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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Achtes Kapitel

Nur ein leises Winseln rann durch das verdunkelte Zimmer; schwer stürzte etwas, weiß flimmerte ein Tischtuch durch die Luft, die, noch von rosarotem Schleier verhangen, wonnevoll wogte vor Olgas Augen ...

In Michaleks Mantel hüllte Olga sich, selig in ihrer Müdigkeit, schlang hinab den süßen Schleim.

Lange noch spielte sie mit den Fingern, an denen der geriffelte Griff des Revolvers abgeprägt war, mit den Knöpfen des Mantels, schnurrte, ließ Worte abschnurren aus seelenloser Kehle ... sie durchatmete die Zeit ohne Gedanken, ohne Wissen ihrer selbst.

Fortgezogen wurde von ihr dann der rote Schleier; der scharfe berauschende Duft des Pulvers verdunstete, da dämmerte der erste lichte Moment: Knistern glaubte sie zu hören, Loslösen des Strickes vom Banknotenbündel, verstecktes Lachen, höhnisches.

Sie schlich hin zu Mizzi, mit eingeknickten Beinen, halb kriechend, gestützt auf die Hände; kniend sich stützend auf die harten Handwurzelknochen, das Haupt zurückgestreckt, mit halbgeschlossenen Augen, scharf saugenden Nüstern glitt sie, ein suchendes, spürendes Tier, zu Mizzi hin, Speichel rann ihr aus dem klaffenden Mund, dem in Lust erschlafften!

Mizzi lag ruhig da. Die blonden Stirnlocken, in kleine Strähnchen gekittet durch die Gesichtspomade, waren goldfarben, eine Stelle bloß schwarz, emporgekräuselt, versengt.

Mit zitternder Zunge summte Olga, unbewußt ihrer selbst. Mit hauchendem Tieratem blies Olga Mizzis Haar fort. Ein rundes Loch fiel nieder, karminfarben, dunkel, mitten in der hellen Stirn, trocken, wie mit der Kerze gebrannt, ganz klein.

Olga: Wahnsinn in sich, in allen Gliedern; Olga: Wahnsinn gegen sich, in dem toten Weib, dem toten Mund, zerrissen durch letztes Grinsen, in den toten Augen, matt zwinkernd ...

Tief keuchte Olga, auf vieren kniend, gestützt auf die Ellbogen, ganz nahe ihren Kopf, nun dem Kopf der Toten; auf vieren schwankend ... Ausgedörrt war ihr der Mund, die Flanken hart, schmerzhaft angepreßt, und schmerzhaft, grauenhaft lichtete sich der Moment: Wirklichkeit stieg wie der böseste, erstickendste Geruch auf von der Leiche Mizzis hart vor ihr! Von ihrer Stirn, ihren Händen, die, in eine Kugel gekrampft, vielleicht noch das heilige Geld (klarstes Erinnern war Geld für Olga) hielten in ihrer starren Höhlung ...

Aber noch einmal wich die Wirklichkeit und dunstete fort.

Die letzte Welle des Wahnsinnanfalles fiel sie an, riß den letzten Wirbel in die verstörte Seele; aber nicht mehr in die gesättigte, sondern in die hungrige Bestie wirbelte sie der Moment, mit böser Macht führte er ihr die Hand: wie einst hinzufühlen an Iboyas impfzernarbten, schmalen Arm, aus der ruhigen Welt Richards auszuschlagen in die Welt der tierischen Dämonen: so riß es sie jetzt, lockte sie, versprach ihr Lachen und Sättigung und süß pochende Lust: Einmal, nur einmal, ein Fingerchen, das kleine Fingerchen nur an die Stirn der Toten zu legen, und es dann mitten hineinzubohren in das schmale, feine Loch in der Stirn der toten Mizzi. Der Traum der gemarterten Hähne erwachte, stieß in wilder Erschütterung in Olga.

Noch wollte sie nicht ganz, sie ahnte die drohende, immer mehr sich nähernde Wirklichkeit! Sie wollte nicht, wehrte sich, sträubte sich, halb schon niedergeworfen, aber immer noch entgegenstemmend ihre letzte Kraft der lockenden Verführung. Mit starkem Schwung, sich widersetzend, setzte sie in Katzensprung fort von Mizzi ... auf allen vieren loszuckend von der Erde, nahm sie ihre Finger alle mit, schleppte sie fort von der Versuchung.

Sie atmete tief; aus dem Kabinett nebenan, erfüllt von Lachen, schmatzenden Küssen, Knistern der Betten, hochgetürmt über hochgetürmten Menschen, schwelte süßer Zigarettenduft, ihm nach schnupperte sie, ihm nach schlich sie. Wonnig trat ihren Händen, ihren Knien Erde entgegen, sie spürte, ganz Tier wie einst! den liegenden Leichnam auf. In eine schwarze Wolke, das herabgesunkene Haupthaar, war Olgas Kopf gehüllt; blind bohrten die Finger sich in die Stirn der Toten. Unnennbar Süßes durchdrang die Wahnsinnige.

Lange blieb sie so: stumm, mit den Schneidezähnen die Lippe harkend, durchatmend die schwarze Wolke ihrer Haare, die vor ihrem Mund schwankte, schwankend mit ihr, die ermüdet sich beugte ...

Muskeln zuckten in Olga, aber in der ersten Zuckung, in der ersten Bewegung, als sie den schwarzen Helm ihrer Haare zurückwarf, blitzte auf sie der lichte Moment nieder, der Gegenwahnsinn, die Wirklichkeit ...

Sie schrie auf, wand sich mit gehobenen, schiefgereckten Schultern empor, zitternd ... aber unmöglich war es, den tierisch geketteten Finger zu befreien. Alle Glieder waren erstarrt, gelähmt, sie konnte nicht empor, auf allen vieren hielt es sie.

Sie jammerte hoch auf, zum zweiten Male.

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