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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Zweites Kapitel

Aber noch lange war Olga nicht vernichtet.

Sie aß die besten, schwersten Speisen, trank zum Trotz dreierlei Weine, die schon vorbereitet sein mußten, denn sie konnte schwer sprechen, auch dem Kellner nicht kommandieren. Wieder zusammengeschlossen, eng verkrampft, schmerzhaft von gestautem Blut war ihr Mund, dunkel wie in der Sonne gedörrte Himbeeren. Nach langen Mahlzeiten raffte sie noch Konfekt zusammen, ballte es in kleine Pakete als Wegzehrung, nun begann sie ihren Spaziergang, schlampte mit langer Schleppe, leise fühlte sie das Streicheln der Seide über den erhitzten Sand, wie es am Rücken verzitterte. Sie fraß die Hitze, gierte nach mehr. Den Hut schlenkerte sie an einem Band.

Von allen Seiten, von Steinen und Kalkwänden, hitzebrütenden Mauern, von schwarz gleißenden Dächern rann der Sturzregen der Sonne zusammen auf ihr schwarz gleißendes Haar, das schwer wie ein metallischer Helm dastand über ihrer niedrigen, faltenlosen, ewig kalten Stirn.

Weit wehte der Rock um sie her, preßte sich zwischen ihre Knie, aber sie ließ sich nicht halten; als stieße sie einer ins Kreuz, so wurde sie dahingetrieben. Die Hitzwelle, von knisternd reifenden Feldern, steinenbesäten Bahndämmen breit entgegenwogend, betäubte sie süß, wärmte sie endlich, wie ein schweres, prallgefülltes Deckbett, von allen Seiten um sie gelegt.

Mit Wonne sah sie jetzt in Gedanken Mizzi eiskalt an ihrem metallenen Tisch vor dem blinden, grünen Spiegel sitzen, festgeleimt an ihren Platz, dick und blaß in dem modrigen, verlassenen, begrabenen Geruch des kleinen Kaffeehauses.

Michalek aber starrte jetzt wohl hinaus auf die ewig helle, ewig unbelebte Straße, vergeblich lauerte er auf Gäste, hungerte nach seinem täglichen Brot, gierte nach dem baren Geld.

Für sie aber, als endliche Belohnung für ihre frühere empörende Zeit, waren schwere, süße Speisen hergerichtet. Es warteten zu ihrer Erholung, endlich, zu ihrer Gesundung weiche Waldpromenaden hier auf sie, benannt nach hohen Bürgermeistern, Erzherzögen. Mit ihrem seinen, aristokratisch diskreten, mädchenhaft zarten Seidenkleid rauschte sie über hohe Stiegen Aussichtspunkten entgegen, und während Franz und Mizzi auf Lebenszeit in das schmutzige, schmierige, schlecht gepflasterte, nie von Kurmusik durchtönte Nest gesperrt waren, breiteten sich da vor ihr die vielen prachtvollen Berge aus.

Wälder waren ganz nahe, so daß man das Knistern der Tannennadeln hören konnte, die unter den Schritten von Menschen oder unsichtbaren Tieren sich regten ...

Baumgipfel schwankten tief unter ihr: um die Höhe zu messen, »rein zum Spaß« zog sie eine Krone aus der Börse: schon war auch Mizzi da, schon wurde sie wie ein Hund vom Köder verlockt: Sie lachte hinauf zu ihr, züngelte mit der Spitze ihrer giftigen Zunge nach dem Geld. Aber Olga gab die Krone nicht, sie ließ sie fallen, sah, von klirrendem Lachen geschüttelt, dem glitzernden Silberstück nach, das in das Tannengrün herabschlüpfte. Am Rückweg wurde sie müde, lehnte sich an Häuser, lugte in Keller, Souterrains hinab. Scharfer Pferdedunst machte sie lachen oder weinen, Tränen fühlte sie in den Augen.

Maschinen für elektrische Kraft, lautlos hin und her schlagend, mit vernickelten Kolben, glitzerten hell in sauber gekachelten Räumen, Wand an Wand mit den Küchen der großen Hotels, wo jetzt schon, früh am Nachmittag, ihr Abendessen vorbereitet wurde.

Jetzt war für sie gesorgt, jetzt mußte sie nicht nehmen, was der Haushälterin gerade einfiel: oft hatte die Haushälterin ranziges Gänseschmalz statt Teebutter, Kuttelfleck und Beuschel statt Lungenbraten und Kalbsnuß gebracht, hatte viel Geld erspart in der Küche des Hauses 37, vielleicht kochte sie auch jetzt noch ihren Höllenfraß für Michalek und Mizzi ... Wären doch die beiden nur dagewesen, hätte sie sie nur hier festhalten können, sie gierig zappeln lassen, um sie nachher mit Hansl abzufüttern, mit bitteren Spargelüberresten, eingebrannter Suppe.

Geblendet sah sie in die Küche hinab. Feiner fleischfarbener Teig wurde auf weißen Porzellantischen in Walzen gerollt, Zucker in Mörsern zerstoßen, ein riesengroßer Fisch, noch wild zuckend, zersägt. Lachend wusch sich ein Mädchen in weiß und blau gestreiftem Kleid die blutbefleckten Finger unter der schäumenden Brause. Wie etwas Lebendiges wand sich das Stück Seife zwischen ihren Fingern. Leichter, halb durchsichtiger Schaum umgab wie seine Batistspitzen nacktes Fleisch.

Nie gab es Fisch im Hause 37. Die Hände der Köchin dort waren schwarz, so daß man ihr riet, sie einmal mit dem Reibeisen ordentlich zu scheuern, die Mehlspeise zäh, das letzte Stück, der »Hansl«, stets wie Leder, schlaff wie Michalek selbst, der alte, selbst nur Hansl des früheren, uniformumglänzten.

Sie erschauerte, nun ganz kalt im Schatten des Hauses, zu nahe den Mauern.

Sie fühlte Böses in sich, sie dachte, es sei nur Hunger, und der Hunger von jetzt verschwamm mit dem Hunger der letzten Nacht bei Franz in ihrer Erinnerung.

Lang hockte sie an diesem Abend in dem Lesezimmer, wiegte sich im Schaukelstuhl, wollte die Unruhe, die empörende Zeit, die aufgebrachten Nerven zur Ruhe schaukeln, Angst erfüllte sie vor der Nacht.

Doch vorausgeahnt im langsam rauschenden Umblättern großer Zeitungen, im knirschenden Wiegen des Schaukelstuhles, rauschte auch die Nacht fremd, ungelesen, beruhigend vorbei.

Herrlich war am nächsten Tag die Kurmusik. Sturm brach los von dem schmetternden Blech, schäumte in harten Wellen gegen sie hin, dann aber, in süßen, langgezogenen Tönen hob es sie sanft, von den Hüften her sie umfassend, empor.

Als alles, Gebrüll und leises Flöten verstummt war, da packten mit neuer Gewalt neue Hände, ließen sie gleiten, mit dem Rücken unendlich tief in ein verdunkeltes Zimmer fallen, dessen Wände sie nicht sah. Aber eine Sekunde erst war es um sie verfinstert, eben erst wonnevolles Schwarz um die Augen gebreitet, da trugen schon hilfsbereite junge Herren die Ohnmächtige aus der Sonne in den Schatten.

Hunger fühlte sie an diesem Tage nicht mehr, nicht Durst, nicht Müdigkeit. Nach einer Stunde wollte sie aufstehen, hinaus ins Freie, in der frischen Luft sich auskühlen, die empörende Zeit, die aufgerührte Seele beruhigen.

Aber sie konnte nicht fort, noch im Stehen warf es sie hin, während sie wachte, sich wachend klammerte an die Wirklichkeit, Hotelzimmer, Teppich am Boden, Vorhänge an den Fenstern, Lärm auf der Straße, Freitag, Ende der Woche, Doktor Kühn zu Hause, immer stark im Geldverdienen, ihr Haus dort, klein und weiß in der Ebene, von weitem, von der Eisenbahnstation schon sichtbar, endlich wiedergesehen von der endlich genesenen Olga, von der vom Geschwür Michalek befreiten, geheilten Olga ...

Noch im Wachen warf es sie hin, im Wachen überwältigte sie ein Traum, ein urböses Gesicht, Beginn des Wahnsinns.

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