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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nachdem jedoch der Augenblick eingetreten war, den Mora erwartet hatte, und Magda's Zustand in Schlaf übergegangen war, überließ sie ihren Wächterposten einer ihr schon bekannt gewordenen zuverlässigen Dienerin und ließ sich bei dem Fürsten melden.

Was sie diesem Hochwichtiges mitzutheilen hatte, können wir uns denken, da wir es bereits wissen. Das Entzücken des Fürsten über das, was er bestätigen hörte, war aber um so reiner, da er wußte, die Prinzessin Therese werde seine Gefühle theilen.

Die Beisetzung der fürstlichen Leiche mit allen nöthigen Ceremonien zu vollziehn, nahm vorerst die Zeit Aller in Anspruch. Da sie erst am neunten Tage nach seinem Tode erfolgte, hatte Magda Zeit, sich zu erholen, und die Besuche des Fürsten zu empfangen.

Zwei zärtliche Geschwister können unmöglich diesen Moment rührender feiern! Der Fürst fühlte sich ihr auf eine Weise verpflichtet, daß sein feuriges Herz fast davon seine Haltung verlor. Magda's kühle und unschuldige Schwesterliebe zu ihm, ihre eifrigen und frommen Erzählungen des mit dem Verstorbenen Erlebten brachten jedoch seine Gefühle wieder in die festen Geleise zurück, in denen er sich nun selbst erst ganz wohl fühlte.

Da aber Magda der Trauerfeierlichkeit beiwohnen wollte, wählte der Fürst unter den vornehmsten und geachtetsten Damen seines Hofes zwei aus, welche er Magda zu Begleiterinnen gab, sie als seine Anverwandte bezeichnend. Sie ging in der tiefen Trauerkleidung einer nächsten Anverwandtin des Fürsten, hinter diesem mit den sie begleitenden Damen im Trauerzuge, und ihre natürliche Anschauung der Dinge ließ ihr über ihre Berechtigung dazu keinen Zweifel, da sie sich bei der Nachrechnung ja selbst sagen mußte, sie sei die Nichte des Fürsten.

Die Antwort, die indessen von Thomas Thyrnau eingetroffen war, beglückte Magda's Herz aufs Höchste. Er billigte in fast achtungsvollen Ausdrücken ihr ganzes Verfahren und gab ihr dafür seinen Segen. Weiterhin forderte er von ihr, daß sie bis zu einer vollständigen Herstellung ihrer Gesundheit ruhig beim Fürsten von S. bleiben solle und dort seine Bestimmungen erwarten.

Dasselbe schrieb er dem Fürsten und fügte einiges hinzu, was dem Freunde als Fingerzeig dienen konnte, wie er während dieser Zeit Magda's Stellung gehalten haben wollte. Ihm vertraute er die Hoffnung, daß die Kaiserin ihm vielleicht Prag als Aufenthalt anweisen werde, und wie er dann erst dort Magda zu sich zurückrufen wolle, da er ihre Rückkehr nach dem Karlstein, wo er auch Trautsohn alsbald zu erwarten habe, nicht wünsche, und ihre Einwilligung zu dieser verlängerten Trennung, da sie einmal geschehen, nicht zu bezweifeln sei.

Der Fürst bestimmte nach diesem Briefe augenblicklich, daß ein vor der Residenzstadt liegendes Lustschloß für Magda's Aufenthalt in Bereitschaft gesetzt werde. Die Damen, welche vom Fürsten schon früher für Magda erwählt worden und unter denen die Gemahlin seines ersten Ministers, eine Dame von hohem Ruf und großer Frömmigkeit und im vorgerückten Alter war, versprachen dem Fürsten auf seine persönliche Bitte darum, dort einige Wochen des schönen Spätherbstes mit Magda zu verleben, denn der Ruf von dem, was sie geleistet, hatte ihr allgemeine Achtung erworben und die nächsten Schritte des Fürsten bestätigten öffentlich Magda's Rang als seine Nichte.

Da mit dem unglücklichen Gefecht des fünfzehnten Oktobers, welches den Feldmarschall Brown verwundet nach Prag geführt und den Feldzug dieses Jahres beendigt, die Entlassung des Fürsten aus dem aktiven Dienst um so schneller bewilligt worden war, als die Kaiserin vor allen Dingen Niemanden, und am wenigsten den ihr lieb gewordenen Fürsten, an Uebernahme seiner Regentenpflichten hindern wollte, ergriff er nun mit der schönsten Energie die Zügel der Regierung und rief zu dem Ende seine vornehmen Unterthanen an den Hof und bildete sich im Vereine mit seinen Ministern und Räthen eine Versammlung seinen Absichten gemäß.

Mit großer Feierlichkeit eröffnete er diese Zusammenkunft und mit einer klaren und doch edel schonenden Beleuchtung seines bisherigen Verhältnisses zum Lande entwickelte er seine darauf Bezug habenden Privatverhältnisse. Er erklärte seine erste Vermählung mit Lucretia Thyrnau, er legte die Beweise der kirchlichen Vermählung vor und ließ sie durch den noch lebenden Geistlichen bestätigen, den er zu diesem Zwecke nach seinem Lande berufen.

Ohne die traurigen Beziehungen zu enthüllen, in denen sein Vater zu diesem Verhältniß gestanden, zeigte er den Versammelten in großer Gemütsbewegung ihren Tod an – und zugleich, daß Gott ihm Kinder aus dieser Ehe erhalten, welche zu einer standesmäßigen Entwicklung gelangt wären. Weiter eröffnete er seinen getreuen Unterthanen seine Verlobung mit der Prinzessin von D. und seine Absicht, vor Wiederanfang des Krieges sich in aller Stille, wie das Ableben seines Vaters und die Landestrauer dies erheische, mit ihr zu vermählen. Er bemerkte dabei, daß diese Vermählung mit dem Zusatze geschlossen werden solle: »Nach Ableben der ersten rechtmäßigen Gemahlin, Lucretia Thyrnau – wieder vermählt mit der Durchlauchtigen Prinzessin Therese v. D.« – Egon und Hedwiga, seine ehelichen Kinder, sollten in den Grafenstand mit dem Titel Erlaucht erhoben werden – ihre Dotirung behalte er sich vor, zu bestimmen. Ihr Rang solle den Kindern zweiter Ehe nachstehn und nur in dem Falle, daß diese Ehe ohne Erben bleibe, solle dieser älteste eheliche Sohn Egon auf die Rechte der Nachfolge Anspruch haben und mit kaiserlicher Sanktion die Sache rechtskräftig gemacht werden. Aus ewiger tiefer Verehrung und Liebe gegen diese seine verstorbene Gemahlin lege er bis dahin seinen geliebten Kindern den Namen ihrer Mutter bei und sollten sie dadurch das neue Geschlecht der Grafen von Thyrnau begründen. Alle diese Bestimmungen würden durch die Gnade des Kaisers und der Kaiserin ihre volle Rechtskräftigkeit erhalten und solle über die gegenwärtige Mittheilung an seine getreuen Unterthanen ein Dokument aufgenommen werden, welches von allen Anwesenden unterschrieben, in die Reichsarchive gelegt, und dadurch nicht allein volle Gültigkeit, sondern volle Verpflichtung der Aufrechthaltung gegen unberufenen Einspruch für alle Unterzeichnete enthalten solle.

Diese Erklärung, die mit der ruhigen Sicherheit eines festen Beschlusses gemacht wurde, erregte nicht allein keinen Widerspruch, sondern die größte Theilnahme und das lebhafteste Bestreben, diesen Mittheilungen so hingebend als möglich entgegen zu kommen. Der verstorbene Fürst hatte die Achtung keines Menschen genossen und sein unnatürliches und grausames Betragen gegen seine tugendhafte Gemahlin und dann gegen seinen Sohn hatte die allgemeinste Empörung erregt, und es war eine natürliche Folge davon, daß man die heimliche Vermählung des Fürsten, von der schon manches verlautet war, aus dem Grunde dieser Vernachlässigung zu entschuldigen fand, und die Achtung, mit der der Fürst dies durch den Tod gelöste Verhältniß zu ehren bestrebt war, als eine höchst unschädliche Beruhigung seines Ehrgefühls ansah, welche um so weniger Bedenken erregte, da man bei der angekündigten Verlobung mit der Prinzessin Therese keinen Grund hatte, das Ausbleiben legitimer Erben zu fürchten.

Eine Abschrift dieser sogleich doppelt ausgefertigten Urkunde schickte der Fürst alsdann seinem nun offen anerkannten Schwiegervater Thomas Thyrnau mit der Nachricht, auf welche Weise er für Magda gesorgt, bis die Kaiserin über den Aufenthalt ihres Staatsgefangenen entschieden haben werde. Gleichzeitig ließ er Egon nach S. rufen und nachdem er ihm sein besonderes Verhältniß mitgetheilt, stellte er ihn der erwähnten Versammlung als seinen Sohn, den erlauchten Grafen von Thyrnau vor, und führte ihn dann zu Magda, welche ihn nun zuerst als ihren Vetter umarmte.

Nach Beendigung dieser Pflichten, die dem Herzen des Fürsten ein Tribut schienen, ohne den er seiner neuen Stellung nimmer glaubte froh werden zu können, setzte er sich mit geschickter Umsicht in Kenntniß von dem augenblicklichen Zustande des Landes, wobei es ihm zum Trost gereichte, seinem unglücklichen Vater wenigstens das Zugeständnis eines trefflichen Haushalters machen zu können, da er die Geschäfte überall in guten und erfahrenen Händen, und trotz der Uebelstände, welche die Kriege der großen Staaten über jedes in ihrem Bereich liegende kleinere Land verbreiten mußten, einen über Erwarten gefüllten Schatz fand.

Nachdem er das Nöthige angeordnet, sendete er Egon zu seinem Großvater, dessen Namen er jetzt trug, und eilte dann in ziemlich starken Tagereisen nach Wien zu seiner fürstlichen Braut.

Obwohl nun die Kaiserin, wie allgemein bekannt, von großen und schweren Sorgen bedrängt war und dies auch unverkennbar in ihrem etwas veränderten Aeußern ausgedrückt lag, hatte sie doch vollkommen die große Eigenschaft der Fürsten, sich den Anliegen, die zu ihrer Kenntniß kommen mußten, mit unverkürztem Antheil hinzugeben und ihrer vorwaltenden trüben Stimmung keinen Einfluß darauf zu gestatten.

Sie empfing den Fürsten, ebenso wie ihr Gemahl, mit der größten Güte, und Beide hörten der ihm gestatteten Erzählung aller seiner früheren Verhältnisse und der darauf jetzt sich beziehenden Wünsche mit Antheil und Aufmerksamkeit zu und versprachen ihm endlich, seine – als selbständiger Fürst – gemachten Beschlüsse, die mit Allem übereinstimmten, was Redlichkeit und Gefühl nur fordern konnten, durch ihre allerhöchsten Garantien in Schutz zu nehmen und die nöthigen Feststellungen darüber zu befehlen.

Sein nächster Schritt war, die Einwilligung der Prinzessin Therese zu ihrer baldigen und den Verhältnissen gemäßen prunklosen Vermählung zu erlangen.

Es lag nicht in dem offnen Karakter der Prinzessin Therese, den so wohl begründeten Wünschen des Fürsten durch kleinliche Bedenklichkeiten entgegen zu treten. Sein Wiedersehn mit ihr war sehr rührend und unendlich tröstlich und beglückend durch die Fülle von verstehender Liebe, die ihm aus dem Herzen seiner Braut entgegen kam. Dies Herz, was die Natur gerüstet hatte viel zu geben und zu nehmen, welches mit seinem Reichthum bis dahin nicht gewußt, wohin es sich wenden sollte, um ihn los zu werden, und in die verführerischen Netze ihres lebhaften ungeregelten Verstandes gefallen war, dies Herz hatte nun, in die rechte Bahn eingelenkt, einen überschwenglichen Vorrath von Gefühl für alle Zustände, die ihr darauf begegneten. Alles, was bei gewöhnlichen Frauen so unwahrscheinlich gewesen wäre, ihre Freude über die beiden Kinder ihres Bräutigams, über die Anerkennung, die er dem Andenken seiner verstorbenen Gemahlin gewidmet – dies Alles war in ihr wahr und der Fürst fühlte das ohne allen Zweifel. Daß damit Thyrnau eine späte Genugtuung bekam, war ihr überdies ein Triumph, und sie beschloß, an ihrem Hochzeittage die Kaiserin um die Gnade zu bitten, Thyrnau völlig frei zu sprechen, oder ihn doch aus dem Karlstein zu erlösen. Es schien ihr dann nichts natürlicher, als daß Magda nicht zu ihm, sondern er zu Magda zöge, und wenn nicht für immer, doch als an eine zu ihm gehörende Heimat sich an ihr Fürstentum gefesselt fände. Der Fürst war über die Ausdehnung seiner Pläne durch den Mund der Einzigen, welche hätte dagegen sein können, überglücklich, und so verließ er sie, um von der Kaiserin die Festsetzung des Hochzeittages und die Erlaubniß zu begehren, daß die Ceremonie in einer zu bestimmenden Kirche Wiens und mit Beobachtung des größten Incognito's vor sich gehen dürfe. Die Kaiserin wählte voll Rücksicht für den Fürsten St. Stephan und die Stunde nach der Frühmesse und meldete sich und ihren Gemahl als Zeugen dieser hohen Einsegnung an.

Am Abend vorher hatte sie großen Zirkel bei sich, eine stillschweigende Feier der Hochzeit, von der Alle wußten und Niemand sprach. Sie war an diesem Abend ganz Huld und Liebe und versammelte endlich nach aufgehobenem Spiel in ihrer kleinen Nische einige Personen, zu denen außer dem Brautpaar, ihrem Gemahl und Kaunitz auch der junge Fürst von Trautsohn gehörte, der zu seiner maßlosen Qual und aus ihm unbekannten Gründen noch immer in Wien zurück gehalten wurde, während der erlauchte Graf von Podiebrad längst den Bescheid erhalten hatte: »Man habe jetzt wichtigere »Ausgaben, als ein altes, gar nicht mehr als Festung angenommenes »Schloß in kostspielige Wehrhaftigkeit zu versetzen, »da es Niemand einfallen könne, diese noch auf die Probe zu »stellen. Die Kaiserin habe dagegen beschlossen, die ganze »Besitzung mit allen Revenuen dem Fräuleinstift in Prag als »Eigenthum zu übergeben und es läge nur an der passenden »Zeit, dies zur Ausführung zu bringen.«

Von diesem Bescheid wußte Trautsohn nichts und eben so wenig wußte er, daß die Kaiserin um seinen Eintritt in die Armee mit seinem Vormund unterhandelte; denn Trautsohn hatte ihr so wenig ein Geheimniß von seinen Absichten auf Magda gemacht und ihr dabei so romantische Vorschläge zu seiner Hülfe gethan, daß sie beschloß, den verliebten Jüngling solle das Leben, die Zerstreuungen und die Plagen des Krieges erst etwas durcharbeiten und nachher dann beleuchtet werden, was von seinen Absichten übrig geblieben.

Sie war im Ganzen solchen forcirten Heirathen, wie sie die im Stande verschiedenen nannte, von Herzen gram; aber sie konnte sich den ungewöhnlichen Eindruck nicht leugnen, den dies Mädchen auch auf sie gemacht – sie nannte ihr ganzes Zusammentreffen mit Thomas Thyrnau und Magda eine romantische Episode ihres Lebens – und schloß richtig und entschuldigend, – wie es danach wohl einem so lebhaften Jünglinge ergangen sein müsse.

Der junge Fürst von Trautsohn hatte die Kaiserin bitten lassen, mit einer schwarzen Trauerbinde erscheinen, und ihr allein die Ursache sagen zu dürfen. So zeigte er auch eine besonders melancholische Miene, und eben jetzt ließ ihn die Kaiserin heranrufen.

»Ihr wolltet uns selbst sagen« – redete sie ihn an – »warum Ihr dies Zeichen der Trauer tragt, und ich will Euch jetzt darüber anhören.«

»Ich hätte Euer Majestät gern den ganzen Verlauf erzählt,« sagte Trautsohn – »aber wenn Ihr auch ganz danach gewesen wäret es zu hören, habe ich doch Bedenken, es jetzt zu thun.«

Die Kaiserin verzog den Mund zum Lächeln, dann sagte sie: »Wir haben selten mit Jemand so viel Geheimnisse zu bestehen gehabt, als mit dieser jungen Durchlaucht da. Immer sollen wir nur ganz allein seine Berichte hören – und dabei ist Kürze nicht sein Fehler!«

»Wenn man die Mutter aller seiner Unterthanen ist« – sagte die Prinzessin, die den ganzen Abend zwischen Lachen und Weinen war, und so oft sie konnte, die Hand der Kaiserin küßte – »sollte man sich billig darüber nicht beklagen!« Die Prinzessin konnte diese Worte kaum vor Thränen herausbringen und die Kaiserin bog sich zu ihr und küßte sie und sagte dann sanft: »Das wollen wir auch nicht, Muhme, sondern bloß den jungen Fürsten bitten, zu unsern nächsten Freunden so viel Vertrauen zu haben, wie zu uns selbst.«

Trautsohn war sehr erwärmt durch das Betragen der Prinzessin. Er kniete und küßte den Rock der Kaiserin, dann sagte er: »Das will ich denn! Auch denke ich, haben ihn der Fürst und seine Braut gekannt und geliebt und sie werden sein Andenken ehren, was ich mir von Sr. Excellenz von Kaunitz auch hiermit ausbitte.« Kaunitz verneigte sich etwas ironisch – der Jüngling fuhr fort: »Matthias Graf von Thurn ist in dem letzten unglücklichen Gefecht vom fünfzehnten Oktober an der Seite des Fürsten Piccolomini gefallen, nachdem er wie ein Löwe kämpfend und wie ein Held siegend vier Mal eine feindliche Schanze angegriffen und sie endlich nehmend auf ihrem Rande aus zehn Wunden sein kühnes Leben verblutete.«

»Ha« – rief die Kaiserin teilnehmend – »der Jüngling ist in dem Tagesberichte besonders ehrenvoll erwähnt! Ihr habt Recht um ihn zu trauern; wenn er euer Freund war, wollen wir Eure Trauer ehren und Euch mit unserer dankbaren Anerkennung dabei helfen. Gebt uns die Krepprose von Eurem Armband« – fuhr sie lebhaft fort – »wir haben es nicht mehr in unserer Gewalt, ihn zu belohnen, und wollen diese Rose heut' Abend als Anerkennung tragen – was Ihr seinen Vettern, wenn er solche hat, melden könnt.«

Trautsohn kniete abermals nieder und dichte Thränen rollten unverholen über seine Wangen, die Niemand sah, da Allen die Augen schimmerten. Die Prinzessin Therese löste die Krepprose von dem schwarzen Armbande des Jünglings und befestigte sie der Kaiserin an der linken Schulter.

»Das soll seinen Leichenstein zieren« – sagte Trautsohn und sah die Kaiserin begeistert an – »und jetzt will ich auch Alles von ihm sagen, denn Alles ehrt ihn und es wird überdies Euer Majestät zeigen, daß ich nicht der Einzige bin, der bis zum Tode empfindet, wovon ich Euer Majestät sprach.«

»Hören wir ihn an!« sagte die Kaiserin, sich fast bittend zu ihrem Gemahl wendend.

»Matthias von Thurn hat keine Aeltern mehr« – fuhr Trautsohn fort – »jung kam er zu meinem Oheim, dem Grafen von Podiebrad, nach dem Karlstein, denn sie waren verwandt. Da ist viel geschehn, um eine grade natürliche Richtung zu verdrehen, aber er war trotz seiner Schwärmerei ein herrlicher Mensch, ausgesöhnt mit seiner Lage und ganz in sie versenkt. Da kam Magda Matielli nach dem Karlstein und von da an war er ruhelos. Das – was so natürlich war wie die Sonne am Himmel – daß er solch herrliches Mädchen nicht sehen konnte, ohne sie zu lieben, das schien ihm, wegen gewisser Verdrehtheiten, die man ihm eingeredet, eine Sünde und er konnte den bösen Feind nicht angstvoller fliehn – und erlebte doch alle Tage neue Niederlagen, da er nicht leben konnte, ohne sie, wenn auch nur aus weiter Ferne, zu sehn. Ich habe viel mit ihm ausgestanden! Aus guten Gründen – die Euer Majestät wohl errathen werden – konnte ich gut verstehn, was ihm war, und ich wollte ihm wenigstens gern ausreden, daß seine Liebe zu diesem Engel eine Sünde wäre. Aber am besten that ihm doch, daß der Herr Fürst von S. ihn beredete, in die Armee einzutreten – da hatte er Zerstreuung und ich dachte, er könnte gerettet werden.«

»Nun« – sagte die Kaiserin – »das Mädchen stiftete ja viel Unheil mit ihrem schönen Gesicht!«

»Gott möge es denen vergeben, die dadurch Unheil erfahren« – rief Trautsohn – »denn sie verkümmern sich selbst den größten Segen ihres Lebens. Das schwöre ich Euer Majestät, bekomme ich sie, oder bekomme ich sie nicht, was Gott verhüte! Magda wird das Glück und der Segen meines ganzen Lebens bleiben.«

»Trautsohn! Trautsohn!« rief die Kaiserin lächelnd – »Halt! halt! wo bleiben unsere Geheimnisse?«

»Nun« – sagte Trautsohn – »es ist einmal heraus und mag so besser sein. Alle, die Euer Majestät hier Ihre Freunde nennen, kennen das Wunder von Mädchen und ich will sie Alle auf ihr Gewissen fragen, ob Trautsohns Fürstenkrone nicht fast zu klein ist für Magda's Engelshaupt! Hätte ich nicht dabei das Herz, dem ich schon vertrauen kann und das sie selbst gut nennt, wie könnte ich Muth haben, mich ihr anzubieten!«

Alle lächelten wohlgefällig – das hohe Paar am huldvollsten. »Nun« – sagte die Kaiserin – »das nenne ich eine echte Liebe!«

»Ach« – sagte Trautsohn – »und doch kommt sie mir gegen Thurns Liebe gering vor. Er hat sie wie eine Heilige geliebt – und auf dem Herzen, wie eine Reliquie, das Einzige getragen, was er von ihr besaß! Dies ist ihm von der durchbohrten kalten Brust genommen worden!« Er holte ein gefaltetes Blatt Papier heraus und gab es der Kaiserin – darauf stand: »Nach meinem Tode an Magda – das Einzige, was ich von ihr besaß!« – Es war ein Strauß vertrockneter Wiesenblumen. – Trautsohn erzählte, wie er Magda in der Kapelle entfallen sei, und seitdem auf dem Herzen des armen Matthias geruht habe, bis man ihn von seiner Leiche genommen.

Die Kaiserin gab das Blatt mit einem sehr ernsten Gesicht zurück. Jeder fühlte, sie wolle auch dies geehrt haben und Keinem ward das schwer.

»Weißt Du, Trautsohn, daß Magda künftig meine Nichte sein wird?« sagte die Prinzessin Therese zu ihm. – »Sie ist die Schwestertochter der ersten rechtmäßigen Gemahlin des Fürsten von S., welches eine Tochter von Thomas Thyrnau war.«

Trautsohn ward blutroth und sah dann die Kaiserin sehr herausfordernd an; als diese lächelnd schwieg, hielt er sich nicht länger. »Sehn Euer Majestät« – sagte er – »da wären wir ja schon mit einem Fuß im Bügel! Es kann bei einiger Gnade von Ihrer Seite nicht sehr schwer fallen, ihr das bischen Ahnenwerk noch nachzugeben, was die Trautsohns nöthig haben.«

»Mein guter Trautsohn« – sagte die Kaiserin – ich habe Deine Aeltern wohl gekannt und Deine Mutter gar lieb gehabt. Das giebt mir die Neigung, den Sohn statt ihrer mütterlich zu überwachen. Erst will ich Dich in beiden Bügeln fest haben – das heißt – Du sollst Dir erst etwas Tüchtiges versuchen in der Welt und dazu giebt leider unser armes Land jetzt viel Gelegenheit.«

»Wenn Euer Majestät einen Soldaten aus mir machen wollen im offnen Felde, so ist mir der Gedanke aus der Seele genommen und ich bin ganz dabei – auch um Magda's willen – denn sie fordert was von den Leuten und ist nicht leicht zu befriedigen. So schön es ist, wenn sie die Muhme des Fürsten von S. ist – da wird sie sich doch wenig daraus machen, ebenso wie aus meinem Fürstenrange, und ich kann sagen, es mag leichter sein, um ein gekröntes Haupt zu werben, als um Magda, die sich immer selbst genug ist!«

Alle lachten über den tragischen Humor des Jünglings und die Kaiserin bot ihrem Gemahl den Arm, um sich zur Abendtafel zu begeben.

Am andern Morgen nach der Frühmesse legte der Graf von Trautsohn, zur Zeit Erzbischof von Wien, in St. Stephan die Hände des Brautpaares ineinander.

Die Prinzessin Therese war an der Seite der Kaiserin dahin gefahren, dieselbe Ehre hatte der Fürst vom Kaiser genossen. Nach der vollzogenen Ceremonie, bei der nur Kaunitz, der erste Minister des Fürsten, der Bruder der Prinzessin Therese, der junge Fürst von Trautsohn, die Gräfinnen von Fuchs und Hautois, und auf ausdrücklichen Wunsch der Braut, Frau Gutenberg, ganz begraben in grauer Seide und Brüsseler Spitzen zugegen waren, gingen sämmtliche Herrschaften nach dem Kapitelsaal des Doms, wo der Abschied erfolgen sollte, indem die Reisewagen des vermählten Paares vor dem Dome harrten. Die Kaiserin trat mit der Braut nach den üblichen Glückwünschen hinter einen Vorhang, und Frau Gutenberg hatte hier die hohe Ehre, das Diadem und die übrigen Staatskleider abzunehmen und ihr den prachtvollen Reiseüberwurf anzulegen, welcher ein Geschenk der Kaiserin war, und womit die Prinzessin überrascht wurde.

Dabei war die erhabene Frau von einer mütterlichen Güte und ihre Rührung stieg immer mehr, als der Augenblick des Abschieds nahte und die Prinzessin in ihrer leidenschaftlichen Lebendigkeit sich in Thränen aufgelöst zu den Füßen der Kaiserin warf und in den glühendsten Worten des Dankes ihr fast eine an Anbetung grenzende Liebe ausdrückte.

Sie liebkoste sie mit seltener Zärtlichkeit und wiederholte immer: »Du hast an mir, so lange ich lebe, eine Mutter! sag' mir, ob Du noch einen Wunsch hast!«

Da wagte die Prinzessin Therese die Bitte für die Freilassung von Thomas Thyrnau.

»Es ist hübsch von Dir, daß Du sein gedenkst« – sagte die Kaiserin – »denn grade heute mußt Du fühlen, wie viel Dank Du ihm schuldig bist, da er Dich in Wahrheit aus großen Gefahren errettete. Doch sei seinethalben außer Sorge, es ist bereits über ihn verfügt, und Du wirst erfahren, daß ich selbst nur zu geneigt bin, keine Strenge gegen ihn zu beobachten.«

Dann führte sie die erschütterte Prinzessin selbst dem Fürsten von S. zu, und nach allgemeinem Abschiede verließ die Kaiserin mit ihrem Gemahl und Hofstaat St. Stephan, und die Reisewagen nahmen die Neuvermählten auf, um sie der Heimat entgegen zu führen.


Wir übergehn das sehr innige Begegnen von Magda und der Fürstin von S. Es schien der Letzteren, als könne sie nicht mehr ohne dies geliebte Wesen leben und sie machte mit ihrem Gemahl tausend Pläne, Magda's Einwilligung zu erlangen. Diese war jedoch nicht zu erweichen, denn so glücklich sie sich auch in so ausgezeichneten Verhältnissen finden mußte, ihr Herz hing immer nach ihrem Großvater hin, und sie kämpfte einen schweren Kampf mit ihrem Gehorsam gegen ihn, den sie nicht wagte, ihm aufzukündigen, wenn über seinen Willen so wenig Zweifel war wie hier.

Es war daher ein nicht zu unterdrückender Jubelruf Magda's, als ihr im Februar des folgenden Jahres 1757 die Nachricht wurde, die Kaiserin habe die Haft des Thomas Thyrnau im Karlstein mit dem Aufenthalt in Prag vertauscht, wohin er sich auf sein Ehrenwort als Gefangener zu begeben habe.

Nun hielt Magda nichts mehr zurück; denn Thomas Thyrnau – wie gern er sie auch noch von sich entfernt gehalten hätte – wagte ihrer Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit ihm dennoch nicht länger entgegen zu treten; und so willigten ihre zärtlichen Freunde ein, sich der Zierde ihres häuslichen Kreises zu berauben, und in Begleitung von Mora und Bezo, ihren unzertrennlichen Gefährten, trat Magda die vom Fürsten selbst mit allen möglichen Sicherheitsmaßregeln ausgestattete Reise nach Prag an.

So manches Bedenken nun Thyrnau gehabt hatte, die ihm zugestandene Freiheit, innerhalb Prags nach Gefallen seine Wohnung zu wählen, dahin auszudehnen, daß er den Wratislaw'schen Palast als eine solche ansehen solle, wußte er doch gar nicht, wie er seine Weigerung ausdrücken sollte, da Claudia und Lacy auch nicht entfernt an die Möglichkeit dachten, daß es anders sein könne, und für ihn und Magda gleich die schönsten Räume in Bereitschaft gesetzt worden waren, so ohne Anfrage und mit solchem Ausdruck inniger Freude und erfüllter Wünsche, daß Thyrnau in seiner weisen Mäßigung überlegte, ob seine offen geäußerte Weigerung nicht ein gefährliches Hinweisen auf den einzigen schwachen Punkt ihres Verhältnisses werden und dies erst Gefahren entwickeln könnte, die so vielleicht verdeckt blieben von dem Willen und der Unschuld der edelsten Menschen. Auch mußte er die Verhältnisse verändert erkennen. – Claudia hatte unter großen Gefahren einem Mädchen das Leben gegeben, und obgleich die Zeit über noch an ihr Lager gefesselt, wohnte doch durch dies kaum gehoffte Geschenk des Himmels ein so erhöhtes Glück, eine so vollendete Gattenliebe in Beiden, daß Thyrnau hoffen durfte, ein Gegengewicht sei dadurch entstanden.

Magda's Ankunft bestätigte diese Hoffnung. Ihre namenlose Freude, ihren Großvater wieder zu besitzen, erhöhte sich immer noch in den Gemächern Claudias, wo sie mit Lacy und der glücklichen Mutter wie gebannt über der Wiege des kleinen Mädchens hockte und den Wundern nachsah, welche diese kleine Kreatur Aller Meinung nach täglich zur Schau stellte. So, schien es, sollten die schwierigsten und gewagtesten Verhältnisse durch die edle Gesinnung der betheiligten Menschen bloß den Zuwachs an Glück und Zufriedenheit hervortreten lassen, der neben dieser Gefahr im hohen Grade vorhanden war.

Der Winter verstrich unter Umständen, die sich wenig änderten, nur mit der Abwechslung kleiner geselliger Kreise, welche doch, dem Befinden Claudios angepaßt, nur aus wenigen Personen bestehen konnten.

Dies Befinden erfüllte Lacy heimlich mit Sorge. Wenn sie in ihrem vorgerückten Alter die Erschütterungen einer so heftigen Katastrophe, als die eben durchlebte, nicht so schnell zu überwinden erwarten durfte, als jüngere Mütter – schien die Genesung und Erkräftigung doch zu lange ausbleiben zu wollen, und ein kurzer trockener Husten, der ihre Nächte beunruhigte und von dem auch ihr Kind befallen ward, hinderte die Wirksamkeit ärztlicher Hilfe.

Das Frühjahr, worauf unter diesen Umständen Alle hofften, schien sich nicht günstig zu zeigen; ein rauher Ost-Wind hielt die Vegetation zurück, und die Kranken waren kaum im Zimmer gegen seinen Einfluß geschützt. Magda, welche die erste Pflegerin von Mutter und Kind war, äußerte zuerst ihr Bedenken über Claudios Zustand dem Großvater, und immer in ihren Pflichten das Nöthigste erkennend und ihre Handlungen danach bestimmend, war sie jetzt weniger bei dem Großvater, nur bemüht, Claudia durch ihre Gegenwart von den wehmüthigen Ahnungen abzuziehen, welche dieser dauernden Schwäche nothwendig folgen mußten. Ebenso war das Kind nicht stark, und Genesung und Wiedererkranken erhielten eine nachtheilige Spannung für die leidende Mutter, welche ihr nicht abzuhalten war. Lacy schien dagegen jedes Eingeständniß über Claudios Zustand vermeiden zu wollen; er redete sich oft Anzeichen aus dem Sinne, welche die Andern beunruhigten, – und Magda ließ ihn gern in seinen Hoffnungen – was nützte der Sache die Erkenntnis der Wahrheit!

In dem Maaße, daß Claudios körperliche Kräfte sanken, steigerte sich die schone geistige Harmonie ihres Innern. Inniger noch schloß sie sich an Magda an, welche ihr unschuldig ihr ganzes Herz verrieth, und auf deren weibliche Richtung sie einen wohlthuenden Einfluß ausübte, dessen sich Beide nicht bewußt waren, indem Jede von der Andern die höchste Meinung hatte.

In der Mitte des April brach aber eine doppelt beunruhigende Zeit an, in der die Gräfin das Bett hüten mußte, und wo das von Allen gefürchtete tägliche Fieber eintrat. Eine tiefe Besorgniß für das Leben der Gräfin verbreitete sich über alle Schloßbewohner, und man vermied offnes Aussprechen, und die Lebensweise eines Jeden gestaltete sich nach dem Grade der Annäherung, den die Verhältnisse bei ihr gestatteten. An Magda's Gesellschaft hing die Gräfin mit dem feinen Egoismus der Liebe, der dem Herzen des Andern so wohlthuend wird.

In dieser Zeit ließ Thyrnau eines Tages Magda zu sich rufen, und nachdem sie ihm die bewegtere Stimmung auf den ersten Blick angefühlt hatte, und außer Zweifel war, es werde ihm das, was er ihr zu sagen habe, schwer – drängte sie ihn mit dem holden kindlichen Ungestüm, der die tragische Spitze brechen sollte, zu reden.

»Nun« – sagte Thyrnau – »ich darf nicht zweifeln, Du werdest mir bald sagen können, was das Rechte ist – dies Rechte muß sich unabhängig in Deinem Gefühl entscheiden, und ich verspreche Dir, seinem Ausspruche meine volle Berücksichtigung zu schenken.«

»Kaunitz schreibt mir, daß die Kaiserin befiehlt, daß ich mich im tiefsten Inkognito nach Wien begeben und in der Burg die ersten Zimmer der Prinzessin Therese, die ganz der Aufmerksamkeit entzogen werden können, einnehmen soll, von wo aus sie mich in den ihr noch gegönnten Freistunden zu sich rufen lassen kann, um meine Arbeiten kennen zu lernen. Mit ihrer alten Huld« – fuhr er fort, da er sah, daß Magda erblaßte und sich schnell niedersetzte – »mit ihrer alten Huld gedenkt sie dabei Deiner!«

»Sie wünscht es nicht, daß Du mich jetzt begleitest – sie hält das Geheimniß, was sie durchaus behauptet haben will, durch die Begleitung eines jungen Mädchens bedroht, welches schwerer der Aufmerksamkeit zu entziehen sei. Sollte es Dir aber heftigen Kummer machen, so solltest Du zwar nicht mit mir ankommen, aber bei sicherer Begleitung hinter mir her reisen, im Palast Morani wohnen und durch Frau Gutenbergs Vermittlung mich dann täglich sehen können.«

»Das ist eine Frau!« rief Magda aufspringend und den Großvater umarmend – »da will man gleich auch auf seine Art was Rechtes thun – Alles wächst in einem!« Dann fing sie plötzlich heftig an zu weinen und vergrub sich an den Busen des getreuen Freundes.

»Ach« – sagte sie dann und hob den Kopf empor – »ich dachte, Claudios Krankheit wäre genug Leiden – und daß Du da wärest – über den Saal hinüber – daß ich Dich an mein Herz drücken komme, so oft es mir weh that – was war das – und nun sollst Du fort – fort von mir!«

»Jedenfalls währt das nicht lang« – sagte Thyrnau – »und es ist kein Exil, wovor Du Furcht zu haben brauchtest, sondern eine glückliche Situation, in der am Besten das Werk gefördert werden kann, welches meinem theuren Vaterlande wichtig werden soll.«

»Das ist die Hauptsache!« sagte Magda – »da wird Dich nichts kränken, sondern Dein großes Werk wird zu Ende und zu Ehren kommen! – Darum will ich das auch noch hinzunehmen, was mir Deine Abwesenheit sein wird, und will der großen Kaiserin zeigen, daß Magda sich auch überwinden kann, um der großen Sache willen – und das kannst Du ihr nur von meinetwegen sagen! Außerdem, Großvater! wie hätte ich Claudia verlassen können, die mich den ganzen Tag nöthig hat – wenigstens als Botin zwischen sich und dem kränkelnden Kinde – wie könnte mich Lacy entbehren, da er abwesend sein muß, und dann nur Trost findet, wenn ich bei ihr bleibe!«

»Ich habe Deine Entscheidung nicht anders erwartet« – sagte Thyrnau – »denn ich sehe sehr wohl ein, wie wichtig Du für Lacy und Claudia bist und zweifelte nicht, Du werdest davon Dein altes ehrliches Bewußtsein haben – doch war die Nachricht für Dich eine Prüfung, wie schnell die Besonnenheit über das erregte Gefühl siegen werde.«

»Jetzt,« entgegnete Magda, »laß uns nur sorgen, daß Claudia die Sache milde erfährt, daß sie nicht erschrickt über den Gedanken der Trennung von mir, und es ihr nicht als Opfer für sie erscheint, wenn sie erfährt, daß ich bleibe.«

Diese Vorsätze wurden mit dem größten Geschick ausgeführt, und wie sehr Claudia den alten Thyrnau liebte, wie ahnungsvoll ihre Zukunft sie zugleich bedrohte, das zeigte sich Allen auffallend durch die tiefe Betrübniß, mit der sie seine Abreise herannahen sah.

Ehe er Prag verließ, bat sie ihn noch um eine Unterredung mit ihm allein – es war eine lange ernste Unterredung – die Gräfin sah an diesem Tage Niemand mehr und Thyrnau hatte den gehobenen Kopf und die blasse Farbe, welches oft die einzigen Symptome großer Gemüthsbewegung bei ihm waren.

Am andern Morgen reiste Thyrnau ab, und als Magda ihre verweinten Augen in ihrem Zimmer verbergen wollte, überraschte sie Claudia, von ihren Frauen geführt, welche das Bett verlassen hatte, um ihren Liebling zu trösten. Seit diesem Tage kehrten neue Hoffnungen bei allen ein – auch das Kind hatte eine bessere Zeit, und so war, trotz der Abwesenheit Thyrnau's, der zu Aller Glück so nöthig war, eine größere Heiterkeit über Alle verbreitet, und man war schnell bereit, von der Zukunft noch mehr zu erwarten.

Nicht so friedlich und beruhigend stellten sich die äußern Verhältnisse, und das Naherücken des gesegneten Frühjahrs kostete jetzt tausend Herzen schwere Seufzer, denn wie bloß von dem starren Elemente das Ungeheuer des Krieges gefesselt worden war, so brach es jetzt mit erneuter Heftigkeit hervor, und immer zuerst lenkten sich die Augen auf Friedrich den Großen, der in imposanter Haltung die Winterquartiere bezogen. Schon den zehnten April war er in Böhmen eingebrochen, hatte den ein und zwanzigsten April ein siegreiches Gefecht bei Reichenbach geliefert und stand jetzt, am vierten Mai, hart an der Hauptstadt Prag, der österreichischen Armee mit sieggewohnten Truppen gegenüber.

Mit unbeschreiblicher Bewegung sahen die Bewohner Prags die unausbleibliche Katastrophe einer Schlacht sich nahe gerückt, da ihr Schicksal nothwendig mit darin begriffen sein mußte, und ein leider begründetes Mißtrauen gegen den Widerstand, welchen der siegreiche König finden werde, diese Erwartung zu einer traurigen Befürchtung machen mußte.

Der sechste Mai weckte die Bewohner der Hauptstadt durch den Kanonendonner, welcher die entscheidende Schlacht bei Prag einleitete. Obwohl der Anfang dieser Schlacht den Preußen ungünstig schien, die Infanterie, selbst die Grenadiere geschlagen wurden, und Friedrich der Zweite seinen berühmtesten General, den drei und siebenzigjährigen Feldmarschall Schwerin in dem Augenblick verlor, als er sein Regiment aufs Neue ins Feuer führte, gelang es doch dem wachsamen Auge dieses Heldenfürsten, den schwachen Punkt der Gegner zu entdecken.

Der rechte Flügel der Oesterreicher trennte sich in Verfolgung des feindlichen linken zu weit von dem Centrum, und eilends warf Friedrich mehrere Regimenter in die breite Lücke. Jener Flügel ward bis Beneschau verfolgt, der linke von der preußischen Hauptmacht angegriffen und gezwungen, sich nach Prag hinein zu werfen. Vierzig tausend Mann mit dem Prinzen von Lothringen und dem tödtlich verwundeten Feldmarschall Brown waren in Prag eingeschlossen.

Österreichs Lage war nach diesem Tage verzweiflungsvoll; Böhmen war so gut wie verloren, Mähren und Oesterreich nah bedroht. Man hatte Friedrich nichts entgegen zu setzen, als die Trümmer des geschlagenen rechten Flügels; Daun's Corps von zwanzig bis vierzig tausend Mann, in Mähren postirt, und die in den Erblanden zerstreuten Rekruten, die noch keine Muskete getragen hatten. Dessen ungeachtet wurden in Ungarn wie in allen Erbstaaten die Werbungen eifrig fortgesetzt, und so waren in vier Wochen siebenzig tausend Oesterreicher beisammen, über die der Feldmarschall Graf Daun den Oberbefehl erhielt und in denen die letzte Kraft, die letzte Hoffnung der Monarchie beruhte.

Unterdessen ward Prag durch die Preußen aufs fürchterlichste bombardirt und so eng eingeschlossen, daß jede Zufuhr unmöglich wurde. Man hatte wohl an die Befestigung der Stadt gedacht, aber nicht an ihre Verproviantirung, und was sich vorfand, reichte um so weniger aus, da die Einwohnerzahl durch vierzig tausend Mann Truppen vermehrt war. Der Mangel zeigte sich bald in jedem Artikel fühlbar und verschonte weder den Armen noch den Reichen, der sein Gold nicht in Brod oder Fleisch zu verwandeln vermochte.

Das Elend wuchs zu einer grauenhaften Höhe. Die erschöpften Krieger, die muthlosen Bürger mit dem Hunger und seinem Gefolge, den schrecklichsten Seuchen kämpfend, sahen ihre Häuser in Schutthaufen verwandelt, die mühsam behaupteten Wälle von kräftigen Feinden, die an Nichts Mangel litten, jeden Tag aufs Neue angegriffen – hinter sich Feuer, Schutthaufen, Hunger und Krankheit, stürzten sie sich verzweifelnd den Feinden zur Vertheidigung entgegen, die glücklich preisend, welche ihren Tod mit dem Degen in der Hand fanden. Bald nahmen die Truppen so ab, daß der Feldmarschall Brown von seinem Sterbebette aus die wehrhaften Männer Prags unter die Waffen rief, zur Ergänzung der täglich mehr abnehmenden Soldaten. Diesem Rufe schlossen sich die in Prag anwesenden Edelleute an, um den fühlbaren Mangel an dienstfähigen Offizieren zu ersetzen, und unter ihnen durfte der Graf von Lacy nicht fehlen, wie ungünstig auch für den Augenblick seine übrigen Verhältnisse dazu paßten.

Die Schrecknisse einer Schlacht, deren fürchterlicher Kanonendonner immer näher rückte und zuletzt mit dem stürmischen Einzuge einer flüchtenden Armee endigte, hatte auf Claudia und Magda heftig eingewirkt, und besonders die erschütterte Gesundheit der Ersteren, trotz ihrer möglichst behaupteten Geistesstärke, so ergriffen, daß schon am zweiten Tage ein heftiges Blutbrechen eintrat, welches zwar bald gestillt, keine augenblickliche Gefahr nachließ, nichts destoweniger die Kranke an ihr Bett fesselte und einen schon bedenklichen Zustand steigerte, besonders da die nun folgende Belagerung jede Ruhe, unmöglich machte. Dieses Steigen der Gefahr, dieses wachsende Elend, erlöste Magda von ihrer vorher so lebhaft empfundenen Angst und machte sie stark und fest, der Noth zu begegnen, die bald Keinem mehr zu entziehen war. Als eine Bombe, ohne zu zünden, den Flügel des Schlosses zerstörte, den der Großvater bewohnt hatte, stürzte sie, Gott inbrünstig dankend auf ihre Knie und eilte dann, mit ihren muthigen, kräftigenden Worten die erschütterten Domestiken zu beleben.

Was nur von männlichen Dienstboten das Haus besessen, war schon unter die Waffen getreten und jetzt fehlte auch Lacy so oft, so Nächte lang, kam so erschöpft, so glühend oft nach Hause, daß Magda zu ahnen begann, wohin auch er von seiner Pflicht gerufen ward.

Dabei nahm der Mangel auf drohende Weise im Hause zu, und jetzt erkrankten einige Dienerinnen und starben mit verdächtigen Symptomen. – Andere verließen das Haus, um nicht wieder zu kommen, entweder von Krankheit oder von Kugeln, die so viele Menschenleben auf den Straßen endigten, ereilt.

Bald blieben in dem großen, noch kurz vorher so belebten Palast Wratislaw nur noch die Amme des Kindes, Mora, Bezo und Magda – denn Gertraud war bereits einem schnellen und schmerzhaften Tode erlegen, und Gundula hatte Magda nicht nach Prag begleitet, sondern das Dohlennest wieder in Obhut genommen.

Magda theilte nun mit Mora die Pflege der Gräfin, deren Zustand mit jedem Tag bedenklicher wurde. Was aber diese Pflege so trostlos erschwerte, war, daß nachgerade alle Mittel fehlten, der Kranken die nöthige Erquickung zu verschaffen. Brod fehlte schon lange und die Mehlvorräthe des Hauses wurden von Mora benutzt, kleine Brödchen für die Kranke wie für die ermattete Amme zu backen. Milch gab es gar nicht mehr, denn jede Kuh war nach den öffentlichen Schlachthäusern geschickt – und doch existirte kein Fleisch mehr. Unbeschreibliche Dienste leistete Bezo in dieser Zeit; sein Instinkt schien sich zu Begriffen zu entwickeln, wenn Magda ihn zu Dienstleistungen aufforderte. Er verschwand dann oft Stunden lang und kam zerrissen, blutig und todtmüde zurück; aber er brachte immer etwas mit, einen todten Vogel, ein paar Eier, eine Düte voll Waldbeeren. Er besaß ein wunderbares Talent, Tauben zu locken, die oft in zerrissenen Zügen oder einzeln die alte Stadt umkreisten und die Wohnungen suchten, von denen sie durch das schreckliche Prasseln des Bombardements verscheucht waren – und was war eine Taube für ein Glück für die völlig mittellose Haushaltung der armen Magda.

Lacy hatte endlich Claudia gestanden, daß er Offizierdienste thäte; vorläufig bei der innern Bewachung der Stadt, wo es an Excessen nicht fehlte, welche der verzweiflungsvollen Noth des Volkes immer zur Seite gehn. Er genoß niemals etwas von Magda's kleinen Vorräthen, er erklärte, Soldatenkost außer dem Hause zu bekommen; er brachte ihr im Gegentheil oft noch einige Nahrungsmittel mit und nöthigte sie, in seiner Gegenwart davon zu genießen, denn selten waren sie von so feiner Natur, um Claudia angeboten werden zu können. Aber mit welchem wilden Schmerz sah er täglich die Noth für die geliebten ihm anvertrauten Wesen steigen, ohne ihr abhelfen zu können – und sich dabei in Verhältnisse gezwungen, die ihn von der tröstlichen Gemeinschaft mit ihnen trennten.

Eines Abends sagte Lacy zu Magda, als sie Claudia zur Nachtruhe verlassen hatten, und Beide von den wachsenden Leiden betäubt, stumm mit einander auf die Terrasse hinaus traten, wo der mildeste Abend über Bäumen und Sträuchern lag, welche ungestört ihr wohl genährtes Leben fortführen und bei dem augenblicklichen Schweigen der Geschütze sich eine tiefe Ruhe ausgebreitet hatte: »Magda, ich muß diese Nacht fort und werde vielleicht den morgenden Tag nicht zurückkehren – ich muß einen entfernteren Posten besetzen helfen, der nicht sehr exponirt ist, aber mir doch die Rückkehr für morgen unmöglich macht. – Ich fürchtete, es werde Claudios Nachtruhe stören, wenn ich es ihr sagte – entziehe ihr die Nachricht, so lange Du kannst.«

»Ach, Lacy!« sagte Magda – und war unfähig, ihre Thränen zurück zu halten – und Lacy fühlte den Sinn dieses tief klagenden Tones.

»Und Du!« rief er fast heftig ihre Hände fassend – »Du mußt Alles tragen – für Dich habe ich keine Schonung, keine Hülfe – Dich sehe ich verschmachten und habe keine Erquickung – Dich sehe ich in Angst und Gefahren und muß sie alle über Dich zusammen brechen lassen – Dich! Dich!« – seine Stimme brach – laut schluchzend drückte er sein Gesicht in ihre Hände, und der lang bezwungene Schmerz brach hervor und erschütterte sein ganzes Wesen. Magda konnte ihn auch nicht stützen; ihre physischen Kräfte waren durch den Mangel an Nahrung geschwächt, ihr Geist durch die Schrecknisse des Bombardements erschüttert, ihr Herz empfindlich angegriffen durch die Anzeige Lacy's, daß er jetzt den äußern Dienst antreten müsse.

»Ach, Lacy!« – sagte sie – »ein ganzer Tag ohne Dich – das raubt mir die letzte Kraft!« Da riß sie Lacy außer sich an seine Brust und Beide weinten – stumm und fest sich umschlingend.

Als sie endlich sich aufrichteten, sahen sie Bezo, der sich still zu ihren Füßen gesetzt hatte und einer noch blutenden Taube die Federn ausrupfte. So groß war die Noth, daß dieser Anblick Magda einen Freudenschrei entlockte, und sie Alles vergessend neben ihn niederkniete und seinen Kopf strich. – »Ach!« rief sie mit Thränen zu Lacy aufsehend – »nun haben Claudia und die Amme morgen eine Suppe! Ach, Lacy! ich hatte Nichts mehr – ich bat Gott den ganzen Tag um Rettung – ach! zum ersten Male hätte ihr die Suppe gefehlt – bis jetzt ahnt sie noch nicht unsere Noth.«

Bezo war außer sich vor Freude, denn er verstand Magda's Freude, – aber schaudernd fast sah sie, daß er jede Feder aussog und zuweilen an dem blutigen Kopfe der Taube verstohlen leckte.

»Gott!« – rief Magda – »das arme Geschöpf – es muß auch Hunger leiden!« Lacy verhüllte sein Gesicht, er stürzte fort und sie sahen ihn dahin eilen, fort aus dem Schlosse und über den Vorhof verschwinden. Da setzte sie sich neben Bezo auf die Erde und weinte, wie sie noch nie geweint – als wollte ihr das Herz brechen – das ganze Leben ihr entschwinden. Dann sank sie neben ihn ins Gras und ein tiefer Schlaf endigte die tödtliche Erschöpfung.

Als sie erwachte und sich erquickt aufrichtete, stand der Mond über der Terrasse. Bezo saß noch dicht neben ihr, und bemühte sich, von Magda's Schnupftuch und von den Federn der Taube, die er kahl gerupft, ein kleines Bett zu machen, das er unter ihren Kopf schob. Von diesen wenig berechneten Bemühungen war Magda auch vielleicht erwacht und sah jetzt Mora, welche auch ihre gesunde Farbe verloren hatte, gegen einen Baum lehnen.

Magda richtete sich auf, die Alte unterstützte sie, traurig sahen sich Beide an. »Schlafen die Andern, Mora?« fragte Magda.

»Gottlob! daß Du etwas Ruhe fandest« – sagte die alte Frau traurig – »vielleicht hat es Dir Kraft gegeben zu neuen Leiden!«

»Neue Leiden« – sagte Magda – »ist etwas noch hinzugekommen? Sag' mir die Wahrheit, Mora, – Gott hat das Maß! es wird doch nicht mehr sein, als ich tragen kann.« »So halte Dich recht fest an diesen Glauben« – erwiederte Mora – »denn vor einer Stunde ist das Kind gestorben.«

»Das Kind! Claudia´s Kind!« rief Magda und fühlte wie ihre Knie brachen. – Mora führte sie zu einer Gartenbank. – »Fasse Dich« – sagte sie – »es ist besser, als daß wir es müßten verhungern sehn!«

Eine dumpfe Kälte schlich durch Magda's Inneres – ein Aufhören von Leiden in betäubender Gefühllosigkeit! Sie stand bald auf und ging nach dem Schlosse und wollte in das Zimmer des verstorbenen Kindes eintreten; Mora hielt sie noch zurück. »Du kannst denken, Magda, daß das Kind nicht allein sterben konnte – die Amme bekam Krämpfe – sie hatte das unreife Obst gegessen, die Arme – sie starb in Zeit einer Viertelstunde – ein Schlagfluß endigte ihre Leiden. Das Kind war schon gestern eine halbe Leiche und starb ihr sanft nach.«

»Und das Alles in der Zeit, während ich mit Lacy das Schloß verließ?« sagte Magda dumpf.

»Gottlob ja!« erwiederte Mora – »wenigstens das konnte ich allein durchmachen. Du wirst morgen noch genug mit Claudia zu leiden haben – denn wie sollen wir es ihr verbergen?«

Beide blieben in traurigem dumpfem Nachdenken in einem Kabinet vor dem Schlafzimmer Claudia's sitzen. Dieses reizende Boudoir strahlte in dem Glanze einer verschwenderischen Ausstattung, welche mit Pracht den gebildetsten Geschmack vereinigte. Kostbare Gemälde deckten die vergoldeten Wände, schöne Marmor-Sculpturen waren in Nischen aufgestellt, kunstreiche Holzarbeiten lieferten die kleinen Gerätschaften zu Claudia's Beschäftigungen, und dies kaum neun Monate bewohnte Schloß, dessen übrige Einrichtung in so vollständiger Harmonie hierzu stand, war jetzt leer, und die wenigen Personen, die noch neben zwei Leichen Wache hielten, sahen ihren Hungertod herannahen. Weder Magda noch Mora sprachen; zuweilen schliefen sie Beide; zuweilen erwachten sie mit dem jähen Schreck, der ihre Nerven erschütterte, und bei dem Mangel an Nahrung ein tiefes Weh des Magens erzeugte, das die Kräfte lähmte und den Kopf betäubte.

Gegen Morgen noch ehe die Sonne aufging, hörten sie fern die Thüren klappen, es schlich sich ein Männerschritt näher und Mora erhob sich mühsam und öffnete die Thür, um zu sehn, wer das öde Haus betreten habe. Der Arzt trat ihr entgegen – er trug ein Päckchen im Arm – und setzte sich gleich nieder, denn auch er war erschöpft. Magda trat ihm entgegen und erzählte ihm mit schrecklicher Gleichgültigkeit, was geschehen war. Der Arzt hörte sie still an – wie viel Elend ging nicht an ihm vorüber. – Kalt sagte er: »Das kostet der Gräfin das Leben.« Magda schauderte noch einmal, dann ward sie wieder gleichgültig und setzte sich still neben ihn.

Dem Arzte war die Ruhe eine Wohlthat. Er starrte vor sich hin, er hatte vergessen, was er wollte, fühllose Erstarrung war das Loos aller unglücklichen Einwohner Prags – und am meisten solcher Männer, denen das Elend mit Gewalt aufgedrängt ward, von denen Alle Hülfe wollten, die von einer Schreckensscene zur andern gerissen wurden.

Endlich durchzitterte ein Kanonenschuß die Luft und Beide schreckten auf. – »Geht es schon an?« sagte der Arzt, – »heute ist ein Tag, der über uns Alle entscheidet – Daun rückt heran – vielleicht giebt ihm Gott den Sieg, sonst sind wir Alle verloren. Brown hat geschworen, die schimpflichen Bedingungen nicht einzugehen, welche ihm von dem Preußen-Könige gemacht wurden, als er das arme Prag übergeben wollte. Nun drängt sich heute noch einmal Alles auf die Wälle zum letzten Widerstand, und man sagt. Dann wird endlich seine Unentschlossenheit aufgeben und dem Könige die Schlacht anbieten. Wer daher den heutigen Tag überlebt, kann vielleicht hoffen! Magda,« – sagte er jetzt sich aufraffend – »Lacy schickt Dir hier seine heutige Portion – ein Kamerad hat mit ihm getheilt – er glaubt heute genug zu haben.«

Der Arzt wickelte ein großes Stück hartes Kommißbrot aus. – »Er sagt,« fuhr er fort – »Du habest noch Wein – gieb mir etwas – damit ich wieder zurückkommen kann.«

»Ja,« sagte Magda – »da das Kind todt ist, magst Du ihn haben – ich wusch es damit und auch Claudia – die aber auch bald todt sein wird.«

Sie nahm, ehe sie ging, um den Wein zu holen, etwas von dem harten Brote und verzehrte es begierig. Der Arzt sah traurig zu – als sie fort war, schüttelte er ein paar Krümchen, die ihr entfallen, in die Hand und verschlang sie, und dann haftete sein Auge so begierig auf dem Brote, daß er endlich einen Brocken abbrach. Magda kam zurück mit Mora und Bezo, denen sie sogleich vom Brote reichte. Der Arzt aber trank ein Glas Wein und nöthigte auch den Andern davon auf.

»Ja« – sagte Mora – »davon leben wir – die Weinkeller waren hier gut versorgt. Bis auf dies kleine Restchen, was der Graf zurück behielt, mußte Alles abgeliefert werden – doch nun ist es bald zu Ende.«

»Nehmt diese volle Flasche an Lacy mit« – sagte Magda – »es ist noch eine im Keller.« Der Arzt senkte sie in seine Tasche – da pfiff ein schreiender Laut durch die Luft – prasselnd stürzte eine Bombe durch das Dach – Fenster und Thüren sprangen auf, und Alle stürzten betäubt zu Boden.

Als die erste Erschütterung vorüber war, hörten sie leise und kläglich rufen: »Mein Kind! mein Kind!« Einer nach dem Andern richtete sich auf. Magda sah zuerst die einer Leiche ähnliche Gestalt Claudia's, welche in ihre Decken gehüllt, gegen die Thür lehnte, die zu ihrem Schlafzimmer führte und aus den Angeln gerissen auf dem Boden lag. Magda stürzte auf sie zu und umfaßte sie angstvoll – Claudia aber rang sich los und zeigte nach der gegenüber liegenden zertrümmerten Thür, vergeblich bemüht, sie zu erreichen, Aller Augen folgten der Richtung – das ganze Gemach war in Rauch und Staub gehüllt; aber schon war zu erkennen, daß hier die Bombe eingedrungen war und die Decke des Zimmers zertrümmert auf dem Fußboden lag.

»Gottlob!« sagte Mora – »daß das Kind schon gestern Nacht starb!«

»Starb? todt?« Mit diesem Jammerlaute sank Claudia bewußtlos in die Arme der Hinzueilenden.

Mühsam trugen die Erschöpften die Gräfin auf ihr Krankenbett und bestrebten sich, die starren Glieder einzuhüllen. Unthätig sah der Arzt auf das bleiche Gesicht der Gräfin, und ihm, der das Elend und die Qual der Menschen in so grauenhafter Gestalt kannte, schien diese Ruhe, die sie vielleicht leise hinüberrief, so wohlthuend, daß er sich nicht überwinden konnte, die Lebensversuche zu machen, die sie zum Bewußtsein ihrer Leiden wecken sollten.

Eben so stumm saß Magda – nur Mora hatte in dem Kamin eines nahen Zimmers mit Bezo's Hülfe Feuer angemacht und begann die Taube zu kochen.

Dazwischen brach von allen Seiten das fürchterlichste Bombardement los, womit der Feldmarschall Keith vor Prag die denkwürdige Schlacht des achtzehnten Juni, welche die Kräfte des Daunschen Corps gegen die des siegreichen preußischen Heeres maß, seinerzeit begleitete. Die Belagerung der Stadt ward durch diese heftigen Angriffe zu einer noch nicht dagewesenen Höhe getrieben – glühende Kugeln – zerspringende Bomben ließen das Feuer an allen Orten ausbrechen und ohne Widerstand um sich greifen, da die Erschöpfung der Weiber, Greise und Kinder, fast der einzigen zurückgebliebenen Einwohner, sie unfähig zum Löschen oder Retten machte. Dreimal schlugen noch Bomben in das Wratislawsche Palais – eine zerstörte den Treppensaal und häufte einen Berg von Schutt vor die unbeschützten Thore – eine zweite riß einen kleinen Glockenturm nieder – die dritte fiel auf die Terrasse vor Claudia's Zimmer und riß ein Stück von der Vorderwand des Zimmers ein.

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