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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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V.

Der Graf, den wir in der Hütte des Häuslers flüchtig kennen gelernt, saß auf dem Balkon seines Schlosses und schaute vor sich nieder, den Kopf in die Hand gestützt, wie ein Mensch, der entweder über einen Entschluß brütet, oder sich jener Gedankenlosigkeit hingegeben hat, die uns zuweilen befällt; der Wind spielte mit seinem dunklen Haar, das ein dunkles Sammtbarett nachlässig bedeckte. Den kräftigen Körper umschloß die bequeme Hauskleidung, statt des Schwertes hing ein langer Dolch an seiner Hüfte; denn niemals selbst beim Mahle nicht, blieb der Ritter ohne Waffe. Eine Strecke von ihm stand der Caplan des Grafen, Pater Benedict, die linke Hand auf die Brüstung des Balcons gestützt, die Rechte ausgebreitet auf die Brust gelegt; sein Auge, das in seiner dunklen Gluth etwas Verstecktes hatte, war auf den Ritter geheftet, während sein Mund in einer begonnenen Rede fortfuhr: »Darum bleib' ich dabei, daß die wittenbergische Ketzerei ein Werk des leidigen Satans ist, der schon lange mit grollendem Neid auf die Schaar der Gläubigen schaut. Er findet immer wieder Werkzeuge, so lange der Hochmuthsteufel nicht unter den Menschen ausgerottet ist, so oft auch die heilige Mutterkirche das Unkraut aus dem edlen Weizen jätet und verbrennt. Wäre jener Luther nicht vorn Teufel besessen, so trieb' er seine Thorheit nicht bis zur frechen Tollkühnheit. Die Kirche ist langmüthig, aber auch furchtbar in ihrem Zorne. Kehrt der ketzerische Mönch nicht reuig in ihren Schooß zurück, so wird sie ihn von der Erde vertilgen, wie so viel falscher Propheten.«

»Aber was geht mich das Alles an?« entgegnete der Graf mißmuthig. »Fechtet Eure Handel allein aus, Ihr Herren, mit den Waffen, die Ihr zu führen vermögt. Macht mit dem Mönche, was Ihr wollt, bratet ihn oder siedet ihn, mir ist es Alles Eins! So viel sag' ich Euch nur, daß die Kurfürsten ihn beschützen, und daß er deshalb kein so finsterer Ketzer sein mag, wie Ihr ihn schildert. Mir ist er gleichgültig, das versichr' ich Euch!«

»Leider seh' ich nur allzu gut, wie wenig den weltlichen Herren das Wohl und Wehe der Kirche am Herzen liegt!« seufzte Pater Benedict. »Und doch gehen unsere Interessen mit den Euren Hand in Hand. Die neuen Ideen drohen Euch mehr Gefahr, denn uns! Diese Ketzer predigen Freiheit und Gleichheit, sie stellen die verwerfliche Lehre auf, daß alle Menschen gleichgeboren, daß die Erde für Alle geschaffen, und daß der Arme deshalb zugreifen dürfe, wo er finde, und daß kein Unterschied sei zwischen Herrn und Knecht. Denkt Euch nun, wenn der rohe Haufe diese Lehren erfaßt und sich erhebt gegen die, denen er bis jetzt gehorchte –«

»Ihr seid rasend!« fuhr der Graf auf. »Der träge Haufe, der nur der Peitsche folgt, weder selbst denkt, noch selbst handelt, sollte auf einmal Beides thun, sollte sich erheben gegen seinen Herrn, vor dessen Stirnrunzeln er zu erzittern gewohnt ist, dessen Zorn das Blut ihm aus den Adern jagt? Hahaha! Es ist Wahnwitz, es nur für möglich zu halten!«

»Die Geschichte lehrt, daß Alles möglich ist!« erwiederte der Pater blinzelnd. »Denkt nur an die gottverfluchten Hussiten, an die Waldenser, wenn Ihr nicht höher in die Vergangenheit hinaufgehen wollt!«

»So denkt Ihr auch daran, daß die rohe Masse immer erlag!« versetzte der Graf ungeduldig. »Wollen sie sich die harten Köpfe an unseren Mauern zerschellen, so mögen sie! Ich jage sie sammt und sonders mit dem Knauf meines Schwertes in die Flucht. Ich schnalle nicht einmal meinen Harnisch um! Was gilt es, sollt' es möglich sein, was Ihr sagt, sie bitten kniend um Gnade beim Klirren meiner Sporen?«

Der Pater lächelte; hätte der Graf es bemerkt, so hätte er es sicherlich für Spott gehalten, aber er war offenbar zu zerstreut, um den Caplan der Beobachtung zu würdigen. »Ihr belästigt mich immer mit sonderbaren Dingen!« fuhr er fort. »Eure Vorgänger, der Pater Thomasius, war anders; er kannte meinen Widerwillen gegen das Schisma der Clerisei, wußte, daß er keine andere Pflicht zu erfüllen hatte, als Sonntags die Messe in der Schloßkapelle zu lesen und meinen Ernst im Schreiben zu unterweisen.«

»Die Kirche verlangt von ihren Dienern Eifer;« antwortete Benedict. »Pater Thomasius war ein fauler Knecht im Weinberge des Herrn.«

»Das mag er vor seinem Gewissen verantworten, mir war er werth!« sprach der Graf ungeduldig. »Thut mir doch den Gefallen und fragt, ob mein Sohn noch nicht zurückgekommen ist.«

Der Pater entfernte sich; er verstand recht wohl diesen Wink und lächelte bitter vor sich hin. Der Graf schlug mit der geballten Faust auf die Brüstung des Balcons. »Ich will's nicht mehr dulden,« rief er, »daß er mit dem Bauernjungen Umgang pflege! Ich will ihn lehren, daß man nicht ungestraft mir den Gehorsam verweigert. Ich erkenne kaum mein Blut in ihm. Wäre Mechthildis nicht tugendhaft gewesen, so würd' ich ihn für einen Bastard halten! – – Ha, diese Bauern! Diese zweibeinigen Thiere, sollten wagen, auch nur den Gedanken zu fassen, gegen uns das Schwert zu ergreifen? Es ist zum Lachen!« –

Während deß saßen mehrere Knechte innerhalb des Zwingers auf Holzblöcken, mittelst einer Kalkerde den Stahlpanzer des Grafen putzend; ein andrer führte das Lieblingsroß desselben auf und ab, klopfte ihm den stolz gehobenen Hals, horchte jedoch dabei immer mit halbem Ohr auf das Gespräch der Cameraden. »Du bist ein gotteslästerlicher Zweifler, Kunrad!« sagte einer der Ersteren. »Ich bin älter als du, hab' mehr Erfahrung und wäre daher schon eher berechtigt, zu zweifeln –«

»Wenn dein zartes Gewissen einen Zweifel zuließe!« lachte Kunrad.

»Richtig!« versetzte jener ernsthaft. »Es wäre sündlich, an einer Sache in zweifeln, die jeder Christenmensch verbürgen kann! Hast du noch nichts von weißen Frauen gehört, die sich sehen lassen, wenn ein Glied der Familie stirbt, der sie in ihrem irdischen Leben selbst angehört? Das ist weltbekannt, und du würdest nicht dagegen mucksen, du junger Lecker, wenn du nur ein Bischen Erfahrung und ein Bischen Verstand mehr hättest!«

»Oho!« rief Kunrad. »Laß dein Maul nicht spazieren gehen, Wolfhard! Was den Verstand betrifft, so tausch' ich wahrhaftig nicht mit dir!«

»Thust auch recht daran!« entgegnete der Alte. »Die Leute würden sich wundern, wie so kostbare Waare in deinen dicken Schädel gekommen! S' ist grade so, als wenn sich die Elster mit Fasanenfedern schmücken wollte. Um aber auf die Hauptsache zurückzukommen, so weiß ich noch, als wenn's gestern geschehen wäre, wie der selige Graf von der Wand herabfiel, ohne daß ihn Jemand angerührt.«

»Dann Ihr ihn denn aufgehängt?« fragte Kunrad.

»Du Schnack!« eiferte Wolfhard. »Hättest du ein Bischen Verstand, so könntest du wissen, daß ich nicht von der leibhaftigen Person des seligen Herrn Grafen spreche, sondern nur von seinem Conterfei. Das Bild fiel also ganz von selbst vom Haken, der noch so fest wie sonst in der Wand steckte. Ich dachte mir sogleich: das hat was zu bedeuten, und in der folgenden Nacht –«

»Träumte dich, du seist ein Esel,« fiel der junge Knappe ein.

»Du verwechselst mich mit deiner werthen Person!« entgegnete Wolfhard. »In der nächsten Nacht also starb die gnädige Frau Gräfin im Wochenbette. Es sind zwölf Jahre her; ich war damals so ein Naseweis wie du, das heißt nur dem Alter nach, denn was das Andere betrifft, so pflegte mein Herr zu sagen: Wolfhard, du bist ein flinker, gewitzter Bursche! ein Lob, das dir gewiß noch nicht wiederfahren ist.«

»Kennst du das Sprichwort: Kluge Kinder werden im Alter gewöhnlich dumm« sagte Kunrad ihm vertraulich in's Ohr.

»Verdamme dich Gott, du heilloser Schlingel!« fuhr der Alte auf. »Frau Mechthild war eine treffliche Dame. Kein Auge war, das trocken blieb. Selbst den gnädigen Herrn Grafen sah ich da zum ersten Male weinen, und der damalige Caplan Pater Thomasius hatte alle Mühe, ihn von der kalten Leiche wegzubringen. Den Junker, der seiner Mutter das Leben gekostet, betrachtete er fast mit Grauen.«

»Sag' doch, du, der du Alles weißt: warum verließ Pater Thomasius das Schloß?«

»Warum?« versetzte Wolfhard wichtig. »Da könnt' ich eine lange Geschichte erzählen, wenn ich's nämlich nicht für meine Pflicht hielte, zu schweigen.«

»Du bist wie ein aufgeblasener Frosch!« erwiederte Kunrad. »Man denkt Wunder, was er im Leibe hat, und wenn man dahinter kommt, ist's Wind! Du weißt eben auch nicht mehr, als wir Anderen alle.«

»Weil ich's einem Einfaltspinsel, wie dir, nicht auf die Nase binde? Pater Thomasius sagte, er sehne sich nach der Zurückgezogenheit seiner Zelle, aber wir Alle stiften recht gut, daß ihm der Graf zu rauh war, und daß ihn nur die milde Freundlichkeit der Frau Mechthild festgehalten. Dann war auch noch Etwas passirt–«

»Das du nicht weißt,« unterbrach ihn Kunrad.

»Das ich wohl weiß, aber nicht sage!« erwiederte Wolfhard ärgerlich.

Der Knecht, welcher das Roß führte, hatte den größten Theil des Gespräches mit angehört, blieb jetzt vor den Beiden stehen und sagte mit dem Tone eines Mannes, der durch reifes Nachdenken zu einer Ueberzeugung gekommen ist: »Hör', Wolfhard, ich habe mir die Sache überlegt und gefunden, daß du Unsinn schwatzest. Du sagst, der Haken sei noch fest in der Wand eingeschlagen gewesen: wie kann denn da ein lebloses Bild von selbst herabfallen? Grade, als wenn das Pferd hier auf einmal Flügel bekäme und über die Mauer flöge!«

»Da hast du's!« lachte Kunrad. »Christoph hat durch seinen Verstand herausgefunden, daß du keinen hast!«

»Du bist auch Einer von den Ungläubigen!« schalt Wolfhard. »Wenn du Gott nur nicht zu schlecht wärest, daß er ein Wunder verrichtete, und das Roß sich plötzlich mit dir in die Luft erhöbe! Die Welt wird immer verderbter. Es ist kein Glaube und keine Gottesfurcht mehr. Was soll's am Ende noch werden? – Da kommt Pater Benedict; den will ich fragen, und der soll dir das Maul waschen, du Laffe! – Hochwürdiger Herr!« rief er den Pater an, der eben aus dem Schlosse trat. »Er zeigt mir doch die Liebe und belehrt die Schafköpfe da, daß Gottes Allmacht Wunder verrichten kann. –«

»Wer zweifelt daran?« fragte Benedict scharf, so daß Kunrad und Christoph die Augen niederschlugen. »Das kommt von der ketzerischen Lehre des Mönches zu Wittenberg. Gottes Allmacht ist so groß, daß sie Berge versetzen kann; er winkt, und aus blauem Himmel zuckt ein Blitzstrahl und zerschmettert den Ungläubigen. Von weichem Wunder war denn die Rede, Wolfhardt?«

»Von dem Ahnenbild, das von der Wand fiel, ehe die selige Gräfin starb. Ihr werdet davon gehört haben.«

»Gott lüftet zuweilen in seiner Barmherzigkeit dem kurzsichtigen Menschen den Schleier der Zukunft, zur Warnung, oder daß er sich vorbereite auf ein kommendes Unglück. So hat er dem Menschen die Träume und das Vermögen des Ahnens gegeben, und selbst das Leblose kann ein momentanes Leben erhalten durch seine Allmacht. Wer daran zweifelt, ist ein Genosse der Ketzer!«

Niemand wagte laut daran zu zweifeln, Kunrad aber murmelte vor sich hin: »Dacht' ich's doch, daß die Kutte den Narren in seiner Narrheit bestärken würde!«

Pater Benedict warf einen durchdringenden Blick auf ihn, gleich als vermöge er, in seiner Seele zu lesen. Jedes weitere Gespräch schnitt das Rasseln der Zugbrücke ab, die man niederlassen hörte. Die Knechte spitzten die Ohren, neugierig auf den Besuch, der kommen werde. Das Thor öffnete sich und drei Reiter ritten herein, unter denen der junge Graf Ernst mit seinem Begleiter, einem in den Waffen ergrauten Mann. Der Dritte war ein Mann von wildem Aussehen, vor dessen stechenden Blicken die Knechte, unwillkürlich zurückwichen. Er ließ dem jungen Grafen den Vortritt, geberdete sich aber dabei, als geschehe dies zufällig und sei von keiner Bedeutung. Er ritt ein schwarzes friesisches Roß, dessen Knochenbau an Stärke dem des Ritters entsprach. Der Fremde war von fast riesigem Wuchse; ein Andrer als er würde Mühe gehabt haben, die nicht eben blanke Stahlrüstung zu tragen, in welcher er sich ziemlich leicht bewegte. Die Farben der Schärpe, an welcher ein mächtiges Schwert hing, waren verwittert, wie die ganze imponirende Erscheinung des Ritters. Die Züge seines Antlitzes waren von derbem Schnitt, ein grauser Bart starrte wildverworren um Lippen und Kinn; über die Stirne quer bis zur Wange herab, nur durch die Augenhöhlung unterbrochen, zog sich eine Narbe, die in heftiger Gemüthsbewegung blutroth ward; die Augen waren grünlich schillernd und ihr Glanz stechend und unheimlich.

Der Begleiter des jungen Grafen war schnell vom Pferd gesprungen und half dem jungen Gebieter von dem seinigen. Denselben Dienst wollte Wolfhard bei dem fremden Ritter verrichten, dieser aber verschmähte die Hülfe, schwang sich aus dem Sattel und ergriff nur im Herunterspringen die Schulter Wolfhard's, aber mit so urkräftigem Drucke, daß sich der alte Kriegsknecht unwillkürlich zusammenbog.

»Sorgt für die Rosse!« befahl Ernst und indem er sich dann an den Fremden wandte, sprach er: »Kommt, Ritter! ich werde Euch zu meinem Vater führten.«

»Thut das!« gab der Ritter mit einer tiefen Baßstimme zur Antwort.

»Erlaubt!« sagte Pater Benedict, sich gegen Ernst wendend, »der gnädige Herr Graf hat nach Euch gefragt. Ich werde unterdeß den Ritter in's Vorgemach führen.« Der Ritter nickte fast unmerklich mit dem Kopfe und folgte dröhnenden Schrittes dem jungen Grafen. Der Pater ging hinter ihm.

»Gott beschütz' uns, und alle Heiligen!« rief Wolfhard. »Das ist der leidige Satanas in eigner Person. Einen solchen Griff hat kein sterblicher Mensch. Ihr müßtet die blauen Flecke sehen an meiner Schulter, wollt' ich mein Wamms abziehen.«

»So hat sich doch endlich Einer gefunden, der Euch begriffen hat!« lachte Kunrad.

»Und wie seine Augen funkelten! Wie grünes Schwefelfeuer!« fuhr Wolfhard fort. »Riecht ihr nichts? Mir ist, als sei die ganze Hölle mit ihm eingezogen!«

»Ist es auch nicht der Teufel selbst,« sagte Ernst's treuer Begleiter, der alte Gottschalk, »so ist es doch einer seiner treuesten Spießgesellen. »Habt Ihr nie von dem Wolfenzahn gehört, bei dessen Namen der Kaufmann, der seine Güter zur Messe fährt, zittert? Er kümmert sich nicht nach dem Gebot des Kaisers, wegelagert, wie nur irgend ein Raubritter der guten alten Zeit.«

»Was? der Wolfszahn!« riefen die Knechte, wie aus einem Munde; Kunrad fuhr fort: »Er ist ja der Lehnsmann unseres Grafen.«

»So weit es ihm beliebt und es ihm Vortheil bringt!« entgegnete Gottschalk. »Er ist es, weil er doch gegen manche Fährniß einen Schutzherrn haben muß, hört aber auf, es zu sein, wenn der Wille des Herrn Grafen dem seinigen entgegen ist. Es ist kürzlich wieder harte Beschwer gegen ihn eingelaufen; der Graf war sehr zornig und sandte ihm die Weisung, sich vor ihm zu verantworten. Er wird nicht kommen, dachten wir. Als wir heute von einem Spazierritte heimkehren wollen, hören wir Hufschlag hinter uns. Wir wenden uns und sehen den Ritter. Er hatte unsere Farben erkannt und wandte sich alsbald an den jungen Herrn. »Ich habe mit Eurem Vater zu reden,« sagte er; »erlaubt, daß ich Euch begleite.« – »Euer Name?« fragte der junge Herr Graf. »Man nennt mich Wolfenzahn,« antwortete der Ritter höhnisch lächelnd. »Ich ließ schier den Zügel fallen, so war ich erschrocken und erstaunt. Ich konnte auch Wort hervorbringen den ganzen Weg.«

»Der Graf wird ihm schon das Handwerk legen!« bemerkte Christoph.

»Ich wollt es um der armen Leut' willen!« sagte Gottschalk. »Aber ich glaub' es nicht und er glaubt's auch nicht, sonst wär' er nicht gekommen. Denkt Euch, sein Stolz geht so weit, daß er nicht einmal einen Reisigen mit sich genommen hat.»

Alle überboten sich nun in Erzählungen von den Greuelthaten des Raubritters, die das Gerücht in großer Auswahl zu ihnen getragen. Ein Kaufmann war arglos seines Wegs gezogen. Die Warnungen, die ihm zu Theil geworden, hatte er für Mährchen gehalten und sich deshalb nicht mit einer Schutzwache vorgesehen; nur zwei Knechte begleiteten ihn mit den beladenen Saumthieren. Als das Felsennest des Wolfenzahn im Abendgolde schimmerte, durchrieselte ihn aber doch ein leises Frösteln, das sich zum Entsetzen steigerte, als bewaffnete Männer mit Hussageschrei aus dem Gebüsche hervorbrachen; die Knechte ergriffen die Flucht, und der Kaufmann bat die Raubgesellen fußfällig um Schonung. Sie lachten, schoben ihm einen Knebel in den Mund, banden ihm die Hände auf den Rücken und führten ihn sammt seinen Rossen den steilen Berg hinan. Dem Kaufmann bebte das Herz vor Furcht und Entsetzen, als die Zugbrücke des Raubnestes hinter ihm aufrasselte. Es wurden ihm die Augen verbunden, und als ihm die Binde abgenommen wurde, befand er sich in einem geräumigen Zimmer und der Wolfenzahn stand ihm gegenüber. Er wollte wieder auf die Kniee fallen, aber der Ritter verbot es ihm und nöthigte ihn, sich zu einem reichen Mahle niederzusetzen. Der köstlichste Wein wurde getrunken und der Ritter brachte es ihm so fleißig zu, daß der Kaufmann ganz aufgeräumt wurde und zu glauben anfing, es sei nur auf einen Scherz abgesehen. Endlich brachte man ihn in einen finstern Thurm; seine Sinne waren benebelt und er sank in einen tiefen und festen Schlaf. Nach einiger Zeit strich ihm der Morgenwind kalt über's Gesicht; der Schläfer rieb sich die Augen und sah sich um. Er lag auf derselben Stelle, wo er gestern beraubt worden; die Veste stand schon im Helldunkel der Morgendämmerung. Er war geneigt, Alles für einen Traum zu halten, aber das Nichtvorhandensein seiner Saumthiere überzeugte ihn von der schrecklichen Wirklichkeit.

»Nun aber,« schloß Gottschalk seine Erzählung, »haben sich die Rosse genug abgekühlt, und es ist Zeit, daß wir weiter für sie sorgen.«

»Komm denn und zeig' mir deine blauen Flecken!« sagte Kunrad lachend. »Ich will doch sehen, wie die Kralle des Teufels greift.«

»Es ist der wirkliche Satan!« seufzte Wolfhard, und die Knechte verließen mit den Rossen und den blankgescheuerten Waffenstücken den Zwinger.

Ernst las in den finstern Zügen seines Vaters, daß ein Gewitter gegen ihn im Anzuge sei. Der Graf sah seinen Sohn mit einem durchdringenden Blicke an und fragte dann scharf und rauh: »Woher kommst du?« Der Jüngling schlug die Augen zu Boden; er war wenig geübt in der Kunst der Verstellung und war auf eine Ausrede nicht vorbereitet. »Antwort will ich, deutliche, unumwundene Antwort!« fuhr der Graf fort. »Soll ich dir sagen, woher du kommst? Du hast mein Gebot übertreten, hast wieder Umgang gepflogen mit dem Bauernjungen. Sprich, ist es so?

»Ja!« flüsterte Ernst.

»Und Gottschalk half dir in deinen Ungehorsam!« schalt der Graf weiter. »Ist denn meine Macht eine Faschingsposse geworden, daß selbst der elende Knecht meine Befehle verachtet? Er soll es büßen und mir gehorchen lernen!«

»Verzeihung für ihn, mein Vater!« bat Ernst. »Er ist unschuldig! Ich zwang ihn, mich zu begleiten. Er that es ungern, nur aus Liebe zu mir!«

»Aus Liebe zu dir übertrat er mein Gebot!« grollte der Graf. »Ich bade dir gesagt, und wiederhole es dir: ich will nicht dulden, daß du deines Standes und deines Blutes vergissest und dir Gespielen wählst, die deine Knechte sein werden! Ich werde den Bauer züchtigen lassen, so er's noch einmal wagt, deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen oder dich gar zu verleiten! Geh' jetzt und verlasse drei Tage deine Kammer nicht; das ist die Strafe für deinen Ungehorsam!«

Ernst erhob bittend die Hände; der Graf wandte sich, ohne zu antworten, ab. Der Jüngling sah ein, daß er keine Milderung des Urtheils zu hoffen habe. »Ich bin in Gesellschaft gekommen, mein Vater!« sagte er nach einer Pause.

»In wessen Gesellschaft?« fragte der Graf.

»Des Ritters Wolfenzahn!« Er harrt Eurer Befehle.«

»Wolfenzahn?!« rief der Ritter sichtlich überrascht. Er ist also gekommen? Geh', mein Sohn! Heiß' ihn eintreten.«

Ernst entfernte sich; der Graf gürtete sich sein Schwert um, ging mit starken Schritten im Gemach auf und ab, und erwartete den Ritter, den er vor sein Gericht geladen. »Laß' sehen,« murmelte er, »ob wie den Sinn des Trotzigen nicht beugen!« Nach wenig Minuten stand er dem Ritter gegenüber, der sich nachlässig verbeugte und herausfordernd die stechenden Augen auf ihm ruhen ließ. Des Grafen Antlitz verfinsterte sich noch mehr; mit verschränkten Armen stand er vor dem widerspenstigen Lehnsmann, und eine peinliche Stille trat ein, die Wolfenzahn endlich mit der Frage unterbrach: »Ich bin begierig zu hören, was Ihr mir zu befehlen habt.«

»Ritter,« begann nun der Graf mit tiefer Stimme, »es sind wiederum Beschwerden gegen Euch eingegangen, Beschwerden, die mich in Eurem Namen erröthen machten. Ich hab' Euch entboten, mir darüber Rede zu stehen.«

»Welches Verbrechens beschuldigt man mich?« entgegnete der Ritter, und seine Worte klangen so höhnisch, daß dem Grafen der Zorn immer mehr in's Antlitz schoß.

»Des Straßenraubes klagt man Euch an, und Ihr wißt es, Ritter, nicht zum ersten Male. Ich hab' Euch vergeben, als Ihr mir verspracht, daß keine Klage sich mehr gegen Euch erheben sollte; aber meine Langmuth ist erschöpft; Ihr habt sie schändlich gemißbraucht, Ihr entehrt dem Ritternamen, indem Ihr ihn zu einem Gewerbe mißbraucht, das das Gesetz mit dem Galgen bestraft.«

Wolfenzahn zuckte zusammen; die Narbe auf seiner Stirn färbte sich blutroth. Bald aber hatte er seine Ruhe wieder gewonnen und mit schneidender Kälte erwiederte er: »Ihr richtet, ehe Ihr meine Vertheidigung gehört, ja ehe Ihr mir noch einen Ankläger gegenübergestellt. Zu einem ordentlichen Gericht aber gehört Anklage und Vertheidigung. Was soll ich denn gethan haben?«

»Ich ruf' Euch nur einige Eurer Frevelthaten in's Gedächtnis zurück,« fuhr der Graf fort; »Ich brauche nicht zu wählen, denn sie sehen sich alle gleich. Erinnert Ihr Euch des Kaufmanns, den Ihr nebst seinen Gütern auf Eure Burg schlepptet, trunken machtet und dann arm und hülflos aussetztet?«

»Ich erinnere mich wohl!« antwortete Wolfenzahn heiter. »Es war eine lustige Geschichte. Der filzige Schuft hatte sich gerühmt, seine Waaren zu Markt zu bringen, ohne einen Pfennig für sicheres Geleit zu bezahlen. Meine Knechte hatten davon gehört und sich verabredet, dem Filz einen Streich zu spielen. Sie erhoben deshalb ein Zetergeschrei, als er vor meiner Burg vorbeizog und die Memme fiel auf die Kniee, nachdem seine Begleiter sinnlos entflohen waren. Sie brachten ihn vor mich; ich schalt sie aus ob ihrer eigenmächtigen That, und da der Schlucker erschöpft war, bewirthete ich ihn mit meinen besten Weinen. War es meine Schuld, daß er so viel trank, daß er sinnlos zu Boden fiel? Ich hasse die Völlerei und ließ ihn deshalb aus der Burg bringen, theils des Exempels wegen, theils weil ich die kühle Nachtluft seinem Zustande für zuträglich hielt. Das ist das Ganze!«

»Ihr handelt klug, daß Ihr auf Andere schiebt, was auf Euer Geheiß geschah,« antwortete der Graf.

»Den Raub aber behieltet Ihr für Euch.«

»Ich sagt' Euch schon, daß ich den Kaufmann bewirthet; es war eben nicht viel, was der an Gütern bei sich hatte. Ich zog die Aetzungskosten ab und befahl das Uebrige mit ihm auszusetzen. Ist es nicht geschehen, so werd' ich die Schuldigen bestrafen. Wahrscheinlich aber ist ein Anderer des Weges gegangen und hat die Habe des Trunkenbolds an sich genommen.«

Der Graf rollte zornig die Augen. »Wißt Ihr Euch auch noch auf den Wandersmann zu besinnen, den Ihr eigenhändig aufhobt? Er trug einen Geldgurt um den Leib, und Ihr hieltet ihn wochenlang in Euren Verließen. Er erkannte Euch selbst unter den Räubern. Wißt Ihr wohl?«

»Warum sollt' ich nicht« entgegnete der Ritter frech. »Jener Handel ging ganz mit rechten Dingen zu. Der Wandersmann war ein alter Bekannter von mir; er hatte mich tödtlich beleidigt, und ich hatt' es ihm seit lange aufgespart. Endlich kam der Tag der Rache. Ich faßte ihn, er ergab sich; ich warf ihn in's Verließ und war gesonnen, es ihn mit dem Leben büßen zu lassen. Der Feigling flehte um sein jämmerliches Dasein und bot mir Lösegeld. Ich erbarmte mich und nahm es an. Zum Dank seh' ich, hat er mich bei Euch verleumdet!«

Auf solche Weise wußte Wolfenzahn alle gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zu erklären. Er behandelte die ganze Sache mit einer humoristischen Leichtigkeit, die den Grafen immer mehr erbitterte.

»Ihr wißt ein trefflicher Lügengewebe zu spinnen, Ritter!« fuhr er auf. »Haltet Ihr mich für so thöricht, daß ich Euch glaube? Wie nun, wenn ich Euch greifen lasse und Euch thue, wie Ihr schon so manchem ehrlichen Manne gethan?«

»Das werdet Ihr nicht thun!« antworte Wolfenzahn kalt. »Ihr gabt mir frei Geleit und Euer Wort brecht Ihr nicht. Meint Ihr, ich wäre gekommen, wär' ich nicht im Recht, oder fürchtete ich in Euch den Häscher? Was ist es nun, wenn ein Ellenreiter oder ein hochnäsiger Reichsbürger um ein Bischen Mammon geschädigt worden ist? Wollt Ihr darum Euren treuesten Vasallen ein Feind werden? Ich meine, die Zeit ist nicht mehr fern, wo der Ritter zum Ritter halten muß, um selbst ungeschädigt zu bleiben!«

Hatte der Graf das letztere Argument überhört, oder hielt er es nicht für gerathen, darauf zu antworten, er erwiederte nur Folgendes: »Das Handwerk, das Ihr bisher getrieben, schändet den Ritternamen, wie es ausdrücklich den Gesetzen des Reichs zuwider läuft. Wer einen friedlichen Bürger niederwirft und ihn seines Gutes beraubt, ist ein Dieb, und für den Dieb hält der Henker die hänfene Schlinge bereit, mag er nun ein adelig Wappen tragen oder in Niedrigkeit geboren sein. Merkt Euch das, Ritter! Für jetzt will ich Euch noch einmal mit der Bedingung vergeben, daß Ihr denen, die bei mir Euch angeklagt, treulich ihr geraubtes Eigenthum ersetzt. Hör' ich noch einen Frevel von Euch, so will ich selbst an Eure Behausung klopfen und mit Euch verfahren wie mit einem Friedensbrecher und Straßenräuber. Geht nun, laßt Euch einen Imbiß geben und reitet heim.«

In Wolfenzahn's Antlitz loderte der Zorn auf, aber er bezwang den Groll in sich und sprach mit einem widrigen Lächeln um den bärtigen Mund: »Ich dank Euch für die Belehrung, obgleich ich glaube, daß Ihr sie an den unrechten Mann verschwenden Wolltet Ihr mich einmal auf diese Weise heimsuchen, so thut es mir nur leid, daß ich Euch dann nicht würde empfangen können, wie es dem Lehnsmanne geziemt. Ich will heimreiten; meine Kinder könnten sonst den Vater vermissen und Ungebührliches begehen, was dann auf mein Kerbholz käme. Aus diesem Grunde dank' ich Euch auch für die freundliche Einladung zum Imbiß. Ich bin ein Kriegsmann, und der Hungerwurm wagt sich so leicht nicht an mich. Euer allezeit ergebener Diener!«

Wolfenzahn verließ das Gemach. Als er die Wendeltreppe hinabstieg, dröhnte ein höhnisches Gelächter aus seiner Brust. »Narr du!« murmelte er, »zwischen Versprechen und Erfüllen ist eine weite Kluft!« Im Hofe rief er nach den Knechten und befahl, sein Pferd vorzuführen. Sie sahen ihn scheu an und gehorchten. »Was doch ein berühmter Name thut!« lachte er in sich hinein. »Die Furcht ist die beste Peitsche, den Rücken geschmeidig und die Füße flink zu machen! – He du!« rief er Kunrad zu, der in einiger Entfernung stand und den Kopf schüttelte, »du wunderst dich wohl, daß man Euch das Schauspiel, den Wolfenzahn abzuthun, zu Wasser gemacht hat? Narr! du kannst dich nun rühmen, ihn gesehen zu haben, ohne daß er dir ein Haar kümmerte!«

Er schwang sich auf sein mächtiges Roß, das sich lustig wiehernd unter der gewohnten Last bäumte. Die Pforte sprang auf, die Zugbrücke rasselte nieder, und der Ritter sprengte hinaus. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« betete Wolfhard. »Der Herr Graf ist behext, daß er den Strauchdieb entschlüpfen läßt!«

Der Graf war tief erzürnt über den Spott, der aus Wolfenzahns Rede herausklang. Aber er wollte keine Schwäche geben und hatte deshalb fein zorngeschwelltes Herz gewaltsam zur Ruhe gedrungen. Sein Stolz gebot ihm, so zu handeln, wie er that. Die Privatleidenschaft durfte nicht sprechen, wo er als Richter stand. »Du entrinnst mir nicht!« sprach er. »Laß' dann sehen, ob dein Troß dich nicht verlassen wird, wenn ich den Stab über dir breche und die Schlinge geknüpft wird, die deinem verruchten Leben ein Ziel setzt. Mit Feuer und Schwert muß die Brut vertilgt werden, die den Ritternamen brandmarkt, die Schande des Jahrhunderts der Nachwelt überliefert!« –

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