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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Fünftes Kapitel

Olga wollte in Frieden leben.

Gern wollte sie eine gute Frau werden, wollte eingehängt gehen am Arm des Rechtsanwalts, leicht hinrauschen über die flachen Steine der Straßen mit ihren starr–seidenen neuen Kleidern, sie wollte sich pflegen, schön herausstaffieren; Doktor Kühn war ja noch in den besten Jahren, ein braver, guter Mann. Oder war er das nicht? Auf einmal nicht? Seit gestern nicht? Warum blickte er sie oft schief an, lauerte mit dem »gewissen Spionenblick« an ihr herum, setzte sich beim Essen stets zwei Sessel weit von ihr? Warum selbst dann noch, als sie das Parfüm, das sie gleich nach der Ankunft gekauft hatte, um ihn »ein wenig aufzuheitern«, wieder fortgeworfen hatte?

Endlos dauerten jetzt die Verhandlungen, Kommissionen; er ließ sich oft entschuldigen, kam tagelang nicht. Endlich erschien er wieder in jämmerlich verwahrlostem Zustande; er hatte sich viel in Weinstuben, Kaffeehäusern, selbst in den Nachtlokalen der nächsten Stadt aufgehalten, um nicht mit Olga beisammen zu sein.

»Mein süßes Herzenskind,« sagte er flüsternd, »ich muß dir nun sagen ... ich muß es dir nun doch sagen ... mich hat ein Unglück betroffen, ich bin leider Gottes zuckerkrank, das ist das schwarze Schicksal unserer Familie. Überhaupt die Israeliten, mit Zucker hat Gott die Juden gesegnet ... Gott kann mich bald ... abberufen ... das drückt die Stimmung ... aber mein Gefühl, mein Herz gehört meiner Olga ... Du bist mein tapferer Kamerad. Ich bin zwar krank, getroffen ins ... innerste Lebensmark, aber ich liebe ... liebe dich!«

Er sprach viel vom Tode, machte sich Mut, tröstete Olga, tröstete sich. Endlich kam er über die zwei Sessel hinweg, näherte sich ihr, küßte ihr die Hand, streichelte sie bei abgewandtem Blick, nannte sie seine einzige Freude, die Poesie seines Lebens. Er klammerte sich jetzt an sie, schmeichelte ihr, ließ seine Betten, Decken und Polster, seine Medikamente zu Olga hinüberbringen. Aber seine Küsse waren eiskalt, seine Haltung nach diesem Gemütsausbruch reserviert, und täglich war es mehr Geld, das er ihr versprach, um sie zu entschädigen.

Stumme Wut erfüllte Olga vom frühen Morgen an. Mit gewaltsam zerknittertem Gesicht raffte sie Arbeit zusammen, schleppte die schweren Möbel, statt sie zu rollen, drückte sie an die Brust, durchkeuchte die Zimmer. Auch abends gab es ihr keine Ruhe; vergebens wollte Richard sie bei sich haben, er wollte wissen, daß sie ihm nicht böse sei; aber sie ließ ihn allein, stieg in die Waschküche hinab, zerrackerte sich die Hände, taglöhnerte stundenlang, kam erst morgens zurück, umgeben von dem feuchten Dunst der Seife, des heißen Wassers ... Doktor Kühn war böse. Aber sie lachte. »Aber geh, es wäre schade um die guten, feinen Sachen, wer hat denn hier ein Gefühl für Spitzen? ... die Wäscherin vielleicht, das Trampel? ...« Ein böses Lächeln warf sie nach Richard hin, der sich schnell verkroch.

Bis spät in die Nacht rumorte sie, kramte in Laden, Nachttischkasten, beugte sich schwer vor; tief atmete sie den modrigen Geruch feuchter Stiefel, alten Papiers ... plötzlich, unerwartet, grell: kupferner, schlecht versilberter Leuchter ...

Mit ungeheurer Wucht wälzte sich im endlos erstarrten Augenblick der Kupfermörser des Traums mit tausend Zentnern über sie, er hämmerte hin, ungeheuerlich über ihren gebeugten Nacken.

Kein Aufrichten, Aufstehen, Ausatmen.

Der elende, zerstickende Kupferdunst empörte sie, der würgte sie ab.

»Auf die Knie!«

Erlösung vom »Ersticken in Kupferdunst« erringen durch Gebet, durch den Rosenkranz, der sich weiß, fein nach Zedernholz riechend, im dunklen Nachtkästchen ringelte!

Am nächsten Tage flehte Olga Richard an: »Bleib bei mir, laß die Akten herbringen, die Geschäftsbücher! Du, du du! Sei nicht so geschreckt ...« Und selbst »geschreckt« mit Augen, die starr glühten, nie durch Lidschlag abgeblendet wurden, umfing sie Richards ausgemergelte Gestalt, die auch im Stehen zu knien schien.

Aber er mußte fort.

»Eine Hauptverhandlung ... ein Vermögen steht auf dem Spiel. Alles für meine Olga, du weißt doch, für meinen herzigen Engel!« sagte er gerührt. »Gewonnen!« schrie er ihr mittags entgegen, »und weißt du, wen ich dir bringe? Eine Stütze, ein niedliches Kind. Zu schrecklich, diese viele Arbeit. Ist es nicht jammerschade um deine feinen Handchen? Iboya heißt unsere neue Donna! Gefallt sie dir? Denk' nur: gestern, da war mir, als hätte ich ein graues Haar gesehen an dir. Aber Gott sei Dank, es war nur Staub!«

Olga aber ließ die Arbeit nicht aus der Hand.

»Ganz schwarz muß mir werden vor den Augen«; dann war sie »innen blind«, dann schlief sie ohne gemeine, empörende Träume.

Die gute Iboya konnte ja tagsüber ruhig schlafen und abends dafür bei ihr wachen, bis ihr ganz schwarz wurde vor Müdigkeit. Wie gut waren die ersten Tage!

Noch zwei Tage wollte sie warten, dann aber in die Kirche gehen, Gott danken, ihm die Hände küssen, auf den Knien sechsmal um den Hauptaltar rutschen.

Ihr war so gut, so selig, so leicht!

Sie schlich zum Alkoven, wo Iboya kauernd schlief. Sie tastete über den mageren Arm Iboyas, fühlte hin über eine winzige, flache, kühle Grube am Oberarm, die breite Narbe einer Impfpustel.

Aber das tat sie nicht von selbst ... Die Schneidezähne über die eiskalten Lippen geharkt, schauerte sie zurück.

Wer war hinter ihr her, wer warf sich rittlings auf ihren bloßen Nacken, streckte ihre beiden Hände flach aus?

Wer drückte ihr die flachen Hände wieder hin, an Iboyas Arm?

Wer drückte ihr den Hals zusammen mit eisernen Schenkeln, von beiden Seiten – rittlings sich wiegend auf dem bloßen Nacken?

Angepreßt an die kalte Küchenwand, schmerzhaft angepreßt an die kalte Kachelwand! Wer bohrte sich dazwischen durch?

Wo blieb Gott?

Du lieber Gott!

Du guter Gott!

Du seliger Gott!

Du leichter Gott, Gott mit dem heiligen, dreimal heilenden Rosenkranz ...

Nachmittags arbeitete sie schwer, rückte die eiserne Kasse, putzte sie blank, nahm die nickelte Kopierpresse in die Küche, schmierte sie ein mit Putzpulver, hielt sie auf den Knien, schaukelte sie wie ein Kind, wollte singen. Aber die Lippen gingen schwer ... lange labte sie sich an der Arbeit ... aber immer noch war sie nicht abgerackert genug. Sie ergriff die schweren Hauptbücher, wollte sie in die Küche schleppen.

Das Kupfer an den Ecken der Bücher, mit giftigem Glanz blinkend, mit giftigem Dunst ihr entgegenhauchend, Kupfer spie ihr ins Gesicht, riß herum an ihr; wild regte sich, mit plumpen Gliedern: erwachend die Bestie.

Kindlich, mit langen blonden Zöpfen, ein unschuldiges Mädchen, mit zarten Schlangenarmen, so kam Iboya durch die Tür, aufmerksam hielt sie ein Kaffeetablett unter ihren Augen, sanft gesenkt.

Es riß Olga, es stampfte auf, lockte sie mit langem, süßem Ruf, mit guter Gewalt, die sie überwältigte, endlich! am Nacken, festgeklammert mit eisernem Sitz auf ihr saß und sie vorwärts trieb:

Hinzuschmettern die schwere Last, hinzukrachen den teuflischen Kupferdunst über das gebeugte Kindergesicht.

Schon schwang sie die Bücher empor, zusammengekrampft war mit guter, starker Zunge ihr Mund: »Laß los, dann hast es, dann ist es gekommen, laß los!«

Da gelang ihr noch ein Schrei, letztes Entschlüpfen wollustvoll gepreßter Luft. Heiser rollte die Kehle, Schrei der Katze, bevor sie springt.

Mit großen blauen Augen blinkte das Kind auf. Sanft glitt es in die gebeugten Knie, es prasselten die Bücher nieder vor ihr, krachten dumpf, rissen das hellklirrende Geschirr mit sich. Die Kleine, gebückt über die Scherben, weinte.

Das Weinen machte Olga wild, Wut entbrannte in Olga, von neuem entflammte sie in Glut, wollte die Kleine zustopfen, ersticken; sie schrie auf, aber nicht mehr in Worten, in krächzendem Gebrüll! erzitternd ganz in dem Zittern krampfgepreßter Kiefer.

Sie wich zurück, hielt sich die Ohren zu, konnte den Schrei der eigenen Bestie nicht hören. Spät erst verstummte sie völlig.

Schnell verkroch sie sich. Sie wollte Gott nicht länger warten lassen, mußte in die Kirche. Gott hatte es abgesehen auf sie, im letzten Augenblick hatte er noch gewarnt, in der spätesten Sekunde!

Aber es hielt sie hier, noch keuchte stumm das Wilde, Empörende auf ihrem Nacken, hielt kalt ihr warmes Fleisch in der Hand.

Sie hockte im Winkel, neben der eisernen Kasse, auf den aufgerollten Teppichen, horchte umher, regungslos.

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