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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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IV.

Niemand mochte es den grauen Zinnen, den hohen Giebeldächern der Stadt Wittenberg ansehen, daß sie die auserwählte Mutter war, deren Schooß den Messias der christlichen Völker, die neue Zeit, gebären sollte. Die Stadt glich einem Vulkan, in dem die Elemente brausen und gähren, bis der glühende Flammenstrom sich über die Länder ergießt. Die Idee eines Jahrhunderts wird oft nur in einer Brust lebendig, während sie in tausend anderen noch ein dunkles Ahnen ist. Erst wenn sie der Gottberufene in Worte kleidet und ausspricht, steht sie urplötzlich in erhabener Fülle da, und doch in so einfacher Wahrheit, daß sie als allbekannt erscheint. Wie viel Männer hatten sich nicht schon erhoben und hatten gegen die Weltherrschaft des heiligen Vaters, gegen Priestersatzungen und schnöden Mißbrauch der reinen Christusreligion gesprochen! Sie waren untergegangen, entweder weil ihre Ideen noch nicht zur Vollendung gereift, oder weil sie nicht zu rechter Zeit erschienen; sie waren untergegangen, trotzdem, daß ganze Völker für sie die Waffen ergriffen. Es waren tropische Pflanzen unter einen nördlichen Himmel versetzt. Und nun, erhob sich ein armer Augustiner-Mönch, ohne andern Schutz, als seinen Glauben, ohne andere Waffen, als seine Begeisterung, und siehe, sein Wort flammte durch die ganze christliche Welt, und den denkenden Geistern fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen, das Zauberwort war gesprochen, mit dem der versunkene Schatz der Volksfreiheit gehoben werden konnte.

Es gab größere Geister in Deutschland, als Luther war; sie wußten, was Noth that, und waren redlich bemüht, es zu erstreben; aber Luther war der Auserwählte, der fast unbewußt das Wort sprach, das die Anderen durch all ihr Denken nicht zu finden vermocht, dessen kühne Seele das Signal zum Kampfe gab, der eine Welt zerspaltete. Dachte Luther an eine Kirchenreformation, als er die berühmten Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg heftete? Wir glauben nein! Aber das Jahrhundert jauchzte ihm zu, weil es den Stoff in sich trug, eine neue Zelt zu gebären; Luther's kühne That war der befruchtende Blüthenstand, und es erwuchs daraus ein großes, starkes Kind. Der Geist der Menschheit hat seine Entwickelungsphasen nach ewigen Gesetzen; ist eine erfüllt, so entsteht eine neue, und dann findet sich immer der Mann, in dem die Idee sich offenbart. All' diese Männer, welche die Geschichte der Menschheit bis jetzt aufzuweisen hat, waren Söhne des Volkes, denn das Volk ist der Kern der Frucht am Baume des Weltalls, die Herrschenden nur die glänzende Schale, in welcher jener reift. –

Es war schon spät am Abend, als ein Reiter noch an einem Thore der Stadt Wittenberg Einlaß begehrte. Die grämliche Stimme des Thorwarts fragte nach dem Namen und Gewerbe des Wanderers und öffnete langsam, als er genügenden Bescheid erhalten, das schwere eisenbeschlagene Thor. Das Pferd scheute anfangs vor dem schmalen finstern Gange, der durch die Stadtmauer und ihre Vorwerke führte, zurück; der Sporn des Reiters aber trieb es an, daß es klirrend über das Pflaster sprengte und erst wieder seinen gemäßigten Schritt annahm, als der Himmel mit seinen Sternen sich wieder über die hohen Häusergiebel spannte. Die Straßen waren noch rege, die Fenster waren erleuchtet, der Ritter schaute sich mit mehr als gewöhnlichem Interesse um und sprach halblaut vor sich hin: »Dies ist also die Wolke, deren Blitze den Stuhl Sankt Peter's erschüttern!« – Der Reiter war Ulrich von Hutten. Höhere Andacht kann die Brust des Moslem nicht erfüllen, der am Grabe seines Propheten betet, als die des Ritters erfüllte, als er zum ersten Male den Ort sah, wo sein Luther, sein Geistesverwandter wandelte und lehrte. So ritt er in Gedanken weiter und weiter, bis er endlich daran dachte, sich eine Herberge zu suchen. Er rief einen Mann an, der neben ihm vorbeischritt. »Sagt mir doch, welche Herberge ein Reisender am liebsten wählen mag, der nicht aus Glanz und Prunk, aber auf biedere, freundliche Gesellschaft sieht?«

Der Bürger sah den Reiter von der Seite an, und der Aufzug des Fremden mochte eher einen fahrenden Schüler, als einen hochgebornen Ritter in ihm vermuthen lassen. »Wählt die Herberge zum weißen Schwan, wenn ich Euch rathen soll!« war die Antwort. »Ihr seht dort die erleuchteten Fenster. Ihr findet, was Ihr wollt: lustige Gesellschaft und billige Rechnung!«

Hutten dankte und ritt die kurze Strecke weiter, bis nach dem bezeichneten alterthümlichen Hause, über dessen Eingang ein Schwan die stolzen Flügel erhob. Ein Aufwärter kam dienstfertig herbeigesprungen, half dem Ritter vom Pferde, übergab dasselbe einem Andern, um es unterzustellen, und führte den Gast in das große Gemach des Erdgeschosses, bis er für ihn ein Zimmer bereitet haben würde. Die Versicherung jenes Bürgers schien sich zu bestätigen, denn der Gesang kräftiger Männerstimmen schallte dem Ritter entgegen. Der Aufwärter bat; nur wenige Minuten sich den Lärm gefallen zu lassen, in kurzer Zeit werde er ungestört für sich allein sein. »Eilt Euch nicht allzu sehr, guter Freund!« antwortete Hutten. »Ich bin ein Freund der Fröhlichkeit und werde den Abend hier verbringen, sofern es einem Fremden gestattet ist.«

Das große getäfelte Gastzimmer war fast ganz von lärmenden Zechern angefüllt; die braunen Wände waren mit alten Kupferstichen geschmückt, von der Decke herab hing eine doppelte Lampe, deren Licht jedoch zu schwach war, um alle Raume vollständig zu erleuchten; der größte Theil des Gemaches lag daher in Dämmerung. An zwei langen Tafeln saßen die Zecher, blühende Jünglingsgestalten in Studententracht, an der Seite den langen Raufdegen, auf dem Kopfe das dunkle, federngezierte Barett. Die Deckelkrüge vor ihnen enthielten den braunen Gerstensaft, der noch heute das Lieblingsgetränk des Bruders Studio ist, und sie sprachen ihm eifrig zu in urkräftigen Zügen. Der Aufwärter wies dem Fremden ein abseits stehendes Tischchen an und setzte eine eigne Lampe vor ihn hin, denn in dem weißen Schwan war jeder Gast willkommen und hochgeehrt, er mochte mit dem zahlreichen Gefolge eines großen Herrn oder wie ein schlichter Wanderer zu Fuß erscheinen. Die Studenten kümmerten sich nicht um ihn, kaum einen flüchtigen Blick ließen Einige über ihn hin schweifen.

Hutten bestellte sich ein Abendbrot und hörte dem Singen und fröhlichen Gelächter der Musensöhne zu. Dies verstummte endlich theilweise, und der Ritter konnte nun das Gespräch verstehen, das zwischen zwei ihm zunächst Sitzenden gepflogen wurde. »Der müßte blind sein,« hörte er den Einen sagen, »der verkennen wollte, daß es ganz anders geworden ist im Leben und in der Wissenschaft. Rom sieht mit Schrecken seinem Untergang entgegen und ist doch zu ohnmächtig, um ihn zu verhindern. Vor hundert Jahren baute man dem Huß einen Scheiterhaufen; man würde nicht Holz genug in den deutschen Wäldern finden, wenn man alle die Männer verbrennen wollte, die heute denken, wie er! Rom fühlt auch selbst, daß diese Waffen nicht mehr ausreichen, um den mächtigen Feind zu bekämpfen. Es streitet mit Worten. Wie anders als ehemals! Ehedem hielt es seine Lehren für so unantastbar, daß es ihm unnütz schien, sie zu vertheidigen. Es strafte nur die Ketzerei! Und wer ist Schuld daran? Jene edlen Männer, die die Wissenschaft an das Licht des Tages zogen. Ein Schatz von Weisheit, welchen die Furcht der Finsterlinge lange verborgen gehalten, ist uns aufgeschlossen. Wir wissen, wie die großen Alten gedacht und gehandelt, und haben denken und handeln gelernt, wie sie. Sie kennen recht gut diesen Feind und haben es öffentlich ausgesprochen, daß sie ihn kennen. Aber der Schatz ist gehoben und durch die Welt verbreitet. Sie hassen ihn und zittern doch vor ihm. Ich sage dir: mit Roms Macht ist es aus, seitdem das Wort der Lehrer der Wahrheit nicht mehr unterdrückt werden kann, sondern tausendzüngig durch die Länder schallt. Das Gedruckte können sie nicht vertilgen und verbrennen, es predigt nicht einer Gemeinde, sondern Millionen im Norden und Süden!«

»Und du glaubst, daß Bruder Martin nicht widerrufen wird?« fragte der Andere.

»So glaub' ich, wenn ich den Luther recht kenne!« antwortete der Erste im Tone der Ueberzeugung »Und widerrief er auch, was wär' es nun mehr? Der Same geht doch auf, wenn auch der Säemann bereut, daß er ihn gesät hat.«

»Sagt doch, ist es wahr, daß Luther gen Augsburg geladen ist?« mischte sich ein Dritter in's Gespräch.

»Wahr! Er soll vor dem Concilium sich vertheidigen und widerrufen.«

»Und er wird gehorsamen?«

»Bei Gottes Blut, er wird!«

»Das sollt' er bleiben lassen!«

»Warum? Es ist ihm frei Geleit versprochen.«

»Versprochen, ja! Ader das Halten steht auf einem andern Blatte. Hat er den Huß vergessen, dem man trotz des freien Geleites den Holzstoß baute? Ketzern ist man nicht Treu und Glauben schuldig, sagt Rom!«

»Luther kennt keine Furcht. Zudem ist jene Zeit auch eine vergangene: die Welt ist um ein Jahrhundert älter geworden. Man wagt es nicht mehr. Auch hält der Kaiser große Stücke auf den Bruder Martin. Wißt ihr, was er den kurfürstlichen Rath, Degenhard Pfeffinger fragte? »Was macht Euer Mönch zu Wittenberg?« fragte er. »Seine Sätze sind traun nicht zu verachtet. Er wird ein Spiel mit den Pfaffen anfangen.« Und dem Kurfürsten ließ er sagen: »er solle den Mönch fleißig bewahren, denn es könne sich zutragen, daß man seiner bedürfe.« Der Kaiser ist ein rechter Held, der vielleicht selbst ein Spiel mit den Pfaffen beginnen wird.«

»Maximilian ist ein Held, aber seine Macht reicht nicht an die des heiligen Vaters. Luther sollte dem trügerischen Rufe nicht folgen, sollte in der treuen Stadt Wittenberg bleiben! Wer sollte ihm hier ein Haar seines Hauptes krümmen? Wir wollten ihn schützen mit Leib und Leben.«

»Der dem mächtigen Rom den Handschuh vor die Füße warf, wird sich auch nicht fürchten, den Strauß zu bestehen. Sein Wort ist ein Schwert!«

»Er ist ein Schwert, doch das Schwert kann zerbrechen. Es wird Einer kommen der ein Blitz des Himmels sein wird, und die Unterdrücker werden vor ihm vergehen wie Rauch. Alles Volk wird frei sein unter dem Himmel, und er wird ein unvergängliches Reich der Freiheit und Wahrheit gründen!« So sprach ein Jüngling von kaum zwanzig Jahren, und über sein bleiches Antlitz zuckte ein schwärmerisches Feuer, seine Augen glühten wie Kohlen.

»Und wollt Ihr vielleicht dieser verheißene Messias sein?«

»Von dem Hause des Herrn,« fuhr jener fort, ohne auf die spöttische Frage zu antworten, »muß das Gericht anfangen, und das Feuer ausgehen von seinem Heiligthum, um es zu verbrennen. ·Es wird das Zeitalter des Geistes kommen, und mit ihm die Liebe, die Freude und die Freiheit; alle Buchstabengelehrsamkeit wird untergehen und der Geist frei hervortreten aus der Hülle des Buchstabens. Das Evangelium des Geistes ist das allein ewige Evangelium. Eine Gemeinschaft von Brüdern wird auf Erden sein, von Söhnen des Geistes, denen die heilige Schrift nach ihrem geistlichen Sinne das lebendige Wasser ist, jene Schrift, die nicht mit Tinte und Feder auf Papier geschrieben worden, sondern durch die Kraft des heiligen Geistes in dem Buche des menschlichen Herzens. Priester und Lehrstand werden aufhören, die Söhne des Geistes bedürfen einer solchen Vermittelung nicht mehr, der Geist wird ihr Lehrer sein, die Religion eine innerliche, eine unvermittelte Gottesanschauung, alle Mysterien werden offenbar sein und die Weissagung des Propheten erfüllt, daß Gott selbst der Lehrer Aller sein und Allen sein Gesetz in ihr Herz schreiben wolle! Wenn aber die Erhabenheit der himmlischen Dinge sich offenbart, wird alle irdische Hoheit zu Schanden werden! Also spricht der gottbegeisterte Abt Joachim!«

Es lag eine dämonische Kraft in diesen Worten, die dem mystischen Propheten des zwölften Jahrhunderts entlehnt waren. Hatte das vorige Gespräch der Studenten Hutten angeweht, wie ein milder deutscher Frühling, so war es ihm nun, als wenn der Süden einen heißen Lavastrom über ihn stürze. Die Studenten schienen denselben Eindruck zu fühlen. Sie staunten den Sprecher an, wie ein Wesen aus einer andern Welt.

»Euer Luther ahnet diesen Geist,« fuhr jener fort, »aber die Weihe Gottes ist nicht über ihn gekommen. Die Propheten des Herrn sollen in Flammen einhergehen, der Bruder Martin aber schmeichelt noch, wie ein Kätzchen, das die Krallen gezeigt hat, und die Strafe fürchtet. Und nun gar Melanchthon, er ist ein Lamm, wo wir Löwen gebrauchen!«

»Das ist zu viel!« rief der eifrige Lobredner des Augustiner-Mönchs, sich erhebend und die Hand an seinen Degen legend. »Wer ihn schmäht, der hat es mit mir zu schaffen!«

»Stoße zu!« antwortete der Jüngling kalt. »Du siehst, meine Brust ist unbeschützt, aber Gott wird sie schirmen, daß deine Klinge zersplittert, wie Glas!« Er stand dem Drohenden gegenüber, und als dieser den Degengriff fahren lief, entfernte sich jener langsam und stolz. Ein dumpfes Schweigen lagerte über der fröhlichen Gesellschaft, wie es nach einem derartigen Auftritt zu geschehen pflegt. Hutten unterbrach die peinliche Stille, indem er sich an seinen Nachbar mit der Frage wandte: »Wer ist der junge Mann?« Einer sah den Andern fragend an, bis endlich der Wirth sich mit den Worten an Hutten wandte: »Er heißt Thomas Münzer und ist Magister der Gottesgelahrtheit und Collaborator zu Aschersleben, Euch zu dienen!«

»Dr. Martin Luther wird also bald nach Augsburg gehen, meintet Ihr?« redete er wieder seinen Nachbar an.

Dieser sah den Fragenden mißtrauisch an und entgegnete dann kalt: »Ihr habt es gehört, er wird gehen und die Feinde seiner Lehre zu Schanden machen!«

»Daß ihm Gote helfe!« rief Hatten feurig.

»Ihr seid ihm also zugethan?« antwortete der Student freundlicher. »Er hat der Feinde so viele, daß man versucht ist, Manchen dafür zu hatten, der es gut mit ihm meint. Vergebt also, wenn ich Euch unrecht gethan!«

»Es ist schon vergeben!« sprach Hutten dagegen. »Aber hätte er der Feinde so viel, als Sand am Meere, so wird er sie doch alle besiegen. Draußen im Reich schlägt manch' warmes Freundschaftsherz für ihn, und ich bin selbst aus fernen Landen gekommen, um ihn zu sehen.«

»Dann seid uns gegrüßt!« entgegnete der Student, ihm die Hand reichend. »Und welchen Namen trägt der Freund, den sich unser edler Meister in Euch erworben hat?«

»Er ist ehrlich genug, daß ich ihn nicht zu verbergen brauche! erwiederte der Ritter lächelnd. »Er heißt Ulrich von Hutten.«

»Hutten? Ihr seid Hutten?« rief der Student begeistert, den Fremden mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu betrachtend. »Ihr seid es, von dem Luther uns so oft und mit Bewunderung gesprochen?«

»That er das?« fragte Hatten mit freudigem Stolz. »Ihr macht mir meinen Namen noch einmal so werth. Man hat mich so oft verlästert, das es mir wohlthut, einmal warme Liebe zu finden. Ich kämpfte im Sinn Euren Meisters mein Leben lang, wenn er mich auch überragt, wie die Eiche den Hollunderstrauch!«

Der Name Hutten's hatte unter den Jünglingen Wunder gewirkt. Da war Keiner, der ihn nicht kannte aus seinen flammensprühenden Schriften, Keiner, der seinen kühnen Muth nicht bewundert, seinen bisherigen Lebenslauf nicht verfolgt. Und nun war dieser Mann leibhaftig unter ihnen, sprach mit der Stimme zu ihnen, welche die Knechte Roms wie den Donner des Himmels fürchteten. Es ist immer ein eigenthümliches Gefühl, das uns bewegt, wenn wir vor einem großen Manne stehen, den wir bis jetzt nur aus seinen Thaten gekannt; unsere Phantasie hat sich andere Vorstellungen von ihm gemacht, sie pflegte sich ihn als ein überirdisches Wesen zu denken. Nun sehen wie einen Menschen gleich uns, aber der Flügelschlag seines Genius umrauscht uns doch; wir sind befangen, denn wir sind unsicher, wie wir uns gegen ihn verhalten sollen. So erging es auch den Wittenberger Studenten. Sie sahen Hutten an in ehrerbietiger Scheu; die unbefangene Fröhlichkeit war verschwunden und kehrte erst allmälig zurück, da sich der bewunderte Mann wie ihres Gleichen benahm. Er zeigte nichts von der Ueberlegenheit, die der hartgeprüfte Freiheitskämpfer über die noch in Idealen schwärmenden Jünglinge hätte ausüben können, ja er ermahnte sie, die Idee, für die er lebte, nicht mit seiner Person zu verwechseln. Die Idee sei groß und herrlich, ihr allein gebühre die Verehrung; er sei nur das anspruchslose Gefäß derselben und verdiene weder Dank noch Verehrung, sondern sei hochbeglückt, wenn er sich die Liebe der Besseren erworben.

So entfaltete sich endlich die Lust in ihrer vorigen Ungebundenheit; es wurde gescherzt und gelacht, die Fragen der Zeit im humoristischen Gewande besprochen; die kecken Lieder, die im Munde des nach Aufklärung, nach einer neuen Ordnung der Dinge strebenden Volkes waren, wurden gesungen. Hutten brachte eine der neuesten Satyren auf das Römerthum mit aus der Fremde. Sie lautete so:

»Herr Abt, der Täfel ist im Spiel,
Daß man uns nit meh opfern will.
Ich sag an der Kanzlen was ich wöll
Vom Fegfür oder von der Höll,
Und lüg, daß mir der Schweiß ausgeht,
Wie das in Arnold geschrieben steht;
Es ist verloren, sie gend nit drum.
Wo ich im Wirthshaus zu ihnen kumm,
So heben sie an zu arguiren.
Will ich denn mit ihnen disputiren
Das, so unsern Rutz betrifft,
So sprechends: »erzeigs mit G'schrift,
Und namlich die recht biblisch sy,
Und nit mit römischen Bubern.«
Sprich ich: »es muß ein römisch Ablaß sein!«
So spricht der Bur freventlich: »er schieß drein.«
So sprich ich dann: »Bur, du bist jetzt im Bann;«
So spricht der Bur: »ich wisch den – dran,
An den römischen Ablaß und Bann allbeed.«
Ich mein', daß der Täfel aus ihm red!
Will ich denn die G'schrift verkrümmen,
So sprechen sie: »Pfaff, Dank hin nimmen.
Wir verstand uns auch uf euer Verbiegen.«
Und heißend mich dann freventlich lügen.
Ich darf schier nimmer zu ihnen gehn,
Ich sorg bi Gott, sie schlahend mich dran.«

Ein heiteres Gelächter folgte der Mittheilung dieses Spottgedichtes, weiches verkündete, wie tief und unheilbar schon der Riß zwischen den altgläubig Katholischen und den Anhängern des Reformators zu Wittenberg war. Das Volk glaubte nicht mehr unbedingt, es begann zu denken, und die Satzungen der römischen Kirche sind nicht probehaltig vor dem Zweifel. Die Religion ist eine Sache des Gemüths; darum haben sich die Philosophen immer eine eigene Religion geschaffen; indem sie entweder das Vorhandene in mystische Gedankenformen hüllten, oder, die freieren Geister, eine Vernunftreligion aufstellten, die das Dogma verwarf. – Es hatte sich in kurzer Zeit viel verändert. Wer hätte vor zehn Jahren noch gewagt, öffentlich und triumphirend den nahen Sturz der römischen Macht zu prophezeien? Und jetzt sang man schon Spottlieder auf die Pfaffen .und auf Rom. Luther hatte mit dem Hauche seines Mundes den Nimbus um des heiligen Vaters Scheitel verweht.

Die Gesellschaft trennte sich spät, und Hutten ging zur Ruhe, mit der frohen Ueberzeugung, daß die neue Zeit näher sei, als er zu glauben gewagt. Die lächelnde Morgensonne weckte ihn; er konnte die Stunde kaum erwarten, wo, wie man ihm gesagt hatte, Luther zu sprechen sei. Auf den Straßen war ein rühriges Leben; die spitzen Häusergiebel streckten sich hoch in den blauen Himmel, den die Vögel durchjubelten, die Fenster blitzten golden und ein milder Luftstrom ergoß sich in Hutten's Gemach. Heiter sah er hinaus in den sonnigen Morgen; sein Herz fühlte sich so frei, es war ihm so wohl, wie lange nicht. Endlich schlug die Stunde, und Hutten machte sich auf den Weg nach dem altergrauen Augustinerkloster. Sein Herz klopfte erwartungsvoll, als er vor Luther's Zelle stand, und als er nun hinein trat in den engen Raum, der des kühnen Reformators Wohnung war, da haftete sein Blick auf dem Mönch, der ihm grüßend entgegentrat, und sein Mund blieb einige Minuten stumm. »Was führt Euch zu mir?« fragte Luther.

»Bewunderung und Liebe!« antwortete der Ritter. »Ich bin Euch nicht fremd, so wie mir ist, als habe ich Euch schon lange von Angesicht zu Angesicht gekannt. So hab' ich mir Euch gedacht, wie Ihr da vor mir steht, so hab' ich Euch im Herzen getragen.«

Luther nickte freundlich. »Es giebt eine Gemeinschaft der Geister;« sprach er. »Noch Niemand hat die Geheimnisse der Seele ergründet, die vom Körper entbunden, Dinge schaut, die das sterbliche Auge noch nicht gesehen. So kommen wir zuweilen in eine schöne Landschaft und wir fühlen uns so heimisch darin, als hätten wir sie von Anbeginn gesehen, als hätten wir schon einmal hier geweilt. Wie nenn' ich aber den Freund, der mir die Ehre seiner Neigung schenkt?«

»Mein Nam' ist Ulrich von Hutten!« erwiederte der Ritter.

»Willkommen, willkommen!« rief Luther, die Hände des Gastes mit herzlichem Drucke schüttelnd. »Hatt' ich doch die Ahnung, daß mir heut eine Freude widerfahren würde. Ihr seid ein rüstiger Streiter im Weinberge des Herrn, und was ich noch in verschwiegener Brust trug, das verkündetet Ihr schon öffentlich vor aller Welt!«

»Ich bin ein Laie, Ihr aber seid hochgelahrt!« antwortete der Ritter. »Ihr seid der Messias der neuen Zeit, ich bin nur der Vorkämpfer, der den Weg bahnen half. Mein Streben war redlich und ernst; vielleicht ist ein Verdienst in dem, was ich that, daß ich alle zeitlichen Güter verschmähte, um meine Bahn zu verfolgen; und doch ist es wieder kein Verdienst zu nennen, denn der wäre ein Schwächling der ein hoher Ziel aufgeben wollte, weil ihm ein Lotterbett der Ruhe winkt. Ich hab's gewagt, der Finsterniß und der Unterdrückung Kampf anzusagen auf Leben und Tod, und ich wäre ein Feiger, wenn ich davon ablassen sollte.«

»Ihr habt Recht!« entgegnete Luther. »Vorwärts! heißt die Loosung, ginge der Weg auch in den Tod. Rückwärts schauen heißt bereuen, verzweifeln an seiner guten Sache. Vor uns liegt der Tag, hinter uns die Nacht. Mir ist, als müßten wir siegen, wenn ich bedenke, wie viel gute Männer offen und im Geheimen zu uns stehen, als müßten die Feinde erliegen mit aller ihrer Macht vor den Lichtstrahlen der Freiheit und Wahrheit.«

»Die Freiheit des Volkes ist die edle Blume, deren Keim der Hauch unseres Jahrhunderts geweckt!« rief Hutten begeistert. »Wir müssen die junge Pflanze pflegen mit all' unserer Liebe, wir müssen unser Herzblut vergießen, damit sie erstarke. Die Ketten müssen gebrochen werden, mit denen die Menschen geknechtet sind; ein freies Volk muß unter Deutschlands Eichen wohnen, keinem Herrn unterthan, als dem Gesetz. Die Fürsten haben ihren Purpur gefärbt in des Volkes Blut; das Volk ist der Schemel ihrer Füße. Das muß anders werden-. Der Beste sei König, der freie Fürst eines freien Volkes! Die Fürsten und Herren verzehren das Mark, und das Volk liegt entmarkt und geschwächt.«

»Sie sind das Salz der Erde;« warf Luther ein.

»Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man würzen?« entgegnete Hutten.

»Aus der Wahrheit entspringt die Freiheit!« antwortete Luther. »Ist erst die Nacht verschwunden, die über die Geister gebreitet liegt, so wird auch das Volk sich erheben und glücklich fühlen. Die Wahrheit und die reine unverfälschte Christuslehre ist ein Bronnen, daraus der Kranke Genesung und der Beladene Erquickung schöpft. – Wenn aber der Römlinge rasend Wüthen einen Fortgang haben sollte,« fuhr er begeistert fort, »so dünkt mich, es wäre schier kein besserer Rath und Arznei, demselben zu steuern, denn daß Könige und Fürsten mit Gewalt dazu thäten, sich rüsteten und diese schädlichen Leute, so alle Welt vergiften, angriffen und einmal des Spiels ein Ende machten, mit Waffen, nicht mit Worten. – So wir Diebe mit Strang, Mörder mit Schwert, Ketzer mit Feuer strafen: warum greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens, als Päpste, Cardinäle, Bischöfe und das ganze Geschwärm der römischen Sodoma mit allerlei Waffen und waschen unsere Hände in ihrem Blute? So helf' uns Gott, daß wir unsere Freiheit erretten; es gebe der Papst her Rom und Alles, was er hat vom Kaiserthurm, lasse unser Land frei von seinem unerträglichen Schutzett und Schinden, gebe wieder unsere Freiheit, Gewalt, Gut, Ehre, Leid und Seele, und lasse ein Kaiserthum sein, wie einem Kaiserthum gebührt.«

»Kampf?« rief Hutten. »Ja, ein Kampf muß entbrennen, wenn wir siegen sollen. Ich sehe schon aus dem blutigen Morgenroth sich den jungen Tag der Freiheit erheben Aber das Volk muß ihn beginnen gegen weltliche und geistliche Unterdrückung.«

Luther's Auge wurde sinnend. »Und doch möcht' ich weinen,« sprach er, »wenn ich bedenke, daß die Wahrheit durch das Blut von Tausenden erkauft werden soll. Sie ist ja ein Sonnenstrahl, der sich in die Herzen ergießt. Die Christuslehre predigt Liebe, und nicht Blutvergießen. Ich möchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in Stand kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen. Gott mag richten zwischen uns und ihnen, will er das Schwert, so würd' es uns nicht nützen, und wenn wir mit Engelzungen den Frieden predigten!«

Hutten schüttelte das Haupt. »Durch Gewalt, Krieg, Mord, Kerker, Schaffot und blutige Greuel ist die Hierarchie gegründet und groß geworden!« antwortete er. »Die Völker wurden mit Blut getauft. Und wahrlich! Rom und die Feinde der Freiheit werden kein Härlein von ihrer Gewalt lassen, sie seien denn durch Gewalt gezwungen. Predigt Ihr den Frieden, wir wollen das Schwert führen für Euer Wort!«

»Gott wird es fügen, daß wir keines anderen Schwertes bedürfen, als des lebendigen Wortes!« sagte Luther. Hutten erwiederte darauf nichts, und der Augustiner fuhr fort: »Glaubt mir, es ist seliger, Frieden zu predigen, denn Krieg, und keine stärkere Waffe giebt es, denn das Evangelium; es bändigt die wogende Brandung und beugt die trotzigen Wellen in den Abgrund. Wie schön hab' ich als Knabe geträumt von dem erhabenen Beruf des Priesters! Arm und dürftig an leiblichen Gütern einhergehen, wie der Heiland, und doch eine Fülle des Segens ausstreuen können über die Menschheit, – was kann es Größeres geben? Du gehst in die Hütten der Armen ein, dacht' ich, speisest sie mit Himmelsmanna und segnest ihr irdisches Brot, und sie strecken die Hände nach dir und sind glücklich in ihrer Armuth. In die Paläste der Reichen gehst du und erweichst das Herz des Geizigen, daß er den Armen spendet von seinem Ueberflusse; deine Rede dringt dem Schlemmer wie Donner in die Ohren, daß er sein Gemüth erhebt vom Irdischen zum Himmlischen. Stolz in deiner Armuth und demüthig im Herrn stehst du mitten in der Pracht, denn der Priester muß arm sein, damit sein Herz nur einen Gedanken habe, den Gedanken an den Allmächtigen. Du gehst über die blühende Flur und breitest deine Hände segnend aus, und Alles jubelt dir dankend entgegen, die Blüthe des Baumes bis zum Menschen, dessen Hoffnung dem Schooße der Erde entsprießt. Und wenn nun der Abend kommt und der Himmel breitet seinen Sternenmantel über die müde Erde, so sitzest du noch in deiner Zelle, die Geheimnisse des Geistes erschließen sich dann deinem Auge, und du nimmst die Fülle der Weisheit auf in offener Brust. So hatt' ich mir meine Welt gebildet und mit Freuden ging ich meinem Beruf entgegen. Durch ein Wunder führte mich der Herr auf diesen Pfad. Es war, als mein Jugendfreund vom Blitz erschlagen wurde. Wie ganz anders fand ich die Welt, die ich geträumt! Die Priester erfüllten ihren Beruf nicht mit Lust und Freudigkeit, sondern wie das Zugthier; das in's Joch gespannt ist. Ihr Wort hatte keine Segenskraft, denn es kam nicht aus dem Herzen; sie forschten nicht nach den Schätzen der Weisheit, denn sie mästeten sich mit Faulheit. Ich lebte mein eigenes, inneres Leben, und man betrachtete mich mit Argwohn und Groll. Da wollt' ich schier trostlos verzweifeln, aber der Herr half mir, daß ich mich ermannte und den Feind bekämpfte, dem ich zu erliegen schien. Rom stand in Herrlichkeit vor meinem innern Auge, der Papst wie die menschgewordene Idee der Kirche Christi, ich sah mit gläubigem Auge dahin, wie der Perser nach der Sonne! Wie schrecklich erwachte ich! Es war ein Pfuhl der Laster, der Gleißnerei und der Finsternis, den ich sah. Der Papst erschien mir wie ein lebendiger Leichnam! Die blinde Welt soll sehen lernen! sprach ich zu mir, und ich will mein Aeußerstes daran setzen, das sie Nacht von Tag unterscheiden lerne!«

Hutten schwieg. »Man hat Euch nach Augsburg geladen?« sagte er nach einer Weile.

»Und ich werde gehen« entgegnete Luther fest.

»Und fürchtet Ihr nicht ihre Tücke?«

»Nein! Mein Wort erschiene ja als Lüge, wenn ich mich fürchtete, es zu vertreten. Nun wird sich ja zeigen, ob es Menschenwerk ist. Sie werden mir kein Haar krümmen, so es Gott nicht will! Ich fürchte sie nicht, denn ich wandle im Schuhe des Herrn. Die Wahrheit, der Geist, der in mir lebendig, ist mein Schirm und Schild. Und glaube mir, der Herr will nicht, daß ich untergehe, wo ich mein Werk kaum begonnen. Der Blitz schlug eine Spanne von mir den Freund zu Boden und hat mich nicht getroffen; warum sollt' ich von den Menschen fürchten?« –

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