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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Neuntes Kapitel

Kathinka stürmte herein. Wie anders klang ihr Schrei! Wie anders ihr gejammertes Wort!

Eilends füllte sich der Raum, alle heulten, auch der Gast, ein junger Student, aus der ersten Lust erwacht zu Grauen.

Michalek stampfte vor. Böses ahnend hatte er sich verkrochen, Olgas Geld gezählt, in Angst, das Gestohlene bald zu verlieren, halb nur verführt von Mizzis Plan, halb nur verführt von Olgas Umarmung.

»Auf! Mizzi, auf! Kein Theater!«

»Sie ist geschossen! Tot!«

»Das hätte ich doch gehört! Ich habe gar nichts gehört! Gib den Fetzen weg, Kathinka, gib mir ihn her ... was? Blut ist daran ... und das ... o das! O Gott, o Jesus, Maria, Josef! O heilige Barmherzigkeit!

Olga hatte die Mizzi erschossen.

Marsch, Menscher, fort! Alle fort! Und die Gendarmen!«

Er stieß die Mädchen vor sich her, zählte sie, gewohnt an die Ordnung, die Buchhaltung.

Olga ging in Michaleks Zimmer. Noch war es dunkel dort, schwül die Luft, licht gleißte nur das Bett.

Olga zog den Mantel aus, hing ihn in den Schrank, lange schwankte er, mit dem Revolver beschwert, hin und her, pochte an die Wände, die dumpfe Kirchenglocke, statt leiser zu werden, dröhnte es auf. Grauen drückte Olga nieder von untenher, frierend gekauert, umfaßte sie den Glockenschlagel, den schwarzen im schwarzen Gehäuse, machte ihn ruhen und schweigen.

Ruhend, schweigend legte sie sich in Michaleks Bett.

»Heraus, heraus aus dem Bett!« brüllte der Mann.

Olga erschrak, Olga erkannte, wo sie war. Aber das Vergangene dunkelte noch in ihr.

Nach ihm, dem wiedergefundenen Mann, nach dem wiedergefundenen, geliebten Raum sehnte sie sich. Hier war die weiche Decke, das gute Zuhause, die labende Stille.

»Küsse mich, liebe mich!« flüsterte sie ihn an, sie nahm ihn, der fortstrebte, zu sich, schmiegte sich ihm in die Falten seines langen, schwarzen, gut deckenden Rockes, der sie vor allen verbarg.

Irgendwo mußte es sein, die helle blonde, in Fett glänzende Stirn, von blonden Haaren übersonnt, von karminrotem, tiefen Loche durchbohrt, scharf mit zerbrochenen Rändern, ihr zum furchtbaren Gefängnis.

Aber bei ihm war es gut, bei ihm war es dunkel, weich, süß duftete der alte Geruch der heimatlichen Sultanzigaretten aus seinen Falten, süßer noch schmeichelte sich der holde Arankaduft aus dem verstaubten, angegrauten Stoff, Erinnerung an gute vergangene wirkliche Zeit.

»Küssen! Lieben! Heraus aus dem Bett! Die Gendarmen sind am Weg! Heraus!«

Er packte sie am Arm, riß sie heraus. Willenlos folgte sie ihm.

»Anziehen! Wo ist dein Kleid? Oben muß es noch sein.«

Er ging, versperrte die Tür, öffnete sie bald wieder mit klirrendem Schlüssel, reichte mit der Hand die Kleider herein. Olga zog ihn zu sich. Das Wort Gendarmen hatte sie erschreckt. Das Klirren der Schlüssel hatte sie verstört. Mizzi dämmerte auf in ihr, in der Nähe mußte es sein, das tödliche Loch, scharf gerundet inmitten der vereisenden Stirn!

»Komm zu mir, Franz! Laß dich nicht ziehen und zerren, sage und sprich!«

»Was ist?«

»Die Mizzi?«

»Erschossen. Du hast sie erschossen. Tot.«

»Ich, die Mizzi erschossen? Wann?«

»Heute, vor einer Minute! Ja, das war ihr letzter Tag! Die arme! Aber deiner auch!«

»Erschossen,« wiederholte Olga leise, »dann muß ich auch schnell von hier, dann laß mich auch schnell von hier, die Gendarmen kommen, da muß ich doch fort!« und sie drängte sich, immer noch im Hemde, zur Tür.

»Da geht es nicht heraus«, zischte er böse. »Du wirst schon gehen, aber nicht allein, und wiederkommen wirst du diesmal nicht mehr. Aber erst ziehe dich an! Du! Du hast nicht früher Ruhe geben wollen. Jetzt hast du deinen Willen, jetzt ist die Mizzi tot. Was hat sie dir getan? Warum bist du hergekommen? Warum bist du vor ein paar Monaten dagewesen? Warum bist du mir Jahr auf Jahr dageblieben? Du warst nicht wegzubringen und bist nicht wegzubringen, nicht mit Güte, nicht mit Gewalt.

Ein Pferd, wenn es gestallt hat, es bleibt nicht stehen in seinem Abwasser, es tritt heraus, aber du! Aber du!«

In Wut knirschte er mit den Zähnen, über seinen schweren Wangen wogten Wellen im Zorn.

»Alles hast du gehabt, einen Mann und Geld und ein Haus, nichts hat dir gefehlt, aus reiner Teufelei bist du hergeschlichen, nicht wegen des Geldes. Jetzt hast du es, jetzt hast du deswegen gemordet!«

Plötzlich sank die letzte Finsternis von ihr. Herabgerissen wurde die gute Finsternis durch sein heiseres Gebrüll. Licht strahlte der Moment. Weiß in ihrem weißen Hemd, weiß an ihrer Stirn, dem vereisten, mordgesättigten Mund, weiß mit ihren starken, mordgesättigten Fingern: so trat sie aus dem Schatten seines Gewandes vor Michalek hin.

»Franz, mein Geld!«

»Weg mit dir! Warum drängst du dich an mich!«

»Franz, mein Geld!«

»Was weiß ich von deinem Geld! Hast du es mir zum Aufbewahren gegeben? Bin ich deine Geldbörse?

Zieh dich an! Schnell! Schneller!

Ich will nicht, daß die Gendarmen dich im Hemd bei mir sehen. Ich leide es nicht. Ich mag dich nicht!« Mit beidem Ellenbogen stieß er sie fort, die wutgekrampften Fäuste blau auf seiner schwammigen Brust gekreuzt.

»O, das ist gut!

Du, das tut gut!

Endlich habe ich Ruhe vor dir!

O du, mit deinem ... Wer hat dich herbestellt! Wenn ich dich so sehe, ich weiß nicht, was ich dir tun könnte ...

O, gehen willst du nicht, herzenstreue Olga? Führen werden sie dich, mit dem Strick um den Hals. So, so, so, meine herzgeliebte Olga!«

Endlich ging sie, kleidete sich an, wandte ihm den Rücken, schämte sich, versteckte sich.

Noch regnete es, die Erde glänzte, unter dem Ausguß der Dachrinne war ein Loch, schwarz und tief in die Erde gebohrt, zwischen gekräuselten Gräsern, die lange vom Sommer her verdorrten. Ein rundes Loch fiel nieder, an der Schwelle des geliebten, heiligen Hauses. Die tödliche Wunde, furchtbar geahnt, furchtbar erkannt. Die Glieder erstarrten ihr eisig.

Es jagte sie fort, es scheuchte sie zurück, schauernd wich die Starke zurück in das Zimmer, an den Ofen, in die letzte Ecke, die dunkelste, drückte sie ihr Gesicht, die harte Brust, den ermüdeten Leib. Sie preßte sich gegen die kühlen Kacheln des Ofens. Der Druck war gut, der steinerne Ofen, der hielt sie, der nahm ihr die Last von der Brust, und die zentnerschwere Graberde wollte sich schon lösen, in beginnenden Tränen, abwaschenden, mildtätigen, herabgebeten, reinen.

Sie schwieg, sie atmete aus, es löste sich alles, bald, bald! Franz kam bald zu ihr, bald, bald! Alles in Auflösung, bald! Alles in Heilung, bald! Alles am guten Weg, bald!

Michalek schwieg. Starr stand er, feist von dickem Fett, schlaff und geblendet stieß er nur leeren Atem hin zu ihr statt der tröstlichen Worte.

Die letzte Begegnung mit dem Menschen, mit dem geliebten, mit ihrem Kuß und ihrer Liebe, ersehnte Olga.

Zum letztenmal ganz als Mensch zitternd, der Schuld bewußt, liebend und durstig nach Liebe, noch einmal wandte sie sich ihm zu, ihrem Franz entgegen!

Der Saum ihres roten Seidenkleides verfing sich am Ofentürchen, am Kupferknauf, am grünlich glitzernden, tückisch blinkenden.

Sie sah hinab, griff mit beiden Händen, schauernd schon, aufgewühlt vom giftigen Dunst, an die Ofentür.

Da, mitten in der Asche, war ein feines, mit Nesteln besetztes Schnürchen zu sehen.

Das Geld, in bläulichen Scheinen, in Rollen verknotet, Gebetbuch der höllischen Litanei! Umklammert von der Schnur des schwarzgewürgten Bosniaken, des mörderischen.

Das Geld, von Mizzi aus den Kleidern gestohlen.

Mizzi stand an der Tür, tückisch lachte sie ihrem Geliebten zu, der zum Hohn die unselige Olga umarmte, von außen kicherte in Perlen ihr Lachen aus dem zerfressenen Antlitz.

Mizzi machte sie lieben, mit ausgebreiteten Gliedern warf sie sie nackt hin vor den bösen Geliebten.

Mizzi machte sie beten, knien mußte sie vor dem blonden Satan und Gebete erflehen von ihm.

Mizzi machte sie morden, verdammte sie zur ewigen Hölle, zum ewigen Feuer!

Höllensturz erfaßte die hinstürzende Olga. Höllenangst schlug aus ihr, der Mörderin. Höllendunst würgte ihr die Kehle ab, giftiger Kupferdunst.

Das Kupfer, an den Knäufen der Höllentür blinkte in teuflischem Feuer, mit offenem Rachen, ihr entgegenhauchend. Kupfer spie ihr ins Gesicht, riß herum in ihr. Wild regte sich, mit plumpen Gliedern, schwellend zum Leben, hoch fauchend, erwachend: die Bestie.

Sie mußte ihn lieben: den Bösen.

Ihren milchweißen Himmelskugeln drängte er sich an, mit düsterem Gesicht, weich behaart den grauen Kopf, der Böse, mit Flaumfedern beschneit. Ins Geheimste wollte er, tausend und tausend in einem. Das war sein Einmaleins.

Aber nur mit kaltem Schleim badete er sie, im Grabe von Schleim und schmutzigem Gift wollte er sie ewig versenken und ihr blühendes Leben, vergebens murmelte sie Segensworte und mildtätige Sprüche, tiefer in die Höllenflut wollte er sie tauchen, der Verfluchte, schaltend und waltend mit ihr, der Verfluchten.

Die herrliche Kirche raste vorbei an ihr, lautlos rotierte am Himmel das hohe, ungeheuere, herrlichste Haus, mit seinen Glasfenstern in Kirchennacht blendend durchleuchtet, kreisend in namenlosem Schwung, auf Treppen schwer zu ersteigen, niemals zu ersteigen, auf Flügeln bald zu erschwingen, niemals bald, niemals.

Keine Rettung. Die Hände umkettet von Richards metallener Kette, die milchweißen Füße umschnürt vom schwarzem Bosniakenstrick, die schwellende, liebende Brust umarmt von dem Bösen, dem guten Geliebten, den sie gar so gern liebte, gar so gern küßte.

Die Höllenfabrik raste vorbei. Das breite Haus, von Regen umprasselt, weiß flammend, mitten im Regen. Der hohe, blutige Schlot der riesigen Fabrik vorbei in namenlosem Schwung. Funken heraus, heraus aus der Höllenesse, Millionen von Fliegen drehten sich spiralig hervor, summten, wirbelten ihr an den harten weißen Höllenhüften empor.

Rasend im Höllensturz, Olga.

Fliehend vor der im Raum hastenden, fliehenden, die Türe versperrt mit klirrenden Schlüsseln.

Tief lag sie im Pferdebegräbnis, grauenhaft nackt im bloßen Fleisch, von Küssefliegen summend überdeckt, gezündet von Fliegenfunken.

Rasend im Höllensturz, prasselnd im Höllengewitter. Von fünfzackigen Blitzen in tausend Flammen verendend.

Franz, Erbarmen Hilfe, zu Hilfe!

Erde auf mir!

Verbrennen in Asche, verglimmen zu Ende, zunicht.

Mizzi erschien, nur Lachen, ein einziger silbernperlender Laut, aus offenem Munde über sie.

Ihr, Olga, wurde von fürchterlichen Messern und Eisen das Gesicht zerfressen, wie Mizzi, in Mizzis schielendes Antlitz wurden Olgas Züge verzaubert, das war ihre Strafe, Olga, gebannt in ihre verdammte, tausendfache Feindin hineingeträumt, hineingelebt, hineingezwungen, gekettet.

Sie wehrte sich, sammelte sich, faßte sich und alle ihre tausend Kräfte.

Aber die andere wollte nicht weichen, immer wieder kehrte sie zurück, war nicht zu verdrängen, nicht zu vertreiben.

Die andere wollte den jungen, schönen Geliebten umfangen.

Ihr sollte er die Unschuld nehmen, ihr Champagner geben zum Trinken, er ließ es für die andere erklingen über dem Dach, in dem Gewölbe, in der Welt über der Welt: wunderbare Musik.

Olga fühlte, sie war verflucht.

Olga wußte, sie stürze im Höllensturz.

Zermalmt sprang ihr die Welt in Trümmer.

In den tierischen Zaum biß sie mit Wollust, mit Grauen!

In tierischer Urweltskraft schwollen ihr Glieder und Sehnen und das zornige Herz, unzerstörbar glühend.

Olga hieß sie nicht mehr. Namenlos trieb es sie, den willenlosen Spielball zwischen Gottes Händen, den zertrümmerten Freudenmenschen durch die Welt.

Sie wütete gegen sich selbst, sie wütete gegen den Geliebten. Blind stürzte sie gegen ihn.

Olga, von Liebe zerrissen, mit Wahnsinn gesegnet, mit Wahnsinn verflucht.

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