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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Michalek war allein. Feist, gelb von dickem Fett, stierte er, schlaff und gebläht stieß er aus seinem leeren Zigarettenpfeifchen leere Luft von sich. Behäbig hing ihm sein gewelltes Kinn über den breiten Ausschnitt des Halskragens. Im langen Salonrock saß er da: der endlich zur Ruhe gesetzte Bürger. Er glotzte Olga an mit milchweißem Blick, blies nur leeren Atem statt der Worte zu ihr hin, und wie er mit dem Finger hin und herbohrte in der Höhlung des Suppenlöffels vor ihm, wie er mit Mühe die wulstigen fahlen Lippen bewegte, schien er Olga nur ein Hohn, ein Frost, der ihr das gute Wort in der Kehle erwürgte, ein Judas, die Hölle auf Erden.

Ihr wogte nicht mehr der Mund in süßen Wellen, auch sie mußte schweigen, war verstummt, verödet, verdorrt, Olga, an der Schwelle des geliebten, nievergessenen Hauses ein vergessener Gast.

Er schwieg, machte stumm mit dem Kopfe, dem breiten Oberkörper Soldatengebärde und »Habt Acht!« Die sprechenden Augen wälzte er ihr entgegen, gebannt in die Falten des speckigen Salonrockes, in Doktor Kühns schlottrige, eiskalte Gewandung. Noch immer sprach er nicht.

»Ich, Olga!« sagte sie, »ich, Olga« hörte sie. Sie hörte! Jetzt hörte sie wieder, eigenes gesundetes Wort. Jetzt war ihr die Zunge nicht mehr versperrt, das gute Wort nicht mehr in der Kehle erwürgt, das Ohr nicht mehr mit Taubheit betäubt.

Alles war im Auflösen, in der Heilung, am guten Weg!

»Du armer Franz! Franz, steh auf! Franz, kannst du nicht aufstehen?« Hoch trillerte ihre Stimme, sonst heiser rollend durch tiefe Jahre in der armen begrabenen Brust.

»Oder willst du nicht kommen? Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Olga, ich bin es, Olympia!«

»Aber natürlich! Olga, Olympia, immer die gleiche, ewig jung, immer schön! Das ist eine Freude! Gleich stehe ich auf, nur morgens wird es mir etwas schwer, das erste Mal! Aber dir zu Ehren! Gegen dich ist der alte Franz nur ein Krüppel! Denn wie eine Prinzessin kommst du gegangen, wie eine Praterfee, in Toiletten für hundert und mehr. Kommst du mich mahnen? Aber gegen dich bin ich doch nur ein Pfründner, ein armer!«

»Franz!«

»Nur leise, nur leise, mein Herz! Wir denken schon an dein Geld, alles wird gezahlt, nur nicht heute. Wir sprechen gleich darüber, aber nur leise, denn die Mizzi schläft noch.«

»Die Mizzi?« Heiser rollte das Wort, der gehaßte Klang.

»Aber natürlich, unsere Mizzi ist jetzt das liebe Mutterl hier, überall steht sie, alles sieht sie, aber sie geht auch mit den Herren. Lache nur, lache nur leise, damit sie nicht aufwacht, denn jetzt schläft sie, im grünen Kabinett, dem Fünfer-Kabinett, dort habe ich ihr die schönste Steppdecke gegeben. Du mußt warten, bis sie aufwacht!«

»Und wenn sie nicht aufwacht? Das ist kein Mädel, das ist ein blonder Satan, ein giftmischerischer!«

»Das ist kein Satan, das darfst du nicht sagen! Das ist ein feines Mädchen, alles ist jetzt in ihrer Hand! Wenn die nicht will, bekommst du nichts, keinen Kreuzer Geld. Sie lacht nur und du kannst weinen!«

»Und wenn ich sie erschlag?«

»Da muß aber ich selbst lachen, sei nicht bös, immer die gleiche, ich sage es immer, immer hast du noch Lust zum Erschlagen. Sei ruhig, wir wissen alle Schulden und wir zahlen alle Schulden, wem immer, ganz gleich! Alles wird gezahlt! Und wer verdient das Geld? Wer plagt sich für dich? Sie allein hat alles hier hergerichtet, wenn die Mizzi nicht wäre, dann fällt alles in Konkurs, alles wird versteigert. Statt dessen hat sie die Taxe in die Höhe gesetzt, jetzt kommen sie, die Gäste, von weither zu uns. Jetzt ist ihr Haus das feinste Haus im Land, früher habe ich draufzahlen müssen, bei jeder Bierrechnung, bei jedem Gast ist mir ein Gulden aus der Tasche geronnen, aber jetzt, da weiß ich, was ich wert bin. Recht hast du, setze dich zu mir an den Tisch, wer wird denn auch an der Tür stehen, nein, aber warum auf die Erde?«

Sie ließ sich fallen, wie gestern, im himmlischen Augenblick. Ihre kleinen Füße stemmten sich gegen den Koffer, in dem die Flaschen leise klirrten. Aufrauschend breiteten sich ihre seidenen Röcke um ihre volle Gestalt, die bebend sich an die schweren, ehernen, kalten, totenstarren Säulen seiner Beine lehnte.

»Ja, laß dir nur erzählen, Olga! Ja, jetzt kannst du dich auf die Erde setzen, jetzt kann man essen von der Erde, aber früher, da hättest du die Wirtschaft sehen sollen. Alles haben die Fräuleins dem armen Michalek ruiniert. In der Nacht waren sie zu faul zum Aufstehen, und auch am hellichten Tag, da haben sie ganz ohne Scham und Sitte, haben sie es in die Ecken hingemacht, Kleines und Großes. Die Gendarmen, unsere beste Kundschaft fürs Bier, kommen am Morgen. »Was ist denn das,« schreien sie, »o Michalek, die Lache hier, der Haufen dort, hast du denn Katzen hier, das riecht uns zu entsetzlich!«

Ja, komm du zwischen meine Knie mit deinem schönen warmen Köpfchen! Oft war ich in Verzweiflung. Das sind schöne schwarze Haare, die bleichen nicht mehr. Heiß sind sie, wie wenn die liebe Sonne draufgeschienen hätte. Wenn ich nur wenigstens die Olga wieder da hätte, habe ich gedacht, ich hab dich immer vor mir gesehen im roten, japanischen Kleid. Jetzt hat es die Mizzi. Ja Olga, mit offenen Ärmeln und mit deiner Haut, bei dir ist alles wie Seide und Atlas, das knistert unter den Fingern, den ganzen Tag könnte ich dich so streicheln! Und das gute Herz! Keine andere hat sich an mich erinnert und mir Geld geschickt und Brief und andere seine Sachen!«

Sie stieß, stumm wippend, mit der Fußspitze an den Koffer, damit die Flaschen klirrten.

»Deshalb hat es sich dir auch belohnt, du bist jung und schön! Und diese volle Brust, alles wie am ersten Tag. Hör nur, mein Schatz, wie still es ist. Alle schlafen. Aber früher, da war ein Lärmen schon am heiligen Morgen, ein Jagen und Treiben und Hetzen, dafür abends, da waren die Mädchen nicht zu erwecken, o so fad, aber jetzt hat man sie abgerichtet, wie die Rekruten. Und deine Augen! Feuer und Flammen, das muß man fürchten, das muß man lieben! ... Ja die Mädchen, die Mizzi hat sie in der Hand, sie gehorchen wie Rekruten. Aber früher unter meinem Regiment, da nehmen die Kinder ein paar Herren herauf auf die Zimmer, und wie die sich rühren wollen, fangen die Mädchen an zu winseln wie junge Hundel, das hat den Herren freilich wenig gemacht, nur ein Spaß mehr, aber dann laufen sie ihnen halbnackt davon, sperren die Herren Gäste in die Zimmer ein und rennen mit Geschrei und Gejauchz mitten durch die Stadt, zur Musik auf den Tanzboden, und dort vor der Tür, da springt die Erna der Milada auf den Buckel und schon, die Schenkel auseinander, mitten in die Tanzerei hinein, bis auf das Podium springen sie, und stampfen und hopsen, denn tanzen können sie nicht unter dem Riesengewicht, schreien und toben wie Tolle, wollen den Veteranen die Flöten wegziehen vom Mund und selber posaunen, die alten Veteranen lachen, das war einmal ein neuer Witz, aber hier, jetzt denk nur, die armen Herren, die schreien und schimpfen, an den Türen bollern sie und spucken herunter aus den Fenstern und werfen das Geschirr auf die Straße, und ich höre nichts, ich weiß nichts, ich schlaf seelenruhig, denn das Bier war damals so stark, von dem amerikanischen Hopfen, heißt es, die Gendarmen kommen, mit einem Wort, das war mein letztes Bier und mein letzter Rausch. Denn das war der Mizzi das erste, mir das Bier wegnehmen, und ich mag auch nichts Geistiges mehr, seit der Zeit.«

Olga zog leise das Köfferchen in der Zange ihrer Füße heran zu sich. Nun knisterte es, geborgen im dunkelroten Seidenschoß. Sie öffnete das klapprige Schloß. Aus den weißen Spitzen und raschelnden Atlasrüschen funkelte goldig der Schnaps, glucksend in drei großen Flaschen.

»Olga, das riecht hier so eigen, ich weiß nicht, wie von Obst, von feinem, von gegorenem ... Aber gleich, die Mizzi war mir der Segen. Wie sie unter den Mädchen ausgemistet hat, das war ich selbst, das war mein System. Die stramme Hand vor allem auf die Leontine mit dem schiefen Lockenkopf, die Locken hat sie geschüttelt und gerauft, aber weg mußte sie, auf und davon. Und mit unserem letzten Geld hat Mizzi sich selbst ein wenig ausstaffiert, ein bißchen Batist und ein extrastarkes Parfüm und vor allem, keinen Tropfen mehr für mich, alles Geld ihr in die Hand, nicht einen Teller Suppe bekomme ich morgen ohne sie. Und wie Du küssen kannst! Mit den Zähnen, den kleinen! Jetzt hast du sie mir eingedrückt in die Hand. Alle hast du noch; eine Perle neben der anderen, so weiß! Aber die Mizzi, aus dem Kaffeehaus bringt sie die neue Ordnung, die Mädchen hat sie sich numeriert, ganz gleich, ob jung oder alt, ob schön oder zuwider, alles hat sie ihnen numeriert, Hemderl, Höschen, Eßgeschirr, Taschentuch, und jeder Bissen und jede Zigarette, alles ins Buch. Wenn etwas zerrissen war oder verloren, alles ins Buch. Jetzt war Buchhaltung in allem, deshalb war sogleich Geld da. Jeder gleich, ich wie die anderen, jede Flasche Bier, aufgeschrieben. Jedes Gläschen Schnaps, gezählt. Jede Zigarette, versperrt. So muß ich reich werden. Ein ordentlicher Mensch. Ein Steuerzahler und Gemeinderat.«

Olga hatte den Stöpsel einer Flasche geöffnet, schwer und schön schwelte der Duft des Schnapses wie eine Weihrauchwolke hervor, Pflaumen, Ingwer, Zucker und Orangen, in Weingeist von der feinsten Mischung.

»Aber das ist ein Wunderparfüm, das du hast!«

Olga, hingelehnt, unbeweglich an Michaleks schweren, unbeweglichen Knien, den Geschmack seiner Hand an den Lippen, lauschte dem Klang seiner Stimme, der unvergessenen im unvergessenen Haus.

Leise klingelten ihr im Schoße die Flaschen aus der Tiefe des Koffers, silbernen Ton wie Altarglöckchen. Von Olgas atmendem Leib erschüttert, von ihrem Beben durchwogt, sprühte ein Tropfen nach dem anderen, ein goldener Funken aus der hoch gefüllten Flasche.

»Aranka! Das muß Aranka sein! Und du hast den Stöpsel offen, du verschüttest einen solchen Schnaps! Nein, Aranka, ist denn das möglich?«

Selig erglänzten seine weißen Augen. Zum erstenmal erhob er sich, vom Dufte verführt, er stand schwerfällig da, wankte vor. Wie wenn Blei ihn niederbeugte, so senkte sich sein schwerer Leib nieder über Olgas Schoß, in dem die Flaschen glosten, gelb, gebettet in rote Seide und weiße Spitzen.

»Aranka! Du solltest Aranka heißen, nicht Olga! Aranka!« flüsterte er bezaubert, berückt. Mit stampfenden Schritten ging er zum Schrank, holte Schnapsgläser.

»Und du? Heißt du Mizzi?« flüsterte sie.

Er hielt ihr den Mund zu. In Zauberschlägen schlug ihr Herz. Das war seine Hand, die glatte, große, tausendfingrige Hand des himmlischen Traumes.

Olga zitterte Franz entgegen, wie sie die kleinen Gläser wegriß, die große Suppenschale ihm zu füllen: »Die sind für die Gäste, aber der Herr trinkt so.«

»Trinken, ja! Aber nicht allein! Nicht allein lieben, nicht allein trinken!« Erglühend in der Vorfreude des wunderbaren Schnapses tauchte er den Suppenlöffel in die Schale und führte ihn Olga zum Munde. Wild zitterte seine Hand, das Metall kitzelte Olgas Lippen.

Sie erbleichte, starrte in Wollust, in Wut.

»Und jetzt ich! Und jetzt ich! Ah! Ach!« Er trank in langen Zügen, bebend schwang auf knarrendem Stuhl sein gewaltiger Körper, erschütterte das Weib in die innersten Fasern, den Tisch bis ins Vibrieren der Gläser.

»Aber jetzt genug! Nicht einen Tropfen mehr! Was wird die Mizzi sagen?«

Sie sprach leise zu ihm, in seinem Schatten gedeckt. Mit der Flache ihrer kleinen Hand verschloß sie die breite Öffnung der Flasche.

Was Mizzi! Olga ist da, Aranka ist da! Aranka!«

»Jagst du die Mizzi fort?«

»Fortjagen? Wozu? Eine Haushälterin wie die? Für das Geschäft die Mizzi. Für die Liebe die Olga. Gib weg die Hand, ich bitte dich, gönnst du mir nicht einen feinen Tropfen, einen guten Tag?«

»Ich?« schrie Olga und schüttete die Suppenschale voll, »ich! Einen? Zwei mal zwei ist Zwei! Die Mizzi gönnt es dir nicht. Laß sie ja nicht fort von dir! Du darfst gar nicht allein leben ohne deine Herzensflamme! Die wärmt dich! Die tut dir gut! Die liebt dich! Die macht dich jung! Die macht dich gesund! Oder nicht?«

»Oder nicht?« fragte Franz und flößte Olga einen neuen Löffel Schnaps ein.

Starr sahen seine Augen sie an, die weißen, die zittrigen im fahlen, fetten, unbewegten Gesicht.

»Oder nicht?« flüsterte Olga von neuem, in Strömen drängten sich die Worte aus ihr, im Schwall, wie die Gebete einst, Träumen gleich und guten Gesichten, »oder nicht? Bist du nicht abgemagert und abgezehrt wie eine kranke Katze, eine arme? Oder nicht? Du bist nicht halb schon vorbei und vorüber? O, dann kommst du sicher in den Gemeinderat, in den großen, beim lieben Gott, du wirst keine Steuer zahlen, aber sie wird sie zahlen, für dein Grab, für deinen Platz. Aber jetzt schon, wie einen Toten steckt sie dich in das lange Gewand! Oder nicht? Kannst nicht gehen, trittst dir selbst auf die Füße, oder nicht? wenn du gehst. Aber du gehst ja schon lange nicht mehr, nicht einmal zur Tür trägt es dich, nicht zu mir! Aber die anderen werden dich schon tragen, wenn du erst tot bist! Noch hast du das Herz warm, aber wenn es zum Herzen steigt, dann ist es geschehen. Nicht stehen, Franz, nicht gehen, nicht sprechen, nicht lieben, was hat sie aus dir gemacht, dein Mutterl? Oder nicht? Nicht trinken, nicht lieben? Nein, oder bist du noch, was du warst, bei mir? Halte dich! Halte dich!«

Sanft nur rührte sie ihn an, stieß ihn gelinde gegen die breite Brust, schon schwankte er, »Halte dich!«, ein stürzender, sinkender, brechender, vergehender Koloß. »O nein, ich halte dich! Ich helfe dir. Ich weiß deine Krankheit, ich weiß das Warum! « In dem Rollen des Warum! wurde ihre Stimme wieder heiser, dumpf dröhnte sie hin. »Die Mizzi ist das Warum, der blonde Satan, das ist deine Krankheit, da in der Suppenschale, da ist dein Warum. Denn dein Haus ist ihr Haus, sie erbt von dir, das ist das Warum. In den Kaffee schüttet sie es dir, jeden Tag bekommst du dein Tröpfchen Gift! Hat sie denn nicht auch mich vergiftet, damals im Kaffeehaus, wo ich mit dir war? Ich komme in das Bad ... ich komme in das Bad, noch ein Glas, mein Franzl, du, drei mal eins ist drei, drei ist heilig, da trink, trink dich nur los von ihr!«

»Ich küsse dir die Hand!«

»O nein, die Hand! O ja, den Mund! Küsse mich und liebe mich! Das Trinken ist gut, das löst die schlechten Säfte, die verstockten, das verdorbene Blut! Jetzt bin ich stark, jetzt bin ich gesund, aber damals in dem Bad, wie war in mir alles voll Wut, alles voll Grauen. Ich war sehr krank! Der Doktor war außer sich, Sie haben das schärfste Gift in sich, wie kommen Sie dazu? Da hab ich es ihm gesagt. Von ihr. Ja, das allein kann es sein, denn sie hat sich immer in mich hineingeträumt! Und im Traum hat sie mich gemartert. Zerstampfen hat sie mich wollen in einem Kupfermörser und ertränken in dem schwarzen Moor. Hundert Zentner Graberde mir auf die Brust. Aber dann, das Träumen von dir, das war mein Gegengift! Mit dir sein, das ist gut. O nein, die Hand, o ja, den Mund, o gut!«

»O gleich, bald, nur nicht jetzt! Wenn sie uns sieht!« flüsterte er scheu. »Bleib du da! Aber du bleibst ja da. Du darfst nicht leiden, daß sie mir etwas tut. Sie darf es nicht sehen, aber dann schüttest du die Suppe fort, die ist gefährlich, davor graut es mir immer, aber Aranka gibst du mir, Morgen, Mittag und Abend, das ist mein Gegengift. Der ist klar wie Wasser, nichts Böses geht hinein. Aranka ist süß wie Honig, der ist gesund und gibt Kraft!

Du bleibst bei mir, Olga, ich bitte dich zu sehr! Du mußt auch die Mizzi bitten, sie muß dich hierlassen. Sie wird dir auch ein Numero geben, denn Ordnung muß sein. Tu es mir zuliebe. Noch ein Glas? Noch einmal Aranka?«

»Noch einmal? Noch einmal und tausend! Tausend Freuden! Das ist das richtige Einmaleins. Trink dich heraus aus ihr. Tausendmal tausend, das bin ich! Olga! Ich!«

Sie umfaßte mit ihrem schlanken Arm seinen starren, schweren, fleischgepanzerten Leib, sie hielt ihm die übervolle Schale hin mit dem anderen Arm, der aufrauschend aus der Seide, strahlend wie Milch, in der Sonne sich erhob zu ihm.

»So bleib, Olga! Jetzt darfst du mich nicht mehr verlassen! Denn ich habe so Angst vor ihr, und Furcht und Beben vor Schmerzen. Die Schmerzen, das ist Gottes Strafe! Drück mich nur fest mit deinem weichen Arm und höre zu, du darfst mich nicht verlassen, mein herzallerliebster Schatz! Horche, was ich dir sagen werde. Niemandem verrat ich es, nur dir! Denn ich liebe dich! Deshalb darfst du ihr ja nichts erzählen. Sag' ihr, wenn sie die Flasche sieht, du hast alles getrunken, du allein. Denn ich liebe dich gar zu sehr, ja? Deshalb mußt du wissen, wie es war!« Er stand auf, schwankte auf knarrenden Sohlen, mühsam ließ ersieh neben Olga auf die Knie nieder, ihr gegenüber hob er die Hände zum Schwur.

»In die heilige Kirche hat die Mizzi mich mitgenommen, den neuen langen Rock hat sie eigens gekauft und weiße Handschuhe hat sie mir gekauft und schwören hat sie mich lassen: Nie werde ich wieder einen Tropfen trinken! Und ein Gebetbuch hat sie mir gekauft beim Trödlerjuden, mit besonderen, großen Buchstaben, ein anderes habe ich schon nicht mehr lesen können, denn die Augen waren ganz verdorben, vom Schnapstrinken ganz ausgelöscht und verdunkelt. Aber die großen Buchstaben, die habe ich verstanden, da hat sie mich schnell beten gelehrt, und von demselben Tag angefangen hat sie ein neues Leben angefangen mit mir und den neuen Mädchen. Nur die Kathinka hat sie von den alten dagelassen, zum Aushelfen in der Küche und so. Aber jetzt ...«

»Aber jetzt?« fragte Olga lauernd, vergiftet von Mizzis Namen, der ihm von den fahlen Lippen zischte. »Und was jetzt?« Sie lachte, hielt ihr vom Lachen verzerrtes Gesicht neben das seine. Noch kniete er, schwankte.

Die Zigarette, die Olga im Munde hatte, zielte nach seinem rechten Auge, das weit aufgerissen war und blind. Blind hielt es still im Starren, zuckte nicht zurück, langsam sank er zusammen, heulte auf, in langgezogenen Tönen, ein krankes Tier.

Sie nahm seinen Kopf, der ihr bleischwer schien, angefüllt von den vielen Litern Schnaps, in ihre Hände, legte ihn tief in ihren rotseidenen Schoß, drehte ihn dann, den willenlosen, zur Seite, sich entgegen, ihrem Innern so nahe, jetzt. Sie gab ihm zu trinken, steckte ihm ihre Zigarette in den Mund, ließ ihn saugen, rauchen. Ganz warm noch von der Wärme seines Mundes kam der Rauch zu ihr, in Wolken umschwebte er sie hold und süß.

»Mizzi, was hab ich getan! Was hab ich verbrochen? Mein Schwur! Mein Gelübde, alles hin, alles verloren.«

»Was Mizzi! Steh auf. Laß sie dir kommen! Schrei nur noch lauter nach ihr! Und willst du noch lange knien vor mir?«

»Vor dir nicht, du rabiate Person mit deinem rabiaten Schnaps!

Ich war gewarnt, die Mizzi hat es gesagt, ich hätte es nicht tun sollen! Und jetzt! Dafür jetzt! Die Schmerzen, die Tortur. Überall reißt es an mir, mit höllischen Zangen. Betäubt, betäubt will ich werden. Chloroform her! Ist denn gar nichts hier? So gib mir Aranka her, die Sünde bleibt sich gleich und die Schmerzen nimmt die Aranka wieder fort. Du hast ja recht, du allerliebstes Herz, da wird so wohl, so gut, so herzensselig, alles nimmt es wieder fort!«

Sie legte ihm das Gefäß wieder an die Lippen, die sich röteten in blasser Glut.

»Aber das ist der letzte. Der allerletzte muß es sein. Denn ich weiß es noch gut, die Mizzi hat es gesagt. Ein ordentlicher Mensch, das muß aus dir werden, und ein Millionär. Die Mädchen sind eine Goldgrube, das Haus ist ein Schatz, aber mit Olga wärst du nie zu etwas gekommen, denn die, die hat dich immer jämmerlich eingetränkt, furchtbar warst du immer besoffen!«

»Kusch von der Mizzi! Kein Geschrei mehr. Sei still! Steh auf!«

»Durch und durch hat dich die Olga besoffen, sagt die Mizzi,« schrie Franz, immer noch auf den Knien, »wegen der Olga bist du der arme Schacher geworden, wegen der Olga machen die Huren dir ihren stinkenden Dreck in alle Ecken, wegen der Olga tragen sie dir das Klavier, das elektrische, heraus!« Olga blickte sich um, es stand nicht mehr da. »Wegen der Olga geben sie dich als Pfründner, als arbeitsunfähigen, krätzigen Greis in die Versorgung. Aber, Olga, ich bin noch der Herr, aber Olga, ich bin noch gesund, an Gewicht hab ich zugenommen, Olga, ich vertrag auch wieder Likör, ganz ohne Schmerzen, meine tausendliebe Olga, gib mir nur eine Schale zum Guten, denn ich habe immer nur eine geliebt!

Bleib bei mir, herzenstreue Olga, denn sei gut zu mir, ich war auch immer nur gut zu dir, nie habe ich etwas gesagt von den gefälschten Büchern, nie habe ich jemandem etwas verraten von gestohlenem Geld. Denn ich habe nur die eine geliebt, du weißt welche, mein ganzes langes Leben lang, deshalb gib mir noch eine Schale, ich werde es noch vertragen, denn ich habe immer auch dich ertragen, aus Liebe, Olga, aus Liebe!«

Noch kniete er, hinter sich ausgebreitet die Schöße des langen Rockes. Erschüttert wurde er durch Weinen, lautlose Tränen rannen ihm in den Schnapsbecher, den er schlucksend austrank.

»Franz! Gestohlenes Geld! Niemals habe ich dich bestohlen! Schulden habe ich gezahlt, Geld habe ich geschleppt, jede Woche eine Rolle mit goldenen Gulden, das war mein Sonntag!

Immer habe ich dir etwas gebracht. Eine Flasche Wein für die Nacht, eine Schachtel Zigaretten für den Exerzierplatz. Deine Schulden habe ich gezahlt, den braunen Uniformmantel habe ich bestellt, und den Revolver habe ich auch beschafft.

Ich hätte ein Seidenkleid gebraucht, einen Ring an den Finger, eine Kette um den Hals, aber gespart habe ich nur für dich! Und jetzt! Ich habe doch nie gestohlen!«

Olga sank nieder zu seinen Füßen, berauscht durch die fünf Suppenlöffel Aranka, den Schnaps, bestimmt für ausgepichte Kehlen.

Sie weinte, er weinte aus sich heraus, tiefe Rührung zerrte an ihr, ließ sie zittern, hieß sie, das Geld, den heiligsten Schatz, hervorholen, ausbreiten vor Michaleks Augen.

Stumm öffnete sie ihm die Hände mit dem Geld.

Statt es wie eine schwere Last nach der Kirche zu tragen, häufte sie es auf seine schwarzen, staubigen Schöße.

Statt es im Weihwasser zu waschen, wusch sie es mit ihren Tränen, die ihren Augen entquollen, in Strömen sich bis zu den Brüsten zu ergießen.

»Da ist das Geld, da ist das Gottesgeld! Das nennst du stehlen und die tausendmal tausend sind für dich!

Ich bin keine Diebin und habe es nur gespart für dich!

Ich bin keine Hure, nur einen habe ich geliebt!

Da, nimm zu trinken!« sie reichte ihm eine Schale, wahrend sie mit der anderen Hand seinen weich behaarten, grauen Kopf stützte. Bis an den Lippensaum tränkte sie seinen aufgeglühten Mund.

»Und so werde ich dich aufheben, so werde ich dich tragen, wenn du nicht gehen kannst!« Sie ergriff seinen ungeheuren Körper unter den Kniekehlen mit der Linken und unter dem Nacken mit der Rechten, so trug sie ihn sanft zum samtenen Sofa, in die finsterste Ecke des Raums.

»So lasse ich dich nach Wien bringen, im Schlafwagen wirst du nachts schlafen über mir! Dort laß ich dich gesund machen von den teuersten Doktoren! Und wenn du gesund bist, gehst du mit mir in die Kirche. Und wenn wir erst richtig in der Kirche sind, dann heiraten wir. Wir heiraten, wir gehen zusammen, weil ich dich gar so gern küsse, weil ich dich gar so gern liebe. Franz, Franz, dich liebe ich gar zu gern!

Ich könnte einen Millionär heiraten, eine goldene Seele von einem guten Menschen, aber dem speie ich auf alles.

Laß mich nur weinen! Das tut gut, beinahe so wie das Küssen.

Weinen und küssen kann ich nur mit dir!

Du bist mein Franz, deine Olga bin ich!

Jetzt träumt mir, von was kann mir träumen, träumen muß es mir, sonst wäre es kein Leben, von dem Offiziersbett träumt mir, von dem eisernen Kavalett, nur einmal hat es geknarrt, da war es das erstemal. Aber wir haben Öl genommen, vom Gewehröl, vom Revolver ... Aber das träumt mir oft, in der Kirche und am Grab. Das bist du! Du bist mein Kuß, meine Liebe bist du!

Franz, nur bei dir bin ich ein Mensch!

Ich bin sonst in der Hölle, glaube ich, schon jetzt und an diesem Tag und in deinem Haus!

Kannst du das verstehen? Du kannst das gar nicht verstehen, aber ich bleibe doch bei dir! Ich laß mich nicht wegzerren von dir. Ich weiß ja, wer du bist, aber ich bleibe doch bei dir, immer habe ich dich da drin, das ist mein Paradies, auch an dem gleichen Tag und im gleichen Haus, bei dir!

Oft bin ich im Rausch, da denke ich an dich.

Und wie ich an dich denke, da hätte ich gestern ein kleines Mädchen beinahe zertrümmert, da schlägt es mich selbst auf die Knie, ach, da brennt es aus mir, lichterloh!

Und gestern, in der Nacht, da hatte ich einen Bosniaken, einen schwarzen, großen, beinahe erwürgt. Ganz langsam hätte ich ihn erwürgt, weil er nur das Geld gewollt hat von mir, wie einer, den ich kenne!

Ja, laß deine Mizzi nur nicht zu mir, ich bitte dich, sonst müßte ich sie erschlagen, aber die will ich gar nicht erschlagen, um keinen Preis. Das verdient sie nicht!

Zertreten müßte sie werden, zertreten, die kalte Kröte am Fußboden, aber ja nicht erschlagen, zertreten, ganz zunickt. Weil du sie so sehr liebst.

Aber ich lache ja nur! Was ist mir der Franz? Der letzte im Einmaleins, da der allerletzte, das da, das da, Franz, Franz!«

Sie riß mit trunkenen Händen das Gesicht des versunkenen, verstummten Mannes in die Höhe. »So etwas lieben! O nein, du bist keine Liebe, Franz!

Du bist ja der Judas an dem heiligen Tisch! Du bist der dreizehnte Apostel!

So etwas lieben? Du bist ja der leibhaftige Böse in militärischer Gestalt! Deine Gedanken sind Revolver und Pferde und Krieg, für Ordnung hast du Gedanken und Geld!

Deshalb gehörst du zu deiner Mizzi, weil du sie gar so sehr liebst. Das ist Fleisch von deinem Fleisch, Geld von deinem Geld und Fluch von deinem Fluche! Beide habt ihr mich vergiftet! Gott weiß es!

Die Kirche, wo ihr betet, die müßt sogleich neu ausgeweißigt werden!

Das Kreuz, wobei sie dich schwören läßt ihren Hölleneid, das müßte euch verbrennen, mitten in eurer Hand, langsam, damit es euch nur recht martert, weil ihr beide mich martert!

Du bist eine Strafe Gottes !

Deshalb kann ich in eurer Kirche nicht beten! Die Kirche ist verwunschen, die ganze Kirche stinkt, und weißt du auch, wie, weißt du auch, wie, weißt du auch?«

Mit jeder Wiederholung der Worte beugte sie sich tiefer herab zu ihm, der kniend zu schlafen schien zu ihren Füßen.

»Weißt du auch, wie? Wie dein Mund duftet, der holdselige! Wie deine Zunge duftet, die verwunschene und dein ganzes Gesicht. Deshalb graut es mir nicht vor dir, und ich muß dich küssen, weil du mich nicht küssest! Und tut das gut! Wie Feuer tut das gut! Wie Schmerzen tut das gut, nein, wie lauter Herrlichkeit! So sehr! So gut! Und noch küssen und noch und noch und lange noch!«

Leiser wurde ihre Stimme, verschleiert der Blick.

»Ja, und noch küssen, einmal noch, zweimal ... bis ich nicht mehr kann, du kannst ja schon lange nicht mehr...«

Sie ließ sich fallen, rauschte auf dem Boden zusammen. Die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der Seide. Und aus den Falten, tief herum gewellt, leuchtete Olympias weißes Gesicht empor, die niedrige, elfenbeinerne Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem tiefroten Mund, der in der Spannung der Sekunde, angespannt wie ein Herz in höchster, flammenloser Glut, zitterte in seinen Fasern.

Verstummend, lächelnd, beruhigt, eng legte sie ihre Stirn an seine Stirn.

Ihr Haar, schwarz und knisternd über ihren sinkenden Augen, verfing sich in seinem Haar, dem bestaubten, ergrauten, über seinem weißen, nie geschlossenen Blick.

Wärme tastete zwischen beiden.

Lange lagerten sie so. Ruhende Seelen.

Aus Olga kam es, entfaltet, der zweite Mensch, die unvergeßliche Stunde: Jetzt kommt es, das Geheimnis!

Weißt du es?

Heute ist kein gewöhnlicher Tag!
In der Kirche singen sie von ihr.
Weinen und küssen kann sie nur mit dir.
Gespielt hat er oft und oft und selig mit ihr.
Auf dem Rücken liegt sie wie ein toter Engel und er über ihr.
So singen sie in der Kirche von dir!
Franz, was wird aus mir?
Franz, barmherziger Heiland!
Franz, warmherziger ...
Die toten Pferde haben gestern auf Olga getreten.
Aber jetzt bist du bei mir.
Der gute Franz, der hat gebeten.
Der liebe Franz...
Jetzt bei mir...
Oh, gut!
Oh, gut...«

Jetzt erwachte sie, fühlte auf dem gekrümmten Nacken kalte Luft.

Die Tür öffnete sich, Mizzi trat ein.

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