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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
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Zweites Kapitel

Aus dem Untersuchungsgefängnis kam Olga in den Kerker. Dort empfing sie die weibliche Wache, ein grauhaariges, knochiges Weib, größer als alle Männer, breit wie ein Turm.

»Zuerst werden wir dich baden,« sagte sie, »das alte Kleid legen wir fort, beim Abschied bekommst du es wieder. Die Haarnadeln mußt du auch geben, denn die Madchen hier sind eine eigene Rasse, schlecht sind sie eigentlich nicht, aber Zornteufel gibt es, solche wie dich! Nichts Eisernes darf man ihnen lassen. Im Spital war ich früher, auf der gesperrten Abteilung, da waren die kranken Madchen beisammen. Die Polizei hat sie uns gebracht, im Wagen, aber wenn sie gesund waren, haben sie zu Fuß gehen müssen, das hat sie sehr gekränkt. Marschieren haben sie nicht wollen, um keinen Preis, so sehr haben sie sich geschämt.

Hier, du Olga, hast du ein Stückchen Seife, das ist mein eigen, privat, in der anderen Seife ist Sand. Für manches Mädchen ist Sandseife gut, aber du bist etwas Besseres und dann bist du auch schön.

Aber die Nägel so lang, da machst du dir Wunden. Warum denn verstecken? Ich bin doch ein Mädchen wie du. Vor mir darfst du dich nicht schämen!

So werde ich dich waschen, in der Zelle haben sie dich niemals gebadet! So den rechten Arm und die rechte Brust, und jetzt den Hals und jetzt den linken Fuß, gib ihn mir ruhig in die Hand, ich tue dir nichts. Das tut gut. Reines Wasser, gute Seife, da wirst du ein anderer Mensch.

Vor Männern graut es mir, einer ist wie der andere, wenn kein Mann existiert, dann gibt es kein Weib hier, das weiß ich. Aber Mädchen, das ist meine Liebe.

Deshalb hat mich der grüne Kommissar von der Polizei gefragt, als ich noch als Wärterin im Spital war! Kommen Sie, kommen Sie zu uns! Mit den männlichen Profossen ist gar kein Auslangen mehr, aber Sie könnten wir brauchen, Sie haben ein Herz für die Kreaturen.

Und denken Sie nur, sagt der Kommissar, gib acht, Olga, daß dein Haar dir nicht in das Wasser fällt, es läßt sich schwer kämmen nachher, und du hast schönes Haar, wie ein Engel so lang, aber denken Sie nur, eben haben sich die Mädchen im Gefängnis gerauft, mit der Haarnadel hat die eine eine andere erstochen, grade hinein unter der linken Brust, keine Wunde zu sehen, aber augenblicklich tot.

Ist das nicht schade? Aber seitdem ich hier bin, gib mir den Kopf her, halte recht still, jetzt laß mich dich frisieren. Nein, die Haare ganz aus dem Gesicht, so ist es lieb, so bist du schön! Und jetzt der eine Zopf, der geht zum Herzen, und der andere dreimal um den Hals. Jetzt wirst du lachen, mit einem Schnürchen werde ich dir das Haar einflechten, viel schöner als mit den Nadeln und keine Gefahr. Das mußt du selbst lernen, keine kann das, wenn sie herkommt.

Und jetzt werden wir dich ankleiden, du junges Kind! Ein langes Hemd und einen schönen Rock, alles warm und bequem. Sie dürfen auch an die Luft, eine Stunde Spaziergang am Tage.

Sieh nur, wie ruhig du bist, wie gut du mich ansiehst!

Im Protokoll steht Totschlag und anderes, aber du bist gar keine Totschlägerin, nein. Hier ist auch kein Zuchthaus, weil alles – doch nur ein Traum ist! Aber die Füße, die muß ich dir trocken reiben, eine jede Zehe wie eine Perle, und jetzt gute Strümpfe und solide Schuhe, niemals getragene. Und jetzt, lieb Kind, werden wir in den Arbeitssaal gehen, da werden wir arbeiten lernen. Da sitzen die Mädchen wie in der Schule, jede in ihrem Bänkchen, ganz still.«

In einem mittelgroßen Saal arbeiteten dreißig Weiber. Schwer dunstete der Geruch in schwebenden Wellen, dem Dunste rings um die Ölfabrik zu vergleichen.

»Warum die Angst? Niemand tut dir etwas. Ich bin ja da, ich bleibe bei dir zum Schutz. Und arbeiten muß der Mensch, du erlernst es leicht, bist sehr intelligent. Ohne Arbeit müßte man verfaulen. Du kannst auch Geld verdienen. Für Geld bekommst du Wurst und besseres Brot, das kannst du brauchen, damit du jung bleibst und schön ... Was habt ihr zu gaffen?« rief sie den andern Weibern zu, die, obwohl sie, in ihren Bänken festgesperrt, nichts sehen konnten, doch durch Bewegung verrieten, daß sie Olgas Ankunft gemerkt hatten.

Über ihrem Arm trug die Wärterin das rote Seidenkleid, von Erde beschmiert, die Falten verdrückt, das alte Hemd, die zarten Röcke, alles zerfetzt, wie aus der Gruft gegraben, in ein kleines Bündel verschnürt.

Eine Gefangene, schwarzhaarig und dürr, den Scheitel stark überfettet, wandte sich um; den hageren Körper verrenkend, winkte sie Olga zu, es war Erna, die Zimmergenossin von einst, die Diebin.

Um acht Uhr abends gab der Gendarm, der auf einer Art Thron herab die Gefangenen bewachte, den Befehl: Feierabend! Zum Essen!

Eine lange Prozession wanderte in den Eßraum, wo die Profossin mit einer Schöpfkelle aus einem tiefen Kessel Erbsenbrei mit Speck verteilen wollte.

»Schnell, heute noch!«

Aber die Weiber zögerten. Niemand wollte die erste Portion in Empfang nehmen. Die letzten Portionen, vom Grunde des Kessels zusammengescharrt, schienen ihnen mehr Speck zu versprechen.

»Aber ich sage es euch doch, alles ist mit dem Kochlöffel um und um gerührt, keine Portion ist anders als die erste. Wollt ihr oder wollt ihr nicht? So, dann nach der Reihe! Die ältesten zuerst, die Stammgäste. Also 1, 2, 3, 4, bis zum Schluß! Nur langsam, in Ruhe und Frieden!«

Olga war die letzte.

Neidisch zischten die andern. Erna, in stummem Lachen, mit tückischen Grimassen, näherte sich Olga, um ihr den Napf wegzunehmen, ihn gegen den eigenen zu vertauschen.

»Her zu mir! Setz dich! Iß! Ihr! Ruhe, ihr!«

Die Wärterin, riesig groß, schützte Olga. Im Schatten ihres guten Goliathrückens aß Olga, den Napf zwischen die schmalen Knie gespannt. In Hast, in Hunger aß sie alles, mit den Fingern tastete sie den Speck heraus.

Lange saß sie noch da, die Fersen gegen das Fleisch der Lenden gestützt, witternd mit unendlichem Atem, wollüstig schlürfte sie, wortlos, stumm, den Geruch des gerösteten Fettes, der noch an ihren Krallen klebte.

Erschreckt fuhr sie auf, als die Wärterin sie am Arme ergriff, um sie in die Schlafkoje zu führen.

Unheimlich war ihr der fremde Raum, die Betten, grau bespannt, durch kreuzförmige Wände voneinander geschieden.

Dunkelheit schlürfte sie ein, genoß den Duft vergangener Speisen, den Duft des eigenen Körpers, der gerollt um sich selbst dalag. Olga war gerettet zu sich selbst, sie verkroch sich in die eigene Wärme, sich selbst zugewandt, verwehend im grünen Dämmer des geliebten Raumes einst.

Ihre kleine mädchenhafte Hand deckte ihr die mädchenhafte Brust, noch feucht vom morgendlichen Bade.

Das Bad des Totentraumes war erfüllt. Sie ruhte, ihre Seele gerollt um sich, umfriedet, sie sehnte sich, gesättigt zu schlafen, ohne Gesichte zu bleiben.

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