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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
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Zehntes Kapitel

Olga schrieb an Michalek. Sie hatte nie Briefe geschrieben, nun lernte sie es nicht mehr. Er antwortete nicht. Sie lockte ihn mit Erinnerungen an alte Zeiten, ihr waren diese Erinnerungen wie eine Theateraufführung, wie ein nächtliches Feuerwerk, etwas Unsagbares. In dem Warten auf seine Antwort überfiel sie eine sinnlose Begierde, sie erwachte mitten in der Nacht mit wütend verkrampftem Mund. Sie schrieb ihm, daß sie ihm das Geld schenke, und vieles anderes Neues. Aber er schwieg. Alles, alles versprach sie ihm. Er sollte zu ihr kommen, mit ihr leben, in der kleinen Stadt.

Der Arzt riet ihr, kalte Bäder zu nehmen; obwohl Olga noch so jung war, erstickte sie beinahe an ihrem Blut. Sie wußte der Qual nicht anders zu begegnen als durch Gedanken. Sie erinnerte sich, wie er zum erstenmal Geld von ihr genommen hatte, nicht viel, eine kleine Banknote, die gerade für eine Flasche inländischen Sekt reichte.

Sie erinnerte sich, wie sie ihm gesagt hatte, sie hätte den Regimentsarzt zufällig getroffen, es sei nichts vorgefallen, er könne sich auf sie verlassen. Er brauche aber nicht die Spielschuld zu begleichen, sie hätte ihn losgebeten. Und wie glänzte ihr Lächeln in der Erinnerung! Dann war sie plötzlich wieder im Hause Nr. 37, ging mit ihrem ersten Gast die Treppe hinab, vorbei an ihm, Michalek, der emporstieg.

Sie wanderte auf dem Korridor hin und her, während sein schamloser Mund die eigene Schande ausplauderte.

Mit Macht, mit Wut schlug sie ihre Fäuste in Mizzis böses, übelriechendes Fleisch, krallte die harkenartigen, grausamen Hände fest, zwischen deren trägen Fingern noch eine Locke von ihrem Haar lag.

Aber sie lächelte, ganz tief in ihr lächelte es, wenn sie an seine kalten, blauen Säuferhände dachte, an seinen verschwemmten, ausgewässerten Säuferschädel, an seine leere Geldbörse, wie Hängebacken ausgeweitet, aus abgeschabtem Leder, in die er ihre Banknoten gesteckt hatte. Nun saß er in dem Café, hörte das fremde Grammophon, das elektrische Klavier aber, sein Klavier, schwieg. Er selbst war zum Gaste herabgesunken, mußte aller Welt zahlen, Haut und Haare lassen, niemand, keine mehr hing an ihm; und es mußte noch etwas ganz Böses kommen, schon lange sprach er nicht mehr, er schwieg –

Sterben? – Würde ihm eine eiserne Zunge sein Maul aufreißen, würde er jammern, winseln und sich an sie klammern ... endlich Mensch sein, wie sie selbst, armseliges Mensch? Schon sah sie ihn vor sich, wie er vor ihrer Tür wartete, wie er an einem einzelnen Tischchen Kümmelsuppe vorgesetzt bekam, während sie und der Rechtsanwalt an einem andern Tisch saßen. Und damit er wenigstens sein Brot verdiente, würde sie ein Dreirad kaufen, ihn durch die Stadt fahren lassen, um die bestellten feinen Delikatessen herbeizutragen und für den Rechtsanwalt Akten aus dem Bezirksgericht zu holen. Sie sah ihn deutlich im Traume, in der blauen Uniform, goldverschnürt mit schlangenartigen Borten das Dreirad treten, weibisch und schmerzhaft, mit bleischweren Beinen, so wie sie einst die Nähmaschine getreten hatte.

Dieser Gedanke machte sie glücklich. Sie dachte ihn ohne Aufhören. Manchmal, wenn sie Musik hörte, wenn unter den sonnenrauschenden Bäumen die Kurkapelle spielte, sah sie auch einen Revolver vor sich, mit dem sie ihn tötete und dann sich...

Sie ging in die Kirche.

Sie sah die Kirche blendend durchsonnt. Gewaltig brach das Licht durch die Kirchenfenster. Die silberne Taube schwebte über allem, der heilige Geist wogte mit ausgebreiteten Flügeln über Gott Vater und seinem weißen wallenden Bart, er beschattete hochher des Heilands abgemagerte Brust, goldig in flammendem Glänze, von roten Strahlen blutig durchschossen.

Von den Schatten umdunkelt, gleißte eine große Erzfigur neben dem Altar.

Wie er dastand, stumm und ohne Bewegung, der gewaltige Mann, glich er dem Geliebten. Sie blickte ihn lange an. Ihr Auge verschwamm. Die Luft atmete kühl.

Sie schlief ein, die Stirne betend am Boden.

Sie erwachte mit eisigen Händen, schmerzenden Knien.

Wo war Gott?

Und sie fühlte, daß sie nichts aus dieser Qual erretten konnte; daß Gottes Hand nicht zu ihr reichte.

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