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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Viertes Kapitel

Diesen Traum, diese Zeit wollte Olga auslöschen, das Empörende wieder gutmachen, sich ordentlich zusammenhalten, aber sie wollte das eine, etwas ganz anderes geschah unter ihren Händen, sie wollte nahrhafte Speisen essen, aber die hatte jemand schon vergällt, vielleicht in der Küche, so nahe der Kolbenmaschine, vielleicht hatten sie dort üblen Geschmack angenommen. Die Weine waren zu schwach, machten sie nicht genug müde, waren absichtlich mit künstlichem Zucker versetzt, die Tage endlos, von Dunst umzogen, alles eine rechte Marter. Der Arzt nannte es mit lateinischem Namen, aber sie wußte, daß es nicht Krankheit war.

Sie ging an der Kirche vorbei, hörte sagen: »Die ist fertig und verloren, jemand hat sie angeflucht.«

War der Fluch von Michaleks Fluch?

Nein, Michalek hatte sie nicht angeflucht, der war erst kürzlich mit Geld gespickt, von ihm war nichts zu fürchten, ihr Geld konnte noch lange reichen, da er ja glücklicherweise nur billige Weine, ordinäre Schnäpse trank, oder solche, die ihm geschenkt wurden. Aber Mizzi, die saß, scharf gereizt durch den Reiherhut, durch Olgas Geld, nie ganz satt gegessen, schnell hineinalternd in ihre häßlichen Jahre, hinter ihrem Büfettisch. Vielleicht war sie es, die unlängst etwas Giftiges, vielleicht Grünspan, in den Kaffee geschüttet hatte, vielleicht war sie, Olga, durch Mizzis Fluch angeflucht? Mizzi hatte böse Kraft, noch jetzt fühlte sie das schmetternde Reißen von Mizzis bösen Händen in ihrem Haar.

Sie dachte an das Haus 37. Es erschien ihr trotz allem schöner als andere Häuser. Die Jahre dort waren ihre besten Jahre. Auch Michalek, fühlte sie, hatte sie dort am meisten geliebt, dort hatte sie ihm am meisten Geld beigebracht, das kleine Einmaleins ganz, das große halb bezahlt, Tag für Tag, Nacht für Nacht, fünf herrliche Jahre lang. Herrlich wäre es gewesen, nur noch einen Tag, eine Nacht wieder dort zu sein, aber Mizzi war ja auch im Ort, allzu gefährlich war es, diese abgefeimte Bestie, den blonden Popanz, die tückische Diebin zu reizen.

Langsam besserte sich Olgas Zustand, das Empörende ließ sie los, sie schlief gut, erwachte ganz nüchtern, aber unzufrieden, mit unerfüllter Sehnsucht nach dem Rausch, nach der wahnsinnigen Betäubung der vergangenen Tage. Mit unzufriedenen Augen sah sie sich um, fand alles bestaubt, das Wetter nur sehr mäßig, die Luft ohne rechte Würze. Die Musik war viel zu gemein, allzu schreiend, lauter Blech, nie etwas Weiches, nie etwas fürs Gemüt. Das Bad war verfallen wie eine alte Kaserne, das Publikum, besonders die jungen Herren, alle ohne feine Manieren, taten, als ob Olga hergekommen wäre, sich ihnen für drei Neukreuzer anzubieten, wie ein »Sträußchen Kirschen«, welche von einer aufgedonnerten Dame auf der Straße verkauft wurden, einer »Mizzi in anderer Gestalt«, die sicher nicht von den drei Kreuzern lebte und es sicher nicht auf obstessende Kinder abgesehen hatte.

Endlich fand Olga Anschluß an eine gut bürgerliche Familie, wurde eingeweiht in finanzielle Transaktionen, intime Familiengeschichten. Man behandelte sie ganz als eine gutbürgerliche Dame, glaubte ihr, daß sie ein Zuhause habe, eine anständige Wirtschaft, einen gebildeten Mann.

Plötzlich erschien es ihr möglich, wieder zu Doktor Kühn heimzukehren. Lange hatte sie sich ganz von ihm losgemacht. Nun war alles vergeben und vergessen, schließlich war sie ihm ja treu geblieben, es war nichts Unrechtes vorgefallen, und für ihre Reise zu Michalek war sie gestraft genug durch die bösen Träume, den Ohnmachtsanfall bei der Kurmusik, die unanständige Szene mit den alten Leuten. Noch nicht ganz sicher ihrer selbst, betete sie viel, im voraus, und für unwissentliche Todsünden, rollte auf der ganzen Heimreise, Litaneien murmelnd, einen neugekauften, vom Papst geweihten Rosenkranz zwischen den Fingern, berauschte sich am » Duft des Libanon «.

Der Rechtsanwalt erwartete sie am Bahnsteig, sie begrüßte ihn sanft, verbarg den Rosenkranz zwischen Handschuh und Haut, wollte ihn niemandem zeigen.

Die Wirtschaft zu Hause war vernachlässigt, das war ein Glück, ein Segen Gottes, Gott meinte es gut mit ihr, der Rosenkranz, mit den stärksten Weihen geweiht, tat ja so gut ... Mit der vielen Arbeit, den vielen Dimmern, den häuslichen Geschäften wollte sie sich abrackern, die bösen Nerven niederarbeiten, eine ordentliche Frau werden, in Frieden leben, in Frieden alt werden.

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