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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Es war im Herbst desselben Jahres, da wandelten zwei jugendliche Gestalten auf den Terrassen des Schloßgartens in der Residenz S. Hinter ihnen lagen die Säle, in denen ein kleines Hoffest die geschmückten Gäste zeigte; und obwohl die Thüren geöffnet waren, hatten doch nur die beiden jungen Damen, welche nicht unter dem Zwange der Etikette zu stehen schienen, es gewagt, sich der frischen Abendluft auszusetzen. Sie waren beide ausgezeichnet schön, und dennoch so verschieden, daß unmöglich ein größerer Gegensatz zu denken war, wenn man auch nicht den Unterschied des Alters dazu rechnen wollte.

Magda, die eine der jungen Damen, näherte sich dem Alter jungfräulicher Schönheit, von dem wir sagen: die volle Blüte habe sich erschlossen. Hedwiga dagegen war eine von den durchsichtig zarten Erscheinungen der ersten Jugend, wo man der schnell sich entwickelnden jungfräulichen Schönheit mit einer Art Befürchtung zusieht. Wir glauben ein zu rasches Treiben zu sehn, die Natur, scheint uns, übereile sich und werde den Zauber, den sie entwickelt, nicht festhalten können. Jetzt wußte man, daß Hedwiga das vierzehnte Jahr vollendet habe; der Fürst hatte die nöthigen Nachweisungen zu geben gewußt, und Kirche und Kirchenbuch hatten diese bestätigt. Aber sie war, nachdem sie ihre kärgliche Existenz verlassen und in gedeihlichere Verhältnisse übergegangen war, so nachholend gewachsen, daß man sie für sechzehn Jahre alt halten konnte, und ihre Höhe die ihrer Muhme Magda überragte. Dabei war sie von der größten Feinheit und Schlankheit der Formen, und ihre Haut und die Farbe, welche die schimmernde Weiße derselben erhob, zart und durchsichtig. Aber wie schön auch jede einzelne Form in ihrem Gesicht war, vor Allem waren es doch ihre wunderbar seelenvollen, großen, dunkelblauen Augen, die Aller Herzen bezauberten und sie zu der hohen Schönheit erhoben, welche ihr bald allgemein zugestanden ward.

Hedwiga hatte in diesem Augenblick die spielende Zärtlichkeit, welche die Jugend so reizend karakterisirt – sie erzählte Magda etwas mit großer Lustigkeit, während sie bald einen Schritt vortanzte, bald sie umschlang, bald mit großer Lebhaftigkeit durch Bewegungen etwas nachzuahmen suchte, was ihre ganze Phantasie in Aufruhr gebracht zu haben schien. Dabei lachte das ganze liebliche Gesicht und zwischen den vollen rothen Lippen glänzten immer die weißen Perlenreihen ihrer Zähne durch.

Magda dagegen ging mit gesenktem Kopf, die Arme hingen von den Händen gehalten vorn hernieder – sie war vielleicht schöner als jemals, denn ihr stand eine reiche Toilette besonders gut und sie war eben so edel und geschmackvoll, als kostbar gekleidet – auch lag ein bezaubernd sanftes Lächeln um ihren Mund, aber auf der Stirn war ein tiefes ernstes Nachdenken ausgedrückt, und wenn sie zuweilen durch Hedwiga's Bewegungen aufgehalten stehen blieb und die langen schwarzen Augenwimpern sich theilten, um diese anzublicken, dann lag in der tiefen Glut ihres schönen Blickes ein unverkennbarer Ausdruck von Schwermuth und Schmerz.

»Nun bat ich sie immer,« fuhr Hedwiga fort – »ruhig zu sein, denn am Ende thaten uns die guten betrunkenen Franzosen doch weiter nichts, als daß sie neben dem Wagen herjagten und einmal über das andere hinein guckten und uns Blumen zuwarfen und mich bis in den Himmel erhoben, weil sie mich so schön fanden; aber die arme alte Gräfin bebte wie Espenlaub und sagte immer: Dabei bleibt es nicht, dabei bleibt es nicht!«

»Nun kannst Du Dir die Noth denken – bitten, stehen mußte ich, daß sie nicht durch ihre heftigen Reden die lustigen Leute erzürnte; dann konnte ich kaum wieder das Lachen lassen, wenn sie schworen, sie wollten mich bis an's Ende der Welt eskortiren; aus einer ganzen Armee wollten sie mich heraus hauen, und wenn der König Friedrich mein Vorreiter wäre, wollten sie doch die Pferde lenken, wohin ich wollte. Nun! rief ich mit einmal, thut meinen Willen, reitet zu Hause – ich fahre durch das Hauptquartier und Graf d'Etrées hat mir einen Geleitbrief gegeben! – Nun war es die Sache, daß es lauter Offiziere waren, die eben von dorther kamen und an der Tafel des Feldmarschalls zu viel getrunken hatten – das wurde nun mit lautem Jubel aufgenommen. Sie brachten dem Marschall ein Lebehoch und waren in ihrem trunkenen Muth überzeugt, sie würden von ihm belohnt werden. Es wäre vielleicht Alles gut gegangen, wenn sie nicht in ihrer Tollheit beschlossen hätten, unsern Postillon und Bedienten absteigen zu lassen und sich auf die Pferde zu schwingen und den Bock zu besteigen. Jetzt gerieth die arme Hautois in solche Verzweiflung, daß sie nicht aufhörte, um Hülfe zu schreien, und mir wurde doch auch nicht wohl, denn die Wege sind schlecht und diese tollen Pferdelenker wurden immer berauschter, der Wagen hopste auf und nieder, bald hier, bald dahin fliegend – bis ein quer über den Weg laufender Graben dem Spaß ein Ende machte. Diese guten Kavalleristen wollten ihre Pferde hinübersetzen lassen und vergaßen, daß die große schwere Kutsche ihnen auf dem Nacken saß.«

»Nun kannst Du Dir den Ruck denken! Im Augenblick lagen wir Alle, von den Sitzen herunter geworfen – die Gräfin saß auf der armen Mora wie auf einem Sattel – ich hatte die Haube der Kammerfrau im Munde und wir Alle schrien, was wir konnten.«

»Wie lange das dauerte, weiß ich nicht – wir merkten aber wohl, daß Keiner gestorben oder verwundet war, und richteten uns auf und horchten ein wenig – da hörte ich zuerst die geliebte unvergeßliche Stimme. Sieh, Magda! wenn er spricht, dann fühle ich es hier!« Sie legte die Hand auf ihre Brust. – »Als wenn hier Saiten gezogen wären, welche die Stimmung des klingenden Tons hätten, der durch die Luft dringt, wenn er spricht – gleich bewegt es sich – dann ist ein Jauchzen in mir – ich könnte singen – oder weinen – oder lachen!«

Magda blieb stehn; sie drückte einen Augenblick die Hand gegen die Stirn und blickte Hedwiga an – sie war so blaß geworden, jetzt erröthete sie plötzlich tief; dann ließ sie die Hand sinken und setzte ihren Weg fort.

»Das ist Lacy!« rief ich sogleich und die Fenster niederlassend rief ich ihn laut bei Namen. Er sprach eifrig mit den Offizieren – Du weißt, Magda, kein Mensch kann so würdevoll, so ernst gebietend aussehn als er. – Er hielt vor den französischen Herren und ich sah, wie er mit dem höflichsten Ernst sie auf ihr Betragen aufmerksam machte, denn unsere Leute hatten ihm Alles erzählt. Ich hätte den sehen wollen, der ihm widerstanden hätte – Magda, hast Du ihn wohl gesehn, seit er Soldat geworden ist?« Magda schüttelte leise den Kopf.

»Sieh, Magda! – er müßte der Feldherr der Kaiserin werden, da siegte sie sicher überall! – Er ist, glaube ich, gewachsen – er nimmt so viel Platz ein – die Augen sind so groß und dunkelblau – so erquicklich hinein zu sehen – dann ist sein Gesicht so schön roth und braun auch – das kann man recht sehn, wenn er den Hut abnimmt, die Stirn ist dagegen so weiß wie Deine Hand! Nun hat er jetzt nicht viel Zeit zum Pudern, da solltest Du sehen, was er für schönes hellbraunes Haar hat, fast blond und als wollte es sich von selbst locken – und nun rathe, was er noch hat?«

»Nun,« sagte Magda leise und lächelte, ohne aufzusehn.

»Von demselben Haar – also schon hellbraun, einen großen langen Bart über den Mund« – rief Hedwiga und schlug lachend dazu in die Hände. Magda nickte auch lächelnd – Hedwiga erzählte weiter: »Nun rief die gute Gräfin Hautois immer zum Wagen hinaus: »Herr Graf von Lacy retten Sie uns! Um Gotteswillen retten Sie uns!«

»Endlich grüßte er die Herren sehr ernst und sprengte an die Seite des Wagens, wo die Gräfin saß, indem er sie herzlich begrüßte und sie bat, ruhig zu sein, da er vom Feldmarschall Daun zum Grafen d'Etrées beordert sei, also das Vergnügen haben werde, den Wagen selbst nach dem Hauptquartier zu bringen. Das sagte er Alles so schnell, mit solcher lieben Freundlichkeit, daß ich vor Hören und Sehen nicht reden konnte. Doch nun denke Dir den Spaß – er kannte mich nicht! »»Uebrigens, mein Fräulein,«« fuhr er lächelnd fort und sah über die Gräfin weg nach mir hin – »»haben Sie mit Ihrer unvergleichlichen Schönheit all dies Unheil angerichtet, und ich werde, nun ich so glücklich bin, Sie zu sehn, nachsichtiger gegen meine armen Kameraden, die allerdings Alle den Verstand verloren haben.«« – Sieh, Magda! werde ich hundert Jahr, so vergesse ich diese Worte nicht! Ich weiß nicht, warum es mich so sehr freute, daß er mich nicht gleich kannte und daß er mich so schön fand. Ich sagte auch nichts, aber ich sah ihn immerfort an, und er mich auch – und mit eins rief er: »Diese Augen – mein Gott! das sind Hedwiga's Augen!« – »Lacy! Lacy!« rief ich nun – »ja! ja! ich bin Deine Hedwiga!« – Er stürzte nun um den Wagen herum – ich weiß nicht, wie er vom Pferde gekommen ist – er riß den Schlag auf und ich fiel ihm mit beiden Armen um den Hals.«

Magda setzte sich eben auf einen Sitz, über dem duftende Orangen standen. – »Fahr fort, Liebe!« sagte sie sanft – »ich werde müde.«

»Ja,« sagte Hedwiga, sich zu ihr sehend – »von der Freude kannst Du Dir keine Vorstellung machen!« Seit Claudia's Tode« – sagte er – »hätte er sein Herz nicht schlagen fühlen; aber mich so wieder zu sehn, mache ihn ganz selig. Immer hätte er gedacht, meine Augen müßten einmal die schönste Zugabe eines Mädchens sein – aber so hätte er doch meine Entwicklung nicht gehofft! Erkennst Du Lacy wohl wieder?« fragte hier Hedwiga lachend.

»Nein!« sagte Magda kaum hörbar – »er muß außer sich gewesen sein!« – Jene fuhr fort: »Sonst hieß es immer – Hedwiga, springe nicht so hoch – lache nicht so laut – mische Dich nicht in Alles! Wie hatte sich das umgeändert – und zum ersten Mal kam ich mir erwachsen vor und wollte recht fein und würdig sein, und nicht sehr lachen, und verständig reden – und als wir im Hauptquartier ausstiegen, sprang ich den Tritt nicht von oben herunter, sondern ich setzte, wie Gräfin Hautois, einen Fuß vor den andern! – Nun das Weitere weißt Du – das war ein glücklicher Abend, als wir zusammen blieben, und wie er ging, sagte er mir: Dies Begegnen werde ihm unvergeßlich sein!«

Gegen Ende dieser Erzählung war die Fürstin von mehreren Personen begleitet auf die Terrasse hinaus getreten und hatte diese verlassend sich den beiden Mädchen genähert. Sinnend blieb sie stehn und betrachtete Magda's Gesicht während der Erzählung, da diese sie nicht bemerkte.

Dann schnitt sie beinahe Hedwiga's letzte Worte ab, indem sie rasch auf Magda zutrat und die fast Erschreckende von dem Sitze aufzog und mit einem bewegten ungeduldigen Ton sagte: »Die kleine Schwätzerin wird Schuld sein, wenn Du Dich erkältest – auf einem Marmorsitz so lange nach Sonnenuntergang! Komm, Liebe! das Konzert soll gleich angehn und im Saal habe ich die Kamine zu heizen befohlen. Auch Du, Liebe!« sagte sie zu Hedwiga gütiger – »solltest Dich nicht so leicht gekleidet hier so lange aufhalten – Kinder in Deinem Alter, wo das Wachsen so überhand nimmt, müssen sehr vorsichtig sein.« Hedwiga schlug ihre kleine Schürze um den Nacken und lief dann und küßte der Fürstin die schöne Schulter. »Sei nicht böse, liebe Mama!« sagte sie hold – »aber wenn wir von Lacy reden, vergessen wir die ganze Welt!«

Die Fürstin hielt sie einen Augenblick fest und sah ihr mit prüfenden Blicken in die weichen Züge, die von der Liebe ihre Form und ihren Reiz entlehnt zu haben schienen – dann, als würde sie selbst davon überwältigt, küßte sie sie schnell und sagte freundlich: »Lauf Du, liebes Kind!« Hedwiga flog dahin – langsam folgten beide Frauen – aber die gewandte Fürstin Therese suchte vergeblich nach einem Worte, was die Stille unterbrechen sollte, und so erreichten sie die Hofleute, und als Magda schauderte, erzählte sie die Unvorsichtigkeit mit der marmornen Bank und fragte, ob sie sich unwohl fühle.

»Nein,« sagte Magda – »aber Ruhe wäre mir besser!«

»So gehe denn,« rief die Fürstin und führte sie selbst in den Saal, von dem aus sich Magda nach ihren Zimmern begab.

Das Fest hatte alles Leben in dem andern Theile des Schlosses vereinigt. Auch ihre Zimmer waren leer und die Lichter brannten nicht. Aber der Mond erhellte, gerade davor stehend, alle Räume, und als sie in ihr schönes Wohnzimmer trat, lag Bezo auf dem Teppich an der Thür und schlief sanft. Magda glitt leise über ihn weg und eilte dem Fenster zu, welches geöffnet den Blick über die schöne Gegend hinaus hatte. Sie sank in den Lehnsessel, der in der Fensternische stand und fühlte sich sehr ermüdet und ihren Athem so gepreßt, ihren Kopf so eingenommen. Sie blickte immer still hinaus und fühlte, daß sie zu keiner Klarheit mit sich kam. Aus dem Hauptgebäude des Schlosses erhob sich jetzt das Konzert – einzelne Tonschichten besonders, von den langhin sich tragenden Blasinstrumenten, erreichten sie. Plötzlich brach sie in Thränen aus – sie weinte ein Gefühl aus, dem sie keinen Namen geben konnte. Die Töne verstummten – ihre Kammerfrau kehrte zurück, es war spät geworden. »Liebe« – sagte Magda – »zünde nur die Nachtlampe an und entkleide mich. Ich glaube, ich bin sehr müde.« – – Als sie im Bette lag und die Vorhänge desselben über der Einsamen zufielen, sagte Magda plötzlich laut: »Sie liebt ihn! – und er?« – sie schwieg – dann betete sie das demüthigste Gebet christlicher Liebe und Ergebung und schlief sanft ein. –


Ein Jahr nach dem Tode Claudia's schrieb Thyrnau dem Grafen Lacy, daß sich der Tag nahe, an welchem er durch ihn ihren letzten Willen erfahren solle; doch mußte der Graf die Zusammenkunft bis zur Beendigung des Feldzuges ablehnen, da die Pläne des Grafen Daun, die er mit Enthusiasmus theilte, eine solche Entfernung unmöglich machten. Thyrnau wußte dies vorher und hatte bloß Claudia's Willen erfüllt, indem sie vier Wochen nach ihrem Todestage, den sie damals schon nahe fühlte, zur Besprechung mit ihrem Gemahl festgesetzt hatte.

Thyrnau's Lage hatte sich indessen geändert. Er hatte mit großem Fleiß und mit der raschen Uebersicht, die ihm eigen war, das große Geschäft, welches ihm die Kaiserin übertragen, bis zu einem Punkte vorbereitet, daß nur noch mündliche Vorträge fehlten, um dem Ganzen seine Bestätigung und Vollendung zu geben.

Die Kaiserin hatte zwar die Absicht gehabt, indem sie Thyrnau nach Wien berief, diese Bestätigung hinzu zu fügen; aber so klar Thyrnau auch das große Werk, wobei ihm die Bestrebungen seines ganzen Lebens zu Hilfe gekommen waren, im Stande war, der Kaiserin vorzulegen – die Zeitepoche, in der sie sich befand, nahm um so mehr ihren Geist in Anspruch, da ihr Gemüth wie ihr Herz in eben dem Maße ergriffen waren, und obwohl sie bis zur beendigten Darlegung des ganzen Werkes ihre Aufmerksamkeit mit lobenswerther Geistesstärke darauf richtete, lehnte sie doch alsdann die Erörterungen darüber entschieden ab, welche der Sache noch ihr eigentliches Leben geben mußten, da der Frieden erst den Boden sichern sollte, auf dem dies Leben erblühen konnte. »Ach, Frieden! Frieden, mein ehrlicher Thyrnau!« sagte sie zu ihm – »dann will ich den Tempel des Janus mit drei doppelten Thüren verschließen lassen – und dann will ich Böhmen an mein Mutterherz nehmen und seine Wunden selbst verbinden. Gott wolle Euch das Leben bis dahin erhalten! Ihr seid ein rüstiger Arbeiter gewesen und obwohl wegen Eurer früheren Jugendhandlungen, die jedoch mehr meinen Vorfahren als mir selbst galten, mir nicht recht zusteht, Euch jetzt schon öffentlich auszuzeichnen, möchte ich Euch doch deutliche Beweise meiner Gesinnung geben – und da Ihr mit einer Arbeit fertig seid, die sich nicht gerade unpassend zu Eurer milden Gefangenschaft verhielt, weshalb wir sie bis dahin nicht abzukürzen suchten – wollen wir doch jetzo Eure Freiheit nicht weiter beschränken und der Graf von Kaunitz wird Euch darüber einhändigen, was unsern Willen kund thut. Wie ich nicht zweifle und was vorläufig das Beste sein möchte, um Euch der Aufmerksamkeit zu entziehn – wird dann von Euch selbst eine kleine Landesverweisung genehmigt werden, wozu uns die nächste Veranlassung die Liebesbriefe der Fürstin von S., unserer Muhme Therese, scheinen, an der wir große Freude erleben – und welche uns eben als Pathin zu ihrem ersten Kinde, einer Tochter, einladet – und dabei beständig nach Euch ein Verlangen trägt, daß ich den Fürsten sehr dreist finde, der diese Wünsche lebhaft unterstützt! – Nun habe ich beschlossen, Ihr sollt den Brief, worin ich die Pathenstelle annehme, der Fürstin selbst überbringen, womit ich mich Euch Allen geneigt zu machen denke!«

Diese Rede, in der ihr wohlwollendes Herz allein sich ausdrückte, ward noch durch das jetzt so seltene Lächeln des Scherzes verschönert, welches andeutete, daß sie ganz die Gegenwart vergessen habe, die ihre Stirn oft furchte und der melancholische Inhalt ihrer Reden war.

Nachdem ihr Thyrnau mit großer Rührung gedankt hatte, unterbrach sie ihn plötzlich, indem sie lebhaft rief:

»Doch halt! – Sagt mir als ein ehrlicher Mann, was das für eine Geschichte ist mit dem Trautsohn und Eurer Enkelin, der Magda Matielli? Wie habt Ihr denn dem zusehen können, als ein weiser Mann?«

»Nicht als ein weiser Mann, Euer Majestät!« sagte Thyrnau lächelnd – »sondern als ein gefangener Mann. Die Verhältnisse waren gegeben, ich hatte keine Gewalt darüber, und was ich dagegen zu thun versuchte, gelang nicht durch die besondere Stellung des Jünglings zu seinem Vormund, der sich erst dem Willen Eurer Majestät gebeugt hat Uebrigens war nur immer der eine Fall zu beachten, nämlich den Jüngling von Magda fern zu halten, denn diese hatte so wenig Acht auf ihn und seine Liebe für sie, daß sie ihn wie ihren Spielkameraden behandelte.«

Die Kaiserin lächelte und indem sie zur Gutenberg umsah, sagte sie: »Das ist das sonderbarste Mädchen, das mir je vorgekommen ist! Und wir wissen wohl, daß bei ungewöhnlichen Handlungen, wie sie uns zugemuthet werden, ungewöhnliche Tugenden der beteiligten Personen unsern Entschluß bestimmen müssen. – Ihr Vater war ein Bildhauer – die Matielli waren aber wohl nur ehrliche bürgerliche Florentiner?« fragte sie weiter. –

»So ist es!« sagte Thyrnau – »und Magda hat einen gewissen Stolz auf diese bürgerliche Stellung – genug – sie ist unter meinen Augen aufgewachsen« – fügte er lächelnd hinzu.

»Hem!« sagte die Kaiserin – »ich weiß recht gut, daß der liebe Gott sich nicht alle Wiegen mit Wappenschildern aussucht, um seine Genie's hinein zu legen; aber es hat doch besser Art, wenn die alte Ordnung des Lebens erhalten wird, und das durch einander Heirathen, um der tollen Liebesanfechtungen willen, ein wenig erschwert bleibt.«

»Das denke ich auch,« entgegnete Thyrnau freimüthig – »und Magda ist derselben Meinung! Wider meinen Willen ist mein Leben eine seltsame Musterkarte solcher geschlossenen und projektirten Heirathen geworden; aber wenn ich obigen Grundsatz festhalte, ist er mir doch immer sehr gering erschienen, da wo edle Menschen durch wahres Gefühl zu einander hingezogen wurden, und durch diesen im Allgemeinen richtig scheinenden Grundsatz getrennt werden sollten. Diese sind aber auch weit entfernt von toller Liebesanfechtung! – Wie ihr Gefühl selbst eine Ausnahme ist, veredeln sie die Ausnahme, welche sie den Verhältnissen abfordern und nöthigen uns Achtung davor ab, weil ein solches Gefühl in seinem Entstehn und seinem Inhalt nach nur aus einer höheren geistigen Geltung der Individuen hervorgehen kann und eine Wiederholung so hohe Eigenschaften bedingt, daß, wenn sie oft möglich wäre, was ich bezweifle, auf diesem Wege vervielfältigt, sie jeder Korporation zur Bereicherung und Veredlung dienen würde.«

»Ja, ja!« sagte die Kaiserin – »mein guter Thyrnau, Ihr habt für alle Dinge, die Ihr vertheidigen wollt, einen besonders schönen Redefluß.«

»Wenn Euer Majestät der Meinung sind, so hoffe ich, daß es daher entsteht, daß ich die Dinge frei ihrer Natur nach beurtheile und mich und mein Interesse nicht hinein verflechte. Auch hierbei muß ich bemerken, daß, wie auch die Pläne, welche der junge Fürst von Trautsohn Euer Majestät vorgetragen haben mag, sein mögen, sie gegen meine Wünsche und mein Interesse sind.«

»Das haben wir jetzt nicht zu besprechen,« sagte die Kaiserin. – »Laudon hat den jungen Herrn in die Schule genommen und es kommen immer gute Berichte über ihn. Ehe der Mann aber nicht weiß, was er dem Leben werden kann, soll er nicht voreilig versprechen wollen, einem Weibe Alles zu sein – drum werden wir ihn uns noch etwas abhalten mit seinen anderweitigen Plänen.«

Sie entließ Thyrnau auf das Gnädigste – und dieser fühlte bei aller Weisheit und Ruhe, die ihm eigen war, dennoch ein wunderbares Behagen, als er sich im Besitz seiner vollen Freiheit auf dem Wege zu seiner geliebten Magda sah – und das mit dem Gefühl, freier zu sein als früher, da nichts mehr im Hintergrunde seines Lebens lauerte, was im Stande war, seine äußere Existenz zu bedrohen.

Unbeschreiblich war das Entzücken, mit dem er bei dem Fürsten von S. empfangen wurde, wo jede der vier Hauptpersonen auf eine besonders innige Weise an ihn gefesselt war.

Die Fürstin erschien nach ihrer Entbindung noch nicht wieder öffentlich und so gestaltete sich ungestört in ihren Zimmern das innigste Familienleben; nur Lacy fehlte diesem Kreise und ward von den Unbefangenen oft laut vermißt und seine Ankunft herbei gewünscht.

Egon dagegen machte seinem Großvater einen kurzen Besuch, und Alle freuten sich seiner Stattlichkeit und seines gutmüthigen edlen Benehmens.

Die Fürstin Therese war aber auch die liebenswürdigste Stiefmutter, die zu denken war; als sie Egon ihr kleines Mädchen zeigte, sagte sie hold lachend: »Sieh! diesmal habe ich Dir den Gefallen gethan, Dir eine Schwester zu schenken; aber sage aufrichtig, wenn es nun ein kleiner Erbprinz geworden, wärest Du mir nicht abhold geworden?«

»O Mutter,« rief Egon und nahm ziemlich herzhaft die kleine Schwester in seine Arme – »schenke mir noch sechs Brüder und Du sollst sehn, ob sie einen zärtlicheren Bruder und einen treueren Unterthan als mich finden können! Der Großvater hat mir lang auseinander gesetzt, daß es besser wäre, wenn Du dem Lande den Erbprinzen gäbest, und ihm kann man doch wohl in Allem vertrauen!«

»Du bist ein wackrer Mensch,« rief die Fürstin mit Thränen in den Augen – »erdrücke mir aber nicht aus brüderlicher Liebe meine kleine Maria Theresia – denn sie ist mir vorläufig so lieb als ein Erbprinz – und soll es mich nicht grämen, wenn Du der einzige bleibst!«

Egon bekam von seinem Vater Erlaubniß, seiner von beiden Kindern zärtlich geliebten Mora für ihre Zukunft einen Platz einzurichten, wie er ihm passend schiene. Neben der Gärtnerwohnung im Schloßgarten selbst ward denn auch ein kleines Häuschen eingerichtet, wobei ein Hühnerhof, ein Blumengarten und ein Ziegenstall war. Das Innere wurde von Hedwiga und Magda mit Leinen und Betten, Schränken und Stühlen versehn, und neben dem großen Gardinenbett an dem behaglichen Kamin stand vor einem gefütterten Lehnstuhl das Wollrad – und am Fenster, das über den Garten hinweg sah, da lag so viel Vorrath zum Sticken von Gürteltaschen und Pantoffeln, wie sie sonst immer vergeblich gewünscht.

Magda führte die alte, noch immer rüstige Frau nach der neuen Besitzung und dort empfingen sie die beiden durch ihre Liebe geretteten Kinder. Beide hatten eine Kleidung angelegt, wie Mora sie ihnen damals selbst erwarb, von grober Wolle – und Egon stand im Hof und spaltete ihr das erste Holz für die kleine Küche und Hedwiga fütterte die Ziege, die aus ihrem zierlichen kleinen Stall lustig hervorsah. Das arme Weib erlag fast diesem Anblick und die Kinder hielten sich nicht, obwol sie ernsthaft fortfahren wollten – sie stürzten über sie her und weinten mit ihr unter den zärtlichsten Liebkosungen.

Dann ward sie umher geschleppt durch das ganze Haus – in Küche und Keller und überall hin; hier wie in allen Schränken waren reiche Vorräthe gehäuft, was ihr nun Alles zu eigen war – und eine junge Dirne war ihr in einem eigenen Kämmerchen zugesellt, damit sie Pflege habe. »Das Beste thue ich aber allein,« rief Hedwiga – »denn alle Tage besuche ich Dich!«

Nun wurden Alle sehr lustig, Egon machte mit Gewalt selber Feuer an und Mora mußte in dem kleinen Kessel, der genau nachgemacht am Heerde hing, die bewußte Brodsuppe kochen, die ihnen so oft den Hunger vertrieben.

Als sie Alle um den Tisch saßen und aßen, und tausend Geschichten aus der Vergangenheit sich erzählten, öffnete sich die Thür und Thyrnau, der Fürst und Lacy traten zu den Glücklichen ein. Dies erhöhte nun den Jubel und brachte Alle leichter über das Wiedersehn fort in die alten Geleise der Liebe und des Vertrauens. Der Fürst bestätigte der alten Frau dabei ein Gnadengehalt, woran er Thyrnau den halben Antheil hatte gestatten müssen, welches ihr ein reichliches Auskommen für ihre übrigen Lebenstage sicherte.

Lacy hatte nach der wichtigen Niederlage des Königs von Preußen bei Hochkirch um so eher Urlaub erhalten können, da Daun nach dem Schlage, welchen er dem Feinde beigebracht, mit seinem gewöhnlichen Phlegma sich anschickte, alle Operationen für dieses Jahr einzustellen, und auch in der That das Jahr 1758 mit dieser allerdings großen kriegerischen That beendigt wurde, womit er den Widerstand seines großen Gegners aufs Neue belebte.

Lacy entsprach in Wahrheit der Beschreibung Hedwiga's. Seine volle männliche Schönheit war erst in dem ganzen Gebrauch seiner Kräfte und der angemessenen Thätigkeit hervor getreten und diese hatten ihn zum vollendet schönen Manne gemacht. Dabei war seine Stimmung so ungemein erhöht, so lebhaft, so von innerem Glücke bewegt, so hingebend gegen alle die Lieben, die er versammelt fand, daß ein Jeder seiner Nähe froh ward und sich Keiner auf Kosten des Andern begünstigt hielt.

Thyrnau und Lacy waren von dem Gefühl, das inzwischen viel Wichtiges vorgegangen war, noch Wichtigeres ihnen bevorstand, doppelt bewegt, und Thyrnau sah oft lächelnd, wie sein junger Freund fast eben so vor ihm floh, als ihm dann wieder mit offenen Armen entgegen eilte, zwischen Furcht und Hoffnung die Entscheidung eben so ersehnend als vermeidend.

In einer frühen Morgenstunde endlich schlangen sie wie verabredet die Arme in einander und wanderten in den stillen herbstlichen Garten hinaus, durch dessen nur noch wenig belaubte Bäume die Sonne den bereiften Boden erquickte und die rüstigen Fußgänger wärmte.

»Vater,« sagte Lacy, nachdem sie eine Zeit lang fortgewandert waren – »willst Du jetzt, wo Du frei bist, endlich unrecht Gut von meinen Schultern nehmen?«

»Davon nachher,« unterbrach ihn Thyrnau – »denn es fällt von selbst aus, wie es muß, wenn wir das Wichtigere festgestellt haben. Zuerst von Claudia's letzten Wünschen für Dich – es ist ihr letzter Liebesgruß an Dich!«

»Als ich damals nach Wien abging und sie sich zuvor mit mir im Geheim unterredete, zweifelte sie an ihrer nahen Auflösung nicht mehr – und völlig versöhnt mit diesem Gedanken, warst Du die einzige irdische Sorge, die sie zurück ließ. Mit ihrer feinfühlenden Seele haßte sie vollkommen die Scenen an Sterbebetten, wo den Zurückbleibenden so oft von den Sterbenden die unzartesten Bestimmungen für ihr ferneres Leben aufgenöthigt werden. Dich damit und in jenen Augenblicken nicht zu kränken, war sie fest entschlossen, und wollte daher, daß ich – und zwar erst nach einem Jahre – damit Dein Herz ihrem Andenken jede Dir nöthige Genugthuung schenken könne, daß ich Dir alsdann sagen möchte – daß der heißeste Wunsch, den sie auf Erden zurück ließe, Deine dereinstige Vermählung mit Magda sei!« –

»O Thyrnau!« rief Lacy und stürzte bewegt in seine Arme. Beide hielten sich einen Augenblick schweigend umfaßt, dann fuhr Thyrnau fort:

»Sie bat mich, Dir noch einmal zu sagen, daß Du sie sehr glücklich gemacht hättest – daß sie fest überzeugt sei – Dein Gefühl für sie habe sich nie geändert oder gemindert!«

»O! Sie hatte Recht!« rief Lacy, hier lebhaft Thyrnau unterbrechend – »Sie hatte Recht! Nur erfuhr ich, wie viel im Menschen neben einander Platz hat!«

»Das waren ihre Worte. Mehr, als ich verhindern konnte, sagte sie mir, hat es ihn gequält, daß dessen ungeachtet sein Herz für Magda in die schöne jugendliche Schwärmerei der Liebe gerieth! – Ich glaubte nie durch das Gelübde, was ich empfangen, die Beherrscherin seines ganzen Menschen geworden zu sein, – ich hatte die Ehe, die er gegen meine Ueberzeugung, aber von der heißesten Liebe meines Herzens verführt, mit mir einging, mit wahrer Demuth angenommen, mit dem beglückenden Gefühl, an seiner Seite leben zu können, und mit der Ahnung, daß dem jüngeren Manne noch Erfahrungen aufgehoben sein könnten, die ich ihm dann tragen helfen könnte. Den Morgen nach unserer Hochzeit, als er mir den Inhalt seiner Reise nach Tein mittheilte, wußte ich, daß sein Herz eine Erschütterung erfahren, die vielleicht Magda's erster Anblick schon in ihm vorbereitet hatte. Ich will nicht leugnen, daß ich da den Schmerz kennen lernte – aber nicht lange – denn die Liebe besiegte ihn und ich dachte nur daran durch das hingebendste Vertrauen ihn ruhig zu erhalten, und indem ich den natürlichen Andrang der Verhältnisse, die mich bedrohten, in ihrer Nothwendigkeit anerkannte, vereinigte ich mich selbst mit ihnen, und erweckte denselben Antheil dafür in mir, den Lacy dafür empfinden mußte.«

»Er fühlte sich nun nicht verlassen und allein – und das war das wahre Eheband, was ich mit ihm schloß, daß er in mir überall die Gefährtin, die Teilnehmerin fühlte. Gewiß habe ich dadurch das leidenschaftliche Wachsen seiner Liebe zurückgehalten, denn in solcher Lage ruft der Streit nach Außen die gefährlichen Geständnisse nach Innen hervor, welche alsdann verschlossen und in Widerspruch tretend zu den täglichen Verhältnissen die leidenschaftlichen Zustände nothwendig erzeugen, die alle Betheiligte wenigstens in Gefühlssünde verstricken. Das sind ihre Worte, Lacy,« fuhr Thyrnau gerührt fort – »und wir werden Beide gestehen müssen – selten war das Leben eines Menschen vollständiger mit seinen Worten in Uebereinstimmung – als dies bei Claudia der Fall war!«

»So ist es!« rief Lacy begeistert – »und setze noch hinzu – daß ihre wahre Größe darin noch ihre Bestätigung erhielt, daß sie es nie zu einem Bekenntnisse meinerseits kommen ließ, daß sie nie eine Scene veranlaßt, daß sie mich bei dem innigsten Vertrauen stets in Zweifel erhielt, wie weit sie mich durchschaut – dadurch gab sie mir eine Schranke, hinter der ich meine Gefühle oft so verbarg, daß ich mir ihrer kaum noch bewußt wurde und ihnen stets ein mäßiger Karakter bewahrt blieb!«

»Auf ihre Frage über Deines Oheims Verfügungen in Bezug auf Deine und Magda's Verbindung gab ich der edlen Freundin Aufschluß. Schon damals stellte ich es ihr frei, ob sie Dich davon unterrichten wolle oder nicht. Wie gesagt – unser Verhältniß schien mir eine höhere Begründung zu zeigen, als daß ich es noch erschüttert oder verändert hätte fürchten können, durch die geringe Frage über pekuniären Besitz. Aber sie lehnte es von sich ab, obwohl sie meiner Meinung war, und wünschte den natürlichen Gang nicht zu verändern, der Dir mit Magda's dereinstigem Besitz Alles unbestritten zukommen ließ. – Auch wollte sie in der Zeit, wo sie sichtlich dem Tode entgegen ging und Du Dich hart fast von allen Gefühlen los zu machen suchtest, die ihr zu nahe treten konnten, auch wollte sie Dich da nicht verletzen durch eine Unterredung, in der nur zu leicht verrathen werden konnte, Du habest ihr dennoch Dein Gefühl für Magda nicht entziehen können.«

»O Engel!« rief Lacy, begeistert seine Hände zum Himmel erhebend, als suche er sie dort – »o Triumph weiblicher Weisheit und Güte! O! wie hast Du mir nun Recht gegeben – wie ist meine erste jugendliche Liebe, indem sie auf Dich fiel, als die reinste richtigste Erkenntniß Deines hohen ausreichenden Werthes bestätigt! Ja ich darf es sagen, das Gefühl, mit dem ich um Dich warb, es ward nicht geschwächt, sondern stärker, inniger, je länger je mehr – und indem ich die volle jugendliche Schwärmerei der Liebe kennen lernte, habe ich Dich doch fort geliebt und fühlte Dich so nothwendig zu meinem Glücke, wie ich lebenslang eine heiligende Trauer um Dich empfinden werde!«

Lacy hatte die Gegenwart vergessen. Er redete zu Claudia – er fühlte ihre Nähe – sie neigte sich lächelnd zu ihm – das Band, was sie vereint, war auf der Erde nicht beschädigt, durch den Tod nicht zerrissen.

Beide gingen eine Zeit lang stumm neben einander. Am Ende der Allee stand ein Gebäude von einer Etage – es hieß: die Einsamkeit! Eine Bibliothek war in dem mittleren Saale aufgestellt, auf der einen Seite lag ein Kabinet mit einigen herrlichen Bildern, auf der andern Seite war ein Marmorkabinet mit vier schönen Marmorstatuen – in der Mitte erhob sich in einer glänzend weißen Schale ein Springbrunnen, dessen leises Geplätscher das einzige Geräusch war, was hier eindrang, denn die Waldpartien umgrenzten dies Haus und das kurze Moos breitete seinen grünen Teppich bis an die Marmorstufen, die zu den Fensterthüren führten. Auf einem Holzsitz vor dem Marmor-Kabinet saß der alte eisgraue Wächter der Einsamkeit – und wie er so träumend, zwischen Wachen und Schlafen mit seinen langen schon weißen Locken und weißem Bart dort Tag für Tag Wache hielt, die Hände um die müden Knie geschlungen – hatte ihn die Fürstin »den getreuen Eckart« genannt, welcher von der Nymphe, die in dem Springbrunnen wohne, bezaubert von ihrem leisen Liebesgeschwätz, an ihrer Schwelle gefesselt werde.

Mechanisch lenkten beide Männer ihre Schritte nach diesem Hause. Beide wußten, wen sie dort finden würden und Beide scheuten es nicht mehr – es drängte sie der Entscheidung entgegen.

In dem Bibliothekzimmer saß Magda vor einem kleinen Lesepulte, worauf ein Werk aufgeschlagen war – aber sie las nicht darin – zurückgebogen in den Lehnstuhl, war sie in tiefes Sinnen versunken. Ihr schönes Gesicht war ungewöhnlich blaß – die schwarzen schweren Haarflechten waren tiefer herabgesunken und umsäumten enger das feine Oval und verstärkten zugleich die Blässe der Farbe – sie trug das faltige lange schwarze Kleid, was um sie her ausgebreitet lag, und um den Hals das schöne feine Spitzentuch, was ihre Erscheinung so reizend züchtig machte. Ihr Kinn stützte sie mit den zusammen gezogenen Fingern ihrer einen schlanken Hand, während die andere müde mit einem weißen Tuche an ihr niederhing. Beide waren so leise gekommen, daß sie, ungestört und unbeachtet von Magda, sie betrachten konnten.

Endlich traten sie näher – ihren Schatten, als sie die Thür einnahmen, fühlte Magda – sie blickte um und als sie Beide erkannte, streckte sie die Hand nach Thyrnau aus, und gleich traten sie ein und waren an ihrer Seite, und sie reichte nun auch Lacy die andere Hand, und nach einem flüchtigen Blick auf Beide lächelte sie und erröthete, und Thyrnau zog einen Stuhl dicht neben sie, denn sie sagte unaussprechlich natürlich: »Geh' nicht von mir!« Lacy aber kniete vor ihr nieder, und sein schönes glühendes Gesicht dicht vor sie bringend, sagte er, ihre Hand festhaltend:

»Magda – Claudia schickt mich zu Dir – heute soll ich mein Herz vor Dir entlasten und sie hat ihren Segen über diese Stunde gesprochen – und der Vater führt mich zu Dir! – Darf ich sprechen – und willst Du mich anhören? Weißt Du, was ich will?«

»Ich weiß es,« sagte Magda leise und sah still mit höherem Erglühen in ihren Schooß. – »Gott sei uns Allen gnädig!« fügte sie hinzu – »aber setze Dich!«

»Magda,« sagte Lacy, nachdem er sich dicht vor sie gesetzt – »ich sah Dich an dem Tage, wo ich mich mit Claudia verlobt hatte! Nie werde ich den Augenblick vergessen – Dein Anblick überwältigte mich so, daß ich laut hätte aufschreien mögen – die Hände ringen! Von diesem Augenblick an habe ich Dich geliebt – aber ich leugnete es mir – und hatte fast ein Zürnen gegen Dich – und stritt mit Claudia über Dich, und wollte ihre Vorliebe für Dich ihr ausreden! Dann sah ich Dich in voller Schönheit am Christophorusbrunnen, als ich die Kinder abholte – und dann in Tein an dem verhängnißvollen Tage, der mich über meine gewachsene Liebe zu Dir außer Zweifel ließ! Von da an habe ich Dich mit Bewußtsein geliebt – aber wie man Heilige liebt, in dem Schrein meines Herzens aufbewahrt – in keine Berührung mit der Welt gebracht – so nur konnte ich Dich meinem Herzen retten, Dich ihm bewahren – so nur nicht daran elend und unglücklich werden und das theuerste Wesen – Claudia – vor dem doppelten Schmerz der verrathenen Hingebung und der Täuschung an dem Manne ihrer Liebe bewahren. Claudia hat mir eine Stimme aus dem Himmel gesandt, die hat mir heut gesagt, daß ich durchgeführt, was ich beschlossen hatte, daß das edelste Wesen nicht unglücklich gewesen ist. Und dann, Magda, hatte Claudia meine Liebe zu Dir errathen; ich wußte es, obwol wir beide schwiegen, und heute empfange ich ihr Geständniß darüber durch den Vater. Ihr letzter Wunsch ist gewesen, daß meine tugendhafte Liebe zu Dir durch Deinen Besitz belohnt würde. – Magda, jetzt kniee ich vor Dir und flehe Dich an – erfülle den heißesten Wunsch meines Herzens – sei mein! Claudia segnet uns und der Vater führt mich zu Dir!«

»Ach,« sagte Magda und faßte seine flehenden Hände in die ihrigen – »ich wußte Alles, was Du mir sagen würdest – und wie viel leichter hast Du es als ich, da Du nur Dein Herz durftest sprechen lassen, um gewiß zu sein, daß Du mich und Dich glücklich machen würdest! Ich aber,« sagte sie traurig – »ich muß gegen mein Herz, gegen Deine Wünsche sprechen, damit wir das Rechte erkennen lernen. O, helft mir doch!« sagte sie, die Hände flehend zu Thyrnau und Lacy erhebend – »gebt Euch doch rechte Mühe, mich zu verstehen, damit ich nichts auf dem Herzen behalte, da das allein meine Rettung werden kann.«

»Was kann das sein, theure Magda?« unterbrach sie Lacy. – »Du bist so klar und verständig und eben hast Du es selbst gesagt, daß Dein Herz beglückt wäre durch meine Wünsche. O denke, wie schwer es mir werden muß nach diesem Ausspruche, dem, was Du uns sagen willst, noch rechten Antheil zu schenken – laß mich wenigstens erst die Gewißheit fühlen, daß Du mein bist – schenke Dich mir erst ohne weitere Bedenklichkeiten – dann will ich Ruhe zu gewinnen suchen, um Dich ganz auszuhören.«

»Ach,« sagte Magda, während sie Lacy mit dem süßesten Lächeln der Liebe ansah und doch Thränen aus ihren Augen flossen – »das ist es ja eben, daß ich denke, wir können uns endlich doch nicht heirathen, obwol es der Oheim, der Vater und auch Claudia gewollt haben!«

»Magda,« rief Lacy außer sich – »welche Phantasien ergreifen die ruhige Ordnung Deines Geistes? – Ist es möglich, kannst Du ein falsches Martyrium herauf rufen wollen, eine Selbstquälerei, zu der weder unser Leben noch unser Gewissen uns Veranlassung gegeben?«

»Ach nein,« sagte Magda sanft – »so denke ich nicht davon – aber wir haben auch noch an Andere zu denken, als an uns – und wie soll ich glücklich werden, wenn mein Glück ein anderes theures Herz bricht?«

»Sprich offen!« sagte Thyrnau, der das ängstliche Schwanken in Magda's Rede wohl fühlte und nicht zweifelte, sie habe den Wunsch, offen zu verfahren, und doch Bedenken, Alles einzugestehen. – »Wie wichtig Dir auch die Entdeckung scheinen mag, die Du zu machen hast, Du bist sie Lacy schuldig, dessen Glück Dir am nächsten liegen muß, der am unabweislichsten auf Dich angewiesen ist! Und Du, Lacy, mäßige Dich und gieb ihr durch Fassung den Muth, sich offen auszusprechen.«

»Großvater!« rief Magda, wie erleichtert. – »Bei Deinen Worten ist's immer, als ob sich Bande um meine Brust lösten! Oft habe ich Dich sagen hören, daß es nöthig sei, unsere Pflichten zu ordnen, daß wir wüßten, welche die nächste, die höchste wäre, die, welcher wir den Vorrang geben müßten vor den andern – der sich diese fügen und unterordnen müßten. Du haßtest die Verwirrungen, welche daraus entstanden, daß die Menschen bald dieser, bald jener Pflicht nachjagen, und indem sie oft der fernsten mit großem Eifer sich widmen, die vergessen und vernachlässigen, die ihnen zunächst liegt.« –

»Nun,« sagte Thyrnau lächelnd – »soll ich etwa meine Magda von so einem fernen Abjagen einholen und ihr ein wenig helfen, die Ordnung der Dinge zu erkennen?«

»Ach, Großvater,« sagte Magda überwältigt – »könntest Du mir doch sagen, meine nächste dringendste Pflicht sei, Lacy anzugehören.«

So ernst der Augenblick war – so bewegt, so gerührt Alle waren – ein kurzes seliges Lachen befreite doch beide Männer von der Besorgniß, die sie einen Augenblick früher empfunden hatten. Magda verbarg erschrocken ihren Kopf in dem kleinen Mantel des Großvaters, der mit seinem Arm auf ihrer Stuhllehne lag.

»Magda! Magda!« rief Lacy außer sich vor Glück – »ich schwöre Dir bei dem Heiligsten, was ich kenne: Es ist Deine Pflicht! Deine erste nächste Pflicht, den glücklich zu machen, der so lange Dich liebt! Den Gott selbst durch den Segen des edelsten Wesens, was verklärt über uns steht, zu Dir zurückführt! O erkenne Deine Pflichten, wenn sie mit Deinem Herzen übereinstimmen – zweifle dann nicht länger, es ist Pflicht, zu gehorchen!«

»Ja,« sagte Magda, noch immer den Kopf verbergend, »das sagst Du – aber der Großvater, was sagt der?«

»Der sagt, daß wir dem Rathe eines rein erhaltenen Herzens folgen können, und die Pflichten, die damit über uns kommen, als von Gott gegebene ansehn und sie heilig halten sollen. Er sagt Dir weiter,« fuhr er mit wankender Stimme fort – »daß Deine Liebe zu Lacy eine solche ist – und daß Du ihr folgen darfst – und sie Deine erste Pflicht werden darf!«

»O Großvater!« rief Magda und hob den Kopf empor und sah ihn freudestrahlend an – »ist das gewiß? – Und Du weinst?«

Und weinend umschlang sie den Großvater, der seine ehrwürdigen Thränen auf ihr geliebtes Haupt fließen ließ und sie dann sanft von sich abbog und in Lacy's Arme senkte, während er sprachlos die Hände auf Beider Haupt legte und seine bebenden Lippen, seine zum Himmel gehobenen Augen den Segen des Herrn herabflehten.

»Meine Braut!« sagte Lacy langsam und was je Hochachtung und Liebe in diesen Laut zusammen gedrängt hat, das klang zu Magda auf und erfüllte ihr Herz mit nie gekannter Seligkeit.

Als sie sich sanft aufrichtete und in lieblich nachdenkender Stellung in ihren Stuhl zurücklehnte, betrachtete sie Lacy mit einem Gefühl, welches an Ehrfurcht grenzte. – Diese stille heilige Ruhe – dieses selige Ausruhn in der Liebe, diese vollendete jungfräuliche Schönheit, aus der die Unschuld eines Kindes lächelte. – Mein Heiligthum!« sagte er und küßte den Saum ihres Kleides. – »Glaube mir! meine Jugend geht erst an, und ich will etwas Tüchtiges werden!«

»Nein, Magda! sich mich nicht so an, als ruhten alle Schätze der Weisheit, bewacht von Deinen Augen, in Deiner leuchtenden Stirn! ich könnte sonst den Muth verlieren, Dir nachzukommen und den mußt Du mir erhalten! – O Magda, soll ich Dir das Uebermaß meines Glückes gestehn? Warum ich mein ganzes Herz von seiner bezaubernden Gewalt durchdrungen fühle? Weil Claudia uns zusammen führt – weil Claudia die Unschuld unserer Liebe vertreten hat und mir ihr Zeugniß heute gesendet – darum darf ich Dich heute so stark lieben als ich kann – und das ist sehr stark!«

Magda lächelte ihn still und freundlich an, und verstand sie auch nicht ganz, wie viel Lacy durch diese Ueberzeugung gewonnen, da ihre Unschuld den Widerspruch von ihr abgehalten hatte, theilte sie doch seine Freude, da ihr Claudia's Segen unentbehrlich schien.

Thyrnau blieb, weil er erwartete, daß nach diesem ersten glückseligen Ausruhen der beiden Liebenden Magda zu der Entdeckung der Zweifel schreiten werde, mit denen sie sich zu Anfang ausgerüstet hatte, um zu widerstehn – und welche dann so natürlich und schön in der Liebe selbst untergegangen waren. – Auch brauchte er nicht lange warten, denn als sie ihre Augen nur erst gewöhnen konnte, von Lacy's schönem Gesicht abzulassen, da wandten sie sich auf den Großvater und sogleich fiel ihr ein, was sie eigentlich gewollt.

»Ach, Großvater!« rief sie – »hast Du denn nur eine Enkelin? Liebst Du denn nur Deine Magda – nicht Deiner Lucretia Tochter?«

»Ich verstehe Dich nicht, mein Kind« – sagte Thyrnau lächelnd – »es könnte aber wohl sein, daß Du mir näher ständest, und damit geschähe das Natürliche und Billige ohne daß ich meinem holden Kinde Hedwiga die herzlichste Liebe entzöge.«

»Und doch hast Du kein Auge für ihre Zustände, wie sonst für die Deiner Magda – und darum habe ich ihr ein ganz mütterliches Herz in mir bereitet – und weiß Alles, was sie fühlt – und« – fügte sie erröthend hinzu – »darum wollte ich Lacy entsagen.«

Als sie sah, daß beide Männer sie erwartungsvoll ansahen, fuhr sie bewegt fort. – »Ehe Du kamst, lieber Lacy, da hatte ich Alles durchgekämpft – ach mit heißen Thränen auf meinen Knien – vor Gott! Hedwiga sollte Deine Frau werden – ich wollte sie Dir erziehn.«

»Hedwiga? das Kind, was ich als Vater anzusehn gewohnt bin?« fragte Lacy erstaunt –

»Das sagst Du jetzt,« fuhr Magda eifrig fort – »aber als Du sie aus den Händen der trunkenen Franzosen befreitest, da erkanntest Du nicht das Kind in ihr, sondern ein schönes Fräulein, und auch als Du Hedwiga endlich in ihr wieder fandest, hast Du sie nicht sehr als Vater bewundert – und von da an hat sich etwas in dem Herzen des armen Kindes festgesetzt – das habe ich gut verstanden, da es die Liebe zu Dir war!«

»Mein Gott!« rief Lacy – »wie erschreckst Du mich! – Magda vergieb mir – o! sei gewiß, daß ich ahnunglos dies verschuldet habe.«

»Ich habe Dir wenig zu vergeben, wenn ich meine Thränen nicht rechnen will,« sagte Magda – »aber wenn Du mit Deinen zärtlichen Worten in Hedwiga das Gefühl erweckt hast, was ich nun seit Jahren für Dich hatte, dann weiß ich, was sie leiden wird, wenn sie erfährt, Du hast mich am liebsten! Und nun werdet ihr mich Beide wohl verstehn, wenn ich Euch sage, daß ich – die ich das Leiden kenne und seit vielen Jahren daran gewöhnt bin, hier etwas Weh mit mir herum zu tragen, mich geschickter hielt, so fort zu leben wie bisher, und dieser ungetrübten Jugend damit den Schmerz abzuhalten.«

»Aber an mich dachtest Du nicht?« sagte Lacy, da Thyrnau noch immer schweigend und milde auf Beide niedersah.

»Ach,« sagte Magda erröthend, aber mit dem Anhauch früherer Schmerzen auf ihrem lieblichen Gesicht – »an Dich dachte ich auch! und als ich auch für Dich damit am besten zu sorgen hoffte, da hatte ich den größten Schmerz in mir zu bewältigen, denn ich hatte keine Hoffnung mehr auf Deine Liebe und glaubte, daß Du ganz an Hedwiga's schönen Augen hingest!«

»Mein Gott!« rief Lacy – »wie soll ich mir diese Unbesonnenheit vergeben? o! Magda, denke wenigstens nicht anders davon als so – glaube mir, der Mann, der so wie ich Dich – mit dem ganzen Inhalt seines Wesens liebt, der ist immer in Gefahr, allen Mädchen, die auf die entfernteste Weise mit dem Gegenstande seiner Liebe in Zusammenhang stehn, verliebt zu erscheinen! Die Seligkeit, nur etwas, was zu der Geliebten gehört – vor sich zu sehn, läßt ihn den Kopf verlieren und giebt ihm unvorsichtig zärtliche Worte ein. die er los sein will, wenn er noch verhindert wird, sie der Geliebten selbst zu sagen!«

»Mein Entzücken – die Gräfin Hautois zu sehn, wobei ich nur an Dich dachte, hätte eben so verdächtig sein können – und als Hedwiga, dies von mir so herzlich geliebte Kind, welches ganz voll Beziehungen zu Dir steckte, hervortauchte, war allerdings meine Freude vielleicht das Maß überschreitend!«

»Ach!« rief Magda nach diesen Worten mit ihrem alten Pathos und hob ihre Hände und Augen zum Himmel – »könnte ich doch alle Mädchen der Erde das zur Warnung hören lassen, was hier der tugendhafteste Mann so leichtsinnig eingesteht! Das ist das, Vater,« fuhr sie zu Thyrnau fort – »was Du den tief eingewurzelten Egoismus der Männer nennst, welche Alles thun, was ihnen Befriedigung des Augenblicks gewährt und sich so dazu berechtigt halten, daß die Folgen sie als gänzlich unverschuldet überraschen!«

Trotz dem, daß Magda dies mit großem Ernst sagte, erregte sie doch ein kurzes aufrichtiges Gelächter ihrer beiden Gefährten. »Genug,« sagte Thyrnau noch mit lachendem Gesicht – »meine Weisheit hat bei Dir guten Boden gefaßt, mein Mädchen, und Du, armer Lacy, machst heute die erste Ernte davon! Laß uns jetzt bedenken, ob die erste Eifersucht, die Dein Herz, gute Magda, beschlichen hatte und welche wieder eine Cardinaltugend Eures Geschlechtes ist und den gesunden Boden so umgräbt, daß die Phantasie darauf lauter Giftblumen aufziehen kann, die Euren klaren Sinn betäuben – ob diese kleine Attake Dich nicht über Hedwiga's Zustand verblendet hat? Da die Sache im Ernst aber wichtig genug ist, da sie meinem armen Lacy fast einen Korb gebracht hätte, werde ich sie selbst untersuchen und hoffe weder von dem männlichen Egoismus noch von der weiblichen Eifersucht dabei beherrscht zu werden. Bis dahin tretet mit Eurem Glück leise auf; übrigens im fünfzehnten Jahr – wenn man nicht wie Du, arme Magda, von zwei alten weisen Thoren wie ich und Lacy mit Liebesgedanken genährt worden ist – haftet der Schmerz wie das Gefühl noch nicht in dem weichen Boden des Herzens so fest, um über das ganze Leben zu entscheiden.

Als sie zusammen den Rückweg angetreten und den langen Lindenweg erreicht hatten, der zum Schlosse führte, kam ihnen die reizendste Cavalcade entgegen. Hedwiga hing wie die Nymphe des Waldes auf einem kleinen Esel, den Egon am Zaume führte, und schon von weit her hörte man ihr lautes Lachen, Rufen und Schreien, womit sie der Reihe nach den unerzogenen Esel zu einem gleichmäßigen Trott bewegen wollten. Von Hedwiga's Strohhut flatterten die blauen Bänder in der Luft und der blaßrothe Stoff ihres Kleides verrieth ihre ganze schlanke Gestalt.

»Ach, sieh', wie schön sie ist!« rief Magda und hielt Lacy in einiger Entfernung an, um sie zu beschauen.

»Ja,« sagte Lacy – »das fand ich aber, so oft ich sie sah – das war sie, als Du zuerst mit ihr aus dem kleinen Nachen Guntram's ausgeladen wurdest – das fühlte ich noch gestern und eben jetzt – aber mit dem großen Unterschied, daß ich jetzt erst einsehe, daß aus dem Kinde ein Mädchen geworden ist – dies hatte ich übersehen!«

Thyrnau wandelte dagegen mit warmen Blicken an Hedwiga hängend ihr entgegen. – Eben setzte sich der Esel in höchst ungraziösen Trab und mit lautem Geschrei langte Hedwiga bei ihm an und warf sich ohne Bedenken von seinem Rücken herunter, da er jetzt eben so unaufhaltsam geworden war, wie früher stätig – laut lachend lief sie dem Großvater in die Arme.

»Wildes Mädchen!« sagte Lacy – »Dein ungestümes Lachen behältst Du gewiß Zeit Deines Lebens!«

Hedwiga ward wie mit Purpur übergossen, sie blickte Lacy erschrocken an, strich die Locken aus ihrer erhitzten Stirn und sagte dann: »Schiltst Du mich wieder grade so als wie ich klein war?« Ihr Ton war so kläglich, als wollte sie weinen. Aber der grausame Lacy sagte freundlich wie zu einem Kinde: »Willst Du denn schon groß sein und keine Schelte mehr haben?«

Hedwiga schwieg und ihre Augen, diese wahrhaft bezaubernden großen Sterne, füllten sich mit Thränen, die sie schnell an dem Busen des Großvaters zu verbergen suchte.

»Laßt mir mein Mädchen zufrieden!« rief Thyrnau lächelnd. »Geht Ihr nur nach dem Schlosse zurück, ich komme Euch mit Hedwiga nach, denn wir müssen uns erst den kleinen Grauen einfangen – und Egon bestellt indessen unsere Pferde, denn mich verlangt nach einer etwas stärkeren Bewegung.«

Hedwiga blieb mit dem Gesicht an des Großvaters Brust verdeckt, bis sie merkte, daß die Uebrigen weit ab zogen, denn nur ihm, dem ewig schonenden liebevollen Vater wollte sie ihr verweintes Gesicht zeigen.

Die durch Lacy empfangene kleine Wunde suchte der weise Greis nun unmerklich zu erweitern, indem er sich bestrebte, sie leise auf die Grenze zwischen Kindheit und Jugend zurückzuleiten, welche sie durch ihr warmes Herz verführt worden war zu überspringen, und welche ihre Umgebungen sehr geneigt gewesen waren, der erlauchten jungen Gräfin, deren Schönheit überdies Alle bestach, wirklich als übersprungen vorzustellen.

Hedwiga fühlte unter den anscheinend so absichtslosen Worten des Großvaters sich plötzlich wieder als Kind, welches an vieles Lernen denken mußte, darauf Wünsche und Gedanken zu richten hatte, und von einer mädchenhaften Bildung sich noch weit entfernt halten konnte.

Als er sie von ihrem anfänglichen Erstaunen und ihrer kleinen Kränkung durch Thränen, die er nicht beachtete, zurückkommen sah, öffnete er ihr den Hinblick auf Magda, welche er ihr mit einer bis zur Auszeichnung gelangten Bildung darstellte. Das glückte ihm vollkommen, denn Hedwiga hing mit einer schwärmerischen Zärtlichkeit an ihrer Cousine und sie fand dabei ihre alte vertrauliche Redseligkeit wieder, weil sie glaubte, dem Großvater noch Vieles von ihr sagen zu können, was dieser nicht wisse. Hierin störte sie Thyrnau nicht, doch wendete er ihr zuletzt den Wunsch zu, daß Magda recht glücklich werden möge, da sie so oft beobachtet habe, daß diese weine. – Sobald er sie dahin gebracht hatte, sagte er ihr, seit der Ankunft Lacy's sei nun alle Veranlassung zu Thränen verschwunden – er sah wohl, daß Hedwiga stutzte, doch er fuhr schonungslos fort – wie Magda durch die immer dauernde Gefahr des Grafen, da er den Krieg so ernstlich mitgemacht habe, wohl zu entschuldigen sei, wenn sie ihrem Herzen zuweilen durch Thränen Luft gemacht. Da er sah, daß Hedwiga vergeblich rang, eine Frage zu thun, die ihr so nah lag, sagte er ihr – da sie trotz ihrer Jugend doch schon ein liebes verständiges Kind sei, dem man eine Mittheilung machen könne, so wollte er ihr sagen, daß Magda die Braut – von Lacy sei.

Es ging ihm wohl durchs Herz, als er plötzlich seinen Arm von den kleinen Händen Hedwiga's fast bis zum Schmerz gedrückt fühlte; aber er zog sie trotz des ungleicheren Schrittes sanft mit sich weiter und erzählte ihr so sorglos wie möglich mit seiner milden Stimme: wie schön es sein werde, wenn Magda erst in Tein wohne und sie dann abwechselnd bei ihm im Dohlennest, von dem sie schon so viel gehört hatte, und dann wieder bei ihrem Vater wohnen werde – und wie er auch mit ihr den Karlstein besuchen wolle – ihren Lieblingswunsch – und wie er überhaupt darauf rechne, er werde an ihr eine zweite Magda bekommen. Dabei begleiteten die heißesten Thränen der armen Hedwiga diese liebevollen Worte, und da sie nicht sprechen konnte, begnügte sie sich, seinen Arm an sich zu drücken und seine Schulter zu küssen, auf der sie mit ihrem Kopf lag und sich fast von ihm fort tragen ließ.

Er hatte klug den Weg so gelenkt, daß sie jetzt die ländlichen Gärtnerwohnungen vor sich sahen und zu Anfang der Baumschule das kleine malerische Haus der guten Mora. Er fragte sie, ob sie heute schon bei Mora gewesen, und als sie Nein stammelte, lenkte er nun selbst die Schritte dahin, und wie er sah, Hedwiga trockne ihre Thränen, kehrte er mit ihr in das, von grünem Schlinggeflecht an den Fenstern halb dämmernd gemachte Zimmer ein, und als Hedwiga der alten Frau wie einer Mutter um den Hals fiel, sagte Thyrnau: »Du bliebest vielleicht gern einmal einen ganzen Tag bei Deiner alten Mora?« Hedwiga nickte und versuchte, den gütigen Großvater anzulächeln. – »Wenn das ist,« setzte er hinzu – »so will ich Dir die Erlaubniß schon auswirken und Du magst heute mal der guten Alten ihre Mahlzeit kochen und der Gärtner soll Dir Obst zum Nachtisch bringen.« Nur als er sie jetzt zum Weggehn umarmte, wäre er fast aus der ruhig beschwichtigenden Rolle herausgefallen, denn er hatte die Eigenschaft, daß wenn er Jemand weh thun mußte, ihm die Liebe zu demselben im selben Maße stark wuchs, und so hatte er Hedwiga noch nie so zärtlich geliebt, und er gelobte sich in der Stille so oft, sie von nun an ganz besonders in Obhut zu nehmen, daß er es kaum lassen konnte, es ihr selbst zu sagen. »Abends, vergiß nicht, will die Fürstin zuerst ein kleines Konzert haben,« rief er ihr noch umkehrend nach – »und wenn Du fertig geschmückt bist, melde Dich nur bei mir, ich habe ein Andenken für Dich!«

Sie reichte ihm noch einmal den unschuldigen betrübten Mund zum Kusse dar und war froh, daß Mora schon seit lange schwach sah und so glücklich war, ihr Kind zu besitzen, daß sie darüber das Kind selbst vergaß und nur an alle ihre Küchenvorräthe dachte – und schnell die Vögel zu rupfen begann, die ihr der Jäger vom Dohlenstande mitgebracht hatte – und so lange von Allem sprach, was zu bereiten sei, daß Hedwiga endlich sich empor riß, um zu helfen – und einen glücklicheren Besieger des Kummers giebt es, als das Rühren der Hände!

Zu Mittag flog Egon herein – und wie konnte da nicht gelacht werden, wo er überall helfen wollte und Alles verkehrt machte. – Gegen Abend kam das kleine Fuhrwerk mit den vier zahmen Ziegenböcken, Hedwiga setzte sich ein und Egon saß auf dem Bock – und als sie das Schloß erreichten, war es schon erleuchtet und die Kammerfrau wartete bereits an der Terrasse und that sehr eilig – und wie sich die erlauchte Gräfin freuen werde über den ganz neuen Anzug, den die Frau Fürstin geschickt. Und Hedwiga war fünfzehn Jahr!

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