte sie schlafen!

Sie fühlte, in Wolken herabwallend von oben den Geruch des süßen Tabakes, als der Gendarm sich eine Zigarette anbrannte, rot gloste die alte Laterne, sie war im roten Salon, viele Zigaretten hatte sie vor sich, die eiserne Ration, den letzten Trost. Mizzi gab ihr Feuer, der Saal im Hause 37 war erleuchtet von zwei Zigaretten, Mizzi saß ruhig da, paffte vergnügt.

Die blonden Stirnlocken, in kleine Strähnchen gekittet durch die Gesichtspomade, waren goldfarben, friedlich das zerstörte Gesicht, das handflächenglatte.

Nur an einer Stelle waren die Löckchen schwarz, die gekräuselten Haare versengt. Dort war die Wunde, nie mehr zu schließen, dort strömte der armen Mizzi Rauch in starken Wolken aus der karminroten Wunde.

»Mizzi, nicht! Nicht! Du sollst den Rauch nicht so tief einziehen!« flüsterte Olga im Traum, »der Rauch ist zu scharf, du bist sehr krank! Die Wunde muß heilen, dort oben an der Stirn!« sagte Olga in ihrer zweiten Wirklichkeit.

»Ich, die Hure kinderlos, das Mädchen freudenlos, ich meine es gut!

Jetzt nicht mehr leben, nur noch beten!

Jetzt wird alles verheilen, alles verwachsen.

Mizzi, mein Kind! Man soll sich erbarmen. Nur schlafen!

Nicht rauchen, nicht trinken, nicht küssen, nicht essen, nicht lieben.

Ruhen, nur schlafen.

Gerade nur liegen, ruhen.

Begraben.«

Mit zitternder Hand strich Olga der Todfeindin die Haare aus dem Gesicht, breitete ihre Finger an die ewig offene Wunde, aus der der Rauch hervorströmte, sie wollte sie retten. Beide Hände, in heiligem Kreuz übereinandergelegt, an die Wunde gepreßt, sollten schützen, verbergen und heilen!

Sie bettete das Kind Mizzi ins Gitterbett, legte es an die kühlende, heilende, heilige Wand.

Das Kind, starrend in Schmutz, so daß nur die Augen heraussahen, das arme, gemarterte, schmutzbegrabene Herz, hatte Mitleid geweckt in Olga. Sie erbarmte sich ihrer Feindin.

Aber Mizzi erbarmte sich nicht.

»Pack ich dich, pack ich dich am Haar?

Mich zerreißt es, an den schwarzen Zotteln muß ich dich reißen!

Mit meinen Fingern dich kämmen.

Eine Zange her, heiß gemacht mitten in der Glut! So werde ich dir die Haare brennen!

Und jetzt Gift! Eine Flasche voll, ein Liter, ein ganzes Faß Gift, dir mitten in die Haare! Das ist' die Pomade für dein Haar!

Sterben mußt du, und wenn du drei Leben in dir hattest.

Zertreten! Umgeworfen! Hin und hin und hin! Zertreten!

Das bin ich, Mizzi, ich!

Du kannst beten, ich sage nein!

Du kannst schrein, ich sage nein!

Kein Herrgott zum Erbarmen, kein Franz zum Umarmen, kein Bissen zum Küssen, Nein, nein, nein.

Schlafen nein, essen nein, leben nein, beten nein, ruhen nein, aber leiden, leiden allein!

Mizzi, ich!«

Mitleid hielt Olgas Hände an Mizzis Stirn, und doch brannte es erbarmungslos in Olgas Haar: Tiefe Wunden, unerträglich schmerzende Kreise rings um den Kopf, unerträglich glühende, Höllenkreise.

Wie ein Kind seufzte sie durch den ermüdeten Mund.

Spät war es am Tage. Sie allein war noch in dem ausgestorbenen Saal.

Olga war erwacht. Von den Haaren wollte sie sich befreien. Dann konnte man sie nicht so leicht finden, nicht so leicht fassen.

Vor der Wärterin kniete sie, flehte sie, ohne Worte, nur mit stummen Gebärden an, ihr das Haar zu schneiden.

»Aber, was ist denn das? Mit der Dreimillimeterschere müßte ich dir die Haare schneiden, das wäre doch jammerschade. Das machen wir nur bei den räudigen Mädchen. Willst du das wirklich? So Hab nur Geduld, ich will es dir schneiden. Nur iß die Morgensuppe vorher, und ein Stück Brot, ein weißes, gutes, mit Zucker oder mit Mohn? Die erste Nacht war wohl schlecht? Heute ist Sonntag!«

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