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Thüringer Erzählungen

Eugenie Marlitt: Thüringer Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
booktitleThüringer Erzählungen
titleThüringer Erzählungen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eugenie John-Marlitt.

Ihr Leben und ihre Werke.

Es war am 5. Dezember im Jahre 1825, als zur Verherrlichung des Geburtstages Serenissimi der Stadtmusikus in Arnstadt mit seiner Handvoll Leute lustige Weisen vom Balkon des Rathauses am Marktplätze hinausblies in die winterliche Luft, demselben Balkon, hinter dem sich vier Jahre später das blutig endende Drama abspielte, das der Ausgangspunkt des Romanes »Das Geheimnis der alten Mamsell« werden sollte.

An der Ostseite, der breitesten des Marktes, läuft eine Säulenhalle die Häuser entlang, die in ihrem Zusammenhange unzweifelhaft vorzeiten ein zum Augustinerkloster gehöriges Ganze gewesen ist, seit Menschengedenken aber in fünf einzelne Häuser und ebensoviele Besitzer geteilt ist. An regnerischen Markttagen ist heutzutage die Halle, Galerie genannt, der Aufenthalt von feilbietenden Bauernfrauen, die sich dort vor allen Unbilden des Wetters geborgen fühlen. Am Südende dieser Galerie liegt das damals dem Kaufmann Joh. Friedr. John gehörige Haus Nr. 7, in dessen oberen Räumen hinter den nördlich gelegenen zwei Fenstern soeben mitten unter den Klängen der städtischen Kapelle ein kleines Mädchen das Licht der Welt erblickte, dem Mutter Natur schon zu seinem ersten Schritt ins Leben ein dunkles Lockengewirr auf dem kleinen krebsroten Köpfchen verliehen hatte.

»Ein Mädchen! Ach, wieder ein Mädchen!« hatte das gute, liebe Großmütterchen ein bißchen enttäuscht ausgerufen, sintemal ja die Erstgeburt der jungen Ehe ihres Sohnes, Herrn Ernst John, auch kein Sohn, kein Stammhalter, sondern ein Schwesterchen gewesen war. Aber es war der prächtigen Großmutter kein Ernst mit ihrem schier verwunderten Ausrufe, sie nahm die kleine, kräftig schreiende Erdenbürgerin vielmehr mit gleicher brünstiger Liebe an ihr gutes Herz und getröstete sich in unverwüstlicher Hoffnung des »nächsten Males«, eine Hoffnung, die die brave Frau in der Tat nicht betrügen sollte.

Der Vater, damals 32 Jahre alt, war von Natur ein geistig reich ausgestatteter Mann, frei von allen Vorurteilen, der mit wahrer Inbrunst an der Kunst, am gestirnten Himmel hing und sein Wissen über das Werden unseres eigenen Planeten mit Eifer zu erweitern strebte. Er hatte keine klassische Bildung genossen, aber er las und suchte sich Zeit seines Lebens – auch in trüben Zeiten – über die Stufe, auf der der weitaus größere Teil seiner ehrbaren, philisterhaften Mitbürger stand, hinaufzuschwingen. Sein früh hervorragendes Talent zum Zeichnen erhielt zwar Pflege und Nahrung, aber sein lebhafter Wunsch, sich ganz der Malerei widmen zu dürfen, ward ihm von seinem strengen Vater nicht erfüllt, vielmehr mußte er wie damals ein echter und rechter Sohn in die väterlichen Fußtapfen treten und »die Handlung« erlernen, ob mit Lust und Neigung oder nicht. Bei seiner Verheiratung hatte er eine Leihbibliothek errichtet und versah das Lesepublikum mit einer gewählteren Lektüre guter Reisebeschreibungen, der damals beliebten belletristischen »Taschenbücher« und der sonstigen besseren und besten Erzeugnisse der Literatur.

Die Mutter, älteste Tochter einer sehr angesehenen Kaufmannsfamilie, einst ein schönes, hochgewachsenes, vielumworbenes Mädchen und als Frau eine imposante germanische Erscheinung mit dunkelblondem Haar und blauen Augen, war vor allem mit jeder Faser ihres Herzens Gattin und Mutter in des Wortes hellster Bedeutung: für ihre Kinder hat sie sich allezeit wahrhaft aufgeopfert. Sie liebte eine schöngeistige Lektüre, besonders aber die Musik, und gewiß haben die mit ihrer melodischen Stimme unter Gitarrebegleitung gesungenen Lieder am Bett ihrer Lieblinge, die ja sonst nicht eingeschlafen wären, nicht nur einen vorübergehenden Einfluß auch auf das junge Töchterchen ausgeübt, das in der Taufe zwar von den Paten und Patinnen die etwas weniger poetischen Namen Friederike, Christiane, Henriette, von Vater und Mutter aber den Rufnamen Eugenie erhalten hatte. So wuchs an den Herzen, unter den behütenden Augen solcher Eltern das Kind lustig auf und schon in seinen ersten Lebensjahren zeigte es eine ungewöhnliche Begabung für den Gesang. Frühzeitig in die Schule geschickt, erreichte Eugenie schon nach vollendetem achten Lebensjahre die erste Mädchenschulklasse, in welcher sie den Unterricht eines ausgezeichneten, bei seinem frühzeitigen Tode allgemein betrauerten Pädagogen, Heinemann, und dann dessen Nachfolgers, Rektor Wagner, genoß. Schon damals regten sich leise die Schwingen ihres dichterischen Genius; kleine Lieder und Gedichte, wie »Auf den Tod meines Kanarienvogels« entstanden und fanden Teilnahme und Aufmunterung. Zu gleicher Zeit erweiterte sich ihre Stimme in steter Entwicklung, so daß ihr Gesanglehrer, Kantor Stade, ihr öfter in Konzerten des von ihm gegründeten »Singvereins« kleine Partien übertrug, die sie zu seiner Zufriedenheit wacker vortrug, und noch später erinnerte sich wohl der eine oder andere damals Mitwirkende mit Freude der kleinen Sängerin mit der hellen, glockenreinen Stimme. »Sie hat Millionen in der Kehle«, versicherte der durch und durch musikalisch gebildete Kantor Eugenies Vater, »und ihre künstlerische Ausbildung muß möglich gemacht werden.«

Auf Eugenie, die inzwischen in ihr sechzehntes Jahr getreten war, ruhten hoffnungsvoll die Augen der Ihrigen wie auf einer erlösenden Macht vom mühseligen Kampfe ums Dasein. Sollten nicht Millionen in ihrer Kehle liegen? Der Vater wandte sich an die hochherzige regierende Fürstin von Schwarzburg-Sondershausen, die eifrige Beschützerin von Kunst und Wissenschaft, und bat die hohe Dame unter Darlegung der Verhältnisse, dem mit reichen Stimmitteln begabten jungen Mädchen die künstlerische Ausbildung zu vermitteln. Schneller als erwartet, sandte die Fürstin den am Hoftheater angestellten Bassisten Krieg zur Prüfung der jugendlichen Sängerin. Auf einem Spinett schlug er einzelne Töne an, die sie mit voller Kraft nachsingen mußte – wie erstaunt fuhr da der Examinator herum: »Man meint, eine solche Fülle käme eher aus diesem mächtigen Ofen, als aus einer so zierlichen Figur,« sagte er. Damit war der heiße Wunsch der Eltern erfüllt; hinfort stand die Tochter unter dem Schutz einer gütigen Hand und – nun muß sich alles, alles wenden!

Nach ihrer Rückkehr in die Residenz ließ die Fürstin Eugenie nach Sondershausen kommen und sorgte für die Erziehung ihres Pfleglings in wahrhaft mütterlicher Art, namentlich wurde nichts versäumt, was zur Vorbildung Eugenies für ihren Beruf als Sängerin notwendig erschien. Neben dem wohlgeordneten Schulunterricht ward der eifrig Lernenden Unterweisung im Klavierspiel durch den Kammervirtuosen Fetzer und im Gesange durch den Kammersänger Koch zuteil, und in beiden Fächern wurde ihren Fortschritten die lebhafteste Anerkennung gezollt. Am meisten aber überraschten ihre deutschen Arbeiten, so zwar, daß es selbst denen, die das wärmste Interesse für die talentvolle Schülerin hegten, zu glauben schwer wurde, daß dieselbe ohne Beihilfe solcher in bezug auf Anordnung des Stoffes, Ausführung und Stil wohlgelungenen Leistungen fähig sein könnte. Der Direktor ordnete deshalb eine Klausurarbeit an, die zu seiner und der Fürstin Freude so glänzend ausfiel, daß ihre außergewöhnliche Begabung in das hellste Licht trat und hinfort jedem Zweifel ein Ende machte. So vergingen Eugenie im Kreise liebenswürdiger Altersgenossinnen und Freundinnen drei Jahre, und ihre durchlauchtigste Beschützerin hielt es an der Zeit, daß ihr eigentliches Berufsstudium nunmehr beginnen müsse. Vielleicht bestimmt zum Teil durch die damals am fürstlichen Hoftheater wirkende ausgezeichnete Sängerin Mara, nahm die Fürstin Wien in Aussicht, brachte die junge Kunstnovize in die ihr empfohlene Familie v. Huber in Pension und gab ihr den Gesanglehrer Kunt, der auch die Mara gebildet und dessen Name einen guten Klang in der musikalischen Welt der österreichischen Hauptstadt hatte. Frau v. Huber und ihre drei Töchter: Frau v. Nischer, die ehemalige Erzieherin des Kaisers, Frau v. Hahn und Frau v. Fuchs nahmen die junge Thüringerin mit echt wienerischer Herzlichkeit auf und gewannen das anspruchslose, liebenswürdige Mädchen mit dem goldreinen Charakter bald so lieb, daß die an Jahren überlegenen Töchter vom Hause ihr das trauliche »Du« anboten, und so fest wob sich das Band aufrichtiger Freundschaft um diese verwandten Seelen, daß es seine Dauer bis zum Tode bewahrt hat. O, dieses ihr unvergeßliche Wien! Noch in den letzten Tagen ihres Leidens konnte sie heiterer und lebendiger sein, wenn ihr Arzt, Sanitätsrat Oßwald, der dort studiert und es in neuester Zeit wiederholt besucht hatte, mit ihr von der alten gemütlichen Kaiserstadt plauderte.

Nachdem sie zwei Jahre ihren Studien mit der angestrengtesten Tätigkeit obgelegen hatte, kehrte sie zur Erholung besuchsweise in die Heimat zurück, und in jene Zeit fällt das von ihrer hohen Gebieterin, die vorübergehend in Leipzig weilte, gewünschte erste Auftreten daselbst, welches Pasqué so hübsch geschildert hat. Das Lampenfieber! Eine ängstliche Scheu vor fremden zudringlichen Augen war ein Grundzug in ihrem Charakter, und vielleicht ist das ein Stückchen Selbstbekenntnis, was sie Felicitas sagen läßt: »Wenn ich es auch für eine der herrlichsten Aufgaben halte, seinen Mitmenschen die Schöpfungen großer Meister vorführen zu dürfen, so fehlt mir doch dazu gänzlich der Mut.«

Gleichwohl ging sie nach Wien zurück, um daselbst ihre Studien zu beenden, die nur eine kurze Unterbrechung erfuhren, als sie mit der Familie v. Huber den ernstlich drohenden revolutionären Kämpfen des Jahres 1848 aus dem Wege ging. Dann kam die Zeit, wo sie den ihr so liebgewordenen Kreis prächtiger Menschen verlassen mußte, um nun draußen auf den rauhen Pfaden der großen Welt zur Geltung zu bringen, was die Natur ihr freigebig in die Wiege gelegt und eiserner Fleiß zur Blüte gezeitigt hatte. Zunächst trat sie in Sondershausen auf unter dem ihr von Seiner Durchlaucht dem Fürsten verliehenen Titel Kammersängerin, wirkte später unter dem Schutze ihrer sie begleitenden Mutter an den Bühnen von Linz, Graz, Lemberg usw., um mit einemmal auf ihrer kaum betretenen theatralischen Laufbahn halt zu machen eines plötzlich eingetretenen Gehörleidens wegen. Zwar bot ihre hohe mütterliche Freundin, die gütige Fürstin, alles auf, ihr Hilfe zu schaffen durch Zuziehung der besten Ärzte, schickte sie in empfohlene Bäder – allein vergebens, das Übel spottete allen Heilwässern und jeglicher ärztlichen Kunst. Indes muß es an dieser Stelle gesagt werden, daß die von schlecht unterrichteten oder erfindungsreichen Berichterstattern oft behauptete »völlige Taubheit« der Dichterin der Wahrheit ermangelt. Der Grad der Schwerhörigkeit war niemals der gleiche, und so oft sie gänzlich frei von katarrhalischen Beschwerden war, hätte wohl kaum ein Unbefangener geahnt, daß sie überhaupt leidend war.

Nachdem indes jede Aussicht auf gründliche Heilung geschwunden und eine Rückkehr zur Bühne ausgeschlossen war, zog sie die Fürstin, die damals in ihrer schönen Heimat, in Friedrichsruh bei Öhringen, residierte, in ihre Umgebung und ernannte sie zu ihrer Vorleserin.

Hier, in dieser von einem poetischen Hauche verklärten Umgebung, lächelte das Leben sie an, als ob es mit all seinen Annehmlichkeiten den Sturm vergessen machen wollte, der soeben die an ihr Haupt geknüpften buntschillernden Hoffnungen so grausam vernichtet hatte, und gewiß würde sie sich in dieser Luft ganz glücklich gefühlt haben, wenn nicht das Bewußtsein ihrem Herzen wehe getan hätte, für die Ihrigen daheim nicht das haben werden zu können, was sie dereinst gewähnt und geträumt hatte – vermochte sie doch nur, ihr bescheidenes Gehalt mit dem guten alternden Vater zu teilen. Dazu traf sie am 31. August 1853 die erschütternde Nachricht von dem Tode ihrer Mutter, an der sie mit leidenschaftlicher Liebe hing. –

Aber sie hatte einen viel zu scharfen Verstand, eine viel zu starke Seele, als daß sie ihrem tiefen Leide der Welt gegenüber Raum gestattet hätte; sie hatte einen viel zu praktischen Sinn und war tapfer genug, sich schwermütiger Anwandlungen zu erwehren. Was ihr aber am meisten über alle trüben Erinnerungen forthalf, war das Interesse an neuen Eindrücken, an der Beobachtung der sie umgebenden Dinge und Personen, wie sie ihr in die Erscheinung traten; mehr noch aber war es die unerschöpfliche Güte ihrer fürstlichen Beschützerin und die Achtung und Liebe, welche ihr – dem bürgerlichen Mädchen – die anderen Damen des Hofes freudig entgegenbrachten. Die eifrige Pflege der Musik, des Gesanges, der Poesie und Lektüre, die Übersiedlung der kleinen Hofhaltung nach München, wo sie in glänzenden Kreisen so manchen Träger eines berühmten Namens kennen lernte; Badereisen und zeitweiliger längerer Aufenthalt im bayrischen Oberlande am Tegernsee, Schliersee und Kochel in buntem, wohltätigem Wechsel erweiterten den Horizont ihrer Auffassung und Anschauung, und wirkten unzweifelhaft befruchtend auf die Gestaltungskraft der künftigen Romanschriftstellerin.

Von den verschiedensten Seiten war sie infolge des Briefwechsels, den sie zu führen hatte, auf ihr Darstellungstalent aufmerksam gemacht und ihr der Rat erteilt worden, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Und in der Tat hatte sie in Mußestunden Szenen ausgearbeitet, die sie bei einem Besuche daheim 1858 ihrem Bruder Alfred, der mittlerweile einen Wirkungskreis an der Realschule in seiner Vaterstadt gefunden hatte, vorlas. Es waren schüchterne Versuche einer sich fühlenden, gewachsenen, aber noch nicht völlig abgeklärten poetischen Kraft, die im Ringen mit der Gestaltung noch überall anstieß und sich noch nicht zu erheben vermochte zu dem stolzen Fluge über den frei beherrschten Stoff zu ihren Füßen.

Mitten in dem an sich sonnigen Hofleben, von dem sie oft und gern erzählte bis zu ihren letzten Stunden, merkte sie an ihren kleinen weißen Händen mit den zierlichen Fingern eigentümliche, wenn auch völlig schmerzlose Verdickungen der Gelenke, die sich bald auch in den Knien und Knöcheln einstellten, sie indes an dem freien Gebrauch der Glieder durchaus nicht hinderten. Der Arzt erklärte diese Erscheinung zwar für gänzlich bedeutungslos und nur als eine Folge allzu kräftiger Ernährung, allein sie war und blieb nichtsdestoweniger eine stete Sorge und Furcht, daß das Übel zu einer lähmenden Form ausarten könnte. Was sollte dann werden, wenn diese Besorgnis einmal zur Wahrheit würde? Dann blieb ihr nichts übrig als – die Feder und der Kopf voll Gestalten und Ideen. Sie trug sich so ernstlich mit diesem Gedanken, daß ihre »Schulmeisters Marie«, zum Teil die »Zwölf Apostel«, sowie auch der Plan zur »Goldelse« entstanden. Nun reifte ihre Absicht, in die Heimat, in die Familie ihres Bruders zurückzukehren, völlig aus; ihre hochherzige Wohltäterin billigte ihr Vorhaben und entließ sie im Frühsommer 1863 unter Segenswünschen mit Belassung ihres Gehaltes.

Auf den Händen getragen von den Ihrigen, bewohnte sie die »gute Stube« mit einem daranstoßenden, freundlichen, heizbaren Schlafzimmer, worin sie allerdings am liebsten arbeitete, wenn auch nicht in »ungeheizter Kammer«, wie unsinnigerweise mitgeteilt worden ist, die sie ja bei ihrem neu auftretenden Rheumatismus durchaus nicht vertragen haben würde.

Allein wie jedes wahre Talent, hatte sie so wenig Vertrauen auf die Mächtigkeit desselben, daß sie bei ihrer praktischen Auffassung des Lebens es vorzog, ihre schöne Zeit nicht lediglich einer vielleicht erfolglosen Tätigkeit zu opfern, sondern Stickereien zu übernehmen, die, wenn auch kärglichen, so doch sicheren Erwerb in Aussicht stellten. Gleichwohl wurde ihre zweite Novelle »Die zwölf Apostel« fertig, indes sollten ihre beiden Erstlinge nicht eher bei Ernst Keil um Einlaß bittend anklopfen, als bis auch »Goldelse« ihren Abschluß gefunden hätte. Dann folgten die ihrem Bruder und seiner kleinen Frau, der heldenmütigen Pflegerin der Dichterin, unvergeßlichen und unbeschreiblich schönen Leseabende. Mit ihrer bestrickenden Stimme, die jeder Modulation, jeder Klangfarbe von der höchsten Leidenschaft bis zum Rezitativ fähig war, las sie ihre Schöpfungen den lauschenden Geschwistern vor. Tags nach dieser Lektüre sollten ihre beiden ersten Arbeiten ihren Weg in die Welt antreten.

Das Lampenfieber! Was für große verwunderte Augen mochte wohl der Bruder machen, als er am folgenden Tage, dem 11. Juni 1865, auf dem Titelblatte der beiden Novellen, die ihm die Schwester zur Verpackung in die Hand legte, nicht den Verfassernamen Eugenie John, sondern »E. Marlitt« las, denn sie lachte hellauf über sein verblüfftes Gesicht. »Das ist mein Schild, hinter dem ich mich geborgen fühle,« sagte sie lustig, auf das Pseudonym zeigend, »dem man immerhin zu Leibe gehen mag.« Sie konnte sich eben der Furcht nicht erwehren bei dem Mißtrauen gegen sich selbst und der daraus entspringenden, sehr natürlichen Besorgnis, ob die kleinen Werke auch lebensfähig seien und ob sie überhaupt die Berechtigung habe, mit ihnen hinauszutreten auf »den sengend heißen Boden der Öffentlichkeit«. Wie sie gerade zu dem Namen »Marlitt« gekommen, diese oft gehörte Frage hat sie auch ihrer Familie nicht beantworten können – sie hatte ihn eben gefunden. Nachdem das Paket geschnürt, versiegelt und an Ernst Keil adressiert war, trug es der Bruder selbst zur Post, und als er hinaustrat auf die Straße und hinaufblickte zu ihren Fenstern, da stand sie und schaute den scheidenden Kindern ihrer Muse nach. Noch einmal hielt der Bruder sie ihr hin wie zum Abschied, sie aber rief ihnen fröhlich nickend ein »Glück auf den Weg« und »glückliche Reise« zu und zog sich vom Fenster zurück.

Schon am 20. Juni kam die sehnlich erwartete Antwort aus Leipzig und lautete:

»Wenn man genötigt ist, so viele verfehlte, triviale, schülerhafte usw. novellistische Arbeiten zu lesen, wie dies die Redaktion einer Zeitschrift, wie es meine Gartenlaube ist, nicht anders mit sich bringt, so tut es doppelt wohl, stößt man unter der Menge von Einsendungen einmal auf eine Schöpfung, die nach Stoff und Form unwiderleglich den Stempel des Talentes an sich trägt. Als eine solche muß ich nun Ihre ›Zwölf Apostel‹ bezeichnen, die ich annehme, um sie, sobald dies die schon vorher getroffenen Dispositionen zulassen, in meiner Zeitschrift zum Abdruck zu bringen. – Ein Autor aber, dessen Feder ein so allerliebstes, von echter Poesie durchwehtes Bild aus dem deutschen Kleinbürgerleben schaffen konnte, hat gewiß noch manches interessante Motiv zur Ausführung in petto, und ich würde sehr gern meinerseits die Hand zu einer engeren Verbindung zwischen uns bieten, d. h. ich wäre mit Vergnügen bereit, auch fernere novellistische Beiträge von Ihnen zu akzeptieren und Sie zu den ständigen Mitarbeitern meiner Gartenlaube zu zählen, und würde Ihnen, sobald sich auch Ihre anderen Erzählungen usw. zum Abdruck in meinem Blatte eigneten, liberale Honorare in Aussicht stellen« usw. – – –

Der Bruder, welcher den Brief in Empfang genommen und in freudiger Erregung gelesen hatte, flog zur Schwester, das Schreiben in hocherhobener Hand, und ließ sich die Rolle des Vorlesers nicht nehmen. Welch eine glückselige Überraschung! Eine solche rückhaltslose Anerkennung ihres Talentes aus so berufenem Munde, die Tatsache, nunmehr zu den auserwählten ständigen Mitarbeitern der großen Gartenlaube zu zählen, erfüllten das Zimmer mit lautem Jubel, und unverwischbar steht dieser Tag des Glücks und der Freude in der Erinnerung derer, die ihn erlebt haben. Es ist wahr, was von anderer Seite schon mitgeteilt worden ist, daß die Redaktionshilfe Keils, bei der Herkulesarbeit der Lektüre eingehender Manuskripte, die Novellen Marlitts gelesen und sich ablehnend gegen die Annahme derselben ausgesprochen hatte, daß E. Keil aber nach eigener Lektüre sich sofort für die »Zwölf Apostel« entschied. Allerdings machte er von »Schulmeisters Marie« keinen Gebrauch, weil sie, wie er schrieb, trotz der Schönheiten, die sie enthalte, zu den bloßen Dorfgeschichten gehöre, die er damals von Nachahmern Berthold Auerbachs bereits allzuhäufig gebracht habe.

In den Septembernummern erschien die angenommene Novelle, und schon nach der ersten am 6. September fragte der Herausgeber an, bis wann er wohl wieder auf eine Erzählung aus Marlitts Feder, doch keine Dorfgeschichte und im Umfange etwas kleiner als die »Zwölf Apostel«, sich Hoffnung machen dürfe. Da war freilich guter Rat teuer. Sie hatte soeben die letzten Kapitel ihrer »Goldelse« beendet, aber das war ja doch ein Roman, der seines Umfanges wegen entschieden nicht in die Gartenlaube paßte. Welch eigensinnige Ansprüche machte doch das damalige Publikum, das sich zu Füßen der großen Leipziger Zeitschrift lagerte! Kleine Erzählungen von höchstens vier bis fünf Nummern mit recht viel Handlung und beileibe keine Schilderung behagte ihm am besten, und nach dieser Richtung mußte der Redakteur wohl oder übel seinen Lesern Zugeständnisse machen. Hatte er doch der Nr. 35, 1865, im kleinen Briefkasten folgende Bemerkung an seine Abonnenten mitgegeben: »Schon mit nächster Nummer beginnt wieder eine größere Erzählung (Zwölf Apostel). Im übrigen werden wir Ihnen und den Wünschen vieler Leser gemäß zu dem alten Prinzips der Gartenlaube, womöglich in jedem Monatshefte eine Erzählung abzuschließen, fortan zurückkehren.«

Obwohl Marlitt sich bereits mit dem Stoffe zu ihrem »Blaubart« trug, so war sie doch außerstande, einen Zeitpunkt anzugeben, bis zu welchem die neue Erzählung wohl zum Abdruck fertig sein werde, da sie nur in behaglicher Stimmung, getrieben von der Lust zum Fabulieren, gedeihlich zu schaffen vermochte. Einstweilen sandte sie deshalb das Manuskript der »Goldelse« ein mit der bescheidenen Anfrage, ob wohl die Verlagshandlung geneigt sei, dasselbe als »Buch« zu verlegen.

Es war gerade großer Scheuertag in den Räumen der Gartenlaube, sämtliche Beamten und Bediensteten waren ausgeflogen, und der Meister, der sich ja bekanntlich immer plagen muß, fing an zu lesen und las und las, bis die Abenddämmerung hereinbrach und ihn an das Fenster zu treten nötigte, wenn er die Lektüre, in die er vertieft war, nicht unterbrechen wollte: so sehr packte und fesselte ihn die liebliche Maid mit dem Goldhaar und ihrem spannenden Geschick. Am Familientisch las er diese von echter Poesie überhauchte Erzählung vor, und hinfort trug das jüngste reizende Töchterchen mit dem hellblonden Haar den Kosenamen »Silberelse«. Das war etwas Besonderes, vielleicht ein erfolgreiches Mittel zur Erziehung und Veredlung des Geschmackes seines Publikums, das mußte Aufnahme in der Gartenlaube finden, wenn auch mit Kürzungen in der Einleitung – dazu kannte er seine Pappenheimer nur allzugut.

»Schreiben Sie mir gefälligst, wenn ich Sie in Arnstadt treffen und mit Ihnen einige Stunden ungestört verplaudern kann,« hieß es in einem Briefe.

O weh, ein solches freudiges Ereignis hatte sich die Autorin allerdings nicht träumen lassen, aber was sollte nun aus ihrem Pseudonym werden? Trugen doch alle Briefe der Redaktion die Anrede: Sehr geehrter Herr! Da galt es denn, das Visier aufzuschlagen, Farbe zu bekennen und unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu verraten, daß dieser Herr eben eine Dame sei, worauf in wenigen Tagen die Antwort einlief:

»Verehrtes Fräulein!

So muß ich ja wohl nun den Pseudonym E. Marlitt, den Autor oder vielmehr die Autorin der ›Zwölf Apostel‹ und der ›Goldelse‹ bezeichnen? Ich gestehe, daß mich diese Enthüllung des Geheimnisses zwar einigermaßen, aber doch nicht so völlig überrascht hat, da ich in der Schilderung der weiblichen Charaktere in der Tat eine weiblich warme und weiblich feine Feder zu erkennen glaubte. Leider haben mir sehr gehäufte Arbeiten, die Beschäftigungen, welche der Wechsel des Quartals mit sich zu bringen pflegt, die projektierte Reise nach Arnstadt noch nicht möglich gemacht, und werden mich auch wohl noch auf längere Zeit des Vergnügens berauben, die talentvolle Verfasserin der erwähnten Novellen persönlich kennen zu lernen; ich muß daher abermals nun zu Papier und Feder die Zuflucht nehmen, um Ihnen mitzuteilen, worüber ich mich so gern mündlich mit Ihnen besprochen und vereinbart hätte. – Unter gewissen Bedingungen nämlich hätte ich doch Lust, Ihre allerliebste ›Goldelse‹ auch in der Gartenlaube zu veröffentlichen, unter der Bedingung, daß Sie mir einige zu solchem Behufe ganz unerläßliche Streichungen gestatteten usw. usw.

Übrigens schließt eine Publikation in der Zeitschrift eine nach Jahresfrist zu bewirkende Separatausgabe der Erzählung, über die wir uns dann noch besonders verständigen würden, keineswegs aus, und in diese Sonderausgabe könnten dann alle die behufs einer Veröffentlichung in der Gartenlaube gestrichenen, gekürzten oder modifizierten Stellen wieder ergänzt und abgedruckt werden. – – –«

Daraufhin wurden die gewünschten Kürzungen, welche die Verfasserin der Erzählung zum Teil selbst besorgte, vereinbart, und mit der ersten Nummer des neuen Jahrganges 1866 begann das Erscheinen derselben. Mit Wohlwollen aufgenommen, steigerte sich die Teilnahme für Marlitts Dichtung von Woche zu Woche, namentlich von der neunten und zehnten Nummer an, bis endlich zum hellen Enthusiasmus, der, so weit die deutsche Zunge klingt, in einer wahren Sturmflut von begeisterten Zuschriften an die Redaktion und die Autorin den beredtesten Ausdruck fand. Ihre von ihr angebetete Wohltäterin, die Fürstin, erfreute sie mit ihrem Bildnis, welches die Widmung trug:

E. Marlitt
als Zeichen freudiger Anerkennung für erfolgreiches Streben auf jüngst betretener Bahn.
Mathilde.

An einen solchen rauschenden Erfolg hatte Marlitt in ihrer allzugroßen Bescheidenheit niemals auch nur zu denken gewagt und – so seltsam es klingen mag – ihren Zweifel an ihrem Talente vermochte er ihr gleichwohl nicht zu benehmen.

Allein mitten in diesen Sieg der Poesie drängten sich ängstliche Besorgnisse über kommende schwere Ereignisse, die ihre dunklen Schatten vorherwarfen und alle friedlichen Bestrebungen weit in den Hintergrund treten ließen. Die damaligen politischen Verwicklungen Preußens mit Österreich spitzten sich allmählich zu und drängten zur schließlichen Entscheidung durch das Schwert. Die preußischen Heere rückten an die böhmische Grenze, sowie nach Westen, um zunächst die Vereinigung der Bayern mit den Hannoveranern unmöglich zu machen. Da, auf ihrem Marsche durch Sachsen, fuhr plötzlich am 3. Juli ein Blitzstrahl auf die ahnungslose Gartenlaube; General von der Mülbe sistierte ihr Erscheinen entsprechend dem in Preußen ergangenen Verbote. – Die Gartenlaube, die zur Erreichung ihres Ideals, die Einheit Deutschlands unter Preußens Führung, seit ihrer Gründung mit allen Mitteln zu erstreben gekämpft und gerungen, und dieser Sehnsucht aller Patrioten in jenem schwungvollen Gedicht »Ein Mann unter Millionen« den treffendsten Ausdruck gegeben, hatte sicherlich ihr Bestes dazu beigetragen, diesem endlich erstandenen Manne, dem größten Staatsmanne des Jahrhunderts, die Wege ebnen zu helfen. Vielleicht in gerechter Würdigung dieser Tatsache wurde daher die verhängte Maßregel des Generals schon nach sechs Tagen wieder aufgehoben und zugleich die baldige Wiederzulassung auch in Preußen in Aussicht gestellt, die jedoch erst Ende September erfolgte. Das war eine aufrichtige, herzliche Freude für alle Freunde des Blattes, die sich in zahllosen Depeschen, Briefen und Versen an seinen Schöpfer Luft machte, und gewiß war Marlitt daheim in ihrer Zurückgezogenheit eine der Glücklichsten über dieses frohe Ereignis.

Die erschütternden Begebenheiten auf den Schlachtfeldern nahmen jedoch die Gemüter so sehr in Anspruch, daß der Verleger sich nicht entschließen konnte, wie er geplant hatte, »Goldelse« schon jetzt, noch mitten in den hochgehenden Wogen fieberhafter Aufregung, in Buchform erscheinen zu lassen, und erst nach dem Prager Frieden, als die preußischen Krieger wieder heimgezogen waren und der politische Himmel wieder blaute, kamen Satz und Druck der Erzählung als Buch wieder auf die Tagesordnung. Die Ausgabe selbst verzögerte sich jedoch bis zum Februar des nächsten Jahres. Mit Wohlwollen nahm sie die Kritik auf dem Büchermarkte auf und sprach sich mit Wärme und Anerkennung über die Vorzüge des Romanes aus, ohne die Mängel der ersten größeren Arbeit der Dichterin zu verschweigen.

Nachstehend ein aus der Menge herausgegriffener Artikel des »Hamburger Korrespondent« Nr. 114, 1867:

»In gewandter Sprache, die stellenweise einen ungesuchten poetischen Schwung aufweist, wird uns hier eine Geschichte erzählt, die nicht verfehlen kann, zu fesseln und dem Leser Vergnügen zu bereiten. Der Verfasser hat es vortrefflich verstanden, in ein Gemälde moderner Wirklichkeit so viel Romantik zu mischen, wie nötig ist, dem ersteren die höhere Würze zu verleihen; ebenso sind die Charaktere von anziehender Originalität, ohne in das Genre des Unwahrscheinlichen und Übertriebenen hinüber zu ragen. Die leitende Idee des Verfassers besteht in einer Vertretung des gesunden bürgerlichen Elementes gegenüber den auf hohlen Namensschall und bedeutungslose Äußerlichkeiten begründeten, überhebungsvollen Ansprüchen desjenigen Teils des Geburtsadels, der in Deutschland mehr als in irgendeinem anderen Lande als abgestorbener, dürrer Zweig des Volks- und Staatslebens einen großen Raum absorbiert. Nebenbei erhält die äußerliche Frömmigkeit, die Wohltätigkeit um des Scheines willen eine Darstellung und Abfertigung, denen man nur bestens zustimmen kann. Die Repräsentanten des entgegengesetzten Lagers, vor allen die Heldin des Buchs, die der Titel nennt, ihr Onkel-Oberförster, und der ernst-edle Rudolf v. Walde, bilden erfrischende Erscheinungen, denen sich die Sympathien gesund fühlender und klar denkender Leser mit Notwendigkeit zuwenden müssen. Der Roman empfiehlt sich wegen der durchgängigen Reinheit seines Inhaltes wie seiner Darstellung ganz besonders zur Lektüre in gebildeten Familienkreisen und für die Frauenwelt, wie er denn auch bei seinem ersten Erscheinen in der Gartenlaube bereits die allgemeinste Befriedigung des so außerordentlich umfangreichen Leserkreises dieses Blattes hervorgerufen hat.«

Inzwischen hatte Marlitt ihre auf Keils Wunsch in kleinerem Rahmen geschriebene Novelle »Blaubart« vollendet und nach Leipzig abgehen lassen. Im Juliheft 1866 war sie zur Veröffentlichung gelangt und hatte nicht verfehlt, bei den Lesern ein lebhaftes Interesse zu erwecken. Gleichwohl drängte der Herausgeber, der es wie kaum wohl ein anderer Verleger und Redakteur verstand, seine Mitarbeiter zum Schaffen anzuregen, um neues Manuskript, zumal da mit dem ersten Oktober bei Beginn des neuen Quartals die Auflage seiner Zeitschrift auf über 175 000 Exemplare angewachsen war. Marlitt hatte bereits einen neuen Stoff in größerem Umfange unter der Feder und arbeitete in behaglicher Ruhe, getragen von dem Beifall ihres bisher schon stattlichen Leserkreises, aber es war ihr unmöglich, die Erwartungen des Publikums und ihres Verlegers zu erfüllen und die begonnene Erzählung schon bis zur ersten Nummer des kommenden Jahrgangs zum Druck fertigzustellen. Und wenn sie auch nichts einzuwenden hatte gegen die Veröffentlichung des Titels der neuen Arbeit in der Ankündigung, die damals alljährlich im Monat Dezember erschien, so war dies doch kein ausreichender Grund für sie, von ihrer Art und Weise zu schreiben abzuweichen und ein schnelleres Tempo in der Förderung ihres Werkes anzunehmen; dazu hatte sie ihren Stoff viel zu lieb. Auch dann nicht vermochte sie sich zu überstürzender Eile hinreißen zu lassen, als zu Neujahr 1867 die Abonnenten der Gartenlaube die Zahl von 210 000 wirklich überschritten hatten. An Ernst Keil schrieb sie wiederholt: »Ich meine es ernst, sehr ernst mit meinem Streben und bin nicht imstande, gedeihlich zu arbeiten, wenn ich mich nicht im Innersten dazu getrieben fühle.«

Es ist wahr, das Publikum verhielt sich nicht sehr musterhaft ruhig angesichts der Tatsache, daß der neue Roman im ersten Quartal nicht erschien, und machte seinem Unmute in manchmal recht bitteren Zuschriften an die Redaktion Luft, so daß dieselbe wohl erleichtert aufgeatmet haben mag, als sie in Nr. 20 verkünden konnte: »Marlitts neue Erzählung ›Das Geheimnis der alten Mamsell‹ beginnt mit nächster Nummer.«

Der Roman eroberte im Sturm die große Gartenlaubengemeinde. Zu Haufes wuchsen die begeisterten Zuschriften in Prosa und Versen auf dem Schreibtische der Verfasserin, und es war rührend für sie zu sehen, wie die Saiten, die sie angeschlagen hatte, nachklangen in jungen Mädchenseelen, denen die Fee ein immerdar leuchtendes Vorbild für das ganze Leben sein sollte.

In diese Zeit fiel das freudige Ereignis des längst versprochenen ersten Besuches Ernst Keils, der, mit seiner Familie von einer Reise in die geliebten Thüringer Berge zurückkehrend, in Arnstadt halt machte, um seine Mitarbeiterin von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Nach den ersten Begrüßungen im Heim der Dichterin wurde beschlossen, in einem schattigen, an Wochentagen um diese Zeit wenig oder gar nicht besuchten Gesellschaftsgarten das Mittagsbrot gemeinsam einzunehmen und daselbst in traulichem Verkehr den Nachmittag bis zur Abreise der Gäste zu verweilen. Marlitt war angeregt, heiter und gesprächig und lachte herzlich auf bei all den lustigen Geschichten, die Freund Keil in fröhlichster Laune zum besten gab.

Von diesem unvergeßlich schönen Tage an schrieb sich das enge freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden Familien her, das sich im Laufe der Jahre zur Unlösbarkeit schürzte. In seinen Briefen an Bruder Alfred, der den Briefwechsel sowie alles Geschäftliche seiner Schwester übernommen hatte, nannte Keil seine Mitarbeiterin meist nur »Tante« Marlitt, wie sie von den sie vergötternden Ihrigen daheim genannt wurde, weil ihr großes edles Herz in wahrhaft mütterlicher Liebe an den Kindern ihrer Brüder hing.

Nachdem »Das Geheimnis der alten Mamsell«, von welchem eine Zeitung schrieb, daß es zu einer Art Tagesereignis geworden sei, ausgetönt hatte, machte sich das natürliche Recht geltend, sich darüber auszusprechen, die Eindrücke zu analysieren und auf ihre Gründe zurückzuführen, sowie den Zauber, von dem man sich bei der Lektüre umsponnen gefühlt hatte, auf seine Berechtigung zu prüfen. Eine solche Analyse ist das folgende Schreiben des Dr. Beta – in Berlin? – an die Redaktion:

»Das Geheimnis der alten Mamsell hat sich nun für unzählige Leser und Leserinnen als der Sieg schöner, warmer Menschlichkeit und Herzensreligion über harte, kalte Vorurteile, kirchlicher und schulregulativer Satzung und Beschränktheit genugsam offenbart; aber vielen ist die Erzählung tatsächlich auch nach acht- bis zehnmaliger Durchlesung und Prüfung insofern ein Geheimnis geblieben, als sie sich den immer wieder neuen und sogar gesteigerten Reiz noch nicht recht erklären können. Nach Aufzählung aller ihnen zum Bewußtsein gekommenen Vorzüge bleibt ihnen immer noch ein unerklärliches Etwas, welches sie in den sonst besten Romanen und Novellen vermissen. Diese Vorzüge werden sich wohl nie genau und erschöpfend mit nüchternen Worten ausdrücken lassen, denn in der Schönheit, wie in dem Genie eines guten Herzens walten und wirken immer unerklärliche Geheimnisse, und man muß sich dabei mit Goethes Ausspruch behelfen:

Wir lieben, die Dinge zu benennen,
Und glauben am Namen sie zu kennen;
Wer tiefer sieht, gesteht es frei:
Es bleibt immer etwas Anonymes dabei.

Aber ein Geheimnis dieses Reizes können wir verraten. Es ist zum Teil im vorigen Sommer von zwei Berliner Damen im Geburtsorte der Erzählung auf dem Grabe der Spielersfrau oder Schildjungfrau enthüllt und ermittelt worden.

Sie war schön, diese Frau, mit ihrem prächtigen blonden Haar und der imposanten Gestalt voll Adel und Anmut; aber das liebliche Gesicht war blaß wie der Tod, sagten die Leute, und wenn sie die goldig bewimperten Lider hob, was nicht häufig geschah, da brach ein rührend sanfter, aber tränenvoller Blick aus den dunkelgrauen Augensternen.

Wir alle wissen, wie diese Mutter der Felicitas, ›des ewig Weiblichen, das uns hinan zieht‹, gleich im Anfange der Erzählung starb. Vorher sahen wir sie in Hellwigs Haus, das stattlichste am Marktplatze, treten, hörten die lieblose Abweisung der frommen Hausfrau, merkten dann, wie sich leise ein kleines Fenster öffnete, das in den Hausflur mündete, und hörten eine unterdrückte Männerstimme ein Billett verlangen. Der harte Taler glitt in die Hand der jungen Frau, ehe sie nur aufblicken konnte. Diese Schildjungfrau, dieses Haus mit dem kleinen Fenster im Flur und den Geheimnissen oben auf Nebentreppen und den Galerien usw. sind ebensowenig Dichtung oder Phantasiegebilde, wie die harte Mutter kirchlicher Rechtgläubigkeit und des harten, schulregulativen Sohnes, wie die ganze Handlung und der Geist dieser wunderbaren Novelle. Die erwähnten Berliner Damen brachten mir (und schickten auch, glaub' ich, dem Redakteur der Gartenlaube) eine wirkliche Rose von dem wirklichen Grabe der Spielersfrau, welche einst lebte und litt und in Arnstadt gerade so starb, wie wir's geschildert finden. Die Berliner Damen sahen auch noch das kleine Fenster auf dem Flur des stattlichsten Hauses am Markte, die Treppen, die Galerien, die Wohnung der alten Mamsell. Das Grab der Spielersfrau wird noch jeden Frühling wieder von liebenden Händen geschmückt. Doch wir wollen, was sich aus dieser geheimnisvollen, idealen Welt noch wirklich vorfindet, wirklich zutrug und wirklich erlebt ward, nicht weiter verfolgen, sondern hiermit nur das eine Geheimnis der alten Mamsell, welches noch nicht vollständig enthüllt ist, nämlich den beispiellosen Erfolg und den ewig jungen Reiz derselben verraten helfen. Es liegt in dem Ausspruche Goethes: ›Wenn ihr dichtet, seht zu, daß es immer etwas Erlebtes enthalte.‹

Wenn nun zu dem Erlebten noch die Erfüllung einer anderweitigen Bedingung, wie sie Goethe ebenfalls verlangt, hinzukommt, so glauben wir einen noch wesentlichen Teil des Geheimnisses und damit einen sehr guten Rat für alle Dichter und schöngeistige Schriftsteller zum besten gegeben Zu haben. Die Goetheschen Verse lauten:

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! Leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus einem Aschenhäufchen 'raus!
Bewundrung erntet ihr vielleicht von Affen,
Wenn euch danach der Gaumen steht,
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.« –

Kleinere Kritiken und Besprechungen füllten die Spalten fast aller Zeitungen; so schrieben die »Leipziger Nachrichten«: »Selten hat in Deutschland eine Novelle so allgemeinen Beifall sowohl seitens der Kritik als auch des großen Lesepublikums gefunden, als Marlitts reizende ›Goldelse‹ und im Anschlusse daran die späteren Novellen des Verfassers: ›Blaubart‹ und ›Das Geheimnis der alten Mamsell‹, die gleichfalls in der Gartenlaube erschienen. Wie Welt fragte nach dem unbekannten Schöpfer dieser meisterhaften Erzählungen, doch schwebte lange ein undurchdringliches Geheimnis über denselben. Jetzt glauben wir mitteilen zu dürfen, daß der Name Marlitt nur angenommen und der Verfasser eine Dame ist, die Fräulein John heißt und in dem Thüringischen Städtchen Arnstadt lebt. Gewiß ist noch viel Schönes aus ihrer Feder zu erwarten.«

Bald auch entdeckten dramatische Schriftsteller, voran die bücherkundige Frau Birch-Pfeiffer, prächtige Bühnenvorwürfe sowohl im »Geheimnis der alten Mamsell« als auch später in »Goldelse«und warben um das Recht der Dramatisierung. Eine solche Bearbeitung lag aber weder in den Absichten der Verfasserin noch ihres Verlegers, und obwohl deshalb niemand dieses nachgesuchte Recht zugestanden wurde, gingen die Erzählungen Marlitts trotz aller Abwehr mehrfach über die Bühne. Wie aber waren sie in dieser dramatischen Gewandung zugerichtet! Von der feinen psychologischen Entwicklung war keine Rede mehr, grob herausgesägt und gehackt war vielmehr alles, was dem Gange der Handlung irgendwie im Wege stand, und die schöne edle Diktion mit abgestandenen, antiquierten Theaterphrasen verquickt.

Seit ihrer Wiederzulassung in Preußen bis zum 1. Januar 1868 war die Gartenlaube bis zu der ganz enormen Zahl von 250 000 Abonnenten gestiegen, und der Herausgeber konnte und wollte sich nunmehr gegenüber den täglich sich mehrenden Bitten seiner Leser um Marlitts Bildnis nicht mehr ablehnend verhalten. Es gelang ihm, den energischen Widerstand der Autorin zu überwinden, und so erschien dasselbe in Holzschnitt in der zweiten Nummer; zu einer Beigabe von irgendwelchen biographischen Notizen war sie jedoch nicht zu bewegen, da sie über ihr Leben etwas Bedeutendes oder von allgemeinem Interesse nicht zu sagen wisse. Nicht einmal ihren eigentlichen Namen, der längst bekannt geworden war, gestattete sie unter den Holzschnitt zu setzen, sie zog es vor, sich ihren Lesern im Bilde als das vorzustellen, was sie ihnen vorläufig sein wollte: E. Marlitt, Verfasserin der »Goldelse« und des »Geheimnis der alten Mamsell«. Daß der Photograph, der ihre Aufnahme bewirkt hatte, mit ihrem Konterfei ein ansehnliches Geschäft machte, gönnte sie dem tüchtigen Künstler von Herzen gern.

Im Februar 1868 erschien die Buchausgabe ihres jüngsten Romans.

Im Mai hatte Freund Keil seinen Besuch wiederholt; der Storch war in der Familie von Eugenies Bruder eingekehrt, und nun ließ er sich's nicht nehmen, den kleinen Knaben, dem leider nur ein kurzes Dasein beschieden war, aus der Taufe zu heben. Nach seiner Heimkehr hatte er einen kostbaren Riesenstrauß nach Arnstadt gesandt, weil er wußte, wie sehr die Dichterin, die eben die ersten Kapitel ihrer »Reichsgräfin Gisela« bei tropischer Hitze schrieb, die Blumen liebte.

»Ich war«, antwortete sie dem Freunde, »eben im verschneiten Walde und horchte den leidenschaftlichen Ausbrüchen eines schwergekränkten Frauenherzens – sie erbrausten wie der Schneesturm, unter welchem das Gemäuer des alten Waldhauses erzitterte – da kamen Ihre Zeilen – husch, sind die Gebilde verflogen! Ich weiß wieder, daß Pfingsten ist, daß gestern der schönste Blumengruß, der je in die Welt geschickt worden, im kleinen Hause, nahe der prächtigen Lindenallee, eingeflogen ist, und sehe den fernen Freund am Pleißestrand, umringt von seinen Rosen und Schneeglöckchen, die ihm die Feder konfiszieren, weil ja eben – Pfingsten ist. Wie reizend denke ich mir die drei Mädchengestalten im weißen Festkleide! Mit dieser Vorstellung ist denn auch die letzte Spur der imaginären Winterlandschaft aus meiner Seele verwischt; in die wiedergekehrte festliche Stimmung mischt sich ein warmes Dankgefühl für Sie, verehrter Freund, und will zur Stunde ausgesprochen sein.

Wissen Sie aber auch, daß Sie mich verziehen? Und erscheint Ihnen nicht hie und da, inmitten Ihrer Fürsorge und Aufmerksamkeit für mich, das abmahnende Gespenst einer verwöhnenden, Sie schließlich tyrannisierenden Mitarbeiterin? Zum Glück finden Ihre selbstmörderischen Bestrebungen einen entschiedenen Widerstand in meiner Selbsterkenntnis und meinem ziemlich stark philosophierenden Geist, und so will ich nicht so eitel und selbstbewußt werden, zum Heil meiner eigenen Schöpfungen und zum Besten der geliebten Gartenlaube. Nichtsdestoweniger aber danke ich Ihnen warm und innig für den unübertrefflich schön gedachten Pfingstgruß, und noch bevor ich durch Sie selbst wußte, daß die Blumen einen besonderen Auftrag ausrichten sollten, hatte ich den Maiblumenkranz bereits verstanden – die weißen Glöckchen läuten ein leichtverständliches ›Hinaus in die Frühlingswelt!‹ – Sie sollen sehen, daß ich der Mahnung getreulich folgen werde.

Goldfee habe ich gelesen und bin, so viel Humor auch in der ganzen Geschichte für mich liegt, doch entrüstet. Ich würde dem literarischen Strauchdieb lieber gleich den ganzen Ertrag einer Auflage überlassen haben, wenn ich damit mein armes, unglückliches Gebilde vor der entsetzlichen Mißhandlung hätte bewahren können – liegt es nicht in Ihrer Hand, mir irgendwelche Genugtuung zu verschaffen?

Ihre Versicherung, daß Sie sich gern der hier verlebten Stunden erinnern, befreit mich von einer heimlichen Sorge. Es wurde mir schwer, anzunehmen, daß der Gast aus der großen Stadt mit dem, bezüglich einer reichausgestatteten Umgebung, sehr verwöhnten Auge einen ganzen Tag in unserer engen, einfachen Häuslichkeit und im ausschließlichen Verkehr mit den wenigen Johnschen Familiengliedern würde verbringen können, ohne eine ermüdende Wirkung mit heim zu nehmen – ist es wirklich Ernst mit der Versicherung, nun dann sage ich mit frohem Herzen: Kommen Sie bald wieder!

Indem ich Sie bitte, den verehrten Ihrigen meine herzlichsten Grüße zu überbringen, – für Schneewittchen-Ella einen ganz besonderen – zeichne ich als

Arnstadt, den 1. Juni 1868.

Ihre dankbar ergebene Eugenie John.«


Sehr bedauerlicherweise war die Dichterin jetzt leidender und zwar öfter leidend als sonst. Das Übel, von welchem die Ärmste heimgesucht wurde, bestand in einer Auflagerung von Kalken in den Gelenken, die an sich auch jetzt noch schmerzlos waren, aber an der freien Bewegung der betroffenen Glieder hinderten. Nunmehr waren auch die Knie in größere Mitleidenschaft gezogen, machten Stehen und Gehen allmählich unmöglich und hielten sie schließlich für immer auf den Fahrstuhl gebannt. »Warmhalten« hatte Professor Dr. Bock in Leipzig besonders anempfehlen lassen, aber vielleicht gerade die allzu gewissenhafte Befolgung der ärztlichen Vorschrift hatte sie für Erkältungen empfänglicher gemacht, deren Folgen stets empfindliche rheumatische Anfälle zu sein pflegten. Trotz der Erklärung ihrer Ärzte, daß ihr Leiden eine Heilung oder auch nur Minderung niemals hoffen ließe, trug sie ihr Schicksal mit einer rührenden Engelsgeduld, behielt und bewahrte die Heiterkeit der Seele, und niemals haben die Ihrigen eine Klage über ein so hartes Geschick aus ihrem Munde vernommen. War ihr doch die Freude geblieben, nach getaner Arbeit die Kinder ihres Bruders auf dem Schoße behalten, ihnen selbsterfundene Märchen erzählen, oder ihnen mit ihrer prachtvoll gebliebenen Stimme vorsingen zu können, während sie mit ihnen im Zimmer umherzufahren vermochte.

Die Räume der bisherigen Wohnung waren nachgerade für die wachsenden Bedürfnisse allzu klein und eng geworden, und boten nicht die Bequemlichkeiten und Maße, die der Fahrstuhl schon für sich in Anspruch nahm; aus diesem Grunde mußte auf ein größeres, geeigneteres Heim Bedacht genommen werden. Diese Gelegenheit ließ sich der Leipziger Freund nicht entgehen, seiner Mitarbeiterin ein Zeichen seiner dankbaren Verehrung zu widmen. Bei der Übersiedlung hatte er einen prächtigen Schreibtisch, mit köstlichen frischen Blumen bedeckt, in ihrem schönen neuen Arbeitszimmer aufstellen lassen – wie herzlich konnte da die Überraschte aufjauchzen vor Freude über das ihr von Freundeshand so unverhofft gespendete Geschenk.

»›Wes das Herz voll ist,‹ schrieb sie, ›des geht der Mund über,‹ sagt das Sprichwort; es ist aber nicht wahr, sonst hätte ich Ihnen noch in derselben Stunde, wo eine unbeschreibliche Freude gleichsam aus den Wolken auf mich niederfiel, einen bogenlangen Brief schreiben müssen; allein da saß ich stundenlang stumm und unbeweglich vor dem wundervollen Schreibtisch und konnte nicht begreifen, daß er mir wirklich gehören sollte. Ich hätte Ihnen so wenig, wie auch noch in diesem Augenblicke, meine glückselige Überraschung, meine Rührung aussprechen können – nur eines sage ich Ihnen: Ich fühle mich gegenüber der Fürsorge, mit welcher Sie unablässig mein Leben schmücken, so arm und tatenlos, daß es – mich schmerzt. Wir beide haben ein Ziel, es ist der Ruhm und das Blühen der Gartenlaube, Sie können unmöglich ängstlicher um dieses Ziel sorgen als ich – und nun mußte ein Jahr verstreichen, ohne daß mein Name in den Spalten der geliebten Zeitschrift stand, ich konnte der Redaktion nicht die Stütze sein, wie ich sie so gern sein möchte – und das ist der bittere Tropfen, der in meine Freude fällt... Hoffentlich wird es nun besser mit mir. Der Druck der engen Wände, der förmlich auf meinen Nerven lastete, ist von mir genommen; eine köstliche Luft weht durch die hohen Fenster herein, und der Blick in den Garten und auf die Berge – die, in ihren Linien so heimatlich lieb und traut, doch bei jeder über ihnen schwebenden Wolkenbildung einen anderen Charakter annehmen – erquickt mich unbeschreiblich. Wenn meiner Seele hier die Schwingen nicht wieder wachsen, dann ist's aber auch aus und vorbei mit mir! Daran denke ich indes nicht – ich ziehe die Platte mit der grünen Tuchfläche aus meinem herrlichen Schreibtisch und meine, hier auf diesem Fleckchen, das so ganz und gar mein unbestrittenes Eigentum ist, müsse mir noch manches gelingen – und daß jeder dichterische Gedanke, der in meinem Kopf entsteht, einzig und allein der Gartenlaube gehört, wissen Sie ja längst.– – Und nun Dank, tausendmal Dank für Ihre Güte und aufopfernde Freundschaft, für Ihren herzlich lieben Brief und für das duftende Willkommen, welches Sie mir aus der Feine gesandt, und das mit seinen lieblichen Blumenaugen mir den triefenden Himmel vergessen machte, der leider über unserem Auszugtag hing« usw.

In diesem sonnenhellen Arbeitszimmer und an diesem schönen Schreibtisch arbeitete sie nun – wenn auch dann und wann unterbrochen – mit gewohnter frischer Kraft an ihrem neuen Romane »Reichsgräfin Gisela«; allein so schnell wie der Herausgeber und die Abonnenten der Gartenlaube es wohl wünschen mochten, wuchs das neue, schon im neuen Programm in Aussicht gestellte Werk nicht, und erst Anfang Dezember 1868 vermochte sie den dringenden Bitten der Redaktion nachzugeben und das Manuskript, soweit es eben fertig lag, zur Veröffentlichung einzusenden. An der Spitze der ersten Nummer des neuen Jahrgangs (1869) erschienen die ersten Kapitel des so lange sehnsüchtig erwarteten Romanes, während die Dichterin rüstig weiter arbeitete und die einzelnen fertigen Kapitel der sehnsüchtig darauf wartenden Redaktion zusandte.

Endlich war das letzte Manuskript nach Leipzig abgegangen, und mit diesem Abschluß ihres Romanes lag eine Zeit hinter ihr voller geistiger Anstrengungen, die um so wuchtiger auf ihr gelastet hatten, als sie mitten in ihrem Schaffen von einem äußerst schmerzhaften Abszeß im Ohre heimgesucht wurde. Aber ihre Energie, das Bewußtsein, ihr gegebenes Wort einlösen zu müssen, hoben sie über alle diese Mühsal hinaus und ließen gleichwohl ihren starken Geist froh vollenden, was sie ersonnen und begonnen hatte. Nun erst, nachdem sie sich wieder frei fühlte, gewährten ihr alle die stürmischen Zustimmungen und Anerkennungen Freude und in erster Linie wohl mit eine Zuschrift ihres liebenswürdigen Kollegen, des allezeit heiteren Dr. Friedr. Hofmann, in welcher er ihr schildert, mit wie großer Erregung das Publikum auf das Erscheinen der neuen Fortsetzung des Romanes wartete, wie der Bediente unten im Torweg stehen bleibt und das Dienstmädchen unter der Treppe hockt, beide um ihr Teil von der ›Gisela‹ erst wegzulesen, ehe die verzweifelt harrende Herrschaft darüber herfallen kann. Da draußen im Schatten des Keilschen Altans lehnen soeben ihrer zwei an den Pfeilern, hören und sehen nicht – sie ducken sich mit der Gartenlaube unter das herüberhängende Laub von Laubes Garten – ich seh's genau, sie lesen ›Gisela‹, dieselbe ›Gisela‹, wegen welcher sie zur Buchhandlung geschickt worden, und sicherlich mit dem zum Fenster herab oder die Treppe hinunter nacheilenden Ruf: ›Aber eile dich ja!‹ Na, die können lange warten!« Auch dieser Roman ist unerlaubterweise trotz allen Einspruchs dramatisiert worden; in welcher Gestalt dies aber geschehen, mag der folgende Brief Fr. Wallners an E. Keil beweisen: »Gestern sah ich im Viktoriatheater die freche Verballhornung des Marlittschen Romanes. Eine seichtere und elendere Arbeit ist mir noch nicht vorgekommen. Dazu waren zwei G...nötig, die sich Verfasser nennen: Ein Buchhändler W. und ein Schauspieler W. Alle Übergänge, alle Charakteristik, alle Logik ist dem Dinge, welches jedem Zuschauer unverständlich bleibt, der nicht den Marlittschen Roman kennt, weggeflogen, der Duft, jede Faser Fleisch und Leben entformt, und ein nacktes, moderndes Gerippe gähnt dem Publikum in endloser Langeweile entgegen. Denken Sie sich, der Hüttenmeister und Olivera sind in dem Stück ein und dieselbe Person! Unglaublich aber wahr! Der Minister, diese prächtig gezeichnete Figur der Marlitt, ist ein roher, schuftiger Intrigant à la Spieß geworden, jeder Effekt aufs hirnloseste vermieden, und so ist die arme, zarte, sinnige Gisela vor gähnend leerem Hause zerfetzt, gefoltert, gemartert, und dem reizenden Kinde vor dem Publikum Glied für Glied vom Leibe gerissen worden. Arme Marlitt! arme Gisela!« –

Im Dezember begannen Satz und Druck des neuen Romanes als Buch. Diesmal überließ der Freund in seiner großherzigen und freigebigen Weise den gesamten Ertrag, den diese Ausgabe in allen Auflagen einbringen würde, ganz allein der Verfasserin, welche ihm in ihrer Dankbarkeit durch die vorgedruckte Widmung das Buch zueignete. Der Schöpfer der Gartenlaube, der bis dahin alle und jede derartige Ehrung abzulehnen gewohnt war, nahm sie mit den Worten an: »Ich drücke Ihnen im Geiste warm die Hand für den schönen Beweis Ihrer Freundschaft, den ich mit Freuden annehme, und mit dem Sie – ich will es nur gestehen – einen leise gehegten Wunsch erfüllen, den ich selbstverständlich Ihnen gegenüber niemals aussprechen konnte. Ähnliche Beweise von Freundschaft und Anerkennung glaubte ich früher den ......... Freunden ablehnen zu müssen, von Ihnen, die Sie vom Anfang an und mit seltener Treue mit mir gegangen, deren Ideale und Bestrebungen die meinigen sind, von der Thüringer Landsmännin, die ihr kleines, aber so unendlich schönes Vaterland so herzlich liebt wie ich selbst – von Ihnen nehme ich diese Widmung mit dankbarem Herzen an! Es wird mir diese Freundschaftsgabe höher stehen, als alle sonstigen Auszeichnungen, weil ich stolz darauf bin und ewig sein werde, eine deutsche Schriftstellerin zuerst erkannt und deren Wege gebahnt zu haben, für die mir nicht nur Deutschland – nein, eine ganze Welt jetzt schon dankt und immer danken wird, solange deutsche Lettern noch nicht eingestampft werden und Poesie noch die Herzen der Völker höher schlagen macht. Hand in Sand mit Marlitt gehen zu dürfen, ist an sich schon ein Vorzug, der mich glücklich macht, um wieviel mehr dieser Beweis einer Freundschaft, die für mich besser und glänzender spricht als alle illustrierten und nicht illustrierten Zeitungsartikel. Tausend Dank!«

Nun griff auch Rudolf v. Gottschall zur Feder, um sein Urteil über die drei größeren Erzählungen abzugeben, nachdem »Goldelse« bereits in fünfter, »Das Geheimnis der alten Mamsell« in vierter und »Gisela« in zweiter Auflage erschienen waren. Es ist eine eingehende Beurteilung in Nr. 19, 5. Mai 1870 in den von ihm herausgegebenen »Blättern für literarische Unterhaltung«.

»Der Novellistin der Gartenlaube.

›Spät kommt ihr, doch ihr kommt‹ – wird man den ›Blättern für literarische Unterhaltung‹ entgegenrufen, wenn sie jetzt erst das Bild einer Schriftstellerin zu grundieren beginnen, deren Werke in kurzer Zeit so viele Auflagen erlebten, und deren Name auf den über die Ozeane flatternden Bogen der Gartenlaube, dieser verbreiterten deutschen Zeitschrift, in alle Zonen getragen wurde. Von der ›Goldelse‹ und der ›Alten Mamsell‹ spricht man nicht nur in den verborgensten Winkeln deutschen Landes, wohin der Wellenschlag der literarischen Bewegung sonst selten ein verlorenes Echo wirft, sondern in der Tat, ›so weit die deutsche Zunge klingt‹, in den fernsten Kolonien des inneren Rußland, an den halbasiatischen Riesenströmen, wie an den Ufern des Mississippi, in Chile und Brasilien. Mancher ferne Auswanderer denkt der anheimelnden deutschen Waldberge, der Forst- und Pfarrhäuser, der Schlösser und Burgen der Heimat, wenn er sich in die Lektüre dieser Erzählungen vertieft; und wenn er dann durch den hochwogenden, lianenumschlungenen Urwald wandelt, so vermißt er mitten in all der üppigen Farbenpracht den frischen Waldduft der harzigen Fichten- und Tannenwälder.

Doch in solcher Versäumnis von seiten der Kritik liegt zugleich eine Gunst für diese Werke. Jetzt kann der Erfolg mit in die Wagschale geworfen werden, und die Frage nach den Ursachen dieses Erfolgs führt von selbst auf die Ergründung charakteristischer Eigentümlichkeiten, welche sonst der beobachtenden Prüfung vielleicht minder scharf ins Auge gesprungen wären.

Sagen wir es nur von vornherein, E. Marlitt (bekanntlich Pseudonym für Fräulein John in Arnstadt) ist ein bedeutendes erzählendes Talent. Das ist eben eine Naturgabe, die sich nicht erzwingen läßt. Wir haben sehr geistreiche Romanschriftsteller, die eigentlich nicht zu erzählen verstehen. Sie wissen zu schildern, zu charakterisieren, durch sinnige Gedanken zu fesseln, durch funkelnden Esprit zu blenden, doch das sind alles nur Surrogate für die Kunst des Erzählens. Worin diese zu suchen ist, das lehrt uns schon das gesellschaftliche Talent einzelner Persönlichkeiten; das schriftstellerische ist nur eine höhere Potenz desselben. Jene ›Künstler der Konversation‹ verstehen das kleinste Erlebnis in einer so fesselnden Weise vorzutragen, daß wir unwillkürlich alles mitzuerleben glauben. Man kann solchen Erzählern einzelne Eigenheiten absehen und als ›Kunstgriffe‹ zur Geltung bringen; doch wer nicht diese frische Strömung der Phantasie besitzt, die uns unmittelbar mit fortreißt, wer nicht kleine Ereignisse durch die lebendige Anschauung und den eigenen innigen Anteil auch dem unserigen nahe zu rücken, wer an uns nicht Fragen an die Vergangenheit und die Zukunft stets wach zu halten weiß: der wird, bei aller Geschicklichkeit und Sauberkeit der äußeren Technik und bei allem inneren Gehalt, vergebens nach den Lorbeeren der erzählenden Kunst ringen.

Einseitig und mangelhaft wäre die Poetik, welche solchen Reiz der Romandichtung gering achtete. Von den Zeiten des Homerischen Urromans, der Odyssee, von den späteren griechischen Prosaromanen bis zu den orientalischen Märchen und den italienischen Novellen bis zu den neufranzösischen Romanen, welche an die letzteren erinnern, hat es stets als Aufgabe solcher erzählender Dichtungen gegolten, durch den spannenden Gang der Ereignisse die Phantasie zu fesseln. Ein langweiliger Roman ist ein verfehltes Produkt. Der Roman bleibt als solcher langweilig, wenn er noch so viele geistreiche Reflexionen und Untersuchungen enthält, die in einem anderen Werke, an einer anderen Stelle unseren Beifall verdienen und finden würden.

Doch E. Marlitt besitzt nicht bloß die Gabe der Erzählung, sondern auch das Talent der Schilderung; wir sehen alles lebendig vor uns, was sie beschreibt. Sie wählt mit Vorliebe seltene Lokalitäten, die nicht gerade an der großen Heerstraße der Romanliteratur liegen. Die Dachwohnung der alten Mamsell wie das verfallene Schloß der Goldelse sind höchst originelle Zeichnungen; der architektonische Aufriß ist klar und bestimmt, die Ausführung bis ins kleinste hinein von großer Sauberkeit und hervorstechendem Sinn für künstlerisches Detail. Auch bleibt es nicht bei dem toten Nebeneinander der Äußerlichkeiten, sie erhalten Leben durch die Bewegung der Handlung. Die gefährlichen Dachpromenaden des jungen Mädchens in das versteckte Logis der alten Mamsell, welche in uns Anwandlungen von Schwindel erregen, ziehen diese hochgelegenen Regionen des Hauses aus dem Bereich des Maurermeisters und Dachdeckers und einer bloß den Bauriß nachzeichnenden Phantasie in den Kreis inniger Teilnahme; und die idyllische Wohnung der Goldelse, die sich hineinbaut in das dem Einsturz drohende Schloß, die Tätigkeit, die vom Verfall rettet, was sich noch retten läßt, die Verknüpfung der Gegenwart mit alter Vergangenheit durch die aufgefundenen Adelsurkunden – das alles bringt Leben in die Trümmerhaufen, deren noch so anschauliche Schilderung sonst nur einen toten Eindruck machen würde. Auch die Persönlichkeiten, auch menschliches Leben und Treiben weiß E. Marlitt lebendig darzustellen. Wie frappant ist gleich die Ouvertüre der ›Alten Mamsell‹, der Tod der Schildjungfrau durch die unvorsichtigen Kugeln im Rathaussaal, wie bewegt und beherrscht bis in alle Gruppen hinein das Geburtstagsfest in ›Goldelse‹, das Hoffest in ›Reichsgräfin Gisela‹! Das sind wechselnde Tableaus, bei denen die Bewegung der Handlung bald die eine, bald die andere Gestalt in den Vordergrund stellt, bei denen aber stets in abgestufter Gruppierung auch alle anderen zu ihrem Rechte kommen. E. Marlitt vergißt niemals irgendeinen der Anwesenden; sie macht jedem die schriftstellerischen Honneurs mit größter Aufmerksamkeit, wenn sie auch einen oder den anderen bevorzugt, wie es gerade die Situation mit sich bringt.

Auch der Stil dieser Romane verdient alles Lob; er ist frei von jeder Künstelei und Übertreibung, fließend und frisch von anmutiger dichterischer Belebung, ohne lyrische Extratouren, anschaulich und bezeichnend, edel und tadellos im Ausdruck wie in der syntaktischen Fügung.

Alle diese Vorzüge würden indes die großen Erfolge der Marlittschen Romane nicht erklären; die Verbreitung durch die Gartenlaube war allerdings die äußere Bürgschaft dafür; aber die Aufnahme in dies Blatt mußte schon selbst als ein Erfolg betrachtet werden. Die Volkstümlichkeit der Stoffe warf das entscheidende Gewicht in die Wagschale zugunsten dieser Erzählungen.

Hier berühren sich indes die Vorzüge alsbald mit einem Mangel. Allen drei Romanen liegt das Schema der volkstümlichsten deutschen Sage, des Aschenbrödel, zugrunde. Die Vorliebe für diesen Stoff ist tief in deutscher Gemütsart begründet. Denn derselben ist ein unbestechliches Rechtsgefühl eigen, welches die Entrüstung übel unverdiente Zurücksetzung nie verleugnen kann und den endlichen Triumph verkannter oder gekränkter Unschuld mit Jubel begrüßt. Wenn diese Unschuld überdies mit dem Reiz echter Innigkeit und Lieblichkeit ausgestattet ist, so bleibt ihre Anziehungskraft eine nachhaltige. Gleichwohl nennen wir es einen Mangel, daß dasselbe sehr durchsichtige Schema den drei Romanen der Thüringer Schriftstellerin zugrunde liegt, unter so verschiedenartigen Verkleidungen und reizvollen Arabesken sie auch die Gleichförmigkeit zu verstecken sucht. Reichtum der Erfindung zeigt sich gerade in der Mannigfaltigkeit der Grundlinien mehr als in der Fülle der Maskierungen. Wir zweifeln nicht, daß E. Marlitt auch andere Themata anzuschlagen und anzuführen weiß; bisher hat sie nur Variationen über dasselbe Thema geschrieben. Aschenbrödels Braut- und Himmelfahrt ist das Ende in allen drei Romanen.

Der erste und dritte Roman führen uns Gegenstücke vor, in dem dritten Roman sind freilich die Grundzüge der deutschen Sagenheldin am meisten versteckt. Denn die hochgeborene Reichsgräfin und Schloßherrin Gisela scheint am wenigsten gemein zu haben mit dem in der Asche des Herdes sitzenden, zu niedrigster Dienstbarkeit verurteilten Mädchen des Volksmärchens. Gleichwohl ist sie den Hofkreisen gegenüber das Aschenbrödel, das sich nicht zeigen darf und zu unfreiwilliger Einsamkeit verdammt ist, ein Leben, das auch außerdem ein geistiger Aschermittwoch ist, da sie tief in der Asche der aristokratischen Vorurteile sitzt. Wie aber Goldelse, das schlichte Bürgermädchen, das auf dem vornehmen Schlosse so vielen Demütigungen ausgesetzt war, durch die Liebe des Herrn von Walde entschädigt wird für alle erlittene Unbill und eingesetzt in die Vorrechte der bisher feindseligen Kreise, so wird die Gräfin Gisela eines Bürgers Braut und entsühnt durch einige Hingebung an den tüchtigen Mann die früheren Frevel eines schuldvollen Geschlechts.

Es sind dieselben Varianten, wie sie Freytags beide Dramen ›Die Valentine‹ und ›Graf Waldemar‹ enthalten, mit dem Abschluß zweier bürgerlich-adligen Mischehen, in denen dort die vornehme Dame durch die Hand des Bürgerlichen, hier der Graf durch die Liebe des Bürgermädchens beglückt wird.

Das eigentliche Aschenbrödel ist die Felicitas, die Vagabundentochter in dem ›Geheimnis der alten Mamsell‹, denn hier ist aus dem alten Märchen auch die Verurteilung zu gemeiner häuslicher Dienstbarkeit mit aufgenommen. Hier ist es ein geldstolzes, frömmelndes Patriziat, das ein familienloses Mädchen unterdrückt, bis dieses den frommen Professor bekehrt durch die innige Neigung, die er zu der vielduldenden Schönheit empfindet.

Felicitas sowohl wie Goldelse finden, nach einem gleichartigen Schema der Erfindung, zwar vornehme Ahnen, verleugnen aber diesen Fund und wollen nur ihrer Liebe Beglückung und Erhöhung danken.

›Goldelse‹ (Nr. 1) verschaffte zuerst der Verfasserin die Sympathien des großen Publikums. Der Roman enthält starke, volkstümliche Züge, die Goldelse selbst ist eine jener trotzig herben, naiven Schönheiten von spröder Jungfräulichkeit, wie sie die deutschen Sagen lieben. Das Erwachen der Liebe, das Hinschmelzen dieses Stolzes im Feuer der Leidenschaft ist psychologisch wahr und dichterisch anmutig geschildert.

Volkstümliche Teilnahme verlangt entschiedene Liebe und entschiedenen Haß; die halben und schwankenden Charaktere, jene feineren psychologischen Mischungen, in denen die Skepsis des modernen Geistes die festen Scheidewände zwischen gut und bös verschiebt, werden nie allgemeinen Anteil wecken. Hier steht die geistige und dichterische Bedeutung im umgekehrten Verhältnis zur Volkstümlichkeit. Der Romandichter muß etwas Weltrichterliches an sich haben und die Schafe von den Böcken sondern, wenn das Volk an seine Gestalten glauben soll. So umschwebt denn die Stirn von Goldelse ein lichter Schein der Verklärung, sie ist entschlossen und energisch, voll von Selbstbewußtsein gegenüber den höheren Kreisen, voll von kindlicher Pietät gegen die Eltern, und damit diese stille Blume doch auch geistig ›gefüllt‹ sei, eine vortreffliche Klavierspielerin.

Ebenso ist Herr von Walde ›jeder Zoll ein Mann‹, edel, selbstbewußt, durchgreifend, energisch, den Schein verachtend, human selbst unter rauhen Formen.

Freilich, oft gemahnen uns seine Reden, sein ganzes Wesen so bekannt, und wenn wir genauer aufmerken, so glauben wir, den Lord Rochester der Currer Bell zu hören; die Goldelse erscheint dann eine in etwas andere Verhältnisse versetzte, milder gefärbte Jane Eyre, und einzelne Situationen, wie die Begegnung mit dem Reiter im Walde, kommen uns wie Varianten auf Vorgänge des englischen Romans vor. Offenbar ist ›Goldelse‹ unter dem Einflusse dieses Vorbildes gedichtet worden,Wir müssen das entschieden bestreiten, da wir aus dem Munde der Autorin selbst wissen, daß sie bei all ihrer Belesenheit gerade dieses Buch gar nicht gelesen hat. wenngleich die Erfindung eine wesentlich andere ist und englische Grillenhaftigkeit durch Züge deutschen Gemütes ersetzt wird.

Gegenüber den beiden in Licht getauchten Hauptgestalten stehen nun die Vertreter der vorurteilsvollen Aristokratie im tiefsten Schatten. An diesem Herrn von Hollweg ist kein gutes Haar, da ist auch kein einziger Zug, der mit dem heuchlerischen, berechnenden Wüstling versöhnen könnte. Und diese pietistisch-despotische Baronin Lessen gehört ebenfalls zu den Vogelscheuchen, welche der Roman braucht.

Das kranke Fräulein von Walde dagegen mit ihrer sentimentalen Liebe ist, ebenso wie die nachtwandelnde, liebestolle Berta mit dem großen Försterhunde, eine der Phantasie sich stark einprägende Gestalt, die auch mit wenigen Zügen ein Holzschnitt zur Geltung bringen würde. Die Szene im Nonnenturm zeugt für die außerordentliche Begabung der Verfasserin, durch lebendige Schilderung drastische Wirkungen hervorzubringen.

Doch neben diesen drastischen Bildern webt auch der Traumgeist deutschen Waldes anmutend und geheimnisvoll durch das ganze Werk; die Beschreibung des alten Schlosses darf sich mit ähnlichen Studien Adalbert Stifters messen; die aristokratischen Kreise sind mit scharfer Satire gezeichnet. Hier ist alles einseitig, schroff, grell; aber der Hauch der Humanität, der durch das Ganze weht, versöhnt mit diesen schwarzen chinesischen Tuschzeichnungen.

›Das Geheimnis der alten Mamsell‹ (Nr. 2) ist origineller als ›Goldelse‹ und dürfte der beste der bisherigen Romane von E. Marlitt sein; schon deshalb, weil der Charakter des Professors Johannes nicht von Haus aus als Inbegriff männlicher Tugenden erscheint, sondern von sehr gehässigen Eigenschaften erst durch die Macht der Liebe geläutert wird. Die alte Mamsell mit ihren Blumen, ihren Vögeln, ihrem Klavier, ihren Handschriften und Geheimnissen, hoch oben in ihrem abgesperrten Dachlogis, ist eine durchaus originelle Erscheinung, und die Katastrophe, die sich dort in aller Stille vorbereitet und ein stolzes Patrizierhaus in die Luft sprengt, ist wohl erfunden und doch nicht so leicht zu erraten. Felicitas ist herber, strenger, trotziger als Goldelse. Was in ›Goldelse‹ die Baronin Lessen, das ist im ›Geheimnis der alten Mamsell‹ Frau Hellwig, die in den Vorurteilen des Geldstolzes eingefrorene Patrizierdame. Auch sie ist eine Fromme; denn gegen die Frommen, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und anderen aufzudringen suchen, hat die Muse von E. Marlitt einen besonderen Stachel. Doch wird dem Volkshaß hier sein Opfer durch einige mildere Züge entzogen, die wir bei der Baronin vergeblich suchten.

Ein ausgezeichnetes Charakterbild ist die junge Regierungsrätin mit ›den reichen Linien des Profils, dem Glorienschein der hellen Locken über der Stirn, den blauen Augen, der rosigen Gestalt im duftigen, fleckenlos weißen Kleide‹. Diese anmutige Heuchlerin, die auf die Hand des Professors spekuliert, und deren inneres Medusenantlitz nur bei der entscheidenden Katastrophe durch die reizvolle Engelslarve blickt, ist eine geniale Zeichnung, welche der feinen Beobachtungsgabe der Verfasserin, sowie ihrer Gabe, zu charakterisieren, das beste Zeugnis ausstellt. Überhaupt hat dieser Roman durchaus frisches Leben und eine Fülle von genialen Zügen.

Der letzte Roman: ›Die Reichsgräfin Gisela‹ (Nr. 3) verleugnet durchaus nicht das bewährte Talent der Verfasserin und interessiert, indem er das Lieblingsproblem derselben einmal von der anderen Seite faßt; er enthält Schilderungen von höchster Lebendigkeit und Anschaulichkeit. Aber er kehrt die Absichtlichkeit der Tendenz mehr hervor als die früheren. Da ist auch in den ganzen Kreisen der vornehmen Gesellschaft nicht ein einziger Charakter, der, sei es auch nur durch Laune und überlegenen Humor, uns irgend welche Sympathien abgewänne. Der Premierminister ist ein gemeiner Betrüger, seine schöne Gattin eine putzsüchtige Kokette, die Gouvernante, Frau von Herbeck, eine heuchlerische adelsstolze Närrin; die Gräfin Schliersen eine für die Splitter des Nachbars vortrefflich ausgerüstete Hofdame; der Fürst selbst eine harmlose, wenig anziehende Persönlichkeit. Die Vorgeschichte ist wohl mit überzeugender Motivierung, aber doch etwas künstlich erfunden. Dagegen sind die Perspektiven des Romans weiter als die der vorausgehenden; seine offenen Flügeltüren gehen gleichsam hinaus in das Freie, wo der Genius des Jahrhunderts am rollenden Webstuhl der Zeit das Gewebe schlingt für das Bild einer freieren und schöneren Menschheit, die sich aus engherzigen Verhältnissen zum Licht der Freiheit emporarbeitet.

In dem Charakter der Heldin, die, von diesem freieren Luftstrom angeweht, die Netze zerreißt, welche die Intrige um sie geschlungen hat, in der Entwicklung dieses Charakters aus der Puppenhülle des schwächlichen Kindes zu einer selbstbewußten Persönlichkeit durch die Macht der Liebe, in ihrer Bekehrung von einseitigem Vorurteil zu dem Glauben an die Rechte aller Menschen auf Glück und Bildung liegt der fesselnde Reiz dieses Romans, und in der Tat haben die Begegnungen der schönen Reichsgräfin mit dem Brasilianer, dem früheren deutschen Studenten, der einst das kleine schwächliche Grafenkind hart von sich gestoßen, denselben poetischen Hauch, wie er den Begegnungen der Goldelse und ihres aristokratischen Geliebten eigen ist.

Der Charakter des Brasilianers hat Züge von eigentümlicher Kraft, und das exotische Kolorit, welches die Dichterin ihm selbst wie seinem Waldhause zu erteilen weiß, gibt ihm den Reiz der Originalität.

An lebendigen Schilderungen ist ›Die Reichsgräfin Gisela‹ so reich wie die früheren Romane E. Marlitts; wir weisen nur auf die reizenden Idyllen des Pfarrhauses hin, als deren Mittelpunkt die Figur der tüchtigen, warmgezeichneten Frau Pfarrerin erscheint; auf die Szene mit dem tollen Hund, welchen der Brasilianer erschießt; auf die Brandszenen und die Schilderung des Festes im Schlosse. Trotz ihrer Begeisterung für den Tiers-Etat, welche es dreist mit Gustav Freytags Verherrlichung des Bürgertums aufnehmen kann, hat die Dichterin dennoch einen chevaleresken Zug: sie liebt die Pferde und Hunde, die in der ›Reichsgräfin Gisela‹ wie in ›Goldelse‹ eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Um von dem echt malerischen Kolorit ihrer Schilderungen eine Probe zu geben, wählen wir die Szene aus, in welcher wir zuerst die zur Jungfrau erblühte Heldin des Romanes wiedersehen, die arme Dorfkinder auf dem kleinen See spazieren fährt.

Die Verfasserin hat diesen Roman Herrn Ernst Keil, dem Schöpfer der ›Gartenlaube‹ zugeeignet, und sagt in der Widmung von ihrem Verleger so viel Rühmliches in Prosa, wie nur Heinrich Heine in den Versen seines ›Wintermärchen‹ von dem seinigen sagt.

Wenn sie aber der ›Gartenlaube‹ nachrühmt, daß sie den Segen einer sittlich reinen, von verknöcherten Dogmen und Formen sich losringenden Weltanschauung ausströme, daß aus ihr der reiche Odem der Menschenliebe wehe, und daß sie mit denen zürne, die nur um ihres persönlichen Vorteiles willen nach der Wiederkehr alter verrotteter, menschenfeindlicher Institutionen ringen: so hat sie mit diesen Worten auch das geistige Gepräge ihrer eigenen Schöpfungen treffend charakterisiert und diejenige geistige Richtung, durch welche sich dieselben über die bloße Unterhaltungsliteratur erheben, obgleich wir ihnen das Lob nicht versagen können, daß sie zu den unterhaltendsten Werken unserer neuen erzählenden Literatur gehören.«


Nunmehr erschienen auch die beiden kleineren Novellen »Die zwölf Apostel« und »Blaubart« unter dem Gesamttitel »Thüringer Erzählungen« als Buch (1869), und obwohl der erfahrene Verleger selbst nur an eine einmalige Auflage glaubte, so ist dem kleinen Buche dennoch die Ehre zuteil geworden, bis heute sechsmal aufgelegt zu werden. Mit großem Wohlwollen aufgenommen, erfuhr es in den Feuilletons und literarischen Beilagen von Zeitungen lebhafte Besprechungen, von welchen wir die des Lokalanzeigers der »Presse«, Beilage zu Nr. 359, 30. Dezember 1869, herausgreifen: »Voll erquickender Frische, voll lebendiger Schilderung, voll sonniger Stimmung sind diese beiden Geschichten ›Die zwölf Apostel‹ und ›Blaubart‹, welche die gewandte Erzählerin in der ›Gartenlaube‹ uns als ›Thüringer Erzählungen‹ darbietet. Warum sie diesen Titel gewählt, ist nicht recht erklärlich, denn beide Erzählungen tragen nichts spezifisch Thüringisches an sich. Doch wir wollen darüber nicht mit ihr rechten, sie wird ihren Grund gehabt haben, und so wollen wir bloß feststellen, daß unter dem Wust von Erzählungen, die alljährlich auf dem Büchermarkte abgelagert werden, man selten welche findet, die so reizend geschrieben sind und so poetisch anmuten wie diese. Wir finden hier nichts von der langweiligen Breite, mit welcher deutsche Erzähler englische Vorbilder nachahmen, ohne den Humor derselben zu besitzen; einfache Handlung, einfache Menschen, aber klar gezeichnete Charaktere, die noch dazu einen Zug von Idealität haben, und ein poetischer Duft, der über allem lagert, das bildet den Reiz der Marlittschen Erzählungen. Wir sind überzeugt, diejenigen, welche sie lesen, werden unserem Urteil beistimmen.«

Von jeher war es einer von Marlitts Lieblingswünschen, sich ein eigenes Heim zu erbauen, ein Heim, das ganz und gar ihren Bedürfnissen, namentlich auch in bezug auf ihr körperliches Leiden, entspräche. Jetzt, nach den Erträgnissen ihrer Werke, zog sie diese Angelegenheit in reiflichere Erwägung und schritt zur tatsächlichen Ausführung. Ziemlich am Fuße der Alteburg, aber noch hoch genug, um einen herrlichen Blick über den zu Tale liegenden neuen Stadtteil hinaus über einen anmutigen Mittelgrund hinweg in die blaue Ferne zu gewinnen, erwarb sie einen Bauplatz mit Garten, und schon am 3. Oktober 1870 wurde der Grundstein gelegt. Freund Keil nahm den regsten Anteil an allem, was die Freundin betraf, und widersprach nachdrücklich gegen die auf dem Bauriß ersichtlichen gebrochenen Fenster. »Marlitt muß eine freie, unbeirrte Aussicht haben auf dieses herrliche Stückchen Thüringen,« schrieb er, und als die Bauherrin trotzdem dabei verharrte, legte er seiner Mitarbeiterin die ferner nicht mehr versagbare Bitte auf den Weihnachtstisch, die bauliche Änderung am künftigen »Marlittsheim« ihm überlassen zu wollen. Damit war zugleich in Wirklichkeit die Taufe des neuen Hauses vollzogen und ihm der Name verliehen, den es noch heute trägt. Am Sonnabend, den 29. Juli 1871, hielt Marlitt ihren Einzug, gerade als mittags die in ihren »Zwölf Aposteln« gefeierten Glocken der Liebfrauenkirche den Sonntag einläuteten. Wie glücklich fühlte sich die Dichterin in ihrem neuen selbstgeschaffenen Heim, das sie lediglich ihrer Feder, ihrer Muse verdankte! Thüringische Gemütlichkeit und Traulichkeit walteten in erster Linie in den schönen Räumen, vor allem aber jener poetische Zauber, wie er über allen ihren Schöpfungen liegt.

Mittlerweile trug sie sich mit einem neuen Plane, der allmählich greifbare Gestalten gewonnen hatte und sie drängte, zur Feder zu greifen. Allein noch bedurfte sie dazu örtlicher Vorstudien, da diesmal die Erzählung sich nicht wie sonst auf ihrem heimatlichen Boden, sondern auf der breiten Ebene der Heide abspielen sollte – »Das Heideprinzeßchen«. – Aber erst Ende Juli 1871 befand sie sich in der Lage, mit der ersten Hälfte der neuen Arbeit vor den inzwischen auf 310 000 Abonnenten angewachsenen Leserkreis der Gartenlaube zu treten. E. Keil schrieb ihr viel Schönes und Liebes über das eingesandte Manuskript, bewog sie indes, Kürzungen da eintreten zu lassen, wo der Zug des breiteren epischen Stoffes dem beschränkten Raume der Gartenlaube nicht völlig entsprach. Aber als später diese prächtige, farbenreiche Schöpfung mit ihren lebenswahren, psychologisch fein durchgeführten Charakteren, mit ihren köstlichen Situationen und Episoden fix und fertig in seinen Händen lag, da schrieb er:

»Ich habe heute keine Zeit, Ihnen ausführlich darüber zu schreiben und kann nur flüchtig den gewaltigen Eindruck dokumentieren, den der Inhalt dieses letzten Manuskriptes auf mich gemacht hat. Wenn das ›Heideprinzeßchen‹ in seiner zweiten Hälfte nicht die ganze Lesewelt der Gartenlaube entzückt und mit sich fortreißt, so werfe ich die Redaktionsfeder weg und sag' der Welt ade! In vier Wochen werden Sie sehen, daß Ihr alter Freund richtig prophezeit hat und Ihnen wieder eine ganze Welt zujubelt! Dieser Herr Claudius! Schon in den Anfängen seines Bildes erkannte ich an den Nägeln der Klauen den heranwachsenden Löwen! – Um Ihnen für den morgenden Sonntag auch eine Freude zu bereiten, habe ich das Aushängeexemplar der ›Illustrierten Goldelse‹ rasch binden lassen und sende Ihnen vorläufig dieses eine Exemplar. Ich hoffe, artistische und typographische Ausstattung werden Ihren Beifall erringen. Mit tausend Grüßen an alle Insassen des Dichterschlößchens Marlittsheim

Ihr getreuer

E. Keil.«


Und die Prophezeiung des weit voraussehenden Redakteurs und Freundes ging in Wahrheit in Erfüllung: eine ganze Welt jubelte der Dichterin zu, als mit dem Schlusse des Jahres das letzte Wort von »Heideprinzeßchen« verklungen war.

Freiherr von Tauchnitz nahm die neue Erscheinung, ins Englische übersetzt, in seine »Collection of British Authors« auf, und einem berühmten Münchener Künstler, Fritz August Kaulbach, mag wohl die Gestalt des Heideprinzeßchens zu jener prächtigen Zeichnung in der »Wandermappe« Anlaß gegeben haben, wenigstens sagt der Verfasser der »Geleitsworte«: »Die Gestalt auf dem Baumstamm erinnert uns dem Wesen nach unwillkürlich an das beste Buch der Marlitt, an das ›Heideprinzeßchen‹, das mit Blumen, Bäumen, Ginster und Heidekraut, mit Vogel, Kuh, Hofhund und Katze in Seelenrapport steht.«

Bedarf es noch der Erwähnung, daß auch das arme »Heideprinzeßchen« es über sich ergehen lassen mußte, von jenen stoffarmen Bühnenkundigen vergewaltigt und mißhandelt über die Bretter geschleppt zu werden?

Vor allen Dingen nun aber einmal ausruhen in ihrem neuen Heim, die schöne freie Aussicht behaglich genießen, Luft schnappen und noch obendrein die frische gesunde Bergluft aus des Himmels erster Hand – das wollte sie. Nadel, Stramin und Wollfaden ersetzten die Feder, sie stickte emsig und zwei Sessel sind noch heute aus ihrer damaligen Tätigkeit hervorgegangene Zeugen. Sie stickte prachtvoll, wie sie denn in allen weiblichen Handarbeiten wohlerfahren war; aber sie besaß auch wie ihr Bruder Hermann, die künstlerische Hand ihres Vaters, und noch heute wird wohl hier und da in Familien, in denen sie verkehrte, eines der reizenden kleinen Gebilde aufbewahrt geblieben sein, das sie in jenen Tagen fertigte, als sie noch gänzliche Heilung für ihr leidendes Gehör erhoffte und Bäder brauchte und Waldluft atmete. Es waren dies niedliche, in winziger Kleinheit ausgeführte Häuschen, aus Pappe zusammengestellt, deren innere Gemächer mit allen erdenklichen Möbeln und Bequemlichkeiten, der Wirklichkeit nachgebildet, ausgestattet waren. Ohne Zweifel beruhten diese aus dem Leben gegriffenen Nachbildungen auf Erinnerungen an das in Arnstadt noch während ihrer Kinderzeit zuweilen allen Schaulustigen zugängliche »Monplaisir«, die zum Teil noch bestehende Schöpfung jener kunstsinnigen Prinzessin, in deren Diensten sich der italienische Künstler befand, welchem die blonde Magdalene Hartmann, die Schwester der Seejungfer, als Gattin in die schöne südliche Heimat folgte (Zwölf Apostel, S. 12).

Ihre Feder ruhte lange; ob aber nicht trotzdem der feingemeißelte Kopf sich trug mit neuen Gestalten, die der künstlerischen Erlösung aus Dunkelheit zu Licht und Leben harrten – wer hätte das sagen können, da die Dichterin niemals über ihre werdenden Schöpfungen sprach, selbst nicht mit ihrem Bruder Alfred, mit dem sie sich doch allezeit – wie sie noch kurz vor ihrem Tode dem jüngeren Bruder Max es aussprach – so gut und innig verstanden hatte.

In diese Zeit (1872) fällt die Veröffentlichung des vom Fürsten Pückler-Muskau hinterlassenen Briefwechsels, unter anderen auch mit Eugenie John-Marlitt. Derselbe datiert vom 8. Februar 1868 nach der Lektüre der »Goldelse« seitens des Fürsten, welchen die Dichterin als Verfasser der »Briefe eines Verstorbenen« verehrte. Es hatte einen gewissen Reiz für sie, mit dem gelehrten 82jährigen, aber geistig jugendlichen Autor brieflich zu verkehren, ihren Überzeugungen und Ansichten Ausdruck zu geben und sie mit der ihr eigenen Schlagfertigkeit zu verteidigen. Sie erwartete aus diesem brieflichen Verkehr mit dem vielgereisten und vielerfahrenen Philosophen einen gewissen praktischen Nutzen für sich zu ziehen, wie sie es ausspricht in einem Briefe vom 31. August 1868 an den Fürsten: »Bei aller Freiheit und Unabhängigkeit im eigenen Denken will ich doch zu Ihrem Geiste aufsehen können, von Ihnen belehrt und angeregt sein, und aus dem überreichen Schatz Ihres Wissens, Ihrer Erlebnisse, soweit meine begrenztere weibliche Auffassungsgabe mit Ihnen gehen kann, schöpfen dürfen! Das war ja auch einzig und allein der Gedanke, welcher mich auf den schriftlichen Verkehr mit Ihnen eingehen ließ, und der mir das Vorrecht, Ihre Freundin zu sein, so teuer macht. Bis jetzt sind wir freilich noch zu keinem eigentlichen tiefgehenden Gedankenaustausch gekommen,– diese befriedigende und zugleich anregende Art und Weise der Korrespondenz erwarte ich auch erst von Ihrem Aufenthalt im Orient; von da aus hoffe ich auf lange, lange Reisebriefe, da bin ich dann auch so anspruchsvoll, die Bevorzugte unter Ihren Freundinnen sein zu wollen, der Sie nicht eine einzige gesellschaftliche Phrase, wohl aber vieles schreiben werden, was ihre Weltanschauung erweitern, ihre Phantasie anregen und ihrem Ideengang eine größere Bahn erschließen wird.«

Dieser Briefwechsel war jedoch nur vorübergehender Natur, er dauerte solange ihre Verpflichtungen gegen die Gartenlaube und deren Verleger ihr die Muße dazu ließen. Als aber die Pflicht sie ernster drängte, ihre versprochene Arbeit »Die zweite Frau« im Dezember zu liefern, war sie gezwungen, diesen Briefwechsel schon am 28. Oktober wieder aufzugeben. –

Aufrichtig betrübt vernahm sie später die Kunde von dem Heimgange ihres geistreichen fürstlichen Freundes, von dem sie annahm, daß er ihre Briefe entweder vernichtet oder wenigstens jedem anderen Auge unzugänglich gemacht habe. Wie groß war daher ihr Erstaunen, als plötzlich von Hoffmann H: Campe in Hamburg die Nachricht einlief, daß im Verlage dieser Firma der hinterlassene Briefwechsel des Fürsten und somit auch ihre eigenen Briefe, herausgegeben von Ludmilla Assina, erscheinen sollten. Energisch versagte sie ihre Einwilligung, mußte sich aber schließlich dennoch in das Unvermeidliche fügen. »Noch heute«, schrieb sie nach Hamburg, »begreife ich nicht, weshalb der Fürst die Veröffentlichung einer Korrespondenz gewünscht hat, die so selten allgemeine Interessen berührt. Ich nehme deshalb mit Bestimmtheit an, die Briefe seien durch Vergeßlichkeit des Schreibers in seinem Nachlaß verblieben, eine förmlich testamentarische Verfügung existiere nicht ... Mir ist es ein äußerst peinliches Gefühl, arglos hingeschriebene Ansichten und Schilderungen plötzlich unter die Lupe der Kritik gebracht und der verschiedenartigsten Beurteilung ausgesetzt zu sehen. Es steht freilich in meiner Macht, meine Briefe zurückzubehalten; aber dann muß ich mir auch gefallen lassen, daß angesichts der Schriftstücke des Fürsten das Urteil der Leser über mich und meine Beziehungen zu ihm erst recht ein schiefes sein wird. Mögen sie deshalb mit hinausziehen« usw. Keil aber schrieb nach dem Erscheinen des Buches: »Jetzt weiß ich es der Firma Hoffmann & Campe Dank, daß man Sie zur Veröffentlichung der Briefe gezwungen hat, und mit mir wird es die ganze gebildete Lesewelt tun, vor allem aber die mächtig große Zahl Ihrer Verehrer. So viel Geist, so viel seiner Takt und weibliche Würde und so viel Stolz durften nicht unbekannt und ungelesen in den Briefmappen vergilben und verzettelt werden!«

Ebenso sagt die Herausgebern am Schlusse ihrer Einleitung zu diesem Briefwechsel: »Die Briefe Marlitts, voll feinem weiblichen Takt, einfacher Natürlichkeit mit Verstand und Geist gepaart, durften hier nicht fehlen und werden allen ihren Verehrern willkommen sein. Auch ist es keine Indiskretion mehr, da ja ihr wahrer Name und Aufenthalt unterdessen längst allgemein bekannt geworden ist. Kein Schriftsteller kann sich lange unter einem Pseudonym verbergen. ›Eher bleibt ein Mörder unentdeckt als ein Autor‹, rief Alexander von Sternberg einmal aus; und er hat recht, um so mehr, wenn es sich um einen Autor handelt, der wie E. Marlitt der Liebling eines so großen Publikums ist.«

Endlich war die Zeit der selbstgegebenen Ferien vorüber – sie schrieb wieder. Seit ihrer grausamen Verurteilung zum Fahrstuhle arbeitete sie im Bette verweilend, des Sommers gewöhnlich von 7½ –12 Uhr, im Winter sobald das Tageslicht zu schreiben gestattete, indem sie die erste Niederschrift mit Bleistift bewirkte; nachmittags kopierte sie am Schreibtisch mit der Feder auf einzelne Blätter in Quartformat, welche dann, mit der laufenden Seitenzahl versehen, sich nacheinander in ihrem Manuskriptbehälter aufschichteten. Und so sorgfältig und unwiderruflich war diese zweite Schrift, daß nur äußerst selten eine kleine Abänderung nötig wurde, die dann mit der peinlichsten Sauberkeit zur Ausführung kam. Diese klare, feste Handschrift hat trotz ihres Leidens niemals eine Einbuße erlitten, und selbst noch ihre letzten Aufzeichnungen bezeugen eine Kraft, die sich niemals die Feder »in die Hand drücken« zu lassen brauchte.

Mitten in ihr gedeihliches Schaffen schob sich indes ein herbes, schmerzliches Ereignis, der Tod ihres heißgeliebten Vaters, dieses prächtigen Greises, dessen weithin leuchtendes, glänzendweißes Haar ihr ganzer Stolz, die ganze Freude ihres Herzens war. Ihn, an dem sie mit der ganzen Innigkeit, deren sie fähig war, mit echt kindlicher Pietät hing, zu hegen und zu pflegen, seinen Lebensabend zu verschönen und ihn die rauhen Stürme vergessen zu machen, die einst über dieses ehrwürdige Haupt dahingebraust waren, betrachtete sie als eine ihrer obersten Lebensaufgaben. Hatte sie sich's früher doch niemals nehmen lassen, so oft sie, die an die tausenderlei Annehmlichkeiten des Hoflebens Gewöhnte, besuchsweise in der Heimat verweilte, an die Stelle der älteren, kranken Schwester zu treten, die kleine Wirtschaft zu führen und eigenhändig zu fegen, zu waschen, zu plätten und die Mahlzeiten zu bereiten. Nun hatte sie den sehnlichsten Wunsch erfüllen können, hatte den teuren Vater mit allem Wohlbehagen umgeben, ihm das schönste Zimmer im neuen Hause angewiesen und beklagte nur schmerzlich, daß nicht auch die unvergeßliche Mutter teilnehmen konnte an all den Behaglichkeiten, die das treueste Tochterherz dem Vater geschaffen. Trotz der aufopferndsten Pflege raffte eine Grippe den 81jährigen liebenswürdigen Greis am 19. Juli 1873 dahin, und langer Zeit bedurfte es, ehe die Dichterin insoweit den Verlust überwunden hatte, daß sie sich in die unabänderliche Tatsache ruhiger zu fügen vermochte.

Allein das brausende Leben klopfte wieder an ihre Tür und forderte gebieterisch auch von ihr das jedem Sterblichen vom Himmel zugeteilte Maß an Leistung; gedrängt von seinen Lesern, übte der Redakteur wiederum einen Druck auf seine Mitarbeiterin aus, und so nahm diese die unterbrochene Arbeit wieder auf in der Hoffnung, wenn auch nicht zu vergessen, so doch eine Ablenkung von dem Geschehenen zu finden. Aber sie arbeitete langsam, so daß erst Mitte Dezember das Manuskript nach Leipzig abgehen und der neue Roman »Die zweite Frau« mit Beginn des neuen Jahrgangs 1874 vor einem auf 325 000 Abonnenten gestiegenen Leserkreis erscheinen konnte.

Wer es mit erlebt hat, wie die Teilnahme des Publikums für diese »Zweite Frau« von Woche zu Woche wuchs, wie das Interesse sich steigerte zur hellen Begeisterung, wie das Erscheinen der Nummern nur mit der größten Ungeduld erwartet wurde und Briefe von Damenhand aus allen Richtungen der Windrose den Redakteur »flehentlich« baten, den gewöhnlichen bescheidenen Raum des novellistischen Teils der Gartenlaube doch nur etwas reichlicher auszudehnen – der wird bezeugen müssen, daß die Aufnahme der neuen Erzählung eine mindestens ebenso stürmische war, als die des »Geheimnis der alten Mamsell«.

Der Herausgeber und Freund hatte es sich diesmal freiwillig auferlegt, genau in dem Verhältnis zu der neuen Schöpfung Marlitts zu stehen wie seine Leser, d. h. er ging Schritt für Schritt mit ihnen und las nicht mehr als eben abgesetzt war. Deshalb machte er oft Mitteilung über den Eindruck der einzelnen Szenen, der sich entfaltenden Charaktere, sowie der allmählichen Entwicklung des Ganzen.

Nach Vollendung der Erzählung faßte er sein Urteil in folgendem zusammen: »Erlauben Sie mir, verehrte Freundin, heute beim Schlusse Ihrer Erzählung Ihnen nochmals in Worten und Blumen meinen herzlichsten Dank für den wunderbaren Beitrag auszusprechen, mit dem Sie mich und die Millionen Gartenlaubenleser entzückt haben. Ich bin stolz darauf, dieses Meisterwerk in den Spalten meiner Zeitschrift veröffentlicht zu haben und drücke Ihnen im Geiste für diese hochpoetische Gabe noch ganz besonders und warm die Hand, die solche Schöpfung für die gebildete Welt vermittelte. Sie haben damit die Hoffnungen Ihrer Anhänger und namentlich die meinigen nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen und in der glänzendsten Weise dokumentiert, daß Ihr Talent immer noch in aufsteigender Linie steht. Wie wenige Ihrer Rivalen und Neider können das von sich sagen! Als Mann sollte ich Ihnen freilich zürnen, denn Sie zeichnen uns arme Kreaturen der Frau gegenüber stets mit so genialem, für uns aber geradezu vernichtendem Griffel, daß wir beschämt unsere Augen niederschlagen möchten; aber selbst hierbei sind Ihre Striche und Farben so reizend, wahr und poesievoll, daß wir nur bedauern können, nicht in der Lage zu sein, uns mit gleich genialen Waffen zu rächen. Sie haben mit diesem Meisterwurf alles übertroffen, was die Gartenlaube dargeboten – und sie ist wahrlich nicht arm an ganz vortrefflichen Erzählungen – und wie selbst das Ausland Ihre geniale Schöpfung anerkennt, beweisen Ihnen die zahlreichen Übersetzungen und so auch die beiden heutigen Briefe aus Rußland und Ungarn. Deshalb herzlichsten Dank! Grüßen Sie alle Insassen von Marlittsheim auf das herzlichste und nehmen Sie nochmals den Dank eines Redakteurs, der in seltener Befriedigung sein Knie vor dem überwältigenden Talente beugt.«

»Rivalen und Neider«, sagt Ernst Keil und hat sich über diese Sorte von Genossen bei seinen alljährlich öfteren Besuchen in Thüringen offen ausgesprochen; aber es gab im Ringe der Mitarbeiter auch neidlose Männer, die willig und gern anerkannten, was an Marlitts Leistungen zu loben war. So schreibt Levin Schücking, unbeirrt von kleinlicher Mißgunst, an den Redakteur, mit welchem er in aufrichtig freundschaftlichem Verhältnis stand: »– – – ob sie (eine neue Erzählung von ihm) für die Gartenlaube taugt – in der übrigens Ihre Marlitt mit ihrer Makartschen Farbenglut uns alle totmacht. – Mit meinem alten Stoff von 1796, den ich, wie ich Ihnen schon früher schrieb, für die Gartenlaube bearbeiten wollte, mochte ich hinter jener virtuosen Arbeit, ›Die zweite Frau‹, mich schon gar nicht mehr blicken lassen und habe deshalb einen ganz neuen erfunden.«

In einem zweiten Briefe spricht er sich drastischer aus: »Also meine Herren Kollegen empfinden so giftigen Neid über die Erfolge der Marlitt? In solch eine Auffassung der Dinge kann ich mich allerdings nicht hineindenken! Wenn die Erfolge der Marlitt auch unverdient wären, so sind sie doch nicht zu leugnen und in großartiger Weise da, und so muß ich doch eine aufrichtige Freude darüber haben, daß ein Journal, dessen Interessen so sehr meine eigenen sind und sein müssen, wie die Gartenlaube, ihren Lesern die Erzeugnisse einer Feder bringt, welche nun einmal solchen enthusiastischen Beifall finden. Ich sympathisiere da viel zu sehr mit dem Redakteur und dem Blatt, um mich nicht an solchem über jede Konkurrenz weit hinauffliegenden Erfolg zu freuen! – Diese Erfolge sind ja aber in der Tat – das kann nur Dummheit leugnen – wohlverdient. Die Marlitt ist ein Erzählertalent, wie es noch keine Frau in Deutschland entwickelt hat, sie ist in manchen Dingen wirklich groß! Namentlich in zwei Dingen, in der Psychologie des Frauenherzens und in dem, was ich Kolorit nenne. Ich habe natürlich auch meine Ausstellungen, im ganzen aber nehme ich respektvollst meinen Hut ab vor solch einem Genius. Mit dem herzlichsten Gruß Ihr getreuester Schücking.«

Um eine Bemerkung E. Keils in seinem zuletzt mitgeteilten Briefe bezüglich Rußlands und Ungarns zu erläutern, muß gesagt werden, daß sämtliche Werke Marlitts sofort nach und zum Teil während ihres Erscheinens in fast alle europäischen Sprachen übersetzt worden sind und auch in Amerika durch deutschen Nachdruck und englische Übertragung eine außerordentliche Verbreitung gefunden haben. In dieser Beziehung ist auch eine seinerzeit erschienene Zeitungsnotiz interessant: »Die bestbekannten Autoren Deutschlands werden von der Buchhandlung des Ostasiatischen Lloyd in Schanghai in billigen Ausgaben zu 15–30 Cents das Bändchen verbreitet. Als solche werden ausdrücklich und ausschließlich genannt: Spielhagen, Gustav Freytag. Marlitt, Sir John Retcliffe (Gödsche).«

Die französische Übersetzung der »Zweiten Frau« wirbelte eine wahre Sintflut meist französisch geschriebener Briefe in Marlittsheim zusammen, die in gerechter Entrüstung Genugtuung forderten für die abscheuliche Verunglimpfung des deutschen Originales. Die Übersetzerin, die schon eine ähnliche Missetat am »Blaubart« verbrochen, hatte ohne Wissen der Autorin die einzelnen Charaktere derartig verunstaltet, um – wie sie in ihrer Verteidigung schrieb – die Erzählung ihren katholischen Lesern in einem katholischen Lande mundgerechter zu machen – daß die Tendenz des Romanes geradezu vernichtet und in das Gegenteil verkehrt wurde. Erst zwei Jahre später, als die nächste Erzählung ihr zum Übersetzen verweigert wurde, bequemte sie sich, der Dichterin die unerläßliche Genugtuung in der Gartenlaube zu geben.

Aber die Pariser Versündigung an dem Romane »Die zweite Frau« steht nicht vereinsamt, die Gartenlaube bringt in »Blätter und Blüten« der Nummer 21, 1878, folgenden Artikel: »Aus Pernambuco erhalten wir von Herrn Th. Just die überraschende Nachricht, daß in dem Feuilleton des dort erscheinenden ›Jornal do Recife‹ nach einem in Portugal gedruckten Buche eine portugiesische Übersetzung des Marlittschen Romanes ›Die zweite Frau‹ mitgeteilt worden ist, die an Unverschämtheit absichtlicher Verballhornisierung ihresgleichen sucht. Die ganze Dichtung ist in ultramontanster Tendenz umgemodelt. Die Gräfin Juliane, spätere Baronin von Mainau, wird als eifrige römische Katholikin dargestellt, während der Herzogin die Rolle einer streng pietistischen Protestantin zugeteilt und statt des jesuitischen Hofpredigers ein altlutherischer Hofrat ihr zur Seite gestellt wird. Daß dem genialen Zögling Loyolas bei dieser Umstülpung der Wahrheit die konsequente Durchführung seiner verkehrten Charaktere arg mißglückt und der Dialog deshalb dem nachdenklichen Leser manche wunderliche Überraschung bereitet, diese Kleinigkeit kann dem frommen Ballhorn das Verdienst nicht verkürzen, ein neues Mittel für den heiligenden Zweck erfunden zu haben.«

»Durch und durch dramatisch lebendig, ruht doch wieder – und darin stehen Sie ja von allen Mitarbeitern der Gartenlaube einzig da – jener hochpoetische Hauch auf dem Ganzen, der wie der Duft einer unberührten Traube sich leicht und graziös auf alles lagert, was Sie schildern wollen – selbst wenn es sich um die verschossenen Stuhl- und Sofaüberzüge einer verschossenen Aoelswirtschaft handelt« – hatte E. Keil einmal geschrieben, und es war deshalb vorauszusehen, daß auch diese Erzählung den stets auf der Lauer liegenden literarischen Raubrittern zum Opfer fallen würde. Diesmal war es einem Herrn Blumenreich vorbehalten, alle seine Herren Kollegen weit ins Hintertreffen zu stellen. Dieser wunderliche Bühnendichter brachte es fertig, lange vor dem völligen Erscheinen der »Zweiten Frau« ein dramatisches Machwert daraus zu formen, ehe er die Entwicklung der Erzählung kennen konnte. Was half es, daß die Presse einer solchen Frivolität gegenüber Front machte? Der Raub war geschehen, und die traurige Leistung ging trotz alledem ungestraft über die Bühne.

Als Buch erschien das neue Werk noch in demselben Jahre und wurde, wie später die meisten neuen Auflagen der Marlittschen Bücher, gleich in 4000 Exemplaren gedruckt, und doch gab der Verleger im Anfang der Ostermesse 1875 bereits die dritte Auflage auf.

Nun gab auch Rudolf v. Gottschall in der literarischen Revue einer Nummer von »Unsere Zeit«, 1876, sein kritisches Urteil über »Das Heideprinzeßchen« und »Die zweite Frau« ab und sagt:

»Das »Heideprinzeßchen« gehört in das Genre der Mignons und Fanchons; es ist wieder ein kleines Aschenbrödel neben den Prinzessinnen und denen, die es werden wollen, und so wieder eine neue Variante auf ein von E. Marlitt oft behandeltes Thema. Bei dem Beginne des Romanes scheint die Dichterin mit der Droste-Hülshoff, mit Petöfi oder auch mit E. v. Dinklage wetteifern zu wollen, und in der Tat hat sie dafür auch die geeigneten Farben auf ihrer Palette. Ihr Stil ist durchaus nicht der Alltagsstil der Leihbibliothekenromane; es pulsiert in demselben eine dichterische Ader und er hat ein eigenartiges Gepräge.

Den Zauber, die Spannung weiß E. Marlitt wie wenige zu erregen und festzuhalten und nimmt in bezug hierauf unter den Romanschriftstellerinnen der Gegenwart wohl den ersten Platz ein. Wenn indes das »Heideprinzeßchen« etwas musivisch gearbeitet und aus einer zu bunten Mosaik glänzender Steinchen zusammengesetzt war, so ist ihr späterer Roman ›Die zweite Frau‹ mehr aus einem Gusse, von Haus zusammengeraffter und in bezug auf die künstlerische Architektonik der Handlung vielleicht das beste Werk der Verfasserin. Schade, daß sie gegen den Schluß hin ein höchst überflüssiges Sensationsmotiv eingeschoben hat und die Heldin von dem sie bis zum Wahnsinn liebenden Geistlichen in den Teich stürzen läßt. Einmal bringt dies Motiv keine rechte Spannung hervor: denn, daß der Roman nicht auf ein tragisches Ende angelegt ist, fühlt man ja aus der ganzen Entwicklung heraus. Dann aber hat die Handlung des Dompredigers nicht die geringsten Folgen; ein so empörender Mordversuch wird von der Kriminaljustiz nicht weiter untersucht; der Geistliche verschwindet in irgend einem Kloster.

Von dieser einen gewaltsamen Wendung abgesehen, hat der Roman ein tadelloses Gefüge, eine glaubwürdige und spannende Entwicklung, und um die indische Kranke, diese im Abendlande verwelkende Lotosblume, schwebt ein echt poetischer Reiz. Die Charaktere sind scharf gezeichnet, oft bis zur Grobheit, wie der Hofmarschall, eine bis zur Widrigkeit abstoßende Figur, in der auch nicht der geringste menschlich fesselnde Zug ist; im Servilismus und in aristokratischen Schrullen verkommen, unedel in seinem ganzen Denken und Empfinden, macht er den Eindruck einer durch den Roman kriechenden Kreuzspinne, während der Schwarze als Testamentsfälscher, der außerdem auf Ehebruch und Mord ausgeht, doch etwas zu sehr in der Beleuchtung des Kulturkampfes steht. Ganz vortrefflich dagegen ist der Charakter der Heldin und derjenige Mainaus gezeichnet, und, wie dieser zuletzt die Frau, die er nur geheiratet hat, um sich an der Herzogin zu rächen, und um für sein Haus während seiner Abwesenheit eine tüchtige Verwalterin zu haben, zu achten und zu lieben beginnt, bis er in voller Leidenschaft erglüht: das ist mit lebendigen Schilderungen dargestellt. Das Schema des Aschenbrödelmärchens liegt freilich wieder zugrunde. Diese rothaarige Liane wird ja nur zu Aschenbrödeldiensten am häuslichen Herde geheiratet; wie ganz anders am strahlenden Schlusse!«

In der Tat hat Marlitt im Laufe der Jahre, abgesehen von der Sammlung unzähliger Einzelkundgebungen, viele Beweise innigster Verehrung seitens ihrer Anhänger erhalten. Gesangvereine und Liedertafeln, so oft sie Arnstadt betraten, haben ihr in herrlichen Liedern ihren Sangesgruß dargebracht; die 1871 daselbst tagende große Lehrer-Versammlung begab sich abends bei Fackelschein nach dem Dichterheim, um in ergreifenden Weisen und beredten Worten ihrer dankbaren Anhänglichkeit Ausdruck zu geben, und selbst, als in ihrer Vaterstadt jene wackeren Scharen, die in der Stunde der Gefahr dem entfesselten Elemente selbstverleugnend und mutig die Stirn bieten, sich zu gemeinsamer Beratung zusammengefunden hatten, marschierte eine solche Feuerwehr nach dem Dichterschlößchen auf dem Berge und brachte ein begeistertes Hoch aus.

Eine ebenso freudige Überraschung sollte ihr anfangs 1875 in anderer Weise zuteil werden. Schon bei seinem letzten Besuche in Marlittsheim, im September des Vorjahres, hatte der treue Freund E. Keil, der allezeit beflissen war, seiner Mitarbeiterin eine Freude zu bereiten und an Geburtstagen und Weihnachtsfesten besonders die sinnigsten Aufmerksamkeiten für sie erdachte, Andeutungen gegeben, ohne die Sache selbst im entferntesten zu verraten. Es war dies das von Meister G. Bartsch in Berlin gemalte Ölbild, eine Gruppierung von Szenen aus ihren bis dahin erschienenen Werken, um ihr eigenes Bild gereiht, in Farbendruck vervielfältigt von der Firma Burmester & Stempell. Und als das von der Verlagshandlung ihr verehrte Original ankam, als vor ihren Augen Deckel und Umhüllungen unter den Händen der Ihrigen verschwanden und ihre poetischen Gestalten Zug für Zug so wohlgetroffen ihr entgegentraten, war sie hocherfreut von der ungeahnten Überraschung, die eine Künstlerhand ihr bereitet hatte.

Indessen schichteten sich in ihrem Manuskriptbehälter die mit der zierlichen und doch so kräftigen, eigenartigen Schrift bedeckten Blätter einer neuen Arbeit höher und höher auf trotz der häufigeren Unterbrechungen infolge ihres Leidens. Dem harrenden Leserkreise hatte der Herausgeber das Erscheinen des noch unter der Feder befindlichen Romanes schon dreimal in Aussicht gestellt, und je mehr sich das Jahr seinem Ende näherte, desto dringender und beweglicher bat er, ihn in die Lage zu versetzen, sein dem Publikum gegebenes Wort einzulösen. Mit gerechtem Stolze konnte er auf die riesige Zahl von 360 000 Abonnenten hinweisen, womit er in das neue Jahr 1876 trat, und es lag ihm nun daran, so vieles seinem Weltblatte entgegengebrachte Vertrauen mit einer Erzählung von E. Marlitt, »ohne welche«, wie er schrieb, »die Gartenlaube ja gar nicht mehr gedacht werden könne«, zu vergelten. »O, daß Marlitt ihm doch zur Beruhigung sagen ließe: ›Komm doch zur Ruh, bewegt' Gemüt!«« Und das geschah in der Tat; an der Spitze der vom Bruder gegebenen Antwort prangte dieser den vielgeplagten Redakteur beruhigende Vers.

»Sagen Sie mir,« begann er seinen umgehenden Brief, »lieber, bester John, was ich Ihnen Liebes antun kann – als Dank für die kostbare Nachricht, die ich soeben empfangen? Sie und Marlitt ahnen gar nicht, welcher selige Friede mit dem Augenblicke über mich gekommen, als ich Ihre Zuschrift öffnete und an der Stirn derselben die glückverheißenden Worte fand: ›Komm doch zur Ruh, bewegt' Gemüt.‹«

Seit längerer Zeit bereits litt der Erbauer und Pfleger der Gartenlaube in erhöhtem Grade an jenem Übel (Gallensteinbildung), das ihn wiederholt nach Karlsbad geführt hatte und schließlich allzufrüh für seinen Wirkungskreis dahinraffen sollte; jetzt aber war eine schwere Leberentzündung hinzugetreten, die dem starken Manne heftig zusetzte.

»Während dieser Leidenszeit,« schrieb er am 3. Januar, »war es in den wenigen Stunden, die das Liegen auf dem Sofa erlaubten, die ›neue Goldelse‹, die mich erquickte und auf Augenblicke die Qualen verscheuchte, die mich gefangen hielten. Ich schreibe Marlitt darüber später noch, aber heute schon darf ich ihr sagen, daß sich auch in dieser neuen Schöpfung der Meisterpinsel der ersten Goldelse glänzend bewährt hat. Gestalten wie Flora, Käthi, Henriette, Brück und die liebenswürdige Tante sind wie aus Marmor gemeißelt. Nun bin ich am Schlusse, mit dem die Bestrafung der Flora beginnt, und nun möchte ich die Bitte stellen, mir recht bald die zweite Hälfte zu übersenden. Ich wußte das im voraus!«

Schon vierzehn Tage später, also kaum nach dem Erscheinen der zweiten Nummer, meldete der Freund: »Für Marlitt wird es eine Freude sein zu hören, daß von ›Im Hause des Kommerzienrats‹ außer der französischen Übersetzung eine englische, holländische, schwedische und aller Wahrscheinlichkeit nach auch russische Übertragung vorbereitet wird.«

In jener Zeit war eines Aufsatzes halber in Österreich der Postvertrieb der Gartenlaube verboten worden, eine Maßregel, welche indes ihren Zweck verfehlte, da in der Folge der Bezug derselben auf buchhändlerischem Wege nur um so lebhafter wurde; allein für die Erzählung »Im Hause des Kommerzienrats« gewann sie doch augenblicklich eine allerdings mehr humoristische Seite. Der Leipziger Freund teilte darüber mit: »Die momentane Stockung in Ungarn hat ein Kuriosum hervorgerufen, was Marlitt sehr nahe angeht. Tief in Ungarn, in Temesvar, erscheint ein unbedeutendes Blättchen, die »Temesvarer Zeitung«. Der Redakteur derselben zeigt nun, als die Stockung eingetreten, plötzlich an, daß er »durch eine bekannte und sehr beliebte Feder« in den Stand gesetzt sei, die Marlittsche Erzählung in dem Feuilleton seiner Zeitung erscheinen zu lassen. Diese Anzeige, die ich meinem Wiener Advokaten sandte, war so gefaßt, daß man ebensogut einen bloßen Nachdruck wie eine von fremder Hand gemachte Fortsetzung herauslesen konnte. Daraufhin erließ ich in der dort erscheinenden sehr anständigen »Neuen Temesvarer Zeitung« eine Erklärung, die Sie in der Anlage Nr. I finden. Inzwischen aber hatte der Redakteur sein wahrscheinlich selbstgefertigtes Machwerk (s. Nr. II) bereits begonnen, und nun mag sich unsere gute Marlitt ein vergnügtes Viertelstündchen bereiten und dieses erbärmliche Opus lesen, dessen Fortsetzung ich regelmäßig einsenden werde. Die Blamage für den ungenannten Autor ist um so größer, als nach wie vor die Gartenlaube regelmäßig nach Temesvar kommt und die Abonnenten nun unter Heiterkeit und Lachen vergleichen können.«

Indessen gedieh die laufende Erzählung unter der fleißigen Feder der Dichterin in erfreulicher Weise weiter, und nach jeder neuen Absendung von fertig gewordenem Material schilderte der Freund, an dessen zustimmendem Urteil ihr alles gelegen war, den frischgewonnenen Eindruck.

So schrieb er zu Ostern: »– – – Und nun wollen Sie unserer lieben Marlitt meinen herzlichsten, besten Dank für das prächtige Ostergeschenk in Gestalt von Manuskript ausdrücken. Ich habe soeben die ersten acht Seiten – so viele fehlten noch ungefähr für die nächste Nummer – durchflogen und kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich daran erbaut habe. Das ist unsere liebe herzige Goldelse wieder, wenn sie auch Käthe heißt, das grundgesunde, grundgescheite und grundfeste Mädchen mit dem Taubenherzen. Wie das wohltut nach den herben Zänkereien der abscheulichen Flora, für die in allen Kreisen nicht genug Gifttränkchen und Marterwerkzeuge ersonnen werden können! Die Lektüre der übrigen Bogen soll meine Osterfreude werden, und Marlitt hätte die nahende Frühlingsluft mir nicht schöner einläuten können, als durch diesen prächtigen Blumenstrauß ihrer wunderbaren Poesie.«

Und als endlich die letzten geschriebenen Blätter ihren Weg nach Leipzig gefunden hatten, schrieb er: »Von ganzer Seele gönne ich der Dichterin die nun eintretende Ruhe, während sie durch ihre Schöpfung die ganze deutsche Lesewelt noch vier Wochen hindurch in Spannung und Aufregung erhalten wird. Die Szene am Sterbebette Henriettes ist ein wunderbar gelungenes Meisterstück.«

Und dieser ihr gegönnten Ruhe bedurfte sie in Wahrheit nach der unermüdlichen, angestrengt geistigen Tätigkeit, während welcher sie sich über manches körperliche Übelbefinden willenskräftig und siegreich erhoben und der ihr so notwendigen Erholung keinen Raum hatte gestatten können. Jetzt erst fand sie Muße, alle die in ihr schönes Heim wieder hereingeflatterten Boten aus der Fremde, voll des lautesten Beifalls über die ihrem Abschluß zueilende Erzählung, mit wohltuender Genugtuung und stiller Freude zu lesen. Bei gutem Wetter weilte sie täglich nachmittags stundenlang im Zelte oder auf ihrem Lieblingsplätzchen unter der schattigen Kastanie ihres Rosengartens mit der Lektüre der neuesten literarischen Erscheinungen beschäftigt, wie sie überhaupt nicht müde wurde, durch das Studium ernster wissenschaftlicher Werke ihren Gesichtskreis zu erweitern und ihr Wissen zu vertiefen. Vorzugsweise beschäftigten sie diesmal die Schliemannschen Ausgrabungen mit ihren so lange verschüttet gewesenen Zeugen grauer Vorzeit, die ihrer Phantasie, ihrer angeborenen Neigung, Vergangenem und Verfallenem, Dunklem und rätselhaft Geheimnisvollem auf die Spur zu kommen, von Jugend auf besonders zusagte. Aus demselben Grunde verfolgte sie mit dem lebhaftesten Interesse die durch die Erforschung von Pfahlbauten zutage geförderten Ergebnisse, sowie alle Errungenschaften auf dem Gebiete germanischer Archäologie. Ein Lieblingswunsch war ihr immer eine Fahrt nach Pompeji in Begleitung ihres Bruders, ein Wunsch, der niemals erfüllt werden konnte, weil ihr das Reisen zur Unmöglichkeit geworden war. Mußten doch die kleinen Ausflüge zu Wagen nach den schönsten Punkten ihres geliebten Thüringer Waldes sich nur auf Stunden beschränken, da sie nicht imstande war, das Gefährt unterwegs zu verlassen. Aber ihre starke Seele erlaubte ihr nie eine Klage über alle Entsagungen, die ihr Leiden ihr auferlegte; vielmehr konnte sie heiter darüber scherzen, und nichts war ihr unerträglicher, wie jedem vornehmen Charakter, als ein Ausdruck des Bedauerns und Mitleids.

Nach dem Erscheinen der »Goldelse« hatte eine kleine Broschüre des Pfarrers O. Weber in Breesen unter dem Titel »Die Religion der Gartenlaube« das Licht der Welt erblickt und bis zu 1877 sechs Auflagen erlebt. Marlitt hatte diese pfarrherrlichen Auslassungen und von einseitigem Glaubenseifer diktierte Kritik über das mit so großer Begeisterung aufgenommene und zum Liebling des Gartenlaubenpublikums gewordene goldblonde Mädchen bis daher nicht gelesen, wie überhaupt alle jene – zuweilen auch wohl anonymen – brieflichen Eingänge, mit welchen gewiß engelreine Seelen sich um so größere Verdienste um den Himmel zu erwerben glaubten, je mehr Schmutz sie darin abzulagern sich gestatteten, dem Feuertode geweiht wurden, ohne vorher die Dichterin behelligt zu haben. Sie kannte dieses unsterbliche Machwerk des in seinem heiligen Zorn unter die Schriftsteller geratenen Seelsorgers nur aus den humoristischen Mitteilungen ihres Freundes, den sie jetzt endlich bei seinem Besuche im Frühsommer 1877 um ein Exemplar ersuchte. Allein diese in gemeinem Tone voll Ingrimm herausgeschleuderten Angriffe wirkten nur erheiternd, darüber mußte man ja lachen und zwar herzlich lachen. »Ich will dem Herrn Pastor«, sagte sie, »und den in seiner Weise Gläubigen das Verdienst durchaus nicht bestreiten, in fernen Winkeln der Erde zur Bekehrung der Heiden beizutragen, auch nicht das noch löblichere Bemühen, Rettungshäuser, Anstalten für Blinde, Taubstumme, Blödsinnige usw. zu errichten – aber der Herr Pastor spricht kein Wort davon, ob er auch daheim die bitteren Tränen verschämter Armen trocknet, den Hungernden Brot, den Frierenden Holz und Kohlen und den Mietzins spendet dem unglücklichen Familienvater, der in Gefahr steht, das Obdach über dem Haupte zu verlieren. Läuft nicht das menschliche Elend vor unseren Augen in den Gassen umher in Gestalt verkümmernder Kinder in den dürftigsten Lumpen, selbst bei schneidender Kälte? Nein, Herr Pastor, weisen Sie immerhin mit großer Ostentation vor den Leuten auf Ihre vortrefflichen Schöpfungen hin, mein mitleidiges Herz heißt mich zunächst da helfen, wo die Not mir entgegentritt, eingedenk des Wortes: ›Was du ihnen tust, das tust du mir, nicht etwa um eines Lohnes, sondern um der Barmherzigkeit und der Liebe willen, der werktätigen Liebe zum Nächsten und zwar so, daß die Linke nicht weiß, was die Rechte tut.‹«

Und in der Tat hat Marlitt, wenn immer Jammer und Elend an ihre Tür klopften, reichlich gegeben, Spenden, die sich in ihren Büchern zu erstaunlicher Höhe summieren. Freilich sind auch oft genug Ansinnen an sie gestellt worden, welche die Unmöglichkeit der Erfüllung in sich trugen; denn wenn sie einmal angegangen wurde, einer Bittstellerin nicht weniger als tausend Taler zu » schenken«, so lag die Gewährung dieses Gesuches nicht in ihren gegebenen Verhältnissen.

Marlitt war in Wahrheit eine religiöse Frauenseele, aber sie suchte die Frömmigkeit nicht im Glauben an den Buchstaben, sondern an den Geist; sie dachte viel zu scharf und zu tief, als daß sie sich an das rein Äußerliche hätte zu klammern vermögen, und jedenfalls sind die Worte ein Stück Selbstbekenntnis, welche sie ihrer Felicitas über Tante Cordula in den Mund legt: »Ja, sie war ein freier Geist! Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder einen zerbrechlichen Glauben in Gottes Werken; denn sie wußte, daß da jeder Weg auf ihn zurückführte. Der Zwiespalt zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften beirrte sie niemals. Ihre Überzeugung wurzelte nicht im Buchstaben, sondern in Gottes Schöpfung selbst, in ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu denken, in dem selbständigen Wirken und Schaffen des unsterblichen Menschengeistes... Sie ging nicht wie Tausende andere in die Kirche, um Gott im eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten; aber wenn die Glocken läuteten, da stand auch sie in der Stille demütig vor dem Höchsten, und ich zweifle, daß ihm das Gebet derer lieber ist, die stündlich seinen Namen anrufen und mit denselben Lippen den Namen ihres Nächsten ans Kreuz schlagen!«

Die Bergpredigt las sie mit wahrer innerlicher Erhebung, und die gewaltige Gestalt des großen Reformators war ihr der Heros voll gotterfüllten Mutes und hoher Kraft in seinem Riesenkampfe gegenüber römischer Geistesknechtung. Aber sie huldigte auch den mächtigen Erfolgen der Wissenschaften unserer Zeit und erblickte in jedem Eisenbahnzug, in jeder telegraphischen Depesche einen Triumph des menschlichen Geistes über Raum und Zeit. Was in Widerspruch stand mit der gesunden Vernunft, gab sie willig auf um der Wahrheit willen, die sie dafür einheimste. Ja, die Wahrheit! Sie war ihr oberster leuchtender Grundsatz, für den sie stritt mit ihrer ganzen poetischen Begabung, nichts konnte sie mehr empören als die Lüge, wo immer sie ihr entgegentrat.

Der Anblick des gestirnten Himmels, in seiner Majestät und Herrlichkeit die Ehre Gottes erzählend, stimmte sie stets zur Andacht von Kindheit an, als der Vater noch mit ihr und ihren Geschwistern hinaustrat unter das Wunder des weltenbesäten Firmaments, um ihnen die Sternenbilder zu zeigen und zu erklären, und vielleicht war es schon in sehr jungen Jahren, daß die Erkenntnis sie überkam: »Neben einem solchen Himmel gibt es keine Hölle!« An eine Fortdauer nach dem Tode glaubte sie. In einem ihrer Briefe an Fürst Pückler schreibt sie: »Nicht mehr denken und empfinden dürfen – wie entsetzlich! Ich will fortleben, und sei es auch in dem beständigen Kampfe, den die Menschenseele mit dem irdischen Leben zu bestehen hat! Ein einziges Stocken der armseligen Blutwellen sollte urplötzlich den Gedanken, das Gefühl, alle Schätze der Erfahrung, des Wissens, die der Mensch in sich aufgespeichert und oft um schweren Preis erkauft hat, in das Nichts zerfließen lassen? Die Hoffnung, die für die Seele das ist, was das immer wieder zurückkehrende Blut für das pulsierende Herz, sie sollte zurückbleiben an der dunkeln Schwelle, die wir Tod nennen? Nein, darin habe ich mir meinen Kindesglauben bewahrt, und ich freue mich auf den Augenblick, wo meiner Seele die Flügel losgebunden werden, Über das ›Wie‹ der Fortdauer hege ich freilich meine ganz besonderen Ansichten, die sich schwerlich mit denen der himmlischen Mannaesser vertragen dürften.«

Am 14. Oktober wiederholte der Leipziger Freund seinen lieben Besuch – es sollte der letzte sein. Das ahnte freilich niemand in diesem traulichen Kreise unter den fröhlichen Gesprächen auf der Veranda und im Zimmer. Allein die Schmerzen des Leidenden wurden im Laufe des Winters heftiger und stetiger, und am 9. März 1878 waren die letzten Zeilen einer Zuschrift des armen Gequälten so grundverschieden von der sonst so festen, kernigen und sorgfältigen Schrift, im Schmerz mehr verschwimmend hingezogen als geschrieben und lauteten: »Mein Gott – mein Gott, ich kann nicht mehr! Die Schmerzen steigern sich in – – – Leben Sie wohl – Gruß für Marlitt und alle Johns. Ihr getreuer E. K.« – Es war sein letzter Brief, das letzte Lebewohl, der letzte Gruß an Marlittsheim. Am 23. März früh traf die traurige Kunde ein. Als der Bruder, der sich die größte Mühe gab, den eigenen Jammer zu beherrschen, der Schwester die Mitteilung machte, daß der treue Freund in Leipzig sehr krank daniederliege, rief sie sofort mit weit geöffneten Augen: »Er ist tot!« Und als das zustimmende Nicken ihr jeden Zweifel benahm, warf sie sich laut klagend zurück in die Kissen.

Einer der edelsten deutschen Söhne hatte die Augen für immer geschlossen, um auszuruhen von dem heißen, mühevollen Ringen nach Verwirklichung deutscher Ideale, wie sie nur in der Seele der Besten der Zeit lebten. Mit schneidiger, geistiger Waffe – seiner Gartenlaube – hatte er unablässig gekämpft um edles Menschentum, und um sein Banner alle die tapferen Ritter vom Geist geschart, die sich mit ihm eins wußten in der Hochhaltung der köstlichsten Güter der Nation. Aller Augen hingen an ihm, als dem berufenen Führer, der rastlos dachte und schuf, die Genossen anfeuerte von Tat zu Tat und für jeden offenes Herz und offene Hand hatte. Rücksichtslos gegen alles, was nicht in den Rahmen seines Blattes paßte, gewährte er nur dem Besten Aufnahme; daher der riesige Aufschwung seiner zum großartigsten Volksblatte gediehenen Gartenlaube, die zuletzt die ungeheure Zahl von 375 000 Abonnenten erreicht hatte. Dabei war er der liebenswürdigste, treueste und uneigennützigste Mann, der mit seinem geraden Charakter nur der Sache diente, seine Person aber weit in den Hintergrund zu stellen gewohnt war. Und dieser Freund, der Marlitt hinausgeführt hatte auf den heißen Boden der Öffentlichkeit, mit ihr gejubelt hatte über ihre Erfolge und schützend seine starke Hand über sie gehalten, der immerdar ermutigend und aufmunternd an ihrer Seite gestanden war – er war nicht mehr! Der Tod hatte das herzerquickende und zu seltener Freundschaft entwickelte Verhältnis, welches den Herausgeber und Redakteur mit der Novellistin der Gartenlaube verband, jählings gelöst, ein Verhältnis, ihm so teuer, daß er dann und wann sich der Besorgnis nicht zu entschlagen vermochte, es könne trotzdem doch einmal eine Arbeit Marlitts in einer anderen Zeitschrift erscheinen. Das war ihm ein unerträglicher Gedanke! Wie freudig antwortete er da am 18. Oktober 1874 auf einen zu seiner Beruhigung geschriebenen Brief von Marlitts Hand: »Das war ein Brief, meine verehrte Freundin, den will ich in Gold und Seide fassen lassen und aufbewahren für Kinder und Kindeskinder zum Beweis, daß in meinem engeren Vaterlande die alte Treue doch noch eine Stätte hat und die wahre Freundschaft doch kein leerer Schall ist. Warum soll ich es Ihnen nicht gestehen – hie und da in letzter Zeit beschlichen mich Zweifel, und schon auf der neulichen Morgenpromenade versicherte ich Freund Alfred, daß mich von allen redaktionellen Widerwärtigkeiten nichts so sehr schmerzen würde, als den Namen Marlitt in einer anderen Zeitschrift zu sehen. Es ist das wahrlich nicht Geschäftsneid – die Gartenlaube hat auch heute noch das Glück, trotz aller Konkurrenzen mächtig zu steigen. Aber es war und ist mein Stolz, die jetzt vielbewunderte Dichterin von Gottes Gnaden zuerst erkannt und in die Welt geführt zu haben, es ist mein Stolz, sie nur mit meinem Schmerzenskinde, der vielgeliebten und vielgeschmähten Gartenlaube, Hand in Hand und fort und fort eng verknüpft zu sehen, und keine Trennung – wie auch die berühmten Namen der Mitarbeiter heißen – würde mich so tief und schmerzlich berühren, als der Abschied einer Marlitt, die mit der Gartenlaube in ihren Schöpfungen gewachsen ist und Freunde und Verehrer gefunden hat überall, wohin das deutsche Blatt mit dem poetischen Wort der echtdeutschen keuschen Dichterin gedrungen ist, die glänzender als die meisten der übrigen Mitarbeiter die humanen Tendenzen meiner Zeitschrift zu vertreten wußte. Ich habe auf Erden nicht mehr viel zu gewinnen – das, was die Leute Ruhm nennen, ist mir ja hinlänglich geworden und mein Namen bekannt in dem entferntesten Winkel der Erde, und das, was der Geschäftsmann noch erringen wird, ist überflüssig und mir gleichgültig; aber ich habe noch viel zu verlieren, und das würde ich, wenn ich an der Anhänglichkeit und Treue einer Freundin verzweifeln müßte, an der ich vom ersten Augenblicke an mit der wärmsten Verehrung gehangen, und für die ich eintreten werde, solange noch der Atem meine Brust hebt, nicht verwinden. Der Gedanke, Sie trotz langjährigen Zusammengehens doch zu verlieren, ehe ich meinen Stab niederlege oder dahin abgegangen bin, wohin mir mein Sohn vorausgeeilt, hat für mich etwas Erschreckendes! – Da kommt Ihr Brief, der alle meine Zweifel zu Boden wirft, und wie soll ich Ihnen nun dafür danken? Ich weiß, eine Marlitt schreibt ein so liebes bindendes Wort nicht hin, um es morgen zu vergessen und unerfüllt zu lassen, aber ich weiß auch, daß sie es keinem Menschen geben, der es nicht zu würdigen verstünde und der dafür kein dankbares Herz hätte. Ja – um mit Ihren eigenen Worten zu reden – ich will in alter treuer Freundschaft die Hand festhalten, die so Großes geschaffen und sich mir in so herzlicher Weise entgegenstreckt, daß ich an ein Zurückziehen nicht mehr denken kann – festhalten für das ganze Leben! Ich danke Ihnen tausendmal für Ihre lieben Zeilen.«

Und nun? – nun lag er auf der Bahre in dem kleinen stillen Häuschen, in welchem zuletzt das edelste Streben, die hochfliegendsten Pläne, das eine ganze Welt umspannende Herz den bescheidensten Raum finden. Was Wunder, wenn ein Gefühl des Verlassenseins. der Schutzlosigkeit sich ihrer bemächtigte? Mit einem Herzen voll Weh und Trauer glaubte sie, werde ihr nie mehr ein poetischer Wurf gelingen. Und dennoch schloß sich die Lücke, die der Tod so grausam gerissen hatte, und unter der Führung der Gattin des Verblichenen, die ja, innig verwachsen mit dem Werke ihres Gemahls seit Anbeginn und vertraut mit seinen Absichten, vor allen dazu berufen war, die Schöpfung des Unvergeßlichen zu behüten, wurde die Gartenlaube, deren Verwaltung der Schwiegersohn des Hauses, Herr Gebhardt, in die Hand nahm, weitergefördert. Und so trat mit der Zeit auch an Marlitt wieder die Notwendigkeit heran, die abgebrochene neue Erzählung, die der Heimgegangene bereits angekündigt hatte, wieder aufzunehmen.

In einem Briefe an die Redaktion schrieb sie: »In bezug auf meinen Roman muß ich vorläufig noch um Geduld bitten. Meine Kränklichkeit verurteilt mich allzu häufig zur unfreiwilligen Rast; vor allem aber hat mich der erschütternde Verlust, den die Gartenlaube und ihre Mitarbeiter im Monat März erlitten, tief gebeugt und meine Schaffenslust unterdrückt ... Nunmehr arbeite ich wieder, und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, daß ich mich mit allem Ernst und allen Kräften bemühe, das dem Verewigten gegebene Wort möglichst bald einzulösen – ist es mir doch seit seinem Heimgange doppelt zur Pflicht und Lebensaufgabe geworden, den Platz, den er meiner Feder in seinem Weltblatte angewiesen, durch unbeirrtes Streben und treues Festhalten an seinen Tendenzen und Zielen fort und fort zu behaupten.«

Der neue Roman »Im Schillingshof« erschien jedoch erst mit Beginn des zweiten Quartals 1879.

Es ist wahr, Frau Keil und Herr Gebhardt taten ihrerseits alles, um ihr den herben Verlust des Verewigten möglichst wenig empfinden zu lassen, letzterer traf denselben gewohnten liebenswürdigen Ton und wandelte in geschäftlicher Beziehung ganz und gar die Wege des Verblichenen. Aber das allsonntägliche verständnisinnige Eingehen auf ihre Schöpfungen, die liebevolle Teilnahme an den Charakteren, an den einzelnen Szenen und der Ausgestaltung des Stoffes vermißte sie doch. Es wehte eine kalte, harte, sie anfröstelnde Luft, die auch die herzlichen Briefe des Herrn Gebhardt nicht ganz auszugleichen vermochten – die Sonne Ernst Keils stand hinter dichtem Gewölk.

Ob der in unbeirrter Pietät stand sie fest und treu zu dem hinterlassenen Werke ihres verewigten Freundes und fühlte sich doppelt verpflichtet – soweit es an ihr gelegen sein konnte – nach Kräften dazu beizutragen, daß es weiterblühe und gedeihe zu Ehren seines unvergeßlichen Schöpfers. Sie arbeitete unermüdlich, und schon 1881 brachte die Gartenlaube das in kleineren Rahmen gefaßte echt thüringische Bild »Amtmanns Magd« mit seinem eigenartigen Thüringerwald-Odem, der so erfrischend darin weht. War es – bewußt oder unbewußt – ein Blütenstrauß auf das Grab des Heimgegangenen, des Thüringers mit dem treuen Herzen, das an seinem engeren Vaterlande mit so rührender Liebe hing? Oder war es vielleicht zugleich ein erst jetzt zum Ausdruck kommender Dank für die von E. Keil in seinem Blatte 1876 gebrachte Verherrlichung ihrer trauten Vaterstadt, des kleinen, rührigen und intelligenten Arnstadt, das mit einem Schlage bekannt wurde, so weit die deutsche Zunge klingt – wer vermag es mit Bestimmtheit zu sagen? »Eine Eingangspforte zum Thüringer Walde« war der Titel des so schön geschriebenen Aufsatzes von Fr. Helbig, mit wohlgelungenen Holzschnitten nach Aufnahme des Malers Heubner, unter denen in erster Linie die Villa sowie das Geburtshaus der Dichterin prangten gegenüber dem Gasthof zum »Schwarzburger Hof«, der in Marlitts Jugend noch in seinem Schilde »Zum goldenen Greif« führte, ein altes, mit aller Raumverschwendung der guten alten Zeit erbautes und in ihrem »Geheimnis der alten Mamsell« zum Hellwigschen Hause poetisch umgestaltetes Gebäude. Wie enttäuscht mögen die seitdem in Arnstadt mit der Absicht, die Schauplätze der Marlittschen Dichtung in Augenschein zu nehmen, absteigenden Reisenden den Hofraum desselben wieder verlassen haben, wo sie vergebens oben in luftiger Höhe die blumenduftigen Räume der Tante Cordula wenigstens annähernd mit eigenen Augen zu sehen hofften.

So verging ihr die Zeit in Studien und ruhigem Schaffen. Ein neuer Stoff, jene geheimnisvolle »Frau mit den Karfunkelsteinen« dämmerte in ihrer Seele auf, der sie für die nächsten Jahre beschäftigte, und schon hatte sie sich ein wesentliches Stück hineingearbeitet, als am 28. Juli 1883 ein für sie verhängnisvolles Ereignis eintrat. Auf die Empfehlung ihres Lieferanten hatte sie sich einen Tragstuhl, wie er in der hygienischen Ausstellung zu Berlin vorgeführt worden war, kommen lassen, der nun bei seiner Ankunft sofort einer Probe unterworfen werden sollte. Endlich wollte und konnte sie einmal die entzückende Rundschau von ihrem Turmzimmer aus genießen. Der Aufstieg gelang vortrefflich; allein als der Rückweg wieder angetreten werden sollte, machte ein Träger eine falsche Bewegung: der Stuhl neigte nach vorn, die Ärmste glitt unverhofft hinab und verletzte das an sich schon kranke rechte Kniegelenk in sehr erheblicher Weise.

Von unsagbaren Schmerzen gefoltert, vermochte die schwer Leidende sechs Wochen lang nur unter der Wirkung von Morphium zu schlafen, und Monate gehörten dazu, ehe an eine Heilung der versehrten Stelle nur zu denken war. Zu all dem Unglück gesellte sich schließlich noch ein außerordentlich hartnäckiger, sehr ernst auftretender Magenkatarrh, der der Kunst und der aufopferndsten Tätigkeit ihrer ausgezeichneten Ärzte überlegenen Trotz bot. »Ich hoffe und begehre nichts weiter,« wiederholte sie immer und immer wieder, »als so weit hergestellt zu sein, daß ich an meinem Arbeitstisch weilen und mein gegebenes Wort einlösen kann.« Inzwischen hatte sie durch Frau Keil erfahren, daß diese mit dem Gedanken umging, die Gartenlaube anderen Händen zu übergeben; bereits schwirrte auch das Wort vom »Verkauf der Gartenlaube« in der Luft, bis es endlich mit dem ersten Januar 1884 greifbare Gestalt gewann, und das Werk Keils mit seinen ruhmreichen Überlieferungen in die Hände der Herren Gebrüder Kröner in Stuttgart überging. Frohen Herzens, begrüßte die Dichterin diesen Wendepunkt im Leben ihrer geliebten Gartenlaube, gab er ihr doch die Gewißheit, daß fortan das Geschick derselben wieder in starker Hand geborgen ruhte, unter deren Schutz und Schirm sie wieder hinausflattern konnte in alle Lande, um am deutschen Türen und Herzen anzuklopfen und in die altgewohnten, ihr freudig und willig bereiteten Heimstätten wieder einzuziehen.

»Nehmen Sie die Versicherung entgegen,« schrieb Herr A. Kröner in seinem ersten Briefe, »daß wir mit allen Kräften uns bemühen werden, unserem Vorbilde, Ihrem verewigten Freunde Ernst Keil, nicht allzusehr nachzustehen.«

Das war ihr ein wohltuendes, vielverheißendes Wort, das ihr ganzes Vertrauen zu dem neuen Pfleger der Gartenlaube gefangen nahm und vielleicht noch eine breitere Grundlage gewann, als beim Austausch der Neujahrswünsche ein zweiter Brief eintraf, der dieselbe Teilnahme an ihrem Schaffen atmete, die sie in den Zuschriften des Freundes gewohnt war.

»Zum erstenmal in meinem Leben« – schrieb er – »habe ich den Jahresschluß auf der Eisenbahn und im Hotel, den Neujahrstag mit Zählen und Rechnen verbracht wegen Übernahme des Keilschen Geschäfts. Das stimmt etwas trüb, denn wenn man auch ein eingefleischter Geschäftsmann ist, man bleibt dabei doch immer ein wenig Mensch und hat seine schwachen Stunden. In dieses Treiben, in diese Stimmung herein dringt nun Ihr freundliches, frohes ›Glückauf‹ so ermunternd und erfrischend, daß ich Ihnen gar nicht genug dafür danken kann. –

Glück – ja, das können wir wohl brauchen! Die Aufgabe, welche vor uns liegt, ist schwer. Sie ist aber auch schön, und wenn wir etwas ›Glück‹ haben, so hoffe ich, werden wir sie auch lösen. –

Unser bestes Glück, unsere stärkste Hilfe erwarten wir für dieses Jahr 1884 von einer geheimnisvollen Unbekannten, von jener ›Frau mit den Karfunkelsteinen‹, welche mir oft im Traume erscheint. Ihre Steine leuchten dann so hell, so glückverheißend! Möchte sie doch bald wirklich erscheinen!«

Allein es war der in der Genesung begriffenen Dichterin von ärztlicher Seite streng verboten worden, anhaltend zu arbeiten, so daß an eine Veröffentlichung des neuen Romanes so bald nicht zu denken war, wie leid es ihr auch tat, den ersten Wünschen der eben an das Ruder getretenen Oberleitung des Blattes nicht alsogleich nachkommen zu können; sie bedurfte zur Vollendung ihres Werkes noch des ganzen laufenden Jahres, und erst Ende November ging das vollendete Manuskript nach Leipzig, um an der Spitze des neuen Jahres 1885 vor dem wieder mächtig im Aufsteigen begriffenen Gartenlaubenpublikum zu erscheinen.

Auf ihren herzlichsten Dank für eine zu ihrem Geburtstag am 5. Dezember ihr von der Redaktion gewidmeten herrlichen Blumenspende schrieb der Herausgeber: »Die Vorbereitungen für die ersten Nummern des neuen Jahrganges sind beendet, und ich bin eben dabei, meine Zelte abzubrechen, um nach Stuttgart in die Heimat zu reisen, wo ich Weihnachten und Neujahr verleben will. Es drängt mich aber, Ihnen vorher noch herzlich zu danken für jedes freundliche und ermunternde Wort Ihres letzten Briefes. Es kommen ja einer so großen Aufgabe gegenüber, wie es die Leitung der Gartenlaube ist, und im Hinblick auf die eminenten Leistungen, welche meinem Geschäftsvorgänger bei seiner merkwürdigen Doppelbegabung möglich wurden, immer wieder Momente, in welchen man recht kleinmütig wird trotz aller äußeren Erfolge. Da tun denn Worte wie die Ihrigen wohl.

Die »Frau mit den Karfunkelsteinen« macht Furore in dem kleinen Kreise, der sie bis jetzt kennt. Jedermann findet, daß dieses Ihr vollendetstes, reifstes Werk sei, welches die früheren noch an Wirkung übertreffe. Mir ist es ein leuchtender Stern der Hoffnung für das neue Jahr, in welches ich nun mit frohem Mute eintreten werde.« –

Aber die neue Erzählung fand auch den lautesten ungeteilten Beifall der Leser, nicht nur »so weit die deutsche Zunge klingt«, sondern auch im Auslande. Schon nach den ersten vier Nummern teilte der Verleger mit, daß wegen Überlassung des Übersetzungsrechtes bereits mit Schweden, Dänemark, Ungarn, Frankreich, Italien und England abgeschlossen sei, und ebenso war auch diesmal ausnahmsweise eine Bewerbung um das Recht der Dramatisierung eingegangen, die man nicht abweisen wollte lediglich um der Genugtuung willen, einmal nicht in gewaltsamer Weise geplündert zu werden.

Mit dem Weiterschreiten des Romanes steigerte sich der Beifall zum Enthusiasmus; zahllose beglückwünschende Zuschriften liefen ein, und der Herausgeber schrieb: »Die Auflage der Gartenlaube wächst von Woche zu Woche – dank Ihrem ergreifenden, fesselnden Roman.«

Mitten in diese rauschenden Erfolge fiel indes ein rauher, schriller Mißton. Ein junger Schriftsteller – zweifelsohne von dem Wahne befangen, es bedürfe neben dem gewiß löblichen guten Willen nur der Feder und der Tinte, um die Romanliteratur zu bereichern und dafür Anerkennung und klingenden Lohn einzuheimsen – konnte nicht schlafen bei dem Gedanken, daß eine deutsche Frau mit ihrer seltenen Begabung einen so erlauchten Romandichter, wie die neue realistische Schule ihn in seiner Person gezeitigt habe, turmhoch überrage. Er verlor sich unter die Kritiker und schrieb einen Schmähartikel gegen die Dichterin, gegen die Gartenlaube und ihre Leser, gegen die »Blinden und Verblendeten«, die das Unglück hatten, den grimmigen Zorn des neuen Don Quichotte gereizt zu haben. Aber es gab zum Glück Männer, die dem sporensüchtigen Kritikus mit imponierender Überlegenheit entgegentraten. I.C.Widmann, Redakteur des »Berner Bund«, wies denselben zuerst zurecht, aber in wahrhaft vernichtender Weise ging Woldemar Kaden mit dem Pamphletschreiber ins Gericht und rächte unbarmherzig den unwürdigen Angriff auf die Dichterin. Auch Rudolf v. Gottschall schrieb in der Gartenlaube einen Artikel »Plaudereien über Romandichtung«, an dessen Schluß er sagt:

»Niemand hätte einen so maßlosen und unberechtigten Angriff für möglich gehalten, wie er jüngst gegen die Marlitt gerichtet wurde. Ote-toi que je m'y mette ist die Losung – doch wohl schwerlich würde irgend jemand ein Glück darin sehen, wenn an Stelle der Marlittschen Romane die novellistischen Kraftstücke jener Zola-Anbeter träten. Die Marlitt ist eine unserer besten Erzählerinnen; ja in bezug auf angeborene Gabe des Fabulierens und lebendiger Schilderung braucht sie keinen Vergleich zu scheuen. Davon hat sie auch in ihrem neuesten Werke Proben gegeben!

Die Erzählung, wie Gretchen sich auf das Gut des Großvaters flüchtet, ist ein kleines Kabinettstück lebensvoller Darstellung. Sie weiß die Leser in Spannung zu versetzen, und daß sie gerade nicht alles Sinnliche verbannt, sondern dasselbe mit Maß verwertet, gehört zu ihren Vorzügen. – Trotz des seltsamen Angriffs, den der sich absurd gebärdende Most der jüngeren Kritik zutage gefördert hat, wird niemand die Marlitt für eine Vergifterin des guten Geschmackes und der guten Sitten halten, wie man auch sonst über ihre schriftstellerischen Leistungen denken mag. Das Maß der Lebenswirklichkeit, das sie in ihren Romanen bietet, ist das richtige. Jene Begriffe werden als Misch- und Mißgeburten einer auf Abwege geratenen Phantasie in Spiritus aufbewahrt bleiben unter den anderen tragikomischen Naturspielen des literargeschichtlichen Museums.«

Nichts ist so schlimm, daß es nicht auch sein Gutes hätte – so auch hier. Bei Gelegenheit seiner scharfen Zurechtweisung des ungebärdigen Eiferers teilt I. C. Widmann folgende reizende Geschichte mit, die sonst wohl gänzlich unbekannt geblieben wäre.

»Wir erinnern uns,« – erzählt er – »wie wir vor etwa zwölf Jahren an einem Maiabend auf dem Schänzli in Bern eine uns unbekannte Gesellschaft von vermöglichen Bauersleuten aus dem Emmental an einem Tische sitzend fanden. Es mochte wohl irgend ein Familienfest gefeiert werden. Hübsche Mädchen in der kleidsamen Tracht ihrer Gegend saßen im Kreise ihrer Verwandtschaft und Freundschaft. Da zu unserem Erstaunen ergriff eines dieser Mädchen das vor ihr stehende Kelchglas und hielt mit zaghafter Stimme, aber mit leuchtenden Augen folgende kleine Tischrede: »Und jetzt möchte ich noch jemand leben lassen, der zwar nicht zur Familie gehört, aber eigentlich doch! Sie ist uns eine liebe, ferne Tante, sie schenkt uns alle Jahre, was unser Leben verschönert. Ich brauche nicht mehr zu sagen, ihr habt den Namen gewiß auf der Zunge: Marlitt!‹ – Und wahrhaftig! da erhoben sich alle, die Mädchen wie die jungen Männer, die Großmutter wie der Großvater, und die arbeitsharten, schwieligen Hände der Männer ebenso wie die auch nicht verwöhnten Hände der Mädchen ergriffen die Kelchgläser mit dem dunkelroten Burgunder, und stießen an auf die Dichterin der Goldelse.« –

Sich so warm im Herzen des Volkes zu wissen, war ein süßer Trost für die soeben schwer beleidigte deutsche Frau, die dereinst an E. Keil geschrieben hatte: »Bei dem lebhaften Verlangen, zu reüssieren, ist es mir jedoch nie eingefallen, es jedem Kopf des vielköpfigen Ungeheuers recht machen zu wollen, dazu hätte ja der Autor selbst eine ungeheuerliche Vielköpfigkeit nötig. Ich meine, der redlich Strebende dürfe sich nicht einmal ein solches Ziel setzen, was müßte er sonst für Wege betreten! Wenn ich durch meine Frauengestalten in jungen Mädchenseelen den Trieb der Nacheiferung wecke, so ist mir dies ein bei weitem höherer Lohn, als der Beifall eines blasierten Publikums.«

Fast zugleich mit der Buchausgabe der »Frau mit den Karfunkelsteinen« widmete die Gartenlaube in Nr. 36 ihrer Novellistin unter dem Titel »Ein Gedenktag der Gartenlaube« folgenden Artikel:

»Vor gerade zwanzig Jahren erschien in Nr. 36 Jahrgang 1865 unseres Blattes eine kurze Erzählung ›Die zwölf Apostel‹, die mit großem Beifall von der deutschen Leserwelt aufgenommen wurde. Es war dies die erste Novelle der später als Romanschriftstellerin so berühmt gewordenen E. Marlitt.

Ernst Keil erkannte schon aus diesem ersten Werke der noch unbekannten Verfasserin ein Talent ersten Ranges, das Außergewöhnliches zu schaffen versprach und das er an seine im raschen Steigen begriffene ›Gartenlaube‹ zu fesseln beschloß. Sein Scharfblick täuschte ihn nicht, denn schon im nächsten Jahre erschien die ›Goldelse‹, jener tiefempfundene und von echter Poesie durchwehte Roman, welcher E. Marlitt nicht nur im Sturm die Herzen der deutschen Leser und Leserinnen eroberte, sondern ihren Ruhm sogar in fremd« Länder und über das ferne Meer trug.

Seit jener Zeit ist E. Marlitt während der langen Spanne von zwanzig Jahren der ›Gartenlaube‹ treu geblieben und schmückte und bereicherte unser Blatt mit elf Romanen und Erzählungen, die sämtlich trotz der großen Verbreitung durch die Gartenlaube auch in Buchform einen nach Hunderttausenden zählenden Leserkreis fanden.

Wie jeder hervorragende Autor hat auch E. Marlitt ihre Gegner, aber der Kreis ihrer Verehrer und Freunde ist stets ein ungewöhnlich großer geblieben. Die letzteren, die auch zu den Freunden der Gartenlaube zählen, werden mit uns gewiß gern die Freude dieses Gedenktages teilen und der ihnen so lieb gewordenen Verfasserin noch lange Jahre rüstigen und freudigen Schaffens von Herzen wünschen.« –

Und wirklich stellte sich, nachdem sich die Wogen ihres über die erlittenen Beleidigungen empörten Gemütes gelegt hatten, die altgewohnte Schaffenslust wieder ein. Sie hatte das Bedürfnis, länger allein zu sein, mit geschlossenen Augen zurückgelehnt auf die Polster ihres Fahrstuhles – die Ihrigen wußten, sie komponierte, die Fäden des ersonnenen Stoffes schlangen sich zum kunstreichen Gewebe, bis es zuletzt als harmonisch schönes Ganze schreibfertig ihr vor der Seele stand. Sie schrieb wieder, schrieb den ganzen Frühling und Sommer des kommenden Jahres hindurch und hatte bereits den Herausgeber ermächtigt, den Titel des neuen Werkes »Das Eulenhaus« für den nächsten Jahrgang 1887 anzukündigen. – Da – es war am Morgen des 11. Oktober – ward sie jählings von heftigen Schmerzen in der Brust und im Rücken befallen, und der eiligst herbeigerufene Arzt stellte eine Rippfellentzündung fest. Zwar schien dieselbe nach Verlauf von vierzehn Tagen beseitigt, und man erlaubte ihr, das Bett wieder zu verlassen,– allein schon drei Tage später trat ein Rückfall ein, der sie abermals auf das Krankenlager warf.

Ihr empfindlicher, leicht erregbarer Magen litt dabei an Beschwerden, die im Laufe des Winters nicht unbedenklich blieben, und obgleich sie sich im März der ihr verordneten Massage unterwarf, die von so erfreulichem Erfolge war, daß sie im April und Mai öfter an ihrem Schreibtisch verweilen konnte, so war dieses scheinbare Wohlbefinden doch nur ein vorübergehender Zustand. Abermals an das Bett gefesselt, litt sie unbeschreiblich unter dem Elend des Krankenlagers mit allen seinen Folgen, die bei der Schwierigkeit im Gebrauche der von rheumatischen Anschwellungen befallenen Glieder um so grausamer waren.

Was nur Liebe und Dankbarkeit für die Leidende ersinnen und tun konnte, geschah in reichstem Maße; die Schwägerin gab in selbstverleugnender Hingebung und Aufopferung die Pflege Tag und Nacht nicht einen Augenblick aus der Hand, obwohl die Ärzte wiederholt dringend zur Schonung rieten.

So nahte der Armen nach schwerem Dulden die Erlösung, nachdem schließlich eine Lähmung des Magens, die sich auch auf das Herz erstreckte, eingetreten war. Am 21. Juni, als der Bruder nachmittags von seinem Berufe heimkehrend an das Bett trat, sprach sie ihr letztes Wort »Alfred«, und am anderen Morgen endete ein schmerzloser Tod alles Leid und Weh einer von Millionen ihres Volkes geliebten und verehrten deutschen Frau und Dichterin.

Draußen strahlte die Sonne am tiefblauen Himmel, in welchen die Seele der sterbenden Henriette im Hause des Kommerzienrates zu tauchen sich gesehnt hatte, und nun waren ja auch ihr »die Flügel losgebunden« von gebrechlicher Hülle.

Der elektrische Funke trug die Trauerkunde in alle Welt, und schon anderen Tages verkündete sie die New Porter Staatszeitung jenseits des Meeres ihren Lesern. Eine außerordentlich große Versammlung von Leidtragenden hatte sich zur Beerdigung eingefunden, um der Verblichenen auf ihrem letzten Wege das Geleit zu geben. Die Gartenlaube wurde dabei vertreten durch den Inhaber derselben, Adolf Kröner, Geheimen Hofrat Rudolf v. Gottschall und Dr. Friedrich Hofmann. Nach dem in der Gottesackerkirche am Sarge gesungenen ergreifenden Liede »Es ist bestimmt in Gottes Rat« und einer sich daran schließenden eindrucksvollen Grabrede des Geistlichen wurden dem mit Lorbeer und Blumen überschütteten Sarge die reichen Kränze der erhabenen fürstlichen Gönnerin der Verblichenen vorausgetragen. An der Gruft feierte Rudolf v. Gottschall mit weithin vernehmlicher Stimme das Wirken der dahingeschiedenen Dichterin, worauf A. Kröner in markigen Worten die Treue der Verewigten pries, mit der sie von Anbeginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn bis zum Tode unentwegt zu ihrer geliebten Gartenlaube gestanden.

Aber gleichsam aus dem Volksherzen heraus schrieb am Tage vor dem Leichenbegängnis »Ein Arbeiter« an den Bruder der Verklärten: »In früher Morgenstunde las ich in einer hiesigen Zeitung von dem Heimgange der allverehrten Dichterin Marlitt. Diese Trauerbotschaft hat auf mich so einen tiefen Eindruck gemacht, daß ich den ganzen Tag bei schwerer Arbeit nur an die nun dahingegangene Dulderin denken konnte. – Geehrter Herr! Der Ihnen diese Zeilen schreibt, ist nur ein Arbeiter. Was soll ich Ihnen sagen, wie lieb mir die Dichterin war, wie sie es so recht verstand, zum Herzen zu sprechen und armen niedergedrückten Gemütern Lebensodem einzuhauchen, damit sie weiterarbeiten können in der Alltäglichkeit. Ich habe die Geistesgaben unserer Dichterin stets mit Andacht gelesen und mich in den verschiedenen Lebensaltern daran erbaut und aufgerichtet: als Lehrling, als wandernder Handwerksbursch und als verheirateter Mann. Als Lehrling war ich verlassen, sie rief mir zu: verzage nicht! Als Handwerksbursch war ich von der Welt mißachtet, sie tröstete: verliere das Vertrauen nicht! Und wenn ich als verheirateter Mann mich manchmal in meinen Mußestunden durch das Lesen ihrer schönen Erzählungen über die Sorgen und Mühen des täglichen Lebens zu erheben suche, so ruft sie stets: hoffe! Und wie ist es der Dichterin stets gelungen, dem Guten, Edlen und Schönen zum Siege zu verhelfen! Sie war eine echt deutsche Dichterin, deren Name unter den Edelsten der Nation immer genannt werden wird. Und Sie, verehrter Herr, werden sich wohl in Ihrem Schmerze damit trösten, daß unsere Dichterin nun ausruht von ihren Schmerzen. Ich aber rufe ihr ein »Ruhe sanft!« in ihr letztes kühles Bett nach – es kommt vom Herzen.

Ein Arbeiter.«

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