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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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In dieser Zeit begann Claudia zu kränkeln und war Tage lang auf die Ruhe ihres Zimmers angewiesen. Magda war fast die größte Zeit des Tages um sie, und es bedurfte immer Claudia's dringender Bitten, daß sie sich nicht ganz der Luft entzog. Lacy hatte mit Magda verabredet, daß sie sich bei Claudia ablösen wollten; er blieb bei seiner Gemahlin, während sie ihre Promenaden machte und ging erst an seine Arbeiten, wenn sie zurückkehrte. Als dies sich eine Zeit fortsetzte, fühlte Magda ein Weh in ihrem Herzen entstehn, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Während sie dahin wandelte, floh sie die Beobachtung der Menschen; sie wendete List an, um Trautsohn zu entgehn, und indem sie mit einer Art von schmerzlichem Trotz die Gefahren verachtete, die der Wald in seiner größeren Entfernung ihr bieten konnte, gewährte ihr die tiefe Einsamkeit dort Erleichterung, denn oft brach sie in ein maaßloses Weinen aus, und indem ihr Gesicht sich in das grüne kühlende Moos barg, machte sich ein Schmerz Luft, der nur in der Erschöpfung seine Kraft verlor. Unfähig war sie, klar aneinander zu reihen, was diesen Zustand in ihr bewirkte; aber sei es Trug der Unschuld und Unerfahrenheit, sei es das Verhüllen, womit die Leidenschaft vor dem Gewissen sich zu schützen sucht – sie sagte sich: Lacy habe jetzt Widerwillen gegen sie gefaßt – all ihr schönes Glück sei nun dahin, denn sie habe in ihm keinen Bruder, keinen Freund mehr – allein nur Claudia erfülle sein Herz und seine Gedanken – ihr Schicksal, ihr Wohl und Weh läge weit ab von seinem Herzen. Dann dachte sie daran, wie er nun Stunden lang mit Claudia allein war, ihr vorlas, oder sie in seinen Armen haltend unterhielt, und für ihre Bequemlichkeit und Pflege Sorge trug. Ein unbeschreiblicher Schmerz zerriß ihr Herz bei diesem Gedanken und sie entsetzte sich vor dem lauten Schrei, den sie zuweilen über ihre Lippen preßte.

Es schien, als ahnete Niemand den heftigen Zustand des armen Kindes – wenigstens glaubte Magda sich völlig unbeobachtet und vergessen, und wirklich trat bei ihrem Großvater der ungewöhnliche Fall ein, daß bei dem Gedanken an Lacy's nahe Abreise sein Eifer ihn trieb, bis zu einem von ihm sich gestellten Ziele vorzuschreiten, und dies die Stunden des Umgangs sehr abkürzte und ihn zu einem abgezogenen, zerstreuten Gesellschafter machte.

Nur Lacy sah die veränderte Stimmung Magda's, und die schüchterne Kälte, mit der sie an ihm vorüber streifte, glaubte er zwar veranlaßt zu haben, aber sein reizbares Ehrgefühl verdeckte ihm die Wahrheit – er fürchtete, Magda bis dahin zu vertraulich, zu entgegenkommend behandelt zu haben; er glaubte, sie wolle ihm andeuten, wie zurückgezogen von einander sie stehen müßten – und so trat oft mit männlicher Übertreibung eine ungewöhnliche Kälte gegen sie hervor. Ach! Beide ahneten nicht, wie gefährlich gerade dieser stille Krieg ihrer Gedanken war, da er sie zu einer viel anhaltenderen Aufmerksamkeit auf einander hinzog und einen unruhigen Wechsel ihrer Stimmungen hervorrief, der sehr verräterische Symptome von Freude und Schmerz enthielt. Wie schrack er oft zusammen, wenn sie von ihren einsamen Promenaden zurückkehrend, mit dem blassen, ausgeweinten müden Gesicht in Claudia´s Krankenzimmer trat, die matte bebende Stimme erhob, und sie wie ein Bild der Ergebung dahin glitt. Kein Blick traf ihn, kein Zeichen verrieth seinem suchenden Auge, daß sie nur seine Gegenwart wisse, und endlich verließ er das Zimmer und sagte sich trostlos: Was hab' ich denn gethan, daß sie mich hassen und verachten darf, daß sie mich zurückweisen muß von der Stelle, die ich einnehmen durfte als ihr Freund – als ihr Bruder!

Claudia war ein zu schönes, zu edles weibliches Gemüth, um mit argwöhnischer Beobachtung oder mit brutaler Einmischung das ungewöhnliche Verhältniß zu betasten, welches die Umstände auf gefährliche Weise zusammen geführt. Sie hatte sich mit ernster Fassung und Wahrhaftigkeit die Möglichkeit gedacht, daß ihr Gatte von der brüderlichen Wärme gegen Magda zu einer höher gesteigerten Empfindung übergehen könnte, wie sie längst überzeugt war, daß dies bei Magda der Fall war – und voll tiefer zärtlicher Theilnahme beschlossen, ihn vor dem namenlosen Weh und den grausamen Widersprüchen zu bewahren, die unausbleiblich werden, wenn die Gattin sich zürnend von den Verirrungen ihres Gatten abwendet.

Sie hatte ein edles Vertrauen zu Lacy sowohl wie zu ihrem Verhältniß; sie wußte es, nie konnte sie sein Herz ganz verlieren – der Schatz von Achtung und Vertrauen, der unbestritten ihr Theil blieb, mußte ihn glücklich machen, wenn sie sich bestrebte, nicht unglücklich zu werden – und sie liebte ihn mit so schöner uneigennütziger Wärme, daß sie beschloß, um seinetwillen glücklich zu bleiben.

Die Aufgabe war nicht klein! Es war ihr über die äußeren Verhältnisse keine Macht gegeben; sie mußte mit Ruhe erwarten, daß durch die bevorstehende Trennung den Zuständen zu Hilfe gekommen werde. Sie hatte die edle weibliche Haltung, welche jede heftige Leidenschaftlichkeit zu beherrschen weiß, und indem sie Gott bat, über die geliebten Wesen zu wachen, die in so großer Versuchung standen, sah sie sich selbst als ein Werkzeug an, diesen Schutz auszuüben, und der Friede, der dadurch über sie kam, machte sie zu dem Engel, vor dem die Glut jedesmal niederzubrennen schien, so daß ihr ganzes Dazwischenstehn Linderung und Versöhnung ward.

Wie viel davon zum Bewußtsein von Lacy und Magda kam, ist nicht zu ermessen – Eins nur trat entschieden in Beiden hervor: sie fühlten sich am ruhigsten, am glücklichsten bei ihr – und ihre Liebe zu Claudia war so rein und innig, als wahr und unverstellt.

»Ich werde sie so retten,« sagte Claudia dann oft gerührt in sich hinein, wenn sie diesen Einfluß empfand – »ich werde so die Leiden von ihnen abhalten, die Vorwürfe ihnen geben würden, und unter deren jäher Aufregung das unschuldigste Gefühl zur sündvollsten Leidenschaft aufbrausen kann.«

Briefe vom Prinzen von S. zeigten an, daß Guntram von Frau Bäbili die Nachricht erhalten habe, wie Frau Mora noch nicht zurückgekehrt und keine Nachricht von ihr eingetroffen sei. Die einzige Möglichkeit, der Wahrheit näher zu rücken, schien dem Prinzen die Eröffnung der Gräber; aber seine Stellung machte in dieser Zeit einen Urlaub oder eigenmächtige Entfernung von der Armee unmöglich, und Bevollmächtigte dahin zu schicken, war durch das Vorrücken der Preußen schwierig geworden, da dies kleine Besitzthum in dem Mittelpunkt der preußischen Armee lag. Dies erfüllte ihn um so mehr mit Trübsinn und Ungeduld, da Egon's Nähe seine Liebe zu ihm steigerte und der Jüngling eine Entwickelung zeigte, die seinen Besitz immer wünschenswerther machte.

Der Graf von Podiebrad fühlte, indessen bei den Kriegsnachrichten, was man von dem alten Wein im Fasse sagt, wenn die Blütezeit der Rebe eintritt – er rührte sich und wollte schäumen, das heißt: den Karlstein in Belagerungszustand versetzen.

Nach einer langen Berathung mit den Offizieren der Besatzung und nach vielen schlaflosen Nächten hatte er ein Dokument verfaßt, welches an den kaiserlichen Hof-Kriegsrath abgehen sollte, und da er nicht glaubte, einen der ältern Offiziere der Beschützung des Karlsteins entziehen zu dürfen, weil für Thurn und Pasterau kein Ersatz eingetreten war, erhob er in geheimer Sitzung die Durchlaucht von Trautsohn zu seinem Adjutanten und kündigte ihm solches öffentlich an mit der Weisung, dies wichtige Rescript nach Wien zu bringen, mit vorheriger Meldung bei Sr. Excellenz dem General en Chef Brown, welcher das Armeecorps für Böhmen kommandirte.

»Was habe ich Dir gesagt?« sagte Thyrnau lachend zu Lacy, als Trautsohn sich zum Abschiednehmen traurig bei seinen Freunden meldete – »dieser alte Degen wird sein Nest schon vertheidigen! Gieb Acht – Im Fall der Noth besteigt er sein gutes Roß und hält mit gezogenem Degen vor den Thoren der unangreifbaren Feste, jeden zum Kampf herausfordernd, der es wagen möchte, sich derselben feindlich zu nahen! Ich muß lachen – und doch hat es etwas, was mir gefällt – es ist die eiserne Konsequenz, die selbst im Wahnsinn noch einen Mann kleidet!«

Trautsohn war dagegen wenig zum Scherzen geneigt; seine innige Zärtlichkeit für Magda hatte durch die Art, wie sie sich ihm entzog, den Antheil von Leidenschaftlichkeit bekommen, womit die heftigsten Schmerzen der Jugend heraufbeschworen sind, und er dachte an Nichts, als an Krieg, Ueberfall, Vertheidigung auf Leben und Tod, wobei er hoffte, zu Magda's Füßen zu sterben, oder sie doch wenigstens aus großer Gefahr zu befreien, und ihr Herz damit zu rühren und sich wieder zuzuwenden. Der unrühmliche, ja vielleicht lächerliche Auftrag des Oheims war ihm daher ein Donnerschlag, und es kostete ihm viel Zeit und Kampf, um sich den Gehorsam abzuzwingen, den er fühlte nicht verweigern zu dürfen. Um sich aber dadurch nicht ganz von seinen Plänen auf Magda zu entfernen, beschloß er, auch diese Reise solle ihm für die Zukunft dienen, und durch Kaunitz oder die Prinzeß Therese wolle er bei der Kaiserin Audienz nachsuchen und sie gleich bitten, Magda dereinst zu einem seinem Stande gemäßen Range zu erheben, daß, wenn er majorenn würde, er ihr ohne Einspruch seiner stolzen Familie seine Hand antragen könne. Er sammelte daher so viel Briefe an die Prinzessin, als seine Freunde auf dem Karlstein ihm geben wollten, und erlangte auch von Lacy einen Brief an Kaunitz, von dessen Vermittlung – da er Magda kannte – er sich sehr viel versprach. Dies machte ihm die Abreise erträglich, seine Stimmung ward zuletzt sogar heiter, und Magda hatte viel von seinen verworrenen Reden zu leiden, welche voll von Anspielungen waren, die ihr gänzlich unverständlich blieben.

»Himmel« – rief sie endlich – »Trautsohn, schaffe Dir auf Deiner Reise einen klaren Kopf an – denn so einfältiges Zeug hast Du noch nie gesprochen als jetzt, und ich erkenne Dich gar nicht wieder, da Du sonst ein so lieber verständiger Mensch warest.«

»Du wirst es schon einmal erfahren, warum ich Dir jetzt nur Alles halb sage,« erwiederte Trautsohn, freudig – »und dann wirst Du einsehn, daß just um Deinetwillen Alles nicht klarer sein durfte; aber wenn Du an mich denkst, dann habe mich lieb, und komme ich zurück, dann denke, daß, was ich auch erlebe, Glückliches und Schönes, Dein Anblick doch Alles aufwiegen wird, da Dich doch Keiner mehr liebt, als ich!«

»O ja!« sagte Magda – »der Großvater liebt mich doch mehr als Du – und ich liebe ihn auch mehr als Dich – obwohl Du sehr lieb und gut bist und der Liebe schon werth! Sonst freilich – da hast Du Recht – sonst liebt mich hier Keiner sehr!« und hier starb ihre Stimme hin und sie brach in heiße Thränen aus.

Damit war nun dem armen Trautsohn seine Abschiedsaudienz bei Magda vorbei, denn sie ließ ihn ihre Hand küssen und drücken und entfloh ihm dann, um ihre Thränen zu verbergen. Der arme Jüngling aber, der die Ursache nicht ahnte, sagte ihr ganz entschlossen nach: »Warte nur, gute Magda – bin ich erst majorenn und wir sind verheiratet und Du hast alle meine Schlösser und schönen Güter im Besitz, da will ich Dich schon lehren, daß ich Dich lieber habe, als Dein alter Großvater – und so wahr ich Georg Trautsohn heiße, Du sollst nicht mehr weinen, sondern lachen und Dich freun den lieben langen Tag!«

Dieser Vorsatz tröstete ihn sehr und er reiste desselben Tages guten Muthes seiner Bestimmung entgegen.

Am andern Morgen trat Magda in Claudia's Zimmer, und da sie es leer fand, setzte sie sich still und gedankenvoll auf die Mauerbrüstung des Erkers, und sah ohne Aufmerksamkeit in das Thal hinab und auf die Landstraße, die nach Prag führte. – Da war indessen in das anstoßende Zimmer Claudia mit Lacy, eingetreten, und Magda hatte durch kein Zeichen verrathen daß sie da war, weil sie wo möglich unbemerkt bleiben wollte, bis Lacy sich entfernt hatte – da ward ihr Name genannt – schon wollte sie aufstehn, und eintreten – als Lacy mit bebender Stimme sagte: »Sie flieht vor mir mit so sichtlichen Zeichen der Abneigung, daß ich, um sie zu schonen, sie vermeide, wo ich kann. Das schmerzt mich nun, denn ich liebe sie wie eine Schwester, und dadurch entsteht denn wohl, was Sie tadeln, liebe Claudia, und was Ihnen zu große Zurückhaltung scheint und was – ich fühle es wohl recht schmerzlich – uns immer mehr aus einander führt.«

»Magda ist ganz Natur,« sagte Claudia – »Sie, mein Lieber, haben die Menschenkenntniß und Erfahrung voraus – Sie müssen leichter die Mittel finden, das verscheuchte Vertrauen zurückzuführen. Denken Sie, daß unsere Verhältnisse ungewöhnlich sind – unsere theuerste Aufgabe muß sein, Magda zu behüten und zu bewahren – und schon leidet sie unter der eingetretenen Kälte, die sie nicht nachzuweisen vermag, und was Sie, theurer Lacy, Abneigung nennen, das ist das langsam wachsende Mißverständniß, welches aufzuklären Ihnen zufällt.«

Magda stand während dieser Worte wie durch einen Zauber gebannt, sprachlos, ganz erstarrt gegen die Mauer gelehnt; ihr Bewußtsein haftete nur in den Worten, die sie hörte, übrigens lag jede andere Betrachtung weit ab von ihr. Als die Stimmen schwiegen, da Claudia das Zimmer verlassen, versuchte sie die Füße zu heben, denn der Gedanke an Flucht brach durch ihre Erstarrung; aber sie war wie gelähmt und der Athem selbst regte sich nur schwach in ihrer Brust. Da trat Lacy in die Thür nach dem Altan, und plötzlich standen sie vor einander. Er erkannte sie mit dem Erbeben, womit uns die ungewöhnliche Fügung gefährlicher Umstände überrascht, uns verführt, sie für höheren Willen zu halten und der Täuschung verfallen läßt, vor ihrer Gewalt nicht mehr entfliehen zu können.

»Magda,« rief er mit einem Tone, der plötzlich die ganze Kluft ihrer bisherigen Trennung übersprang – »Magda, hast Du mich gehört?« – Er hielt ihre kalten leblosen Hände –

»Ich wollte fort,« stammelte sie gebrochen – »aber ich bin wohl gelähmt, denn ich kann nicht.«

Da schlug es glühend heiß in Lacy's Brust zusammen – außer sich faßte er das bleiche zusammenbrechende Mädchen in seine Arme – fest drückte er sie an seine Brust und rief leise und bebend: »Magda – Magda! kannst Du an meiner Liebe zweifeln? Hat Claudia Recht? verkennst Du mich? Hast Du Dich von mir gewendet in Mißtrauen gegen mich? Weißt Du nicht, wie grenzenlos innig mit allen Kräften meiner Seele ich Dich liebe – liebe! wie es mir Gott vergeben muß, um unseres Schicksals willen!«

Magda antwortete nicht, aber sie blieb still mit ihrem Kopf, wohin Lacy sie gelegt, auf seiner Brust liegen und ein himmlischer Frieden und die Seligkeit der Engel erfüllte je länger je mehr ihr Herz. Unschuldig schweiften ihre Gedanken von dem heißen Moment ab, der über ihr stand, und sie dachte an ihren Traum von der Kaiserin – und wie die Schwerter jener aus der durchstochenen Brust weg geflogen waren, so, glaubte sie, geschah ihr – und alle Wunden fielen zu und sie war ganz geheilt – und wenn sie sich aufrichtete, hoffte sie glücklich zu bleiben. Aber Beide verzögerten den Augenblick – o! die kalte Entfernung von einander hatte ihnen so weh gethan – dieser Moment, schien es, sollte ihre Wiedervereinigung ihn erst zum vollsten Bewußtsein bringen. »Antworte mir!« sagte Lacy dabei oft leise, von dem Wahnsinn eines Glückes getrieben, über dessen Bedeutung er noch nicht nachdachte. Magda rang mit der stillen betäubenden Seligkeit ihres Herzens und dem Wunsche, ihm zu antworten – endlich sagte sie: »Ich dachte immer, wie wäre Sterben so süß! – Aber Du weißt wohl, wir dürfen nicht sterben, wenn Gott nicht will, – und denke auch nur den Großvater – da mußt' ich wohl leben!«

Lacy ward von jedem Worte bis in das Innerste seines Lebens erschüttert – denn was Magda nicht ahnte, zu bekennen – wußte er jetzt: sie liebte ihn mit der ganzen Gewalt ihres unschuldigen Herzens und ihr Zweifel an ihn hatte sie zum Tode betrübt.

»Magda,« stammelte er fast außer sich – »welche Seligkeit ist dieser Augenblick. Er ist meine Jugend – das ganze Leben erfüllt sich in ihm! Du gehörst mir – Du bist mein! Sag' es doch nur, bist Du nicht selig?«

»Ich bin gewiß selig,« antwortete Magda und rückte ganz leise etwas den Kopf in die Höhe, mit dem Versuch ihn anzusehn – »aber ich habe nicht Muth, mich aufzurichten, ich denke, die Seligkeit hängt mit der Stelle zusammen, wo mein Kopf liegt, und könnte weg sein, wenn ich ihn aufhebe.« –

Er schloß sie an seine Brust, als könnte dies der letzte Augenblick von Beider Leben sein; er betäubte sich in dem Gefühl der Gegenwart und doch entschwand sie ihm schon – der Rausch verflüchtigte sich schon, und indem er fühlte, wohin er gerathen, drückte er noch die Augen davor zu, als ob er der Wahrheit entfliehen könnte. Magda weckte ihn –

»Jetzt,« sagte sie – »jetzt werden wir uns nie wieder mißverstehn – jetzt haben wir uns sicher fürs Leben!« Damit richtete sie sich auf, löste sich selbst aus seinen Armen, drückte dann beide gefaltete Hände an ihre Brust und sah ihn mit einem Engelslächeln an, das vollständig ausdrückte, wie alle ihre Wünsche erfüllt waren.

Im selben Augenblicke hörte Lacy im Nebenzimmer, daß Claudia zurückgekehrt war – da fühlte er den stechenden Schmerz in seinem Herzen, den der hervorgetretene Widerspruch giebt, und es trat der Moment ein, der so nah an Verzweiflung grenzt, der uns zeigt, daß wir die alte Stelle verlassen und auf der neuen nicht hingehören. Sein schrecklicher Zustand lag auf seinem Gesichte ausgeprägt, als Claudia zu ihnen trat.

»Claudia« – sagte Magda sogleich – »wir sind versöhnt« – sie wollte auf sie zutreten, aber diese sah nur Lacy. – »O,« rief sie mit dem rührendsten Ton des Schmerzes sich ihm nähernd – »um welchen Preis aber!«

Magda kam jetzt erst zur Besinnung – sie erkannte den heftigen Zustand Lacy's, und seine auf sie gerichteten Augen berührten sie mit einer Furcht, die Claudia's Ausruf erhöhte.

Diese erfaßte seine Hände und führte ihn sanft mit sich fort, und als Magda sah, wie trostlos Claudia auf ihn blickte, blieb sie lange sinnend stehn und rief endlich von der heißesten Angst überfluthet: »Vielleicht durften wir uns so nicht lieben!« Ihre Gedanken irrten umher – sie wollte Alles bedenken – sie fragte nach Erfahrungen umher – sie wollte endlich zum Großvater – und dazwischen hätte sie weinen können, daß ein Glück, wie sie es nie empfunden, so schnell verschwunden war und einem Zweifel Platz machte, der selbst die Erinnerung unterdrückte.

Als sie sich von dem Balkon wegwenden wollte, sah sie zufällig drüber hin auf die Landstraße nach Prag. Ihr Auge blieb an der Gestalt einer alten Bäuerin haften, welche dem Balkon gegenüber stand und fortwährend mit einem weißen Tuche zu ihr hinauf winkte. Magda bemühte sich bei der Höhe, die sie trennte, vergeblich die Frau zu erkennen, die ihr doch etwas Bekanntes hatte; plötzlich fiel aber das arme Weib auf die Knie und hob die Hände ringend zu ihr auf – nun besann sie sich keinen Augenblick, untersuchte bloß, ob ihre Tasche Geld enthielt und eilte die Stiegen hinab, nachdem sie der Frau das Zeichen gemacht, sie werde kommen.

Als sie das Schloß hinter sich und die Landstraße erreicht hatte, sah sie das Weib jenseits derselben halb im Walde versteckt, schüchtern noch einmal das Zeichen wiederholen und jetzt tauchte Magda eine Ahnung auf, wer es sein könne, und nur desto eifriger eilte sie ihr nach.

In einem dichten Gesträuch junger Buchen kauerte das arme Weib, und jetzt dicht vor ihr sah Magda ihre Vermuthungen bestätigt und trotz der sichtlichsten Spuren des Elends und des Mangels erkannte sie Mora, die treue Pflegerin von Egon und Hedwiga.

»O« – rief Magda außer sich vor Freude und Ueberraschung – »welch ein Engel sendet Dich zu uns zurück? Mora – Mora! wie bist Du uns so nöthig! Wie haben wir uns Alle bemüht, Deine Spur zu entdecken und sind so traurig gewesen, als es vergeblich war – o! sprich, arme Mora – wo bist Du so lange gewesen? und warum ist es Dir so schlecht gegangen, wie ich deutlich sehe?«

»Ach Magda,« sagte das arme Weib schluchzend, »ich wußte wohl, daß ich nöthig war – aber daß das andere böse Menschen auch wußten, das war ein Unglück und darum siehst Du mich in diesem Elende vor Dir als Bettlerin und halb verhungert.«

»Halb verhungert?« schrie Magda – »großer Gott, wie schrecklich! O! stehe auf und folge mir; jetzt sollst Du Alles in Fülle haben; ich will Dich selbst pflegen und der Großvater wird Alles für Dich thun.«

»Nein, Magda,« sagte Mora – »so kann ich nicht vor den Großvater treten, der mich wohl kennt und dem ich Wichtiges zu sagen habe. – Eine Bettlerin und halb verhungert! – Du mußt mir hierher erst Hilfe schaffen, Kleider und Nahrung, daß ich ein Mensch werde, denn dies Elend habe ich nicht verschuldet und will das Gepräge davon nicht den Leuten zur Schau tragen.«

Magda kannte den stolzen und unbeugsamen Karakter von Mora viel zu gut, um ihre Vorstellungen zu machen, und beschloß daher sogleich ihre Forderungen zu erfüllen, da sie alsdann die Hoffnung hegen durfte, die wichtige Person dem Großvater vorzuführen.

Sie leitete daher Mora noch tiefer in den Wald hinein zu einem ihr von Bezo bereiteten weichen Mooslager und eilte dann in das Schloß zurück, in dessen Hofe ihr Bezo schon entgegentrat, der immer ihrer Spur nachging, da er sie instinktartig vermißte. Sie nahm ihn sogleich mit sich und eilte nach den Wirtschaftsgebäuden zu Mutter Grimschütz.

Das Verhältniß zu dieser war seit dem ersten rauhen Empfange durch alle Grade der Versöhnung bis zu einer widerstandslosen Zärtlichkeit hindurch gegangen und Magda's Wunsch oder Wille war jetzt immer statt aller Gründe geltend, Frau Grimschütz zu Allem zu bewegen, was in ihrer Macht stand.

Mit ihrer natürlichen Sicherheit machte ihr daher Magda den Antrag, ihr von ihrer Wäsche und ihren Kleidern zu einem vollständigen Anzuge zu geben und für Bezo einen Korb mit Wein und Speisen zu packen und dies so schnell als möglich und mit der größten Verschwiegenheit. Obwohl nun Frau Grimschütz über diesen Antrag in maaßloses Erstaunen gerieth, wollte ihr doch Magda selbst zu diesem keine Zeit lassen, sondern legte ohne viel Nachfrage um die Genehmigung der Frau Grimschütz Hand an die Wahl der Gegenstände, die ihr nöthig schienen, und zog dann also beladen mit Bezo unbemerkt durch kleine Umwege, nach dem Platze hin, wo sie das arme Weib in tiefen Schlaf versunken wiederfand.

Sie richtete nun mit Bezo die kleine Tafel an, ließ ihn aus dem Bache Wasser holen, damit die Unglückliche sich reinigen könne und weckte sie dann, um sie all' diese Erquickungen genießen zu lassen. Das arme Weib vergoß Thränen, als sie Magda's Vorsorge erkannte, und während diese sich mit Bezo zurück zog, eilte die gute Mora, sich so schnell als möglich zu reinigen und umzukleiden, und als Magda in der Ungeduld, welche ihre herrschende Laune war, zurückkehrte, fand sie in ihr eine anständig aussehende Bäuerin, welche jetzt auch ihren qualvollen Hunger mit den kräftigen Speisen und dem Weine zu stillen suchte. Als auch dies beseitigt war, bat sie Magda, ihr nur in wenigen Worten zu sagen, wie sie in so elenden Zustand gekommen sei, und warum sie in so langer Zeit nichts habe von sich hören lassen.

»Ach« – sagte Mora – »aus was für Grund, als um der armen Kinderchen künftiges Schicksal sollte ich wohl ausziehn? Für uns arme Leute giebt es keine Feder und Papier.«

»Still,« sagte Magda zu Bezo, welcher eben in ein sonderbares Geschrei ausbrach und winkte ihm, sich zur Erde zu setzen – er fuhr aber, wild wie eine Katze, auf das Gebüsch los, was in einiger Entfernung hinter Magda lag, und diese bat Mora fortzufahren, gewiß, der Knabe sähe ein Eichkätzchen oder sonst ein Thier des Waldes.

Als diese jedoch den Mund öffnen wollte, stieß Bezo aufs Neue ein so schmerzliches Angstgeschrei aus, daß beide Frauen in die Höhe und dem Knaben entgegen sprangen, der taumelnd und mit blutendem Kopf ein paar Schritte vorthat und dann niederstürzte.

»Großer Gott!« rief Magda erschrocken – »der arme Knabe ist verwundet! Hilf Mora, – hilf, daß wir ihn dorthin tragen.« Beide knieten neben ihn nieder, bemüht seine Verwundung zu erkennen, als – fast im selben Augenblick – sie von hinten an den Armen ergriffen wurden, und ehe ihnen nur die Besinnung zum Widerstande kam, ihre Arme auf den Rücken gebunden und um ihre Füße eine Schlinge gezogen wurde, die jede Bewegung verhinderte.

Mora war von zwei wild aussehenden Männern überfallen worden; Magda zu halten, genügte ein Einzelner, der etwas mehr bedeuten mochte als Jene; zwei Andere aber standen noch einige Schritte von ihnen. »Ruhig«, sagte der, welcher Magda hielt – »wenn Ihr uns ohne Widerstand folgt, so wird Euch nichts zu Leide geschehn, wo nicht« – setzte er höhnend hinzu – »so versucht, ob Ihr uns überwältigen könnt.«

»Das werde ich« – schrie Mora, die starke Frau, und rang mit ihren Banden – »denn ich kenne Dich sehr wohl, Du Bösewicht, und wenn ich es verhüten kann, sollst Du weder mich noch dies arme Mädchen in das Elend führen, was Du uns gewiß zudenkst.«

»Stopft ihr den Mund!« schrie der Angeredet entgegen, und im Augenblick hatte Mora einen verschlossenen Mund und lag am Boden, und Magda erkannte unter den Räubern den Bettler, der ihr schon lange nachgeschlichen war, und eine Ahnung über die Größe ihrer Gefahr machte ihr Herz beben. Aber dies Herz war nicht so leicht zu entmuthigen, als die zarte jugendliche Hülle schließen ließ, und so rief sie mit so gebietender Stimme als das Beben ihres Körpers möglich machte, von jeder Gewaltthätigkeit abzulassen, und ihr zu sagen, was sie von ihnen wollten.

»Nichts Anderes, Euer Gnaden,« sagte der, welcher Magda überfallen – »als Sie einzuladen zu einem Besuch bei meinem Herrn, der sich sehr nach Ihrer näheren Bekanntschaft sehnt! Zu dem Ende hat er Euer Gnaden sogar eine Kutsche mit vier rüstigen Pferden gesendet, in der Sie Platz nehmen werden, wie eine Prinzessin gehalten und bedient. Alles unter der Einen Bedingung, daß Sie sich nicht weigern, uns zu folgen.«

»Und wenn ich entschlossen wäre, dies nicht zu thun?« – rief Magda – »denkt, es ist heller Tag – kaum zweihundert Schritt sind wir von der Landstraße entfernt – jeder Schrei, den ich ausstoße, kann Hülfe bringen und dann seid Ihr verloren.«

»Es ist nicht sehr wahrscheinlich,« sagte der Andere lachend – »daß fünf solcher Gesellen wie wir, gleich verloren sind, selbst wenn irgend ein Wanderer, der des Weges ginge, so dumm sein sollte, sich hier einzumischen; aber auch wirksamere Hülfe als hier zu erwarten, würde uns bloß zwingen zu zeigen, wer der Stärkere ist.«

»Aber,« fuhr Magda fort – »da Ihr zu so schlechten Streichen Euch gebrauchen laßt, thut Ihr es wohl wegen Eures Vortheils – Ihr bekommt gewiß Geld dafür, wenn Ihr mich abliefert. Nun will ich Euch auch Geld geben und mehr, als Euch der geboten, der Euch gedungen – Ihr sollt nur fordern dürfen!«

»Du bist ein kluges Mädchen,« sagte der Anführer – »ich muß Dir aber sagen, daß es mehr kosten könnte als Geld, wenn wir Dich nicht brächten, und daß mit Allem, was Du uns geben könntest, wir nicht leicht ein ruhiges Plätzchen vor der Rache Desjenigen finden würden, der nur einmal Dich haben will.«

Magda blickte umher, als suche sie nach Rath und Hülfe. Leise hatte sie die Schlinge von ihren feinen Füßen, während ihres Gesprächs, das Alle beschäftigte, abgestreift – jetzt flog sie mit der Leichtigkeit des Reh's und einem lauten Hülfegeschrei dem Ausgange des Waldes zu.

Aber der kühne Versuch blieb ohne Erfolg! Ihr Verfolger war jung und leichtfüßig wie sie selbst, die gebundenen Arme hinderten sie überdies. Mit namenlosem Entsetzen fühlte sie sich ergriffen und als sie halb aus Schreck noch einmal laut aufschrie, war sie im Nu überwältigt und auch ihr ein Tuch in den Mund gestopft. Unter heftigen Drohungen ward sie zurückgeführt und hier sollten sich ihre Seelenleiden noch vermehren, denn Bezo, der aus der Betäubung, in die der Schlag des Räubers ihn versetzt, bei Magda's Stimme erwacht war, hatte sich mit wildem Gebrüll ihr nachgestürzt und jetzt sah ihn Magda unter den Händen der Bösewichte auf der Erde liegen, und von den Schlägen und Stößen, die sie ihm gaben, floß das Blut aus seinem Munde und er schien schon halb eine Leiche. Dies brach den bis jetzt krampfhaft bewahrten Muth der armen Magda – aufgelöst in Thränen entriß sie sich ihrem Verfolger und stürzte über Bezo her, ihn mit ihrem Körper gegen weitere Mißhandlungen schützend. – Er hob und schloß die Augen und stöhnte leiser und sie fühlte, daß er sie erkannte.

»Das Thier dürfen wir nicht lebend zurücklassen,« sagte der Anführer – »gieb ihm noch einen Schlag, dann hat er genug – es darf keine Spur bleiben – verstehst Du mich?«

Magda richtete sich, von diesen entsetzlichen Worten wieder aufgerüttelt, empor; mit verzweiflungsvoller Anstrengung hatte sie ihren einen Arm befreit; sie riß das Tuch aus ihrem Munde, drückte das arme bedrohte Geschöpf fest an sich und rief: »Halt! halt! um Gotteswillen habt Erbarmen! Ich will Euch folgen, wohin Ihr wollt, ohne Widerstand – denn Ihr werdet mich doch nicht weiter führen, als es Gottes Wille ist – aber gelobt mir, dies arme Geschöpf zu schonen, und da Ihr es nicht zurück lassen wollt, so nehmt es mit mir, trennt es nicht von mir, mißhandelt es nicht, denn es ist elend und schwach und muß unterliegen – aber gebt mir Freiheit, ihn zu pflegen, und alles Andere will ich vorläufig ertragen.«

Ein rauhes Lachen war die Antwort auf diese rührende Beschwörung. »Nun« – rief der Anführer – »nie hab' ich gesehen, daß solch' schönes Mädchen eine so wilde Bestie zum Liebsten hatte, und schon um des Scherzes willen sollst Du mit: ich glaube, das bringt unsern Alten zum Lachen trotz seiner wilden Laune! Jetzt auf denn!« fuhr er fort – »wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Magda, die um Bezo's Leben zu retten, entschlossen war, jetzt auch ihr abgerungenes Wort zu halten, stand auf und da der arme Knabe keine Besinnung hatte, lud ihn der eine Räuber auf die Schulter und Magda schloß sich sogleich diesem an. Doch erstaunte sie, als sie fand, daß Mora eben so wie sie selbst fortgeführt ward und sie sah wohl ein, wie sorgsam man verhütete, daß Einer zurückbleibe, der von ihrem Raube Nachricht geben könnte.

Wie schwer ward es der unglücklichen Magda, die unablässig zur Eile getrieben ward, ihre Schritte zu beflügeln, um sich damit immer weiter von jeder Rettung und von dem Ort, der ihre Beschützer umschloß, selbst zu trennen – obgleich halb betäubt, dachte sie doch an einen Zufall, der sie retten sollte; sie glaubte, es sei unmöglich, daß sie wirklich entführt werden könne, und doch hatte das Erlebte ihren Geist verwirrt und sie nahm Alles um sich her nur wie im halben Traume wahr! Zuletzt schien der Weg ihr fremd zu werden, sie hörte bei schwächer werdenden Kräften Mora den Vorschlag machen, daß man ihre Arme lösen solle, um das Fräulein zu tragen. Es schien ihr dann, sie werde getragen; ihre volle Besinnung bekam sie erst zurück in einem schnell davon eilenden Wagen. Sie sah sich in Mora's Armen liegen, die sie so sanft wie möglich zu betten suchte; vor ihr auf dem Boden des Wagens mit Kissen gestützt lag Bezo. Mora's wohlthätige Hand hatte schon seine Wunden verbunden; er hatte die blödsinnigen Augen in Verwunderung, wie es schien, auf Magda gerichtet, und als sie erwachte, stieß er einen kurzen Schrei aus und rief ein paar Mal wie die Dohlen.

Ach! dies arme Wesen war Alles, was dem unglücklichen Mädchen von dem reichen Liebeskreise geblieben war, aus dem sie so jammervoll gerissen ward, einer bedrohten Zukunft entgegen gehend, und einen Schmerz hinter sich lassend, den sie sich nicht groß genug denken konnte, wenn ihre Entführung entdeckt wurde.

»Ach, Mora,« sagte sie traurig – »begreifst Du das Alles? Warum will man mich denn entführen – wer kann das wollen und wohin werden wir gebracht?«

»Ach!« schluchzte Mora – »ich begreife es nur zu wohl, und sicher werdet Ihr an den Ort geführt, woher ich entflohen bin, um Euch und die armen Kinder zu warnen; denn das alte Ungeheuer wird eher keine Ruhe haben, als bis er Euch Alle seiner Rache aufgeopfert hat.«

»Wer ist denn das?« rief Magda – und trotz der verschlossenen Kutsche wagte Mora doch nur leise zu flüstern: »Der alte Fürst von S.«

»Großer Gott!« sagte Magda – »der böse alte Mann – den hab' ich im Dohlennest gesehn – er will sich an mir um meines Spottes willen rächen!«

»Ach! sage lieber, er will sich an Thomas Thyrnau rächen – und ein Irrthum, in welchem er über Dich beharrt, macht ihn so wild, Dich in seinen Besitz zu bekommen!«

»Du mußt mir das Alles erzählen!« rief Magda – »Schickt Gott uns wirklich keine Hülfe bis dahin – müssen wir wirklich zu dem alten bösen Mann, so will ich wenigstens wissen, was mir bevorsteht und was dieser Mann für Ursachen hat, mich zu verfolgen.«

»Du kannst Recht haben,« erwiederte Mora, »und ich will Dir erzählen, was ich selbst weiß. Ich bin von je her nur ein geringes Weib gewesen, aber ich gehörte einst zu dem Haushalt Deines Großvaters, und als Deine Tante, die schöne Lucretia, sich mit dem Prinzen von S. heimlich verheirathete und das Haus des alten Thyrnau verließ, der damals weit ab war, da hatte mir ein Zufall Alles verrathen und ich flehte sie an, mich mitzunehmen, denn ich liebte das schöne Engelswesen mehr als mein Leben!«

Magda unterbrach hier durch ihr lebhaftes Erstaunen Mora's Erzählung, welche ihr nun zugleich Aufschluß gab über das ganze Verhältnis des Großvaters zum Prinzen und über sein hartnäckiges Schweigen, wenn die Rede auf Lucretia kam. Dies mächtig erregte Interesse ließ sie fast ihre Lage vergessen und Mora fuhr fort, ihr den Tod von Lucretien's erstem Kinde, einem Mädchen, und von der damaligen Erhaltung Egon's zu erzählen, und dann von der Geburt Hedwiga's bis zu der entsetzlichen Katastrophe von Lucretia's Tod.

»Der widrige alte Herr hatte eine niedrige Leidenschaft zu Deiner Tante gefaßt, und Menschen, die in seinem Dienst immer zu allem Bösen bereit waren, was er sich ausdachte, hatten endlich unsern Aufenthalt, so verborgen sich die arme Lucretia auch hielt, entdeckt. Ach! nie werde ich den entsetzlichen Tag vergessen, wo er zuerst unvorbereitet in den kleinen Gartensaal trat, in welchem wir mit den beiden Kindern waren! Was soll ich Dir das Herz schwer machen – obwohl ich mit den Kindern das Zimmer verließ, hörte ich, was die arme Mutter zu leiden hatte, wie schändlich er sie benannte und verlangte, sie sollte seine schlechte Liebe erwiedern und ihm folgen; als sie dies Alles mit Abscheu verwarf, drohte er ihr mit seiner Rache und sagte ihr, er würde nach vierzehn Tagen wiederkommen, bis dahin solle sie sich bedenken, und durch keine Flucht ihm zu entgehen hoffen. Ach! an Flucht war nicht zu denken – Egon bekam in derselben Nacht die Rötheln und so pflegte die Unglückliche das Kind mit der Gewißheit, verlassen seiner Verfolgung bloß zu stehn; denn der Krieg wüthete eben und sie wußte nie, wo der Prinz war, und ihre Boten, die wenigstens bis zu dem Armeecorps, bei dem er stand, durchdrangen, brachten ihr die Nachricht, er sei versendet – keiner wußte wohin. – Dein Großvater war in Paris und alle andern Verwandten in Böhmen, das durch den Feind von uns getrennt war.«

Der schreckliche Tag kam. Obwohl sie schon damals wie eine Sterbende war, wollte sie doch mit ihm allein bleiben. Ich hielt mich aber in ihrer Nähe, weil ich dachte, er könnte sie gleich mit eignen Händen umbringen. Sie blieb immer der heil'ge Engel – selbst gegen dies Ungeheuer! – Aber er – da er sah, daß all' seine Ueberredungen vergeblich waren und sie ihren Abscheu dagegen ausdrückte – überließ sich nun der schrecklichsten Wuth, und hätte ich mich nicht dazwischen gestürzt, er hätte sie erwürgt. Er verfluchte sie – den Sohn und ihre Kinder und schwor ihr die fürchterlichste Rache, die sie erreichen solle, wohin sie sich auch verbergen werde. Von da an war das Herz Deiner armen Tante gebrochen – sie erwartete ihren Tod und mißtraute außer mir all' ihren Leuten, die sie alle entließ. »Ach,« sagte sie oft, wenn ich sie trösten wollte – »er hat schon seinen Willen – mich hat er schon getödtet – ich kann mich nie wieder erholen. Sie bekam nur zu bald Recht.«

»Er hatte beschlossen, Alle umbringen zu lassen,« fuhr Mora fort – »der Gärtner war sein bestochener Henker. Das Obst, was er eines Tages der unglücklichen Mutter und den Kindern brachte, war vergiftet. Mich trieb immer seit dem Tode des ersten Kindes eine mißtrauische Angst, die Kinder zu bewachen – und doch rettete sie nur der Zufall. Schon hatten sie, mit ihrem kleinen Hunde spielend, etwas von den Früchten genossen und sie ließen das Hündchen an jeder Frucht lecken, um es zu füttern – da drehte sich das arme Thierchen plötzlich schäumend im Kreise herum und stürzte dann zuckend zusammen. Ich kam auf das Geschrei aus dem Nebenzimmer. Jetzt wirkte das Gift auch bei den Kindern – ihre Farbe verschwand, sie fielen in Krämpfe und ich hörte – voll Verzweiflung über sie gebeugt – nicht die Glocke, die mich zu Deiner Tante rief. Da stürzte sie schwankend, bleich und fürchterlich entstellt in das Gemach. »Mora!« stöhnte sie – »die Früchte waren vergiftet, ich sterbe – o rette die Kinder!« Aber ein Blick ihrer halb gebrochenen Augen sagte ihr, was vorging, und dies beschleunigte ihr Ende. – Laß mich schnell erzählen – das schreckliche Unglück taugt doch nicht für Deine Ohren. Ihre Leiche lag vor den sterbenden Kindern – wir hatten nur noch einen alten Diener – ich konnte keine Hülfe finden, und ich schauderte davor zurück. Da hatte Egon in der Angst seine Decke halb verschlungen, und dies brachte plötzlich Erbrechen hervor – ein Fingerzeig Gottes war es – auf eben diese Weise brachte ich Hedwiga zum Erbrechen und unterhielt den Zustand durch Milch.«

»Als die Kinder endlich in einen Schlaf fielen, der mir sagte, daß sie gerettet waren, faßte ich den Entschluß, mit ihnen zu entfliehn und so viel als möglich jede Spur ihres Daseins zu vertilgen. Ich ging zu dem alten kranken Diener, der vielleicht ehrlich war, aber ich hatte mir gelobt, Niemand mehr zu trauen; ich sagte ihm, alle Drei seien todt – durch Gift, welches im Obste verborgen – jetzt müsse er mir helfen sie begraben, denn ich wollte nicht, daß noch ihre Leiber gemißhandelt würden. – Er verließ sein Lager – und wir gruben die halbe Nacht an der Grube für die Leichen. Als sie mir tief genug schien, kehrte ich nach dem Hause zurück – hüllte die Leiche der armen Mutter in Decken und trug sie in ihr letztes Bett – vorgebend, daß die Kinderleichen bei der Mutter lägen. Als das Grab fertig war und wir die Stelle, so gut wir konnten, mit Rasen verborgen hatten, führte ich den alten Diener fast sterbend zu seinem Bette zurück und nachdem ich ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft ihm zur Pflege gegeben und Alles herbeigeschafft hatte, nebst etwas Geld, was ich ihm zusteckte, ging ich an mein großes Werk, welches mir der Rest der Nacht noch ausführen helfen sollte. Ich machte ein Bündel, so wie ich es hoffen konnte zu tragen, steckte alles Geld zu mir, was ich fand, und weckte dann die ermatteten Kinder, packte Hedwiga in eine Kiepe und nahm sie auf den Rücken, Egon auf den Arm.«

»Durch welche Schule des Elends wir gingen – davon laß' mich schweigen! Ich wollte zum Erbprinzen – ich hörte, er sei in Wien beim Kaiser – dort wollte ich hin – Du weißt, wie uns Bäbili fand – der Erbprinz war in Italien. Jetzt dachte ich nur daran, die Kinder zu verbergen; ich sah in allen Menschen nur Spione des schrecklichen Mannes, welche sie mir rauben oder tödten wollten.«

»Aber,« rief Magda, die fast in Thränen und Schmerz vergehend diese traurige Geschichte hörte – »aber warum entdecktest Du Dich nicht Barbara – der guten Großtante dieser Kinder?«

»Barbara kannte mich nicht und ich sie nicht. Ich gehörte auf das Gut, was sie nur kurze Zeit mit Lucretia bewohnte und kam erst als Küchenmagd in den Dienst des Hauses, als Frau Hülshofen nach Prag gegangen war, wo Du mit Deiner Mutter, der Frau Matielli, an den Pocken krank lagest. – Später faßte ich so viel Vertrauen zu ihr, daß ich ihr sagte: sie solle mir helfen, für die Erziehung der Kinder zu sorgen – sie seien vornehmer Geburt – aber es ruhe ein tiefes Geheimniß über ihrem Schicksal. Sie that nun zwar, warum ich sie bat – aber sie hatte ein stolz verächtliches Wesen gegen alles Heimliche – sie blickte, denke ich, noch hochmüthiger als sonst auf die armen Kinder. Da schnitt sie mir das Vertrauen ab, was so schon nicht so leicht bei mir zu erringen war, und ich wollte nicht, daß die Kinder ihr was zu danken hätten; ja als Du später einmal den Großvater nanntest und ich wohl denken konnte, es sei derselbe auch Großvater meiner armen Waisen, wollte ich ihn doch nicht um Schutz bitten, da sie ihren rechten Vater hatten, der mächtiger war als Alle, und ich nicht wußte, wie der alte Herr über die Kinder denken werde, da er die Heirath mißbilligt hatte – und sie verachtet zu sehn – und mir vielleicht weggenommen – unter anderes Volk gebracht, das sie lieblos behandelt hätte, das wollte ich nicht erleben und hätte doch kein Recht gehabt, es zu hindern, wenn einer von den Verwandten über sie gekommen wäre.«

»Da kam denn die Zeit, wo die Fürstin Morani und der Graf Lacy zutraten und das hielt ich den Kindern schicklich und gab sie hin, fest beschließend, sobald ich sie in Sicherheit wisse, nach dem Fürstenthume S. zu wandern und mir den Erbprinzen selbst zu suchen.«

»Aber wie es immer armen Leuten geht; ihnen fehlt viel, um Unglück zu vermeiden; ich war zu einfältig, um die Gefahr zu sehen, in die ich ging, dachte, das arme Weib sollte dem bösen Manne aus den Gedanken sein. Es war nicht so. Unbesonnen umschlich ich das Schloß, da zu dieser Zeit alle Menschen dort sagten, der Prinz werde jeden Tag erwartet. Ihn sah ich nicht; aber der Alte hatte ein Fenster, von da belauschte er, hinter Vorhängen halb verborgen, seine Unterthanen. Da hatte ich armes dummes Weib mich ihm auch hingestellt, und er hatte über mein täglich Wiederkommen und mein seltsam Wesen so lang gegrübelt, bis er mich erkannt. Nun ward ich ins Schloß gelockt, und da ich auch hierbei nach dem Erbprinzen forschte, ward ich plötzlich zu ihm geführt. Das war ein schreckliches Wiedersehn. Ich war nur ein armes, geringes Weib, und er ein reicher mächtiger Fürst, aber er stand doch als der Geringere vor mir, und mußte es ertragen, daß ich mir vor Abscheu das Gesicht vor ihm verdeckte und ihm sagte: Gottes Blitz der Vergeltung werde ihn noch treffen. – Dann faßte ich mich und beschloß, ihm das Leben der Kinder nicht zu verrathen, und wenn er mich auf die Folter spannen ließe. Das hatte ich nun nicht zu fürchten, denn die ihm gedient, waren um des Lohnes willen bemüht gewesen, Alles ihm als wohlgelungen vorzustellen – er hielt sie Alle im selben Grabe gebettet – aber er hatte was anderes im Sinne, und das warst Du!«

»Dich hatte er indessen bei Deinem Großvater gesehn, und da Du, wie ich oft bemerkt, mit der Tante Lucretia Aehnlichkeit hast, so war ihm der Gedanke gekommen, Du könntest das älteste Mädchen seines Sohnes sein, durch irgend einen Zufall von dem Dir zugedachten Tode gerettet, dem Egon damals, wie er wußte, entronnen war. Dies sollte ich ihm entdecken; denn er wußte, daß ich die Wahrheit kennen mußte. Da ich es nun mit ganzer Ueberzeugung leugnete, hielt er es für Verstellung und Lüge und beschloß, mich durch Kerkerhaft und Leiden, dann wieder durch Pflege und Versprechungen zum Geständniß zu bringen.«

»Dabei sagte er mir, um mir zu zeigen, Du werdest ihm doch nicht entgehn, wo Du lebtest und wie Du von seinen Knechten umstellt wärest – und wahrlich, ein Wunder oder die Feigheit seines Dieners, der es leiten sollte, hat Dich bisher geschützt. Endlich ward er der Verzögerung überdrüssig; er wählte einen andern Bösewicht, der ihm fähiger schien – da gelang es mir, unbemerkt zu entfliehn, und so habe ich mich bettelnd hierher geschleppt, um Dich zu warnen und wo möglich die nächste Gefahr auch von den Kindern abzuwenden; denn er sagte mir, daß der Graf und die Gräfin Lacy hier wären, und ich fürchtete daher auch für meine armen Kinder.«

»Also« – sagte Magda schaudernd – »bin ich zum Tode bestimmt wie Egon und Hedwiga, und ich werde keine Mora haben, die mich schützt. Heiliger Gott! warum hältst Du den Sünder nicht auf in seinem Lauf? Mora« – setzte sie hinzu – »mir ist, als ob ich von Deiner Erzählung schrecklich alt geworden wäre. Der Großvater verschwieg mir Lucretia's Schicksal, weil er wohl wußte, wie solche Erfahrung den Jugendmuth bricht – und nun hat es doch geschehen müssen, und ich fühle die Wirkung. Aber es wird auch dieses gut sein, denn wozu soll der Glaube, daß die Sünde erlogen ist, wie ich bis jetzt dachte, wenn sie doch wirklich da ist! Ich will nun kurz vor meinem Tode nicht betrübt sein, daß ich erfahren mußte, was so Viele wissen, die älter werden und doch so gut bleiben, wie zum Beispiel der Großvater.«

»Verzweifle nicht,« sagte Mora – »ich kann nicht glauben, daß er Hand an Dich legt – und man wird auch Deine Entführung nicht ruhig geschehen lassen. Hülfe kann Dir nicht fehlen! Wenn Gott will, trifft Alles zusammen und dann kömmt die rechte Stunde der Rettung!«

»Ja, Mora,« sagte Magda – »so wird es sein, und ich will mich nicht beugen lassen und muthig bleiben, und da ich beides so nöthig habe, will ich so wenig als möglich an den Großvater und an den Karlstein denken; denn das, fühle ich wohl, bricht mir mehr das Herz, als wenn sie mich jetzt vor den alten Bösewicht führen werden.«

Ihre Reise ging während dieser Mittheilungen ununterbrochen fort; der Wagen ward oft mit frischen Pferden versorgt, und nur als die Nacht anbrach, öffnete man von Außen die Wagenfenster, um Luft einzulassen. Mit Nahrung wurden sie reichlich versehn, und man schien überdies sich gegen Magda höflich bezeigen zu wollen; denn auf ihre Forderung, daß man Bezo's Wunden mit frischem Wasser baden solle und aufs neue verbinden, gab man ihr darin nach, und mit ihrer natürlichen Anlage zum Befehlen wußte sie es aber bald dahin zu bringen, daß Bezo, obwohl von leichtem Wundfieber befallen, doch sanft gebettet und erquickt zu ihren Füßen lag, und daß sie außer ihrer Freiheit, ziemlich fordern konnte, was sie wollte, wenn ihr auch nur ein mürrischer Gehorsam zu Theil wurde. Bezo verlor trotz des Fiebers, was ihn schüttelte, nicht sein sparsames Bewußtsein, und sein traurig-blödsinniges Grinsen trat sogleich hervor, wenn Magda sich zu ihm bog oder er ihre Pflege fühlte – und diese war so arm an Liebesbeweisen geworden, daß ihr die Nähe des treuen befreundeten Knaben, der kein klareres Gefühl hatte, als das eben dieser Treue gegen sie, der größte Trost war, den sie empfinden konnte.

Auch Mora war ihr eine Stütze; obwohl sie kaum hoffen konnte, mit ihr vereinigt zu bleiben, beschloß sie doch Alles anzuwenden, um dies zu erlangen, und das verwöhnte Kind, das den Widerspruch noch nicht kannte, hoffte seinen Willen durchzusetzen.

Ihre Reise blieb ungestört und es war bei der Eile und guten Vorbereitung leicht zu denken, daß, wenn Magda's Verschwinden entdeckt ward, und bis zu der Ueberzeugung geleitet hatte, daß sie entführt sei, die Zeit zu einem großen Vorsprung gewonnen war, den ihre Begleiter mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu benutzen suchten. »Wer weiß, ob sie überdies jemals die rechte Spur entdecken – und dann werde ich vielleicht niemals die Sorge kennen lernen, die sie um mich getragen haben,« setzte Magda schwermüthig hinzu – und wie doppelt weh ward ihr dabei ums Herz, da sie sich so eben mit neuen Lebensbanden an Lacy geknüpft fühlte – wenige Augenblicke vor dieser Katastrophe eine feste Hoffnung auf wieder gewonnenes Glück gefaßt hatte.

Sie irrte sich nicht in der Voraussetzung, daß ihre Entführung lange der Beobachtung entzogen blieb. Zu gewohnt waren Gundula und der Großvater, sie nach dem mit ihnen genossenen Frühstück bis zur Mittagstafel nicht wiederzusehn, als daß man sie an diesem Tage vermißt haben sollte. Man vermuthete sie wie gewöhnlich bei Claudia, und diese blieb an dem erwähnten Morgen Allen unsichtbar in ihren Zimmern.

Als Claudia sich zu Mittag entschuldigen ließ, nicht in dem gemeinschaftlichen Eßsaal zu erscheinen, nahm man wieder an, daß Magda, wie dann gewöhnlich, mit Claudia essen werde. Claudia's Kammerfrau bediente die Gräfin – so blieb es Thyrnau's Leuten verborgen, daß sie auch dort nicht war. Lacy erschien zwar bei Thyrnau zu Tische, aber er fand Magda's Abwesenheit nicht allein erklärlich, sondern sie war ihm eine Wohlthat, die er ihr glaubte danken zu müssen, und er am wenigsten that die Frage nach ihr, die Alles aufgeklärt hätte.

So rückte der Abend heran, und erst als sie auch da nicht erschien, nachdem die Gräfin Lacy zur Ruhe gegangen war und ihre Kammerfrau bei Gundula den Abendbesuch machte, ergab es sich aus zufälligen Nachfragen, daß Magda seit den frühen Morgenstunden nicht bei der Gräfin gewesen war. Jetzt gingen Fragen von Einem zum Andern und endlich kam man zu Thyrnau, der mit Lacy in seinem Arbeitszimmer saß und es versuchte, dem einsilbigen Gast einiges Interesse abzugewinnen.

»Magda ist auch nicht bei Euch, lieber Herr?« sagte Gundula – »wo ist sie denn eigentlich? Veit kommt so eben vom Felssitz, da ist sie auch nicht.« »Magda?« riefen sogleich beide Männer, von ihren Sitzen aufspringend – »sie wird noch bei der Gräfin sein!« »Nein, Herr!« sagte Gundula stockend – »dort war sie nicht seit der Morgenstunde – allerdings haben wir dies Alle gedacht und sie deshalb nicht gesucht.«

»Und hier« – rief Thyrnau – »in ihrem Zimmer war sie auch nicht?« – Er wußte es gewiß – doch riß er hastig die Thür auf, um zu sehn, was er erwartet hatte. Der kleine zierliche Raum, mit einem Blick zu übersehen, lag in seiner stillen Ordnung einsam vor ihm. »Nun!« rief er, sich noch immer beherrschend – »sie schweift wieder umher. Laßt uns die nächsten Umgebungen durchsuchen.« Als sich beide Männer bei diesen Worten ahnungsvoll anblickten, sahen Beide, daß sie blaß und verändert waren, und Lacy erweiterte im selben Augenblick Thyrnau's Vorschlag noch, indem er in fast krampfhafter Heftigkeit dem alten Veit zurief, sogleich die Pferde satteln zu lassen, und den Grafen Podiebrad in den Schloßhof hinab zu bitten.

Thyrnau griff nach der Lehne eines Stuhls und sagte kaum hörbar: »Was denkst Du, Lacy?«

»Ich weiß es nicht,« sagte dieser heftig – »aber wir müssen auf Alles gefaßt sein. Laß uns hinunter gehn – wir müssen alle Hausbewohner fragen – Podiebrad muß seine Leute aufsitzen lassen.«

»Vielleicht kommt sie noch,« sagte Thyrnau verwirrt und schwach, fast gedankenlos Lacy's Arm nehmend, der ihn mit sich die Treppen hinunter zog.

Die Nachricht hatte sich mit reißender Schnelligkeit im Schlosse verbreitet; der Hof war mit allen Bewohnern erfüllt und eben kam die wichtigste Person, Mutter Grimschütz, mit der Schürze vor den Augen laut schluchzend in den Hof und als sie die beiden Herren aus dem Schlosse treten sah, und Podiebrad gleichfalls mit vollkommen natürlicher Besorgniß, sein ganzes Pathos vergessend, aus seiner Thür hervor rannte, warf sie sich vor Thyrnau nieder und schrie mit ihrer rauhen heisern Stimme um Gnade und betheuerte ihre Unschuld, ohne daß ihren Worten der geringste Zusammenhang abzumerken war, obwohl es Allen klar ward, daß ein Unglück geschehen, von dem diese Frau Kenntniß habe.

Thyrnau beobachtete ein trauriges Schweigen; aber niemals sahen seine Getreuen sein edles Gesicht so farblos und von so trostlosem Schmerze erstarrt. Er blickte auf das Weib nieder, ohne Frage oder Antwort – während Lacy in einer Aufregung, die an Wuth grenzte, hinzu sprang, sie vom Boden aufriß und zu einer deutlichen Sprache nöthigte.

»Ja, Herr! mißhandelt mich nur,« schrie Mutter Grimschütz – »ich habe es wohl verdient und weigere mich nicht, Euch zur Erleichterung zu dienen – aber seht ihr nur nach – thut nur Alles, um sie einzuholen, denn sie ist fort! fort! in meinen Kleidern ist sie fort! und Bezo trägt nur wenig Mundvorrath, so daß sie sogar bald Hunger leiden wird – aber wie sollte ich ihr mehr geben, da ich nicht wußte, daß sie entfliehen wollte?«

»Schweig!« rief Thyrnau hier mit einem fast fremden Ton der Stimme, aber doch zum Leben zurückkehrend. »Es ist anders! das begreifst Du!« fuhr er zu Lacy fort, der plötzlich verstummt einen neuen Schreck zu erleben schien – »aber ich fürchte trauriger!«

»Sammle Dich,« sagte er dann wieder zu Frau Grimschütz gewendet – »erzähle, was Du weißt.«

Dies geschah nun in einiger Ordnung und obwohl der Bericht verworren und räthselhaft genug blieb, erfuhren sie doch, daß Magda mit jenen Sachen und Bezo das Schloß verlassen habe und nicht zurückgekehrt sei. Die traurigste Ueberzeugung für Alle war, daß dies schon am frühen Morgen geschehen sei, daher ein Zeitverlust eingetreten war, welcher die gefährlichsten Folgen haben konnte. Lacy fühlte sich von Befürchtungen bestürmt, die er weder gleich prüfen noch in Zusammenhang zu bringen vermochte – aber nach dem, was er am Morgen mit ihr erlebt, nach Claudia's Erscheinen, welches sie getrennt und wodurch sie sich selbst überlassen blieb in einer Stimmung, die sich vielleicht geändert hatte durch irgend eine Befürchtung über Claudia – hatte ihn selbst die thörichte Behauptung der Alten: Magda sei entflohn! tief erschüttert. Thyrnau's fester Ausspruch erlöste ihn hiervon und doch mußte er sich sagen, dieser kannte nicht, wie er, den besonderen Gemüthszustand des theuren Kindes, und sein Gewissen flüsterte ihm zu: »dies wäre nicht geschehn, wenn Du Dich pflichtgetreu beherrscht.«

»Alles bleibt ein Räthsel!« rief Thyrnau nach den letzten Worten der alten Frau – »aber irgend eine Handlung der Wohlthätigkeit, zu der ihr eignes Treiben oder fremde böse Absicht sie verlockt, ist die Veranlassung. Schrecklich ist die verloren gegangene Zeit!«

»Dort kommen die Pferde!« rief Lacy erleichtert – »ich denke, der Wald bis Karlik, dann der Weg nach Budnian und die Stadt selbst müssen untersucht werden.«

In diesem Augenblick hörten sie Podiebrads Stimme, welcher kommandirte – und hervor ritt er an der Spitze der aufgesessenen Besatzung mit gezogenem Degen.

»Meine Herren!« sagte er, den Degen senkend, »dieser Raub des edlen Fräuleins, welches der Obhut des Karlsteins übergeben war, ist ein Ehrenpunkt für uns Alle, und, muß ich wegen besonderer Verdienste des Fräuleins hinzusetzen, auch ein Herzenspunkt im keuschesten Sinn des Worts.« Hier bebte dem ehrlichen Kämpen sein mächtiger Zwickelbart so stark, daß er seine Rede kurz abbrach und einen auffordernden Blick rückwärts warf, in welchem, wegen der Dämmerung, Niemand die besondere Feuchtigkeit zu bemerken vermochte. Dann fuhr er zu Lacy und Thyrnau gewendet fort, welche ihre Pferde so eben bestiegen: »Lassen Sie uns unsern Plan machen und die Mannschaft vertheilen – es sind starke Pferde – nichts darf geschont werden – Gott und Galbes werden unterdessen den Karlstein schützen!«

Lacy und Thyrnau drückten ihm gerührt die Hand und nachdem die Verabredung getroffen, setzten sich alle Reiter in großer Eile in Bewegung nach den verschiedensten Seiten des Karlsteins.

Thyrnau hatte den Wald vor dem Karlstein zu durchsuchen übernommen, und seine Stimme rief oft den besonderen Aufruf in den Wald, den er und Magda zum Wiederfinden bei ihren Streifereien angenommen hatten. Aber die Antwort blieb natürlich aus, und Thyrnau hatte schon lange sein Pferd verlassen und durchstreifte mit Veit die kleinen Gebüsche, welche ihnen zum Trost der Mond erhellte, als Thyrnau zuerst ein Bündel Kleidungsstücke entdeckte, die einer Frau gehört hatten. Dies schien ihm sogleich mit den Aussagen der Mutter Grimschütz in Zusammenhang zu treten – hastig untersuchte er den Platz weiter und fand den Korb mit Lebensmitteln und eine angebrochene Flasche Wein. Hier also war sein theures Kind gewesen. Hoffnung und Schmerz kämpften in seiner Brust; aber die erstere erstarb fast, als ihm Veit bleich und stumm ein weißes Tuch reichte, welches Magda zugehörte – es war noch feucht von reichlich darin vergossenem Blute. Er stürzte nach der Stelle hin, wo Veit es gefunden – hier zeigten sich noch bestimmter die Spuren der Gewaltthat. Stricke lagen umher, der Boden war unterwühlt von vielen schweren Fußtritten, die in Anstrengung gewesen sein mußten, und das Moos war an einer Stelle schwarz gefärbt und es zeigte sich, daß es Blut war. Hier verließ Thomas Thyrnau die bis zum siebenzigsten Jahre unerschütterte Manneskraft – mit einem: tiefen Aufstöhnen sank er an Veits Brust, seine Knie brachen und seine Augen umhüllten sich trübe.

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