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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Neuntes Kapitel

Olga stand auf, um in das Haus 37 zurückzukehren; sie raste zurück aus der Welt tierischer Dämonen in des Doktors verdunkeltes Zimmer; in dem verstummten Raum traf sie Richard, sah ihn sprechen, die Arme beugen, zwischen den ausgebreiteten, tausendfach durchfurchten Flächen der Hand sein fahles Menschengesicht entfalten, die gelben Zähne zücken zwischen gelben Lippen, es blähte sich die Wange vor seinem Atem, aufgerissen hob sich sein schweres, blaues Augenlid, so angestrengt sprach er ihr zu, aber sie hörte ihn nicht. Sie streifte schweigend im Zimmer umher, schnupperte mit angepreßten Nüstern, versteinerten Lippen, die ihr schmerzhaft im heißen Munde erstarrten, sie wollte sprechen, sie mußte sich selbst hören, aber alles war verstummt, in Taubheit betäubt, gesperrt in Tod. Aber sie war nicht tot, denn licht, elfenbeinfarben, sandelholzgelb, so rein und so duftend glitten ihre nackten, runden kleinen Füße unter der weinroten Seide ihres Kleides über den Teppich, traten beim kühlen Fenster in einen Streifen Licht am Boden, wie in ein Gefäß mit Milch; lange stand sie so, entzückt, entrückt.

Schon kam Richard zu ihr, von weitem hörte sie ihn reden, in der Ferne sah sie neben den schwarzen Mauern der eisernen Kasse einen schwachen Mann gelehnt, zu ihr hingebeugt seinen blassen, zermergelten Kopf, die Hände beide verfangen in seine goldene Uhrkette, die sich ihm in schlaffer Girlande um den eingefallenen Leib ringelte.

Während die Sonne auf Olgas nackten Füßen zärtlich schmeichelte, kam Olga langsam empor aus der schwarzen Grube der tiefen Verträumung, und es hob sich, lichtete sich der Augenblick, Welten durchglitt die ruhig Stehende, von Milchsonne mild Umspülte: Ausgeschüttelt aus Mizzis Klauenhänden; entgegenstarrend dem weißen Glitzern des Schnees, der zuckerüberglänzten Straße, die zu dem Haus 37 führte, unter flimmernden Sternen.

Entglitten dem Moorbade, das heiß dunstend, schwarz und schwer alles überschmierte.

Emporgesprudelt aus den Kupferkesseln, aus dem verregneten Pferdeanger gehoben, der weiß von Würmern überschneit, zuckte unter wallend grüner Fliegendecke, der irdischen Hölle.

Olga, ausgewaschen, rein geschäumt, klar gekämmt, mit milchweißen, kleinen Füßen, in glattem Sprung entsprungen aus Michaleks Hand, der tausendfingrigen.

Gewaltig brach, in Millionen Funken zitternd, das stabförmige Licht aus den verfallenen Rollläden in das verdunkelte Gemach.

Gewaltig starrte die Sonne, durch ein Kirchenfenster gesehen.

Gottvaters Bart, ein Stück lauteres Silber, so weiß.

Des Heilands reine Brust, goldig wie Honig durchglänzt, mild in der scheidenden Sonne.

Dort stand die Kirche fest im sumpfigen Gelände. Sandelholzduftend hinter der Ölmühle, der stillgelegten Fabrik, der mit faulenden Dünsten umhangenen.

Dort war die Kirche zu finden, alle Wege und Reisen und Gänge mußten dort vorbei, kein Abweg führte in die Pferdegrube der hingeworfenen, verworfenen Tiere.

Dort war das Zurück, das ruhende Haus, der mit warmen Menschen geplasterte Dom.

Zuflucht, kühlende Hilfe, der segensreiche Gegentraum, die heilige Heilung.

Dort wartete Franz und der barmherzige Heiland.

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