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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Olga hatte in allem Glück. Einmal gewann sie in der Lotterie. Der Rechtsanwalt spielte unter ihrem Namen an der Börse, alle Geschäfte, die ihm zweifelhaft erschienen, ließ er durch sie besorgen. Er hatte nicht Angst vor dem Unglück, nur vor der Advokatenkammer. Olga fürchtete nichts, hoffte nichts.

Wenn sie stundenlang über ihre Geschäftsbücher gebeugt dasaß, war ihr, als sähe sie sich selbst von ferne. Sie konnte manchmal nicht glauben, daß sie Olga war, daß sie einen Dienstboten hatte, daß sie von sechs bis acht Uhr abends aus dem Fenster sah, warm angekrümmt, weich lastend über eine steinerne Brüstung, die an ihrem schwarzen Seidenkleid lichte Staubspuren zurückließ. Sie wußte noch von einer anderen Olga, von einem anderen Ort... Sie träumte davon, daß sie unter den Betten des Mädchengelasses im Hause Nr. 37 umherkrieche und aus allen Winkeln ganze Büschel von Zigaretten hervorhole, die da wie Blumen in dunklen Beeten wuchsen.

Sie erwachte in Tränen, blieb den ganzen Tag gedrückt. In der nächsten Nacht träumte sie wieder: nun waren es Männerköpfe, bärtige Herren, kahle Herren, solche mit schiefen Augen, mit abstehenden Ohren, die sich widerlich atmend über ihr Gesicht legten. Plötzlich sah sie das Gesicht ihres ersten Gastes, sie begriff nicht, wie sie es je hatte vergessen können. War es denn möglich, daß irgend etwas ganz verschwand? Sie ließ den Rechtsanwalt nicht mehr vor, sagte, sie sei krank. Sie legte die Hände in kaltes Wasser; aber mit einemmal schien ihr das Wasser in die Haut einzudringen, mit tausend seinen Strömen in sie hineinzusteigen ...

Es war im dunklen Zimmer. Sie stand auf, ging hin und her. Und zum erstenmal, seitdem sie aus dem Hause Nr. 37 fort war, fühlte sie die Erinnerung an Michalek.

Sie legte sich zu Bett, Damit nicht die fremden Köpfe über ihr Gesicht sich legen sollten, verbarg sie das Gesicht in den Kissen. Ihr Herz schlug. Wild wuchs es aus der feuchten Haut der Brust empor, stemmte sich gegen die Polster, wehrte sich und donnerte dumpf. Die Träume waren grauenhaft, gottlos, mit Worten nicht zu schildern.

An einem dieser Tage kam der Rechtsanwalt. Er war mit Gewalt eingedrungen; die Unruhe um seine Olga ließe ihn nicht schlafen, sagte er; sie werde nicht mehr krank sein, wenn er ihr die »große Neuigkeit« mitteilen würde. Denn er brachte die Nachricht, daß ihnen ein bedeutender Börsengewinn zugefallen sei. Ihr kam die Hälfte zu; und sie besprachen eine Badereise. Ihre Stimme war heiser, irgend etwas tönte mit, und sie schwieg erschreckt, mit starren Augen.

Zwei Wochen nachher war Olga auf dem Wege nach Franzensbad. In der ersten Zwischenstation aber verließ sie den Zug und fuhr in die Stadt, in der Michalek lebte. Als sie von dem Bahnhof in die Straße ging, in der das Haus Nr. 37 stand, mitten auf dem leeren Anger, unweit der niedergelegten Ölfabrik, nahe der heiligen Kirche, war ihr wie einer Siebzehnjährigen zumute. Sie fühlte ein Lächeln, der Boden unter ihren Füßen schien ihr entgegenzustreben, und der Wind, der ihr in die weitgeöffneten Augen fuhr, war sanft, erwärmte, berauschte sie. Eidechsen glitzerten durch die Steine des Brachfeldes, die Sonne brannte. Sie verstand das nicht, ihr war, als sei sie in Afrika, in einem fernen Weltteil.

All das verschwand, als sie Michalek wiedersah.

Er war zum Erschrecken alt geworden, zitterte, zaghaft und schüchtern. Ein robustes Weib, die Haushälterin, wirtschaftete im Haus umher. Michalek hatte Angst vor ihr, er verbarg seine Hände, die eiskalt waren. Er freute sich, daß Olga gekommen war; mit sonderbaren Blicken sah er sie an, seine dicken, bläulichen Säuferhände spielten mit der goldenen Kette, die Olga um den Hals hing. Beide wollten sprechen, aber nichts fiel ihnen ein.

Michalek war eben erst aufgestanden. In seinem immer noch vollen, grauen Haar schwebte eine Flaumfeder. Olga nahm sie fort, ganz zart. Dann bestellte sie eine Flasche Wein; er begann die Treppen hinabzusteigen, kehrte dann um, denn er hatte Angst vor der Dunkelheit. Die Haushälterin brachte dann alles herbei, setzte sich aber auch mit an den Tisch. Sie war nicht sehr alt, nicht sehr häßlich ... aber ... alle schwiegen. Aus einem schlecht geschlossenen Bierfaß tropfte das Bier auf ein Blechtäßchen. Das ganze Haus war von dem Dunst des Bieres erfüllt. Es war still, erst spät am Abend gackerten Hühner vorbei und man hörte, wie sie mit ihren Schnäbeln gegen die Steine stießen. Leer erschien Olga alles; in ihrer Erinnerung war dieses Haus bis an den Rand gefüllt von Hitze, von eilenden, keuchenden, zahllosen Menschen, die selbst glühten und von Musik, die aus den Winkeln hervorquoll, von dem Rauch der Zigaretten, auf deren Stummel man trat, wie auf weiße und braune Würmer ...

Das Haustor wurde geschlossen. Ein Mädchen rief. Die Haushälterin verschwand, sie war es, welche die Mädchen frisierte. Olga und Franz sahen einander an, wie Kinder lächelten sie einander zu. Plötzlich lagen sie eines an des andern Brust. Beide weinten.

Eine Dame des Hauses, in weißem, plissiertem Leinenkleid, blond, mit kleiner, schiefen Löckchen über den Ohren, stand schon da, stramm wie ein Soldat auf Wache. Sie sah sich erstaunt im Zimmer um, wie in einer fremden Wohnung. In ihrem Lackgürtel steckte ein Zigarettenetui wie eine Patronentasche. Sie kniff die Augen zu und begann zu rauchen, indem sie sich in den Hüften wiegte.

»Franz,« sagte Olga, »ich muß schon heute abend fort.«

Er schwieg.

Sie stand auf. Michalek begleitete sie.

»Ist das die, welche du liebst?« fragte Olga.

»Ach was, Liebe,« sagte Michalek, »wozu? Sieh, Olga, ich habe es doch gut mit dir gemeint! Was wäre hier aus dir geworden?«

Sie schwieg; seine Hände waren jetzt warm, das fühlte sie; alles zitterte in ihr.

»Ja,« sagte er, »alles wäre schön und gut. Aber... du weißt. Ja, adieu, du hättest heute noch bleiben können ... Jetzt ist es Sommer, kein Mensch kommt hierher. Es ist viel zu lange hell. Als ob es eine Schande wäre. Du fehlst uns hier. Die andern Weiber sind zu langweilig. Die Mizzi ist fort...« »Ja! Im Spital?«

»Nein, anderswo. Und hier, jetzt haben wir alle Hitzferien, ich bin auch nicht mehr so wie früher. Es ist doch kein Geschäft für mich. Auch dazu muß man geboren sein. Ich habe Gemüt, ich bin ein guter Mensch, kein Sautreiber. Nein, nein, ich hätte zur Post gehen sollen, nein, zur Bahn. Du hast dich gerade im rechten Moment ins Privatleben zurückgezogen. Du lebst in tausend Freuden... im Lande, wo Milch und Sliwowitz fließt, aber ich...«

»Was denn? Was willst du denn?« fragte Olga. »Du brauchst nichts für den Schnaps zu zahlen. Ich habe ihn dir gern geschenkt.«

»Danke! Danke schön.« Aber er sah sie so sonderbar an, mit einem tückischen, süßen Lächeln.

»Du mußt nicht vor mir Komödie spielen ... ich denke, alte Freunde, wie wir ... erinnerst du dich noch? Das Rennpferd erinnert sich noch: der gute Herr! Der schöne Stall! Du hast vergessen? Ich nicht...

Ich bin immer noch die alte Olga. Willst du mich wieder? Ich bin immer noch die Olga aus der Oberleutnantszeit.« »Ja, schöne Zeiten haben wir verlebt... Aber immer die Sorgen! Es ist nicht wegen Essen und Trinken, ich hungere ja gern, das trage ich ja leicht. Es ist nur wegen der Ordnung, denn Ordnung muß sein ... Ich bin aller Welt Geld schuldig, bin selbst dem alten Weibe Geld schuldig...«

»Geld? Was? Geld? Wem? Der Dame? Ich dachte, du machst keine Geldgeschäfte mehr mit Damen?«

»Die Leute haben die Hypothek gekündigt, heute oder morgen ist das Geld fällig, ich begreife das nicht, die Zinsen habe ich jedesmal gezahlt. Die Brauerei gibt auch keinen Zuschuß mehr, auch das, alles auf einmal, Schluß mit den Prämien. Es ist der Anfang vom Ende. Jetzt haben die in der Stadt ein Kaffeehaus aufgemacht, Damenbedienung, Mizzi ist jetzt dort, und ein Grammophon, mitten in der Stadt, ich gehe manchmal hin, warum auch nicht? Man muß Frieden halten, alle Leute wollen leben. Ich spiel' gern eine Partie Karambole, Billard... Sonderbar, um einen Kreuzer die Partie, glaubst du, daß das so ins Geld geht?«

»Geld und Geld und wieder Geld«, sagte Olga. »Ja, das leidige Geld«, sagte Michalek. »Aber das ist nicht allein für mich ... meine Mädchen wollen leben. Ob Besuch kommt oder nicht, sie müssen jeden Tag essen. Jetzt will jede ihre Haut für den Kaffee, ja ... erinnerst du dich ... und die Zuckerdose kommt nicht vom Tisch ... und jeden Tag muß es Fleisch geben, mittags und abends ... auch Freitags ...«

»Nein, entschuldige Franz, was gehen mich deine Weiber an?« sagte Olga.

»Dann adieu«, sagte Michalek und wollte kehrtmachen. Aber er war nicht mehr der Michalek von einst.

»Nun?« fragte Olga und hielt ihn an der Hand, »zweihundert? Nein, dreihundert? Vierhundert? Wie hoch soll ich dich lizitieren? Vierhundert? Was bist du noch wert?«

Sie zog das Geld aus der Tasche. »Aber du nimmst es gar nicht umsonst. Ich könnte es auch nicht. Wovon sollte ich sonst leben? Jeder Kreuzer ist schwer verdient. Es ist auch nicht mein Geld. Aber dir kann ich es ja anvertrauen, selbstverständlich, du bist jetzt ein Kavalier. Weshalb siehst du mich so an? Erkennst du mich nicht mehr? Ach geh', was heißt das? Jetzt muß einer verständig sein: das sind jetzt andere Zeiten ... wenn jemand wie ich zurückkommt nach Haus, abgezehrt und abgelumpt, wie ich es war vor zwei Jahren, da heißt es brav sein und arbeiten ...«

Sie reichte ihm ein weißes Papier.

»Da steht doch nichts drauf?«

»So? Du traust mir doch nichts Böses zu? Es ist ein Blankett, du kannst ruhig unterschreiben.

Du kannst dich immer an mich wenden, ja, Franz, alte Liebe. Und jetzt kommst du mit mir. Nein, nur die paar Schritte bis zum Bahnhof. Gehst hinauf, sagst der Madam, daß du auf eine kleine Weile fortgehst. Hole dir deinen Hut...«

Michalek ging nicht. Er hatte keinen Hut.

»Na, dann kommst du in deiner Mütze mit. Da siehst du aus, wie ein ernster, guter Hausvater. Plauderst immer noch so viel? Ach, die kalten Hände schon wieder! Vielleicht solltest du dir einen Kessel mit Glut vorbereiten lassen? Oder, du kommst mit mir ins Kaffeehaus, trinkst einen Glühwein oder sonst etwas, ich wärme dich dort... und dann, ich möchte gern meine alte Freundin wiedersehen.« Sie traten in das Kaffeehaus ein.

»Nicht ans Fenster setzen«, sagte Michalek.

»Schämst du dich? Bin ich schon zu häßlich? Aber einmal war ich doch ein süßes Kind!... Jetzt bin ich's nimmermehr.«

»Nein, es zieht mir am Fenster zu sehr...«

Mizzi, in rotseidener Bluse, ein seifenartiges Lächeln auf dem aufgeschwemmten Gesicht, saß an der Kasse und tat Zuckerstücke, drei und drei, auf kleine Täßchen. Der Rum schimmerte braungold, der Arrak wie Bergkristall, der Kirschschnaps wie Rubin. Ein kleines silbernes Schildchen war an jeder Flasche befestigt.

»Na, also du, Mizzi!« sagte Olga. »Erkennst mich doch wieder?«

»Ach, du bist es?« sagte Mizzi und blickte nach zwei Studenten hinüber, die mit den Metallkrücken ihrer Spazierstöcke auf den Tisch schlugen. »Was führt dich her?«

»Ich fahre jetzt nach Franzensbad. Mein Bräutigam wünscht es so. Im Herbst wollen wir heiraten, in den Gerichtsferien machen wir die Hochzeitsreise. Ich wollte doch noch einmal... Und du sortierst Zucker? Darfst du auch ein Stückchen aufessen? Aber nein, ein so böses Gesicht! Warum denn? Ich will dich nicht ärgern... ich denke nur, man bekommt leicht Hunger, wenn man so Stunde um Stunde dasitzt.«

Sie setzte sich wieder zu Michalek an den Tisch. »Nun, erzähle doch! Weshalb bist du so still? So kenn' ich dich gar nicht! Warum schaust du so an mir herum? Gefall ich dir noch? Gefällt dir mein Hut? Rate, was der gekostet hat! Nein, ich sage es lieber nicht... Und dabei bin ich im Grunde anständig, habe ich nicht recht? Fällt mir gar nicht ein, zu heiraten.

Ich warte auf dich ...

Was sagst du dazu? Ist ja nur Spaß, damit du erschrickst! Ich habe das vorhin nur der Mizzi erzählt, damit sie sich ärgert!... Aber sage es ihr nicht wieder, Franzl, Plauschkatzerl du! Na, jetzt ist Zeit...«

Sie stand auf und ging zum Büfett. Mizzi saß vor einer großen Spiegelscheibe.

»Mizzi, jetzt bist so gut und rückst ein klein wenig weiter,« sagte sie, »du erlaubst doch, ich muß mir meinen Hut aufsetzen.« Sie rückte den Hut auf ihrem dunklen Haar hin und her, daß die Paradiesreiher schwankten. »Sieh her, auch das Haar ist mir nachgewachsen ... Erinnerst du dich? Einmal hast du die Krallen drin gehabt. Ja, das waren lustige Zeiten.«

Die Gymnasiasten waren still geworden und sahen nach ihr hin. Sie gab Franz die Hand; er blieb im Lokal zurück, als Olga fortging. Aber die zwei Gymnasiasten kamen ihr nach. Olga war es, als wäre Robert der eine von ihnen. Als sie aber zu sprechen begannen, stellte es sich heraus, daß Robert schon lange nicht mehr in der Stadt lebte. Die Gymnasiasten begleiteten Olga zur Bahn, sie versprach, in einer Woche wiederzukommen. Gegen acht Uhr abends reiste sie ab.

 . . . . 

Es war dunkel in dem Abteil. Der Zug, ein »gemischter Personenzug« der Sekundarbahn, hielt lange. Die Türen nebenan wurden aufgerissen, Schritte gingen hin und her. Plötzlich war ihr, als sei ihr Michalek nachgekommen, warte im Abteil nebenan, so wie er einst, in den ersten Tagen nach der Ehrengerichtsverhandlung und nach seinem Austritt aus dem Heere auf sie gewartet hatte. – Der Zug ging. Damals waren sie nach Wien gefahren, dort hatte er sich zuerst wieder auf der Straße gezeigt. Sie hatten zwei kleine Zimmer bei einer jüdischen Wirtin namens Kamelhar bezogen. Abends, gegen neun Uhr, sagte Olga gewöhnlich zu Michalek, er möge ins Kaffeehaus gehen und Karambol spielen. Sie wartete, bis er gegangen war, dann zog sie sich um; vielleicht dachte sie, er erkenne sie dann nicht mehr auf der Straße, beim Geschäft. Sie besprengte sich mit Parfüm, das sie beim Friseur gekauft hatte, der ihr Haar ondulierte. Nun schritt sie die etwas abschüssige Nußdorfer Straße hinab, wartete auf Herren. Weiter unten brannten grell die Lichter des Kolosseums. Es war ein Studentenviertel, aber auch Offiziere gab es da, fremde, die aus Rußland kamen, Kaufleute aus Berlin, die in der Nähe des Nordwestbahnhofes wohnten.

Gegen zwei Uhr nachts ließ Michalek die Karten oder die Billardbälle, kam in die Wohnung zurück, sperrte leise auf, saß dann da und wartete auf sie. Meist war der letzte Gast schon fort, denn Olga hatte Angst, besonders im Anfang, Michalek könne ihr auf der Treppe begegnen. Sie hatte immer noch ein böses Gewissen. Sie wagte kaum, ihm Geld zu geben, sondern legte ein paar Silbergulden in die Blumenvase, die ihnen auch sonst als Sparbüchse diente. Er war nicht mehr der Franz von früher. Die Uniform fehlte ihm, und er vertrug den Müßiggang schlecht. Es war gut für ihn, daß er fortkam, in ein »böhmisches Dorf«, wo ihn niemand kannte.

Das Haus Nr. 37 war herrenlos geworden, eine alte Frau hatte es geführt und war gestorben. Der Geistliche hatte sich geweigert, in das berüchtigte Haus einzutreten. Der Sohn schämte sich seiner Mutter, aber er schämte sich nicht, Michalek die Miete oder vollständige Übernahme anzubieten, gegen eine monatliche Zahlung, drei Jahre hindurch.

Sie selbst hatte Michalek geraten, anzunehmen, war mit ihm hingefahren, bloß als seine Stütze, als seine Hausfrau.

Der Herr im Abteil nebenan sprach mit dem Schaffner; er stieg zwölf Uhr dreißig nachts um, er mußte geweckt werden. Sie selbst reiste bis sechs Uhr morgens weiter; sie hatte Angst, die Nachbarn würden sie stören, aber nichts derart geschah. Nun lebte sie in dem Kurort einige Tage ganz ruhig. Dann trieb sie etwas zum Bahnhof, sie wollte zu Michalek zurück.

Sie dachte an ihn, wie sie nie an ihn gedacht hatte. Sie sah Lokomotiven, schwarzglänzende, mit mächtigen Kolben, zur Abfahrt bereit. Nachts träumte sie davon, ihn an seiner schlaffen Halsbinde zu fassen, ihn wegzuführen, ihn in ihrem Bett niederzulegen ... irgendwie.

Der Rechtsanwalt schwamm in ihrer Erinnerung, sie konnte sich sein Gesicht nicht vorstellen; ihr wurde bewußt, er sei nur einer der Gäste gewesen. Alle waren sie nur Gäste, schwer lagernde Gesichter, dumpf atmende Münder, die sie voneinander liehen.

Wie waren sie namenlos!

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