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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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Erstes Buch.
Die neue Zeit.

Wiewohl mein' fromme Mutter weint,
Da ich die Sach hätt' g'fangen an;
Gott woll sie trösten, es muß gahn,
Und soll' es brechen auch vor'm End',
Will's Gott, so mag's nit Werden g'wend't,
Darum will brauchen Füß' und Händ'.
Ich hab's gewagt.

Ulrich Hutten.

 

O Jahrhundert! Die Studien blüh'n die Geiste
Erwachen, es ist eine Lust zu leben!

Derselbe

 

I.

So frühlingsfrisch, als der Wind durch die mächtigen Wipfel eines Tannen- und Buchenwaldes des nördlichen Thüringens rauschte, so rauschte ein neuer, lebendiger Geist durch die Herzen der Völker, die sich aus ihrem schlafähnlichen Hinträumen erhoben und theils erschreckt theils freudig den Streifen Morgenroths begrüßten, der die lange Nacht endlich verscheuchen zu wollen schien.

Bisher waren nur einzelne Sterne am dunkeln Horizont emporgetaucht und waren nach kurzem Leuchten versunken in der Umarmung der Finsterniß; aber ein Morgenstern war endlich erschienen, der seinen Strahl weithin ergoß, und in seinem Gefolge war das Morgenroth und der junge Tag.

Die Nachmittagssonne vergoldete das dichte Laub der Buchen und Eichen, die ihre stolzen Häupter zum blauen Himmel emporstreckten; der Weg, der am Saume des Waldes hinführte, war schattig und angenehm, wenn auch hie und da von üppigem Gesträuch überwuchert und von Baumwurzeln durchkreuzt; kaum ein Sonnenstrahl vermochte durch die Laubgewölbe, die den Weg überdachten, zu dringen, und der Wanderer, der den Weg beschritt, befand sich in einem süßen, goldgrünen Dämmerlichte, welches das Herz so eigenthümlich zu bestricken pflegt. Die Waldeinsamkeit herrschte hier mit all' ihrem Zauber.

Ein einsamer Reiter trieb sein Roß auf diesem Wege vorwärts; er war in ritterlicher Tracht; die wallenden blonden Locken seines Hauptes bedeckte ein dunkles Barett, von dem zwei Straußenfedern nickten; die Brust umschloß ein leichter Harnisch, und über diesen fiel ein einfacher Wappenrock mit gepufften und aufgeschlitzten Aermeln nach der Mode der damaligen Zeit; an der Hüfte trug er ein leichtes Schwert, an einer bunten Schärpe befestigt. Der Wuchs des Ritters war schlank und kräftig, das Gesicht noch jugendlich, obwohl von Wind und Wetter gebräunt; um die bärtigen Lippen spielte ein Zug des Wohlwollens und der Menschenfreundlichkeit, aus den Augen aber blitzten die Strahlen eines tiefen, kühn herausfordernden Geistes.

Die Waldeinsamkeit schien ihren milden Zauber auf das Gemüth des Ritters zu üben; sein Antlitz war freundlich wie der Tag, und seine Lippen trällerten manch' munteres Reiterlied, wenn seine Hand nicht den Hals des Rosses schmeichelnd klopfte, das einige Spuren von Müdigkeit zeigte. »Schäme dich, alte Liese!« sprach er scherzend. »In manchem Turnier, in manch ernstem Gefechte hast du mir gedient und zeigtest nie Müdigkeit und Erschöpfung, ließest nie den Kopf hängen, wie heute, wo es doch nur einen friedlichen Ritt gilt, wo mein ungeduldiger Sporn nicht deinen Lauf beflügelt. Freilich ermüdet der Frieden mehr, als der Krieg. Wenn die Trompeten schmettern und die Schlachthörner rufen, da fühlt sich der Geist kräftiger und beschwingter, als wenn das Leben seinen gewöhnlichen langsamen Gang fortschreitet. Die Unthätigkeit ermattet. Wir Beide sind für den Kampf geboren; auch ich würde müde das Haupt senken, wie du, müßt ich in beschaulicher Ruhe das Leben verträumen. Immer Kampf, nimmer Rast,· so ist mir's wohl!«

Das Roß erhob den Kopf, als habe es den Inhalt dieser Rede verstanden, und blies muthig aus den Nüstern; der Ritter lachte, als es ihn eine Strecke im Galopp dahintrug. »Oho!« rief er, »ist dir der Teufel in die Glieder gefahren? Wir sind nicht unter dem freien, lichten Himmel, wo wir bis an die Sterne fliegen könnten, ohne uns das Haupt zu zerschellen. Schau', schau'! Da hat schon ein boshafter Zweig meinen Kopfputz erfaßt. So greifen auch die Feinde des Lichts nach uns mit tausend Armen und möchten uns verstricken; aber sie greifen nur unsere Hülle, nicht uns! Jene mögen sie behalten, über uns haben sie keine Macht!« Der Zweig hatte eine der Straußenfedern von seinem Barett abgerissen. Nach kurzem Laufe nahm das Roß wieder seinen langsamen Schritt an, und der Ritter scherzte über die kurze Anstrengung des müden Thiers.

Nicht weit vom Wege lag ein verwundeter Mann im Gebüsch; nach der Tracht war er ein Bauer, und ein Holzbündel neben ihm und eine Axt verkündigte die Beschäftigung, der er obgelegen. Die Axt war blutig und der Fuß des Mannes hatte eine tiefgehende Wunde, welche ein weinender Knabe von etwa zwölf Jahren vergebens zu schließen suchte; der Blutstrom drang immer wieder durch die Löcher des ungeschickten Verbandes. Der Verwundete schien den Schmerz gewaltsam zu unterdrücken und nannte dem Knaben die Namen mehrerer heilbringender Kräuter, die er suchen sollte. Während dieser das Gebot erfüllte, drückte der Mann die Wunde fest mit der Hand zusammen. Die Züge des Mannes waren wettergebräunt und roh; aus den dunkeln Augen sprühte ein unheimliches Licht, der Ausfluß einer von Leidenschaft bewegten Seele. Keinen Laut des Schmerzes gab er von sich, aber seine Zähne knirschten. Man mochte erkennen, daß er durch eine lange Leidensschule gelernt hatte, alle Gemüthsbewegungen zu verbergen und in sich zu verschließen. Der Knabe kam mit den Kräutern zurück; der Bauer preßte den Saft einiger auf die Wunde, die übrigen legte er darauf, und darüber mußte der Knabe die Tücher des Verbandes winden. Nachdem dies Alles nothdürftig geschehen war, versuchte sich der Verwundete zu erheben; aber er sank ächzend zurück. Der gewaltige Schmerz übermannte seine Willenskraft. Der Knabe wehklagte laut und erbot sich, fortzulaufen und Hülfe zu schaffen. »Daß sie uns noch als Diebe verstricken?« antwortete der Bauer rauh. »Bleibe, Heinz!«

Der Knabe gehorchte und beugte sich weinend über den Vater. Plötzlich aber erhob er sich und lauschte; der Hufschlag eines Rosses schallte vernehmlich durch's Gebüsch. »Ein Ritter!« rief er freudig aus. »Ihn will ich um Hülfe bitten; er wird dir beistehen, wenn ich ihm recht flehentlich anliege!«

»Ein Ritter?« lachte der Bauer wild. »Er wird seinem Roß den Sporn geben, daß es dich aus dem Wege schleudert, den du versperrst. Was kümmert es den Ritter, ob tausend arme Leute verschmachten und umkommen? Bleibe, Heinz!«

Diesmal aber gehorchte Heinz nicht; mit wenigen Sätzen war er aus den Gebüsch auf dem Wege, den das Roß des jungen Ritters, den wir eine Strecke begleiteten, dahertrabte. Der Knabe warf sich auf die Kniee und hob die Hände flehend empor· Es war ein ungemein rührender Anblick. Lichtblonde Locken umschatteten das rosige Knabenantlitz in dem ein Paar blaue, thränenvolle Augen leuchteten. Das ärmliche Gewand diente der Schönheit des Knaben nur zur Folie. Der Ritter hielt sein Roß an, betrachtete den Knaben mit überraschter Theilnahme und fragte freundlich: »Was willst du, liebes Kind?«

Der Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, gab dem Knaben Muth. »Ach, lieber Herr!« antwortete er. »Wollt Euch doch meiner erbarmen und meinem Vater beistehen, der dort an einem Gebrest im Gebüsche liegt und sterben muß, wenn ihm Niemand zu Hülfe kommt. O lieber Herr, vergeßt diesmal, daß wir arme Leute sind. Der liebe Gott wird's Euch lohnen!«

Bereitwillig schwang sich der Ritter vom Roß, band dasselbe an einen Baum und bedeutete den Knaben, ihn zu führen. Heinz sprang freudig auf und lief dem Ritter in das Gebüsch voran. »Vater, der Herr Ritter will Euch helfen!« rief er schon von Weitem dem Verwundeten entgegen. Dieser erhob sich auf diesen Zuruf mit halbem Körper, und aus seinem Antlitz war die Verwunderung zu lesen, die ihm die Bereitwilligkeit des Ritters abnöthigte. Als sich dieser näherte, zog er die Kopfbedeckung ab und grüßte demüthig. Er erwartete rauhe Worte, mit denen der Ritter seine Hülfeleistung begleiten würde, und war noch mehr erstaunt, als er die leutselige Frage hörte: »Wo ist Euer Gebrest, armer Mann?« Der Bauer deuten auf den Fuß, wo das Blut wieder aus dem Verbande hervorquoll. Der Ritter beugte sich nieder. »Wir müssen zuvor das Blut stillen«, sprach er und legte Hand an, den Verband aufzuknüpfen.·»Ihr wolltet –« sagte der Bauer voll Erstaunen.

»Die Wunde kunstgerecht schließen«, entgegnete der Ritter. »Was nimmt Euch das Wunder?«

»Seid Ihr denn kein hochgeborener Herr?« fragte der Bauer.

»Ich denke Ja!« lachte Jener. »Wenigstens küßte die Burg meiner Ahnen fast die Wolken. –· Ihr habt die rechten Kräuter gewählt, aber wie ich sehe, nicht recht angewendet.« Er träufelte den Saft einiger übriggebliebenen Pflanzen auf die Wunde, preßte sie fest zusammen, legte ein Paar Geldstücke darauf, die er aus seinem Säckel nahm, und umwand den Fuß fest mit einem Tuche. Diese Operation stillte das Blut. Der Knabe stand mit gefalteten Händen, der Bauer betrachtete seinen Wohlthäter scheu. »Ihr seid ein Ritter«, sprach er, »und scheut Euch nicht, einen elenden Bauer zu berühren?« ·

»Pfui!« entgegnete der Ritter entrüstet; »Ihr verdientet für diese Worte, daß – doch was schelt' ich Euch, fuhr er in milderem Tone fort; »ich sollte vielmehr die schelten, die Euch so weit gebracht, die Menschenwürde in Euch zu vergessen. Ist nicht der Bauer von Gott geschaffen, wie der Ritter und der Fürst?«

In den Augen des Bauern loderte es hell auf. »Nicht wahr!« rief er. »Ihr sagt es selbst und Ihr seid ein Ritter! So muß es wahr sein! Ich will's Euch vertrauen, Ihr werdet mich nicht verrathen. Wenn der gestrenge Herr Graf unter seinen Zechbrüdern saß, der edelste Wein floß, die feinsten Speisen den Hunden zur Nahrung hingeworfen wurden, und ich mit Weib und Kind hatte nichts als trockenes hartes Brot, das ich im Wasser erweichte, da war's, als wenn eine Stimme in mir spräche: Bist du nicht ein Mensch wie er? Oder wenn sein Jagdhorn klang und seine Rosse mein mühsam bebautes Feld zerstampftem und mein Mund mußte stumm sein und ich mußte noch die Thiere des Waldes zusammentreiben helfen und seine Peitsche schwirrte mir über den Rücken, wenn ich säumig war, da ballte ich wohl die Faust, knirschte mit den Zähnen und sprach: Bin ich nicht ein Mensch, wie er? Aber ich sprach es nicht laut; denn er hätte mich mit einem Fußtritt niedergestoßen, um mir zu beweisen, daß ich nicht mehr sei, als ein räudiger Hund.«

»Gott erbarme sich's!« antwortete der Ritter ergriffen. »Millionen theilen dein Elend; ich sah es oft mit Augen, und doch erschüttert es mich, wo ich es von Neuem sehe. Ader es wird eine neue Zeit kommen!«

»Wo der Bauer Herr sein wird?« fiel jener rasch ein, schwieg aber, wie bereuend, daß er sich zu einer Unbesonnenheit habe hinreißen lassen.

»Wo der Bauer nicht mehr ein Knecht sein wird!« fuhr der Ritter ruhig fort. Mit kräftigen Armen hob er den Verwundeten auf und trug ihn mehr, als er ihn führte, aus dem Gebüsche. »Tretet in den Bügel!« gebot er.

»Eure Roß soll ich besteigen?« fragte der Bauer in zweifelnder Verwunderung.

»Bei meinem Bart, das sollt Ihr!« lachte der Ritter. »Die alte Liese ist zwar müde, aber sie trägt Euch wenigstens eben so leicht, als mich. Ich bin rüstig zu Fuße. Komm, Kleiner gib mir die Hand und führe mich, wohin ich deinen Vater geleiten soll.« Er hatte das Roß losgebunden, den Bauer in den Sattel gehoben und ergriff nun den Zügel, während seine Rechte die Hand des Knaben faßte.

Ein Frühling erwachte sichtbar in dem starren Herzen des Bauern; seine rauhen Züge wurden milder, seine Augen ruhten dankbar auf dem Wohlthäter. Und in der That war die Handlungsweise des Ritters, so einfach menschlich sie auch war, für jene Zeit der rohen Barbarei so selten, daß nicht zu verwundern gewesen wäre, hätte ihn der Bauer für mehr als ein sterbliches Wesen gehalten. Der deutsche Bauer war längst nicht mehr der freie Bewohner des Landes. Der Adel und die Geistlichkeit hatten um die Wette allen Grundbesitz an sich zu reißen gewußt, und der Bauer war nur noch der dienende Knecht auf dem Erbe seiner Väter. Den Ertrag seiner Felder, den Schweiß seines Angesichtes theilte der adlige oder geistliche Lehensherr unbrüderlich genug mit ihm, und dazu gebot er noch über Leib und Leben des armen Grundholden. Dehnten die Fürsten ihre Gewalt über ihre adligen Vasallen immer mehr aus, legten ihrem unritterlichen Gewerbe des Wegelagerns Schranken, so liefen diese ihren Groll an ihren Unterthanen aus, erpreßten von ihnen, was sie sonst durch Beute gewonnen hatten, und ihr Joch drückte immer härter, je mehr sie selbst die Oberherrschaft ihrer Lehensherren fühlten. Nur der freie Mann achtet des Andern Freiheit; der hochgeborene Knecht begehrt wiederum nach Knechten. Der Nothstand der Bauern war so allgemein und rief, daß man sie nur mit der Benennung »arme Leut« bezeichnete, und der Druck, den sie von ihren adligen Herren zu erdulden hatten, ging so weit, daß sich ein Edelmann großsprecherisch »Bauernfeind« nennen durfte. Nicht geringer war die Last, wenn der Krummstab über sie herrschte, oder wenn sie die Grundholden einer Stadt waren. Die Fehden ihrer Herren dienten ihnen meist zum Verderben; nicht genug, daß sie ihre Söhne unter die Fahnen stellen mußten; der angreifende Gegner verbrannte ihre Dörfer, zerstörte ihre Erndte, und die Rache des geschädigten Ritters traf dann immer zuerst die Bauern des Gegners nach dem bekannten Grundsatze: Haust du meinen Juden, so hau ich deinen Juden!

Der Knabe bemühte sich, mit dem Ritter gleichen Schritt zu halten. Die Thränen waren aus den hellen Blauaugen verschwunden, das Kindesantlitz lächelte unbefangen und heiter, und sein Blick glitt oft in scheuer Bewunderung an dem hohen Manne hinauf, der sich gegen den verunglückten Vater so freundlich und liebevoll bewies. »Wie heißest du?« fragte der Ritter seinen kleinen Führer. »Heinz Kolbach«, antwortete der Knabe.«

»Ist es Euer leiblicher Sohn?« wandte er sich an den Bauer.

»Ja, gestrenger Herr Ritter!« war die Antwort. »Es ist mein leidlicher und einziger Sohn. Er erbt dereinst das kleine Feld und das Elend seines Vaters.«

»So seid Ihr arm?« fragte der Ritter theilnehmend.

»Gehör' ich nicht zu den armen Leute«-« lachte der Bauer bitter. »Die Herren sorgen wohl, daß es dem Bauer nicht zu gut ergeht; er möchte sonst übermüthig werden, sagen sie! Ich weiß es nicht! Denn so lange ich denken kann, hab' ich Mangel und Noth erlitten, und es wird wohl nicht anders werden, bis ich in die Grube fahre. Der Herr Graf ist ein strenger Herr, und doch ist er der schlimmste nicht, sagt man. Es wäre besser, es würden nur reiche und freie Menschen geboren. So oft ich den Heinz ansehe, jammert er mich; denn ich denke, es wird ihm nicht besser wie mir ergehen!«

»Wer weiß es, ob ihm nicht eine hellere Sonne scheint!« entgegnete der Ritter. »Und habt Ihr keine Familie weiter?«

»Ja, Herr, ein gutes, treues Weib und ein Töchterlein, der Mutter Ebenbild! Schön wie Milch und Blut! Ihr Haar ist seidenweich, ihre Augen sind blau wie Vergißmeinnicht, und ihre Lippen roth wie Erdbeeren. Ihr lächelt über mich und denkt: wie käme ein solcher Schatz in die Hütte des Bauern? Aber darauf eben bin ich stolz, und es ist das Einzige, was sie mir nicht rauben können!«

Die Stimme des armen Mannes hatte sich erhoben, und aus seinen Worten klang eben so viel süße Vaterszärtlichkeit, als Trotz, Trotz gegen ein hartes, ungerechtes Schicksal.

»So seid Ihr glücklich und reich, wenn Ihr so viel Schätze besitzt«, antwortete der Ritter, »reicher denn ich, der ich nichts habe, als einen ruhmvollen Namen, einen freien Sinn und den Muth, gegen eine Welt voll Unrecht und Aberwitz in die Schranken zu treten. Dafür haben sie mich geächtet und verfolgen mich mit ihrem Haß. Aber ich schüttle mich, und ihre Pfeile fallen ohnmächtig nieder; ich hab' einen Schild, der fester ist denn Erz: die gute Sache! Es giebt keinen Knecht, und wenn er auch Sklavenfesseln trüge, wenn nicht zugleich sein Sinn sich beugen läßt. Der Mann, der noch den Blick nach der Freiheit zu erheben weiß, ist kein Knecht!«

»Glaubt Ihr das?« rief der Bauer feurig, und seine Augen sprühten dunkle Gluth. »Ich beiße in die Ketten, wenn mich der Graf wie seinen Hund mit Füßen tritt, ich erhebe das Auge gen Himmel und seufze: »Wird kein Tag der Rache kommen?« Und dann ist mir wohl, und ich trage die Schmach; denn ich zweifle dann nicht mehr, daß es eine Wiedervergeltung giebt! – Doch was hab' ich da gesagt, Herr!« unterbrach er sich selbst; »vergeßt es, ich war wahnsinnig; es war Thorheit, was ich gesprochen!«

»Fürchtet nichts!« entgegnete der Ritter. »Der Gedanke ist frei, wie das Sonnenlicht, und es wird besser werden, wenn Jeder spricht, wie das Herz ihm befiehlt. Hab' ich Euch nicht gesagt, daß sie mich tödtlich hassen, um den Mund zu verschließen, der die Wahrheit in die Welt posaunt? Aber mögen sie, und wenn sie mich auch tödten, die Vögel sind ausgeflogen und werden singen, daß den Unterdrückern die Ohren gellen sollen!«

Während dieses Gespräches war der kleine Zug am Ende des Waldes angelangt, und der Bauer bezeichnete eine unfern liegende Hütte als die seinige. Die Landschaft, die sich dem Blicke darbot, konnte eine gesegnete genannt werden. Stolze Wälder wechselten mit grünen Feldern und Wiesen ab; hie und da lagerte ein einsamer Bauernhof in dem grünen Schooße seiner Umgebung; spitze Thürme verkündeten größere Dörfer; selbst die Ringmauern eines Klosters konnte man erblicken, und das Ganze beherrschend erhob sich eine stattliche Burg auf einem bewaldeten Bergrücken, an dessen Fuße das Silberband eines Flusses sich dahinschlängelte. Den Hintergrund bildeten die blauen Umrisse des Harzgebirges und über das Ganze spannte sich der Abendhimmel in seiner goldblauen Färbung, mit der untergehenden Sonne. Das war ein Theil jenes gesegneten Landes, das unter dem Namen der goldenen Aue bekannt ist.

Was in den Gedanken des Ritters bei diesem Anblick vorging, möchte der Leser wohl errathen, wenn er seiner Geistesrichtung Aufmerksamkeit geschenkt bat. In Worte übersetzt würde es ungefähr so lauten: »Gott hat das Füllhorn seines Segens über das deutsche Land ausgegossen, und der Mensch bemüht sich, dafür das Elend zu verbreiten! Allen seinen Geschöpfen scheint die Sonne, blühen die Felder, und Wenige maßen sich an, es für sich allein in Anspruch zu nehmen und es den Vielen zu rauben oder zu verkümmern. Wie aber, wenn diese lernen, daß ihrer Viele und ihrer Gegner nur Wenige sind?«

Sie waren an das Gehöft des Bauern gekommen; Heinz that einen Freudensprung und rief laut den Namen der Mutter. Auf diesen Ruf erschien ein Weib auf der Schwelle, das im groben Bauernrock und im Herbst ihrer Jahre. noch schön genannt werden konnte. An ihre Seite schmiegte sich ein Mädchen, das ungefähr zehn Frühlinge zählen mochte, und dessen zarte Schönheit der Schilderung des Bauern vollkommen entsprach. Die Frau war sichtlich überrascht und erschrocken von dem allerdings sonderbaren Aufzug ihres Mannes. Die ehrerbietige Scheu vor dem Ritter jedoch hielt sie von jeder lauten Aeußerung zurück. Während der Ritter dem Bauer vom Pferde half, machte sie Heinz mit dem Vorgange bekannt; sie näherte sich demüthig, küßte den Rock des menschenfreundlichen Ritters und sprach schüchtern: »Wie sollen wir und können wir Euch danken, edler Herr, für die Gnade, die Ihr meinem armen Manne bewieset!«

»Nur Gott ist gnädig!« antwortete jener ernst, doch nicht unfreundlich. »Ich that, was ich von Jedem in gleicher Lage erwartet haben würde. Laßt das und bereitet lieber Euerm Eheherrn ein weiches Lager, auf dem er ruhen möge!«

Nachdem der Verwundete in das ärmliche, aber reinliche Gemach gebracht und auf ein frisch aufgeschüttetes Strohlager niedergelegt worden war, schickte der Ritter sich an, die Wunde von Neuem zu verbinden. Die Frau stand ihm bei, wie eine dienende Magd. Es war während dem dunkel geworden, und das Roß scharrte ungeduldig vor der Thür den Boden; Heinz hielt es am Zügel.

»Ihr werdet noch das Grafenschloß erreichen wollen!« wagte die Frau schüchtern zu bemerken. »Mein Knabe soll Euer Führer sein.«

»Nicht doch!« lächelte der Ritter. »Ich pflege selten auf Ritterburgen einzusprechen und herberge lieber unter dem niedern Dach des Bauern. Habt Ihr ein Plätzschen, groß genug, mein Haupt dahinzulegen, und ein Obdach für meine alte Liese, so will ich's Euch vergelten.«

»Ihr verschmähtet es nicht –?« rief der Bauer.

»Verschmähen?« entgegnete der Ritter. »Ich und mein Roß bedürfen der Ruhe; ich hoffe, sie in Euerer Hütte eher zu finden als im Schlosse des Grafen.«

»Was unsere Armuth vermag, mit dem sollt Ihr bedient werden!« sprach die Bäuerin eifrig und eilte, dem Ritter ein duftiges Heulager zu bereiten, das müde Roß in einen Schuppen zu führen und mit Nahrung zu versorgen und ein schlichtes Abendmahl zuzurichten. Der Ritter hatte sich unterdeß auf einen rohen Sessel niedergelassen, nachdem er Harnisch und Schwert abgeschnallt und bei Seite gelegt.

Es dauerte nicht lange, so breitete die Bäuerin ein sauberes, wenn auch grobes Tuch über den massiven Tisch, legte an Tisch Geräthe zurecht, was sich vorfand, und trug die Abendmahlzeit auf, bestehend in Milch, Schwarzbrot und Ziegenkäse. »Gott gesegn' es Euch, gestrenger Herr!« sprach sie. »Nehmt vorlieb mit unserer Armuth. Euer Roß ist wohl aufgehoben.«

»Aber Ihr müßt mir Gesellschaft leisten«, sagte der Ritter heiter. »Ich liebe eine frohe Tischgesellschaft, und ich sehe es dem blonden Schelm dort an, daß er gerne den Imbiß mit mir theilen möchte. Keine Einwendungen! Es mundet mir nicht, so Ihr nicht am Mahle Theil nehmet.«

Die Frau fügte sich endlich dem Wunsche des Ritters. Nachdem sie knieend das vom katholischen Ritus vorgeschriebene Tischgebet gesprochen und sich bekreuzt, setzte sich die kleine Gesellschaft um den Tisch und ließ der vorhandenen Gottesgabe volle Gerechtigkeit widerfahren. Die Sprödigkeit der Frau und der beiden Kinder wich endlich vor dem leutseligen Wesen des Ritters, und Heinz wurde endlich sogar vertraulich mit ihm, während sich die kleine Maria noch schüchtern hinter ihrer Mutter verbarg. Heinz machte sich an dem Schwert des Ritters zu schaffen; zog es mühsam zur Hälfte aus der Scheide und freute sich am Glanz der Waffe. Als es ihm die Mutter wehrte, sagte der Ritter: »Laßt ihm immerhin die Freude. Um eine Waffe ist's ein gut Ding. Vielleicht wird die Zeit kommen, wo jeder deutsche Mann nach einem Schwerte greifen wird. Mein Heinz, möchtest du wohl auf einem Röslein reiten, angethan mit blanker Wehr, solch ein Schwert in der Faust und hurrah, drauf und dran, in den Feind!?«

Der Knabe ließ einen scheuen Blick über den Vater gleiten, dann klatschte er in die Hände und rief: »Ach ja, das möchte' ich für mein Leben gern!«

Eine Wolke des Unmuths flog über des Bauern Stirn. »Ihr setzt dem Knaben Dinge in den Kopf«, sprach er, »an die er nimmer denken sollte. Er ist ein Bauernsohn und wird die Hacke führen und den Pflug statt des Schwertes!«

»Es thut so wohl, ein junges kampflustiges Herz zu finden«, entgegnete der Ritter, »wo Keiner das Schwert zu rühren wagt für sein gutes Recht. Und wißt Ihr es so gewiß, daß sich nicht dereinst die Pflugschar in ein Schwert und die Hacke in einen Streitkolben verwandeln wird?«

»Ihr führet seltsame Reden, edler Herr!« sagte der Bauer. »Mir ist, als hab' ich gleiche Worte schon gehört oder mindestens den Gedanken vernommen. Ich habe von einem Augustiner-Mönch zu Wittenberg gehört, der sich vermessen, sieh zu erheben gegen Pfaffen und Papst, der gesagt habe, die Menschen seien alle gleich, ob sie in Hütten geboren oder auf Thronen, und er habe ein neues Reich verkündigt, in dem weder Herren noch Sklaven mehr sein sollen. Gehört Ihr zu den Freunden jenes Mönchs, mein edler Herr?«

»Ihr habt von Luther gehört!« rief der Ritter in schöner Begeisterung. »Er ist die Zornruthe Gottes, mit welcher der Herr die Mäkler und Wechsler aus seinem Tempel treibt, die Blitzesflamme, welche die Gottlosen zerschmettert und die Welt reinigt von dem eklen Dunst des Aberglaubens, der Sturmwind, der in die Spreu fährt und sie verweht nach allen Winden, der Strom, der über das Land braust, daß es aufblühe in einem neuen Völkerfrühling! Wahrlich, der Mönch von Wittenberg, der arme Bergmannssohn, ist ein Heid, wie kein zweiter ist in deutschen Landen; sein Schwert ist das Wort, aber es ist allmächtig, und die Diener der Finsternis zittern vor ihm. Meint Ihr aber, daß von ihm der Geist ausgegangen sei, der den Völkern die Freiheit verkündet, so sag' ich: Nein! Nie herrschte so große Finsterniß, daß nicht einzelne Sterne der Wahrheit durch das Dunkel geleuchtet hätten. Die Wahrheit und die Freiheit sind ewig; sie fanden ihre Freistätte in der Brust der besten Männer. Luther ist einer derselben; aber er läßt sie nicht im Verborgenen schlummern, sondern ergreift ihr Panier und läßt es wehen über die ganze Welt.«

»Unsere Priester nennen ihn einen Ketzer und Abtrünnigen!« bemerkte der Bauer.

»So thun sie, weil ihnen der Löwe von Wittenberg die Krallen in die Brust schlug«, versetzte der Ritter. »Weil sie die Leuchte hassen, die Luther allem Volke aufgesteckt; weil sie die Knechtschaft wollen, und Luther sprach: Alles Volk ist frei, das unter dem Himmel wohnt, denn Alle sind nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und es ist Sünde, daß sich Staub über den Staub erhebe. Gott fragt nicht: hat dich die Armuth gewiegt und die Niedrigkeit, oder hat eine Königin dich in den Schlaf gesungen? sondern wer recht thut und vor ihm wandelt, der ist ihm angenehm! Der Herr wird richten die mit seinem Zorne, die sich als die Herren der Welt geberden, und die Niedrigen erheben!«

Das Antlitz des Bauern glühte. Er erhob sich mit der Hälfte des Körpers und sprach: »So lehrt, so predigt Euer Luther?«

»Es ist der Inhalt seiner Gedanken!« antwortete jener. »Wollt Ihr mir meine Schlafstätte anweisen, gute Frau, so will ich's Euch danken.« Er erhob sich und folgte der ihm Vorausschreitenden nach der Kammer, wo man ihm ein Lager bereitet hatte. Im Geiste des Bauern kreuzten Gedanken, wie leuchtende, zündende Bisse.

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