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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Achtes Kapitel

Hinter festgeschlossener Tür duckte sich Olga in den sichersten Winkel, schmiegte sich an die Kassenwand, lauschte, beglückt durch die Stille; zwischen leicht spielenden Fingern glitt dahin der Rosenkranz; in langen Atemzügen stieß Olga Gebete aus, keuchte sie aus, schüttete sie aus wie Atem, wie Herzblut, in einem Schwall, sie hatte ja so viel zu beten; lange hatte es sich angesammelt, nun gab sie es hin:

um Gott zu bitten,

Gnade zu erflehen,

Erlösung vom irdischen Leiden,

durch des Heilands süßes Blut sich rein zu waschen von der Erbsünde,

von den Todsünden des Lebens,

die Heiligen anzurufen,

die mächtigen Fürsprecher; sie wollte es nicht umsonst, versprach ihnen alles, wollte alles Geld an das Heil der Seele wenden, da der Körper vielleicht schon bei Lebzeiten verflucht, und lebendig begraben, von der Hitze angefault war.

Denn er war zum Pferdebegräbnis gegangen statt in die Kirche, hatte sich am »würmigen Aas« schmutzig gemacht.

Der Körper brauchte nichts, er sollte hungern, schlafen im Hundeloch, in dem kleinen Winkel, zwischen der eisernen Kasse und der Wand.

Sie wollte wuchern mit starken Zinsen, Richard, den ungläubigen Juden, bekehren, wenigstens sein Geld einheiligen, dem lieben Gott eine Kirche stiften;

nur weiterhelfen sollte er, einen Tag noch, bis das Üble, die gestockten Säfte herausgekocht waren,

ausgelöscht durch gute Tränen,

heruntergewaschen das schreckliche Moorbad, das von oben her auf sie herab erstickenden Schmutz schmierte, statt der guten, teuren Moorerde, die man ihr doch bringen sollte in Holzkübeln zu endlicher Heilung!

Der gräßliche Kupferdunst, der teuflische Hauch aus dem Munde des Bösen, der heiß einhauchte in sie Gewalt und Empörung, aber sie war schuldlos ! oder war sie doch selbst schuld, hatte sie jetzt mit Willen die Füße so böse gesetzt, hartnäckig vorbei am offenen, guten, hohen, heiligen Kirchentor, am offenen, hohen, heiligen Tag? Nun war sie schwarz angeraucht wie eine Zigarettenspitze von dem höllischen Pferdegestank, versengt in der brennenden Glut im Traum, wie die armen Hühner bei lebendigem Leib abgemartert, und ganz heruntergepeinigt, aber das war ja gut, noch lange nicht genug, sie nahm noch viel mehr auf sich, aber dann mußte man sie wieder ablösen.

Nur um Tränen bat sie, nur Tränen wollte sie herunterbeten auf sich, mildtätige Tränen, warme Tränen, lehmabwaschende ...

Aber von neuem packte sie mit bestialischem Griff ein Traum; Olga versuchte zu entfliehen, drückte sich jammernd, aufheulend an die Kassenwand, aber eine Pranke schlug nach ihr, mehr noch: ein Huf mit scharfen Eisen trat sie, ein Pferdebauch lastete sie nieder in den Kot; und Wolken, niedrig hängend und in Regen schnell zerprasselnd, mengten sich zusammen mit drei Milliarden von Schmeißfliegen, sechs Milliarden von Füßen von Fliegen ... unzähligen Rüsseln, die sich durch den Lehm durchnagten, scharf bis an ihr nacktes, enthäutetes Fleisch:

Aber nackt, enthäutet, grauenhaft, rot, schauerlich, grauenhaft heiß, stand Michalek vor ihr, als großes Haus mit ungeheurem Turm, gewaltig glühendem Schlot, er nahm sie in die Hand, zerdrückte die Fliegenmilliarden, riß wie eisernes Reibeisen am kalten Lehm. Ja, ja, ja, Franz zog sie aus, das weiße Heiligenkleid, die Haut, das letzte, allerletzte, und nun: warf er sie mit Beben, mit Schrecken, mit Ängsten, o nein, mit Lust, o nein, mit Freuden, o nein, in tausend Herrlichkeiten empor, fing sie auf in den Armen ...

Leicht erwärmt, leicht erhoben, wolkengleich dahingetrieben schwebte sie, in Milliarden von Kitzeln erschauernd, zwischen den weit ausgebreiteten Höhlen tausendfingriger Hände, milliardenfingriger ...

Alle wuschen sich, unzählige Finger, mit ihr ...

Von allen Seiten fühlte sie den Franz, böse zischte neben ihr Mizzi, mit Lehm nach ihr zielend, aber es ließ doch nicht nach, im Lachen, in der hoch trillernden Lust spielte sie mit ihm, zu entschlüpfen suchte sie im Fischsprung, ihm entgegen atmete sie, wand sich empor, verging, weiß und glatt erstand sie wieder, schäumte auf, zerfloß ... unzählige Male ...

Der Traum dauerte vierzehn Stunden.

Endlich sättigte sich die gequälte Natur.

Wie ein Hund lag sie da, tief röchelnd; hinter der versperrten Tür schlichen Iboya und Richard: »Gott sei Dank, daß die gnädige Frau auch einmal zur Ruhe kommt, ... du wirst sehen, Iboya, so eine Herrschaft hast du nie gehabt, ... tu ihr nur alles zuliebe ...«

Olga wand sich, drückte den Kopf mächtig zwischen die Knie, weinte, sprach, sang im Traum, stampfte, spreizte die Hände ... Lange schon war ihr der Rosenkranz entfallen, zerkrümelt unter ihren Tritten, den eisernen Stößen; blaßweiße Holzsplitter lagen am nächsten Tag am Boden, kaum durch eiserne Kettenglieder gehalten, als Olga aufstand, um in das Haus 37 zurückzukehren, die » letzte Station « aufzusuchen ...

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