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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Fünftes Kapitel

Aus den Falten von Olgas japanischem Seidenkleid starrte Mizzis gräuliches Gesicht, spiegelnd in dick verschmierter Pomade.

Mizzi stand ganz still, bloß die Augen wanderten, schielten, leuchteten tückisch im Anblick des knienden Michalek, der wutzitternden Olga, die von holdem, erst halb zu Ende geträumten Traum weggerissen, ihr Geld wieder versteckte in der zornig gekrümmten Hand. Zerstört war Mizzis Gesicht, zu einem kleinen Sattel war die Nase zerfressen.

»Franz!« schrie Mizzi.

»Jetzt hab' ich aber genug vom Schreien,« sagte Franz. »Halt's Maul, Mizzi, oder ...«

»Oder?«

»Frieden will ich hier! Verstanden? Meine Ruhe will ich haben in meinem Haus! Das Vieh laßt man saufen, wann's Durst hat, und mich nicht? Marsch hinauf, Olga, für heute gehst noch zu den andern Mädeln, morgen bekommst du das Fünferkabinett. Aber pass' auf: 25 Kronen ist zu zahlen für die Nacht... 25 Kronen wirst du zahlen. Willst? Ja? Dann ist es recht! Und jetzt gebt euch einen Kuß, einen echten Herzenskuß!«

»Da hast du deinen Kuß!« schrie Mizzi, schwang die große Schnapsflasche, daß der Schnaps, starken Duft verbreitend, durchs Zimmer spritzte, dann hieb sie sie gegen den Tisch. Krachend zersprang das Glas. »Da hast du deinen Herzenskuß,« schrie sie, und wollte die zweite Flasche an sich reißen, doch schon hatte Olga sie ergriffen, war lachend zur Tür geglitten.

Tränen rannen eilig an Mizzis geöltem Gesicht herab. Michalek, des Schnapses beraubt, starrte traurig. Mizzi flüsterte sich heran zu ihm:

»Weißt auch, was du angestellt hast? Meineidig bist du, von oben bis unten meineidig!«

»Ach, du glaubst ja selbst nicht dran.«

»Ich glaube nicht dran? So eine Sünde, so eine Schande, besoffen warst du. Und ich glaub nicht dran? Wart' nur, bis du deine elektrischen Anfälle bekommst, dann wirst ja sehen! ... Und alles wegen der Olga ... aber sie soll dich auch pflegen, wenn du dich windest vor Schmerzen, jetzt erst werden sie kommen, doppelt und dreifach, denn jetzt hat der liebe Gott keine Gnade mit dir, denn du bist meineidig ...«

»Ich geh' in die Kirche ...«

»Und der liebe Gott soll dir wieder glauben, der soll dir wieder verzeihen? ... Ja, das paßt dir! Was? Hier hast dein Herzensmensch im Zimmer, die verworfene Person, die abgestrafte, mit ihrem Sündengeld und dort soll dir der Herrgott glauben? Wenn du es wenigstens zeigen würdest ... wenn du ihr das Sündengeld wieder abnehmen würdest ... Was könnten da Messen gelesen werden ... immerwährende ... wie würde sich der geistliche Herr freuen über dich! Hast du denn nur gesehen, das viele Geld! Hunderttausende oder mehr ... Wenn auch ein paar fehlen, sie merkt es selbst nicht, das zornwütige Mensch ... dir wär' geholfen, deine Sünde verziehen ... Sie hat dich besoffen gemacht, geschieht ihr nur recht, wenn man ihr das Geld fortnimmt, zum guten Zweck... Es könnt' ja ein klein wenig auch für sie gebetet werden, im schlimmsten Fall... Und der Spaß! Das wär' doch eine Hetz', wenn man ihr's so unter der Hand abluchsen könnt', denkst du nicht? Weißt, ich hätt' schon eine Idee... Aber heute noch müßt es sein, weißt, verstehst, denn später im Fünferkabinett ...«

Lange noch flüsterte sie, Franz, plötzlich ernüchtert, starrte sie an, horchte hoch auf, lauschte, hielt seine blauen, zittrigen Säuferhände wie zwei Mauern neben ihren Mund.

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