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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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VI.

Das Auge der Frau Liesbeth war von einem trüben Thränenschleier verhängt; doch wiederfuhr ihr heute eine Wohlthat, die sie schon lange nicht mehr genossen: sie durfte ihr bekümmertes Herz ausschütten und empfing süßen Balsam des Trostes für die abgelegte Last. Pater Thomasius war es, den sie für würdig erachtete, ihr Vertrauter zu werden; sie fühlte eine warme, kindliche Verehrung für den Greis und wenn sie in seine milden klaren Augen sah, war es ihr, als sei es mehr als Andacht, das ihr Herz ihm zuwandte. »Er liebt mich noch immer wie einst,« fuhr die Frau in ihren Bekenntnissen fort, »ist er jemals sanft und gut, so ist er es mir gegenüber; wenn seine Rauheit mir Thränen auspreßt, so ist er wie umgewandelt und nur darauf bedacht, mich zu versöhnen. Und doch macht er mir das Leben trüb. Er verzehrt sich selbst in seinem grollenden Hasse und meinem Heinz ist er ein recht harter Vater. Heilige Jungfrau! Seine Gedanken sind oft entsetzlich.«

»Es ist die vorübergehende Leidenschaft!« antwortete der Pater. »Er zürnt mit seinem Schicksal; aber er wird sich versöhnen mit ihm. Die heilige Religion muß ihn aufrichten, maß ihn lehren, daß des Menschen Loos von Ewigkeit her bestimmt ist, und daß es Sünde, sich dagegen aufzulehnen.«

»Ach, das ist ja mein größter Schmerz!« seufzte Liesbeth. »Er hat sich abgewandt vom seligmachenden Glauben und dem Ketzer sich zugeneigt, der so viel Verwirrung unter die Christenheit bringen soll; O hätte ich jenen Mann nimmer gesehen, der ihn zu der gottlosen Lehre verführte. Von jenem Tag an begann mein Unglück. Vorher murrte er seltner über sein Schicksal; sein finstrer Groll war nur wie Gewitterschauer, der vorüberging, wenn ich ein freundlich Wort zu ihm sprach. Jetzt ist es anders; er hegt nur rachsüchtige Gedanken; alle Menschen seien gleich, sagt er, das lehre der Luther, und das sei wahr, das sei vernünftig. Dieser Luther muß ein gottloser Mensch sein, daß er so viel Zwietracht säet.«

»Er ist nicht so schlimm, als du meinst, meine Tochter!« entgegnete der Pater. »Allerdings sind alle Menschen gleich vor Gott, ihrem ewigen Schöpfer; dort gilt kein Ansehen der Person und des Standes, wer Recht thut, der ist ihm angenehm. Trägt es die Schuld, daß er mißverstanden wird?«

»Aber das scheint mir so klar, daß ich nicht einsehe, warum er's aussprach;« erwiederte Liesbeth. »Ich habe nie anders geglaubt und meine, Jeder müsse es glauben, der an den Erlöser glaubt. Warum brauchte es Luther noch zu sagen? Und ist ein Mensch denn nicht gottlos, der die heilige Religion stürzen will, in der der Mensch allein selig werden kann? Darf ein Mensch das antasten, was Gott selbst geschaffen?«

»Er tastet es auch nicht an!« belehrte der Mönch. »Er will das Wert Gottes nur von Menschenzuthat reinigen. Mir geziemt es nicht, zu entscheiden, ob das wirklich Menschenzuthat ist, was er zu vernichten strebt.«

»So gewiß ich hoffe, in meinem Glauben selig zu werden, so gewiß frevelt er an dem Frieden der Menschen!« eiferte Frau Liesbeth. »Unsere Eltern glaubten, wie wir, an die Fürbitte der Heiligen, an das unbefleckte Magdthum der Mutter Gottes, an die Gewalt des heiligen Vaters und lebten glücklich, starben selig. Warum will er uns in diesem Glauben wanken machen, und werden wir mit gleicher Andacht in dem neuen Glauben beten? Wenn ich auf meinen Knieen liege und bete zu der Himmelskönigin, so recht aus inbrünstigem Herzen, da ist es, alt sei eine schwere Last von mir genommen, die Brust wird mir so leicht und ich meine die lieben Engel zu sehen, wie sie mir zulächeln. Wie aber, wenn ich nicht mehr so beten sollte oder könnte?«

»Es ist die Macht des Gebetes;« belehrte Thomasius. »Wer sein Herz mit Andacht zur Gottheit wendet, dem kehrt es nie ungetröstet zurück.«

»Wenn ich mein Kind dem Schutze der heiligen Gnadenmutter empfahl,« fuhr Liesbeth fort, »dann war ich ruhig, denn ich wußte, daß ich es in treuer Obhut wiederfinden würde. Wem sollt' ich mein Theuerstes vertrauen, wenn ich nicht mehr mit der vorigen Inbrunst In der Jungfrau beten könnte?«

»Dem Schutze Gottes!« antwortete der Pater. »Es leben noch viele Menschen auf der Erde, die nicht einmal an den Heiland glauben, aber sie beten Alle zu demselben Gott, mag er nun Jehova, Allah oder Brama heißen, und Alle hoffen in ihrem Glauben selig zu werden, und sie werden es sein, wenn sie die Gebote erfüllen, die der Herr in die Menschenbrust gelegt.«

Liesbeth schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie kann selig werden, wer nicht betet?« sprach sie. »Seit er von dem Luther gehört hat, ist sein Gebet ein Fluch gegen die Menschen, die er seine Unterdrücker nennt. O ich fürchte, seine Seele sinnt auf Mord! Heilige Jungfrau, steh« uns bei! Wehe mir, daß ich von meinem Manne so Arges sagen muß! Der Friede, der das beste Gut in unserer Armuth war, ist zerstört, und ich leide nicht allein darunter. Heinz empfindet die Härte des Vaters mehr denn ich, weil sein schuldloses Herz dem Hasse fremd ist, der seine Brust verzehrt. Ist denn das Alles so von Gott bestimmt?«

»Es ist!« sagte der Mönch im Tone fester Ueberzeugung. »Ich hab' es an meinem eigenen Schicksal erlebt, daß der Mensch seiner Bestimmung nicht entgehen kann. Ich hoffte einst auf ein andres Lebensglück, als ich gefunden, ich liebte die Welt mit ihren Freuden, und es ward mir schwer, in meinem neuen Beruf Ruhe und Befriedigung zu finden.«

Frau Liesbeth war zu sehr mit ihrem eigenen Loose beschäftigt, um Interesse an dem Lebenslauf des Mönches zu zeigen. »Noch Eines drückt mich schwer,« fuhr sie vertraulicher fort; »der Gedanke, daß mein Mann auf bösen Wegen wandelt. Gott hat die Thiere des Waldes für alle Menschen geschaffen, sagt er, wenn ich ihn warne. Das wäre mein Tod, wenn er einst als Dieb ergriffen würde!«

»Er frevelt gegen das Gesetz der Menschen!« antwortete Thomasius ernst. »Ist es auch wie er sagt, so ist doch der Wald mit seinen Geschöpfen das Eigenthum eines Einzelnen geworden, und es ist Sünde, fremdes Eigenthum anzutasten. Ich werde mit ihm darüber sprechen.«

Das Gespräch wurde hier durch die kleine Marie unterbrochen, die jubelnd in das Gemach gesprungen kam, in die kleinen Hände klatschte und rief: »Vater kommt!«

Die Mutter riß das Kind mit leidenschaftlicher Heftigkeit an sich, küßte es und sprach: »Die Heiligen beschützen nur dich, du schuldlose Taube, vor Unglauben und Sünde!« Marie sah die Mutter verwundert an, schlang aber die Arme um sie und küßte sie.

Einige Minuten später trat Kolbach mit Heinz in die Hütte. Der Bauer war sichtlich nicht angenehm überrascht, Besuch zu finden, und verbarg seinen Quersack, aber er erwies dem Mönche die gewohnte Ehrfurcht. Thomasius hatte die Blutflecken bemerkt, die am Quersack sichtbar waren und auf seinen Inhalt schließen ließen. Liesbeth sah den Mönch mit einem ausdrucksvollen flehentlichen Blicke an, gab den Kindern dann allerlei Aufträge, und entfernte sich selbst unter dem Vorwande, das Essen zu bereiten.

Kolbach fühlte sich sichtbar beängstigt durch die Anwesenheit des Mönchs. »Ihr kommt von einem blutigen Geschäfte, wie ich sehe!« sagte der Letztere endlich, auf den Quersack deutend. »Ihr seid ein Freund der edlen Weidmannskunst?«

Der Bauer ward immer verlegener. »Und wär' ich es auch, antwortete er, wie dürft' ich sie ausüben?«

»Das solltet Ihr immer bedenken!« sprach der Mönch mit überlegenem Ernst darauf. »Ihr solltet bedenken, daß Ihr kein Recht habt, Euch an Gütern zu vergreifen, die einem Andern gehören. Und Ihr habt es doch gethan!«

»Wenn Ihr's denn wißt, so will ich's denn nicht leugnen, daß ich dem gestrengen Grafen zuweilen in seine angemaßten Rechte griff!« erwiederte Kolbach mit einem gewissen Trotz. »Aber sagt mir, wer hat ihm denn das Eigenthum gegeben? Hat er die Bäume gepflanzt, aus denen der Wald entsteht? Hat nicht die Natur sie wachsen lassen aus der Erde, die weder sein Pflug urbar gemacht, noch seine Hand befruchtet? Hat er die Thiere dieses Waldes gepflegt, wieder Landmann sein Gespann? Frei sind sie, wie das Sonnenlicht, und kein Mensch hat mehr oder minder Recht an sie! Oder hat der Herrgott sie vielleicht dem stolzen Grafen geschenkt?«

»Sagt doch, woher habt Ihr das Beil, das dort im Winkel steht, die Kleider, die Ihr auf dem Leibe tragt?« fragte der Mönch dagegen.«

»Ich hab' es mir erworben durch meiner Hände Arbeit, durch den Schweiß meines Angesichts,« entgegnete der Bauer

»Und woher hobt Ihr die Hütte, in der Ihr wohnt, das Lager auf dem Ihr Ruhe findet?« frug Thomasius.

»Von meinem Vater geerbt,« war die Antwort.

»Und es ist Euer Eigenthum;« entgegnete jener. »So hat der Graf den Wald mit seinen Geschöpfen von seinen Vorfahren überkommen. Er ist sein Eigenthum, und Ihr begeht Sünde, so Ihr es antastet.«

Der Bauer ließ sich auf weitere Erörterungen darüber nicht ein; et faßte nur die praktische Seite auf, indem er sprach: »Soll ich verhungern mit meinem Weib und meinen Kindern, während der Graf an brechenden Tafeln schwelgt? Er nimmt die Früchte meines Fleißes und nennt es sein Recht; ich nehme nur einen kleinen Theil von dem, was er mühelos erworben hat, und er wird nicht ärmer davon!«

»Ihr sucht Euer Gewissen durch Trugschlüsse zu betäuben!« sagte der Pater. »Seid aber aufrichtig gegen Euch selbst, und es wird Euch an Euer Unrecht mahnen. Und wenn Ihr zum Bettler würdet, und eines Pfennigs Werth könnte Euch retten, den Ihr einem Reichen nehmt, so habt Ihr schon Sünde gethan, wo Ihr den Gedanken faßt. So spricht die Christuslehre.«

»Aber nicht der Mensch, der in seiner Armuth gleiche Rechte mit dem Könige hat, mein' ich;« antwortete Kolbach. »Die ewige Gerechtigkeit kann die Gaben der Erde nicht vertheilt haben; sie hätte dann den Einen nicht zum Bettler, den Andern zum Reichen gemacht. Sie werfen ihren Ueberfluß eher den Hunden vor, als dem armen Manne. Das Raubthier holt sich sein Futter und fragt nicht, ob es in eines Königs Rechte greift. Und der Mensch sollte verhungern, weil ihm menschliche Gesetze das Recht an dem entzogen haben, was ihm von Ewigkeit her gebührt?«

»Eben darum, weil er Mensch ist, soll er die Weltordnung achten!« sprach der Greis. Thomasius ging; der Bauer ward nachdenklich. »Nein, nein!« rief er endlich. »Es ist kein Verbrechen. Ich nehme von seinem Ueberflusse nur, und er nimmt von meiner Armuth! Warum erhebt sich der Mensch über den Menschen? – Woher wußte der Mönch? Ha, wenn ich an meiner Brust den Verräther nährte!« – Ein Schatten des Argwohns gegen Liesbeth flog durch seine Seele. Als die Frau hereintrat, blickte er ihr lange und fest in die Augen. »Du hast mich an den Mönch verrathen!« sprach er dann rauh.

Liesbeth kannte die Verstellung nicht. Sie sah ihn mit klaren Augen an, faßte seine Hand und sprach mit inniger Zärtlichkeit: »Vergebung! Ich that es aus Liebe zu dir! Es preßte mir das Herz ab, wenn ich denken mußte, daß du auf bösen Wegen wandelst, daß man dich als Dieb ergreifen könnte. O thu' es nicht mehr! Lieber arm und elend sein, als Böses thun. Thu' es nicht mehr, wenn du mich liebst!«

Kolbach riß sich los. »Thörichtes Weib!« sprach er. »Mich verrathen! Was sollen dann die thun, die ich hasse, wenn die ich liebe zum Verräther an mir werden?«

»Vater Thomasius wird das Geheimnis in seiner Brust bewahren,« entgegnete Liesbeth eifrig. »Aber treib' es nicht mehr, das schreckliche Gewerbe! Jede Minute erfüllt mich mit namenloser Angst!«

»Du weißt nicht, was du sprichst!« murrte der Bauer.

»Und die schuldlose Seele unseres Knaben vergiftest du!« fuhr die Frau fort. »Halt ihn zum Mindesten rein von der Sünde! Erbarme dich! Mache dein Kind nicht zum Verbrecher!«

»Weib!« fuhr der finstere Mann auf, erhob drohend die Faust, blickte die Frau lange durchdringend an, ließ dann die Faust sinken, seufzte und strich sich mit der flachen Hand über die Stirne, als wolle er die brütenden Dämonen beschwören. Von dieser Zeit an hatte sich in das schöne Verhältnis der Eintracht der beiden Gatten ein düsterer Schatten geschlichen, der niemals wieder ganz verschwand. Kolbach hatte von nun an Geheimnisse vor der Gattin, und Liesbeth gab ihren tiefen Schmerz darüber nur durch Seufzer zu erkennen. Die Liebe ist eine gar zarte Blume; aller Sonnenschein löscht die Flecken nicht mehr aus, die ein einziger giftiger Regen auf den Blüthenblättern hervorgebracht. –

Pater Thomasius kehrte nach seinem Kloster zurück. Die Mönche, die ihm aus dem Kreuzgange begegneten, betrachteten ihn theils mit einer gewissen Scheu, theils mit Spott und Verachtung. Er achtete anfangs nicht darauf, als aber selbst die, die ihm genauer befreundet waren, wortlos an ihm vorübergingen, suchte er sich den Grund zu erklären, ohne daß es ihm gelang. Er war kaum in seiner Zelle angekommen, als ihn ein dienender Bruder zum Prior beschied. Daß diese Vorladung in Bezug zu jener Erscheinung stand, war ihm wohl deutlich, aber der Zusammenhang des Ganzen war ihm noch ein Räthsel.

Der Prior, ein stolzer, wohlgenährter Mann von etwa vierzig Jahren, empfing ihn mit strengem Blick. »Bruder Thomasius, sind dir diese Schriften bekannt?« fragte er mit scharfem Ton, indem er dem Mönch ein Paar geheftete Bücher vorhielt.

Thomasius erkannte in ihnen einige Streitschriften Luther's, die er sich zu erwerben gewußt; er übersah sogleich den ganzen Umfang seines Verbrechens, aber mit fester Stimme antwortete er: »Ja, sie sind es!«

»Und weißt du auch, welches Verbrechens du dich durch den Besitz dieser ketzerischen Bücher schuldig gemacht?« fuhr der Prior fort.

»So mir Gott helfe, keines!« erwiederte der Mönch. »Ich halte fest an der reinen Christusreligion, die ich immer mehr zu erfassen trachte mit gläubigem Gemüthe. Die wahre Liebe und Treue gründet sich aber auf die Ueberzeugung, daß kein Makel an dem Gegenstand unsrer Liebe hafte; Der Wittenberger Mönch wollte solche Makel gefunden haben, und ich verschaffte mir seine Schriften, um zu prüfen, ob er Wahrheit rede oder Lüge, und dann desto fester unserm heiligen Glauben anzuhangen.«

»O Dünkel ohne Gleichen!« rief der Prior aus. »Staub du, der sich zu vermessen wagt, zu prüfen, ob die heilige Kirche unverletzbar ist gegen die Angriffe eines ketzerischen Mönchs! der Glaube ist das rechte Verdienst! glauben sollst du und nicht klügeln und prüfen. Du bist schon ein Knecht der Sünde geworden, als du an die Möglichkeit glaubtest, daß ein Makel an der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche haften könne! Dein Verbrechen ist größer, als daß es durch kleine Buße gesühnt werden könnte. Da du aber ein Greis bist, so wird der Herr barmherzig sein und dich reinigen durch die Buße, die ich dir auferlege. Geh' auf deine Zeile und geißle dich, bis das Blut von deiner Haut rinnt, und täglich so lange, bis ich sage: es ist genug! Das ketzerische Gift aber sei vernichtet, wie der Herr am jüngsten Tage die Spreu von seinem Weizen sondern und vernichten wird.«

Pater Thomasius beugte demüthig sein Haupt zum Zeichen des Gehorsams. Im Hofe wurde ein Feuer angezündet, und der Prior warf in Gegenwart aller Mönche die ketzerischen Bücher in die Flamme. »So mögen alle die vergehen,« schloß er seine fanatische Rede, »die an den Pfosten der Kirche Christi zu rütteln wagen!«

Thomasius begab sich traurig auf seine Zelle. Dort warf er sich vor dem Bild des Gekreuzigten nieder, hob die Hände empor und rief: »Vergieb mir, wenn ich frevelte an deinem Gebote. Aber helfe mir Gott, ich kann es nicht als Sünde achten, was ich beging. Ist doch deine Lehre so lauter, daß sie sich vor dem Licht des Tages, der Vernunft, nicht zu scheuen braucht! Glauben und nicht denken? Was wäre der Mensch dann anders als ein willenloses Geschöpf, das den Weg wandelt, der ihm gewiesen wird? – Und was bin ich denn mehr? Ein armer Mönch, der sich mühsam den Frieden errungen hat für sein zerstörtes Lebensglück, und dessen Seele doch nicht stark genug ist, die Bilder der Vergangenheit gänzlich aus seiner Brust zu scheuchen. – Als Vater und Mutter den unmündigen Knaben dem Himmel verlobt, da dachten sie wohl nicht daran, daß sie einen Himmel zerstörten, daß sie der Kirche nur ein schwaches unwürdiges Werkzeug zuführten. Mein Herz hing am Irischen, der Priester des Herrn aber soll abgeschlossen haben mit der Welt und ihren Freuden. Ich liebte ein Weib, mit all' der Gluth, die ich doch nur dem Himmel weihen sollte. Wo bist du, meine Mechthild? Lebst du noch oder ist dein Herz gebrochen, und du weilest unter den Seligen? Dann umschwebe mich mit sanftem Flügelschlag und flüstre mir in die Seele, daß die Frucht unserer Sünde, der Sprößling unserer Liebe, meine Schuld nicht büßen muß! Sie rissen mich aus deinen Armen und schleppten mich in die dumpfen Mauern des Klosters, wo ich lange, lange trauerte, bis mein Geist sich emporrang zur Entsagung. Welche namenlose Schmerzen aber hast du wohl erduldet? Du liebtest mich mehr als dein Leben, und die Menschen haßten dich nur um deiner Liebe willen. Mechthild, vergieb mir, daß ich die Blüthe deiner Jugend gebrochen!«

Da strömte durch das Gitterfenster der Zelle ein milder Luftzug und spielte mit dem Kranz von Silberhaaren um des Mönches Scheitel; es war ihm, als umschwebe ihn ein seliger Geist und flüstere im süße Liebesworte in's Ohr; er lächelte und beugte das Haupt auf die gefalteten Hände. Da trat der Prior mit einem dienenden Bruder ein; Thomasius bemerkte es nicht. Der Prior schien ihn mit Befriedigung zu betrachten. »Stehe auf, Bruder Thomasius!« sprach er. »Ich sehe dein Herz ist nicht verstockt; du bereust und um so eher wird dich die Buße vor Gott entsündigen.»

Thomasius bot seinen nackten Rücken den Streichen der Geißel; keine Miene verkündete den Schmerz, den er empfand; sein Auge war verklärt. Endlich drang das Blut durch die Striemen, die die Geißel geschlagen. »Genug für heute!« sagte der Prior.

Der Mönch war bleich; als die rauhe Kutte wieder seinen wunden Körper bedeckte, da übermannte ihn endlich der körperliche Schmerz. Er warf sich nieder auf die Kniee und heiße Thränen überströmten die hageren Wangen. Sonst kam keine Klage über seine Lippen; nur ein Dankgebet rang sich aus seinem Herzen los, zu dem seligen Geist, der ihm Standhaftigkeit verliehen, die Schmerzen der Geißelung geduldig zu ertragen. Droben wölbte sich der Himmel so blau und weich, als bestrahle er nur glückliche Menschen, als ahne er nichts von dem blinden Fanatismus, der zur Ehre Gottes die Blüthe des Menschengeistes freventlich zerstörte. –

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