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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Endlich erfuhr nun Magda, daß die Gräfin mit der Prinzessin noch in Prag verblieben und erst in einigen Tagen ihm folgen würde, und als noch Vieles gefragt und beantwortet war, standen Alle auf und Magda öffnete die Thüren nach dem kleinen Balkon, der auf der andern Seite weit in's Land sah – und Lacy trat ihr nach und beide blickten in die tiefe stille Waldesruhe, die unter ihnen lag – und von dem hellsten Mondschein übergossen sahen sie seitwärts den mächtigsten Thurm der Festung, in dessen Höhe die Heilige-Geist-Kapelle schwebte. Magda setzte sich auf einen kleinen Steinsitz in der Brüstung des Altans.

»Wenn Du länger hier bist,« hob sie an – »dann wirst Du einsehen, wie das alte Schloß mit seinen Erinnerungen recht bezaubern kann. Der Großvater mit seiner festen Klarheit, der kann das Alles nicht begreifen, der bringt Alles an seinen Platz – die Erinnerung hält er hoch in Ehren, aber sie darf ihm nicht den kleinsten Spuck machen in der Gegenwart. Das nennt er männlich und darum lacht er die hiesigen Ritter alle aus, die eben, wie er sagt, in der Gegenwart unmännlich taumeln, weil sie sich über die Natur ausrecken, um noch mit der Vergangenheit zusammen zu reichen. – Wer aber hier einzieht, schon mit der Absicht, alte Erinnerungen zu hegen und zu pflegen, der kann verstrickt werden in dem, was er vorfindet, wenn er sonst nicht gestört wird – und etwas davon ist an mir selbst wahr geworden! – Dieser Karl, auf den alle Böhmen so viel halten, dieser ächte Czeche – dieser Sohn der edeln Przemyslide – der hat dem Schlosse sein innerstes Wesen eingeprägt, denn – bringt man die Liebe für ihn mit, dann klingen alle Mauern wieder, die gefeiten Geister treten auf dies Zeichen hervor, und man hält mit ihnen Gemeinschaft, ehe man viel nachfragt, wie es zugeht. Auf diesem Sitz hier, da soll Karl der Vierte Stunden lang gesessen haben, und in der Heil'gen-Katharinen-Kapelle da hat er Tage lang seine Andacht gehalten bei verschlossenen Thüren; die wenige Kost, die er zur Erhaltung des Lebens brauchte, die ward ihm stumm durch ein kleines Fensterchen in der Wand zugereicht – dahin durfte die Sorge der Welt ihm nicht folgen – für diese stillen Tage mußte das Reich sich selbst regieren und sein Gebet schirmte es!«

»Wie muß ich immer forschen, was er wohl gedacht hat und empfunden – und da kommen mir oft so wunderliche Anschauungen von dem Getriebe der Welt, daß ich erschrecke, wenn ich mir bewußt werde, daß ich es gedacht habe, und denke, seine Gedanken haben sich losgelöst durch mein Nachdenken und sind zu mir gekommen.«

»Ja,« sagte Lacy theilnehmend – »es ist an der Stelle, wo ausgezeichnete Menschen lebten, ein unzerstörbares Zeugniß ihres Daseins eingeprägt, welches jeden später hinzukommenden verwandten Geist wieder in Gemeinschaft mit ihnen setzt.« »Und wie ich das tiefe lange Nachdenken begreife,« fuhr Magda fort – »wie ihm das nöthig sein mußte, da er ein Monarch war, den sie so selten allein lassen – und neben dem Wichtigen, was viel zu sagen macht, so viel Unnützes vorkommt, woran er bloß müde wird. Weißt Du,« fuhr sie fort – »daß auch Petrarka, sein poetischer Freund, hier einige Zeit mit ihm lebte, als er in Prag bei ihm zum Besuch war?«

»Das wußte ich nicht,« sagte Lacy – »obwohl ich seine Freundschaft und seinen Briefwechsel kannte, nicht allein mit Petrarka, sondern mit Boccaccio und Zenobia di Strada –«

»Und mit Sassoferato,« setzte Magda hinzu – »aber denke nur, Keiner weiß hier etwas davon, und Keiner kann mir zeigen, wo er gewohnt hat. Da denke ich denn: Hier vielleicht! oder bin ich in meinem Erker, da denke ich wieder: Hier vielleicht! Podiebrad, den ich zu mir deshalb rufen ließ, der that vollends, als wäre wohl Petrarka nie in der Gesellschaft des Kaisers gewesen, und wenn er sich auch hätte seine Schreibereien gefallen lassen – aber ich glaube, ich weiß besser in dem Leben der heil'gen Kreuzfahrer Bescheid, als er in dem Leben des Petrarka. Denke Dir, wenn sie so Beide hier in der mondhellen Nacht saßen, und über die tiefe Ruhe des Waldes in die fern ab liegende Welt blickten – da haben sie sicher den Weg dahin an dem weit gespannten Bogen des Himmels gesucht – und die glänzenden Sterne haben ihnen geleuchtet, daß sie den rechten Weg nicht verfehlten – dann wird ihnen danach das Kleine klein – das Große groß erschienen sein – glaubst Du nicht auch?«

»Ja,« sagte Lacy bewegt – »und weißt Du auch, daß Karl der Vierte Petrarka fragte, welche Lebensweise er vorziehen werde? und dieser ihm antwortete: Das einsame Leben! – Kein anderes ist so sicher – keins ist mir angenehmer und eignet sich besser für mich als dieses – ich werde es suchen, wie ich bereits that, in Wäldern und Bergen – wo nicht – werde ich mir dies Glück selbst in dem Gewühl der Städte zu erhalten suchen.«

»Ach,« rief Magda – »deshalb ging er auch hier mit ihm her! – da konnten sie ganz erfahren, was einsam ist.«

»Und war es Dir nicht zu einsam?« fragte Lacy schüchtern.

»Ich weiß nicht, ob es davon kam,« sagte Magda natürlich – »aber mir war oft so bang – und ich hätte lieber etwas erlebt – meine Gedanken thaten mir oft alle weh.«

Nach diesen Worten stand Magda auf, trat an die Brüstung des Balkons und zeigte in der Ferne auf ein kleines graues Mauerwerk hin. »Da,« sagte sie – »da liegt Karlik, wo die Kaiserin wohnte – er konnte es von hier sehen – man sagt auch, sie habe einen Erker gehabt, von dem sah man nach dem Karlstein – da saß sie und blickte hierher – so waren sie doch nicht getrennt, wenn auch das fromme Gelübde sie von einander hielt.«

Lacy stand neben ihr – Beide sahen sich an bei Magda's Worten. – Beide errötheten. – »Gute Nacht,« sagte Lacy – »gute Nacht, liebe Magda!« – dann eilte er in das Zimmer zurück, beurlaubte sich schnell von Thyrnau und begab sich in seine Wohnung.

Magda aber blieb unbeweglich auf ihrer Stelle stehen und blickte mit trockenen Augen nach Karlik hin, und sie verstand sich in keiner Art – sie wollte sich etwas anhaben, und wußte doch nicht um was – es war, als spräche ein Anderer in ihr, der sie nicht verstände, wie im Leben Menschen, die auf uns einreden, und Alles so verkehren, daß wir vergessen müssen, was sie sagten, um uns nicht ungerecht zu werden. »Einsam, einsam!« sagte sie endlich – »was will ich denn, darf ich denn nicht gern sein, wo er ist? – weiter will ich ja nichts – ich möchte ihm so gern Alles erzählen wie wohl mir meine Gedanken thun, wenn ich sie ihm sagen kann. Wenn Claudia kommt, dann will ich sie um Rath fragen.« Sie setzte sich wieder still in ihren Steinsitz und ihr ward sehr wohl – sie fühlte recht, wie leicht ihr die Brust geworden war. Ein sanfter warmer Südwind trug den Blüthenduft hinauf, und bisher hatte sie nicht gehört, daß in dem Gebüsch der Wälle zwei Nachtigallen einen Wechselgesang hielten, der fast ein Wettkampf zu sein schien, so steigerte sich jedesmal die Antwort. »Wie wonnig ist das Alles!« rief sie. – »Der Mai kann vor Lust und Blühen und Duften nicht einmal schlafen – die ganze Thätigkeit schleicht sich in die Nacht hinein und was bei Tag in der Sonne fertig geworden ist, das wirft in der Nacht die kleinen Mützen ab, und steckt die weißen Knöspchen unverwahrt in die Mondnacht hinein, oder rollt sein grünes Blättchen auf und hält es dem Thau hin, daß es morgen vor der Sonne schon mit Schatten prahlen kann. Und Du schläfst auch nicht?« sagte sie in ein Nestchen hinein, wo die Mauerschwalbe mit glänzenden Augen den Reichthum der kleinen Eier schützte, den ihr heißes Herzblut zu beleben strebte, und welche Magda als ihre Beschützerin ohne Furcht ansah, weil sie ihr das Nest hatte ausfüttern helfen.

Da rief der Großvater von innen heraus und folgte bald selbst – und wollte sie zurück haben und zu Bett – sie hing sich aber um seinen Hals und sagte ihm, er solle nur horchen, es schliefe ja Keines in so warmer Mainacht. »Alles will fertig sein, um dann so recht schön und vollständig genießen zu können – und da arbeiten sie die ganze Nacht, damit sie morgen früh die Sonne recht überraschen können. Wenn ich doch das Ohr hätte, was all' das Rauschen hören könnte von dem Wachsen und Aufblühen – die kleinen Hammerschläge in den Knospen, den kleinen Schuß, wenn sie aufspringen – und was die Käfer und die Würmer und die Tausende von kleinen geflügelten Leuten dazu sagen mögen – und wie sie die staubgroßen Flügelchen vor Lust rühren, daß sie so schöne Spaziergänge machen können – wer das hören könnte, Großvater, der müßte die schönsten Verse, die schönsten Töne dazu hören!«

Thomas Thyrnau freute sich ihrer belebten Stimmung, die ihm ein Anklang ihrer früheren kindlichen Heiterkeit schien, aber seine Augen waren seitwärts gewandt, wo die breite vom Monde erhellte Landstraße nach Prag lag. Es schien ihm sich etwas darauf zu bewegen, und nach einiger Zeit kam es näher, und er glaubte nun einen Trupp Reiter zu erkennen. Dies bestätigte sich; es waren vielleicht sechs Reiter in zwei geschlossenen Reihen, und voran ritt wahrscheinlich der Anführer und ein Offizier an seiner Seite.

Sie schienen die schöne Nacht zu genießen. Alle ritten langsam, und die Pferde gingen bequem, als ob sie Niemand lenke. Als sie näher kamen, sagte Thyrnau lächelnd: »Podiebrad! Podiebrad! es naht sich ein Ueberfalls-Korps der Feste Karlstein, und Du und Deine Ritter ruhen in dem weichen Flaum des Bettes – wo sind die Wächter, die ihr Tod verheißendes »Fern! fern von der Feste, daß Dich kein Pfeil erreicht!« hinaus rufen? wenn diese Schaar die Gatter und Thore verfehlt und den Weg erblickt, den Mutter Grimschützens Kuh so sanft geebnet, so ist die Feste überrumpelt und Podiebrad wird im Nachtrock Gefangener.«

Die beiden voran reitenden Offiziere waren in die Betrachtung des Karlsteins vertieft, der auch wahrscheinlich in dem hellen Mondschein gegen den Wald gelehnt, mit seinen imposanten Massen einen herrlichen Anblick gewähren mochte. Sie hielten die Pferde an, um den Anblick zu genießen, und der Erker, wo Thyrnau und Magda standen, der im Schatten des Schlosses gelegen und die erleuchteten Fenster hinter ihnen hob, schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln – der eine Herr nahm ein Fernglas – dann schlug er den Mantel zurück und wehte mit einem weißen Tuche.

»Ich weiß, wer es ist,« sagte Magda – »wer ihn einmal sah, vergißt ihn nicht! Es ist der Erbprinz – gieb Acht, er hat uns auch erkannt.«

Der Offizier gab seinem Gefolge ein Zeichen – sogleich ertönte eine lustige Fanfare aus einer Trompete, er setzte sein Pferd in kurzen Galopp und war bald unter dem Erker – doch war die Höhe zu bedeutend, um der Mittheilung mehr als Ausrufungen zu gestatten, die kaum verständlich waren, und so flog denn unter dem Geschmetter der Trompeten der ganze Trupp um das Schloß herum nach dem Eingang.

Hier befand sich die Mannschaft, welche auf Wache war, schlecht armirt und mehr von Neugier als Diensteifer getrieben in einem bunten Haufen beisammen. Der Graf von Pasterau, der zufällig ihr Wachthabender für diese Nacht sein sollte, hatte sie schnöde verlassen, da er den Weg nach Budnian der langweiligen Nacht im Wachtzimmer vorgezogen, und so beschlossen sie arglos, und ohne Zweifel die wahre Lage der guten Feste besser erkennend, als ihre Oberen, den fremden Gästen die Pforten zu öffnen.

Diese zogen nun sämmtlich in den Hof und so wie der Befehlshaber vom Pferde gesprungen war, rief er mit dem Tone, der überall Gehorsam findet, man solle ihn nach der Wohnung des Herrn Thomas Thyrnau führen.

Magda hatte sich nicht geirrt – wenige Augenblicke später drückte der Erbprinz von S. sie und Thyrnau an seine Brust und seine zärtliche Freude fand keine Worte – immer nur blickte er Beide an, als könne er das Glück ihres Anblicks nicht auskosten.

Unterdessen hatte sich die Fanfare der Trompete in die Träume des Grafen von Podiebrad eingeschlichen und hatte aus einigen alltäglichen Gebilden des Tages ihm glücklich zu einem höchst heftigen Angriff der sieben Bastionen vor Jerusalem verholfen, als die Fanfare im Hofe ihn auch dieser muthigen Scene beraubte und er in seine Decken gehüllt sich auf seinem weichen Lager erwachend fand.

Noch einmal wiederholte sich der Ton und sogleich sprang Podiebrad mit zwei Sätzen bis zum Fenster und hier – o welch' ein Augenblick! – hier zeigte sich der Anblick fremder, bewaffneter Truppen, untermischt mit der Besatzung, welche entwaffnet war.

»Heil'ger Gott!« schrie Podiebrad – »wer that mir das? Die Feste ist genommen, während Podiebrad der Ruhe pflegte – mein Kopf dem Beil verfallen!«

Der unglückliche Träumer erlebte wirklich die Qualen, die nur vor vierhundert Jahren mit allen damals vorhandenen Gründen das Herz seines Ahnherrn zu durchdringen vermocht hätten, und es war sein nächstes Gefühl, seine Kleider überzuwerfen und mit dem Degen in der Faust Alle zu vertreiben, die eingedrungen, und vielleicht so durch einen ehrenvollen Tod die Schmach zu löschen, die er jetzt an seinem Namen haften sah.

Im Begriff jedoch, den Degen umzuschnallen, öffnete sich die Thüre und von den Licht tragenden Dienern gefolgt trat der Erbprinz von S. zu ihm ein, der Thyrnau's Wunsche nachgegeben hatte und jetzt selbst kam, um dem Grafen von Podiebrad, dessen ganzen Zustand sich Thyrnau denken konnte, seine Entschuldigungen und Aufklärungen zu bringen.

Podiebrad war seit zu langer Zeit aus der Welt verschwunden gewesen, um den Erbprinzen zu kennen – er richtete sich also wild empor und die Hand am Degen stürzte er auf den Prinzen zu und rief fast erstickt von Bewegung: »Heran, Verräther – hier bin ich, um Rechenschaft zu fordern und mit meinem Leben diese Schmach abzuwaschen und Jeden zu vertreiben mit meiner eigenen Faust und dieser Klinge, der es gewagt, die heilige Feste zu überrumpeln.«

»Gemach! gemach, mein alter Kamerad!« sagte der Prinz mit seiner hellen klaren Stimme, die so menschlich frisch gegen den düstern Ton des erhitzten Träumers klang, daß Podiebrad dadurch noch mehr als früher einem Gespenste ähnlich ward.

»In Wahrheit seid Ihr, mein bester Graf von Podiebrad, in diesem Augenblick noch eben so unbestritten der ehrenwerthe und alleinige Gouverneur des Karlsteins, als da Ihr Euch gestern zur Ruhe begabt, denn ich, der Erbprinz von S., komme bloß hierher, einen alten Freund zu besuchen, und will Euer Excellenz Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, wozu ich außerdem die Erlaubniß Ihrer Majestät habe.«

Podiebrad schleppte den gezogenen Degen auf der Erbe und es ging viel Unangenehmes in ihm vor, denn es ward ihm unendlich viel schwerer, sich in die einfachen Zustände, wie sie sich wirklich zutrugen, zu finden, als in die künstlich erschaffenen, in die er sich hinein gewöhnt.

»Wenn die Sache so ist,« sagte er langsam – »und ich den Erbprinzen von S. vor mir sehe, so hätte ich bloß zu wünschen gehabt, daß mich ein Vorangehender Eurer Mannschaft benachrichtigt hätte, und gewiß würde ich einen Empfang eingeleitet haben, der Ehre würdig.«

»Mit deshalb, um Euch nicht zu belästigen,« sagte der Prinz – »bin ich so unerwartet gekommen. Habt die Güte, mich zu entschuldigen und für mein Gefolge das Nöthige zu bestimmen – ich selbst habe schon Quartier gefunden bei meinem alten Freunde Thyrnau.«

Der Prinz eilte, dieser Ceremonie sich zu entziehen und theilte für diese Nacht das Schlafzimmer Thyrnau's, während Podiebrad immer fester überzeugt ward, daß der Gefangene eine hohe Person sei – wobei er mit vieler Empfindlichkeit das Mißtrauen erwog, was man ihm allein zeige, indem er noch immer nicht im Stande war, zu ergründen, wen er vor sich habe, da auch das junge Weib – wie er annahm, zu eitler Geschwätzigkeit geboren – sich durch nichts verrieth und eben so die alten Diener.


Der Prinz, der Lacy noch nicht kannte, machte am andern Morgen in dem Frühstückssaal ihres gemeinsamen Freundes mit großem Vergnügen dessen Bekanntschaft, und erzählte nun auch Thyrnau, daß der Kourier, welcher damals seine Ankunft auf dem Karlstein habe melden sollen, nach langer Abwesenheit erst nach Wien gekommen sei, und zwar in einem so elenden Zustande, daß er den ganzen Winter krank gelegen. Er habe ausgesagt, daß er in der Gegend von Karlstein überfallen worden, daß man ihm seine Depesche abgefordert und als er sie verweigert zu geben, von den Räubern so grausam gemißhandelt worden sei, daß man ihn wahrscheinlich für todt gehalten. Als ihn Landleute fanden, war er gänzlich entkleidet, aber die Kleider wieder über ihn geworfen und nichts fehlte ihm als die Depesche. Die Leute, die ihn fanden, hatten ihn auch verpflegt und so war es ihm endlich gelungen, nach Wien zurück zu kehren.

»Dies Attentat hat den Karakter einer Persönlichkeit gegen Thyrnau,« sagte Lacy – »es scheint, als ob man Dich dadurch in Verlegenheit habe bringen wollen, was denn auch hinreichend erfolgt ist.« Thyrnau lachte herzlich auf und sagte dann; »Ich muß Euch nur gestehn, daß ich längst darüber außer Zweifel bin. Als ich hierher reiste, habe ich oft bei beschwerlichen Wegen mit Magda, der das Gehen mehr zusagte, Fußpfade gesucht, und unter den Personen, denen wir dort begegneten und zweimal sogar in den Häusern, wo wir anhielten, war ein alter sehr verdächtiger Bekannter, den die besonders weise Gerechtigkeitspflege eines gewissen Prinzen neuerdings bei dringendem Verdacht eines Mordversuches vorzog, entspringen zu lassen.«

»Ist es möglich? was sagst Du?« rief der Erbprinz lebhaft – »von dorther sollte dies kommen?«

»Nun ja,« sagte Thyrnau – »ich zweifle nicht – außerdem scheint es mir, werden wir, obgleich hier jetzt installirt und vollständig gesichert, doch nicht unbeobachtet gelassen.«

»Hast Du das auch gemerkt?« rief Magda – »Bin ich allein mit Gundula gegangen, ist mir immer derselbe Bettler begegnet, der mich immer bereden wollte, mit ihm Wald einwärts zu seiner Hütte zu gehen und seiner kranken Frau selbst Hülfe zu bringen. Aber ihm habe ich das, was ich Niemand abschlagen würde, immer verweigert, denn ich hatte Scheu vor seinem sonderbaren Blick, der so wild war und so sehr sich noch verdüsterte, wenn ich mich weigerte mit zu gehn. Gundula hatte auch Furcht vor dem Gesellen und Beide glaubten wir ihn schon gesehen zu haben – jetzt weiß ich auch wo.«

»Um Gotteswillen! dann ist ja Magda in Gefahr,« rief der Prinz – »sicher hat man Absichten auf Dich, mein geliebtes Mädchen – und warum verschwiegst Du das Deinem Großvater?« fuhr er vorwurfsvoll fort – »er würde Dich sicher alsdann besser behütet haben und Dich nie in so geringer Begleitung haben gehen lassen.«

»Bezo ist immer in der Nähe, wo ich bin,« sagte Magda gleichgültig – »wozu sollte ich meinen lieben Alten ängstigen – ich konnte mich selbst bewahren.«

»Auch hat Magda hier im Schlosse, wo Alles nach den Sitten der Kreuzfahrer gethan wird,« sagte Thyrnau – »eine unsichtbare Escorte, die das Gelübde gethan hat, die Jungfrau, welche dieser Feste anvertraut ist, vor jeder Unbill manniglich mit allen Waffen zu Fuß und zu Roß zu überwachen – da vermuthet sie denn nicht ohne Grund immer irgend einen Ritter in ihrer Nähe, welcher mehr auf den gehofften Hülferuf aus ihrer Kehle horchen würde, als auf die süßen Töne der Nachtigall.«

»Du! Du!« rief Magda lachend – »da verspottest Du mir wieder meinen Trautsohn! O,« sagte sie lieblich zum Prinzen gewendet – »wenn Du den kennen wirst und hören, wie gut er gegen mich ist, dann nimm ihn in Schutz gegen den Großvater, der ihn immer neckt, wenn er nicht dabei ist – denn das glaube nur, wenn er ihn sieht, da hat er ihn so lieb als ich – wer könnte auch anders?«

Der Prinz überließ sich ganz der Seligkeit mit den Beiden zu leben, die ihm jetzt noch die Theuersten auf der Erde waren, und es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch Lacy's so schwer ins Gewicht fallende Gegenwart ein wenig neutralisirt wurde, wodurch denn Alle mit leichterer Art in das gehörige Gleichgewicht kamen.

Dagegen trat bei Thyrnau und Lacy eine andere Befürchtung hervor, nämlich die, daß der Prinz von seiner Zärtlichkeit für Magda zu Wünschen verführt werden möchte, die ihn sowohl wie dieses theure Wesen zu neuen Stürmen führen mußten. Es schien zuletzt, er sähe nichts mehr als sie, und das unendlich Excentrische, glühend Leidenschaftliche, welches sein ganzes Wesen von Jugend auf durchdrang – seine Geringschätzung gegen den Unterschied der Stände, die er schon einmal bewiesen – Alles ließ diese Befürchtung nicht unbegründet erscheinen. Es kam endlich unter Lacy und Thyrnau zur Sprache, und Lacy machte seinem alten Freunde fast Vorwürfe, daß er den dazu so leicht verführbaren Prinzen bewogen hatte, seinen Aufenthalt zu verlängern, da dies Magda's Ruhe mit bedrohte und der Prinz vielleicht bei Verlängerung der Versuchung in ihrer Nähe sich ihr entdecken und sie dann ihre ruhige Unbefangenheit verlieren werde. Thyrnau sagte ihm dagegen, er habe diese Bitte doch wohl berechnet und vielleicht für all diese verkehrten Richtungen die beste Auskunft damit veranlaßt. Lacy hielt aber die Gefahr für Magda's Ruhe so dringend, daß Thyrnau ihm das Wächteramt übertrug, dem sich Lacy mit einiger Verlegenheit unterzog. Seufzend sah ihm Thyrnau nach, als er ihn verließ. »Keine größere Gefahr,« sagte er dann leise – »als das Wesen vor unsern Augen angebetet zu sehn, dem wir beschließen mußten zu entsagen!«

So kam es denn, daß Magda mit Lacy, dem Prinzen und Trautsohn, der sich jetzt etwas dreister anschloß, auf ihrem Felsensitz war und die Mutter Hirschkuh mit den Zicklein gefüttert wurden, und das heitere, lebhafte beziehungsvolle Treiben waltete, das bei so viel betheiligten Herzen statt finden mußte und jede äußere Veranlassung zu einem Dienste umwandelte für das lebhaft erregte Gefühl. – Das schwarze Böcklein machte wie immer den Lustigmacher und hatte sich gar verwegen angenommen, mit seinen immer höher sprossenden Hörnlein zu zucken, welches ihm fast Mienenspiel gab und dem klugen Gesellen stand, als wisse er, daß man ihn zum Spaßmacher ersehn habe. Er hatte sich angewöhnt, von dem Futter, wie er immer that, fortzuschießen und heute durch die kleine Felsthür den Laubweg hinunter zu jagen. Dies hatte denn viel Gelächter erregt, und er that es immer wieder und kam dann eben so schnell zurück – das letzte Mal aber mit einem solchen Luftsprung, daß es schien, er werde gejagt – sogleich hörte man in die Hände klopfen, und nun sprang fast eben so rasch als das gejagte Böcklein eine junge Dame ihm nach, welche alles Andere übersehend laut jubelnd ausrief: »Da ist es! Da ist es!« Das Böcklein aber setzte über die Brüstung und war im Nu auf dem Abhange, der von der Plattform getrennt lag – jetzt wandte sich die Dame und Alle erkannten die schöne Prinzessin Therese. – Magda saß neben der weißen Hirschkuh und hielt ihr das Futter vor, welches der Prinz, der niedergekniet war, ihr bereit hielt – Trautsohn saß dicht neben ihr – und Lacy stand mit über einander geschlagenen Armen vor der Gruppe und seine Augen wurzelten darauf.

»Welche Idylle!« rief die Prinzessin und erkannte augenblicklich den Herzenszustand aller Anwesenden – beinah heftig rief sie dann: »Magda, erkennst Du mich nicht?«

Diese war schon aufgesprungen und lief ihr eben in die Arme – ihre Freude war so rein – so zärtlich – so lange hatte sie den Anblick einer befreundeten Frau entbehrt und die Prinzessin war eben so schön! Das sagte ihr Magda – und ließ sie los, als müsse sie sie recht betrachten – dann sah sie sich um und die Hände zusammenschlagend, rief sie dem Prinzen zu: »Ach! wie ihr das kleidet, so prächtig zu sein hier auf dem Felsen unter den Bäumen!« – Daß Magda das sagte, nahm den Staar von des Prinzen Auge fort – er erkannte jetzt, daß sie entzückend schön sei – und der Prinzessin war es schon recht, wie Magda sie empfing – sie lachte anmuthig und strich die langen grünen Federn ihres Reisehutes über die Schultern, die aus dem grünen Sammet der Jagdrobe wie Blütenschnee auftauchten, und grüßte Alle mit jener scherzenden Gravität, die ihr so wohl stand, den Ton mit ihr gleich anzudeuten schien und jede Spannung aufhob. »Und Claudia?« fragte Lacy, sich ihr nahend – »ich hoffe, sie ist hier, und ich werde sie gleich sehen können.«

»Wenn Sie sich umwenden,« sagte eine geliebte Stimme – und Claudia und Thyrnau waren zu den Uebrigen getreten.

Lacy begrüßte seine Gemahlin mit einer Innigkeit und Liebe, daß die sanfte Claudia, die mit einem erhöhteren Herzschlag ihren Gemahl in Magda's Nähe wieder zu sehn kam, kaum die Thränen zurückdrängen konnte und die Prinzessin abermals leise sagte: »Ich glaube wahrhaftig, er liebt sie!«

Auch Magda hatte für diesen Empfang Augen gehabt, und sie sagte mit einem tiefen Seufzer: »Wie glücklich muß man durch seine Liebe werden können.«

Die gesellschaftlichen Formen, die bei der Vereinigung so vieler Weltmenschen augenblicklich eintreten mußten, begannen ihr Nivellirungsgeschäft über das wellenartig gestaltete Terrain des Innern auszuüben. Jeder war fast in einer gespannten oder leidenschaftlichen Aufregung – Alle hatten etwas zu verbergen – Viele strebten einem Ziel entgegen und beobachteten, was sie hindern oder fördern könnte. Vor Allen aber bemächtigte sich die Prinzessin Therese der geselligen Ordnung; sie that es am freisten und unbefangensten, denn sie schonte die Wahrheit am wenigsten, und obwohl ihre innere Aufregung nicht die geringste war, beherrschte sie doch – zu Anfang mindestens – ihr tief ergriffenes Gefühl, und nur die verschwiegene, mit mütterlicher Zärtlichkeit ihr hingegebene Gräfin von Hautois hätte über den äußerlich leicht und heiter erscheinenden Zustand der Prinzessin andere Auskunft geben können.

Da der Graf von Podiebrad durch den hohen und alten Rang seiner neuen Besatzung versöhnt ward mit deren Gegenwart, dachte er in der großen Aufregung, welche ihm so ungewohnte Verhältnisse machten, nur daran, wie er sich ihnen gemäß mit der vollen Behauptung seiner Würde zeigen wollte, und da sein Vermögen ihm keine Beschränkungen auferlegte, wollte er dem Prinzen und der Prinzessin Feste geben, wenigstens große Tafel halten und die Letztere, welche sich unendlich amüsirt zeigte durch die Turnier-Courbetten des untadligen Besatzungskorps, bestand darauf, daß man Alles annehme und die Herren so viel als möglich in den Bereich der anberaumten Gesellschaftsstunden hineinzöge. So war der stille Sitz der Frömmigkeit, der tiefsinnigsten und erhabensten Gelübde, das vollendetste Mysterium der Einsamkeit, umgewandelt zu einem Tummelplatz zärtlicher Leidenschaften, getragen und verborgen unter einer Geselligkeit, welche die verschiedenartigsten Individualitäten umschloß und vielleicht grade darum ein nicht erlahmendes Interesse unterhielt.

Thyrnau, der sich durch nichts aus seinem Gleise bringen ließ, hatte doch für Alles Zeit – und am uneigennützigsten und fast von Allen bloß um sein selbst willen geliebt, war er immer der Mittelpunkt, um den sich Alle sammelten und der mit scharfer und schneller Beobachtung und der ihm völlig sichern Erfahrung in fast allen Zuständen des Lebens, die um ihn sich bildenden Verhältnisse durchkreuzte, sie zurecht rückte oder ihnen nachhalf. Magda's Zustand war ihm dabei immer das Wichtigste; er hatte vor ihren Gefühlen eine Art Achtung, wozu noch ihr entschiedener und ungewöhnlicher Karakter kam, der sehr häufig seine Erfahrungen durchkreuzte, ihn oft in Spannung und Erwartung hielt und keineswegs vorher bestimmen ließ, wie sie die Dinge nehmen werde. Er sah sie belebt und erheitert, oft wie von einem neuen Feuer glühend und verklärt und als wäre sie mitten in einer großen geistigen Entwicklungsepoche, welche auf die Entfaltung ihrer Schönheit, ihrer Jugend Einfluß ausübe. Aber sie war zugleich, wie sie von den Mainächten gesagt hatte, in ihnen mit ihrem innern Triebe versenkt, und er gewahrte sie oft in tiefes Lauschen versunken und sah, wie der nahende Morgen ihr erst Ruhe gab. Wenn sie dann andern Tages aus ihrem Schlafzimmer in Thyrnau's Arbeitszimmer trat, schwebte ein tiefer heil'ger Ernst um ihre Züge, und wenn Thyrnau sie mit ihrem langen Nachtwachen neckte, senkte sie ihr Auge in das seinige und sagte einmal: »Ich habe das nöthig, denn mir fehlt das Geschick in dem lauten Leben da unten, wo Alle sprechend denken, so wohl geordnet zu bleiben wie die Andern vielleicht, die daran gewöhnt sind – ehe ich dann aufgeräumt habe, kommt mir der Schlaf nicht, und das Gebet vorher wird mir gestört.« – So wie sie sich selbst verwahrte, durfte er sie aber auch walten lassen; er zweifelte nicht, daß Lacy's Gegenwart ihr Gefühl für ihn vermehre, und oft sah er, wie ein unbeschreiblicher Zug von Wehmuth und Melancholie ihr Antlitz beschlich, wenn sie aus dem glücklichen Gefühl der Gemeinschaft mit ihm, wie es ihr das gesellige Leben darbot, erweckt wurde – durch eintretende Beziehungen zu seiner edlen Gemahlin. Zwischen dieser und Magda war ein scheuer Liebesverkehr eingetreten – sie wagten oft kaum sich so zu bezeigen, als sie es wünschten und fühlten – sie waren innig zärtlich – und flohen dann wieder einander: das vorwaltendste Element ihrer Brust mußten sie vor einander verbergen, diese größte Uebereinstimmung ihrer Gefühle wollten und durften sie sich nicht eingestehn. Wo aber Magda Rath und weiblichen Beistand bedurfte, floh sie zu Claudia, und diese hegte das geliebte Wesen und wandte im Voraus von ihr ab, was sie in Verlegenheit bringen konnte. Dazu fand sich manche Veranlassung, denn Magda war das Augenmerk von Vielen, und stets von der herausfordernden Prinzessin bloßgestellt, fühlte sie sich oft verletzt, ohne sich schnell und geschickt helfen zu können. Die Laune der Prinzessin war von so wunderbarem Wechsel von Güte, Muthwillen, edlem Geiste und trivialem Weltgeschwätze, daß Magda sich von ihr angezogen und beschäftigt fühlte, und oft ihr Erstaunen und ihre Bewunderung nicht zu unterdrücken vermochte, wenn sie ihr auch in nichts nachzuahmen wünschte, oder vermocht hätte. Nach einer langen und ernsten Unterredung des Prinzen mit Thyrnau, die dieser schon an demselben Abend veranlaßte, wo die Damen angekommen waren, sah man den Prinzen zu Anfang in die tiefe Traurigkeit versinken und ihn dann zu der liebenswürdigen Ruhe zurückkehren, die seine Gegenwart so anziehend machte, da ihr eine hohe Wärme des Herzens zum Grunde lag und ein sprudelnder Enthusiasmus sie erheiternd unterbrach. Die Prinzessin hatte gegen ihn eine Nuance, die ihr kein Anderer abgewann; sie hatte eine leichte Schüchternheit mit ihm – eine Stille schien in ihr einzutreten, wenn sie in unmittelbare Beziehung zu ihm trat – sie war nachdenkend und sagte dann oft Dinge, die ihren hohen Geist, ihr edles Herz verriethen. Lacy schien an ihrer Theilnahme zu verlieren und dieser behielt alle Zeit, sich mit Claudia zu beschäftigen, die neben zwei der schönsten weiblichen Wesen immer denselben Rang in dem Herzen ihres Gatten zu behaupten schien und dadurch alle Verschönerungen des Glücks erfuhr, und die Freiheit des Geistes behielt, die ihre liebenswürdigen Fähigkeiten sich entwickeln ließ.

Dazwischen trat nun Podiebrad mit dem Bestreben, seine Disciplin festzuhalten und seine Niederlagen vor dem Zauber dieses lang entbehrten weiblichen Umgangs mit alten Anführungen aus den Statuten der Kreuz-, Tempel- und Malteser-Ritter, in welche er sich in den Zwischenzeiten begrub, zu erklären und in das Licht ihm obliegender Pflichten zu stellen. Wie oft ihn nun auch die Prinzessin mit dem ganzen Verhau, den er mühsam aufgebaut, über den Haufen rannte und ihn dann fortriß, Alles zu thun und geschehen zu lassen, grade wie sie es wollte – er fand sich nach geschehener That immer wieder auf dem alten Standpunkt ein und dies war auch eigentlich, was die Prinzessin wollte.

Entsetzlich war es Magda, daß sie nun auch den Grafen Matthias wiedersehen mußte, vor dem sie eine große Scheu empfand. Der nächste Tag nämlich versammelte die ganze Gesellschaft bei dem Gouverneur zum feierlichen Banket und hier erschien der Graf Matthias unter den Andern. Aber wenn keiner der höchst ehrenfesten Ritter des Karlsteins dem lang entbehrten Vergnügen einer solchen Gesellschaft widerstand und man an Allen ein verändertes und von dem selbst beschäftigten Podiebrad übersehenes Betragen wahrnehmen konnte – trat dieser Fall doch nicht bei dem Grafen Matthias ein, welcher trotz seiner Jugend und Schönheit dem Grabe verfallen schien und auf dessen bleichem Antlitz sich ein düsterer Ausdruck von abgeschlossener Menschenfeindlichkeit und fanatischem Eigensinn zeigte. Er blickte fast nicht von dem Kreuze seines Degens auf und zog sich auf eine Weise zurück, die selbst dem Alles beachtenden, für Jeden ein ausreichendes Wort findenden Thyrnau ein näheres Gespräch mit ihm unmöglich machte. Dessen ungeachtet sah Thyrnau, daß Magda's Stimme, wenn sie zu seinem Ohre drang, ihn zusammen schaudern machte, ja er sah, wie er oft von diesem Ton verführt ihren Anblick suchte, um dann wieder in sein düsteres Brüten zurückzufallen. Noch am selben Abend forderte er es vom Prinzen, diesem jungen Manne ein Kommando zu verschaffen, welches ihn mit Gewalt aus dem Karlstein entferne, und lächelnd sah der Menschenkenner, wie besonders bereitwillig sich der Prinz dazu zeigte, da er ihm zugleich die Beziehung desselben zu Magda anvertraut hatte.

Nach diesem feierlichen Tage bei Podiebrad erfolgten abwechselnde Einladungen und die Prinzessin wollte nun auch ihr Fest geben und nachdem sie den Tag vorher mit Lacy, dem Freiherrn von Galbes und Trautsohn ausgeritten war, erklärte sie: ihr Fest solle im Freien statt finden und Alles müsse sich zu Pferde dahin begeben.

Mehr konnte wohl der Mai ein Fest nicht begünstigen, wozu man ihn als Decorateur und Lampier erkoren; denn die Luft war von elastischer Frische, die Strahlen der Sonne noch willkommen und belebend hinter dem leichten gelbgrünen Laube des Waldes, die Erde schon geschmückt mit den buntesten Blumen, und das dunkle Moos mit den zarten hellgrünen Schößlingen des Frühlings gemischt. Ein Lüftchen rührte sich bloß, wie es schien, um die Schleier der Damen anmuthig in der Luft zu kräuseln und die Federhüte der Herren wogen zu lassen, und als der Zug am Rande des Waldes bald durch ihn hin, bald auf der davor liegenden Wiese, mit den schönen Pferden und in den heitern kostbaren Kostümen dahin tanzte, schien es, der Mai habe sie Alle zu seinem Dienste erkoren.

Wohin die Prinzessin sie führen würde, das erregte Neugier und Scherze, die sie immer nach allen Seiten parirte – Alle aber wußten, daß schon gestern große Wagen aus der Feste nach dem geheim gehaltenen Lustorte abgegangen waren, und noch immer kamen von Zeit zu Zeit geheimnißvolle Meldungen an die Prinzessin – und endlich als man in die Tiefe des Waldes eingebogen war, übergab sie Trautsohn das Kommando des Zuges und sprengte, von Lacy und Galbes begleitet, in den Wald und ihren Gästen voran.

Trautsohn ritt dicht neben Magda, neben dieser wieder Claudia, vom Prinzen von S. begleitet. Magda hatte heute ihre schwarze Kleidung mit einem schönen Anzuge von Rosa-Seidenstoff vertauscht, den ihr die Prinzessin mitgebracht hatte und an ihrem Goldnetz einen luftigen Schleier befestigt, da ihr schönes Haupt durch Thyrnau's Willen gegen die Mode bewahrt blieb, und sie weder Haube, noch, wie heute die Damen Alle, Hüte tragen durfte. Schon längst aber hatte der Graf von Podiebrad Magda ein Geschenk überreicht, welches einer seiner Ahnherren auf einer merkwürdigen Expedition aus China mitgebracht und welches an wunderbar zierlich gedrechseltem Elfenbeinstiel einen kleinen Schirm in bunter Seide mit wunderlichen Malereien verziert, wie ein Dach gegen die Strahlen der Sonne in die Luft hielt. Dieses Geschenks hatte sich Magda heute zu Podiebrads Ehre bedient und Trautsohn, der erst tief aufathmen mußte, als er sie sah, so hatte sie ihm den Athem versetzt, sagte: »Wenn Du das Ding hältst, wirst Du schlecht mit den Zügeln fertig werden, gieb sie nur her, daß Dir kein Unglück geschieht.« Damit hatte er sie schon gefaßt und ritt freilich nun an ihrer Seite.

»Magda,« sagte Claudia wohlgefällig – »Du siehst aus wie ein Gedicht, was ich las, wo die Fabel in den Wald ritt zur Winterzeit, und überall, wo sie sich nur von fern zeigte, blühte Alles auf und in dem ganzen Walde wurde Frühling – denn, sagt mein Dichter – ihre Augen waren belebend wie die Sonne, und ihr Athem wie der Thau des Himmels.«

»Das macht mein Kopfputz,« sagte Magda – »der so fremd ist jetzt, und dann vollends mein kleines Zauberdach über mir, und das farbige Kleid – das Alles bist Du nicht an mir gewohnt und mag wohl fabelhaft aussehn.«

»Nun das nicht allein,« fiel Trautsohn ein – »ich glaube, Frau Gräfin, Magda könnte es mit der Fabel aufnehmen – wollte sie nur einmal, der Winter widerstände ihr auch nicht.«

Alle lachten und Trautsohn lenkte nun in eine Schlucht ein, die wallartig einen Hohlweg bildete, der mit feinem Nadelholz bewachsen war; dann stieg der Weg immer zwischen hohen Kiefern und Lerchenbäumen sich hindurch ziehend, und plötzlich lenkte er um eine mäßige Felswand und vor der überraschten Gesellschaft hielten sie vor einem sanft ansteigenden Felsenplateau, auf dessen sammetgrünem Moosgrunde eine kleine graue Burg emporstieg, welche Alle mit dem Ausruf: Karlik – begrüßten.

Alle sammelten sich, auf das Angenehmste überrascht, auf dem Punkte, von welchem man den reizenden Anblick genoß, und laut rief man der Prinzessin Beifall zu, denn man sah, hierin habe sie ihr Fest verlegt und sie selbst zeigte sich auch ihren Gästen schon als Inhaberin der Burg. Diese lag aber noch jenseit eines wasserreichen Grabens, welcher mit den jetzt versunkenen Wällen einst die Wohnung der Kaiserinnen geschützt hatte, und die kleine Zugbrücke, die darüber wegführte und nach der andern Seite zu lag, senkte sich erst, als laute Trompeten-Fanfaren die Ankunft der Gäste verkündigten.

Es gab nichts romantischeres, als diese kleine Burg, die nicht viel mehr als eine Ruine war und gerade nur so viel aufrecht erhalten hatte, um eine augenblickliche Täuschung über ihre Existenz zu geben.

Der Wald umhegte sie nach den drei größten Seiten, nur der höchste und am besten erhaltene Thurm trat auf einer breiten Lichtung des Waldes hervor, welche zugleich zeigte, daß hier die Burg auf einer bedeutenden Höhe lag und den Wald wie die angrenzende reizende Gegend beherrschte. Dieser Thurm grenzte an das Hauptgebäude und hatte den Erker, von dem man den Karlstein sehen konnte. Vor seinem Fuße ward die Zugbrücke sichtbar, über welche die Gesellschaft jetzt mit heiterm Sinne zog, die reizende Prinzessin begrüßend, welche, Lacy und Galbes an ihrer Seite, von dem kleinen Erker hernieder ihre Gäste willkommen hieß.

»Es giebt nichts Liebenswürdigeres, als die Prinzessin,« sagte der Erbprinz von S. zu Frau von Hautois, welche mit Thyrnau eben die Brücke passirte – »diese Frische des Geistes hat den Zauber, den nur ein schönes Herz verleiht.«

»Ja,« sagte die alte Dame rasch und feurig – »nur wer ihrem Herzen vertraut, wird den ganzen Werth dieses herrlichen Wesens begreifen können.« Als sie Thyrnau vom Pferde hob, drückte sie ihm schnell die Hand und sagte leise: »Endlich!«

Thyrnau lachte und sagte: »Ihr alten Damen bekommt immer noch einmal alle Schauer und alle Qualen der Liebe, welche die Jugend hinter Euch legt, wenn Ihr irgend eine Tochter oder einen Pflegling mit gehörigem Erfolg in dieselbe Sphäre hinein jagen möchtet.«

Indessen traten sie in den gothischen Spitzbogen der Eingangspforte und befanden sich, nachdem sie eine gewölbte Vorhalle durchschritten, auf dem Burghof, um den sonst die Gemächer der Frauen herum liefen. Die zierlichen Spitzbogen ihrer Fenster zeigten sich jetzt ohne Scheiben, aus ihren Rahmen hingen Epheu und Schlinggewächse nieder, oder die leicht sich säende Birke und Weide regte ihr lispelndes Laub an der Stelle, wo sonst das muntere Gespräch der Jugend sich hören ließ. Der Rasen war kurz geschoren und mit großem Geschick hatte man junge Birken gefällt, und durch eingegrabene Bäume gehalten war eine Naturtreppe gebildet, die gleich in ein breiteres Fenster, welches bis zum Fußboden erweitert war, den Eingang zu dem gewölbten Banketsaal eröffnete, da die nach innen laufende Treppe zu verfallen war, um im Verlauf weniger Stunden hergestellt werden zu können.

An diesem zur Thür verwandelten Fenster stand die Prinzessin und reichte mit der jubelnden Lustigkeit eines Kindes der edlen Claudia die Hand, welche, von dem Erbprinzen unterstützt, die etwas schwierige Treppe hinanstieg.

Wie angenehm war aber auch die Ueberraschung, die dieser ungewöhnliche Raum darbot! Jeder stieß einen Ruf aus, der sein Entzücken oder seine Ueberraschung bezeigte, und die Prinzessin war außer sich vor Lust, daß ihr Alles so wohl gelungen war.

Der Eßsaal, der seine frühere Bestimmung noch vollständig verrieth, war ein längliches Viereck und hatte nach beiden gegenüber liegenden Seiten fünf Fenster, von denen das mittlere, woran jetzt die Naturtreppe angelegt war, sicher früher einen Balkon trug, da es größer und breiter als die übrigen war. Was auch die Zeit, von der Vernachlässigung begünstigt, hier bewirkt, die Wände hatten noch ziemlich ihr Getäfel von starkem Eichenholz erhalten und es zeigten sich noch an einigen Stellen die festen Bänke, die in den Wänden eingelassen waren. Die Fenster waren zwar ohne Scheiben, aber die Kunst hätte mit allem Vorhaben der Verschönerung nicht lieblichere Gewinde bilden können, als hier der Epheu und die Brombeere mit ihren weißen Blüten und der Weißdorn mit seinen rosigen Knospen um die zierlichen architektonischen Formen schlang.

Allen, die eintraten, zeigte sich zuerst diese Fensterreihe und dahinter der maigrüne Wald, den die Sonne beschien! Rechts aber am Ende des Saales war die Mauerwand ganz eingestürzt und es hatte sich nur noch der gewölbte Bogen erhalten, in welchem sie geruht und der wie durch ein breites Thor, umspielt von der fleißig an ihm hinauf geklommenen Vegetation, den Blick in die Wiesengründe zeigte, die mit den malerischen Baumgruppen abwechselten. Links aber grenzte der Saal an das best erhaltene Zimmer der Burg, an das Erkerzimmer der Kaiserin, das die Aussicht nach dem Karlstein hatte. Was aber diesen Eßsaal so eigenthümlich heiter und erquicklich machte, das war – daß sein Dach längst verschwunden und der blaue Himmel das Ganze überwölbte. Unter dem Schutze seiner reinen tiefblauen Decke hatte die Prinzessin die Tafel zurichten lassen und nachdem man Schutt und Moder in der verflossenen mondhellen Nacht von seinem Fußboden gesäubert, hatte man Teppiche ausgebreitet, Lehnstühle und Schenktische mit reichem Geräth herbei geschafft und diesen phantastischen Raum – wo die Erinnerung an seine ehemaligen Bewohner die Phantasie sogleich ergriff – zu einer Täuschung erhoben, die fast mit der Lust zugleich eine Art Feierlichkeit und Rührung in Allen hervor rief.

Podiebrad litt am stärksten unter dieser Anfechtung und kämpfte mit einem Wust von Erinnerungen, die ihm – Podiebrad den Burggrafen vor vierhundert Jahren vor Eleonora der Kaiserin zeigten, wie er zu ihr in den Erker getreten war und im selbigen Saale zur Tafel gesessen. Er hätte sich gern auf etwas Erzählbares besonnen, was seine besondere Berechtigung, die er in diesem Revier sich zugestand, auch den Andern darlegen sollte, aber es entschlüpfte ihm alles wieder in der Regsamkeit um ihn her und bei der Unzugänglichkeit der Prinzessin, die, seinen beabsichtigten Anlauf ahnend, ihn immer, ehe er im Bügel saß, schon wieder aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

»Ach! Du bist prächtig!« rief dagegen Magda, die Prinzessin liebkosend – »Dir dient Alles! Die Vergangenheit leihet Dir ihre Träume und Du zauberst eine Gegenwart daraus, wie sie kein Anderer möglich hält, wie sie nun Jeder wenigstens möchte geträumt haben und die doch ein Zauberkreis ist, den Du allein um uns zu ziehen wußtest.«

Beide waren so schön neben einander – die Prinzessin horchte immer auf Magda's Lob – sie sah sich gern von Frauen gelobt – Männerlob hatte sie überhin – jenes gewann sie schwerer und nur von ganz Unschuldigen oder ganz Hochgebildeten. Dazwischen lag aber die Menge, die am allerschnellsten verurtheilt.

Jeder trat in Eleonores Erker – wo noch der Kamin von grauem Marmor und die Holzwände und der Fußboden erhalten waren, weil die dicken Mauern des Thurms sie geschützt und gedeckt – man auch zu verschiedenen Zeiten die Fenster erneuert hatte. Ein Betpult mit dem Kniebänkchen war noch vorhanden und ein Schränkchen klaffte ohne Schloß aus der Wand entgegen – in einer Nische sah man noch eine eiserne Stange mit Ringen, an denen ganz oben einige Läppchen farblosen Damastes hingen. Das war die Schlafstelle der hohen Frau, und nur Eins trübte Magda's Interesse an Allem – Thomas Thyrnau nöthigte ihr schonungslos auf, daß der Kaiser Karl der Vierte auch vier Frauen gehabt hatte, die Alle nach einander hier Platz gefunden.

»Ach, Du wirst Dich irren,« sagte sie fast bittend – »wie sollte ein so guter echter Czeche so vielmal sein Herz haben verschenken können – er war ja so glücklich mit der edlen Eleonora!«

»Grade deshalb,« sagte der unerbittliche Thyrnau. – »Weißt Du nicht, daß die Männer am schnellsten wieder heirathen, die am glücklichsten waren? Sie halten es nicht mehr aus allein in der Welt, und oft ist ein schnell sich folgender Versuch der Art eine wahre Leichenrede des Lobes auf die Verstorbene – ja ich glaube selbst an die makellose Treue des Herzens unter solchen Umständen – dagegen der zweite Versuch sicher gescheut wird, wo das Herz sich betrogen fand und nur traurige Erinnerungen die ganze Bedeutung solcher Verhältnisse verschütten.«

»Ach, sage, was Du willst,« rief Magda – »es ist doch schöner, wenn das Alles nur einmal möglich ist und unglücklich braucht Keiner zu werden, auch nicht einsam braucht sich der Verlassene zu fühlen – nur gewiß muß er es haben, daß er geliebt war, dann hat er genug, auch ohne den Besitz.«

Magda glaubte sich mit Thyrnau allein, als sie so sprachen, aber tief sinnend hatten Claudia und Lacy im Erker gelauscht, sie standen nun Beide hinter ihnen und Alle sahen sich bewegt an, und Magda glühte auf, und Claudia küßte sie und führte sie in den Eßsaal, wo eben die Speisen aufgetragen wurden.

Der Abend, der der heiter verlängerten Tafel folgte, war so bezaubernd schön, daß man beschloß, den Mondschein zur Heimkehr abzuwarten, und da für keine Art von Beleuchtung Anstalt zu treffen war und die Burgräume zu dunkeln begannen, nahm man auf dem Felsenplateau selbst, welches mit kurzem trocknem Moose bedeckt war, Platz und genoß auf der gelichteten Stelle des Waldes den Sonnenuntergang und den Zauber der Dämmerung in Erwartung der glänzenden Himmelserscheinung, welche ihnen den Heimweg beleuchten sollte.

Da ließen sich die Fanfaren der Trompeter hören; es ward gemeldet, daß ein Reiter, von einem Boten begleitet, Einlaß begehre, und da Podiebrad an der Seite der Prinzessin dem Eingang zu dem Burghof zunächst stand und die Meldung empfing, hießen Beide die Zugbrücke niederlassen und den Fremden einführen.

»Ist der Prinz von S. hier?« rief schon in der Vorhalle eine jugendliche befehlshaberische Stimme – und sogleich trat ein Jüngling im Reiterkollet und der leichten befiederten Reisemütze, mit klirrendem Schwert an der Seite, auf den Burghof, der etwas überrascht bei dem Anblick der Prinzessin schnell seine Mütze abzog und in Podiebrad den höheren Offizier erkennend, ihm seinen ehrerbietigen militärischen Gruß machte und ihn befrug, ob er der Prinz von S. sei.

»Nein, mein Herr,« sagte der Graf – »aber er befindet sich in der hier versammelten Gesellschaft, und ich werde ihn nicht hindern, in meiner Gegenwart die Meldung zu empfangen, die Sie vielleicht ihm zu machen haben.«

»Ich habe Sr. Durchlaucht eine Meldung des Stadthauptmanns von Prag zu machen,« sagte der Jüngling – »und diesen Brief zu übergeben.«

»Dort, mein Herr!« sagte Podiebrad mit feierlicher Vornehmheit – »begeben Sie sich dort zu der Gesellschaft, meine Offiziere werden Sie dem Prinzen vorstellen.«

Der Jüngling verbeugte sich kurz und wollte sich eben umwenden, als die Prinzessin Therese mit ihrer Beobachtung zu Ende gekommen war, und während sie ihm die Hand auf den Arm legte, sagte sie: »Halt, mein junger Herr! erst haben wir noch ein Wörtchen zusammen zu reden, denn trotz des ledernen Kollers, der ungeheuren Reiterstiefeln und des langen Schwertes sind wir wohl alte Bekannte, und ich werde mir selbst die Ehre geben, Sie zu präsentiren, denn ich vermuthe, Sie werden hier viel alte Bekannte finden.«

Der Jüngling sah mit einem Blitz von Freude aus seinen feurigen blauen Augen die Prinzessin an und schüttelte das starke blonde Haar von der tiefen geheimnißvollen Stirn.

»Nun ja!« lachte die Prinzessin – »dacht' ich's doch – er ist es leibhaftig selbst! – So kommt denn, es wird große Freude geben.«

Zum größten Erstaunen Podiebrad's nahm sie den Reiterjüngling bei der Hand und näherte sich der in einer Gruppe sitzenden und stehenden Gesellschaft. Es schien Allen, die sie daher kommen sahen – so feierlich, so lächelnd und glücklich zugleich – sie habe einen ihrer schönsten Momente. Der Jüngling neben ihr wurde immer glühender und seine Augen funkelten und sein Mund zeigte das Lachen der Freude.

Da stieß Magda einen Schrei aus und flog auf den Jüngling zu – und dieser stürzte vor ihr ins Knie und drückte sein Gesicht in ihre Kleider.

»Egon! Egon! mein geliebter Egon!« rief Magda. »Claudia! Lacy! es ist unser Egon« – und diese hatten ihn auch erkannt. Er stürzte an Lacy's Brust und verbarg die schnell hervorbrechenden Thränen des Entzückens – und dieser entließ ihn nur, damit ihn Claudia wie ihren Sohn umarmte – dazwischen ward gefragt, erzählt, gejubelt und die Prinzessin war wie die holde Fee, die dieses Glück bereitet hatte, ganz außer sich und wie das lieblichste Kind. »Doch jetzt,« fuhr sie auf, als sie sah, daß der Prinz von S. ein nachdenklicher Zuschauer dieser Scene geworden war – »jetzt, mein junger Herr, haben wir Dienstpflichten zu erfüllen.« Damit machte sie ihn aus Magda's Händen los, die ihn nicht genug ansehen konnte und fragen, und seine ungestümen Gegenfragen beantworten, und eben als sie ihn zum Großvater führen wollte, drehte ihn die Prinzessin um und führte ihn dem Prinzen vor: »Hier, Durchlaucht, stelle ich Ihnen meinen Adoptivsohn vor, der in diesem Augenblick von Prag aus an Sie gesendet ward – dies, mein Sohn,« fuhr sie fort – »ist der Erbprinz von S.«

Egon faßte schnell seinen Degen und indem er sich in vollständig militärische Haltung begab, überreichte er dem Erbprinzen von S. den erwähnten Brief.

Der Prinz nahm das Schreiben, aber sein Auge wurzelte auf dem Jünglinge, der es ihm gab, und als sich Beide gegenüber standen und die Prinzessin von einem zum Andern blickte, ward sie plötzlich sehr blaß – und das Geheimniß in Egons Zügen, das sie so tief ergriffen hatte, war ihr gelöst.

Ob des Prinzen Auge magnetische Gewalt übte, genug. Egon, schien es, konnte sich an dem schönen Prinzen nicht satt sehn, und dieser legte ihm endlich die Hand auf die Schulter und sagte: »Egon heißt Du? Egon! ein schöner theurer Name! Doch Deinen Zunamen, mein Sohn, sag' mir.«

Egon wurde glühendroth – er senkte den Blick zur Erde und schwieg, während der Prinz schon die Frage vergessen zu haben schien, nur immer wieder ihn anblickend und an beiden Schultern festhaltend.

Da führte Magda den Großvater hinzu und sagte zu Egon: »Sieh hier, Egon, das ist Thomas Thyrnau – mein Großvater, von dem ich Dir so viel erzählt habe.«

Der Prinz aber ließ die Arme von Egon's Schultern sinken und Thyrnau lebhaft ergreifend, rief er: »Sieh! sieh! Thyrnau, sieh diesen Knaben!«

Thyrnau hatte nicht die heitere Jovialität des Grußes, die ihm so wohl stand und die Magda so sehr für ihren Liebling gewünscht hätte; er schüttelte ihm die Hand, er wußte ihm sein Wohlwollen auszudrücken, aber er war zerstreut und ein wehmüthiges Nachdenken drückte sich in seinen Zügen aus, und versenkte ihn forschend in den Anblick des Jünglings.

So ziemlich wußten nun die Anwesenden, daß der junge Kornet mit Allen befreundet, ein Pflegesohn der edlen Gräfin Lacy sei und in einem zu Prag stationirenden Reiter-Regiment diene; das kleine Ereigniß hatte das Fest noch einmal belebt, und während beide Lacy's und Magda zunächst um Egon saßen, hatte die Prinzessin ihre Fassung wieder bekommen und befohlen, daß man ihm noch eine möglichst reiche Mahlzeit servire, wobei sie sich dann selbst niederließ und mit der liebenswürdigsten Gutmüthigkeit den hungrigen Jüngling zum Essen antrieb.

Dagegen gingen Thyrnau und der Prinz nachdenklich vor der Gruppe auf und nieder und ihre Augen hafteten immer wieder auf dem jetzt freier sich fühlenden Egon, der seine innere Glückseligkeit bei dieser großen und unerwarteten Ueberraschung in tausend kleinen Aufmerksamkeiten ausließ, die zugleich seine entwickelte Erziehung bewiesen und Magda auf ihren frühsten Schüler ganz stolz machten.

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