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Thomas Thyrnau - Dritter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Dritter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Dritter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
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Lange vor diesen Verwüstungen hatte der Arzt schon das Palais verlassen, dahin zurück eilend, wohin ihn seine Pflicht rief. Unmöglich war es ihm, Lacy zu erreichen, der mit einem Ausfallkorps mitten in die Schlacht verwickelt war, und Sterbende, Verwundete und Erschöpfte theilten sich in die Flasche, welche für Lacy bestimmt war.

In Mitte dieser Zerstörungen saß Magda zum Tode erschöpft, in jenes dumpfe gefühllose Brüten versenkt, welches die unausbleibliche Folge langer Nahrungslosigkeit ist. Zuweilen richtete sie ihre Augen auf Claudia, die zwar erwacht war, aber vielleicht des klaren Bewußtseins beraubt, denn sie hatte noch nicht gesprochen.

Als ob es sich von selbst verstünde, so ruhig hörten sie das Einstürzen des Hauses, das fürchterliche Prasseln der springenden Bomben, – sahen sie den Rauch, die Staubwolken, welche durch die scheibenlosen Fenster eindrangen; nur als die Zimmerwand einstürzte, sanken Beide in Ohnmacht. Da sich Keiner um sie bekümmerte, erwachten sie endlich Beide – zuerst Magda – und kaum konnte sie ihre Besinnung wieder finden, denn das Zimmer stand noch voll dicker Staubwolken. Mora war neben ihr; mit dem Inhalt der letzten Flasche Wein wusch sie die Schläfe und Pulse des armen Kindes. Als sie erwachte, nahm sie gedankenlos etwas Brot und Wein, was Mora ihr noch aufgespart hatte, und ihr Leben kehrte wieder und sogar ihre Besinnung und ihre Theilnahme für Claudia. Auch diese war durch etwas Wein ins Leben zurück gerufen und Magda dachte daran, sie aus dem zerstörten Gemache zu bringen. Aber dies mußte selbst Mora mit richtigerer Schätzung ihrer geschwächten Kräfte ablehnen, und bald schien es ihnen auch, als nähme Claudia wenig von dem Zustande um sie her wahr.

Dessen ungeachtet ward ihr etwas von der Taubensuppe eingeflößt, welches sie bewußtlos zuließ – dann theilten die drei Leidensgefährten den kleinen übrig bleibenden Rest der Mahlzeit mit dem Gefühl, es sei nun das Letzte.

Gegen Mittag ließ das Bombardement etwas nach, aber das Entsetzen in der Stadt stieg durch das überhand nehmende Feuer der brennenden Häuser. Obwohl es ein wolkenloser Junitag war, ließ sich doch um Mittag kaum unterscheiden, welche Tageszeit es war, denn eine aus Rauch und Staub gemischte schwere Wolkenschicht hing dicht über die Häupter nieder und bekam nur grauenvolle Lebendigkeit durch das Sausen des sturmwindartigen Feuers, welches die Masse oft zusammenballte und mit glühender Färbung seine schreckliche Erscheinung erhöhte. Die Luft war zum Ersticken mit diesem schweren Inhalt angefüllt – außer der natürlichen Qual, die Jeder litt, schien die Atmosphäre mit jedem Athemzuge den Tod bringen zu wollen, und erhöht wurde dieser Zustand noch durch die in der ganzen Stadt zertrümmerten Fenster und Thüren, welche keinen Raum mehr zeigten, der die Stickluft abhielt.

So widerstandslos dem Schrecken dieses Tages hingegeben, kehrte in Magda erst gegen Abend, wo ein kurzer, aber heftiger Gewitterregen die entsetzliche Luft durchbrochen hatte, etwas mehr Leben zurück und sie setzte sich auf Claudia's Bett und nahm ihre kalte Hand und nannte ihren Namen – endlich hörte sie den ihrigen von Claudia leise nennen – dann fuhr die Kranke abgebrochen fort – »Magda, sind wir allein übrig geblieben in diesem furchtbaren Leben? – ist Lacy auch todt? – oder wo – wo ist er?«

Ach, diese Frage, die der Inhalt von Allem war, was an diesem Tage noch Magda's erstarrtes Herz bewegt hatte – sie konnte sie nicht beantworten und sagte Claudia endlich die Wahrheit und da gab ihnen Gott Thränen, und Magda sank auf Claudia's Bett und sie schliefen endlich den Schlaf der Erschöpfung.

Und wieder sank die Nacht herab. – Das Bombardement schwieg, und durch die Stadt verbreitete sich die Nachricht des Sieges, des Rückzuges der Preußen nach Nimburg, und der Aufhebung der Belagerung. Brown, sterbend zwar, doch immer von seinen Pflichten erfüllt, befahl nun zur Löschung des Feuers in der Stadt, die Hauseigenthümer, die auf den Schanzen thätig waren, abzulösen. Schon war eine Kommunikation von dem Daunschen Korps eröffnet, welches siegreich vordringend den Feldmarschall Keith aus einer Position in die andere drängte, und Daun sendete eine Pionier-Kompagnie, welche während der Schlacht noch ziemlich geschont geblieben, in die unglückliche Stadt, um die Löschanstalten zu unterstützen. Die Nachricht des Sieges, der Befreiung der Stadt, welche sich mit ihnen verbreitete, belebte augenscheinlich die sinkenden Kräfte der unglücklichen Bürger – jetzt schien es Jedem der Mühe werth, sich und sein Eigenthum zu retten, die Kräfte zu erhalten, die einer Stärkung entgegen sahen; wo die Noth mit dem nächsten Morgen vorüber sein mußte, schien sie Jeder weniger zu fühlen. Auch machte den edlen Feldherrn, der zuerst den unsterblichen Ruhm errungen, den bis dahin unüberwindlich dastehenden großen Preußen König besiegt zu haben, das Glück nicht trunken, und die hochherzige Freude, Böhmens Erretter zu sein, gab ihm zugleich das tiefste Mitgefühl für die vorhandenen Leiden. Seine erste Maßregel war, der unglücklichen ausgehungerten Stadt eine Heerde von Rindvieh und Kälbern, und hochaufgethürmte Wagen mit Brot und trockenem Gemüse zuführen zu lassen, und erst nach diesem Gruße des Friedens zog er selbst in die Stadt, welche die Größe ihrer Noth wenigstens für den Augenblick zu vergessen schien, wo sie dem edlen Befreier ihren Dank zujauchzen konnte.

Daun hatte an seiner Seite einen jungen Mann, der wie das ganze Korps des Feldmarschalls mit Blut und Staub bedeckt, noch die Zeichen des anstrengenden Schlachttages um so mehr zeigte, da er von Hunger und Gram erschöpfte Kräfte dahin mitbrachte. Es war der Graf von Lacy, welcher nach jener oben erwähnten erschütternden Trennung zu dem verzweifelten Unternehmen schritt, wo möglich, mit einigen ihm vertrauenden Männern einen Ausfall zu bewirken, um der Stadt Zufuhr zu verschaffen. Dies von der Verzweiflung eingegebene Unternehmen mußte an der Uebermacht und der Wachsamkeit des Feindes scheitern. Mit Löwenmuth schlug sich jedoch Lacy und seine Gefährten durch, um wenigstens der Gefangenschaft zu entgehn und faßten den Entschluß, sich dem Daunschen Korps anzuschließen, von dem eine Entsetzung Prags schon lange erwartet wurde. Die Nacht begünstigte ihre Flucht und führte sie dem großen Tage entgegen, an dem die Schlacht zwischen Collin und Planian sich entwickelte und ihn und sein kleines Korps mit fortriß. Da dem Feldmarschall Daun zwei Adjutanten erschossen und zwei verwundet wurden, nahm er ohne Bedenken die Dienste Lacy's an, den er kannte, und welcher sich sogleich bei ihm meldete, und so ergriff diesen der gewaltige Enthusiasmus eines Schlachttages, und seine Kühnheit, seine Blitzesschnelligkeit entgingen dem Grafen Daun selbst in der Verwirrung eines solchen Tages nicht. Als der Sieg entschieden war, ernannte er ihn auf dem Schlachtfelde zum Hauptmann und da er den Feldmarschall in einem gefährlichen Augenblick, wo derselbe ein Defilée passiren wollte, welches Lacy's scharfes Auge für unsicher hielt, davon mit der größten Energie abrieth – auch von diesem später selbst als eine große Gefahr erkannt ward, da es ihn von dem Hauptpunkte abgeschnitten haben würde, so erklärte er diesen wichtigen Dienst öffentlich – und Lacy hielt an seiner Seite den Einzug in Prag.

Dann hielt erst vor der Thür des sterbenden Feldmarschall Brown sein Pferd an – er kam, um dessen Segenswünsche zu empfangen und ihm die Augen zuzudrücken. Lacy beurlaubte sich von seinem Feldherrn; und nachdem er von dem Küchenmeister desselben ein paar Reiter hatte befrachten lassen, jagte er mit ihnen, so schnell die müden Pferde noch laufen wollten, dem Palaste Wratislaw zu.

Sein glühendes Auge strengte sich an, die schwere drückende Atmosphäre zu durchdringen, welche bis auf wenige Schritte die Gegenstände verhüllte. Er erkannte, als er dem Palast gegenüber in Mitte des Platzes war, die schwerfällige Form des Daches, aber den Glockenthurm der stets darüber emporsah, vermißte er sogleich – fast war es ein Schrei, der seiner Brust entfuhr – er setzte dem stolpernden Pferde noch einmal die Sporen in die Seiten und hielt nun vor dem Hofraum, in welchem er sogleich die erste Zerstörung und den versiegten Springbrunnen wahrnahm.

Außer sich sprang er vom Pferde – außer sich stürzte er gegen die Treppenflur – aber hier hemmte ihn ein Wall von Schutt. Vor einer zertrümmerten Thür zur andern stürzte er; endlich kehrte ihm so viel Besinnung zurück, daß er durch den unverletzten Seitenflügel drang und in den Corridor eintrat, an den die Zimmer Claudia's anstießen. Hier waren alle Fenster, alle Thüren zerstört, und ließen einen grauenhaften Blick in das Innere der Gemächer thun. Er fühlte, wie seine Knie zu brechen drohten, und als er vor dem Schlafgemache seines Kindes stand, welches in einen Berg von Schutt verwandelt war, mußte er einen schwankenden Thürpfosten ergreifen, um nicht nieder zu sinken. Was in ihm vorging, war ein düstres, unklares Gefühl namenlosen Unglücks, welches Raum in ihm nehmen konnte, da seine physischen Kräfte so zerstört waren, daß sie seinen Geist unterdrücken halfen. Immer schwebte der Gedanke vor ihm – wenige Schritte weiter findest Du in Claudia's Zimmer dasselbe. Todtenstille erfüllte dabei diesen Ort der Verwüstung – kein Laut drang zu ihm – »Alle – Alle sind hier begraben – Du bist allein unter ihren Leichen« – das rief sein brechendes Herz ihm zu.

Fast wider Willen schleppte er sich endlich weiter. Das Zimmer dazwischen war besser erhalten – dieser kleine Hoffnungsstrahl belebte ihn – er stürzte fort und sein erster Blick sah durch Claudia's Zimmer in den Garten – das eine Fenster war mit der Wand fortgerissen – aber die Decke hing noch. Er trat ein – das große Gardinenbett Claudia's stand unverletzt, aber es deckte mit seinen breiten Wänden die Uebersicht des Zimmers. Wieder stand er horchend still – er glaubte Töne zu hören – eine schluchzende Stimme – dann wieder ein leises Vogelgepfeife – mit einmal den alten Dohlenschrei!

»Bezo!« schrie Lacy – es war ihm der Gesang eines Engels – er stürzte vor und übersah mit einem Blick, was ihm geblieben. Claudia lag im Bett – ob todt – ob schlafend, war nicht zu unterscheiden – Magda hing halb über das Bett, halb lag sie auf der Erde in gleichem Zustande – Mora lag auf dem Gesicht fast vor der Thüre, zu der Lacy eingetreten – allein Bezo regte sich. Er saß vor Magda auf der Erde und stieß unter bittern Thränen die alten Töne aus, mit denen er sie sonst zum Scherz oder Lächeln gebracht und welches noch die ganze Kraft seiner geistigen Thätigkeit umschloß. Dabei bemühte er sich, ein Ei in Magda's Hand zu drücken und ward nicht müde, ihre leblosen Finger darum zu legen, damit sie es behielt.

Er kannte Lacy nicht, als er eintrat, und streckte gleich die Hand wie eine Kralle nach ihm aus, als wolle er ihn von Magda abwehren.

»Bezo!« sagte Lacy – »kennst Du mich nicht?« Jetzt starrte der Arme den Grafen an, bis er aufspringend einen wilden Schrei der Freude ausstieß, aber dann sogleich und mit seinem Ei, – dem letzten Schatz, den er für Magda gesucht – zur Erde kollerte. Den armen treuen Knaben hatte nur die Wachsamkeit für Magda noch gegen die Wirkung des Hungers aufrecht erhalten; so wie er instinktartig in Lacy den neuen Beschützer erkannte, brach sein Körper zusammen und mit ihm sein Ei, welches er sich so standhaft versagt hatte.

So wenig das, was Lacy vor sich sah, seinen Muth beleben konnte, lag doch in dem Anblick der geliebten Wesen, in ihren wenigstens unzerstörten Körpern ein Trost, von dem er die Hoffnung nicht trennen konnte, die ihn zu neuen Anstrengungen belebte.

Die vier Reiter, die ihm gefolgt waren mit den Lebensmitteln und worunter zwei seiner eigenen Leute waren, gereichten ihm zum Trost. Er befahl einem der fremden Reiter, mit einem leeren Handpferde zurück zu reiten und aus dem Hause des Feldmarschalls sogleich einen Arzt mit den nöthigen Mitteln zur Wiederbelebung herbeizuholen. Die beiden Diener des Hauses, welche gut genährt bei vollen Kräften waren, hoben nun Mora und Bezo von der Erde auf und trugen sie in den anstoßenden Saal, der unverletzt, nur mit Kalkstaub überzogen war. Sie wandten einige starke Mittel zu Mora's Belebung an, und flößten ihr Wein ein, welches nach einiger Zeit die Folge hatte, daß sie ebenso wie Bezo erwachte. Doch kehrte ihre Besinnung erst nach einigen Stunden zurück, nachdem ihr mit Vorsicht einige Nahrungsmittel beigebracht waren.

Unterdessen hatte Lacy Magda, deren weicher und noch theilweis warmer Körper ihm einige Hoffnung gab, auf ein neben Claudia's Bett stehendes Ruhebett gelegt und nachdem er auch Claudia nicht für todt halten zu können glaubte, kam wieder Muth und Ueberlegung in ihn. Er ließ im Kamin des Nebenzimmers Feuer anzünden, ließ Wein glühend machen, er bedeckte ihnen Gesicht und Hände mit Tüchern, welche darin getränkt waren – und als sich Magda's Mund wie von selbst öffnete, flößte er ihr ebenfalls Wein und stärkende Bouillon ein. Unermüdlich setzte er diese Bestrebungen fort, und als Mora ihm nach einigen Stunden zu Hülfe kam und Magda nun entkleidet werden konnte, schien es Beiden, daß ein leises Athmen wiederkehre, welches noch früher bei Claudia sichtbar wurde, und als der Arzt endlich gegen Mittag erschien und einige einschreitende Mittel anwendete, öffnete Claudia die Augen und das – mit dem vollen Gebrauch der Sinne.

Bei diesem Anblick stürzte Lacy auf seine Knie, und die Hände zum Himmel hebend konnte er nichts rufen als: »Ich danke Dir! mein Vater! ich danke Dir!«

Claudia lächelte ihm wie eine Verklärte zu – aber sprechen konnte sie noch nicht – die Welt ihrer Gedanken und Gefühle schien begrenzt in Lacy's Anblick – und das Glück, ihn zu sehn und in seinem ersten Laut den Ausdruck der unerschütterlichen Liebe zu ihr zu vernehmen, gab ihrem halb aufgelösten Zustande den Frieden einer Seligen.

Lacy's nächster Gedanke war nun, die Zimmer zu wechseln, um die Scene des Jammers, die sie erlebt, aus ihrer Erinnerung zu bringen. Der rechte Flügel des Palais, der die Fremdenzimmer enthielt, war unversehrt und sogar in einer Reihe Zimmer, die nach einem Kastanienwäldchen zu lagen, die Fenster erhalten und dadurch eine reinere gegen die übrigen Räume höchst wohlthuende Luft. Hierhin ließ Lacy die Kranken tragen, und diese Maßregel hatte die belohnende Folge, daß Magda ebenfalls erwachte und sogleich in Thränen ausbrach, deren Ursache sie nicht anzugeben wußte, da ihr ganzes Bewußtsein gelitten, damit aber die wohltuendste Erleichterung für ihren ganzen Zustand erfuhr.

Der Arzt wollte aber beide Frauen getrennt und jede Aufregung von ihnen abgehalten wissen, und so überwand Lacy sein Verlangen, sie zu sehn, und gönnte es Mora, ihr nach und nach die Dinge zurückzurufen, die sie erlebt, und sie auf Lacy's Rückkehr vorzubereiten.

Das Wratislawsche Palais fing am selben Tage noch an, sich mit seinen rückkehrenden Bewohnern zu beleben, und dies waren nicht allein die nicht gebliebenen oder verwundeten männlichen Diener, welche zur Besetzung der Wälle damals aufgeboten waren, als auch der Theil der weiblichen Dienerschaft, welcher in blinder Furcht bei den Zerstörungen der ersten Bombe von dem Gerüchte verjagt worden waren, daß das Wratislawsche Palais wegen seiner Höhe und seiner Thürme zum Ziel aller Bomben dienen werde.

Lebensmittel wurden nun in Fülle herbeigeführt und glichen bald die hohlen Augen und matten Glieder der schwer Geprüften wieder aus.

Lacy gab nach den ersten Worten Claudia's, welche seinen überreizten Zustand bald erkannte, ihren Wünschen nach, und ein stärkendes Bad, zweckmäßige Nahrung und ein tiefer ungestörter Schlaf veränderte ihn äußerlich und innerlich höchst wohlthuend und gab ihm seine volle geistige Kraft zurück.

Diese sollte ihn jedoch nur überzeugen, daß er neuen Schmerzen entgegen ging, denn Claudia hing nur noch mit schwachen Fäden am Leben, und die schmerzlose Stille ihrer Seele, die verklärte Ruhe, mit der sie ihres verstorbenen Kindes gedachte, überzeugte Lacy, daß das Leben hinter ihr lag und sie nur noch in der Liebe zu ihm auf der Welt recht stätig war.

Lacy hatte nach einem Gespräche mit dem edlen Grafen von Daun, worin er ihm den augenblicklichen Zustand seines Hauses schilderte, die vorläufige Entbindung von jeder Pflicht gegen ihn erhalten, und außerdem eine Zusicherung für die Zukunft, welche ihm die einzige Rettung schien bei dem, was ihm immer näher rückte.

Sein nächstes Geschäft war, die Arbeiter anzustellen, die das Schloß von Schutt reinigten, und vor Allem das Sterbezimmer seines Kindes aufräumten. Die traurigsten Ueberreste, die sich vorfanden, ließ er still in das Erbbegräbniß der Lacy einsenken und stellte dann die geschicktesten Bauleute an, die Räume in ihrer alten Ausstattung herzustellen.

Am dritten Tage machte der Arzt ihm kein Geheimniß daraus, daß die Gräfin den Abend nicht erleben werde und als er, um sich zu fassen, nach einem kurzen Gange durch den Garten zurückkehrte, lag Magda in den Armen der Sterbenden. Claudia hatte sie selbst rufen und sich in ihren Betten aufrichten lassen und hielt das geliebte Wesen mit matten Armen an ihre Brust gedrückt.

Als Lacy eintrat, streckte sie ihm die Hand entgegen, und Magda richtete sich auf und Lacy sah, daß sie sehr mager geworden war, und mit dem weißen Gesicht und dem tiefen Ausdruck der Klage darin mehr einem verschiedenen Engel als einem lebenden Wesen glich.

»Lacy« – sagte Claudia – »denke mit Ruhe daran, daß ich sterben werde!« Schluchzend stürzte er auf ihre Hand und auf seine Knie nieder – »denke an mich Zeit Deines Lebens mit dem Gefühl, wie glücklich Du mich gemacht hast! – Ja, Lacy – Du hast mir Wort gehalten – das Gefühl, mit dem Du um mich warbest, das hast Du mir erhalten – ich habe unter seinem Einfluß mich glücklich gefühlt und täglich Gott für Deinen Besitz gedankt, an den die süßesten und heiligsten Gefühle meines Lebens geknüpft waren.«

»Auch Dir, Magda, danke ich für den Schutz Deiner Liebe – für die Rechte, die Du mir gegönnt, und die mich oft beseligten – da Du die Reinheit eines Engels hast. Gebt Thyrnau meinen letzten Gruß – in seine Brust habe ich meine irdischen Wünsche niedergelegt.«

Sie hatte diese Worte ohne Anstoß mit matter, aber deutlicher Stimme ausgesprochen. Nachdem sie schwieg, veränderte sich ihr Angesicht sehr auffallend – aber als sie die angstvoll auf sie gerichteten Blicke Beider sah, versuchte sie noch ein Lächeln – faltete die Hände und schlief hinüber ohne das leiseste Zucken des Todeskampfes, als habe sie das Lächeln hinweg genommen, was immer reiner hervortrat und ihr ganzes Gesicht verklärte.

Lacy verließ das Zimmer nicht, nachdem er von dem Arzt ihren Tod bestätigen hörte. In einen stillen, würdigen Schmerz versenkt, verrichtete er selbst die erste Todtenwache bei der geliebten Verstorbenen, und in der tiefen Stille der Nacht, nur vor ihrem sanft lächelnden Antlitz, richtete er seine Augen mit männlicher Festigkeit auf sein ganzes Leben, und stellte sich die Zukunft zurecht mit Wahrheit gegen sich selbst, und mit dem festen Glauben, Gott werde ihn lenken und schützen, und er werde von ihm die Kraft des Vollbringens empfangen.

Magda hatte man sanft dem Sterbezimmer entführt. Betäubt von dem neuen Schmerz, saß sie bei sinkendem Abend allein in ihrem weiten Gemach – da rauschte hinter ihr ein seidenes Gewand und sie fühlte sich von weichen Armen sanft umschlungen. – »Ach, Therese!« rief sie – »das bist Du!«

»Ja ich bin es« – sagte die Fürstin von S. leise weinend – »ich bleibe nun bei Dir, bis Du mit mir gehen kannst.« Der Fürst von S. hatte die Schlacht von Collin mitgemacht und seine Gemahlin, voll tiefer Besorgniß über die Gefahren, die allen ihren Lieben drohten, war ihm so nah gefolgt, daß sie schon am dritten Tage nach dem Einzug der Truppen in Prag eintraf.

Sie kam zu spät, um Claudia's letzte Stunde mit zu erleben, aber augenblicklich die besondere Lage Magda's übersehend, nahm sie ihre Wohnung im Palast Wratislaw und beschloß, sich dem geliebten Wesen ganz zu widmen und sie an sich zu fesseln, so weit dies möglich sein werde.

Die Gräfin wurde, so weit der noch immer so traurige Zustand der Stadt eine solche Feierlichkeit auszudehnen schicklich machte, mit allen Ehren ihres hohen Ranges in die Gruft der Lacy zu ihrem Kinde beigesetzt – welcher Feierlichkeit der Fürst von S. und seine Gemahlin beiwohnten.

Einige Tage später erklärte Lacy seinen Freunden, daß er durch Thyrnau's Vermittlung von der Kaiserin die Erlaubniß erhalten habe, in dem Daun'schen Korps mit dem Range, den ihm der Feldmarschall aus dem Schlachtfelde ertheilt, eintreten zu dürfen, und daß er als Adjutant des edlen Grafen Daun genöthigt sei, am andern Morgen demselben aus Prag zu folgen. – Er gab Magda einen Brief ihres Großvaters, welcher sie aufforderte, sich unter den Schutz der Fürstin von S. zu begeben und ihr nach S. zu folgen, bis er im Stande sein werde, ihre gegenwärtige Lage zu übersehn und ihre Wiedervereinigung zu bewirken; zugleich theilte er ihr mit, daß Barbara in dem Kloster zu Mailand, wohin sie sich begeben, eines sanften Todes verstorben sei.

Der Abschied, den Lacy von seinen Freunden nahm, war kurz und hatte die vollkommene Fassung, hinter der so ausgezeichnete Menschen die allzu tiefe Erregung ihres Innern zu verbergen wissen. Keiner zweifelte an den Gefühlen des Andern, Alle schonten sich, indem sie sie beherrschten.

Einige Tage später trat die Fürstin von S. mit Magda ihre Reise nach S. an; Letztere ward von Mora und Bezo begleitet, welche Beide Gegenstände der wohlwollendsten Aufmerksamkeit von Seiten der Fürstin geworden waren, und da Bezo nur ein Glück, ein Wohlbehagen auf der Welt kannte, so wurde ihm dies willig zugestanden, indem man ihn nicht mehr hinderte, Magda überall hin zu begleiten.

Diese verließ den Palast Wratislaw mit dem Gefühl, daß der wichtigste Abschnitt ihres Lebens und ihrer Jugend hinter ihr läge. Die Erfahrungen, die sie gemacht, hatten ihr Inneres zu einer ungewöhnlichen Reife getrieben, aber damit auch zu früh die Blüten abgestreift. Sie fühlte dies wohl nicht, um es nennen zu können, aber sie fühlte einen ungewöhnlichen Ernst, den sie darum sehr richtig für unvergänglich hielt, weil er weder mit Kummer noch mit Mutlosigkeit gemischt war. Sie war so viel zarter und jünger als die Fürstin, doch viel älter als diese, denn was auch an Teilnahme und Mitleid das Herz derselben bewegen mochte, ihr Glück stand auf der andern Seite in zu voller Blüte und ihre glühende Liebe für ihren Gemahl gab ihr den ganzen Zauber der Jugend – selbst bis auf seine leidenschaftlichen Sorgen oder Zerstreutheiten.

Von allem diesen war in Magda nichts – und so ward die Fürstin in ihrer stilleren Einsicht überholt und sie nahm bald die Stelle einer Rathgeberin ein.

Als sie nach einigen Wochen der Erholung auf dem reizenden Lustschlosse, welches die Fürstin nach ihrer Rückkehr bezog, zu einer weiteren Ansicht der Zukunft kamen – äußerte die Fürstin den Wunsch, jetzt nach dem Tode der Gräfin Lacy Hedwiga zu sich nach S. zu berufen und sie ganz in ihr Obhut zu nehmen.

Dies war der heimliche Wunsch Magda's, die sich oft unbeschreiblich wie nach einer jüngeren Schwester nach dieser Tochter ihrer Tante Lucretia sehnte.

Sie wartete zur Ausführung ihres Plans die Rückkehr des Fürsten ab, welcher alle siegreichen Gefechte des Daun'schen Korps mitgemacht hatte, sich jetzt aber während der beabsichtigten Belagerung von Breslau nach seinem Lande zurückbegeben wollte, da seine Stellung bei der Armee eine durchaus freiwillige war.

Welch eine erfreuliche Nachricht dem Fürsten dieser ausgesprochene Wunsch seiner Gemahlin war, trat um so deutlicher hervor, da er ihn selbst lange genährt und doch Bedenken getragen, ihn zu äußern. Auch zeigten sich in der geographischen Lage des Fürstentums zu Wien geringe Schwierigkeiten, da der Weg dahin vom Feinde frei war und diese Gegend bloß von dem französischen Armeekorps besetzt war, das sich unter dem Marschall d'Etrées heranzog. –

Der Fürst wußte daher durch eine angemessene Begleitung und durch voran gesendete Kouriere, welche den Grafen d'Etrées um sicheres Geleit baten, Alles so einzuleiten, daß Hedwiga's Reise ohne Schwierigkeit bewirkt werden konnte.

Was jedoch Allen die größte Beruhigung gewährte, war, daß sich die Gräfin von Hautois, welche der Fürstin gefolgt und ohne Funktion als Freundin bei Hofe lebte, erbot, die Reise nach Wien mit anzutreten und die junge Gräfin von Thyrnau selbst ihren durchlauchtigen Aeltern zuzuführen. Ihr wurde noch Mora zugesellt, welcher das Herz fast vor Stolz und Glück aus der Brust schwoll, und so zog die kleine wohl ausgestattete Karavane aus, um das junge Wesen seiner neuen Bestimmung zuzuführen.

Lacy stand in einem lebhaften Briefwechsel mit seinen Freunden, und da bald der Fürst, bald die Fürstin Briefe von ihm erhielten, konnte es nicht fehlen, daß auch Magda solche empfing und wieder zurück sandte. Alle diese Briefe waren ein Gemeingut und ihr Inhalt völlig frei von jeder persönlichen Beziehung. Die Nachricht, daß Hedwiga zu ihnen berufen sei, welche Magda ihm mitzutheilen hatte, erfüllte ihn mit großer Beruhigung; er sagte, daß es sein innigster Wunsch gewesen sei, dies theure Wesen, welches ihm stets das lebhafteste Interesse eingeflößt habe, in Magda's Nähe zu wissen, daß er nur durch sie die gerade unverdorbene Entwicklung des begabten Mädchens hoffen könnte, und damit gewiß Claudia's Wunsch im Himmel erfüllt werde, da sie alle Mädchen so wie Magda gebildet gewünscht hätte.

Mit einer Verstärkung des Belagerungskorps von Breslau kam auch eine kleine Abtheilung Cavallerie, woran der Feldmarschall bis jetzt auf fühlbare Weise Mangel gelitten hatte, und der Rittmeister, welcher die aus Ungarn bestehende Abtheilung führte, meldete sich am Abend seiner Ankunft bei dem Dienst thuenden Adjutanten, dem Grafen von Lacy. – Dieser nahm die ceremoniöse Meldung des fremden Offiziers mit eben so steifer militärischer Haltung an und fragte, wen er dem Feldmarschall zu melden habe.

»Sei so gut« – sagte plötzlich der Angeredete mit völlig bekannten Sprachlauten – »und melde dem Grafen Daun Deinen davon gejagten leichtsinnigen Freund, der bei Nacht und Nebel kommt, um Dir nicht sein beschämtes Antlitz zu zeigen.«

»Pölten! Pölten!« rief Lacy – und Beide waren sich im Augenblick mit der innigsten Zärtlichkeit in die Arme gefallen.

»Also Du nimmst mich wieder an, theurer Lacy,« sagte der Baron Pölten und riß freudig die ungarische Mütze vom Kopfe, um dem geliebten Freund recht in die Augen blicken zu können – »und Du hast mir wenigstens verziehn?«

»Ich bitte Dich,« rief Lacy – »gedenke mit keinem Wort dieser Thorheit! – Vergiß nicht, daß, wenn sich auch Alle darüber zu beklagen Ursach' hätten, ich doch der Letzte wäre, der es durfte, da Deine Liebe, Dein Wunsch mir zu helfen, doch eigentlich Alles in Deinem Kopf ausbrüten half.«

»Es ist mir schon recht,« sagte Pölten – »daß Du Dir die Sache so verschönerst und mir dadurch wenigstens das Herz gegen Dich leicht machst! Aber soviel ist gewiß, könnte ich den Streich aus meinem Leben auslöschen – ich dürfte an mein Alter mit mehr Ruhe denken, so aber, fürchte ich, wird der Gedanke daran, wenn ich mit weißem Scheitel auf meinem Sorgenstuhl sitze, mich toller zwicken und in die Luft sprengen, als säße mir das Podagra in den Gliedern.«

Lacy wurde von der Wahrheit dieser Worte etwas verlegen gemacht, denn er fühlte, ihm würde das ebenso erscheinen, und doch wünschte er so sehnlich, das Selbstgefühl des sonst so trefflichen Freundes zu retten. Pölten errieth den Freund und ihn sanft auf die Achsel klopfend, sagte er lächelnd: »Jetzt, Herr Adjutant, thun Sie Ihre Schuldigkeit und machen Sie Ihre Meldung. – Nachher sollst Du den Freund hören und ich will mich von Dir trösten lassen!«

Als die dienstlichen Angelegenheiten beseitigt waren, vereinigten sich beide Freunde in dem kleinen Blockhause, worin Lacy in der Nähe des Feldmarschalls seine Wohnung genommen hatte.

Pölten war von dem Tode der Gräfin bereits unterrichtet und der warme Tribut der Verehrung, den er ihr zollte, that dem Herzen Lacy's unendlich wohl.

Wer beide Freunde beobachtete, konnte leicht wahrnehmen, daß sie um den Gegenstand, der ihnen nahe lag, herum gingen, und bis jetzt hatte noch Keiner den Namen Thyrnau oder Magda genannt.

Lacy forderte seinen Freund auf, ihm seine Schicksale seit ihrer Trennung zu erzählen, da er darüber völlig unwissend geblieben, indem Pölten keinen Brief des Grafen Lacy beantwortet hatte und damit endlich die Verbindung unter ihnen aufgelöst blieb.

»Vergib mir!« sagte Pölten, in Erinnerung dieses hartnäckigen Schweigens. »Sollte ich nach dem in Tein Erlebten mich wiederfinden, sollte ich es ertragen lernen und an mich selbst wieder Glauben fassen, mußte ich auch mit Dir eine Zeitlang abschließen, auf ganz neuen Boden mich begeben, nicht immer die Wunde aufgerissen fühlen, die ich mit Gewalt zudrückte, um ihren Schmerz zu betäuben! Lacy!« – sagte er fast weich – »es ist ein Wendepunkt in meinem Leben geworden – ich bin empfindlich bestraft worden, darum so empfindlich, weil ich mir immer sagen mußte: Du hast es verdient. – Dieser Alte mit seinen feurigen Augen und seiner Jupiterstirn, um die die weißen ambrosischen Locken zu Berge stiegen, als er mir die Lüge aus der Seele riß – der hat vor mir gestanden wie ein drohender Bote des Höchsten. Es war mir, als verstünde ich erst seitdem dies lau uns angeborene Wort »Ehre,« was wir hinter uns herschleppen und alle Augenblicke gewöhnt werden, es im Munde zu verhudeln, während es uns nicht hindert, uns allerlei zu gestatten, was niederbrennen würde, wenn uns das wahre Feuer der Ehre durchglühte. – Und welche Schickung blieb mir dieser Thyrnau, da ich überall seine Spur fand; wenn man nur erst seinen Namen kennt – da hört man ihn bald überall – und nun vollends in Frankreich! Die Pompadour ist noch heut zu Tage so begeistert von ihm, daß sie ihn uns immer abbetteln möchte – wir sollen ihr immer eingestehn, er sei kein Deutscher, er sei wenigstens in Frankreich erzogen; das deutsche Bärenland soll solche Zierde der menschlichen Gesellschaft nicht haben entwickeln können.«

»Wie?« – fragte Lacy – »Du warst unterdessen in Paris?«

»Vergiß nicht, daß es mehr meine Heimat ist als Deutschland! Meine Revenüen waren gut im Stande, als ich die Erbschaft in Ungarn angetreten hatte und meine Angelegenheiten danach geordnet. In Ungarn mich aber anzusiedeln, hätte ich nicht vermocht; nach Oesterreich zurückzukehren, fehlte mir noch die Kraft; da zog der alte Zauber mich mit der Verheißung des besseren Trostes nach der Heimat meiner Kindheit und Jugend, und er hat mir Wort gehalten; der allzu starke Druck ward mir von der Seele genommen und die alte Kraft lebte wieder auf. Aber Du kannst denken, daß nach dem, was mir die Pompadour, in deren Boudoir ich freien Zutritt erhielt, noch von unserm alten Thyrnau erzählte, meine Bewunderung für ihn immer höher stieg, so hoch endlich, daß es mir schien, vor solch' einem Manne müsse man immer gedemüthigt stehn! – Doch diesen Theil Deiner Verhältnisse kenne ich noch nicht; sage mir, bester Lacy! wie stehn Deine Vermögens-Angelegenheiten? Ich darf jetzt danach fragen, da ich selbst reich geworden bin und viel bei Dir gut zu machen habe.«

»Meine Vermögens-Angelegenheiten?« sagte Lacy etwas erstaunt – »Du kannst denken, daß ich viel mehr habe, als ich brauche; die Güter sind durch Thyrnau's Verwaltung im Werthe gestiegen; so freigebig, ja verschwenderisch sowohl Claudia als ich lebten, haben wir sie noch nicht verbrauchen können.«

»Wie meinst Du das?« fragte Pölten näher rückend. »Sprichst Du von den Wratislawschen Gütern?«

»Ja« – sagte Lacy – »ich war ja längst im Besitz derselben! Du hast das wieder vergessen, ich hatte ja seit meiner Majorennität alle Revenüen in Gebrauch.«

»Was?« – rief Pölten – »und Du bist darin geblieben? Sprich! selbst Tein gehört Dir?«

»Lieber Pölten« – sagte Lacy – »Tein ist ja die Hauptherrschaft – natürlich gehört sie mir!«

»Gehört Dir?« – rief Pölten – »Dir, Lacy? – Heiliger Gott! und wovon lebt denn Thyrnau und seine Enkelin – diese göttliche Magda? Hast Du ihnen ausgezahlt oder zahlst Du langsam ab?«

»Pölten!« – rief Lacy aufgeregt in die Höhe springend – »was bedeuten diese mir völlig unverständlichen Reden? erkläre Dich! – Mir blieb über meine Angelegenheiten, nachdem ich Magda's Hand ausschlagen mußte, ein unergründliches Dunkel; oft hat mich der Verdacht gequält, mir werde irgend ein wichtiges Geheimniß entzogen, aber alle meine Bemühungen blieben fruchtlos – was weißt Du davon?

»O Lacy!« – rief Pölten – »so erfahre durch mich, daß es eine menschliche Größe giebt, an der alle Lockungen des Lebens gebrochen niedersinken – einen Mann, der dem lockendsten Feinde der Erde, dem Mammon, widersteht, um eine große edle Idee zu retten, die Niemand kennt als er selbst – wofür ihm Keiner dankt, als sein Bewußtsein!« –

»Und wenn Dich die Nachricht zum Bettler machte, so wirst Du sie mir danken, denn Du wirst sie einhandeln um den Besitz des größten und edelsten Menschen. Tein gehört Dir nicht! – Tein gehört Thomas Thyrnau! Die Herrschaft war ihm verpfändet für sein großes Vermögen, welches er hingab, um die wahnsinnigen Schulden zu decken, die Dein Vetter in Frankreich gemacht hatte.«

»Meine Ahnung!« rief Lacy aufspringend – »Heiliger Gott! welche Aufklärung! – Jetzt – jetzt ist Alles aufgedeckt – darum sollte ich Magda heirathen, damit mein ehemaliges Erbe mit ihr auf mich zurückfiele – und darum die ganze schreckliche, unvergeßliche, über mein Leben entscheidende Scene an jenem Tage, wo wir uns in Tein trafen! – Weißt Du, was sie thaten? Weißt Du, daß sie das Testament verbrannten, ehe ich zur Besinnung kam? Ich spreche von Beiden, Pölten! denn es ist gewiß, das hochherzige Mädchen hat Alles gewußt, so gut wie Thyrnau – ihr Entschluß darüber war sogar früher gefaßt als der seinige! O wie ist mir Alles jetzt so sonnenklar! Darum die Weigerung bei dem Prozeß, die Summen nachzuweisen, die er ausgezahlt – darum das Geheimniß mit der Kaiserin, nachdem er alle Andern als Vertraute zurückgewiesen – darum das Bestreben, mir das Gefühl klar zu machen, er habe Vaterrechte auf mich! Dies war für den Fall, daß mir das Ungefähr den wahren Zusammenhang aufdeckte, die Brücke, mich im Besitz zu erhalten! O Thyrnau! welch' ein Mensch bist Du – o Magda! wie weit überragst Du Dein Geschlecht! –

Claudia! wenn Du diesen Triumph der Menschheit erlebt hättest, Du wärst gern arm geworden! – Und doch giebt mir mein jetziges Alleinstehn größere Freiheit – – macht Alles leichter. Etwas wird mir noch gehören – mein Gehalt als Hauptmann dazu – das macht mich völlig selbstständig. Reiche ich nicht, Pölten, dann will ich mir von diesem edlen Thyrnau Almosen geben lassen – ja! weh' der kleinsten Regung von Stolz gegen ihn – weh' mir, wenn mein Herz nicht stets ein demüthiges Kinderherz gegen ihn bleibt!«

»Nun« – sagte Pölten – »dann vergiß nicht, daß Du ihm mit nichts weher thun kannst, als wenn Du ihm Alles zurück giebst und seine großmüthigen Pläne zerstörst.«

»Still, mein Freund« – sagte Lacy – »Du kennst ihn nicht! So bestimmt wie er fühlt, was er selbst zu thun hat, so bestimmt fühlt er auch in der Seele des Andern. Aber Du hattest Recht! Würde ich auch zum Bettler, diese Entdeckung schwellt mein Herz mit einem Entzücken, daß ich mir reicher erscheine als vorher! O Thyrnau – ich gehöre Dir an.«

»Ach,« sagte Pölten – »gestehe es, ich bin dazu bestimmt, Dich in schmerzliche Berührungen mit diesem edlen Greis zu bringen. O hätte ich geschwiegen!«

»Um Gotteswillen! beklage das nicht – zweifle nicht, es war grade Gottes Wille, daß ich es erfuhr – aber sage mir, auf welche Weise Du diese Entdeckung machtest.«

»Ich mußte der Pompadour Alles von Thomas Thyrnau erzählen, was ich nur wußte,« fuhr Pölten fort – »und ich erzählte ihr meinen wahnsinnigen Streich – und die Veranlassung dazu: Deine Vermählung. Es kam ihr vor, als habe sie schon einmal etwas darüber gehört; aber ihr geht viel durch den Kopf und neben einzelnen außerordentlichen Eigenschaften häuft sich der Plunder, den ihr eitles Leben absetzt, immer stärker um sie her. Sie bekam aber öfter Nachrichten von Thyrnau, und das frischte immer ihr Grübeln über die Kenntniß, die sie von der Sache hatte, wieder an. Endlich war sie dahingekommen zu glauben, daß ihre Kenntniß aus einem Briefe Deines Oheims käme, – und sie zeigte mir in ihrem Aktenzimmer ein Fach, wo alle Unterhandlungen mit Lacy und Thyrnau in großer Unordnung aufgeschichtet lagen. Einmal von einer Idee erfaßt, geht sie nicht wieder davon ab – sie ließ sich auf einem Fauteuil in das Zimmer rollen und ein Page und eine Kammerfrau mußten nun Alles heraus reißen und vor ihr ausbreiten. Fast mit Gewalt machte ich mich zu ihrem Sekretär und entriß so den neugierigen Blicken der beiden Unberufenen, was ich vermochte. Da fand sich ein Bündel Briefe vom Grafen Lacy – wir öffneten sie – und unter vielen unbedeutenden lag der eine – verzeih mir – sehr unbesonnene Brief Deines Oheims. Er war bei Thyrnau's letzter Anwesenheit in Paris geschrieben, nachdem das wunderbare Abkommen unter ihnen festgestellt war. – Vermutlich war Thyrnau auf eine drückende Weise von den Gläubigern belästigt worden, und die Marquise, welche ihn bis dahin geschützt, hatte in leichtsinniger Zerstreuung unterlassen, diesen Schutz fortzusetzen. Thyrnau – wie aus dem Briefe hervorging – hatte die Geduld verloren und Lacy aufgefordert, um jeden Preis einen vorgeschlagenen, doch höchst ungünstigen Handel über Thyrnau's Grundstücke in Prag abzuschließen, um ihm Geld zu schaffen.«

»Da hatte Dein Oheim der Marquise diesen Brief geschrieben, um sie auf's Neue zu erwärmen und ihren mächtigen Schutz zur Abwehrung der lästigen Gläubiger zu erlangen; indem er sie beschwor, diesen Brief Thyrnau zu verheimlichen, hatte er in einem glühenden Enthusiasmus ihr das ganze großmüthige Opfer desselben und ihr Abkommen darüber entdeckt.«

»Sie hielt ihm Wort. Thyrnau empfand bald wieder die Macht ihres Schutzes; auch erfuhr er nie von diesem Briefe, denn sie sagte selbst: Ich hatte ihn seitdem lieber als meinen Affen! So tröstete Deinen Oheim wohl der glückliche Erfolg über diese heimliche Handlung. – Uebrigens füge ich noch hinzu, daß ich ihren Liebling Jocco am selben Morgen durch allerlei Neckereien so reizte, daß er sämmtliche Akten und Briefe in Fetzen zerriß, während seine Gebieterin Thränen lachte und ich endlich alle Schnitzeln zu einem großen Ball zusammen rollte und in den Kamin warf, wofür Jocco mich fürchterlich biß und ich von seiner Gebieterin den Affenorden bekam, da das wüthende Thier den feurigen Ballen wieder herausreißen wollte, ich ihn aber abhielt mit Schaufel und Zange und dadurch dies theure Leben rettete.« »Also Thyrnau weiß es selbst nicht!« sagte Lacy – »Thyrnau kann nicht ahnen, woher mir der Aufschluß kommt! – Edler – edler Freund! Möchte Dich die Nachricht nicht zu tief betrüben, da ich sie Dir nicht ersparen kann!«

Mit einem Kourier nach Wien ging Lacy's Brief an Thyrnau ab, der den letzten Rest der einst so wohlersonnenen Pläne zerstörte und gegen den großmüthigen Willen der Menschen doch der Wahrheit – der siegreichsten Gewalt der Erde – zu ihrem Rechte verhalf.

Nach einiger Zeit erhielt Lacy von Thyrnau eine Antwort. »Was dürfen wir uns wundern,« schrieb er – »wenn wir »erfahren, daß alles Menschenwerk auf gebrechlichen Füßen »steht? Dürfen wir darum geringer von den Werken denken, »die wir aufzurichten strebten? Dürfen wir auch sagen, sie »waren umsonst, wenn wir sie verfallen sehn und von der »Gestalt, die wir ihnen geben wollten, nichts übrig bleibt? »Ich sage nein! Was auf die Oberfläche der Erscheinungen »einwirkt, ihre eigentliche materielle Gestaltung, ist nicht »die Hauptsache. Etwas Ewiges liegt in der Idee, die »der Mensch faßt, für deren Entwicklung er lebt, und »diese Idee ist unzerstörbar, wenn die Erscheinung auch »ohne wesentlich dauernde Existenz bleibt. Es ist das »geistige Fluidum, das Geister nährt, die Atmosphäre, »worin der große Geist, der uns Alle treibt, die unsichtbare »Kirche erbaut hat, in der sich sammelt, wer die Erde von »den Flügeln stäubt!«

»Denke nicht, daß ich bei Deiner Nachricht Schmerz »empfand. – Was soll uns die Lüge – uns sage ich – »denn die Welt behalte ihr Theil davon, wenn sie kann! – »So gering kam mir das oft vor, was ich Dir verbarg, »daß ich mich davor schämte – und vielleicht hätte ich es »Dir selbst gelegentlich gesagt; aber es war mir nicht »wichtig genug in der bewegten Zeit, in der wir lebten, »Dich durch neue Betrachtungen abzuziehn, wo Du all' »Deine Kraft bedurftest.«

»Was ist denn nun geschehn? Du weißt, wie die alten »Leute geschwärmt haben und Luftschlösser gebaut für ihre »Kinder – war das nicht schön? Ist der Geist der Liebe, »den wir nährten, verloren gegangen? Liebst Du mich nicht »mit einer Stärke, die wie Sonnenschein auf meinen weißen »Scheitel glüht? Hat uns Alle – Claudia – Magda – »und uns Beide nicht ein reiner heiliger Geist der Liebe fest »umschlungen und allen unsern äußern Verhältnissen ihren »Karakter und ihren Werth verliehen? Sieh! das Letzte »von meinem Plane ist heute vor meinen Augen zerstört »und in Nichts versunken – und eine warmherzige Freude »hat mich durchströmt und ich habe ihm ruhig nachgesehn, »als wäre mir nichts damit genommen und ich durfte ihm »nachrufen: Du warst doch echter Art, denn in Dir wehte »der unzerstörbare Odem der Liebe und dieser steigt drüber »und bleibt uns!«

»Ich habe nichts dagegen, wenn Du verlangst, daß mir »die Güter jetzt gehören, obwohl ich Dir einen schönen »Prozeß anhängen könnte, denn alle Dokumente sind zerstört, »und es sollte Dir schwer genug werden, mir zu beweisen, »daß sie mir gehören. Du hast aber doch recht – die »ganze Herrschaft Tein gehört mir – für Dich war nur »das kleine Gut zu retten, wo Dein Vetter starb. – Aber »was haben wir denn nun damit Außerordentliches erreicht »oder – welche Veränderung soll dadurch eintreten? Lebten »wir denn nicht in einer Gemeinschaft, die das Gefühl des »einzelnen Eigenthums ziemlich aufhob? Für den Fall Deines »Todes, der bei Deinem neuen Handwerk möglich wäre, »hat Hieronymus der Kaiserin im Vertrauen ein Dokument »Deines Oheims gezeigt, welches der alte vorsichtige Mann »mir unbewußt dort niederlegte. Es würde meine Ansprüche »ziemlich darthun und meiner Magda Vermögen nach meinem »Tode sichern!«

»Du wirst nicht verlangen, daß ich in meiner jetzigen »Lage die Verwaltung dieses großen Vermögens übernehme – »bin ich so lang Dein Haushalter gewesen, so sei Du es jetzt »für mich! Nach einem Jahre, wenn wir leben, fordere ich »von Dir in Claudias Namen eine Unterredung; nach dieser »erst fassen wir neue Pläne für die Zukunft – bis dahin »fordere ich von Dir mit der Autorität eines Vaters, die »Du mir zugestanden, daß Du über das eben Erfahrene das »tiefste Geheimniß beobachtest, und völlig der Herr dieser »meiner Besitzungen bleibst. Ich fordere dies mit um so »größerem Rechte, da ich unfehlbar dem Neffen das Verhältniß »anbieten darf, welches sein Oheim, der ehrenhafteste »Mann der Erde, zu tragen vermochte – und ich will bis »dahin, wo ich Dich binnen einem Jahre zu der angekündigten »Unterredung auffordere, kein Wort des Widerspruchs hören – »bei meinem väterlichen Zorn!«

»Vielleicht thut es Dir wohl, zu erfahren, daß Claudia »bei unserm Abschied, von dem wir beide wußten, daß »er für's Leben war, mein volles Vertrauen auch darüber »erhielt – und daß ich dagegen ihre letzten Wünsche für »Dich empfing!«

»Und so segne Dich denn Gott, mein theurer Sohne »Jetzt ist kein Geheimniß mehr zwischen uns, und ich »empfinde Ruhe und Freude und danke Gott für Alles, was »er zerstört – für Alles, was er erhalten, gleich inbrünstig.«

Als Lacy diesen Brief Thyrnau's gelesen, schien ihm die Wichtigkeit des Ereignisses, welches er noch eben so tief empfunden hatte, gänzlich verschwunden – die Trennung der Verhältnisse, die er gefühlt, war nicht mehr da – wirklich gleichgültig schien es ihm, wer Tein besäße! Jedes Wort dieses väterlichen Briefes hatte seine Absicht erreicht; es hatte ihn überwältigt durch die Macht der Liebe, die allein noch als Hauptsache, als Inhalt, als Wesen ihrer ganzen Verhältnisses hervortrat. – Aber seine Gedanken hafteten mit viel größerer Erschütterung, als er bei Pölten's Nachricht empfunden, auf den Worten Thyrnau's, die ihn binnen einem Jahre vorluden, die Wünsche Claudia's zu vernehmen.

Muthig riß er sich von diesem Gedanken los – er eilte, dem ihm aufs Neue theuer gewordenen Pölten den Brief Thyrnau's mitzutheilen, und dieser schwur in fast andächtiger Feierlichkeit, den Willen des edlen Greises ehren zu helfen durch unverbrüchliches Schweigen.

Dann theilte er in einem langen Briefe an Magda derselben schonend, wie es ihr besonderes Verhältniß verlangte, Alles mit, was er erfahren und jetzt beschlossen hatte, und erst nach Erfüllung dieser Pflicht ergriff er seinen neuen Beruf mit doppelter Energie.

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