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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Indessen hatte der Mond Alles gethan, was man wollte, und der klare Himmel, an dem er aufgegangen, schien fast Tageshelle zu verbreiten. – Jetzt sagte jeder der Anwesenden der Prinzessin einige Worte des Dankes und der Anerkennung, und die Pferde wurden vorgeführt, und der Zug fing an sich zu ordnen.

Trautsohn brachte Magda ihr Pferd. – »Ach,« rief diese, die ihn bis jetzt ganz vergessen hatte – »hast Du Dich nicht auch recht darüber gefreut, daß ich meinen lieben Egon wiedergesehen habe?«

»Was geht mich der fremde Junge an,« sagte Trautsohn mürrisch – »er ist ja, wie ich höre, nicht einmal Dein Bruder, obwohl Du grade so zärtlich mit ihm thust, als wär' er's – da Hab ich wenig Freude daran, wenn Dir andere junge Bursche so gut gefallen, daß Du keinen ansiehst.«

»Pfui!« rief Magda – »wie bist Du schlecht und unartig! Immer Du – und Du! als ob das die Hauptsache wäre – kannst Du Dich nicht freuen, weil ich mich freue? Wenn Du eine Schwester hättest oder nur eine Pflegeschwester, wie wollte ich sie lieb haben, grade darum, weil Du sie lieb hättest.« Sie nahm ihm die Zügel fort und trieb ihr Pferd allein an, über die Brücke zu gehen. Voran ritt schon der Prinz mit der Prinzessin und der Gräfin Hautois, ihnen folgten Claudia, Lacy und Podiebrad und hinter ihnen lenkte Magda ihr Pferd ein, während Thyrnau den jungen Egon an seine Seite rief und die Herren der Besatzung mit dem zurückgewiesenen Trautsohn hinterher ritten.

Trotz des Mondscheins und vielleicht grade deshalb neckte der Schatten des Waldes, der Wechsel mit dem scharfen Lichte, den kleinen Reiterzug, und der Prinz, der bis jetzt vorangeritten, erkannte bald, da er überdies etwas zerstreut war, daß er sich schlecht dazu passe, die rechte Spur des Weges zu erkennen und man machte Halt, um einen Jäger aus dem Nachtrab als Führer voran reiten zu lassen. Dadurch war der Zug einen Augenblick aufgelöst, und als man sich wieder ordnete, hatte sich Trautsohn an Magda's Seite eingefunden, und obwohl Beide schwiegen und einige Schritte zwischen ihnen lagen, sahen sie sich doch zufällig zuweilen an und als Beide zu gleicher Zeit über ein Eichkätzchen lachen mußten, welches vor ihnen den Baum hinauf lief und lange mit dem grausen Schweife wedelte, ritt er wieder dicht neben ihr und sagte endlich, indem er in ihre losen Zügel griff: »Dein Pferd geht doch nicht so sicher als ich dachte, und bei Nacht und bei den Wurzeln muß man die Zügel immer festhalten.«

»Nun, so nimm sie,« sagte Magda und schlug bequem die Arme in einander – »ich bin auch müde genug und soll mich noch mit dem Pferde quälen.«

»Siehst Du,« sagte Trautsohn. – »Wenn ich aber Dein Herr Pflegebruder wäre, der jetzt vollends mit dem Großvater zuletzt reitet, da hätte mir kein Anderer Dein Pferd führen sollen – und ich muß mich sehr über diesen jungen Herrn wundern.«

»Wundere Du Dich nur über Dich selbst,« sagte Magda – »da kannst Du sehn, wie lieb man sich haben kann, ohne immer der Einzige sein zu wollen. Das ist das wahre Liebhaben!«

»Nun, das lerne ich denn im Leben nicht!« rief Trautsohn – »denn ich möchte Allen die Beine entzwei schlagen, die um Dich her tänzeln, und könnte ich Dich ganz allein haben, so wollte ich gar nicht betrübt sein, der Einzige zu sein, und das schwöre ich Dir, es sollte Dir an nichts fehlen. Und habe ich nur erst meine schöne Herrschaft in Mähren mit den vielen Schlössern und Burgen – ich glaube, es sind sechse an der Zahl – da sollst Du hinkommen mit dem Großvater und sehn, was ich leisten kann.«

Obwohl nach dieser Erklärung eigentlich nur noch der Priester fehlte, hatten doch Beide kein Arg daraus und ein dumpfer Ausruf und ein strauchelndes Pferd zeigte ihnen den Grafen Matthias, der hinter ihnen ritt.

»Was ist geschehen, Matthias?« rief Trautsohn augenblicklich an seiner Seite reitend – »ist Dein Pferd nicht sicher?«

Doch dieser winkte ihm abwehrend mit der Hand, gab seinem Pferde die Sporen und jagte an dem Zuge vorüber, bald in dem Walde verschwindend.

»Ach,« rief Magda – »das mußt Du doch sagen, der Matthias ist ein unheimlicher Gesell – ich habe rechte Herzensfurcht vor ihm.«

»Ja, Herzensfurcht habe ich auch um ihn,« sagte Trautsohn mit tiefem Gefühl im Ton – »aber aus Liebe zu ihm und weil ich weiß, daß er so unglücklich ist, wie wenige Menschen sein mögen, und daß daran halb der Oheim Schuld ist, der seine Natur verdreht hat, daß ihm Alles zur Sünde wird, was Andern zum Glück gereicht. Geht der verloren, Magda – dann kannst Du nur um ihn weinen, denn Du hast auch Dein Theil daran – und im Grabe wird es ihm noch wohl thun, wenn Du um ihn weinst.«

»Das klingt ja recht traurig,« sagte Magda – »aber wie soll das wahr sein können, was Du sagst, wenn es sichtlich ist, daß er mich haßt.«

»Ach,« sagte Trautsohn altklug – »Du verstehst das nur nicht und hast keine Erfahrung – er liebt Dich sichtlich und denkt, es ist eine Sünde, weil ihm der Oheim eine Art Gelübde abgenommen hat wie dem Pacheco und dem Galbes, von ewiger Keuschheit nennen sie es – das soll heißen, daß sie weder lieben noch heirathen dürfen.«

»Gott behüte,« rief Magda – »als ob das eine Sünde sei, da es doch die Besten gethan haben! Aber Du bist doch frei – Dir haben sie es doch nicht zugemuthet?«

»Nein, das habe ich mir verbeten,« sagte Trautsohn – »denke Dir, wie das auch für mich paßte, wenn ich meine große Herrschaft bekomme und darauf allein leben sollte ohne Frau und viele Kinder – die sich dann Alle des Lebens freuen können.«

»Ja wohl, ja wohl!« sagte Magda. – »Nun – wenn's so weit ist, da komme ich sicher und besuche Dich.«

Trautsohn lachte laut – dann sagte er ihr noch näher rückend. »Das schwöre ich Dir, Du mußt dabei sein, wenn's mir Spaß machen soll! Denke Dir nur, Matthias warnt mich immer vor Dir und sagt, Du wärst ein Bürgermädchen, gar nicht zum Heirathen für einen Edelmann!«

Jetzt lachte Magda und sagte: »Ja, da hat er Recht – ich bin ein Bürgermädchen und gar nicht zum Heirathen.«

»Nun sei Du, was Du willst – Du bist mir doch die Liebste, und da Dich die Kaiserin so lieb hat, so weiß ich wohl, was ich thue, wenn's so weit ist. Aber eins bitte ich Dich – suche doch den armen Matthias etwas sanfter zu machen, und nimm ihm den Glauben, daß Du ein wahrer Dämon bist.«

»Aber ich fürchte mich so,« – sagte Magda – »wenn er mir nur nichts thut.«

»Ach, sei doch nicht so furchtsam,« entgegnete Trautsohn – »ich will Dich schon behüten; auch kannst Du sicher sein, daß er Dir nichts thut – Du mußt nur nicht fliehen, wenn er zu Anfang so schrecklich aussieht oder verworrenes Zeug redet.«

»Ich will ihm gern wohl thun, wenn ich kann,« erwiederte Magda – und eben hielt der vordere Zug vor den Thoren des Karlsteins an, und die Trompeten bliesen um Einlaß, den der Graf von Pasterau, der als Befehlshaber zurück geblieben war, augenblicklich ertheilte.

Als der Prinz von S. die Prinzessin Therese vom Pferde hob, sagte er, indem er sie in das Schloß führte: »Es scheint mir, Keiner hat Ihnen mehr zu danken als ich. – Es ist mir, als ob es einer der wichtigsten Tage meines Lebens gewesen wäre. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen später über Alles, was ich heute in meinem Innern und auch vielleicht von Außen erfuhr – mein Herz ausschütten darf.«

Sie stiegen während dieser Worte die dunkle Wendeltreppe des Thurmes empor; die Prinzessin schwieg, und im selben Augenblick verfehlte sie eine Stufe – der Prinz fing sie in seinen Armen auf – ein leiser Schrei drang über ihre Lippen. »Therese,« sagte er – einen Moment hatte er sie an seine Brust gedrückt – sie schwieg noch immer. »Nur ein Wort!« bat er leise.

»Ich werde Sie anhören,« stammelte die Prinzessin kaum verständlich.

Die Thüren ihres Zimmers öffneten sich – sie war verschwunden. Die Gräfin von Hautois saß schon ermattet in einem Lehnstuhl – die Prinzessin schwankte auf sie zu, fiel vor ihr nieder und verbarg ihr Gesicht laut schluchzend in den Schooß der mütterlichen Freundin.

Als die Nacht gänzliche Ruhe im Schlosse verbreitet hatte, ging Thomas Thyrnau noch an der Seite eines geringen Mannes in seinem Eßzimmer auf und nieder. Dieser Mann war in mittleren Jahren, und obwohl er jetzt das Koller des Dragoner-Regiments trug, welches dem Prinzen von S. besonders gehörte, und er mit dem kleinen Kommando gekommen war, welches den Prinzen hieher begleitet hatte, konnte es doch nicht schwer halten, in der kräftigen und geschickten Gestalt, in dem eigentümlich klugen und doch gutmüthigen Gesicht des Mannes, Guntram den Waffenschmid zu erkennen, welcher seiner alten Neigung gefolgt war, als er hörte, sein geliebter ehemaliger Herr, der Erbprinz von S., sammle aufs Neue sein altes treues und tapferes Regiment.

Thomas Thyrnau hatte den Rückweg benutzt, um aus Egon, so viel er selbst wußte, über seine Lage heraus zu bringen, und als er bei der Rückkehr im Hofe sah, daß dieser mit Guntram eine Erkennungsscene hatte, die von großer Liebe und besonderem Einverständnis zeugte, wußte er sich, als die Burg in Ruhe schien, den Besuch Guntrams zu verschaffen.

Es zeigte sich bei dieser Unterredung bald, daß es Thyrnau gestattet war, mit dem klugen und sinnigen Guntram offen zu unterhandeln; denn es fand sich bei der ersten Anregung, die Thyrnau gab, daß Guntram von den Verhältnissen des Prinzen wohl unterrichtet war, und seine Vermählung wie das grauenvolle Schicksal derselben kannte, wenn ihm auch fremd geblieben war, wer die Gemahlin seines Herrn gewesen.

»Gott weiß, mein Herr!« fuhr er fort – »ob der Knabe, als er jünger war, die Aehnlichkeit nicht so zeigte als jetzt, oder ob ich thörichter Mann erst den lieben gnädigen Herrn daneben sehen mußte – genug – es ist mir früher nicht klar geworden, obwohl ich ihn oft ansah, und zu ergründen suchte, wem er gliche – wodurch mir das Herz immer mehr zu ihm hinstand, was ohnehin schon wie behext durch den Knaben war. Gewiß ist es aber, daß sich Frau Mora nie vor mir sehen ließ, und Frau Bäbili doch sicher war, daß die beiden Kinder weder zu ihr selbst, noch zu ihrer Familie gehörten.«

»Nach dem Tage aber, wo diese in das Haus der Fürstin Morani übergingen, ist die Frau Mora von dem Klosterhof verschwunden – und immer denke ich, sie kommt wieder, und wird doch am Ende die Einzige bleiben, die Aufschluß geben kann.«

Dies hatte Thyrnau längst eingesehen und entließ jetzt Guntram, weil er den Prinzen noch erwartete.

Beide waren in großer Bewegung, als sie sich wieder sahen, und das wenige Licht, welches Guntram zu geben vermocht hatte, konnte ihre erwachten Hoffnungen nicht niederschlagen. Der Prinz ward nur über so vieles in seinen Erinnerungen unsicher, daß er den Wunsch äußerte, nach dem kleinen Landhause hin zu reisen, welches er angekauft und von einem alten treuen Diener verwalten ließ, um die Gräber der theuren Opfer zu schützen. Er erinnerte sich jetzt, daß er nur ein Grab gefunden, daß der damals schon im Sterben liegende Diener, welcher auch gleich nach der Abreise des Prinzen starb, ihm nur von diesem einen Grabe gesprochen habe, und daß er in Verzweiflung angenommen ober gehört habe, daß Mutter und Kinder ein Grab umschlösse.

»Ich weiß nicht, wie Du in anderer Weise hierüber Sicherheit bekommen willst,« sagte Thyrnau – »als indem Du Dich der entsetzlichen Aufgabe unterziehst, die Gruft öffnen zu lassen. Diese Maaßregel würde allerdings feststellen, ob das Grab einen oder drei Körper umschlossen habe – aber doch nicht erweisen, ob die Kinder, die jener Diener Dir als schon vor dem Tode der Mutter gestorben schilderte, nicht wo anders begraben wurden, worüber Du selbst nachzuforschen vergaßest, da Du die erste Idee festgehalten hattest.«

»Dazu kommt – außer daß mein Sohn Egon und meine Tochter Hedwiga getauft wurden – daß ich die dunkle Erinnerung eines Namens, wie Mora, unter der Dienerschaft habe.«

»Ich glaube sogar,« fiel Thyrnau ein, – »daß meine Tochter eine solche Person in ihren Diensten hatte, während jener Zeit, wo sie mit Barbara auf dem Lande lebte – aber ich bin gegen unsere Erinnerungen wie gegen uns Beide mißtrauisch, denn der Wunsch, daß unsere Ahnung sich erfüllen möge, reißt uns Beide zu Schlüssen hin, die vielleicht weit die Wahrscheinlichkeit überbieten. Lacy und seine Gemahlin theilen übrigens ganz unsere Hoffnungen, nachdem sie den Zusammenhang erfahren, und obwohl sie nichts Bestimmtes wissen, hat Lacy doch den Gedanken angeregt, meine Schwester Barbara darüber auszuforschen, da es ihm möglich scheint, sie könne Mora's Vertrauen mehr als Bäbili besessen haben. Denke ich dabei ihres stillen verschlossenen Sinnes, ihres Widerwillens, Unruhe anzuregen, ja vielleicht auch ihrer Abneigung, die Kinder in größere Verhältnisse übergehen zu sehen, gegen die sie nun einmal eingenommen ist, so wäre es nicht unmöglich, daß sie erst meiner Aufforderung nachgäbe, auszusprechen, was sie wüßte oder ahnte.«

Gegen die augenblickliche Reife, obwohl der Ort nicht sehr entfernt an der böhmisch-sächsischen Grenze lag, traten einige Bedenken ein durch die Nachricht, die der Prinz eben durch seinen Freund, den Stadthauptmann von Prag, den Freiherrn von Prosegk, erhalten hatte, und welche die unter der Hand empfangene Anzeige enthielt, den Fürsten von S. habe der Schlag gerührt und man wisse nicht, ob er zwar noch lebend, es überstehen werde. »Prosegk schreibt mir zwar, daß der unglückliche Mann das tiefste Geheimniß über die Sache befohlen habe – eben um mich abzuhalten – denke Dir aber,« rief der Prinz, wenn dennoch in den letzten Augenblicken Gott sein Herz rührte, er mich sehen wollte und ich ihm diese Versöhnung unmöglich gemacht hätte!«

Thyrnau mußte seine Ueberzeugung, daß dieser Fall nie eintreten werde, unterdrücken, um den Sohn nicht wehe zu thun, dessen Herz immer bestrebt war, die menschliche Hoffnung festzuhalten. Er rieth ihm daher, nähere Nachrichten abzuwarten, die gewiß nicht lange ausbleiben würden, da mit wenigen Ausnahmen das ganze Land mit Liebe und Hoffnung an seinem Erbprinzen hänge.

»Denke indessen nicht daran,« fuhr Thyrnau fort, – »selbst im Falle, daß dieser prächtige Jüngling Dein Sohn ist und Du die Freiheit bekommst, zu thun, was Du willst, ihn dem Lande als Geschenk mitzubringen – das wäre in jeder Art unweise. Die Mutter kann nicht mehr zu einem Stande erhoben werden, der dem Sohne Legitimität gebe – das Land wird sich keinen andern Nachfolger gefallen lassen und Du würdest dadurch augenblicklich in das traurigste Zerwürfniß mit ihm gerathen – noch einmal sage ich Dir, Du mußt heirathen und dem Lande von einer ebenbürtigen Gemahlin Erben verschaffen, das ist Deine Pflicht! und« – fuhr er lächelnd fort – »ich glaube, Du hast jetzt weniger wie sonst etwas dagegen, wenn ich den Brautwerber mache.«

»So wenig,« sagte der Prinz, ihm zärtlich die Hand drückend – »daß, wenn Du erlaubst, ich ihn morgen selbst mache!« »O,« rief Thyrnau – »so bist Du mir recht! Das habe ich mir gewünscht – das wußte ich, konnte nicht ausbleiben, wenn Du ihr näher kämest – und sei gewiß, sie wird Dich nicht täuschen – sie ist ein edles reich begabtes Wesen, gegen das Du viel gut zu machen hast, deren Thorheiten Du hast verschulden helfen, die sie doch nur wie einen lästigen Zeitvertreib betrieb.«

»Ich habe mich dieser Ueberzeugung nicht länger entziehen können,« sagte der Prinz – »aber als ich sie heut neben Egon auf uns zukommen sah, als sie ihn mir später vorstellte und ihn ihren Sohn nannte, da hab ich gefühlt, daß dies der Moment der Entscheidung war – von dem Augenblick war ich entschlossen, ihr mein Herz anzuvertrauen. Wenn ich denke,« fuhr er sinnend fort – »daß ich sie zuerst wiedersah, als ich dem Kaiser mein grausames Schicksal entdeckte und sie später vor meinen Augen das Götterkind, welches der Kaiserin den Klosterscherz brachte und welches mich ganz bezauberte, in ihren Armen hielt und ihm Beistand leistete, wie heute Egon – wenn ich denke, dies Engelskind könnte meine Hedwiga sein – so hat Gott sie mir zweimal als die Mutter meiner Kinder gezeigt –und giebt sie auch dem Lande den legitimen Erben – sie wird diesen Kindern eine Mutter sein – sie wird sie nicht von dem ehrenvollen Platze verdrängen wollen, den ich ihnen einräumen werde.«

»O,« rief Thyrnau – »wohin verirren wir uns, da wir nicht wissen, ob nicht der eine Hügel die Gebeine der drei Geliebten umschließt.«

Am andern Tage fertigte der Prinz einen Boten mit einem Briefe an seinen Freund, den Stadthauptmann von Prag, ab und bat ihn am Ende desselben, den Kornet Egon ihm zu überlassen, und deßhalb das Nöthige bei Egons Regiment zu vermitteln, da er ihn als Lieutenant in seinem eignen Regiment anstellen wolle und ihn demgemäß um sich zu behalten wünsche.

»Mag er sein, wer er will! ich trenne mich nicht mehr von ihm,« sagte der Prinz dabei zu Thyrnau. Dann hatte er eine lange Unterredung mit der Prinzessin, welche nicht zum Frühstück erschienen war. Er entdeckte ihr alle seine früheren Verhältnisse, die sie zwar schon kannte, aber von ihm gern noch einmal anhörte – und bat sie dann um ihre Hand.

Mit edlem Freimuth willigte die Prinzessin ein und mit der tiefsten Gemüthsbewegung legte sie ihm nun ihrerseits ein Bekenntniß ihres vergangenen Lebens ab, ohne sich zu schonen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten. »Mit diesem Bekenntniß« – fuhr sie dann fort – »befreie ich mich nun von der Last meiner Thorheiten und« – setzte sie mit der größten Anmuth lächelnd hinzu – »Sie müßten es arg verschulden, wenn sie mir jemals wieder einfallen sollten.«

Sie waren nun verlobt! Die Frühverlobten – so lang Getrennten – sie fühlten sich jetzt sehr glücklich.

Eben so war Egon mit Magda sehr glücklich und sie mit ihm. Er folgte ihr nun auf allen ihren Wegen, und Trautsohn, der ihn sich heute bei Tageslicht angesehn hatte und fand, daß er drei Jahre jünger als er selbst war, hielt ihn nun lieber für ein halbes Kind und ließ ihn mitgehn, da es Magda gern hatte. Dagegen war Egon, der dies Uebergewicht empfand, schwer zu beruhigen, und immerfort hatte sie ihn zu schelten, zu zerstreun, oder durch kleine Vergünstigungen zu versöhnen.

Da man an diesem Mittage bei Graf Lacy aß, erschien auch der Graf von Podiebrad mit seinen Offizieren, und zum größten Erstaunen Lacy's setzte sich Magda bei Tafel zwischen Trautsohn und den Grafen Matthias. Dieser hatte sich wie gewöhnlich stumm und gesenkten Blickes auf seinen Platz niedergesetzt, als er plötzlich das Rauschen von Magda's Kleid hörte – und im selben Augenblick saß sie neben ihm. Es war ganz deutlich zu sehn, daß er anfangs unschlüssig schwankte, ob er nicht aufspringen und davon laufen sollte: was in ihm siegte – er hätte es nicht zu sagen vermocht – aber er blieb sitzen.

»Ach,« sagte Magda – »es wird Dir unlieb sein, bei mir zu sitzen, lieber Graf Matthias! aber ich bitte Dich, halte aus! Vielleicht versöhne ich Dich während der Tafel, denn es ist mir eine wahre Bürde, daß Du mir so nachdrücklich zürnst, da das längst vergessen sein müßte, was geschah, und ich sogar gegen den armen Pasterau keinen Groll mehr habe.«

»Womit habe ich diese Anklage verdient,« sagte leise der Graf Matthias – »da ich gegen Niemand als gegen mich selbst Groll hege und nur einer höheren Vorschrift gehorche, wenn ich der geselligen Freude mich zu entziehen suche, die hier plötzlich ganz gegen die Disciplin des Karlsteins ihren Einzug hält.«

»Ach, guter Graf Matthias,« sagte Magda – »Du bist ja noch so jung, es ist nicht Recht, daß Du eben so reden willst, als der gute alte Podiebrad, der sein Leben in der Welt abgethan hat und thun kann, was ihm Freude macht, ohne daß es ihm übel genommen wird – aber – ich weiß nicht, wie Du Dir ein männlich Wesen gerade so vorstellen kannst, daß in ihm gar kein Vertrauen lebt zu der Seele Festigkeit und des Herzens Reinheit! Betest Du denn nicht das Vater Unser? Da steht ja Alles drinnen – und wenn Du recht fromm bist, mußt Du doch fühlen, daß Dir nichts mehr helfen kann, als daß Du fest glaubest, daß es Dir helfen werde.«

»O, Magda,« sagte der Jüngling – »Du kennst wohl keine Versuchungen?«

»Da kannst Du Recht haben, denn es kommt mir Alles so natürlich vor – aber vielleicht ist es bloß darum so, weil ich fest hoffe, Gott werde mich vor Versuchung bewahren – da behütet Er uns auch! Mir fällt niemals so wildes teuflisches Zeug ein, wie Dir letzthin in der Kapelle.«

»Magda,« sagte Matthias – »Du sprichst wie ein Engel, und vielleicht will Gott, daß ich Dich höre – aber vielleicht bist Du auch gerade das Werkzeug, mich in die höchste Versuchung zu bringen.«

»O pfui,« rief Magda – »wie kannst Du so unritterlich und unzart sprechen – ich weiß es nicht, als ich Dich zuerst sah, kamst Du mir ganz anders vor – Du gefielst mir, denn ich sah gleich, daß Du von besseren Sitten warst als Pasterau, und über Deinen sichtlichen Hochmuth lachte ich.«

»Du lachtest?« rief Matthias – »Du verspottetest mich – Du – die Enkelin von Thyrnau?«

»Das bürgerliche Mädchen?« fuhr diese lachend fort – »Ja sieh! guter Graf Matthias – Dein Hochmuth ist es gewiß, der Dich so seltsam verändert hat, und Du solltest diesen für Deine höchste Versuchung ansehn, dann würdest Du nachher finden, daß Alles, was um Dich her geschieht, gar unschuldig ist und nur dem zur Sünde wird, der sie hinein legt.«

Matthias hörte still zu – er richtete seine gesenkte Stellung auf, aber er zuckte wie von einem Schmerze zusammen, und es erschien eine schnelle brennende Röthe auf seinem blassen Gesicht. »Am Ende bist Du krank?« sagte Magda – »Du siehst so blaß aus und hattest gewiß eben Schmerzen?«

»Ach laß sie mir,« sagte der Jüngling bewegt – »sie werden mir helfen.«

»Hör',« sagte Magda – »mit einem Male werden wir Beide nicht fertig – aber wir wollen uns nun nicht mehr vor einander fürchten, sondern wollen häufiger mit einander sprechen, da vertreibe ich Dir vielleicht noch die Grillen.«

Obwohl der Erbprinz an der Seite seiner schönen Braut saß, hatte er doch sehr wohl die besonders eifrige Unterredung der beiden jungen Leute beobachtet, und es schien ihm nun doppelt nöthig an sein Versprechen gegen Thyrnau zu denken und für die Entfernung des Jünglings zu sorgen. Er benutzte die Zeit nach der Tafel, wo die Gesellschaft sich mischte, um Matthias anzureden, und er verstand es mit besonderer Feinheit, den Jüngling auf die erwachende Thätigkeit aufmerksam zu machen, welche den österreichischen Adel um seine Kaiserin zu sammeln anfinge und eine fast unabweisliche Anforderung an die adelige Jugend enthalte. Es gelang ihm auch, die träumerische Zerstreutheit des Jünglings zu fesseln – wie aus einem Traume erwachend schienen ihm langsam die Verhältnisse der Welt einzufallen, und der Prinz schlug ihm endlich vor, sich dem Armeecorps anzuschließen, bei welchem er selbst stand. So nahe gerückt sah er in dem jungen Manne die ängstliche Aufregung entstehn, und der Prinz, der so wohlwollend bemüht war, ihn ganz zu begreifen, zeigte ihm nun selbst den Weg, der ihm offen stand; denn er bemerkte, daß diese traurige Abschließung, dies träumerische Brüten, den armen Matthias um alle Thatkraft gebracht hatte.

»Und glauben Euer Durchlaucht wirklich,« sagte er endlich seufzend – »daß ich diesen ehrenvollen Dienst als Offizier des Karlsteins aufgeben darf, um mich der activen Armee anzuschließen? Alle, die sich hier vereinigt haben, sind fast durch ein höheres Gelübde gebunden, ihr Leben der würdigen Erhaltung dieser Feste zu weihen – und ich habe bis jetzt nicht an der Würdigkeit dieser Bestimmung gezweifelt – und gewiß auch jetzt – –«

»Lassen wir das vorläufig,« unterbrach der Prinz den erschütterten Jüngling gütig – »wir können selten die Verhältnisse richtig beurtheilen, an die uns eine lange Gewohnheit fesselt, denn diese versöhnt uns selbst mit ihren Mängeln. Aber die Zeit der Jugend fordert durchaus von einem Manne, der es bleiben will, daß er sich den Ansprüchen der Zeit in der Außenwelt hingiebt, sich ihnen mit seinen Kräften anschließt, um eine müßige Unthätigkeit von sich abzuhalten, die so leicht in überspannte Träumereien ausartet, und welche dem Leben entfremdet.«

»Ach,« sagte der Jüngling – »ich werde ihm nie wieder vertraut werden! Der Trieb zu dem, was Euer Durchlaucht heute aussprechen, lag schon lange in mir; aber ich konnte mir selbst kein Zeugniß werden, ob er nicht als großes Unrecht in mir zu bekämpfen war. Was uns von den übernommenen Pflichten ablenkt – kann das Recht sein?«

»Wenn es wirklich Pflichten sind, die auf uns angewiesen sind,« entgegnete der Prinz – »dann sicher nicht – aber dies ist der Fall hier nicht! Oeffnen Sie die Augen, junger Mann – welchen Werth für den Staat, oder für ihr Vaterland Böhmen kann die Bewachung des Karlsteins haben? – ihn als wichtig genug ansehn zu wollen, um eine hoffnungsvolle Jugend seinem Dienste aufzuopfern, hieße einer Chimäre dienen, welche wenig ehrenhaft wäre.«

Graf Matthias zuckte zusammen. Der gerade Angriff des Prinzen auf das bisher gehegte Kleinod seines Lebens, die Gewalt der Wahrheit, die immer im gelegenen Moment den Trug besiegt – Alles zugleich traf den Jüngling jetzt mit einer Aufregung, die ihn fast überwältigte, aber den düstern Stillstand, den sein tödtendes Brüten über ihn verhängt, in ein natürlicheres jugendliches Zürnen verwandelte.

»Euer Durchlaucht haben ein rasches Wort ausgesprochen!« sagte er und der schnelle Griff, womit er sein langes Kreuzschwert vor sich auf dem Boden klirren ließ, deutete sein verletztes Ehrgefühl an. – »Es sind hier lauter Ehrenmänner versammelt – ich bin der Geringste unter ihnen, aber dem Knaben genug entwachsen, um zu fühlen, daß in der Gesellschaft solcher Männer nichts Ehrenrührendes liegen kann.«

»Verzeihung, mein junger Freund,« entgegnete der Prinz – »ich wollte nichts sagen, was dies schöne Gefühl gerade in Ihnen verletzte! Wie könnte ich nur wünschen, daß Sie von den Verhältnissen anders dächten, in denen Sie ohne weitere Nachfrage Ihr edles begeistertes Innere niederlegten – ich will vorläufig nichts, als Sie überzeugen, daß der Dienst des Karlsteins kein bindendes Verhältniß für Sie sein kann, daß seine Behauptung auch nach Ihrer Entfernung unbestritten bleiben wird, da kein Interesse mehr denkbar ist, ihn seiner ruhigen Position zu berauben.«

»Ich habe nie auf meine Person den Werth gelegt, um zu glauben, ich sei hier wichtig,« entgegnete der verwundete Matthias – »aber – es sagt mir eine traurige innere Ueberzeugung, daß ich auf keinem andern Platze nützlicher sein werde.«

»Wollen Sie mir den Versuch mit Ihnen erlauben,« sagte der Prinz gütig lächelnd und hielt ihm die Hand hin. –

Graf von Thurn schlug die großen melancholischen Augen mit solchem Ausdruck tiefer Trauer zu ihm auf, daß der Prinz gerührt wurde und fest beschloß, den Jüngling zu retten, dessen edles Wesen in der frischen Thätigkeit der Welt sich unfehlbar zu einer tüchtigen Männlichkeit entwickeln mußte.

Matthias schlug in die Hand des Prinzen ein und verließ dann schnell die Gesellschaft. Es war ein Chaos in ihm aufgeregt – er fühlte sich tief verletzt von dem, der ihm doch zugleich wohl gethan und dem folgen zu können, er sich heimlich sehnte – aber der Gedanke, seine Stellung aufzugeben, war ihm noch nie so nah gerückt worden, und daß diese Anregung von Außen kam, erschütterte ihn so, weil sie zusammen fiel mit seinen geheimen und doch immer wieder bekämpften Gedanken. Ach! wie viel brennende Qual lag noch neben diesem in ihm – mit welcher Verzweiflung fühlte er, daß er noch viel gegen den Prinzen hatte verschweigen müssen, was seine Mutlosigkeit bestimmen half, und was er vom Prinzen unverstanden hoffte.

Dieser versäumte indessen nicht, die angeregte Stimmung des Jünglings durch die geeigneten Schritte bei Podiebrad fort zu entwickeln und es konnte nicht fehlen, daß er bei den offen daliegenden Schwächen desselben leicht den Ton traf, durch den er ihn für seine Ansichten gewinnen mußte. Podiebrad glaubte zuletzt doch mehr durch sein eigenes Zuthun, daß es eine ihm obliegende Pflicht sei, der Armee ein Paar Jünglinge aus seiner untadeligen Schule als Vorbilder der wahren Disciplin und reinen Ritterlichkeit zuzusenden, und der Prinz hatte zu viel Güte und Ueberlegenheit, als daß er es versucht hätte, ihn seiner Voraussetzungen zu berauben.

Dagegen hatten sich die Damen in dem Zimmer der Gräfin von Hautois versammelt und hier erfuhr Magda die Verlobung der Prinzessin Therese mit dem Erbprinzen von S. Ihre grenzenlose kindische Freude bei dieser Nachricht nahm den letzten kleinen Mißton aus dem Herzen der Prinzessin, denn sie sah nun erst mit Gewißheit, daß Magda die Anbetung des Prinzen nicht getheilt habe, und sie war erfahren genug, um zu wissen, daß dies die sicherste Beschwichtigung für Gefühle dieser Art ist. Auch empfand die Prinzessin ein inneres Glück, wie sie es vielleicht noch nicht gekannt hatte. Ihre erste und so frühe Liebe zum Prinzen war der Hintergrund ihres ganzen Lebens gewesen; mit der Pein der Verwerfung hatte sie sich als treibende Glut in ihr festgesetzt und sie zu den Verirrungen gestachelt, die ihr Leben bis jetzt verwirrt hatten. Seit sie der Liebe des Prinzen gewiß war und sich als die Gefährtin dieses edeln Mannes ansehen durfte, schien es ihr, als wäre sie von aller Noth des Lebens erlöst und ihre rührenden Bekenntnisse hierüber bewiesen, daß sie dies auf sich einwirken fühlte, als ob sie einem Wunder verfallen wäre. Ihre natürliche Großmuth trieb sie zunächst an, den Prinzen zur größten Offenheit über Egon zu veranlassen, da sie ihm mit dem Geständniß zuvorkam, wie sie in dem Moment, wie sie ihm auf Karlik Egon zugeführt und Beide einander gegenüber gesehen habe, von der Ähnlichkeit durchdrungen worden wäre und daß ihr im selben Augenblick eine Stimme gesagt habe: Es ist sein Sohn!

Lacy hatte vorgeschlagen, Hedwiga kommen zu lassen, da der Prinz jetzt aus Böhmen nicht fort konnte; aber Claudia lehnte es ab und stellte die Frage, ob sie dadurch weiter kommen würden, da Hedwiga's Anblick nur das bestätigen könnte, was sie bereits wüßten, nämlich, daß sie Egons Schwester sei. Sie wünschte nicht sie der Ruhe zu entziehn, die ihr das Fräuleinstift neben dem nöthigen Unterricht sicherte, und die Ungewißheit in der Lage des Prinzen, die ihn einen baldigen Wechsel seines Aufenthaltes voraussehen ließ, bestimmte endlich Alle, zu Claudia's Meinung überzugehn. Die Briefe an Barbara – an Frau Bäbili durch Guntram, welcher nach Mora's Rückkehr forschen sollte – waren abgesendet und man mußte ihre Beantwortung abwarten, ehe man weitere Schritte thun konnte, wozu noch kam, daß der Prinz jeden Augenblick eine Staffette über das Befinden seines Vaters erwartete, die seine schnelle Abreise nöthig machen konnte.

Die Brautleute hatten auch dem Kaiser und der Kaiserin geschrieben und um ihre Einwilligung gebeten, denn es that ihnen wohl, diese beiden edlen Beschützer, die so aufrichtig ihr Glück und diese Verbindung gewünscht hatten, nun ganz als ihre Eltern anzusehn, denn obwohl Beide noch ihren rechten Vater besaßen, fühlten sie doch bloß bei diesen die Schuldigkeit der zu beobachtenden Form. Diese auch gegen den alten Fürsten von S. zu beobachten, schien dem Prinzen während seines bedenklichen Zustandes gefährlich, da er genugsam die Aufregung voraussehen konnte, welche ihm die Anzeige dieser Verbindung geben mußte, da ihm die Macht nicht geblieben war, sie zu hindern, sobald die kaiserlichen Herrschaften sie unter ihren Schutz nahmen.

Bald jedoch trafen günstigere Nachrichten ein; der Fürst war bereits außer Bett und fing an, sein gewohntes Leben zu führen, und die Vertrauten des Prinzen baten diesen nun selbst, mit der Anzeige nicht zu zögern, da es keine Frage sei, daß der Fürst alle Personen, die er mit seinem Haß verfolge, auch mit Spionen umgäbe, die ihm gute Nachrichten zu verschaffen verstünden, da er oft überraschende Details ihres Lebens besäße, die sein ewig zorniges Brüten darüber ihm zuweilen entrisse. Er kannte das Zusammentreffen der jetzigen Bewohner des Karlsteins, er kannte ihr Leben, ihre Zeiteintheilung, und hatte immer Rachepläne im Sinne, die er durch heftige Drohungen verrieth, wobei unter anderm das Fest auf Karlik hervor gehoben ward, welches ihn in die ungemessenste Wuth versetzt hatte, da er gegen unbekannte Personen fürchterliche Flüche ausgestoßen hatte und sie einer großen Versäumniß angeklagt. Diese Nachrichten, die der Prinz mit Thyrnau und Lacy besprach, erregten wieder ihre Besorgnisse für Magda, welche schon mehrere Male von verdächtigen Personen aufgehalten worden war, und zuerst erweckte die Entfernung ihrer jungen Anbeter einiges Bedenken, da sie – ihr unbewußt – überall eine Eskorte bildeten, die sie vor den unbekannten bösen Absichten schützen konnte. Es schien ihnen gewagt, sie selbst zur Vorsicht aufzufordern oder ihre Freiheit und ihre Neigung zur Einsamkeit zu beschränken, da diese doch gerade den einzigen ihr jetzt zustehenden Lebensgenuß bildeten, und ihr die schöne Zeit des Sommers, in der sie wieder aufzublühen begann, so sehr zu gönnen war. Thyrnau's muthiges Herz verzagte fast, wenn er an den Winter dachte, da er nicht hoffen konnte, sie von sich zu entfernen, wenn diese bessere Lage sie zwänge, ihn zu verlassen.

Jedenfalls mußte die Verlobungsanzeige an den Vater des Prinzen jetzt gewagt werden, und er beschloß später mit Lacy, Egon und Guntram und von Podiebrads Autorität unterstützt, alsdann eine strenge Untersuchung der Gegend vorzunehmen, alles irgend verdächtige Gesindel aufzuheben und eine regelmäßige Bewachung der Wälder wie aller unsicheren Wohnungen durch die Besatzung des Schlosses einzuleiten.

Dazwischen rief ihn sein dienstliches Verhältniß oft nach Prag und den angrenzenden Punkten, wo sein Corps vertheilt stand, welches eine Abtheilung des Brownschen Armeecorps war, und bei diesen Zügen begleitete ihn bereits der Graf Matthias als Adjutant, und Egon, zum Lieutenant avancirt, war ein thätiger, sich immer nützlich machender Galopin, obwohl seine Keckheit ihm manchen Verweis zuzog, wobei doch jedes Mal das hoffende Herz des Prinzen mit Entzücken dem verwegenen Muth des Knaben entgegen schlug. Dagegen hatte Trautsohn die Erlaubniß seines Vormundes nicht erhalten, welcher sich hierzu nicht autorisirt fühlte, da er verpflichtet war, den einzigen Erben seiner großen Herrschaft zu erhalten – er verwies jede Aufforderung der Art auf die Majorennität des jungen Fürsten, die mit dem zwanzigsten Jahre eintrat, wo ihm dann Alles freistand zu thun, wozu sein eigener Wille ihn trieb.

Magda konnte ihre Freude nicht unterdrücken, als sie hörte, daß er noch bei ihr bleiben werde, und eben so dachte Trautsohn, und weder der Graf von Podiebrad noch einer der Andern hinderte den Jüngling, welcher nun mit der Sicherheit eines unbestrittenen Rechtes Magda überall begleitete.

Der Graf von Podiebrad war überhaupt auf eine so höfliche und unwiderstehliche Weise aus seiner Position gedrängt, daß er sie nicht wieder finden konnte, oft in ein erstaunliches Nachdenken verfiel über die Umgestaltung seiner Lage, aber niemals zu einer recht sicheren Annahme darüber kommen konnte, da seine Thätigkeit sich so vermehrt fand durch die gehäuften Ansprüche und Vergnügungen, daß er bei ohnehin mühsamer Gedankenentwickelung seine Grübeleien immer wieder abschnappen fühlte, eben wenn er hoffte, ihnen ein höheres Ressort eröffnet zu haben.

Lacy dagegen hatte sich sein Leben und seine Studien mit Thyrnau zu einer Aufgabe gemacht, der er sich mit dem vollsten Eifer hingab, da es nicht sein Wunsch war, den Winter auf dem Karlstein zuzubringen, indem Claudia ihm eine Hoffnung eröffnet hatte, welche ihr gegen die Zeit des Winters die Annehmlichkeit des eigenen Hauses, und bei ihrem vorgerückten Alter den Beistand erfahrener Aerzte nöthig machte. Nachdem Thyrnau diese Nachricht erfahren, trachtete er nur danach, ihn in seinen Plänen zu unterstützen, und von dem Augenblick an, daß Lacy die Hoffnung eines Nachkommen nähren durfte – blieb sein Widerstand, die kleinste Auskunft über frühere Andeutungen zu geben, noch viel entschiedener – und trotz der Befürchtungen, die Lacy darüber fast nicht unterdrücken konnte, war es ihm doch völlig unmöglich, eine Spur zu entdecken, welche mit seinen Ahnungen überein gekommen wäre. Thyrnau aber hatte seitdem ein Gefühl, als habe Magda jetzt erst unwiderruflich ihr Glück und ihr Vermögen verloren und er erstaunte über sich selbst, da er sich gestehen mußte, daß es ihm mit all seiner klaren Offenheit gegen sich doch nicht gelungen war, diesen geheimen Rückhalt ganz zu verlieren. Auch beunruhigte ihn die entschiedene Neigung, die Trautsohn für Magda zeigte, denn bei der nahen Unabhängigkeit des Jünglings mußte er fürchten, daß er Magda's Stand vergessen werde und hieraus abermalige lästige Verwirrungen entstehen würden, die den alten Kampf der Geburtsverschiedenheit erneuern müßten. Dabei lehrte ihn die Beobachtung, daß Magda auch nicht entfernt die Zärtlichkeit des jungen Mannes theilte – und hier kam ihm fast der Wunsch, es möchte so nicht sein: es wäre ihm tröstlicher erschienen, hätte Magda damit eine Umwandlung ihrer Gefühle als möglich gezeigt, während er sich nun sagen mußte, daß ihr Herz in einer Richtung unerschüttert dem einen von Kindheit an genährten Gefühle zugewendet blieb. Jetzt war sie nicht unglücklich – ja sie fühlte gewiß keinen eigentlichen Verlust, weil Lacy da war und sich nach und nach ein unbefangeneres Verhältniß unter ihnen in der Gesellschaft der Andern gemacht hatte. Die Rechte, die sie an ihn haben wollte, trugen den Karakter der reinen Unschuld ihres ganzen Wesens: ihn sehen und hören zu können, seiner Theilnahme gewiß sein zu dürfen – das war so viel, daß sie dem Großvater sagte, es sei nun doch so gekommen, wie sie es gewünscht und sie wären nicht getrennt von Lacy, sondern in seiner Nähe Alle wie eine Familie.

Er störte sie nicht; aber mit welcher Sorge dachte er an die Zeit, wenn Lacy sie verlassen werde, wo sie dann den mächtigen Unterschied des Besitzes erst erkennen mußte. Doch er durfte an Magda's Schicksal nicht allein denken, und kein Widerspruch der äußeren Anzeichen konnte ihn von der Meinung abbringen, daß Lacy in eben so großer Gefahr sei wie Magda – und, wie glücklich seine Gemahlin sich auch jetzt noch schätzen mußte, die besondere Lage dieser Ehe sie doch dem Argwohn empfänglich halten mußte. – »So magst Du, mein Gott, denn Alles führen nach Deiner väterlichen Güte und mich lehren, welches die Wege sind, die zum Guten lenken« – so schloß er sein menschlich besorgtes Nachdenken, mit dem er doch nicht zu einem besseren Beschlusse zu kommen wußte, wonach er sich immer wieder ruhiger gefaßt fand.

Die Kaiserin hatte indessen die huldvollste Gewährung ihrer Einwilligung gesendet, aber zugleich gefordert, daß die Prinzessin bis zum Abschluß ihrer Vermählung nach Wien an den Hof zurückkehren solle. Diesem Gebot mußte die Prinzessin sich fügen, und sie that es um so leichter, da der Beruf des Prinzen ihn ebenfalls nöthigte, den Karlstein zu verlassen, und er sogar hoffte, er werde der Aufforderung des Kaisers, sich ihm als Bräutigam zu präsentiren, bald Folge leisten können.

So ward das gesellige Leben, was einige Monate des schönen Sommers die ausgezeichnetsten Menschen, die durch ungewöhnliche Fügung gegenseitig auf das innigste verbunden waren, in der schönen romantischen Situation vereinigt gehalten hatte, nach und nach aufgelöst, und endlich sahen sich Claudia und Magda einander gegenüber und ihre Geselligkeit bestand aus Thyrnau, Lacy und Trautsohn, da Podiebrad nach der Abreise der fürstlichen Personen seinen Rang wieder zu prüfen begann und seine Nachgiebigkeit zu beschränken beschloß, wodurch es ihm verborgen blieb, daß der kleine zurückgebliebene Kreis sich nicht geneigt fühlte, seine schwerfällige Gesellschaft ferner zu suchen und nun erst ein häuslich zurückgezogenes Leben begann, indem man mit vieler Fassung sich der Theilnahme der ritterlichen Besatzung entzog.

Die beiden Frauen machten ihre Promenaden und Spazierritte nur in Begleitung der Männer oder ruhten unter Trautsohns Schutz auf Magda's Felsensitz, um die Familie der Hirschkuh zu füttern. Bezo schlich auch stets hervor, so wie Magda das Schloß verließ, und folgte ihr nach, und jetzt veranlaßte auch noch der Prinz von S. die Entfernung Pasterau's, dessen Nähe ihm für Magda's Ruhe gefährlich schien und dessen Entfernung ihm leicht zu bewirken war, da der Hochmuth des armen Podiebrad die neue Richtung eingeschlagen hatte, die Offiziere, die er der Armee überlieferte, als wahre Stützen des Thrones anzusehen, als Vorbilder unvergleichlicher Eigenschaften der Disciplin und Ritterlichkeit.

So schien das Leben, von allen Seiten friedlich gesichert, einen Genuß darzubieten, der durch die Stille und Abgeschiedenheit der Situation alle Elemente des Glückes enthielt und eine Annäherung der zusammen Lebenden vermittelte, die besonders über Magda's noch am wenigsten gekanntes Wesen überraschende Aufschlüsse gab, und aus Claudia's uneigennützigem Munde gegen ihren Gemahl oft die gefährlichen Worte hervorrief: »Wie wäre sie Ihrer so würdig gewesen!« Dann antwortete ihr Lacy oft, daß er das gern höre, weil es ihm den Schatten seines Oheims zu ehren scheine.


Wir finden jetzt den Boden des Landes, auf dem die Begebenheiten sich entwickeln, die wir bisher mittheilten, auf's Neue erschüttert durch den Ausbruch des denkwürdigen siebenjährigen Krieges; und obwohl es uns bei der Aufgabe, die wir uns mit dieser Erzählung gestellt, nicht einfallen kann, dies große geschichtliche Tableau für den kleinen Raum einer romantischen Darstellung zuzuschneiden, können wir doch unmöglich die bisher erwähnten Personen ihrer Stellung gemäß fortleben lassen, ohne nicht selbst bei der größten Discretion die Beziehungen zum Kriege anzudeuten, welche nothwendig auf die Existenz eines Jeden Einfluß haben mußten, welcher dem Kriegsschauplatz nahe war.

Thyrnau und Lacy blieben trotz ihrer scheinbaren Abgeschiedenheit wohl unterrichtet und Thyrnau zweifelte nicht, daß Friedrich der Zweite den Krieg eröffnen würde, da er eigentlich keinen besseren Alliirten hatte, als die unentschlossene Masse seiner Gegner, die so riesenhaft ihm gegenüber auch ihre vereinten Kräfte waren, doch des höchsten Vorzuges eines einigen Willens entbehrten. Nicht unähnlich der großen Riesenschlange, wenn sie von den geplünderten Heerden genährt mit überfülltem Leibe ausgestreckt liegt, ihrer zermalmenden Gewalt eben beraubt durch die Mittel, die ihre Stärke bezeichnen, so lagen die Alliirten in beschwerter Ruhe, in ihren Bewegungen gehemmt, ihren materiellen Kräften mit trägem Stolze vertrauend und den Anfangspunkt des Angriffs oder der Verteidigung verschiebend, oder seine Wichtigkeit übersehend. Der Ausruf der großen Kaiserin, der Einzigen vielleicht, welche diese Massen beherrscht und zur rechten Zeit in Thätigkeit gebracht, dieser Ausruf, der in der verhängnißvollen Periode so oft ihr Herz verrieth, lautete: »O, wär' ich ein Mann!«

Sie ahnte immer zuerst, was eine so kühne Heldenseele wie Friedrich der Zweite vollführen werde, und sie fühlte es, sie wäre der Geist gewesen, der auch dem Feldherrn zu widerstehn vermocht.

Die scheinbare Neutralität Sachsens täuschte Friedrich den Zweiten nicht. Die damals für erlaubt gehaltenen Mittel, welche die Politik für ein, den moralischen Prinzipien entrücktes Feld erklärten, hatten dem großen König den Einblick in die Archive des sächsischen Kabinets eröffnet, und er besann sich keinen Augenblick, für die feindlichen Absichten, welche unausgeführt doch beschlossen waren, sogleich die Strafe an Sachsen zu vollziehen, und so eröffnete er den blutigen siebenjährigen Krieg mit dem siegreichen Einfall in Sachsen und der Eroberung Dresdens.

Die Geschichte hat uns den ungeheuren Aufruhr geschildert, den diese rasche That des Heldenkönigs über Europa verbreitete – es war ein Schrei des Schreckens und der Entrüstung, der in einem langen Echo nachtönte.

Aber die große Gewalt des Genie's ist die: zu handeln, wo Andere berathen – die Kraft, durch alle Verwicklungen durchzublicken, den Anfangspunkt zu erkennen und zu ergreifen. Sechzigtausend Mann, durch ihre erste That zu Siegern und Eroberern eines reichen Landes gemacht, waren eine unüberwindliche Masse geworden, der erschrockenen, planlosen Armee der Alliirten gegenüber, obwohl überlegen an Köpfen.

Thyrnau's Karakter ließ nicht zu, diese gewaltige That bloß als Unterthan zu beurtheilen; der Mensch, und der frei entwickelte Geist in ihm erfaßte die Dinge immer zuerst in ihrer allgemeinen Bedeutung – und das feurige Herz wallte dem kühnen Herrscher entgegen, der keinen Alliirten als sein Genie und dessen stolze Rathschläge hatte. Ein mitleidiges Lächeln zuckte um seinen Mund, wenn er jetzt hören mußte, wie man die Waffen der Moralität gegen eine That zu Hülfe rief, gegen die andere Waffen unterlegen waren. Von Verrath – Bruch der Verträge – Heiligkeit der Allianzen – tönte die Welt wieder.

»O,« rief Thyrnau – »wer sollte zweifeln, daß Friedrich der Zweite der Tugend gegenüber das böse Princip ist, wer die schwachköpfigen Reden seiner Gegner hört – und doch hätte den Theil der That, den sie Verrath nennen, grade Jeder von ihnen am leichtesten vollführt; nur das Genie: den Moment dazu und die nothwendige Wirkung davon zu erkennen, hätte Keiner besessen und das erfüllt sie jetzt mit diesem dummen neidvollen Erstaunen. Gieb Acht,« – sagte er zu Lacy – »ihre moralische Entrüstungen wird dennoch keine moralische Stärke; sie werden in albernen Beschlüssen untergehen, während dieser Besieger nicht allein ihrer Armeen, sondern seiner Zeit überhaupt, den Weg unbekümmert gehen wird, wie der Geist ihn treibt, der ihn zum Vorkämpfer einer sich umschwingenden Periode gemacht hat.«

»Nur unsere Kaiserin erfüllt mein Herz mit Schmerz.« – sagte Lacy – »denn sie steht dem gegenüber, der allein würdig wäre, an ihrer Seite zu stehen. Und sage, was Du willst, von den Ausnahmen, welche die Politik der Moral gestattet – bei ihr ist das nie geheiligt, was Betrug bleibt; weder ihr Verstand noch ihr Herz läßt sich täuschen, und wird sie dennoch auf diesen Wegen getrieben, so zieht sich ihr Herz zusammen und sie vielleicht ist die Einzige, welche dieser Handlung des kühnen Königs den Makel anhängen darf, den diese Schwächlinge ausschreien, denn sie empfindet es so, und wird den Vortheil stets gering halten auf dem Wege des Verraths.«

»Diese Stimmung theile ich« – sagte Thyrnau – »und danken wir ihrem Verstande, der sie einsehn läßt, daß diese edeln Gesinnungen vielleicht um hundert Jahr zu früh da sind! Oder vielmehr,« – setzte er lächelnd hinzu – »danken wir Kaunitz, der diese Erklärung an ihrer statt übernimmt, und den sie gewähren läßt, wo sie nicht selbst handeln will. Doch eins bedenke jetzt, mein Freund – wenn dieser Handstreich mit Dresden dem Könige auch ein angenehmer und nöthiger Anfang seiner Unternehmungen ist: Sachsen ist ihm doch nur der Weg nach Böhmen und Mähren, und wir dürfen nicht zweifeln, daß er früher hier sein wird, als unsere Hülfe. Schon steht er vor dem Lager bei Pirna – und er wird dort bald fertig sein, und der Degen wird dort nicht viel zu thun haben, denn wenn die Aufgabe gestellt wäre: wie es anzufangen sei, um in kürzester Zeit in einem befestigten Lager eine Hungersnoth ausbrechen zu lassen; man müßte die Maaßregeln bei Pirna als Muster aufstellen! Glaube mir, er hat schon in Dresden darüber gelacht und wir werden ihn bald näher haben, dann aber denke daran, daß Deine Gemahlin eine langsame und beschwerliche Reise früher antritt, ehe der Feind ihr auf den Fersen sitzt.«

»Und Du, mein alter Freund?« – rief Lacy – und Thyrnau fühlte in dem Ton, wie der Gedanke ihn bewegt hatte – »und Magda,« setzte er hinzu – »Euch soll ich zurücklassen in einer Festung ohne Wälle und von diesem phantastischen Thoren bewacht?«

»Laß Du mir meinen Karlstein und seine Befehlshaber ungeschmäht,« sagte Thyrnau lachend – »die Preußen haben ganz andere Absichten, als den Karlstein zu belagern – und einem Handstreich zu widerstehn ist die alte Feste in Wahrheit noch stark genug – und dafür stehe ich, Podiebrad ist ein so unzweifelhaft tapferes Herz, daß er sich eher unter dem Schutt begraben läßt, als die Vertheidigung aufgiebt, so lange noch ein Mann lebt. Gestehe,« fuhr er gegen den schweigenden Lacy fort – »Du hast das auch gedacht.«

»Meine größte Beruhigung wird doch die sein,« antwortete Lacy – »daß König Friedrich Deiner Meinung sein wird und schwerlich, um den Karlstein zu erobern, seine kleine Potsdam'sche Wachtparade, wie sich Herr von Belleisle vorwitzig ausdrückt, zersplittern wird, da in diesem Zusammenhalten seiner Macht und ihrer plötzlichen Vereinigung auf einem Punkte, mit das Geheimniß seiner großen Erfolge beruht. Und dennoch ist Trennung in solcher Zeit verhängnißvoll.«

»Pah!« rief Thyrnau – »nicht mehr und nicht anders, als wenn wir zur Nachtzeit unsere verschiedenen Thurm-Etagen beziehen. Wir haben weder den nächsten Augenblick noch die nächsten Jahre in unserer Gewalt – und mich erhält das grade frisch. Du hältst mich zwar für einen Heiden, ich weiß es« – fügte er lächelnd hinzu, »aber sei gewiß, mir wohnt ein tiefer unerschütterlicher Glaube ein, daß wir hier Alle zu einem großen Dienste vereinigt sind, der über die Schranken dieses schönen Daseins hinaus seine Zwecke erfüllen wird, daß uns der Geist von daher kömmt, und unsere Erkenntniß nur so viel werth ist, als unsere Ueberzeugung davon fest geworden. Das beflügelt mir das Herz, daß es nicht nach bejahrter Leute Art zusammen klappt wie ein alter ausgedienter Bursche, der immer nur von Schlaf und Aufhören schwatzt mit der schmählichsten Undankbarkeit. – Sieh, mein Sohn! mir ist das Leben eine herrliche Erfüllung! – Ich habe es erkannt mit seinem höchsten Glücke, mit seinen heiligen Schmerzen – ich habe die Kämpfe mit meinen Leidenschaften und ihrem stachelnden Widerspruch durchgemacht – ich kenne die Marter kleiner neckender Widerwärtigkeiten, denen man still halten muß – den bittern Kelch des Lebens, wenn das Unglück und der böse Wille der Menschen unsere Stunden vergiftet, unsere besseren Pläne zerstört. Aber die Kraft, die Gott in meine Seele gelegt, hat mich eine wunderbar tiefe innige Theilnahme mit all diesen Zuständen empfinden lassen – ich – ich gehöre zu Allem hinzu – ich war mit meinen Brüdern, wie auch ihre Abweichungen erscheinen mußten, innig verzweigt – der Groll – die Bitterkeit – diese Geburt des Dünkels und der Selbsttäuschung, welche zur Isolirung führt, in der endlich das Herz verhärtet und der Hochmuth wächst – o! wie waren diese Feinde des Menschen mir dadurch so fern! Wie ein Schiffbrüchiger lag ich oft, ausgespült von dem Meere, das meine liebsten Güter verschlungen, am öden Strande, und wenn ich aus der Betäubung erwachte, sah ich, das bis dahin errungene und besessene Leben lag hinter mir, und ich hatte nichts behalten. – Der Kräftige erträgt das nicht lang' – und der Geist, zu dem er aus der tiefen Verarmung aufschaut, berührt die harrende Seele! Ha! wenn wir zuerst fühlen, wir können neugeboren dem Leben noch andere Kräfte darbringen, als die eben verbrauchten und mit ihren Erfolgen versunkenen – wie göttlich schön, wie reich und groß wird uns da die heilige Welt, in der wir andächtig vorschreiten, wie in einem Gotteshaus und worin unsere Schritte immer fester werden, weil wir uns und unser kleines Interesse vergessen lernen, und unser Ziel nicht mehr auf dieser Welt steckt.«

»O Thyrnau!« rief Lacy bewegt. –

»Laß das,« sagte dieser. – »Aber Du, der Du noch im Vorhof des Lebens stehst, versprich mir, nie gering vom Leben zu denken! Dich nie über Deine Brüder zu erheben, ihren Irrthümern und Verkehrtheiten nie Deine Tugenden entgegen halten zu wollen. – Du bist ohne Zweifel auf dem allergefährlichsten Abwege, wenn Du das Eine oder Andere in Dir spürst. Du bist schlaff und in sinnliche Unthätigkeit verfallen, wenn Du das Leben verachtest – Du bist in hochmüthige Selbsttäuschung über Dich versunken, wenn Du auf Deine Brüder herabsiehst, und Deine Tugenden werden nichts anderes, als hartnäckige Verstocktheit sein, die Dich blind macht, und wenn Du heute aufrecht stehst, wirst Du morgen schon gefallen sein, und eben darum! O! ich sage Dir, es hat kein Mensch Recht, sich über das zu beklagen, was er erdulden mußte, denn ein ehrlich Bekenntniß zeigt die Größe unsers Antheils daran und – Bitterkeit ist durch kein Erlebniß zu entschuldigen – sie bleibt das traurige Zeichen, daß der Mensch sich von Gott entfernt.«

»Lebenserfahrener!« sagte Lacy, ihn mit inniger Liebe betrachtend – »so milde – so erquickt am Abend des Lebens, als wäre es Thau des Himmels geworden, was als heißer Schmerzenstropfen Deine Wangen furchte!«

»Ha! wozu wird man denn alt?« rief Thyrnau feurig. – »Wozu läßt uns Gott das lange Leben erfahren, wenn es nicht endlich mit allen seinen Zuständen in geistiger Harmonie hervortreten sollte und unser Selbst ablösen von der drückenden, materiellen Gemeinschaft, die unsere Jugend verwirrt und die hastige Thätigkeit und die getäuschten Wünsche erzeugt: so wird endlich aus dem harten Gestein die Goldader erlöst, die es in seinem Schooße verschließt, und um die der ganze Kampf galt mit dem starren Element.«

»Ach mir wird das Leben nichts schuldig bleiben,« sagte Lacy ernst – »und sei gewiß – ich bin gefaßt, ihm muthig die Stirn zu bieten. Schon hat es viel an mir versucht – um so mehr vielleicht, da mein Haar noch nicht erbleichte. Aber die Kraft, die Einsicht, die mir kömmt, die ist der Geist, nach dem ich rufe, weil ich mir selbst zu ohnmächtig scheine – und die Kraft, die ich empfangen, ist die rechte, denn sie verbreitet Frieden in mir und um mich her. – Wir haben einen großen Feind an unserer Phantasie; das Herz steht mit ihr im Bunde; sie haben sich beide viel zu sagen – und leiden wir das Zwiegespräch, so wird die Erstere die Stärkere. Zu unwiederstehlichen Bildern, die uns hinreißen, schmückt sie die Geheimnisse des Innern aus – und das verrathene Herz taucht in dem Zauber unter! – Aber ich habe früh diese leis' anschleichende Gewalt erkannt und auf sie wie aus einen giftigen Wurm zürnend den Fuß gestellt.«

»O Thyrnau! es läßt sich Vielem männlich Widerstand leisten; dem Ehrgeiz, dem Haß, der Rache – aber dem Menschen, der Dich erfaßt mit dem Zauber seiner Tugenden, deren Abdruck die göttliche Gestalt verklärt, dem Du mit vollem Rechte bewundernd Dich hingeben mußt – dem zu widerstehn, wenn dies Bild mit seinem Reize Deine Phantasie erfüllt und wie Dein Schatten Dich überall an Dein theuerstes Selbst erinnert – dem zu widerstehen, wenn Du mußt, – das ist Gigantenarbeit und der Stärkste darf ermüden in solchem Kampf!«

Nach einer Pause sagte Thyrnau glühend und heftig: »Bete und arbeite!« – Dann trennten sie sich schnell.

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