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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Nachdem er Magda seine Unterredung mitgetheilt, sahen Beide ein, daß sie sich für einige Zeit in ihrer jetzigen Wohnung würden behelfen müssen, und diese Notwendigkeit weckte augenblicklich in Magda ihre volle weibliche Thätigkeit. Die große Kutsche, in welcher sich manche Gegenstände der Bequemlichkeit vorfanden, wie sie die besorgte Liebe Claudia's und Lacy's zu erdenken vermochte, wurde nun ganz ihres Inhalts entkleidet und Magda bestand darauf, aus des Großvaters Zimmer den Salon zu machen – und den Teppich auf den Steinen des Fußbodens auszubreiten, über die hölzernen Tische die kleinen Tyroler Gewebe zu decken und von den Wagenkissen ein Ruhebett zu bauen. Dabei verließ sie sich auf die Ankunft von Gundula und Veit, welche gewiß noch manches mitführen würden, was ihrer Einrichtung zu Gute kommen konnte, und so vermochte auch die Beeinträchtigung in der erwarteten Aufnahme ihre Laune nicht zu stören, und der Genuß, bei einander zu sein, legte sich ausgleichend über jeden Mangel.

Thyrnau bemühte sich noch außerdem eine Zeiteinteilung einzuführen, die Magda verhindern sollte, in ein müßiges Träumen zu versinken, und er benutzte ihren Hang für geschichtliche Überlieferungen, um ihr einen ausreichenderen und geordneteren Unterricht darin zu ertheilen, als die guten Nonnen des Ursulinerstifts es vermocht hatten.

Dazwischen aber theilte er ihre Wanderungen längs der Wälle seines Gefängnisses, welches Niemand zu hindern unternahm, da seit seiner Zusammenkunft mit dem Grafen von Podiebrad eine Art Fehme auf ihm lag, indem kein Mensch sein Dasein wahrzunehmen schien.

Hiervon machte im Hause Frau Grimschütz eine Ausnahme und außer demselben der junge Trautsohn, Graf Thurn und der Herr Castiglione von Pasterau – freilich alle auf sehr verschiedene Weise. Frau Grimschütz hatte ihren Vortheil bald eingesehn und Magda's unwiderstehliche Herrschaft so anerkannt, daß diese mit ihrer kecken entschiedenen Art Alles fordern konnte, was ihr nöthig war, und das Fehlerhafte so oft verwarf, bis Frau Grimschütz sich ergab und einsah, es sei nicht hinreichend, daß es ihr gut erscheine, was sie zu leisten habe. Dabei war das beste Einverständniß unter Beiden; die Alte hatte ihr häßliches Gesicht beständig vor Lachen in die Breite gezogen und Magda kannte bald jedes Bedürfniß der fleißigen Frau und wußte ihrem Erwerb auch den reichlichen Gewinn zu sichern.

Mit Trautsohn kam sie dagegen – wie Kinder auf ihrem Spielplatz – fast jeden Morgen bei dem Felssitz zusammen, wo sie die Hirschkuh mit ihren Zicklein fütterten. Schon längst war Magda in den Bund des Vertrauens aufgenommen, die Kleinen wie die Alte fraßen aus ihrer Hand und die Zicklein hüpften in ihren Schooß und ließen sich liebkosen und hatten Alle ein Bändchen um von verschiedener Seidenfarbe, wobei das lustige schwarze Böcklein, das Eigenthum der weißen Hirschkuh, ihr Liebling blieb. Dabei sprachen sie wie alte Leute von ihrem Leben, und besonders erzählte Trautsohn ihr von seiner schönen Herrschaft in Mähren – wie beide Aeltern in Prag an der Pest gestorben seien – und er der einzige Erbe und erst achtzehn Jahr – und von dem strengen Vormund an Podiebrad geschickt, um Gehorsam und den Soldatendienst zu lernen.

So mißfällig ihm das auch war, liebte er doch den Oheim, den Bruder seiner Mutter und besonders seinen strengen Requetenmeister, den jungen Grafen Matthias von Thurn, obwohl seine Festigkeit, sein Ernst, und seine unbeugsame Gerechtigkeit dem jungen Wildfang, der immer über die Schnur hieb, immer etwas that, was der Andere für unpassend hielt oder verboten hatte, oft unbeschreiblich lästig ward. Sein Umgang mit Magda und das gelegentliche Frühstück, was er sich alsdann oft bei dem alten Thyrnau holte, der seinen Vater gekannt und dem Jüngling gewogen wurde – waren hauptsächlich vom Grafen Matthias stark gemißbilligte Dinge. Er belauerte dieses Beisammensein auf eine ungewöhnliche Weise, er suchte ihn um diese Zeit im Dienst zu beschäftigen, und fand sich der Jüngling durch beides geärgert und gereizt, doch geneigt seine Befehle zu umgehen und dem einzigen Vergnügen zu folgen, was sich ihm darbot, so traf er in dem sonst so ruhig ernsten Matthias einen fast heftigen Richter, der mit einem Stolz und einer Verachtung von dem Umgange mit einem bürgerlichen Mädchen sprach, wie der Jüngling noch niemals von dem edlen Thurn vernommen hatte.

Die, welche ihre Abneigung dem Andern einflößen wollen, sollten nie vergessen, ihre leidenschaftliche Uebertreibung zu beherrschen; so wie der Angegriffene diese fühlt, schlägt er sich die ganze Sache, die er innerlich vertheidigt, aus dem Sinn und behält nichts als die Übertreibungen, die er gehört, die ihn berechtigen, den Andern als vollständig im Unrecht zu erklären.

So wenig Magda von Beiden zu fürchten hatte, stand dagegen der Herr von Pasterau wie ein drohendes Gewitter an ihrem Horizont, und sie wurde nur von ihrer Ahnungslosigkeit bis jetzt noch in ihrer Unbefangenheit erhalten. Er war zuweilen Zeuge von der verächtlichen Weise, mit der dies Muster edler Gesinnung – Graf Matthias nämlich – von dem Umgang mit einem bürgerlichen Mädchen sprach, und seiner Natur gemäß machte er daraus den Schluß, den Graf Matthias zu denken verabscheut hätte, nämlich den, daß ein solches Mädchen zu nichts anderem da sei, als die Stunden eines lustigen Kavaliers zu versüßen, und bei ihrer verächtlichen Stellung zur Gesellschaft dies recht eigentlich als ein Glück anzusehen habe und ohne vielen Widerstand genehmigen werde. Er fand nun Magda so schön, daß er sie seiner Bewerbung werth hielt und es hatte bis jetzt bloß die Gelegenheit gefehlt, ihr seine Absichten kund zu thun.

Er mußte nämlich bemerken, daß Magda dadurch, daß der junge Trautsohn vom Grafen Matthias bewacht wurde, es unabsichtlich selbst war, und daß sich also die Muße für ihn nicht zeigen wollte, da ein geheimes Etwas ihm sagte, was er im Schilde führe, werde eben so wenig von dem strengen jungen Manne gebilligt werden, und obgleich er nicht unter seinen Befehlen stand wie Trautsohn, so würde die Anzeige an ihren ehrenhaften Hauptmann Galbes ihm gleiches Schicksal zuziehn.

Der October war aber in diesen schützenden Bergen ein wahres Wunder von Lieblichkeit und Frische, und jeden Morgen schien die ganze Natur aus dem blinkenden Thau des leichten Nachtreifes in verjüngter Schönheit wieder aufzutauchen. Schon hatte Magda den Weg in das Thal hinab gefunden, und war bekannt, und von Kindern und Alten erwartet, wenn ihre reichliche Wohlthätigkeit sie in dem kleinen Städtchen Budnian mit allen Kleinigkeiten versehen hatte, die der Arme so selten besitzt, und die zu den Sonnenblicken gehören, die ihn das reiche Füllhorn des glücklichen Ueberflusses ahnen lassen. Magda putzte sich ihre Armen, wenn sie sie satt gemacht hatte; sie spähte dem heitern Blicke nach, der in dem trüben Auge aufstieg, wenn das neue warme Tuch zugleich bunt war, oder die Kappe ein heiteres Band hatte, oder eine kleine Spitze. »Ach! satt sein ist wohl gut,« sagte Magda – »aber das weckt nicht ihren Geist, und ich kann nicht eher ablassen, bis ich sehe, ob ich nicht die arme verkrochene Seele durch irgend etwas wecken kann – wissen sie doch mal, wie es lieblich thut, über das Nöthige was zu haben!«

Während sie so oft des Nachmittags abschweifte und den Großvater bis zum Abend bei seinen Arbeiten allein ließ, blühte in dieser reinen Gebirgsluft ihre Gesundheit wieder auf und eine schöne stille Feierlichkeit war in ihrem Innern an die Stelle der herben muthlosen Pein getreten. Kehrte sie dann aus dem Thale zurück, so setzte sie sich auf den Felssitz und wenn die Schatten länger wurden und das Abendgeläut aus St. Palmatius herauf tönte und sich mit den wunderbar ernsten und metallreichen Glockenklängen der heil'gen Kreuz-Kapelle verband, so stimmte Magda in frommer Begeisterung eines ihrer eigenthümlichen Lieder an, von denen sie selbst nicht wußte, woher sie kamen, wo ihr die Worte in hoher Begeisterung zugeflüstert wurden und die Töne dazu gezogen kamen, als wären es die Lüfte, die sie eingeathmet! Wer diesen Gesang hörte, mochte an David denken, wie er den verirrten Geist des kranken Königs bis zum stillen andächtigen Aufhorchen bezwang, denn er schien die Offenbarung einer Prophetin – die tiefe andächtige Aufregung, die sie hervor rief, gab der wunderbar schönen Stimme den mächtigen Klang und die Bildung, die Kunst genannt wird.

Um diese Zeit wußte sie alle Offiziere in der Kapelle versammelt und sie war dann auch vor Georgs Besuchen gesichert. Denn so mußte sie sich fühlen, wenn der Geist in ihr frei werden sollte.

Lange hatte an diesem Abend der Gesang gedauert, dazwischen war sie wieder in tiefes Nachdenken versunken – als sie die Zweige hinter sich knistern hörte, und für gewiß haltend, es sei die Hirschkuh, die ihre Nachtherberge hier suche, blickte sie nicht um, als sie plötzlich in ihrer Nähe ein Wesen fühlte und im selben Augenblick sich von zwei starken Armen umschlossen sah. Das Entsetzen hemmte den Schrei in ihrer Brust – bleich wie der Tod stieß sie den Gegenstand ungestüm zurück und erkannte jetzt den verhaßten Castiglione von Pasterau. »Elender!« sagte sie mit einer Fülle von Verachtung in ihrem stolzen Gesicht, vor dem Pasterau ganz erstaunt und verdutzt stehen blieb. Da er durch den heftigen Stoß von dem kleinen Felssitz herab geglitten war, ehe er des plötzlichen Widerstandes Herr wurde, so stand er vor dem einzigen Wege, wo es möglich war, hinauf und herunter zu kommen – und Magda erhob sich nun zögernd auf der Höhe und überlegte den ungeheuern Sprung auf der andern Seite herunter, der selbst ihrem muthigen Geiste bedenklich schien.

»Kleine Sirene!« rief er jedoch bald genug gefaßt – »warum lockst Du denn mit Deiner hellen Stimme. Komm – komm herab und hab' Dich nicht so spröde! Wenn Du den jungen Burschen, den Trautsohn, zum Liebsten haben kannst, dann nimm mich auch noch dazu – ich bin doch schon Einer, der Bart ums Kinn hat.«

Magda schauderte bloß kurz zusammen; zum Antworten hatte sie keine Stimme, sie überlegte nur, wie sie hinab kommen sollte, ohne Pasterau zu berühren.

»Geh fort da!« rief sie endlich mit dumpfer Stimme – »weit fort – damit ich hinunter steigen kann.«

»Ja! komm Du nur erst herab – dann gehe ich auch mit Dir, wohin Du willst.«

»Ungeheuer,« rief Magda jetzt voll Verzweiflung, »entferne Dich oder ich stürze mich von dem Felsen herab.«

»Nein! nein!« entgegnete ihr Peiniger – »dann stürze Dich lieber in meine Arme,« und im selben Augenblick stürmte er den kleinen Weg hinan, zum Felssitz empor, doch eben so schnell wagte Magda von der andern Seite den hohen Sprung. Sie kam unverletzt, aber fallend zur Erde und die Erschütterung war so groß, daß sie einen Augenblick die Besinnung verlor. Sie konnte nun nicht, wie sie es gehofft, entfliehn, und so stand Pasterau schon neben ihr, ehe sie sich aufrichten konnte, im Begriff, sie in seinen Armen empor zu heben. Obwohl Magda mit der Gewalt der Verzweiflung ihn zurück stieß, hielt er doch ihre Hände fest und der Kampf war zu ungleich, um Magda's Flucht hoffen zu lassen – da stieß sie verzweiflungsvolle Hülferufe aus und plötzlich war es ihr, als ob ein wohl bekanntes Dohlengeschrei ihr antwortete. Doch diese augenblickliche Zerstreuung hätte Pasterau fast den Vortheil gegönnt, sie zu umfassen, als er selbst hinterrücks angefallen ward, und zwar mit einer solchen Wuth und auf so ungewöhnliche Weise, daß es ihm schien, ein Ungeheuer sei auf seinen Rücken gesprungen und er wußte nicht, ob er sich vor Kratzen, Beißen oder Würgen zuerst zu schützen habe. Magda aber war, von seinen Händen befreit, gegen einen Baum getaumelt, und sah zu ihrem namenlosen Entzücken, daß Bezo, durch ein Wunder hier erschienen, ihr Retter geworden war. Ihre kluge Fassung sagte ihr bald, daß auch er Hülfe gegen den wüthenden Pasterau bedürfen werde, der schon an seinem Degen arbeitete, und so wiederholte Magda ihr Angstgeschrei und stürzte nach dem Walle zu, um ihren Großvater zu erreichen. Aber ihr entgegen flog eine bessere Hilfe und Magda stürzte sich fast in die Arme des Grafen Matthias, der wieder Georg zu beobachten getrachtet, und zu dem kein Hülferuf vergeblich drang.

»Rette! rette uns Beide!« rief sie außer sich – »sonst ersticht er meinen armen Bezo.«

»Wer? wer?« rief Matthias angstvoll, und hielt Magda 's Hände in den seinigen fest. –

»O frage nicht – sondern kommt und eile Dich!« Jetzt, flog Magda vor ihm her, und Matthias hörte das wüthende Gebrüll aus der Ferne, was so klang, als balgten sich wilde Thiere.

Als er das letzte Gesträuch durchbrochen, sah er Pasterau, mit dem gezogenen Degen in der Luft fegen, während auf seinem Rücken eine unförmliche Masse hockte, welche mit langen schlangenartigen Armen und klauenhaften Händen das Gesicht des unglücklichen Pasterau so zugerichtet hatte, daß das Blut davon herab floß, während er fast erstickt schien und von heftigen Stößen, die ihm Bezo mit dem Knie in den Rücken gab, hin und her taumelte.

Magda stürzte auf Bezo zu, während Thurn mit einer geschickten Seitenbewegung es erreichte, dem wüthenden Kämpfer den Degen zu entwinden, dann erst war es möglich, ihm zu Hilfe zu kommen und Thurns kräftige Hand erlöste den Gewürgten zuerst von der fürchterlichen Faust, die ihm die Kehle zudrückte. Mehr mit Thurns Kraft wirkte aber Magda 's Stimme, welche flehend sich zu Bezo erhob, um ihn zum Loslassen seines Opfers zu bewegen.

»Ich bin gerettet, Bezo!« rief sie – »komm doch nur herab – laß ab – laß ab!« Dabei zauste sie an feiner Jacke, an seinen Armen, bis er endlich von ihm abließ. Als er zur Erde nieder fiel, so schwerfällig wie ein Thier, lief Thurn auf Magda zu und deckte sie mit seinem Körper.

»Fliehe, unglückliches Mädchen,« sagte er außer sich, – »ich halte Dir das Ungeheuer ab. – »O!« rief er mit einem edlen Schmerz – »möchte die eben gemachte Erfahrung Dich warnen! So schön und jung, wie bestimmt zu etwas Edlerem und Besseren, und doch so leichtsinnig! Dein göttlicher Gesang, der wie der Erguß einer Heiligen klingt, den mißbrauchst Du, um die leichtsinnigen Thoren herbei zu locken, die Dich verderben werden.«

Er sprach dies Alles so hastig, so außer sich, daß es keine Sekunde Zeit wegnahm und Magda keine zum Antworten behielt, denn Pasterau hatte sich das Blut aus den Augen gewischt und stürzte jetzt auf Bezo ein, der nach vollbrachter That ganz ruhig neben Magda auf der Erde saß und bemüht war, eine große papierne Düte in Ordnung zu bringen, worin er die zweite Frucht der Erdbeeren gesammelt hatte, von denen der Wald duftete.

Magda beugte sich aber über Bezo, und ihn mit ihrem ganzen Körper schützend, rief sie: »Fort, Elender! wie – willst Du ihn strafen, da er Dir die gerechte Vergeltung Deiner Bosheit gab. Schützt ihn,« sagte sie zu Matthias – »er ist ein armer, blödsinniger Knabe und tausendmal besser als dieser Bösewicht.«

»Wie kommt das Geschöpf hierher?« fragte Matthias und ließ das wüthende Gepolter des Grafen Pasterau unberücksichtigt, indem er ihn mit seinen starken Armen von dem Knaben abhielt.

»Ich weiß es noch nicht,« entgegnete Magda, »und es würde zu nichts führen, wenn ich ihn jetzt befragen wollte, denn er ist wieder in seine Dumpfheit verfallen – aber gewiß hat Gott ihn gesendet in meiner tiefen Noth, denn er verläßt nie die Unschuldigen.«

»Wie kannst Du auf göttliche Hilfe noch Anspruch machen, wenn Du einwilligest, mit diesem ausschweifenden Manne zusammen zu kommen?« sagte Matthias mit düstrem vorwurfsvollem Tone.

»Stolzer und ungerechter Mann,« rief Magda zürnend – »es wird Dir leicht, das Böse von mir zu denken, weil ich in Deinen Augen ein geringes Mädchen bin – aber ich sage Dir, daß Du ein so schlechter Christ deshalb bist, als jener Mann, den Du verdammst. Ich verstehe nicht ganz, was Du mir vorwirfst, aber wenn es heißen soll, ich habe diesen Mann hier erwartet, so ist das ein Gedanke, den eben so wenig ein edler Jüngling denken sollte, als er die schnödeste Lüge ist.«

»Magda,« rief Thurn – »wenn das wahr wäre?«

»Geh,« sagte sie stolz – »ich habe Dir keine Rechenschaft zu geben, denn Du hast kein edles Verständniß, sonst würdest Du Dich nicht so irren können. Steh auf, Bezo,« fuhr sie fort – »und folge mir. – Weich' von ihm,« rief sie herrisch, als sich Pasterau auf ihn stürzen wollte – »wage es nicht, dies arme blödsinnige Wesen zu kränken, und nimm seine Strafe hin, die Du so wohl verdient hast.«

Sie wollte gehn, da reichte ihr Bezo dumm lachend seine große Düte hin, die ihm wahrscheinlich ein Anderer gedreht hatte, und die bei dem Kampfe aufgegangen war, so daß er die Erdbeeren nicht mehr zu bergen vermochte. Aber Magda, zu tief verletzt, um seine Absichten wie sonst zu errathen, wandte sich, um zu gehen, und Graf Matthias, der betäubt von den Vorwürfen des jungen Mädchens und mit seinen Empfindungen kämpfend zwischen ihnen stand, nahm sie ihm ab, da er sie ihm hinhielt. – »Für Magda fest drehen« – stammelte er hervor. Graf Matthias richtete seine Augen auf das Papier, um fast gedankenlos, wie er war, die Forderung des Knaben zu erfüllen – da sah er mit großen Buchstaben geschrieben: An Seine Excellenz den Gouverneur des Königlichen Schlosses Karlstein, Grafen Georg von Podiebrad. – »Was ist das?« rief er lebhaft – er erkannte sogleich das halb zerbrochene kaiserliche Siegel, und da, wo die Erdbeeren mit ihren rothen Spuren gebettet waren, sah er zwei eng geschriebene Seiten und darüber eine Anrede an den Gouverneur in üblicher Kanzleiform – den laufenden Monat und die Jahreszahl erkannte er auch. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, riß der Graf Matthias die ganze Düte aus einander und erkannte bald, daß es eine Depesche und daß der Name Thomas Thyrnau mehrere Male darin zu lesen war.

Während dieses Augenblicks sah Bezo den ganzen Vorrath schöner Erdbeeren in das Moos fallen und stieß einen solchen Schmerzensruf aus, daß Magda sich umwendete, und da sie ihn weinend auf der Erde hocken sah, kämpfte sie einen Augenblick, ob sie nicht umkehren sollte – als aber Thurn ihr mit dem roth gefärbten Blatte entgegen stürzte, wollte sie weiter gehn, bis er sie bat, nur ein Wort noch anzuhören, und da sie sah, daß Pasterau sich entfernt hatte, blieb sie stehn, und das blasse Gesicht, das kalte ernste Auge, was ihn maß, kämpfte seine Brust zusammen.

»Der Knabe,« sagte er bewegt – »hat die Depesche gefunden, die der Kourier bringen sollte, und wenn auch schrecklich besudelt, ist die Handschrift doch ganz kenntlich, und hier unten in dem Ende, was zusammen gedreht war, da steht der Name der Kaiserin und Kaunitz, Uhlefeld und Bartenstein.«

»Dann ist es richtig,« rief Magda – »das sind die drei Richter, die über ihm saßen – so bringe das Blatt dem Gouverneur, damit er endlich erfährt, was er zu thun hat.«

»Aber in diesem Zustande?« fragte Matthias – »und wie kommt der Knabe dazu – und wer ist er – welchen Zusammenhang kann das haben?«

»Das ist Alles wunderbar genug,« erwiederte Magda, »und Ihr könnt es ergründen, denn dies geht Euch an – der Knabe aber gehört zu uns und ich will ihn ausforschen, wenn er sich ausgeruht hat.« Wieder ging sie weiter und klopfte rasch und eigenthümlich in die Hände, wodurch Bezo aufschreckte und ihr nachlief.

Als sie über den Wall stieg und die Fenster vor ihr lagen, an denen Thyrnau ihrer harrend saß, brach Magda in Thränen aus. Die Unbill, die sie erlitten, hatte ihr Herz erschreckt, fast verstockt – als sie aber den wieder sah, der so viel Liebe für sie hatte, dessen Güte und Fürsorge ihr so sicher war und so ausreichend, da schmolz die Eisrinde und sie weinte recht erleichternde Thränen.

Nachdem sie ihren alten Weg durch das Fenster genommen und still an seiner Brust lag und weinte, war Thyrnau verlegen, der Ursache dieser Thränen nachzuforschen, denn gewiß hatte Magda keinen wunden Fleck im Herzen, den er nicht in dem eignen fühlte und vielleicht mehr daran dachte und sich schwerer in ihr Schicksal fand, als sie selbst.

Da sprang ein dunkles kleines Geschöpf ihr nach in das Zimmer, und Magda sagte nun, ihre Thränen trocknend: »Bezo ist da, Großvater!«

Der alte Mann fuhr lustig in die Höhe und der arme Knabe winselte vor Freude, und bellte, und miaute, und als er wie die Dohlen rief, wandte sich der ehrwürdige Greis gerührt ab, denn die wohlbekannten Töne der Heimat erschütterten sein festes Herz.

Magda sah dies Alles, und obwohl sie durch die Schmach, die sie erfahren, sich innerlich trostlos fühlte, erregte doch vorzüglich Bezo's Wiedersehn alte tiefe Schmerzen, über welche die Entfernung sich nur besänftigend gelegt hatte.

»Begreifst Du denn, wo Bezo herkommt?« fragte der Großvater. –

»Nein,« sagte Magda – »doch wie kann er anders hier sein, als mit Gundula und Veit – sie sind sicher in der Nähe und Bezo ist ihnen wie gewöhnlich entlaufen.«

»Ja! da er Dein guter Spürhund ist, so hat er Dich im Walde entdeckt,« sagte Thyrnau.

»Gottlob ja!« seufzte Magda – »er hat gewiß mein Geschrei gehört.«

Jetzt wurde Thyrnau aufmerksam und Magda vertraute ihm unter Strömen von Thränen, geschützt von der dunklen Stube, die erfahrene Beleidigung und ihre durch Bezo bewirkte Rettung.

Hoch schwoll Thyrnau's Brust empor und heftig sprang er auf, in der Absicht, augenblicklich Genugthuung und ausreichenden Schutz von dem Gouverneur zu fordern. »Ha,« rief er – »es ist Zeit, daß diese Tollhäusler aus ihrem Wahn geweckt werden und man sie lehrt, worin wahrhaft adlige Gesinnung besteht. Sie sollen es durch mich erfahren, wenn ihre Ritterlichkeit ihnen bloß dazu verhilft, Anstand und Rechtlichkeit mit Füßen zu treten, wo sie keine Gegner ihres Ranges vorfinden.«

Aber Magda war so erschüttert, so um ihre gute vernünftige Fassung gebracht, daß sie sich laut aufschreiend in seine Arme warf und taub blieb gegen seine Ermahnungen; besorgt sah er endlich, daß sie eine Art Fieber schüttelte und Frost und Hitze so jäh wechselten, daß ihr Geist davon mit Schrecknissen erfüllt war. Da fühlte er mit tiefer Wehmuth, daß sie Niemand habe als ihn, und daß er sie krank nicht verlassen dürfe. Er bewog sie, sich niederzulegen und verordnete ihr kühle Getränke, die er ihr selbst bereitete, dann ließ er ihr seine Hand, die ihr Sicherheit zu geben schien, und blieb den größten Theil der Nacht vor ihrem Bette sitzen, ihren angstvollen Schlummer bewachend, in welchem sie noch oft schluchzte und einzelne unruhige Worte ausstieß.

Dagegen hatte Graf Matthias unschlüssig überlegt, was er mit dem also entweihten kaiserlichen Befehl machen solle. Ihn in dem erwähnten Zustande dem Gouverneur vorzulegen, hielt er bei der genauen Kenntniß seines Karakters für sehr gewagt – die Meldung dieses Vorganges durfte er aber eben so wenig unterlassen, da er an diesem Tage wachthabender Offizier war, und unsicher, wie er sich fühlte, kam es ihm zu Hülfe, daß der Gouverneur mit einem kleinen Gefolge von einem kurzen Abendritt zurückkehrte, als Matthias in den Burghof trat. Indem er dem Grafen die Honneurs beim Absteigen machte, versetzte er ihn damit in herablassende Laune. Graf Podiebrad lehnte sich auf seine Schulter und sagte: »Ein herrlicher Bau, der Karlstein – ein Juwel in güldener Fassung – ganz der hohen Weisheit des Erbauers würdig.«

»Und gegen die Pfeilschützen und Schleuderer der damaligen Bewaffnung vollkommen gesichert,« sagte der junge Trautsohn, welcher übler Laune war, daß er durch den langweiligen Ritt verhindert worden, Magda zu belauschen – »aber mit zwei Kanonen schieße ich jetzt das ganze Nest zusammen – denn die güldene Fassung ist jetzt nichts mehr und nichts weniger als Kanonenwälle, worauf der Feind sein Geschütz auffahren lassen kann.«

»Durchlaucht,« sagte Podiebrad – »ein weises Schweigen macht es der Jugend allein möglich, ihre Unwissenheit und Unbesonnenheit dem weiseren Manne zu entziehn, daher dieses auch nicht oft genug denen empfohlen werden kann, die Neigung zu leichtfertiger Rede haben. Graf von Thurn – mein Wachthabender!« sagte er alsdann zu diesem – »habt Ihr uns über ein in unserer Abwesenheit vorgefallenes Ereigniß Meldung zu machen?«

Diese Frage, welche jeden Abend wiederholt wurde, und welche seit Jahren mit einem »Nein« beantwortet werden mußte, erregte fast unter dem devotesten seiner Untergebenen einen gelinden Ueberdruß; aber die Ergebung, mit der dessen ungeachtet Alle derselben zuhörten, sollte heute belohnt werden, denn Graf Matthias verbeugte sich tief und erwiederte, er habe eine Meldung von Wichtigkeit zu machen.

Der Gouverneur hatte sich in der langweiligen Erwartung der seit Jahren wiederholten Antwort schon etwas abseits gewendet, als diese unerwarteten Worte an sein Ohr drangen. Zweifelhaft richteten sich seine Augen wieder auf Thurn – da dieser aber in seiner devoten Melde-Stellung verblieb, wuchs auch augenblicklich das chimärische Gefühl seiner Wichtigkeit in dem Gouverneur, und Allen das Zeichen der Entlassung machend, schritt er der Burgpforte zu, nur vom Grafen Matthias gefolgt.

»Ich erwarte Ihre Meldung, Herr Wachthabender,« sagte er, in seinem Kabinette angelangt, in vollkommen militärischer Haltung sich aufrichtend.

»Euer Excellenz haben Kenntniß genommen von der Behauptung des Gefangenen, wie von der des Polizeibeamten, daß ein kaiserlicher Erlaß mit schuldiger Meldung an Euer Gnaden durch einen Kourier hierher abgeschickt worden sei. Ein Zufall hat mir diesen kaiserlichen Befehl unter den auffallendsten Umständen in die Hände gespielt!«

»Diesen Befehl?« rief Podiebrad – »Ihr wollt sagen, der Kourier sei angekommen? Und doch sehe ich den Brief nicht in Eurer Hand, um ihn mir zu überliefern.«

»Eben daß der Kourier nicht angekommen ist, daß ich auf ganz andern Wegen zu dieser Kenntniß kam, macht mich unsicher, ob ich es wagen darf, Euer Gnaden den Brief zu übergeben.«

Podiebrad wurde wahrhaft verlegen; selten war Jemand noch ängstlicher in Wahrnehmung der Form, als er, und doch konnte er nicht wohl einsehn, wie er den Hergang erfahren und zugleich der Gefahr entgehen sollte, seiner Würde etwas zu vergeben. Endlich entfuhr ihm das Natürlichste – er sagte: er habe ihn nicht verstanden.

»Ich habe nämlich diesen kaiserlichen Brief, von Ihro Majestät und drei Ministern unterschrieben, erbrochen gefunden,« erwiederte Graf Matthias – »mit der Adresse an Euer Excellenz.«

»Heil'ger Gott!« schrie der Gouverneur – »wer hat dies unerhörte Attentat begangen? Eilen Sie, sich zu erklären, dies bedroht unsere Ehre.«

»Der Hergang ist bis jetzt unerklärt,« erwiederte Thurn, »ich muß Alles der Bestimmung Eurer Excellenz überlassen.«

»Sehr wohl, mein Sohn, sehr wohl,« sagte Podiebrad, »aber warum empfange ich diesen entweihten Brief nicht – es wäre der nöthigste, der erste Schritt.«

»Er ist so zerknittert, so besudelt durch Erdbeeren, die ein Knabe darin sammelte, daß ich anstand, ob es noch der Würde Eurer Excellenz genehm wäre, ihn zu empfangen.«

Das Erstaunen des Grafen Podiebrad hemmte fast den Gang seiner Gedanken und hielt auch den Unwillen zurück, der noch keinen rechten Gegenstand finden konnte.

»Erklären Sie sich,« sagte er zerstreut. –

Graf Thurn erzählte jetzt mit leichter Umgehung von Pasterau's Verschuldung, wie er zu dem Besitz des wichtigen Briefes gekommen war, und wie das Mädchen, welches sich die Enkelin des Gefangenen nenne, den Knaben als zu ihrem Hausstand gehörend, erklärt habe.

»So muß an dem Knaben, an diesem jungen Bösewicht ein entsetzliches Beispiel statuirt werden,« rief der Gouverneur, froh, nur eine Richtung, einen Gedanken fassen zu können – »haben Sie ihn augenblicklich arretiren und in den Kerker des Schlosses werfen lassen?«

»Das unglückliche Wesen, welches sich also vergangen,« entgegnete Matthias, »ist ein völlig verkrüppeltes, gänzlich blödsinniges Geschöpf, vom Thiere wenig zu unterscheiden; es hatte von dem Verbrechen, welches es beging, keine Ahnung und ist gesetzlich dadurch freigesprochen.«

Wieder mußte der Graf von Podiebrad von seinem stolzen Pferde absteigen, auf dem er schon zu galoppiren begann. – »Was nun?« entfuhr ihm unbewacht – »was für Wege können wir verfolgen, die erfahrene Beleidigung abzuwaschen?«

»Gnädiger Herr!« sagte Thurn, – »der Inhalt des kaiserlichen Befehls wird doch gewiß wichtig sein – wollen Euer Gnaden nicht befehlen, auf welche Art Sie davon Kenntniß nehmen wollen; – denn ein zerknittertes beflecktes Papier habe ich nicht gewagt, sogleich zu überbringen.«

Podiebrad sah ein, daß sein junger Freund, indem er ihm von dem ersten hohen Pferde herab geholfen, ihm jetzt ein zweites Turnierpferd vorführe, auf welches er nur aufzusteigen brauche – und hierzu war er immer der vollkommen geschulte Kavalier.

Nach einem tiefsinnigen Stillschweigen erhob er die Stimme und sagte: »Wir werden einen Kriegsrath versammeln, lieber Wachthabender – dieser Fall, der mit besonders feiner Distinction behandelt werden muß, soll in der Gesammtansicht unserer Untergebenen, welches Alles untrügliche Edelleute sind, eine Erledigung finden. Sie werden die Herrn im Vorzimmer versammelt sehn, und vor der Ankündigung der Nachtmahlzeit können wir mit der Diskussion zu Ende sein. Wenn die Versammlung konstituirt ist, werden Sie mir Meldung machen –« setzte er hinzu, Entlassung winkend.

Graf Matthias begab sich in das bekannte mit Holz getäfelte Vorzimmer, wo er die Herren der Besatzung fand, welche von der Hoffnung eines Erlebnisses so angeregt waren, daß sie alle dem Grafen entgegen traten, eine ungewöhnliche Erklärung von ihm erwartend.

Um die Eßtafel des Nebenzimmers, welche noch nicht gedeckt war, versammelten sich nach dem Gebot des Gouverneurs sämmtliche Herren der Besatzung, und Graf Matthias überbrachte denselben die befohlene Meldung.

Als er unter den gewöhnlichen Erfordernissen Platz genommen hatte und alle Anwesende nach seiner Erlaubniß ein Gleiches gethan, fühlte der Graf Podiebrad eine Art von Unsicherheit über die Einleitung seines Vortrages. »Meine Herren, hob er an und pausirte dann – »meine Herren,« wiederholte er – »unsere feierliche Ruhe ist bedroht, unsere reine, ehrenhafte, untadelige, unvermischte Stellung ist angegriffen. Wenn sonst die Fahne, welcher die Edlen unserer Vorfahren folgten und die von irgend einem Könige oder Kaiser verliehen war, heruntergerissen, besudelt, in den Staub getreten war, so wurde – war dies nicht im Mißgeschick eines Krieges erfolgt – der Thäter zum Tode verurtheilt, und da dies immer nur Einer aus dem Pöbel zu thun vermochte, so ward ein Solcher vorher gestäupt, die rechte Hand ihm abgehauen oder er gar geviertheilt. Gleichzeitig ward, was von der also beschimpften heiligen Fahne übrig geblieben von der Befleckung, durch geistliche Funktionen abgenommen und diese Reste in geweihter Erde bestattet.«

Graf Matthias athmete kaum vor Schrecken, als er hörte, auf welcher Redeflut das Pathos des erlauchten Grafen hintrieb. Dieser fuhr fort: »Ein ähnliches Attentat hat sich im Bereich unseres ehrwürdigen Dienstes zugetragen, und da in dem Gegenstande bloß die Abweichung liegt, sind wir genöthigt, mit Zuziehung unserer braven Standesgenossen den Fall zu erörtern.«

»Nach Behauptung des eingegangenen Gefangenen und dessen polizeilichen Begleiters war von einem Kourier die Rede, welcher uns hohe Befehle von hoher Hand zu überbringen haben würde. Wir mußten bei dessen Ausbleiben die Sache bezweifeln – jetzt aber ist dem Grafen Matthias von Thurn ein entsetzlicher Aufschluß über die Wahrheit dieser Behauptung gekommen – er war genöthigt, in entweihter Hand, beschimpft, befleckt und zu dem elendesten Gebrauche herabgewürdigt, ein durch die Unterschrift unserer allergnädigsten Kaiserin und dreier erlauchter Minister geheiligtes Dokument erkennen zu müssen! Ein Bube, ein Verwahrloster, ein Krüppel an Leib und Seele, und diesem Gefangenen dennoch zugehörend, hat dies mit kaiserlichem Siegel verschlossen gewesene Dokument erbrochen und – ich muß anstehn auszusprechen, was er damit gethan – doch – Sie müssen das ganze Verbrechen kennen lernen,« setzte er nach einer Pause tief aufseufzend hinzu – »nun denn, meine Herren, – er hat gewagt, davon eine Düte zu machen, um Erdbeeren darin zu verwahren.«

Die Wirkung dieser Eröffnung auf die Anwesenden war sehr verschieden. Die Jüngeren, und unter ihnen zuerst Georg Trautsohn, fühlten den schnellen Krampf eines kaum bezwingbaren Lachens, während die Aelteren, ganz in die Gedankenweise ihres Chefs eingeweiht, lebhafte Zeichen ihres Entsetzens abgaben.

Nach einer Pause fuhr der Graf von Podiebrad fort: »So ist es, meine Herren – Ihr vollständig gerechtes maaßloses Entsetzen zeigt mir, Sie erkennen die Wichtigkeit des strafwürdigen Attentats, und ich werde, um Sie Alle über die erfahrene Beleidigung zu beruhigen, morgen einen Gerichtstag eröffnen, der uns Genugtuung verschaffen wird; jetzt aber gebe ich Ihnen Allen Redefreiheit, denn es handelt sich darum, was wir mit dem also entweihten Gegenstande anzufangen haben, den der Graf von Thurn mit löblichem Bedenken uns vorzulegen bisher nicht schicklich hielt. – Wir müssen zugeben, daß es wichtig wäre, den Inhalt zu kennen, ja es scheint uns, als müßten wir einen geeigneten Weg zu erdenken suchen, auf welchem dies Dokument von der Besudlung und Entweihung, die es erlitten, befreit werden und alsdann zu unserer Kenntniß gelangen könnte.«

»Aber, erlauchter Oheim,« sagte Trautsohn – »wenn Du die Düte, wie die Reste der Fahnen, von denen Du erzählst, entsündigen lassen willst und dann begraben – erfährst Du ja den Inhalt nicht!«

»Dies wäre also eine Maaßregel, die nicht nach dem erwähnten Beispiel vollführt werden könnte,« sagte Podiebrad – »Deine Unerfahrenheit, Durchlaucht, hat Dich nicht einsehen lassen, daß wir mit der Erwähnung dieser sonst üblichen Verfahrungsart bloß dem Geist unserer Untergebenen die würdige Stimmung zu ertheilen dachten, in der eine solche Berathung sie finden mußte.«

»Ich bin der Meinung,« sagte der Marchese Pacheco – »daß wir dem Herrn Dechanten die Sache morgen früh vor der Messe mittheilen und es seinem Verfahren überlassen, das Bewußte wieder zu einem Stück Papier umzuwandeln, welches sich paßt, in die Hände unseres gnädigen Chefs überzugehn.«

»Theurer Marchese,« rief Trautsohn – »was muthet Ihr dem Dechanten zu! Ihr hört ja, es ist eine Düte mit Erdbeeren geworden.«

»Durchlaucht, Du mißbrauchst die Redefreiheit,« sagte Podiebrad – »von dem Jüngsten haben wir genug gehört.«

»Euer Excellenz,« sagte Galbes – »ich trete der Ansicht des Marchese Pacheco bei, wenn nicht Euer Gnaden vorziehn, das Papier erst zu lesen und sich selbst dann durch den Herrn Dechanten purificiren zu lassen.«

»Aber,« sagte Podiebrad – »wir sind verpflichtet, das entweihte Papier selbst zu seinem natürlichen Zustande zurückzuführen, denn solche kaiserliche Depeschen gehören in das Archiv des Karlsteins, weil daraus seine Geschichte entsteht, an deren Fortbildung jeder erlauchte Burggraf gearbeitet hat, von Johann, Markgraf von Mähren, dem ersten Burggrafen, und dem zweiten Burggrafen, Georg von Podiebrad, an bis vierhundert Jahr späterhin zu seinem demüthigen Nachkommen, den des Himmels Weisheit zum Hüter dieses Heiligthums wieder hierher berufen; daher werde ich die Meinung meines verständigen Grafen von Thurn abwarten und dann die Entscheidung aussprechen.«

Thurn fühlte während der ganzen Unterhandlung einen sonst nicht in ihm aufkommenden Widerspruch – immer neckte ihn das Gesicht von Thomas Thyrnau, dessen unerträgliches Lächeln er fortwährend zu sehen glaubte. Die Sache nahm eine Wendung, die er nicht erwartet hatte – er bereute fast seine zu große Berücksichtigung; er machte sich Vorwürfe, die Bedenklichkeiten aufgeregt zu haben, und sah doch jetzt kein Mittel, eine natürlichere Maaßregel geltend zu machen. »Ich werde mich der Mehrheit anschließen,« sagte er endlich düster, und Alle waren fest von seiner Beistimmung überzeugt, da sie sonst nie fehlte, sich den strengsten oder schwärmerischesten Maaßregeln anzuschließen.

Der Graf von Podiebrad erhob sich und sagte: »So befehlen wir Euch, Graf von Thurn, das Bewußte noch in dieser Stunde dem Herrn Dechanten des Karlsteins zu überbringen und ihm den Gesammtbeschluß des beratenden Kriegsgerichts anzukündigen, den Ihr vernommen, und uns dadurch bis morgen nach der Messe in den Stand zu setzen, die Befehle unserer Allergnädigsten Kaiserin entgegennehmen zu können. Das Kriegsgericht über den Verbrecher versammelt sich nach der Messe.«

Die Diskussion war, wie der Graf von Podiebrad vorhergesagt, vor der Nachtmahlzeit beendigt.


Da Magda gegen Morgen endlich in einen tieferen Schlaf gefallen war und die Zeit des Aufstehens damit überschritt, vertraute Thyrnau sie dem Schutze der alten Frau Grimschütz und dem des ehrlichen Bezo an, von welchem er überzeugt sein durfte, daß er keine feindliche Annäherung an, Magda dulden würde; da ihn die seitherige Erfahrung gelehrt hatte, daß die Herrn der Burg aus der Messe zurück sein mußten, begab er sich nach der Burggrafen-Wohnung, fest entschlossen, da er den Weg jetzt kannte, sich durch Niemand abhalten zu lassen und dem Gouverneur selbst seine Klagen über die Magda widerfahrene Schmach vorzubringen.

Er kam in dem merkwürdigen Augenblick dort an, als der Dechant von seinen Diakonen begleitet, dem Gouverneur in voller Versammlung den Brief der Kaiserin zurückgab, mit der Versicherung, er dürfe ihn jetzt ohne Nachtheil für seine Ehre lesen und ohne Entweihung des Heiligthums fürchten zu dürfen, später ihn zu den Dokumenten des Archivs legen, welche die heil'ge Geist-Kapelle verwahrte.

Demnach beorderte der Graf von Podiebrad einen Kornet und zwei Mann, um sich des Thäters, eben dieses Bezo, zu versichern und ihn vor Gericht führen zu lassen. Als der Kornet zu diesem Behuf das Gemach verließ, trat Thomas Thyrnau zu derselben noch offnen Thür zum maßlosen Erstaunen der Versammelten herein.

»Mein Herr Gouverneur,« sagte Thyrnau, mit einem kalt höflichen Gruße bis dicht vor denselben hingehend – »ich komme in der Absicht, von Euer Excellenz Schutz und Beistand zu verlangen, da man es gewagt hat, meine Enkelin in dem Bereich dieser Burg auf das rohste und unwürdigste zu beleidigen. Zugleich trage ich darauf an, daß dieser Herr hier – ich glaube ein Graf von Pasterau – des edlen Namens wenig würdig – entweder wegen der verübten Rohheit und Unsittlichkeit ganz aus diesem Schlosse entfernt, oder ihm die strengste Zurechtweisung zuertheilt und er in wachsame Zucht genommen werde.«

Es wird kaum nöthig sein, den Eindruck zu schildern, den diese stolze und unbedenkliche Sprache in Allen erregte. Der Graf von Podiebrad glaubte, seine letzte Stunde sei gekommen, und der Zorn petschirte ihm für einen Augenblick die Zunge – dann aber sprang er auf und rief: »Wer ist es, der es wagt, hier mit eben so unerhörten Anklagen als Vorschriften aufzutreten? Wer hat Ihnen nur die ungemess'ne Freiheit erlaubt, ungerufen hier einzudringen, wo ein Gericht versammelt ist, um ein Attentat zu bestrafen, welches Sie mit verdächtigt und welches unsern höchsten Unwillen erregt hat?«

»Aus dem, was Sie hier äußern, Herr Gouverneur,« sagte Thyrnau ruhig, die Sitzenden mit den Augen überlaufend – »geht hervor, daß Ihnen das Attentat, welches der Graf von Pasterau gestern zu verüben trachtete, noch unbekannt ist, sonst würden Sie, jeder andern Angelegenheit voran, strenge Rechenschaft von ihm gefordert haben, und dieser Herr würde nicht als Mitrichtender hier sitzen, sondern als Schuldiger vor seinem Ankläger stehn. So bin ich denn zur rechten Stunde gekommen, Ihre Täuschung aufzuheben – stehn Sie auf, Herr Graf von Pasterau, und wenn Sie wirklich ein Edelmann sind, so erzählen Sie selbst Ihr rohes und unwürdiges Betragen.«

»Gewiß, dies übersteigt alles bisher Erlebte,« rief Podiebrad wüthend – »und wenn Sie zehntausendmal ein Edelmann sind, so übersteigt diese Anmaßung doch Alles, was man unter dieser Bezeichnung versteht.«

»Mäßigen Sie sich, Herr Gouverneur,« sagte Thyrnau, »Sie werden ganz andrer Meinung sein, wenn Sie das erfahren, worüber ich mich beklage, denn Sie sind zu sehr ein Ehrenmann, um nicht gerecht sein zu können.«

»Mäßigen Sie sich, Excellenz,« sagte nun auch der Herr Dechant zu ihm herantretend, »ich darf verbürgen, daß dieser Herr ein anerkannter Mann ist, der gehört zu werden verdient.« – Wahrscheinlich hatte der Herr Dechant nicht umhin gekonnt, bei Wiederherstellung der Depesche sich von dem Inhalte zu unterrichten.

»Was verlangen Euer Gnaden von mir,« rief der Gouverneur um vieles milder – »soll ich an diesem Orte irgend einen Mann der Erde über mir erkennen? und nimmt dieser Mann mir nicht meine Rechte weg? indem er Personen anklagt, die mir zu gehören und mein Verhalten dabei fast anzudeuten wagt? Wißt Ihr denn, daß durch eine Kreatur, die zu Euch zu gehören vorgiebt,« fuhr er gegen Thyrnau gewendet, fort – »ein unerhörtes Attentat begangen ist? Ihr wagt es, anzuklagen und ich – ich muß den hohen kaiserlichen Befehl entweiht, entehrt und besudelt wissen von einem schändlichen Geschöpfe, das Euer Diener sein will?«

In diesem Augenblick ging die Thür auf und das arme Geschöpf, welches der Gegenstand dieser zornigen Rede war, ward hereingeführt, und sein trauriger Seelenzustand konnte denen unmöglich verborgen bleiben, die ihn ansahen – doch rief Podiebrad vom ersten Zorn verblendet ihm entgegen, die Wahrheit zu bekennen. Aber als Bezo, vergnügt werdend über die vielen bunt gekleideten Männer, in die Höhe sprang, hell auflachte und sich dann still auf die Erde niedersetzte, da sank selbst ihm der Muth, dies unglückliche Wesen zur Rechenschaft zu ziehen.

»Glauben Euer Excellenz noch, daß dies arme Wesen mein Diener sein kann?« fragte Thyrnau mild – »glauben Sie außerdem, daß ihm irgend eine Handlung, die er begeht, anzurechnen ist?«

»Wie aber ist er in den Besitz dieses höchst wichtigen Dokuments gekommen?« rief der Gouverneur, genöthigt abzulenken.

»Dies, mein Herr,« sagte Thomas Thyrnau, »scheint mir allerdings die Frage, die Ihnen zunächst liegen muß, und die ich erstaune hier an mich gerichtet zu sehn, da nach den Umständen, unter denen sie zu ihrer Kenntniß gelangte, die Schlußfolge sehr leicht ist, daß dem Kourier, der zum Ueberbringer bestimmt war, ein Unglück zugestoßen sein muß, welches gewiß verdient, die Nachforschung und ganze Thätigkeit dessen zu erregen, an den diese Depesche gerichtet war.«

Da die Pause, welche entstand, nur mit unangenehmen Gefühlen ausgefüllt ward, und Thyrnau die sichtliche Verlegenheit Aller sah, die ihn nur überzeugte, wie Recht er hatte anzunehmen, daß der Herr Gouverneur wie die sämmtlichen Herren das Nöthige vergessen hatten, um in ganz unwesentlichen Nebendingen pomphaft einher zu stolziren – erfaßte ihn eine Art Mitleid, und er fuhr sogleich mit seiner raschen Weise fort: »Dem Kourier muß entweder absichtlich durch bösen Willen oder durch einen Zufall gewöhnlicher Art in dem Bereiche dieses Schlosses ein Unglück zugestoßen sein, da der Knabe wahrscheinlich die Depesche im Walde beim Suchen der Erdbeeren gefunden hat, und bei seiner Gewohnheit, sich zum Sammeln derselben Papier zuzueignen, von ihm sogleich zu dem ihn ansprechenden Gebrauch verwendet worden ist – und gewiß müssen sich bei schneller Nachforschung noch Spuren des Verunglückten finden lassen.«

Graf Matthias sprang belebt und aus dem todten Dienst, dem er sich untergeordnet, wie durch frische Lebenskraft erweckt, auf; Trautsohn that dasselbe, und Beide baten den Gouverneur, mit einigen von der Mannschaft den Wall und die Gegend durchsuchen zu dürfen. »Bleiben Sie, meine Herren, bis ich Sie zu gehen heiße,« sagte Podiebrad, der sich viel vorzunehmen schien – »Alles muß seine Erledigung finden vor uns. Dieser Mann hat angeklagt – er soll gehört werden – was hat der Graf von Pasterau mir mitzutheilen?«

Schon hatte Pasterau gehofft, die stolze Art, mit der Thomas Thyrnau sein Recht begehrte, werde eine so unverzeihliche Beleidigung für Podiebrad sein, daß es ihm gelingen könne, darunter wegzuschlüpfen; aber er irrte sich. Was auch für gemischte Empfindungen in diesem sonderbaren Manne zusammen wirken mochten, wie sehr einige Winke des Dechanten dazu beitrugen, gewiß bleibt es, daß wir ihm ein vollkommen ehrenhaftes Gefühl zugestehen müssen, welches sein Herz vor jeder böswilligen Verhärtung bewahrt hatte. Er konnte nicht aus dem kleinen Gesichtskreis eines beschränkten Geistes heraustreten, er gestaltete in diesem kleinen Kreise die Zustände zu der abenteuerlichen Form, die seinem Verstande als Wahrheit erschien. Aber er glaubte an die Prinzipien, die er aufstellte, und dies erhielt ihn so ehrenwerth, als ein bornirter Träumer es in den Augen Aufgeklärter bleiben kann, und sicherte allen seinen Uebergängen zu einem natürlichen Gefühle eine wohlwollende Aufnahme.

Pasterau sah nach diesen an ihn gerichteten Worten des Gouverneurs, daß ihm gar keine Möglichkeit blieb, zu entkommen. Er stand daher mit äußerster Anmaßung auf, überlief Thyrnau mit hochmüthigen Blicken und stellte sich nur dem Gouverneur, ihn bestechend durch alle Zeichen tiefster Devotion.

»Ich bin wahrhaft empört,« hub er dann an, »daß man es wagt, Euer Excellenz mit einem Scherze zu unterhalten und ihm Wichtigkeit zu geben sucht, den das zufällige Begegnen mit dieser Bürgerdirne veranlaßte. Ihre ungesittete Aufführung bei meiner Anrede machte, daß ich sie zu strafen suchte, und während ich mich von ihr losmachen wollte, rief ihr Geschrei dies Unthier herbei, welches mir auf den Rücken sprang und mich sogar verwundete« – bei diesen Worten wandte er sein gekratztes und geschwollenes Gesicht gegen das Licht, welches Podiebrad mit ernster Gravität betrachtete.

»Ankläger,« sagte er dann zu Thyrnau, – »was habt Ihr darauf zu erwiedern?«

»Daß man es gewagt, Euer Excellenz die Unwahrheit zu sagen, daß meine Enkelin, von der leider hier die Rede ist, in ihrer unschuldigen Weise singend auf einer Felsspitze hinter den Wällen saß und dort von diesem Manne überfallen ward, der es wagte, ihr die unsittlichsten Dinge zu sagen. Da sie, um sich zu retten, von der andern Seite des Felsenstückes herab sprang und ihr die Erschütterung für einen Augenblick die Besinnung raubte, sah sie sich aufs Neue von diesem Herrn überfallen und an den Händen festgehalten, als dies arme Geschöpf zu ihrer Rettung herbei kam und ihr Zeit blieb zu entfliehen.«

Podiebrad heftete zürnende Blicke auf Pasterau und rief noch einmal: »Könnt Ihr Euch entschuldigen?«

»Wollen Euer Excellenz zwischen diesem alten Thoren, einem leichtsinnigen Mädchen und mir zu meinen Ungunsten entscheiden?« fragte Pasterau. –

Da hielt sich der junge Trautsohn nicht länger, mit einem geräuschvollen Satz war er an Pasterau's Seite: »Nenne das Mädchen, von dem hier die Rede ist, nicht leichtsinnig – nicht ungesittet – sie ist beides nicht, sondern ein Engel von Reinheit und Güte, und klüger als Du's Dir träumen läßt. So wie sie hier eintrat, hast Du sie beleidigt und ihr seitdem aufgelauert und längst schon hättest Du sie verfolgt, hätte ich sie nicht bewacht. Wäre der verdammte Ritt gestern Abend nicht gewesen, so hätte es Dir schwer werden sollen, sie zu beleidigen; aber ich verließ mich auf Matthias der auch herbei kommt, wenn sie ihren himmlischen Gesang hält.«

»Ich kam auch,« sagte Matthias zögernd – »aber erst, als sie floh – ich weiß also den Hergang nicht.«

Podiebrad strich sich in immer heftigerer Bewegung seinen mächtigen Knebelbart, denn wenn er beschlossen hatte, Pasterau für die bloße Bekanntschaft mit diesem Mädchen zu bestrafen, so mußte er nun erfahren, daß sein Neffe Trautsohn sich zu ihrem Ritter aufwarf, und selbst Graf Matthias, dieser kalte, züchtige Jüngling, dem Mädchen nachschlich.

In dieser Ueberraschung und der daraus erwachsenden Verlegenheit näherte sich ihm Seine Gnaden der Herr Dechant und sagte ihm, er möge Kenntniß nehmen von den Befehlen der Kaiserin, daraus werde ihm eine bessere Aufsicht über die Gefangenen erwachsen. Fast gedankenlos nickte Podiebrad mit dem Kopfe und rief dem geistlichen Herrn zu: »Les't! les't, ehrwürdiger Herr! wir wollen Alle mit Respekt hören.«

Dieser griff nach dem auf der Tafel liegenden geglätteten und möglichst gesäuberten Briefe, von dem, wie begreiflich, die Erdbeerspuren nicht zu verwischen gewesen waren und las mit lauter Stimme wie folgt:

»An unsern lieben Getreuen, den Grafen Georg Podiebrad, Gouverneur unserer Feste Karlstein.«

Podiebrad erhob sich bei diesen Worten mit Geräusch, ergriff seinen Federhut und blieb in einer Stellung stehn, als habe er Audienz bei der Kaiserin selbst. – Alle Offiziere machten es ihm augenblicklich nach – der Dechant fuhr fort: »Wir senden Euch zuerst unsern gnädigen Gruß und wollen Euch alsdann unsern Befehl zu beachten geben in Bezug unserer Absichten mit einem bald nach diesem eintreffenden Gefangenen, unter dem Namen Thomas Thyrnau. Wir befehlen, daß ihm und seiner Enkelin die Zimmer in unserm Schlosse Karlstein eingeräumt werden, die sich Angesichts dieses am besten im Stande zeigen und ihm und seiner Enkelin Magda Matielli am meisten zusagen werden. Seine Freiheit soll, wenn Ihr sein Ehrenwort empfangen habt, daß er den Karlstein bis zur festgesetzten Zeit als seine Wohnung ansehen will, in keiner Weise beschränkt werden; Ihr habt ihn als unsern Gast anzusehen, für dessen Mehr-Aufwand wir einzustehen haben – Seine Bedienung ist zuzulassen – Eure Küche wird ihm Alles liefern, wie Ihr es selbst bedürft, und es wird von ihm abhängen, ob er an Eure Tafel kommen will oder in seinem Zimmer verbleiben. Er darf in keiner Weise beschränkt, beunruhigt oder gekränkt werden, und ich habe Euch hiermit dafür verantwortlich gemacht.«

»Ihr werdet außerdem Befehl geben, daß die dazu tauglichsten Zimmer in möglichst besten Stand für anderweitig eintreffenden Besuch gesetzt werden, wobei im Auge zu behalten, daß sie sich leicht dem Gebrauch von Frauen anpassen lassen müssen.«

»Eures Gehorsams gewiß, bleiben wir Euch in Gnaden gewogen.«

Hier folgten die Unterschriften. Podiebrad wußte augenblicklich, was er zu thun hatte. Erst verneigte er sich bis zur Erde, welches seine Offiziere ihm nachthaten, dann rief er mit lauter Stimme:

»Freiherr von Galbes, Hauptmann des Karlsteins, nehmen Sie dem Grafen von Pasterau seinen Degen ab und geleiten Sie ihn nach dem Arrestthurme bis auf weiteren Befehl.«

Er blieb, während dies vollführt ward, lautlos stehn – als Galbes den Arrestanten einlud zu folgen, rief Podiebrad ein donnerndes: Halt!

»Meine Herren!« sagte er dann, »geben Sie wohl Acht – was eben geschieht – es wird einen Jeden treffen, welcher gegen die Befehle Ihrer Majestät, unserer allergnädigsten Kaiserin sich vergeht. Der hier sich vor uns befindende Herr Gefangene, auf Ihrer Majestät hohen Befehl Thomas Thyrnau genannt, wird von diesem Augenblick an, durch diese hohen Befehle zu einem Range erhoben, den der Wille der erhabenen Monarchin zu bestimmen hat, da sie allein die wahre Kenntniß desselben sich vorzubehalten beschlossen hat. Ihre Bestimmungen machen ihn dazu fähig, unter uns aufgenommen zu werden, und wir müssen ihn als unseres Gleichen ansehn. Eben so müssen wir annehmen, daß Ihro Majestät einen höchst wichtigen politischen Grund hat, die Gesetze ihres frommen Ahnherrn Karls des Vierten aufzuheben und dieser heiligen Feste die Zugabe einer weiblichen Bewohnerin anzubefehlen.«

»Wir werden das Fräulein, welches sie auf diese Weise ehrt, mit der ritterlichen Ehrerbietung behandeln, welche dem untadeligen Edelmanne zukommt, – wir werden uns aber dabei der großen Vorbilder unserer Ahnen erinnern, welche, um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen, während der Kreuzzüge oft Jahre lang mit namenlosen Opfern und Gefahren eine fromme Prinzessin oder hohe Dame beschützten, ohne in ihr das Weib zu erkennen, oder über den Dienst des Schutzes hinaus sich ihr nahen zu wollen.«

»Dieselbe Maßregel habe ich hier zu empfehlen, und indem ich die bisherigen Abweichungen übergehe, da uns eine Ansicht über unseren Gefangenen fehlte, zeige ich an dem verirrten Grafen von Pasterau, wie ich nach der Kenntniß der kaiserlichen Befehle solche Handlungen bestrafen werde.«

Er winkte – und der Hauptmann des Karlsteins, Freiherr von Galbes, entfernte sich mit seinem Arrestanten.

So wie er sich entfernt, näherte sich der Gouverneur Thomas Thyrnau, der mit unbeschreiblichem Ergötzen dieser Scene zugesehn, und sich höflich vor ihm neigend sagte er: »Darf ich hoffen, daß der Gouverneur des Karlsteins seine Pflicht gethan hat?«

»Vollkommen,« entgegnete Thyrnau, ohne das Lächeln bemeistern zu können, welches die Verzweiflung des Grafen von Thurn war, – »und ich bin jetzt gewiß, daß ich keine Beleidigung mehr zu fürchten habe.« »Mein Wort wird die Richtschnur meiner Untergebenen sein,« sagte der Graf Podiebrad – »ich hebe diese Versammlung jetzt auf, um mich der Besichtigung der Zimmer zu unterziehen, welche sich in dem St. Niclas-Thurm vorfinden und schon ehemals zu besonderem und ähnlichem Gebrauch benutzt wurden. Meine Vorschriften werden dann Euer Gnaden,« fuhr er zu Thyrnau fort – »in den Stand setzen, noch heute Ihren Umzug zu halten. Sogleich aber werde ich Ihrem Gefolge, welches laut Meldung vor den Pforten der Burg des Einlasses harrt, die Erlaubniß des Eintritts gestatten.«

Thyrnau hatte für ein Mal an diesem Verkehr genug; er verzichtete für den Augenblick darauf, die unerschütterliche Bornirtheit des Herrn Gouverneurs zu bekämpfen, und zufrieden, daß ihm nun endlich eine anständige Existenz zugestanden ward, trieb ihn sein Herz zu Magda zurück.

Als er in die kleinen Gemächer eintrat, sah er Magda außerhalb des Bettes, zärtlich an dem Busen einer alten Frau ruhend, die sie sanft umfaßt hielt, und bald erkannte er Gundula, und Veit trat aus einer Fensternische, und Beider Freude, ihren geliebten Herrn wiederzusehn, war doch mit so viel Schmerz untermischt, ihn so wiederzusehn, daß Thränenströme der erste Ausdruck waren.

Der heitere Ton, mit dem Thyrnau diese Gefühle unterbrach, mäßigte jedoch die vorhandene Stimmung, und selbst ein herzliches Lachen fehlte nicht, als Thyrnau erfuhr, daß der Befehl, der Dienerschaft die Thore des Karlsteins zu öffnen, längst umgangen war, da beide alte Leute den Weg ohne Beschwerde gefunden hatten, den die Kuh der Mutter Grimschütz jeden Morgen zurücklegte. Dagegen mußte das Gepäck, welches die alten Leute über das Maaß hinaus vermehrt hatten, und welches in zwei Wagen wirklich vor den Thoren des Karlsteins harrte, das Oeffnen der Pforten erwarten.

Wie viel auch Thyrnau in anderem Falle gegen die Vorsorge der alten Leute, welche die Ausstattung eines ganzen Hauses mit sich geschleppt hatten, einzuwenden gehabt hätte – jetzt mußte er doch eine Förderung seines Planes darin erkennen, sich so unabhängig wie möglich von dem thörichten Treiben des Gouverneurs und der Besatzung zu machen, und Magda, welche nun durch Gundula eine weibliche Gefährtin gewonnen hatte, sicher zu stellen gegen jede Art von Gemeinschaft mit diesen jungen Männern. Er wünschte daher auch die Tischgenossenschaft ablehnen zu können, und schloß noch zur selben Zeit eine Art Kontrakt mit der alten Grimschütz ab, welche sich sehr geneigt fühlte, unter Gundula's Aufsicht und nach ihren Vorschriften die Beköstigung seines ganzen Hausstandes zu übernehmen.

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