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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 14
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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III.

»Wenn du nicht warst, ich wäre längst davongelaufen!« sagte Heinz vielleicht zum hundertsten Male zu seiner Schwester Marie. »Ich habe mich schon lange nach dem Lande dort über den Bergen gesehnt; es hat mich oft verdrossen, daß ich ein gemeiner Bauer bleiben soll! Hab' ich's verschuldet, daß ich nicht edel geboren? Meine Arme sind so kräftig, wie die irgend eines Junkers, und mein Auge erkennt wie der Falke den kleinsten Vogel hoch oben in den Lüften. Hussah! Wer wollte besser reiten, als ich es that, als Graf Ernst noch mein Gespiele war? Nun hat's ihm der Vater verboten, und ich habe kein Röslein mehr, darauf zu reiten. Schau' mal diesen Arm; ich spanne den stärksten Bogen und hebe eine Pflugschaar in freier Luft! Und diese Faust mußt du kennen! Den wildesten Stier schlag' ich damit nieder, wenn du's haben willst!«

»Beileibe nicht!« entgegnete Marie scherzend. »Weißt du warum? Erstens weil wir keinen Stier haben, sondern nur ein mageres Kühlein, das uns noch dazu Milch liefert, und dann –

»Was soll ich mit dieser Faust thun, wenn ich ein Bauer bleiben muß?« fuhr der Jüngling ungeduldig fort. »Den Pflug fuhren und die Axt? Warum sollt' ich denn nicht ein Ritter werden können, frag' ich dich!«

»Darum, weil dich – der liebe Gott nicht als Bauer hätte werden geboren lassen, wenn er gewollt hatte, daß du ein Ritter würdest!« war die Antwort.

»Kann aus dem Bauer nicht ein Ritter werden?« fragte Heinz weiter. »Ich habe gelesen, daß Helden vom Pfluge gingen, das Schwert ergriffen und ihr Vaterland von den Feinden befreiten. Sie waren hochgeehrt, ihre Thaten werden heute noch gepriesen, und sie waren Bauern, wie wir. Was soll ich thun, um ihnen gleich zu werden?«

»Da weiß ich dir keinen Rath;« entgegnete das Mädchen.

»Ich wüßte wohl, was ich thun sollte!« fuhr der Jüngling fort; »wenn ich es nur über's Herz brächte! Ich hab's schon versucht, aber es geht nicht. Es hat mich immer wieder zurückgetrieben, und mir war's, als riefe die Mutter aus ihrem Grabe: »Thu's nicht!« Und wäre das auch nicht gewesen, so hätt' ich's doch nicht gekonnt. Du wärst ja dann ganz allein gewesen, und ich hätte deshalb auch keine rechte Freude gehabt.«

»Meinethalb, du unnützer Gesell, bist du nur blieben?« fragte Marie. »Ei schäm' dich! An den Vater denkst du nicht, den du in die Grube bringen würdest?«

»Ei, der wird sich auch baß grämen!« antwortete der Jüngling bitter. »Behandelt er mich doch gar nicht als seinen Sohn, und ich hab' nichts verschuldet! Wenn ich nur wüßte, wie ich ihn betrübt hätte; ich wollt's ihm abbitten, so wahr mir Gott helfe! Kein freundlich Wort hab' ich nun seit lang von ihm gehört. Wenn er zu mir spricht, spricht er mit Hohn und Spott!«

»Du mußt's ihm vergessen;« erwiederte das Mädchen. »Er hat nun einmal keinen Frieden und meint's gewißlich nicht so bös. Hat doch die Mutter auch manchmal leiden müssen, Gott hab' sie selig!«

»Gegen dich ist er wie ein Vater!« klagte Heinz. »Nur mir ist er feind. Du bist sein Kind, sein liebes Kind, gegen mich thut er, als habe mich der Guckuck unter sein Dach getragen. Schlug er nicht gestern nach mir, weil ich einen kleinen Fehler begangen? Marie, weißt du, was das heißt: er schlug nach mir? Hätte das ein Andrer gethan –«

»Um Gott!« rief Marie erschrocken. »Du wirst dich doch nicht am Vater vergreifen wollen?«

»Da walt' Gott vor!« entgegnete der Jüngling ernst. »Daß mir die Hand zum Grabe herauswachse? Aber, Marie, bitte Gott, daß der Vater mich nicht mehr schlägt; denn sonst müßt' ich fort in die weite Welt, wenn mir auch das Herz brechen sollte, daß ich dich lassen muß.«

»Was wolltest du in der weiten Welt?« fragte Marie.

»Zum Kaiser würd' ich gehen,« antwortete er, »der auch noch jung ist, und würd' ihm sagen: »Herr Kaiser, braucht Ihr zwei Arme, die für Euch den Feind schlagen, so gebt mir ein Roß und ein Schwert, und ich bin Euer mit Leid und Seele!«

»Du meinst, daß er dann zugreifen würde?« lächelte Marie.

»Warum sollt' er denn nichts« antwortete er verwundert. Ist's denn nicht genug, daß ich ihm biete, was ich habe?« Er wird wohl tapfre Männer brauchen können!«

»Aber du bist noch gar kein Mann!« eiferte Marie. »Bist noch ein junges winziges Bürschchen, das der Kaiser auslachen würde, wenn's ihm so käme. Der Kaiser wird wohl auf dich warten! Er hat der tapfern Männer genug!«

»Was sagst du mir denn da?« trotzte Heinz. »Auf's Alter kommt's gar nicht an, sondern auf den Muth. Wär' nur der edle Ritter Hutten hier, der einmal bei uns war! Er würde dir sagen, daß ich recht habe! Und ich sage dir, daß ich alles das thue, damit du nur siehst, daß es mir Ernst ist!«

»Du willst also wirklich davonlaufen?« fragte das Mädchen mit bittend wehmüthigem Blick und Tone. Da sanken die heldenmüthigen Vorsätze des Jünglings wieder in nichts zusammen. »Ach Gott!« seufzte er, »das ist ja eben das Unglück, daß ich's nicht kann, wenn ich dich ansehe!«

Heinz hatte während dieses Gesprächs seine Arbeit fallen lassen, der Schwester Hand ergriffen und sah ihr in die blauen, unschuldig schalkhaften Augen. In dem Augenblicke trat Kolbach aus der Hütte, sah den Jüngling müßig stehen und schlug ihn mit derber Faust auf die Schulter, indem er sprach: »Was hat die Brut zu kosen und zu schwatzen? Hör' den Schelm nicht an, Marie! Taugenichts, deine Arbeit zur Hand! Möchtest wohl dem lieben Herrngott die Tage abstehlen, wie's deines Gleichen gewohnt ist? Sehnst dich noch immer nach Roß und Schwert, du unvergleichlicher Ritter? Geh' hinauf zum Grafen, sag' ihm, du stammest aus ritterlichem Geblüt und wollest sein Wappen tragen! Schau', ob er dich eines Fußtrittes würdigt!« Bitter lachend ging er davon.

Der Jüngling fühlte sich niedergebeugt von diesem tiefverletzenden Hohne; die helle Röthe der Scham flammte auf seinem Antlitz und preßte die Hände auf's Herz, um das ungestüm wogende zu beruhigen. »Siehst du nun,« preßte er mühsam hervor, »daß er mich behandelt nicht wie seinen Sohn, sondern wie einen faulen ungeberdigen Knecht? Marie – ich muß von dannen!«

Marie legte mitleidig die Hand aus seine Schulter. »Armer Heinz!« flüsterte sie.

Hastig ergriff er ihre Hände und sprach in geflügelten Worten: »Nicht wahr, ich hatte nichts verbrochen, und er hat mich einen Schelm gescholten? Ich soll zum Grafen gehen, sagte er. Ich werde gehen, aber nicht zum Grafen. Die Welt ist groß und weit!«

»Gehe nicht!« flehte Marie. »O ich weiß, er hat es schon bereut, daß er dich mißhandelt, und er ist ja dein Vater, dem du gehorchen mußt! Erinnerst du dich noch, was die Mutter sprach, ehe sie Gott zu sich nahm? Seid fromm, sprach sie, und vertraut auf den Vater dort oben, der wird euch nicht verlassen!«

Der Jüngling wandte das Auge nach dem feuerfarbenen Abendhimmel. »So bet' ich zu dir, du großer Himmelsvater,« sprach er andächtig, »daß du das Herz meines Erdenvaters bewegen wollest, auf daß er mich wieder behandle wie seinen Sohn, damit ich ihn immerdar im Herzen tragen könne!« –

Kolbach wandte seinen Schritt, wie es schien, fast unwillkürlich nach dem Friedhofe, der am Ende des nahen Dorfes lag; der Abend dunkelte und warf lange Schatten über die grünen Felder. Um die Zinnen der Grafenburg spielten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Der Bauer ballte die Faust gegen den stolz in die Lüfte ragenden Bau. »O daß jene Gluth ein Feuerbrand wäre,« rief er knirschend, »der dein Dach erfaßte und dich umleckte mit Millionen Zungen, einen blutigen Schein um dich breitete und in Schutt und Asche begrübe Alles, was in dir lebt und athmet! Schwinde von der Erde, du Haus des Lasters und der Tyrannei, auf daß keine Spur mehr übrig bleibe, die sagen könnte: hier stand die Zwingburg, die der Zorn Gottes gebrochen! Ich war unglücklich, als ich unter der Hand deiner Schergen keuchte, aber ich war noch nicht elend, ich durfte noch an die Menschen glauben, denn ich hatte ein treues Weib. Auch diesen Glauben hast du mir gestohlen, du hochgeborner Sünder, hast mir einen Pfahl in's Fleisch gesetzt, den ich nimmer verwinde. Ich habe keinen Sohn mehr, denn der, den ich Sohn nannte, ist ja nicht mein Fleisch und Blut!«

Die Vögel zwitscherten ihr Abendlied und achteten nicht auf den Schmerz, der in des unglücklichen Mannes Busen rang. Die Bäume rauschten; die Grafenburg hüllte sich in Dämmerung; die Vesperglocke läutete im Dorfe: es war eine heilige Stille in der Natur. Kolbach faltete die Hände, aber das Gebet erstarb auf seinen Lippen, er hatte längst das Beten verlernt.

Nun stand er an der niedern Mauer des Friedhofes und übersah die Stätte, darauf der Tod seine Saat ausgesäet. Die weißen Steine, welche die Liebe oder der Hochmuth auf die Gräber der Gestorbenen gepflanzt, schimmerten durch die Dämmerung. Kolbach übersprang die Mauer und schritt quer über die Hügel, welche die Natur allein mit einem grünen Teppich geschmückt. Endlich stand er vor einem noch frischen Grab. Es trug keine andre Zier, als einen Strauch weißer Rosen. Kolbach hatte seinen Scheitel entblößt; die gottgeweihte Umgebung goß auch in das starre Herz des menschenfeindlichen Mannes einen Strahl der Andacht. Wie erstaunte er, als er eine dunkle Gestalt am Grabe seiner Gattin knieen sah! Die Gestalt schien im brünstigen Gebet begriffen zu sein und merkte nicht auf den Ankömmling. Kolbach knieete ihr gegenüber und seine Lippen bewegten sich. Vielleicht war es ein Gebet, das sich aus der Tiefe seines Herzens losrang. Dies dauerte wenige Minuten, als die fremde Gestalt aufsah und überrascht schien, einen Zeugen und Genossen seiner frommen Andacht zu finden. Kolbach erkannte das ehrwürdige Antlitz des Paters Thomasius; der schneeumkränzte Scheitel war von der Capuze verhüllt.

»Ihr, ehrwürdiger Vater?« sagte Kolbach verwundert. »Ihr betet am Grabe meines Weibes?«

»Ich bete für alle Menschen;« entgegnete der Greis.

»Aber warum vor Allen wähltet Ihr dies Grab?« fuhr der Bauer fort. »Ihr wißt es, ich bin arm, ich kann keine Todtenmesse bezahlen.«

»Ich betete für die Lebenden und die Todten;« antwortete der Pater ruhig auf die bitteren Reden. »Die Lebenden bedürfen des Gebetes mehr denn die Todten; diese ruhen im Herrn, und wir wandeln noch in Finsterniß. Warum ich an Eures Weibes Grabe bete? Das Herz trieb mich an diesen Hügel. Ich habe ein heiliges Recht an ihn.«

»Wie?« rief Kolbach mit wachsendem Erstaunen. »So ward Ihr es auch, der dies dürftige Grab mit Rosen schmückte?«

»Ich that mehr: ich begoß es mit meinen Thränen;« erwiederte der Mönch.

Das war mehr, als Menschenliebe!« rief Kolbach eifrig. »So viel hundert Todte schlummern hier unbeweint und unbeklagt, warum wähltet Ihr vor Allem meines Weibes Grab. Welches Band knüpfte Euch an sie, was war sie Euch? Ich nahm sie als Waise auf, sie hatte keinen Verwandten, ihr Tod schlug keine Wunde als im Herzen ihrer Kinder und ihres Gatten.«

»Gönne mir die Todte, du hast die Lebende besessen!« entgegnete der Pater ernst.

»Was war sie dir, frag' ich dich!« drängte der Andere. »Mein war sie lebend, mein ist sie todt! Wer hat noch ein Recht an sie?«

»Gott und ihr Vater!« sprach der Greis feierlich, die Hand gen Himmel erhoben. »Thörigter Mensch, wie bist du voll Eigennutz! Soll der Vater nicht auf dem Grabe seines Schmerzenskindes weinen, das er wiederfand an der Schwelle des Todes? Die hier unten schläft, ist meine Tochter. Ich habe sie erkauft mit Millionen bittern Thränen, mit einem zerstörten Lebensglück, und du willst mir nicht gönnen, auf ihrem Grabe zu beten?«

Sprachlos starrte Kolbach den Greis an. »Eure Tochter?« stammelte er endlich. »Und Ihr fandet sie wieder am Rande des Grabes? Wo Ihr sie gefunden, hab' ich sie doppelt verloren. – Ihr hörtet ihre Beichte,« fuhr er heftig fort, des Mönches Hand fassend, »sie vertraute Euch die Geheimnisse ihres Herzens: o sprecht im Namen des lebendigen Gottes, um der Seligkeit willen, die Ihr hofft – sprecht, ist es wahr, daß Heinrich nicht mein Sohn, daß – o gebt meiner Seele den Frieden, nach dem sie dürstet, wie ein gehetztes Reh nach frischem Wasser! Habt Barmherzigkeit und schenkt mir Leben oder Tod!«

Der Mönch kämpfte einen Augenblick mit sich selbst. »Forsche nicht, frage nicht!« sprach er dann fest. »Meine Lippen sind ein versiegeltes Grab. Die Zeit hat das Räthsel geknüpft, die Zeit wird es lösen!«

»Ich – ich will es lösen!« rief Kolbach wie im Wahnsinn. »Blicke hinauf zum Himmel, sieh', ob er sich öffnet und dir einen Engel sendet, der dich rettet aus meiner Hand. Sprechen sollst du, und sollt' ich das Geheimniß mit deiner Seele dir entreißen! Die Nacht wird dunkel, kein Mensch hört deinen Hülferuf; Niemand fragt danach, wer den Mönch erschlagen, den man morgen in seinem Blute findet –«

»Aber Gott hört seine Todesseufzer und Gott sendet den Rächer!« erwiederte der Greis unerschrocken, »Ich bin wehrlos,« fuhr er fort, indem er auf die Kniee sank, »bohre dein Messer in das halbgebrochene Herz; du raubst mir nur wenige Monden der Buße! Nimm mich auf, du himmlischer Vater, in deine Hände befehl' ich meinen Geist! – Nun, warum zögerst du? ich bin bereit zu sterben!«

Der Bauer ließ das erhobene Messer sinken. »Er ist nicht mein Sohn!« murmelte er im tiefsten Schmerz.

»Armer Mann!« sprach der Mönch mitleidig. »Stelle deine Sache in Gottes Hand! Ich sah dem Tod ins Auge und zitterte nicht, denn Gott war mein Hort. Du wandelst auf bösen Wegen. Dein Frieden war längst dahin, weil du vom Pfad der Tugend wichst! Nun willst du dir selbst glauben machen, er sei dir entwandt, als der Tod zu früh die Lippen deines Weibes schloß.«

»Eine Schuldige, eine Verworfene nährt' ich an meinem Herzen!« klagte der Bauer.

»Lästere die Reine nicht, die dort unten schläft!« sprach der Mönch mit erhabenem Ernst. »In der Sonne findest du Flecken, ihre Seele war reiner als die Sonne!»

»Rein?!« lachte Kolbach wild auf. »Hahaha! Rein wie du, ihr Vater, mit Fluch und Sünde beladen! Bete, winsle, weine am Grabe deines – Bastards! Lebe und siehe, ob du durch alle Thränen den Fluch büßest, der vom sündhaften Vater auf die schuldige Tochter überging! Ei, wie glänzen deine weißen Locken so schön, wie klingt das Wort der Heuchelei so hell von deinen Lippen! Die weißen Haare trügen, Gott hört das Flehen des verkappten Sünders nicht!«

Er eilte davon, und der stille Friedhof hallte wieder von seinem Gelächter das wie das Zischen einer Schlange klang. »Ich beuge mein Haupt dem Strahl deines Zorns, allmächtiger Gott!« sagte der Mönch in frommer Ergebung. »Ich zürne jenem Manne nicht, der mich lästert; du legtest das Wort ihm in den Mund, um mich büßen zu lassen die Sünden meiner Jugend. Züchtige mich, so lange es dir gefällt, o Herr! Ich bin dein Knecht und halte still! – Du aber, mein Schmerzenskind vergieb ihm die Lästerung! Sein Auge ist befangen, er lernte nicht an dich glauben, und ein Gedanke erschüttert sein Vertrauen. Warum darf ich das Geheimnis nicht lösen? Gott will es also haben, und ich unterwerfe mich seinem Willen! Du empfahlst mir den Mann deiner Liebe, daß ich über ihn wache, wie ein guter Engel ihm zur Seite stehe! Ich will es thun, so weit meine menschliche Kraft reicht! Wo er auf bösen Wegen wandelt, da will ich in zu ihm treten und ihm den rechten Pfad weisen, und mißhandelt er mich auch im Wahnsinn, verspottet mein greises Haar, so will ich's dulden und doch nicht von ihm lassen!«

Er erhob sich und schritt zwischen den Gräbern dahin nach der Pforte des Friedhofs, die er sorgfältig hinter sich schloß. Auf wohlbekanntem Pfad eilte er dann seinem Kloster zu, dessen dunkle Massen sich kaum von der dunkeln Nacht abschatteten.

»Gelobt sei Jesus Christ!« – mit diesem frommen Gruß trat ein Mann zu Kolbach, als er einige Schritte eben vom Kirchhof entfernt war. Der Angeredete antwortete kurz sein »in Ewigkeit!« und ging seines Weges fort; jener aber, hielt gleichen Schritt mit ihm. »Ihr wart auf dem Kirchhof,« sprach er, »am Grabe Eurer Frau. Recht so! ein Gebet aus frommem Herzen hilft mehr als alle Seelenmessen der Pfaffen.«

Kolbach sah betroffen seinen Gefährten an. »Ihr schaut mich verdutzt an,« fuhr dieser lachend fort; »ich glaub' es wohl, daß selten so was zu Euren Ohren dringt, aber kämt Ihr nur in die Welt! Da singen's die Vögel von allen Bäumen. Ich weiß, Ihr seid heimlich dem Luther ergeben; das ist recht und löblich. Herr Gott, wie sind wir bisher blind und dumm gewesen! S'ist lauter betrügerischer Firlefanz, was die Pfaffen treiben. Vom Fegefeuer soll gar nichts in der heiligen Schrift geschrieben stehen; und giebt's ja ein Fegefeuer, wie können die Pfaffen sich unterfangen, von einer Buße loszusprechen, die Gott geordnet hat? Und nun gar die guten Werke, durch die der Mensch selig werden soll, vom Ablaß nicht einmal zu sprechen! Alles Beutelschneiderei der Pfaffen, sag' ich Euch! O wie hat man uns bisher blauen Nebel vorgemacht!«

»Wollte Gott, wir wären damit auch von schwerer leiblicher Last erlöst!« brummte Kolbach.

»Kommt Alles nach einander!« antwortete der Andere eifrig. »Sind wir die Pfaffen los, so brauchen wir keinen Zehnten mehr zu geben; ist der abgeschafft, so werden wir auch einsehen, daß wir Zinsen, Gülten, Todfall und was des Zeuges all' ist, nicht mehr zu geben brauchen, denn alle Creatur ist frei unter dem Himmel, sagt Luther.«

»Woher habt Ihr denn die Weisheit, Jörg Fromme?« fragte Kolbach.

»Woher?« antwortete der junge Bauer. »Nun seht, einen Theil hab' ich mir schon lang bei mir selbst gedacht. Ihr wißt vielleicht, daß ich des Forstwarts Hubert Margareth gern sehe – im Vorbeigehn gesagt, hütet Euch vor dem Hubert, er lauert Euch auf –; die Dirn' ist aber hoffärtig und will oben hinaus, und der Alte ist auch ein Narr und ein Bauer ihm zu gering. Ei, denk' ich, bist du nicht auch ein Mensch und ist ein Bauernkittel nicht noch besser, als ein Tressenrock? Seht, nun komm' ich von wegen meines Geschäftes manchmal hinaus in die Welt, ich sag' Euch da hört man Wunder! Ja, ja wirklich Wunder! Denkt Euch, was ich neulich in Zwickau sah. Eine schreckliche Menschenmasse lief auf dem Markte zusammen. »Die Propheten, die Propheten!« hieß es. Ich, neugierig, mal einen Propheten zu sehen, dränge mich herzu, und da sah ich etwa ein Dutzend Männer in grauen Wämsern, die warfen sich aufs Angesicht, erhoben sich dann und schrieen mit schrecklicher Stimme vor sich hin: »Thut Buße, Buße, Buße! Das Ende der Welt ist nicht mehr fern, Gott wird die Welt mit einem feurigen Besen und mit Blut reinigen und nur die Guten übrig lassen – so spricht der Herr!« Und die Menschen hörten andächtig zu, schlugen sich an die Brust und beteten. Ich fragte nach den grauen Männern, und da hört' ich, daß es eine Brüderschaft sei, die ein Tuchmacher, Niklas Storch, gestiftet; der sei auch das Haupt und habe zwölf Apostel und zwei und siebzig Jünger. Sie verwürfen die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl, kirchliche Ceremonien, Priester und vornehmlich die Kindertaufe; es wären lauter schlichte Handwerksleute, und doch wären sie plötzlich so über die Maßen gelehrt, das mache, weil Gott aus ihnen redete. Ich hört' auch manchmal noch zu und da vernahm ich ganz außerordentliche Dinge. Er solle ein tausendjähriges Reich Gottes auf Erden anfangen, sagte Storch, Eine Taufe und Ein Glaube sein, und Gott habe ihm aufgetragen, dies Reich Gottes zu errichten. Hernach aber sollen sie nur Zwickau vertrieben worden sein.«

»Wo ist denn das Wunder in dieser Historie?« fragte Kolbach.

»Ei, ist das etwa kein Wunder, daß Gott der Herr aus ungelehrten Männern redet?« entgegnete Jörg. »Ein Wunder kann uns auch nur retten aus dem Gewirre von Zehnten und Lasten, von Frohnen und Handdiensten. Die Pfaffen haben lang genug die Wunder für sich gehabt, ihre Seckel zu spicken. Wir wollen nicht allein Erlösung von Uebeln der Seele, von kleinen Gebresten, sondern Erlösung vom größten Uebel des Leibes, von – Joseph, Marie!« unterbrach er sich, mit dem Finger nach dem Himmel deutend. Dort flammte es durch die Nacht wie eine purpurrothe Feuergarbe, Millionen Funken sprühten über das dunkle Firmament wie eine Ruthe geformt, flammte es über den halben Horizont, grausenerregend, entsetzlich. – »Da, da, seht Ihr das Wunder!« rief der junge Bauer. »Da ist der feurige Besen, mit dem Gott die Welt säubern wird!« – Da zerstob das Meteor, und die tiefdunkle Nacht verschlang es. –

Auch die Mönche im Kloster hatten es mit Entsetzen gesehen. Das Glöcklein rief sie nach der Kirche; dort knieeten sie nieder· und schlugen als Büßende ihre Brust. Der Prior bestieg die Kanzel und rief mit Donnerstimme in den haltenden Raum: »Thut Buße, geliebte Brüder! Der Antichrist hat sein Haupt erhoben, unsere heilige Kirche zu verschlingen! Der Herr züchtiget uns, der Herr wird uns erheben, so wir Buße thun im Sack und in der Asche! Licht und Finsterniß ringen mit einander, so lange die Welt steht. Zuweilen triumphirt die Finsterniß, um die sündigen Menschen zu strafen, und Gott läßt es zu, daß seine Gläubigen gedemüthigt werden, um sie desto herrlicher wieder zu erheben. Denn das Licht ist der Sieger von Ewigkeit, und die ganze Welt löst sich am Ende auf in Licht. Die Ketzerei hat die Menschen verblendet, durch ihren Erzpriester Martin Luther, den abtrünnigen Sohn unseres heiligen Ordens. Brüder in Christo, fallet nieder auf Euer Angesicht und betet, daß der Herr diesen Kelch an uns vorübergehen lasse. Thut Buße und wandelt vor dem Herrn, dann wird sich die Ruthe, die Gott am Himmel ausgestreckt, gegen unsere Feinde kehren! Die Erde wird sich aufthun und die Rotte Korah verschlingen, der Himmel wird seine Blitze senden und das Gebäude des Antichrists zerschmettern!«

Dumpf murmelten die Mönche das Miserere; Pater Thomasius aber sprach zu sich selbst: »Wie möchte sich der sterbliche Mensch auflehnen gegen das Gericht Gottes?« Der Herr sagt: weiche! und der Fels wandelt, die Erde verläßt ihre Bahn. Sein Wille geschehe!«

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