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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Erster Teil

Erstes Kapitel

In dem Freudenhause einer kleinen Stadt lebte ein schönes Mädchen, das Olga hieß.

Olga liebte einen Mann, den Besitzer dieses Hauses, Franz Michalek.

Sie liebte ihn mehr, als Menschen lieben. Er war ihre Wollust, ihre Mädchenschaft, ihr alles und eines, ihr Wachen und Traum, Mord und Erbarmen, Tier und Mensch.

Ihr Schoß wurde angezündet, und sie verbrannte.

Sie wurde mit Wahnsinn geschlagen, sie mußte sich zertrümmern und ihre Welt.

Sie war in die gemeine Welt geworfen und mußte im Schmutze leben; Geld nahm sie und gab sie.

Sie liebte bis zum Wahnsinn, raste, ein unzerstörbarer Motor, ruhelos von der Erde zur Hölle; sternabwärts, sternaufwärts.

Ein Freudenmensch, bestimmt, sich zu verzehren, eine kinderlose Dirne, bestimmt zum Frieden der gesegneten Mütter, im Leben über dem Leben.

Ein Tier, gekettet zwischen Erde und Hölle, jetzt mitten in der gemeinsten Welt.

Man nannte sie Olga; die sie liebten, nannten sie Olympia.

Seit Jahren lebte sie im Hause Nr. 37. Nie hörte man sie etwas von sich erzählen.

Oft führte sie einen Mann an der Hand mit sich in ein Zimmer. Sie nahm ihn in ihre milchweißen Arme, dann ließ sie sich an ihm herabgleiten, sie rauschte weich vor seinen Füßen auf dem Boden zusammen. Die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der roten Seide ihres weiten Kleides und aus den Falten, tief ringsum gewellt, leuchtete ihm ihr weißes Gesicht empor, die niedrige, elfenbeinerne Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem tiefroten Mund, der in der Spannung der Sekunde, angespannt wie ein Muskel vor dem Sprung, zitterte in allen seinen Fasern. Leise klirrte ihr Lachen durch die vollen, kindlichen Lippen.

Ein junger Mensch verliebte sich in sie, wollte sie, als er die Reifeprüfung bestanden hatte, aus den Fesseln ihres Ausbeuters befreien, sie sollte fort aus der giftigen Atmosphäre des schlechten Hauses und mit ihm in die Universitätsstadt ziehen.

Aber ihr war das Haus nicht schlecht, die Luft nicht giftig, das Haus war heilig, die Luft gesegnet und gut.

Er wollte, daß sie ein neues Leben beginne, aber sie blieb, wo sie war.

In der letzten Zeit trieb es sie oft fort. Die Kirche war nicht weit, hoch ragte der heiligste Bau unfern dem Hause bei der stillgelegten Ölfabrik, das die Zahl 37 trug.

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