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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Der Gouverneur stellte den Niclas-Thurm zur Verfügung des Gefangenen. Thyrnau hatte bald seine Einrichtung getroffen. Neben seinem größeren Arbeitszimmer wurde ein reizender Erker, der den Blick über das Thal bis nach Budnian hatte, für Magda eingerichtet; dicht daran stieß ein Schlafzimmer für Gundula und Magda, eine Etage tiefer war ein kleiner Saal mit Erker und Balkon, hier wollte man die Eßstunden abhalten – daneben hatte Thyrnau sein Schlafzimmer. Veit wurde mit dem häuslichen Betrieb und mit Bezo auch genügend untergebracht, und so hatte Thyrnau seinen Ansprüchen gemäß genug und überließ dem Gouverneur zu dessen großer Erleichterung die sogenannten königlichen Zimmer, um sie der Ankündigung des zu erwartenden höheren Besuchs gemäß mit Allem auszustatten, was sein luxuriöser Geschmack dafür zu ersinnen vermochte.

Thyrnau athmete eigentlich erst auf, als er seinen Schreibtisch eingerichtet sah, und die Bücher um sich aufgestellt hatte, die ihm zu der Arbeit nöthig waren, welche die Kaiserin ihm übertragen und die ihn innerlich mit einer Befriedigung erfüllte, die ihm für seine Person diese anscheinende Gefangenschaft zu der wohlthuendsten Auskunft machte, da sie ihm ungestörte Ruhe und Zeit zu gönnen versprach.

Wäre Magda's Schicksal nicht damit noch so viel trauriger geworden, als es die Umstände ohnedies verhängt hatten, so würde er keine Entbehrung gefühlt haben; doch dies theure Wesen beschwerte sein Herz und hielt ihm die Ruhe ab, da er immer fürchtete, etwas zu übersehen oder zu versäumen, womit er ihrem Leben zu Hülfe kommen könnte.

Magda kannte diese Sorge in ihm – und fühlte sie, daß er sie mehr beobachte, so stellte sie ihn auch liebevoll zur Rede und legte dann die Zufriedenheit vor ihm aus, die er ihr wünschte; aber nicht immer beobachtete er sie und dann versank auch Magda in eine wehmüthige Stille, die von tausend innern und äußern Ursachen genährt, ihre heitere Jugendlichkeit bedrohte.

Die Kaiserin hatte, ergriffen von der ungemeinen Persönlichkeit Thomas Thyrnau's, den Entschluß gefaßt, ihm die Sammlung der böhmischen Gesetze zu übertragen, und von ihm eine auf den Grund des Vorhandenen gestützte Umarbeitung zu veranlassen, welche ihr auf leicht zugängliche Weise zur Prüfung vorgelegt werden könnte. Sie hatte sich nicht gescheut, denjenigen dazu zu wählen, der einst mit so parteilichem Eifer für sein Vaterland erfüllt war, daß er selbst angeschuldigt war, den Unterthan darüber vergessen zu haben; denn sie wußte, welche Schuld ihre Vorgänger an dieser Anklage hatten, und durfte dem Stolz nachgeben, welcher ihr sagte: sie habe von aufgeklärten Köpfen nichts mehr zu fürchten! Nach einem solchen Geiste, wie Thomas Thyrnau vor ihr entfaltete, hatte sie in der Stille gesucht, und daß er, bei dem Alter des Greises, mit dessen Erfahrung und erprobter Kenntniß aller Bedürfnisse seines Vaterlandes die Rüstigkeit des Jünglings vereinigte, war mehr, als sie für möglich gehalten hatte. Dessen ungeachtet war dies hohe Alter der Grund, warum sie von ihm einen Schüler gebildet haben wollte – warum sie wollte, daß Lacy, den sie vorbereitet wußte, von ihm weiter geführt werden sollte. Sie hatte daher beschlossen, daß, wenn die Vorarbeiten von Thyrnau sich bis auf einen gewissen Punkt entwickelt, Lacy mit ihm arbeiten sollte, um in ihm, dem Jüngeren, einen Träger seiner Erfahrungen und Ansichten zu haben, dessen sich die Kaiserin dann länger zu bedienen hoffen konnte.

Dies waren die Umstände, unter denen Thyrnau eine so gnadenreiche Gefangenschaft erlitt, da die Kaiserin sie ihm nicht abzunehmen vermocht hatte, ohne ihre Minister, die sie selbst zu so großer Strenge angehalten, zu beleidigen, und ein gefährliches Licht auf ihre eigenen Gesinnungen zu werfen.

Nur Kaunitz war der Mitwisser dieses Planes und hatte in seinen erwähnten Unterredungen mit Thyrnau sich über die Absicht der Kaiserin und die am besten zu wählende Form, diese zu erreichen und ihr zugänglich zu machen, völlig mit ihm verständigt.

Magda, welche diese Unterredung getheilt, hatte sich mit ihrem grübelnden Verstande ganz in die Aufgabe, die ihrem Großvater gegeben war, versenkt, und sie theilte auch jetzt sein Interesse dafür, und ward die Vertraute seiner entstehenden Vorarbeiten, und ihre schöne zierliche Handschrift trug die kühnen und hochherzigen Gedanken des feurigen Greises sehr oft auf das Papier nieder, wenn sie ihn ruhend haben wollte, oder der weise Alte sie aus dem träumerischen Brüten heraus zu reißen trachtete, welches keiner andern als dieser ihren Geist und ihr Gefühl gleich mächtig anregenden Beschäftigung gelingen wollte.

So hatte der Winter sie leise überschlichen – die Spaziergänge mit Gundula, Veit oder Thyrnau selbst wurden seltener – und von ihrem Erker herab sah sie endlich den ersten Schnee fallen und das kleine Flüßchen Beraun zu einer starren Spiegelfläche sich umwandeln.

Der Graf von Podiebrad hatte nach dem erfolgten Einzuge des Gefangenen ihm mit allen seinen Offizieren einen Besuch gemacht und um die Ehre gebeten, dem Fräulein Matielli vorgestellt zu werden.

In ihrer wachsenden Schönheit und nach dem Wunsche des Großvaters täglich in der reichen Tracht gekleidet, wie wir sie bei der Kaiserin sahen, war sie mit ihrer einfachen ernsten Miene auf Thyrnau's Geheiß aus ihrem Kabinet hervorgetreten, und Podiebrad glaubte, er sehe die Kaiserin Eleonora, der einst sein Ahnherr vor vierhundert Jahren die Honneurs des Karlsteins machte. Seine vorgenommene ritterliche Ehrerbietung bekam etwas so Ueberschwängliches und Sentimentales, daß Thurn die zürnenden Augen auf Thyrnau geheftet hielt, als wolle er damit das unbeschreiblich lästige Lächeln des alten Herrn zurückdrängen.

Mit vieler Feinheit hatte er Pasterau von diesem Ehrenbesuche ausgeschlossen. Er stellte ihr alle Offiziere einzeln beim Namen vor und sagte: »Nur Einer habe nicht gewagt, sich ihr vorzustellen, denn er habe das Glück ihres gesegneten Anblicks verscherzt, indem er die hohen ritterlichen Pflichten gegen sie vergessen und nun dafür in der Ausschließung von dieser Vorstellung büße. Er – Graf von Podiebrad – werde die Zeit der Korrektion nicht abkürzen, da er das Attentat noch tiefer verabscheuen müsse, seit er den Gegenstand der Beleidigung die Ehre habe zu kennen – seine gemißbrauchte Freiheit sollte ihm entzogen bleiben, bis ihn die Reue gebessert habe.«

»Ach,« sagte Magda mit ihrer sanften ernsten Stimme – »Ihr meint den Grafen Pasterau – gebt ihm doch lieber seine Freiheit wieder – es ist so traurig, gefangen zu sein. Er wird mir nichts wieder thun und wie sollte ich ihm nicht vergeben können, da er gar kein Verständniß hat von edler Sitte – er wird es nie besser lernen.«

Podiebrad war etwas außer Fassung – er wollte tadeln, strafen und eine unpassende Handlung eingestehn zu Gunsten dieser Schönheit und seiner Disciplin – aber daß einem Grafen von Pasterau ruhig mitleidig jede Besserung abgesprochen ward, weil ihm alle Sitte fehle, das rüttelte etwas stark an der Voraussetzung, daß diese schon dem Edelmanne angeboren werde, und doch schwieg der Graf von Podiebrad – wie er später sagte – aus ritterlicher Nachsicht gegen die natürliche Kurzsichtigkeit der Frauen.

Als dagegen der junge Fürst von Trautsohn Magda vorgestellt wurde, ging sie auf ihn zu und gab ihm die Hand, die er augenblicklich knieend küßte. »Du bist der Beste,« sagte sie – »und von Dir hatte ich nie zu fürchten; aber ich kann nun nicht mehr auf die Felsenspitze kommen, wo man mich so unwürdig behandelt hat und Du mußt die liebe Hirschkuh und die kleinen Zicklein nun allein füttern. Ach! versprich mir nur das Eine, daß Du immer so viel Brot mitnehmen willst, daß die Kleinen genug bekommen und die gute Mutter was übrig behält.«

»Bei Gott und meiner Ehre schwöre ich das!« – schrie der Jüngling und hielt sein Schwert gegen die Brust – »aber sage nicht, daß Du nicht wiederkommen willst! Wir wollen Alle einen Eid leisten, daß Dein Felsensitz gefeit sein soll, und wer ihm ohne Deine Bewilligung naht, der soll vor unsere Klinge gefordert werden.«

»Ach nein,« sagte Magda – »wenn es erst so angefangen werden muß, da hat es keine Stille mehr – ich könnte mich doch nie mehr allein fühlen. Du guter Trautsohn – ich danke Dir und vertraue Dir, daß Du meine Bitte erfüllen wirst.«

»Erlaubt nur, daß ich Euch die andern Herren noch vorstellen darf,« – unterbrach Podiebrad die Gegenrede des glühenden Jünglings, »dann werde ich Euch unser Aller Beschluß aussprechen.«

Als er jedoch jetzt den Grafen Matthias von Thurn aufrief, schreckte Magda stolz empor, und ihn streng anblickend, sagte sie sogleich: »Ich bin überrascht, Euch hier zu sehn!«

Es entstand eine Pause, die Matthias vergeblich zu unterbrechen suchte – mit stolzer Kälte stand er stumm vor seiner schönen Richterin. Da trat Trautsohn vor und sagte: »Vergieb ihm, liebe Magda – glaube mir, der Böse selbst muß ihn verblendet haben, daß er Dich beleidigen konnte – er ist so edel, so gut, als jemals Einer, der verdiente, die Sporen zu tragen – sieh! ich habe ihn am allerliebsten, und kann es nicht ertragen, wenn Du ihn niedrig hältst.«

»Dann will ich ihm um Deinetwillen, und weil Du mich nie beleidigt hast, vergeben,« sagte Magda – »und mich bemühen, von ihm besser zu denken, als er verdient hat.«

Matthias zog klirrend den Degen an und trat stolz zurück. Podiebrad hielt es für besser, der Ursache dieses kleines Intermezzo's nicht nachzufragen, und trat jetzt zum Abschiedsgruße vor, indem er feierlich sagte: »Und alle diese Herren, welche die erlauchtesten Namen des Landes führen, Mitglieder der edelsten Familien sind, geloben hier mit mir bereit zu sein zu jeglichem Dienste, den der Schuh und die Hülfe eines edlen Fräuleins erfordern wird, und welcher sich vereinigen läßt mit dem heil'gen Dienste unseres Berufs und mit der frommen Disciplin des Karlsteins, welche nach vierhundertjähriger Dauer fort zu erhalten uns vom Glück aufgehoben ward.«

Dann verneigte er sich und ging, äußerst zufrieden, daß er durch seine Abschiedsrede dargethan hatte, wie er wolle, daß seine Untergebenen ihre Stellung zu dieser weiblichen Bewohnerin des Karlsteins ansehen sollten.

Mit der strengsten Beobachtung der Etikette wurde Thyrnau zur Tafel eingeladen, und Podiebrad hatte beschlossen, daß der Gast der Kaiserin an seiner rechten Seite sitzen und ihm zuerst servirt werden solle. Die guten Vorsätze zerfielen in Nichts, als er den höflichen Bescheid zurück erhielt, Thyrnau werde in seinem Zimmer essen, und habe die Sorge dafür selbst übernommen.

Podiebrad hatte einen ganzen Tag damit zu thun, daß es Jemand für möglich gehalten, die Ehre einer Einladung an seiner Tafel abzulehnen. Bevor er sein Lager bestieg und den Rosenkranz betete, sagte er zu sich: Er ist entweder sehr vornehm, oder so ein dummer bürgerlicher Patron, der nicht versteht, was ich ihm für Ehre damit erzeigt – dann betete er den Rosenkranz und schlief augenblicklich ein.

Dagegen theilte Thyrnau die Andachtsstunden in der Heiligen-Geist-Kapelle, und über der Pforte ward auf seinen Wunsch der seit lange unbenutzte Raum, welcher in die Kapelle niedersah, zu einer anständigen Loge eingerichtet, und wenn die Herren in dem untern Raum der Kapelle versammelt waren, horchten die Jüngeren mit angehaltenem Athem auf das leise Aneinanderschlagen der Metallringe, an denen der Vorhang der Loge befestigt war, und der zurück gezogen wurde, wenn Magda ihre Knie auf die Kissen der Brüstung senkte – schaute dann der Eine oder Andere um, so sah man in dem dunklen Raum das schöne marmorweiße Gesicht, von dem reichen schwarzen Haarwuchs eingefaßt, mit dem glänzenden Goldnetz gehalten, und neben ihr die weiße Haarfrisur der Frau Gundula mit irgend einem schwebenden Bonnet.

Dies war auch die Zeit bei der Vesper, wo der Gouverneur es passend hielt, die Gegenwart des Fräuleins anzunehmen. Sobald die Feierlichkeit vorüber war, trat er aus dem Gitter hervor, verneigte sich tief und sagte jedesmal: »Hat das gnädige Fräulein einen Befehl für den Grafen von Podiebrad oder seine Offiziere?«

Magda neigte sich dann, nicht unähnlich einer Heiligen, ohne Worte – und winkte einen Gruß mit ihrer feinen Hand hinunter.

Aber dies war auch die einzige Verbindung, die gegenseitig gestattet war, denn es mußte zu den Zufälligkeiten gerechnet werden, daß man Trautsohn auf den Promenaden zuweilen begegnete; doch Magda anzureden wagte er nur, wenn Thyrnau bei ihr war. Dann erzählte er ihr, daß er der Hirschkuh und den Zicklein hochrothe Halsbänder hatte machen lassen von starkem Leder, und allen Jagdgenossen des Karlsteins das Ehrenwort abgenommen war, ein so gezeichnetes Wild nicht zu schießen, und wie sehr alle Zicklein gewachsen seien; das schwarze Böcklein aber bliebe oft Tage lang auf dem Futterplatze aus, wäre aber noch immer, wenn es wieder käme, sehr dreist und lustig. Dabei labte er sich daran, wie Magda's Augen dann so freudig glänzten und sie sogar lachend in die Hände klopfte, wenn er eine Anekdote von dem lustigen schwarzen Böcklein erzählte.

Oft sagte Magda dann: »Großvater, Trautsohn ist gewiß der allerbeste junge Mensch, den man nur finden kann – mit ihm wollte ich ganz allein Meilen weit gehen.« – Ach wie gern hätte ihr Thyrnau den heitern unschuldigen Gefährten zugetheilt; aber war er auch ihres Herzens sicher, mußte er doch den Jüngling schonen, von dem er mehr, als Magda es ahnte, wußte, wie er sie umkreiste und wie diese jugendliche Liebe in der Einförmigkeit des über ihn verhängten Lebens zu wachsen drohte.

Doch wir müssen sie verlassen, während der Winter seine lautlose Stille um sie legt und Magda aus ihrem Erker nichts mehr sieht, als die weiße Decke des Schnees, aus der die Bäume des Waldes wie glänzende Pyramiden ihre bereiften Häupter gen Himmel heben und ein Raubvogel, der mit wildem Ruf über die Fläche kreist, schon eine Begebenheit ist und das heisere Geschrei der Krähen unterbricht, die ihre Nester in den hohen Thurmzinnen haben und auf dem fest gefrornen Schnee des kleinen Balkons herum hüpfen, der an Magda's Erker hängt, wo sie sich das Futter holen, was diese ihnen streut.


Seit der Abreise Thyrnau's und Magda's erschien auf ausdrücklichen Wunsch der Kaiserin Lacy und Claudia öfter bei Hofe und genossen dort alle Auszeichnungen, welche die sichtlich geäußerte Gnade derselben mit sich führte. Beiden war diese Stellung jetzt willkommen – sie bedurften einer Zerstreuung – ihr Verhältniß hatte gleich in seiner ersten Begründung Erschütterungen erlitten, die es zu keiner festen Form hatten kommen lassen. Der Kummer, den Beide empfunden, war auf eine gefährliche Weise mit Beziehungen vermischt, die dem Verhältniß, das sie geschlossen, zu nahe treten konnten – Lacy mußte um die zu spät erkannte schöne Braut Kummer empfinden, der ihren anderweitigen Erlebnissen gelten konnte – Claudia, indem sie alle diese Ursachen zur Bekümmerniß theilte, konnte doch mit ihrer stillen Trauer mißtrauisch sein gegen das Glück, das sie angenommen. Beide waren nicht ganz sicher über die vorwaltenden Ursachen, deshalb waren sie nicht ganz offen – vielleicht konnten sie es nicht sein, vielleicht wollten sie durch die Zeit, die sie sich gönnten, das beste Verständniß abwarten. Es lag auch natürlich in dem edlen Gefühl Beider, daß sie kaum wünschten, sich sehr glücklich zu fühlen, während über die ihnen so nahe stehenden theuren Menschen ein so störendes Schicksal verhängt worden war. Von Tein war nicht mehr die Rede – Beide sehnten sich nicht dahin – Lacy beschäftigte sich sehr angelegentlich mit Vorstudien zu der großen Arbeit, welcher später mit Thyrnau betreiben sollte – Hedwiga's Erziehung machte die Hauptbeschäftigung Claudia's aus. Dazwischen wußten sie eine angenehme Geselligkeit um sich zu vereinigen, die nur seltener von größeren Festen, die sie ihrem Range schuldig waren, unterbrochen wurde. Bei diesen wie bei den kleinen Kreisen war die Prinzessin Therese eine willkommene und stets dominirende Erscheinung – beiden Gatten gleich angenehm.

Dagegen scheiterte die Prinzessin mit ihrer Beobachtungsgabe an Lacy und Claudia. Beide hatten nicht den heitern Ausdruck des Glücks und doch konnte die Ursache nicht in ihrem Verhältniß liegen. Claudia änderte die Farbe, wenn Lacy eintrat, und die reinste Liebe leuchtete aus ihren Angen, mit denen sie ihn überall hinbegleitete – Lacy dagegen sah Claudia überall zuerst, und war ihre Trennung auch nur kurz gewesen, schien ein großer Stoff zur Mittheilung sich angesammelt zu haben, und Beide vergaßen oft die ganze Welt um sich her, aber, was schlimmer war, sie vergaßen Prinzessin Therese, die für Lacy umsonst schön war. Kam die Prinzessin zu andern, als zu den Gesellschaftsstunden, so fand sie vollends lauter häusliche Scenen – entweder war Claudia in Lacy's Kabinet und hörte zu, wenn er ihr seine Arbeiten vorlas, oder Lacy war bei Claudia und Beide unterrichteten Hedwiga.

Diese war der Gegenstand ihrer zärtlichsten Liebe – in der sorgsamen Pflege, die Körper und Geist genoß, entwickelte sich auch diese von dem Druck der Umstände zurückgehaltene zarte Blume mit überraschender Schnelligkeit. Da Niemand ihr Alter wußte, schwankte man zwischen zehn und zwölf Jahren, da man ihr doch das erstere Alter früher kaum zugestanden hatte. Gewiß aber war es, sie machte sich der Liebe Beider würdig und erwiederte sie mit schwärmerischer Zärtlichkeit. Wenn die Prinzessin so ihre Beobachtungen in ihrem Innern zusammen trug, rief sie oft zum größten Schrecken der alten Gräfin von Hautois: »Ich glaube wahrhaftig, er liebt sie!«

»Was denn, was denn, meine Liebe? von welcher Liebschaft sprechen Sie denn?«

»Von der allertollsten, eigenwilligsten, unbegründetsten, die je ein altes häßliches Weib geglaubt, ein bizarrer Männerkopf durchzuführen gesucht hat – ich meine Claudia und Lacy.«

Wie erstaunlich verständig nun auch die Repliquen der alten Dame waren, sie vermochten die Prinzessin nicht abzuhalten, ihre Beobachtungen an Beiden fortzusetzen, denn Lacy's unerschütterliche Ruhe war ein immerwährender Gegenstand ihrer Kränkung, und indem sie sich eingestand, in ihn verliebt zu sein, reizte grade diese Ueberzeugung ihren Wunsch, ihn dafür zu bestrafen.

Gegen das Frühjahr vermehrten sich von allen Seiten Anzeichen, die den Wiederausbruch des Krieges wahrscheinlich machten. – Die Stirn der Kaiserin zeigte sich oft umwölkt, und sie äußerte sich auch zu ihren Vertrauten über die heranziehende Gefahr. Die zunächst liegende, dringendste blieb immer der König von Preußen. Die Kaiserin konnte Schlesien nicht vergessen; sie stützte ihre gekränkte Herrscherehre durch die Gefühle, welche ihr heilig schienen und die sie verantwortlich machten, die ihr zugehörenden Unterthanen aufgegeben zu haben. Sie konnte nicht ohne eifersüchtige Wallungen des großen Genie's dieses Königs gedenken, der mit so geringen Mitteln ihre Macht gebeugt; und wie sie ihn mit Recht als ihren gefährlichsten Feind erkannte, wußte auch Friedrich sehr wohl, daß sie, ihm mit ihrem Geiste gewachsen, ihm weder trauen noch vergeben werde, und ihr jetzt geschlossener Friede bloß ein Waffenstillstand war.

Dagegen hinderte die Kaiserin in nichts mehr ihren großen Minister an seinen neu erstehenden französischen Allianz-Plänen und ließ eben so wenig den Einfluß Anderer darauf gelten. Es war nicht mehr ein Majestätsverbrechen, den Namen der Marquise Pompadour in Gegenwart der Kaiserin auszusprechen, und man fing an, von der Ungnade des Abbé Bernis zu flüstern und sich des liebenswürdigen französischen Gesandten am Österreichischen Hofe, des Herzogs von Choiseul, zu erinnern. Die Kaiserin nahm es gut auf, wenn ihre Adligen von ihren Gütern, wo sie die Ruhe des Friedens beschäftigt hatte, an den Hof kamen und Neigung zeigten, in die Armee einzutreten, oder in der Stille kleine Corps zu bilden, die sich den größeren Abtheilungen anschließen sollten.

Lacy wechselte seit dem Frühjahr häufiger Briefe mit Thyrnau – er sehnte sich, Dienste in der Armee zu nehmen und berieth sich mit dem geprüften Freunde, in wie weit dieses Verlangen sich mit dem Willen des edlen Verstorbenen vertrüge, dessen andere Bestimmung für ihn seinem Verlangen entgegen stand.

Thyrnau war ihm ein milder eingehender Rathgeber – die Gefahren solcher lang einschreitenden Willensbeschränkungen waren ihm vollkommen einleuchtend und er glaubte, es sei eine geringe Ansicht von dem verklärten Zustand eines hinübergegangenen Geistes, wenn man ihn für beleidigt und zürnend halten wolle über die Aufhebung seiner mit menschlicher Kurzsichtigkeit gemachten Bestimmungen, wenn solche im Laufe der Zeit sich in Widerspruch zeigten mit den Zwecken, die grade erreicht werden sollten. Thyrnau wußte, daß sein alter Freund das Glück des geliebten Neffen bezweckt hatte, und daß die Bestimmung, auf seinen Gütern zu leben, sehr wohl dazu beigetragen hätte, wenn Lacy den ersten Wunsch zu erfüllen vermocht hätte, und an Magda's Seite ein natürliches durch Kinder beglücktes Leben eingetreten wäre, welches ihm schöne Pflichten und ein befriedigtes Herz gewährt hätte.

Thyrnau hatte zwar von ihm abgehalten, was ihm möglich gewesen, als die erste Erschütterung der gehegten Pläne einbrach, aber er fürchtete, daß Lacy dennoch einen gefährlichen Feind seines Glückes in sich trug, den Thyrnau nicht von ihm abhalten konnte, da er ihm Magda nicht zu entziehen vermocht hatte, und dies bestimmte ihn, um so vorsichtiger die Wünsche des jungen Mannes zu erwägen, da es ihm schien, er werde kaum um etwas Anderes, als um sich selbst zu entgehn, überhaupt diesen Plan gefaßt haben.

Er gab daher sehr annähernde Antwort, ohne das keusch verhüllte Herz des jungen Mannes zu belasten, und schrieb ihm endlich: »Wäre der Zustand Böhmens damals so an das Licht gezogen worden, wie es jetzt seine Königin thut, so wären alle heimlichen Verbrüderungen ein unnützer Plunder gewesen, mit dem sich einige eitle Gecken ausstaffirt hätten. Jetzt wird, was sich als nöthig herausstellen muß, auf der breiten geebneten Straße der Öffentlichkeit eingeführt werden, und der böse Widerstand wird zurückweichen müssen, und die schlummernden Kräfte werden geweckt ein freies Bewußtsein mit sich führen. Gesetze werden die Verbesserungen schützen, die wir – Dein Oheim und ich – wie ein Geheimniß einführen mußten, um sie gegen den traurigsten Widerspruch, gegen Verfolgung und Zerstörung zu schützen. Laß uns erkennen, daß hierdurch der Einzelne an Wichtigkeit verliert und daß er sich dessen freuen soll.«

»Was wir auf Deiner Herrschaft anfingen, besteht schon in der zweiten Generation, und das giebt erst Sicherheit, so viel Zeit muß Jeder den Neuerungen gönnen, denen er Bahn bricht. Mir ist das seltene Glück geworden, es zu erleben – wie Viele müssen vorher fort und haben bloß den Trost, die Bestätigung werde nicht ausbleiben.«

»Daß sein alter Thyrnau, dem das Schwert des Damokles immer über dem Scheitel hing, jetzt hier in einer alten Festung sitzt und dasselbe Schwert, das ihn tödten sollte, in der Hand hält, als sei er die heil'ge Themis selbst – das träumte Deinem Oheim nicht, aber ich glaube, er würde sagen: Für unser Werk ist nichts mehr zu fürchten, und da es so steht, so denke ich, wir lassen unsern lieben Jungen etwas das Kriegshandwerk treiben, denn, wenn er uns nur danach gelobt, wieder zu dem alten Göttersitz des eignen Heerdes zurückzukehren, so werden die Penaten ihm wohl indessen nicht gram werden.«

»Das große Geschäft, was die Kaiserin mir aufgetragen, rückt kräftig vor und solltest Du Deinen Lehrer nicht mehr finden, so wirst Du doch sein Werk verstehn und immer noch der Nachfolger des Greises werden können, zu welchem Dich die Kaiserin bestimmt hat.«

Thyrnau hielt es nach diesen Erklärungen für gewiß, daß Lacy's nächster Brief seinen Eintritt in die Armee melden werde, und vielleicht hielt Lacy selbst nach diesem Brief die größten Bedenklichkeiten beseitigt und beredete mit Claudia die nächsten Schritte bei der Kaiserin, welche diese edle Seele zu unterstützen wünschte, da sie wenigstens gegen Lacy das größte Interesse für seinen Wunsch zeigte, der auch allerdings ein so allgemein verbreiteter Gedanke geworden war, daß er jeden Schein des Auffallenden verloren hatte.

Bei der Kaiserin selbst aber sollten sich die Hindernisse zeigen, welche diese Pläne zerstörten. Was sie bei allen Andern höchst gnädig aufgenommen, erfüllte sie bei Lacy's Mittheilung mit Erstaunen, ja mit unverhehlter Empfindlichkeit.

»Ich kann nicht recht diese seltsame Proposition verstehn,« sagte sie mit aufsteigender Röthe – »und vielleicht hat meine sehr gute Meinung von Euch mich zweifelhaft gemacht, ob ich recht hörte. Erstlich, denke ich, seid Ihr durch den letzten Willen eines Verstorbenen gebunden, Euch des Staatsdienstes zu enthalten, und da sehe ich nicht wohl ein, wenn Euch dieser Wille, wie er sollte, jemals heilig war, wie er jetzt aufhören kann es Euch zu sein. Wir wenigstens hatten, indem wir Euch mit den Angelegenheiten Böhmens zu beschäftigen dachten, immer diese heil'ge Verpflichtung im Auge behalten, und Eure Wirksamkeit für den Staat zusammenfallend gedacht mit den Plänen Eures Oheims für Böhmen, wofür er Euch erzogen hatte. Vielleicht dachten wir auch, unser Euch schon bekannter Wille, Euch diesem Zwecke zu widmen, würde einigen Einfluß auf die Bestimmungen über Eure Person haben.«

»Wenn Euer Majestät meiner Bitte diese Auslegung geben,« sagte Lacy warm – »so bitte ich unterthänigst sie als ungesagt ansehn zu wollen. Aber selbst Thyrnau, dieser Teilnehmer aller Gedanken meines Oheims, den ich zu Rathe zog, findet in diesem Augenblick die Verhältnisse hinreichend verändert, um mir einige Jahre dieser rüstigen Thätigkeit für mein Vaterland zugestehn zu dürfen, ohne daß er fürchtet, ich könnte dem Zwecke fremd werden, zu dessen Gunsten ich dies Gelöbniß machen mußte. Ich werde den Kriegsdienst nicht für meinen Beruf ansehn, aber ich würde jetzt – jetzt, da ich das Glück genieße, Euer Majestät näher zu kennen, ungern unter den Männern fehlen, die Euer Majestät zur Verstärkung Ihrer Armeen sich sammeln lassen.«

»Hört,« sagte die Kaiserin – »vermehrt nicht noch die Noth, die uns viele verdrehte Köpfe schon machen. Das ist eine große Last für uns Herrscher, daß wir nur eine uns wohlgefällige Richtung andeuten dürfen, damit Alle darauf losstürzen ohne Maaß und Ziel, und wir die Ergebenheit merken sollen. Fahrt nur nicht auf mit Eurer großen Reizbarkeit, wovon wir einige Proben haben; denn ich meine Euch nicht! Aber wenn es sein kann – zu unserem tiefen Schmerz – daß wir einige Soldaten mehr brauchen werden, als für den Nachtdienst nöthig waren, so frage ich nur, ob denn in einem Staate, der Krieg führt, nichts anderes zu thun bleibt, als Kanonen laden und Gewehre abschießen. Darum laßt Euch diesmal nicht in den Strudel reißen, und wenn Ihr's wissen wollt, es ist mir vorerst lieber, Ihr geht nun bald nach dem Karlstein ab und werdet des alten Thyrnau Schüler und, so weit das geht, ein eben so guter Czeche als der lebhafte Alte – denn hört, Freund! was Ihr lernen wollt, das muß bald geschehn, denn Euer Lehrer ist 70 Jahr.«

Diese wohlwollende, mütterlich vertrauliche Rede der Kaiserin verfehlte nicht, auf Lacy den beabsichtigten Eindruck zu machen. Er stellte mit der wahren Devotion des Herzens sein ganzes Schicksal ihr zur Verfügung, ja er zweifelte nicht länger, daß – ihr nachgeben – die einzige Pflicht sei, der er zu folgen habe und daß sie damit sein Schicksal geworden sei, der Wille des Himmels ihm dadurch offenbart werde.

Die Kaiserin hörte mit Vergnügen, als er sich in diesem Sinne vor ihr aussprach, und sagte ihm, daß Kaunitz einen Bericht von Thyrnau erhalten, der ihn mit Erstaunen erfüllt habe über den Fleiß und die Thatkraft des Greises – »und das, muß ich Euch sagen, bedeutet viel,« setzte sie hinzu – »denn Kaunitz ist selbst ein starker Arbeiter und es erfordert viel, um ihn zufrieden zu stellen. Da hörte ich nun, er wünscht, Ihr ginget zu ihm, und ich hatte vor, Euch rufen zu lassen, um Euch meine Willensmeinung kund zu thun.«

»Der Karlstein ist freilich kein königliches Lustschloß von besonderer Importance – aber wir haben Befehl geben lassen, daß alle sogenannten königlichen Zimmer in besten Stand geseht werden, und so soll es wohl gehn, daß Ihr die Gräfin mit nehmt, besonders da Prag und Tein nah genug ist, daß Ihr auch dorthin, oder sie allein zum Besuch dahin gehen kann, wenn es ihr dort zu enge wird.«

Da die Kaiserin sehr liebte, den Leuten ihre Angelegenheiten zu ordnen, wurde sie ganz behaglich bei ihrer Rede und versprach der guten Claudia noch mehr Rath zu geben, wenn diese sie besuchen werde.

Sehr viel weiter führte indessen das Gespräch der beiden Ehegatten, als Lacy zu Claudia zurückkehrend derselben die Unterredung mit der Kaiserin erzählte, und es hatte etwas unbeschreiblich Beruhigendes für Lacy, als sie mit ihrer klaren und edlen Denkweise ganz ihm beistimmte, daß jetzt das Gebot der Kaiserin zu erfüllen ihre erste Pflicht sei. Claudia war entschlossen, mit ihrem Gemahl über Prag nach dem Karlstein zu gehn und erst von dort aus, und vielleicht von Magda begleitet, Tein zu besuchen.

Dagegen entschlossen sich Beide, Hedwiga diesem zweifelhaften Leben nicht auszusetzen, und Claudia hoffte ihr durch Vermittlung der Kaiserin einen Platz in einem sehr berühmten Fräuleinstifte zu verschaffen, in welchem ihre Ausbildung vollendet werden konnte.

Lacy wurde bei diesem verständigen Gespräche immer ruhiger und seine Liebe und Achtung für Claudia schien sich immer aufs Neue wieder zu vermehren; an ihrer Seite, kam es ihm zuletzt vor, müsse er gegen jede Versuchung stark bleiben. Dessen ungeachtet war es ihm lieb, als die Prinzessin Therese augenblicklich erklärte, Beide begleiten zu wollen, um ihrem alten Freunde Thyrnau ihre Huldigung darzubringen, denn er wußte, daß, wo sie war, ein träumerisches Stillleben nicht wohl möglich sei, und sah diese größere gesellige Regsamkeit nicht ungern.

Auch die Kaiserin gedachte ihres alten Versprechens, und willigte in den Wunsch der Prinzessin, und so ward denn die Abreise nach dem Karlstein für die Mitte des Mai festgesetzt, und aufs Neue gingen Boten dahin, die den großen Besuch verkündigten und eine so starke Dienerzahl außer den Herrschaften aufführten, daß sich jeder verfallene Winkel des Schlosses mußte zum Gebrauch umschaffen lassen, und daß es dem Grafen von Podiebrad zum ersten Mal erschien, er sei nicht der allgebietende Herr der heil'gen Feste, welche nun von einer Schaar von Frauen heimgesucht werden sollte. Dessen ungeachtet steigerte es seinen stillen Glauben an die verkappte Größe seines Gefangenen, da er überzeugt war, alle diese Personen wären hohe Verwandte desselben.

Sehr schwer wurde beiden Gatten der Abschied von Hedwiga, welche in Verzweiflung war, sich von ihren Wohlthätern trennen zu sollen, besonders da Egon schon als Kornet bei einem Reiter-Regiment eingetreten war und Wien bereits verlassen hatte. Lacy fühlte diese Trennung eben so schmerzlich als Claudia, und wenn Hedwiga ihre blauen Augen vorwurfsvoll fast zu ihm erhob, sagte er später oft: »Ich weiß nicht, wie ich den Anblick dieser Augen entbehren soll – sie sind mir so nöthig als das Einathmen der Luft und sie kräftigen auch so mein Herz – ich könnte mich überreden, sie sei mein eignes Kind.« »Oder ihre Schwester,« sagte Claudia lächelnd – »denn mein Gemahl möchte doch ein etwas zu junger Vater gewesen sein, als dies holde Kind ihm müßte geboren worden sein – ich glaube aber, Hedwiga fühlt dasselbe für Sie, denn liebt sie mich auch – von Ihnen hängt doch ihr Glück ab.«

Mit sehr gemischten Empfindungen erfuhr Thyrnau die veränderten Pläne seines jungen Freundes. Daß die tiefe Einsamkeit des Winters auf Beiden oft gelastet hatte, daß Magda's Ernst und Gedankenschwere namentlich weit über das Zugeständniß der Jugend ging und durch die Anwesenheit der Freunde hier eine Unterbrechung bewirkt werden könne, das erwog er gegen die heimlichen Befürchtungen über Magda und Lacy, die er jedoch durch nichts eigentlich bestätigt wußte, als durch die Berechnungen eines welterfahrenen Geistes.

Es war aber seinem kräftigen Karakter gemäß, die Zustände, welche sich ihm aufnöthigten, zu prüfen und nach scharfer Zergliederung zu einem Abschluß mit ihnen zu kommen, welcher ihm dann seine innere Ruhe und Kraft zurückgab. Er machte bald das Resumé, daß weder Lacy sich der Forderung der Kaiserin habe entziehen können, noch von seiner Seite etwas zur Abwehr der gefürchteten Verhältnisse geschehen könne, da – Magda von sich zu trennen, selbst wenn sie, wie nicht zu erwarten war, einwilligen möchte ihn zu verlassen, eine zweifelhafte Maaßregel blieb, weil er durch die Abwesenheit seiner Schwester der Frau Barbara Hülshofen um jede Zuflucht gebracht war, die sich für Magda zuträglich zeigen wollte.

Da Magda jedoch durch den größeren Verkehr im Niclas-Thurm aufmerksam ward, glaubte er sie vorbereitet und beschloß, ihr endlich die erwartete Ankunft mitzutheilen.

Er rief sie ab, um den schönen Frühlingsabend zu genießen, und sie trat mit dem müden Lächeln auf dem schönen Gesicht hervor, welches nicht Nahrung findet in dem bewegten Innern. Als sie in den Hof traten, sahen sie Trautsohn, der an einem Baum gelehnt seine Augen auf den Niclas-Thurm gerichtet hielt, als erwarte er sie. Auch trat er ihnen sogleich entgegen und war sehr roth und verlegen. »Nehmt mich heute mit,« sagte er endlich zu Thyrnau – »ich wollte Euch einen schönen Weg führen, den Abhang hinab, wo Ihr noch nicht waret und der nach Budnian sieht.«

»So kommt denn, lieber Prinz!« sagte Thyrnau, der jedenfalls verbergen wollte, daß er ihn vermied – »der Abend ist schön und Magda muß ihre blasse Winterfarbe verlieren, ehe die Gäste kommen, die bald den Karlstein beleben werden.«

»Von wem sprichst Du,« fragte Magda, sich an seinen Arm hängend und etwas heiterer zwischen Beiden fortschreitend – »wer sagte Dir von Gästen?«

»Hast Du denn nicht gehört davon?« sagte Trautsohn – »Mein Oheim hat aus Prag schöne Sachen kommen lassen, um die etwas verfallenen königlichen Zimmer auszustatten.«

»Ja,« sagte Magda – »das sah ich und habe oft zugesehen, wie schön und geschickt sie Alles ordnen – es können jetzt wohl Könige drin wohnen und der gute Kaiser Karl hatte es sicher nicht so glänzend.«

»Nun, es soll auch eine Prinzessin dabei sein und viele andere Leute –«

»Was wollen sie denn hier?« fragte Magda wieder.

»Ich glaube, sie wollen zu uns,« sagte Thyrnau, und jetzt fühlte er an dem plötzlichen Zucken von Magda's Arm, daß sie die Wahrheit ahnete. – »Ich glaube,« fügte Thyrnau schnell hinzu – »die Prinzessin Therese ist dabei.« »So?« sagte Magda – aber sie schwieg und senkte den Kopf, und Thyrnau verflocht den Jüngling in ein Gespräch über seine eigenen Interessen und wiederholte, was er immer auf's Neue versuchte, ihn zu dem Entschluß, in die Armee einzutreten, aufzuregen, welches Begehr sicher von seinem Vormund nicht abgelehnt werden könnte.

»Ja,« sagte Trautsohn – »das sagt Matthias alle Tage, aber warum thut er es nicht selbst? Wenn es so leicht ist, den Karlstein zu verlassen, was hindert ihn denn, da mein Oheim sicher Niemand zurückhalten würde, der bei den Kriegsaussichten in der Armee dienen wollte. Ich – das muß ich Euch sagen, Herr Thyrnau – halte mich hier nicht für so ganz überflüssig. Der Oheim ist ein guter ehrlicher Mann, aber es muß immer Einer sein, der ihn ein wenig zurückholt, wenn er sich als in die neueste Periode der wahrhaft adligen Zustände, in die Zeiten der Kreuzzüge, verläuft, und dorther seine Richtschnur für den gegenwärtigen Zustand herholt. Das kann so leicht Keiner wagen, als der Sohn seiner Schwester, und so bin ich hier nicht ganz unnütz.«

»Das kann sein,« sagte Thyrnau – »aber es fragt sich, ob dies dessen ungeachtet eine passende Thätigkeit für einen Jüngling von neunzehn Jahren ist. Nehmt's mir nicht übel – aber, aufrichtig gestanden, kommt nicht viel mehr darauf an, was Euer Oheim in seiner abgeschiedenen Stellung thut oder läßt, denn die Zeit wird ihm nicht mehr den Gefallen erzeigen, sich darum zu kümmern. Wenn Ihr in der Welt ihn vor den Spötteleien Anderer zu hüten hättet, so wäre das anders; aber hier fällt das ganz weg, wo einige eben so gestaltete Köpfe ihm sogar Glauben schenken.«

Der Jüngling wußte nicht recht darauf zu entgegnen und das verstimmte ihn; dabei führte er sie durch das Ausgangsthor in das Laubholzwäldchen, welches nach Budnian hin lag und lenkte dann in einen Seitenweg ein, der wohl behauen und geebnet eine neue Anlage schien.

Plötzlich stieß Magda einen Schrei der Ueberraschung aus, denn der Weg, der schmal und von jungem Laubholz eng eingefaßt, wie ein grünes Mäntelchen um ihre Schultern hing, bog sich auf einmal, und nun wölbte sich am Ende desselben ein kleines Felsthor und in seinem Rahmen lag in dem Glänze des Abendscheins das reizende Thal von Budnian mit dem glänzenden Silberbande der fröhlich dahin rauschenden Beraun.

»Ach! ach,« rief Magda voreilend – »welch ein Wunder von Schönheit!« Sie trat durch das kleine Felsenthor und befand sich auf einem abgestumpften Felskegel, der von der Natur zierlich zur Plattform gerundet und geebnet, jetzt von der Kunst durch ein kleines Gehege von geflochtenen Weiden eingefaßt war. Neben dem Thore, gerade wo der Blick in das Thal hinab am schönsten, waren Rasensitze angebracht; ein kleiner Tisch von Holz – ein Fußbänkchen und ein Paar kunstlose Stühle aus den Eichenstämmen des Waldes meublirten das reizende luftige Gemach, welches von keiner Seite zugänglich schien als durch das Felsenthor, welches sogar mit einer kleinen Thür verschlossen werden konnte. – Dabei reichten die Baumwipfel aus dem Abhang herauf und leichte Birken wölbten mit ihrem glänzenden tanzenden Laube eine sanft schirmende Decke.

»O mein Gott,« rief Magda ganz außer sich – »Großvater, welch ein Wunder von Schönheit ist dies! Nein – hier muß es am schönsten auf der ganzen Welt sein.« – Sie flog von einem Platz zum andern, dann wandte sie sich dem im verhaltenen Jubel lauschenden Jünglinge zu: »Du Trautsohn! Du hast das bereitet – ich – weiß es gewiß Du! Du! der der beste gute Mensch ist – Du bist der Anstifter!«

»Und Dir wird es nun ganz allein gehören,« rief Trautsohn – »und hier hast Du den Schlüssel zur Felsenthür – wenn Du diese verwahrst, so schwebst Du fast in der Luft – denn Alles, was angrenzt, ist durch einen tiefen Abhang von Dir getrennt – darum haben wir das Plätzchen gewählt, nachdem wir weit und breit den Wald durchstreift und keins gefunden wie dies – wo Du Dich so recht einsam fühlen kannst. Aber ich bitte Dich nun auch, fühle Dich wieder sicher und allein – und dann singe wieder zu den Abendglocken, denn Du kannst sie hier eben so gut hören, als früher.«

Magda nickte freundlich und fuhr fort, sich bald hier bald dort zu sehen – der Großvater lobte den jungen Mann und freute sich mit Rührung, daß Magda einmal wieder ganz wie sonst das heitere Kind war. Da sah sie auf dem Tische eine Jagdtasche liegen und daneben ein silbernes Pfeifchen. »Was hast Du denn da?« rief sie lustig und setzte die kleine Pfeife wie ein Kind an den Mund und lockte helle Töne heraus. – Trautsohn lachte schelmisch und duckte Magda und den Alten auf den Moossitz hin, ihnen seitwärts den Abhang des Berges zeigend, an den der Wald reichte. – »Noch einmal!« rief er. Magda ließ sich das gern gebieten und pfiff so laut sie konnte – da sprudelte plötzlich mit großer Hast auf dem Abhang ein kleines Rudel Wild hervor, schaute sich um und kam dicht an den Abhang, der zwischen Magda's Felsblock lag – da jauchzte diese auf, denn es war die weiße Hirschkuh mit allen Zicklein – aber wie groß waren diese geworden. – »Nun! nun!« rief Trautsohn – »noch einmal!« – und Magda pfiff – und mit einem leichten Satz war die Hirschkuh herüber und alle Zicklein ihr nach. Nun reichte ihr der glückliche Jüngling, dem alle seine kleinen lang vorbereiteten Überraschungen so wohl gelungen waren, die Jagdtasche und sie streute das Brot – und das junge Volk war, obwohl sehr groß geworden – nicht weniger begierig als sonst.

Was war das eine Wonne! Trautsohn saß wieder neben ihr und erklärte ihr, damit sie Alle einzeln wiederfand, welche sie sonst wohl unterschieden hatte, die ihr aber jetzt fast fremd geworden waren – nur das Kleinste, was immer bei der Hirschkuh lag, war gestorben während des Winters. Dagegen war das schwarze Böcklein ein wilder Gesell geworden; es lief ganz noch, so wie sonst, immer vom Futter wieder weg und sprang dann mit den Vorderpfoten auf den Rand des Geheges und guckte mit langem Halse neugierig in die Tiefe – dann lief es so wild zurück gegen die Zicklein, daß es sie überrannte, und fraß schneller und mehr in kurzer Zeit, als diese nachzuholen vermochten – alle hatten noch die Halsbänder und ein Zicklein war weiß wie die Hirschkuh – und das Böcklein hatte ein Paar allerliebste blanke Hörnchen bekommen – auch drehte die ruhende weiße Hirschkuh immer nach ihm – dem lustigen Patron – den Kopf hin und her, recht wie Mütter auf ihre verzogenen Knaben die meisten Liebesblicke richten. Am frühsten auch lief es fort und sprang, ohne den belehrenden Vorsprung der Alten abzuwarten, so ungestüm über den Abhang, daß es abglitt und den Berg etwas hinab purzelte – das verschlug ihm aber wenig, und bald war es wieder oben und setzte nun in den Wald hinein. Das gab viel Lachen!

»Ach,« sagte Magda, als alle satt waren – »solche Freude habe ich lange nicht gehabt und Du bist doch seelengut, lieber Trautsohn, so viel für mich zu thun –»sag' nur, wie hast Du auch das Wild hierher gewöhnen können?«

»Ja,« sagte Trautsohn – »wie wir nur erst das Plätzchen hatten, da nahmen wir uns gleich vor, Du solltest auch hier Deine Zicklein wiederfinden, und ich stellte mich mit Futter hierher und Matthias trieb sie – aber die Alte weigerte sich lang und wir ließen es oft wieder sein, denn wir wußten wohl, sie hielt die Kleinen noch nicht stark genug – endlich aber that sie den Sprung vor, Musje Böcklein hinterher und die Zicklein dann auch – und wie sie es nur einmal gethan, da war keine Noth mehr!«

»Matthias,« fragte Magda – »Matthias hat Dir geholfen?«

»Ja wohl! ja wohl! der gute Matthias!« rief Trautsohn, »wenn Du wüßtest, wie gut er ist – wir haben ja Alles fast allein gemacht, damit es die Andern nicht merkten und Dir so recht still hier werden könnte.«

»Und warum ist er nicht hier?« rief der wohlwollende Thyrnau – »daß wir ihm danken können –«

»Ach,« sagte Trautsohn – »er meinte, wenn Magda ihn hier fände, verdürbe ihr das die ganze Freude.«

»Nein! nein!« sagte Magda – »ich habe das Alles vergessen, warum ich ihm zürnte und jetzt möchte ich ihm gern danken.«

»Nun gelegentlich,« erwiederte Trautsohn – »es ist auch nicht so leicht, wie Du denkst, mit ihm zu verkehren – Du hast ihn hart angelassen vor all den Andern – da wollt' er Dich wohl entschädigen für Deinen Felssitz – aber er will darum doch nichts mit Dir zu thun haben.«

Am Abend in der Kapelle suchte Magda zuerst den Grafen Matthias, und fast war sie unsicher, ob der bleiche magere Jüngling, der so gar sehr verändert war, der schöne Graf Thurn sei, von dem sie zuerst so gut gedacht. Sie sah, daß nach dem Gottesdienst Thyrnau ihn mit seiner großen Freundlichkeit anredete, und sah, wie stolz der Jüngling ihn fast zurückwies und die Hand, die der feurige Alte ergriffen, bald los machte. Es schien Magda, er spräche kein Wort, änderte keine Miene und sie ward nicht böse, sondern traurig – sie behielt ihn immer im Auge und hörte nicht die alte Höflichkeit des Grafen von Podiebrad, sondern sah, wie der Graf Matthias zurück blieb und auf sein Schwert gestützt vor dem Bilde des heiligen Andreas im tiefen Nachdenken oder Gebet stehen blieb und erst von dem Diakon erinnert werden mußte, daß die Kapelle leer sei und er sie schließen müsse.

Er hob die gebeugte Gestalt empor, um dem Diakon zu folgen, da lehnte sich Magda über die Brüstung der Loge und redete ihn sanft und bewegt an – und Matthias fuhr zusammen, daß das Schwert klirrend auf den Boden aufstieß – aber er hob den Kopf nicht zu ihr auf.

»Du bist immer noch böse, Graf Matthias,« sagte sie sanft, »und doch ist es so lange her, wie ich Dich gescholten habe, daß ich Deine unziemlichen Reden schon ganz vergessen habe – und heute will ich Dir so gern danken, weil Du wie ein Bruder für mich gesorgt hast mit Trautsohn – und mir so große Freude gemacht hast.«

Während sie sprach, gewann sie Muth, denn er hob den Kopf zu ihr auf und sein Blick erhellte sich, und ein Lächeln schwebte um seinen Mund, aber er sprach nicht.

»Rede zu mir,« sagte sie mitleidig – »Du siehst so krank aus – sage mir, daß Du wieder versöhnt mit mir bist – es ist nicht recht, nachtragend zu sein – habe ich Dich damals gekränkt, hattest Du es doch verdient und dessen mußt Du gedenken, denn rechnen wir uns keine Schuld bei, da sind wir auch leicht unversöhnlich.«

Matthias schwieg noch immer – da bog sich Magda noch mehr vor und streckte die Hand herüber, als wollte sie diese ihm reichen – bei dieser Bewegung fiel ein Strauß von den sparsamen Feldblumen, die ihr Trautsohn gepflückt, aus ihrem Mieder und so, daß er die Degenkuppel des Jünglings streifte, zur Erde – da stieß er einen sonderbar wilden Ton aus, riß die Blicke von Magda los und stampfte wüthend mit dem Fuß auf den Strauß, der vor ihm lag.

»Ha! Versuchung der Hölle!« schrie er – »fort! fort. Welch ein Blendwerk bist Du, um den festen Muth zu verhöhnen? Ich biete Dir Trotz, Du höllisches Phantom, Du sollst mich nicht verführen! Andreas! steh mir bei – sei mächtig in mir, daß ich der Hölle entfliehe.«

Ein lauter Schrei fuhr aus Magda's Mund – er sah empor – sie war verschwunden – er stand sprachlos still – er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn – er seufzte tief, er taumelte fast, als er weiter gehen wollte – aber er sah auf die zertretenen Blumen – stöhnte laut – dann hob er sie vom Boden auf und stürzte an dem verwunderten Diakon vorüber aus der Kapelle.

Als Magda wie ein gejagtes Reh aus der Kapelle in den Hof stürzte, sah sie ihn angefüllt mit Menschen und Pferden und großem Gepäck; aber ihre Furcht vor dem Wahnsinnigen – dafür hielt sie Matthias – machte sie dagegen gleichgültig – sie flog nach dem Niklas-Thurm, wo sie ihren Schuh wußte und eilte die Treppen hinauf, und als sie auf der ersten Stiege die geöffneten Königszimmer sah, flog sie hinein, denn sie sah unter vielen Anwesenden den Großvater. Sein bloßer Anblick gab ihr schon Sicherheit und Fassung, und im selben Augenblick sah sie Lacy, der mit ihrem Namen auf den Lippen ihr entgegentrat. – Es ging ein Umschwung in ihr vor – ihr Kopf schwindelte und sie blieb betäubt stehen. »Magda! theure Magda,« rief Lacy – »hast Du kein Wort für Deinen Freund – Deinen Bruder ?«

»Willkommen,« sagte Magda leise und mechanisch und reichte ihm ihre todtkalten Hände.

»Du bist so blaß,« fuhr Lacy schmerzlich fort – »sag', Thyrnau, ist sie krank? Ach ihre schöne Jugend,« sagte er trostlos – »mein Gott, wenn sie kränkelt, dann muß sie hier fort.«

»Fort? vom Großvater fort?« rief Magda, aus ihrer Erstarrung erwachend – »nein, nimmermehr! O Lacy, bist Du darum gekommen, um mich hier zu vertreiben?« Zum ersten Male nannte sie ihn mit ihrem Du, das sie für alle Menschen sonst hatte, nur für ihn bisher nicht. »Magda, verkenne mich nicht,« sagte er und drückte ihre beiden Hände an seine Brust – »wenn Du bleiben willst, dann wollen wir Alle, die wir uns so wie sonst hier um Dich versammeln werden, Alles thun, was möglich ist, um Deine Gesundheit herzustellen.«

»Ich bin nicht krank,« sagte Magda – »ich hatte nur einen Schreck, ehe ich hierher kam, denn ich fürchte, Großvater, Graf Matthias ist plötzlich wahnsinnig geworden.«

Sie führte beide Männer tiefer in das Gemach hinein, wo die geschäftigen Diener sie nicht belästigten und erzählte ihnen mit ihrer naiven und so lebendigen Art das Erlebte.

Thyrnau hörte nachdenkend der besondern, ja auffallenden Erzählung zu, und beide Männer tauschten dann einen Blick des Einverständnisses, der Lacy's Wangen röthete und den Magda nicht bemerkte.

»Ich sage Dir, Lacy,« hob dann Thyrnau leichter an – »Du kommst hier unter ein Kommando, daß ich hoffe, Du fühlst Dich ein ganzer Edelmann, sonst erkennen sie Dich nicht an. Aeltere Namen hat die deutsche Christenheit nicht, als die feuerfesten Wächter des Karlsteins – das untadelige Korps von einigen Auserwählten. Sie bedienen noch immer die Geister, die vor drei- oder vierhundert Jahren hier mit geheimnißvollem Todesruf die Feste schützten – worin damals etwas zu schützen war, nämlich die Krone und gelegentlich der Kaiser selbst – und mir ist es immer, als wenn ich auswendig gelernte Scenen aus einer alten Kronik aufgeführt sähe, deren Sitten uns mit neugierigem Erstaunen erfüllen, und die für unsere Zeit endlich los zu sein uns ein heiteres Behagen erregt. Diese aber träumen in ihrer bornirten Gravität nicht, daß sie auch nicht den leisesten Schatten von Wichtigkeit um sich verbreiten können, und jede Berührung mit dem wirklichen Leben sie lächerlich macht und ihre Beschränktheit beweist. Doch was dränge ich Dir meine schwachen Worte auf – ich sehe, man wird Dich gleich selbst von dieser merkwürdigen Erscheinung unterrichten, denn dort steht der Graf von Podiebrad mit seinem ganzen Offizierkorps und dieser Kornet wird sie Dir anmelden – ich aber entfliehe mit Magda dieser Scene und erwarte Dich zum Nachtessen an meinem Tisch, wo wir mehr von Dir hören wollen.«

Als der altertümliche, aber höchst wohnliche Eßsaal des alten Thyrnau die drei Freunde vereinigte, und Gundula und Veit die reichlich besetzte Tafel gegen die Glut des Kamins schoben, um die sich Magda, Thyrnau und Lacy niedersetzten, mußte dieser erst sein Herz erleichtern über die eben erlebte Zusammenkunft mit dem Grafen Podiebrad. Er fand Alles bestätigt, was Thyrnau ihm gesagt, aber zugleich zog ihn so viel Abenteuerlichkeit durch die Persönlichkeit der Einzelnen an. Er nannte den Grafen Matthias, der zu Magda's größtem Erstaunen in der ruhigsten Haltung dabei gewesen war und indem er sein schönes abgezehrtes Gesicht, seine fanatisirten Augen schilderte und die edle stolze Haltung seines ganzen Wesens, rief er: »O! dieser Jüngling wäre wohl werth gerettet zu werden, denn bleibt er noch lange unter diesem phantastischen Zauber befangen, so kann in Wahrheit geschehen, was Du heute schon angedeutet fandest – dieser Schwärmer kann den Verstand verlieren.«

»Also hoffst Du, daß es noch nicht so ist?« fragte Magda – »aber wie kannst Du es denn erklären, was er heute gethan?« setzte sie naiv hinzu.

»Ach,« sagte Lacy, »dazu hätte ich viel Auslegungen, die doch alle seine unnatürliche Stimmung beweisen. Laß es Dir nicht zu Herzen gehen, liebe Magda – Du darfst es Dir sicher nicht zum Vorwurf machen.«

»Dann,« fuhr er fort – »kam der Marchese Pacheco, welcher, wie das Eisen im Feuer, ein völlig in diesem Fanatismus gehärtetes Wesen ist – und Galbes, der mir sehr einfältig scheint und immer die letzten Worte seines Vorgängers wiederholt – aber dann kam der Sohn des verstorbenen Fürsten von Trautsohn –« »Ach,« unterbrach ihn Magda freudig – »da bist Du bei dem Besten! So gut wie dieser liebe Mensch ist keiner im ganzen Karlstein.«

Lacy's Blicke wurzelten auf Magda's belebtem Antlitz bei diesen Worten und eine neue tiefere Röthe stieg auf seine Stirn. »Hast Du diesen schönen Jüngling so lieb?« fragte er sie mit innigem Ton, sich zu ihr biegend. –

»Sehr, sehr, – denn er ist so gut wie ein Kind,« entgegnete Magda – »und ich werde Dir nachher erzählen, was er mir heute entdeckt hat was gewiß beweist, wie gut er ist und wie lieb er mich hat.«

Lacy sah fragend auf Thyrnau. Von der Wichtigkeit dieser Entdeckung, wie er vermuthete, zeigte sich keine Spur auf des Alten Gesicht, sondern ein wohlwollendes Lächeln, womit er Magda's Gefühl harmlos zu theilen schien.

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