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Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer

Ludwig Köhler: Thomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Köhler
titleThomas Münzer und seine Genossen. Erster Band: Die neue Zeit - Ritter und Bauer
publisherVerlag von Joh. Ambr. Barth
year1845
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170824
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Zweites Buch.
Ritter und Bauer.

 

Tritt in deiner Fürsten Reih'n!
Sprich: die neun und dreißig Lappen
Sollen wieder besser klappen
Und Ein Heldenpurpur sein;
Ein Recht, wie ein Sonnenschein!
Ein Herz, Ein Volk und Ein Wappen!
Helf' uns Gott, so soll es klappen!

G. Herwegh.

 

I.

Es waren Jahre vergangen; es hatte sich viel in Deutschland geändert, aber die alte Erde war dieselbe geblieben; der Frühling kleidete sie nach in sein Gewand von Blättern und Blumen, und der Himmel überwölbte sie mit seinem blauen Baldachin.

Es war Pfingsten, und auch der Aermste warf die Sorgen vom kummerschweren Herzen und freute sich des nahenden Sommers, der die Ernten reifte. Frische Birken mit silberglänzenden Blättern und schneeig leuchtendem Bast erhoben sich vor den Hütten, an den Brunnen, vor dem Gotteshause, an den Altären; selbst der Betstock mit dem Marienbild vor dem Dorfe war damit geschmückt, und eine thurmhohe, bis auf die Spitze abgezweigte Tanne erhob sich schlank in den blauen Himmel; bunte Bänder und Tücher, mit denen sie geputzt war, flatterten lustig im Wind, und um sie her tanzte das junge Volk im besten Sonntagsstaate. Die zinnernen Knöpfe an den langen Tuchjacken der Bursche, an den rothen Westen, die stählernen Schnallen an den kurzen Kniehosen, welchen sich der gezwickelte Strumpf mit dem etwas plumpen Schuh anschloß, glänzten heute wie Silber. Die Bursche hatten bunte Tücher leicht um den gebräunten Hals geschlungen, und die Busen der Mädchen wogten unter dem knappen Mieder. Pfeifer und Geiger saßen seitwärts auf einer Art Tribüne und handhabten ihre Instrumente mit großer Fertigkeit. Die älteren Bewohner des Dorfes, die Kinder und mäßigen Gaffer umschlossen die Tanzenden; fast auf allen Gesichtern aber malte sich der Frohsinn. Herz und Gaumen zu erfrischen, schenkte die geschäftige Wirthin, vor deren Schenke der Maibaum aufgepflanzt war, Bier und Wein, wie ihn die thüringischen Berge bieten. So ätzend der letztere auch war, so wenig er dem perlenden Traubenblute des Rheines glich, so galt er hier doch für einen Luxusartikel, an den sich nur der Reiche wagen durfte.

Mitten unter den fröhlichen Bauern befand sich eine ganz absonderliche Gestalt, die eben nicht viel Anspruch darauf hatte, einem Mädchenauge zu gefallen; um so anziehender aber mußte seine Unterhaltungsgabe sein, denn Alt und Jung drängte sich um ihn her, und ein schallendes Gelächter verkündete oft die Wirkung seiner Schwänke. Er war von mittlerer Größe, nicht eben von starkem Gliederbau, vielmehr schien er nur aus Haut und Knochen zu bestehen, und das Gewand, das auch längst den Schimmer der Jugend verloren, schlotterte um seinen Körper. Sein Gesicht war eckige, die Augen lagen tief und funkelten stechend und listig aus den buschigen Wimpern; das Haar war röthlich und bedeckte zur Hälfte die Stirne; der Bart um Kinn und Lippen war brandroth und gab dem Ausdruck des ganzen verwitterten Gesichts etwas Diabolisches. Seine Kleidung war eben so grotesk; ein büffellederner Wamms, weite Pluderhosen, eine Pickelhaube von starkem Eisenblech und ein kurzes Schwert, über den Magen geschnallt, war das Costüme des sonderbaren Gesellen. Eine lange Partisane lehnte an der Wand des Hauses. Er war offenbar ein Exemplar gartender frommer Landsknechte, wie sie plündernd und brandschatzend durch das deutsche Land zogen, und von denen ein Zeitgenosse sagte »Stechen, hauen, gotteslästern, huren, spielen, morden, brennen, rauben, Wittwen und Waisen machen ist ihr gemein Handwerk und höchste Kurzweil.« Er hatte sich mit dem linken Ellbogen auf ein Faß gestützt, die Rechte sprach der vollen Weinkanne tapfer zu, und wenn er auch nach jedem Trunke das Gesicht verzog und sich schüttelte, als hätte er Wermuth getrunken, so mußte ihm dies Geschäft doch eben seine große Anstrengung kosten, denn er wiederholte es sehr häufig.

»Eure Getränk ist ein gutes Magenpflaster;« sagte er. »Wäre auch ein Loch in dieser Verdauungsmaschine, wie in des Papstes Tiara, ein Tropfen Eures Weins zög' es fest zusammen. Wenn das Geheimnis bekannt wäre! Ich glaube gar, der Riß, den die heilige römische Kirche erlitten hat, ließe sich unsichtbar machen.« Er that einen tüchtigen Zug und schüttelte sich nach seiner Gewohnheit Einige lachten, Andere ärgerten sich; der Landsknecht fuhr zungenfertig fort: »Brr! Und das nennt Ihr Wein? Da müßt Ihr noch keinen Wein getrunken haben! Heissa, das ist flüchtiges Feuer, das braust und kocht! Wie Gold leuchtet's im Glase, und Millionen Perlen steigen drin auf und nieder. Da ist's eine Lust zu trinken. Und nun gar der edle Ungarwein! Dunkelroth wie Türkenblut ist er, er rinnt über die Lippen und in allen Adern brennt es wie höllisches Feuer. Hurrah, es lebe der Wein! Klingt mit an, Ihr armen Schlucker, wißt Ihr auch nicht, was Wein heißt!«

Die Bauern stießen schüchtern mit an, und der Landsknecht leerte seinen Humpen. Dann gab er ihn einem der jungen Bursche mit den Worten: »Du da, laß füllen! Wer weiß, wann du wieder die Ehre hast, einen Kriegsmann zu bewirthen.« Der Angeredete schien zwar von dieser Ehre nicht sehr erbaut, doch nahm er die Kanne und reichte sie der Wirthin.

»Ich bin weit in der Welt herumgekommen, das könnt Ihr mir glauben!« fuhr der Landsknecht fort. »Hab' unter dem großen Frondsberg gefochten! Ihr Bauern wißt freilich nicht, was das bedeuten will; nun ich will's Euch sagen. Frondsberg ist ein Kriegsheld, wie's keinen zweiten giebt im deutschen Reich. Läßt er die Trommel rühren, flugs steht ein Heer da, wie aus der Erde gewachsen. Der selige Kaiser war auch ein ritterlicher Held, aber der Frondsberg war halt doch sein rechter Arm.«

Eben kam die gefüllte Kanne zurück, und der, den der Landsknecht zu seinem Wirth ernannt hatte, reichte sie ihm mit einem »Wohlbekomm's!« zu, aber machte sich alsdann aus seiner Nähe. »Der Herr Landsknecht schilt auf das edle Gewächs und säuft's doch;« flüsterte er einem Bekannten zu. »Wie kommt das?« – »Die Pfaffen und Edelleute sagen auch, wir seien nichtsnutzig Gesindel,« erwiederte dieser lachend, »und leeren doch unsere Speicher und Taschen aus.« – »Doch schau' nur,« fuhr er, auf ein junges hübsches Paar weisend fort, »wie der Jörg Fromme die Huber's Margreth umschwenkt! Das Mädel schaut aber verflucht trotzig aus den schwarzen Guckaugen. Ist ein hoffärtig Ding, die Margreth!«

»Sage doch, Herr Landsknecht,« fragte ein Bäuerlein, »treibt Ihr von Jugend auf dies Gewerbe?«

»Ich bin unter den Waffen grau geworden;« antwortete er, sich den Bart streichend.

»Wie des Müllers Esel unter den Säcken;« bemerkte einer der Umstehenden; die Uebrigen lachten.

»Was willst du damit sagen, du Hund?« fuhr der Landsknecht auf.

»Nichts weiter,« war die bescheidene Antwort, »als daß, wie der Esel nicht grau geworden unter den Säcken, sondern von Natur grau ist, Ihr eben so wenig unter den Waffen grau geworden seid, dieweil Euer Haarwuchs von rother Farbe ist.«

»I du Licht der Vernunft!« höhnte der Landsknecht. »Sollte man meinen, daß in dem dicken Schädel eines solchen Lümmels so viel Verstand steckt? Weißt nicht, daß das nur eine figürliche Redensart ist? Aber was weiß solcher Wicht von figürlichen Redensarten?«

»Ihr seid wohl weit her?« fragte der wißbegierige Bauer weiter.

»Freilich, aus dem Reich!« entgegnete jener. »Aus Franken, wo besserer Wein wächst, als der Eure da. Ich bin ein Stadtkind. Mein Vater war Waffenschmied zu Würzburg, und ich sollt' seine Kunst erlernen. Aber die Arbeit gefiel mir nicht; ich hätte lieber das Schwert geführt, als geschmiedet. Lehnhard, sagte mein Vater, du wirst nie auf 'nen grünen Zweig kommen, wenn du nicht anders wirst, es sei denn, daß der Galgen von grünem Holz ist, woran du einst baumeln wirst.«

»Euer Vater muß ein kluger Mann gewesen sein,« warf ein Bauer ein.

»Das war er, ich war aber noch klüger;« lachte jener. »Ei, dacht' ich, anders will ich schon werden, ließ Ambos und Hammer liegen, lief fort und ließ mich anwerben. Seitdem, es sind nun zwanzig Jahre, bin ich, was ich bin, und ich denk', das ist was Rechtes!«

»Habt Ihr Euern Vater nie wiedergesehen?«

»Nie, daß Gott erbarm'! der alte Narr nahm sich's gar zu sehr zu Herzen, legte sich hin und starb. Als ich vor zehn Jahren durch Würzburg zog und mich nach ihm erkundigte, war er längst vergessen und das Bischen Vermögen war in den Wind gegangen. Gesegn' es euch der Teufel! dacht' ich und drollte mich. Ich führt' ja ein herrlich Leben als Landsknecht, lustig und in Freuden, und hätte nicht mit dem Papst getauscht. Solltet's mal kosten, dies Leben! Zwar Strapazen muß man ertragen können, Wind und Wetter nicht scheuen, ein Mönchsbäuchlein mästet man sich auch nicht dabei –«

»Wie man an Euch sieht!« fiel Einer lachend ein.

»Gelbschnabel!« zankte Lehnhard. »Da, laß füllen, das ist eine nützlichere Beschäftigung. – Aber es hat seine schönen Seiten. In Feindes Land lebt man in Saus und Braus, nimmt, wo man findet, kein hübsches Mädel ist sicher, kein volles Faß. Das Gold läuft in unsere Taschen, und wenn der Krieg aus ist, so ziehen wir heim und genießen in Lust und Freude, was uns Gott beschieden.« – »Ei, du da,« wandte er sich an einen Jüngling mit blondem Lockenhaar und muntern klugen Augen, »du thätest auch besser, wenn du ein Kriegsmann würd'st, als daß du hinterm Pflug drein gehst!«

Der Jüngling wurde roth und in seinen Augen entzünden sich ein Feuer, weiches den Beweis der trefflichen Menschenkenntniß des Landsknechts lieferte. Ehe der Jüngling aber noch antworten konnte, drängte sich ein älterer Mann zwischen ihn und den Landsknecht und sprach mit fester Stimme: »Erlaube, Freund, Ihr sollt mir den Sohn nicht verführen mit gleißenden Redensarten, die hohl sind wie Seifenblasen. Er ist zu Besserem geschaffen, als zum Müßiggänger, der sich mit fremdem Schweiß mästet und doch nicht fett wird dabei.«

Der Landsknecht schaute den Sprecher an, als wollt' er ihn mit den Augen durchbohren; seine Faust fuhr nach dem Schwert. Da aber jener trotzig und herausfordernd ihm gegenüberstand, besann er sich eines Bessern und sagte in scherzendem Tone: »Du bist übler Laune, Freund! Ich mein' es gut mit deinem Buben und du vergilst's mit schnödem Undank. Das ist der Welt Lohn. Ich nehme dir's auch nicht übel, daß du meinen Stand schiltst. Wenn du's besser verstündest, würdest du's nicht thun. Dafür, daß wir im Kriege Wunder der Tapferkeit verrichten, ist es billig, daß wir im Frieden auf unseren Lorbeeren ruhen. – Das lange Schwatzen macht die Kehle trocken. – Wie heißest du denn?«

»Hans Kolbach;« entgegnete der Bauer und wendete sich mit seinem Sohn ab.

»Ein trotziger Gesell!« brummte der Landsknecht vor sich hin. »Aber so lieb' ich's;« fuhr er lauter fort. »Das ist Landsknechts Art.« – Wie zu gedankenlosem Spiel zog er ein Päckchen bunter Kartenblätter aus der Tasche, legte zwei derselben vor sich hin, eins zur Linken, eins zur Rechten, und schlug nun die übrigen dazwischen ab, warf sie manchmal zusammen und legte sie von Neuem.

Der Reigen war geendet, die erhitzten Paare traten schäkernd und lachend ab. »Nein, Margrethle,« sagte ein junger Bauer zu seiner Tänzerin, ihre Hand fest haltend, »du wirst mich noch um's Leben bringen. Alles, Alles thust du mir zu leid! Tanzest du mal mit mir, da thust du, als gescheh's nit mit gutem Willen, und kein Sterbenswörtlein kriegt man zur Antwort. Macht dir's denn Vergnügen, mich so zu quälen?«

Ach was, wer quält dich denn, Jörg Fromme?« antwortete Margarethe kurz.

»Du und kein Mensch weiter!« rief Jörg. Du weißt, daß ich dich so sehr gern hab' –«

»Wer zwingt dich denn dazu?« spottete Margarethe.

»Geh', geh'! Du bist halt falsch und herzlos!« sagte Jörg ihre Hand fahren lassend. »Die Leut sagen, du wärst hochmüthig. Wenn ich nur – weiß Gott, was ich noch deinetwegen thu'!«

Lachend wandte sich das Mädchen ab. Jörg mischte sich unter die Bauern, die dem Spiel des Landsknechts neugierig zusahen. »Was macht Ihr denn da?« fragte der Eine.

»Ein neues Spiel,« antwortete jener gleichgültig; »seht, ich will's Euch erklären-« Er legte eine Handvoll Münzen vor sich hin und begann nun das Spiel von Neuem. »Im Fall,« sprach er, »Einer von Euch setzte auf diese Karte rechts ein Geldstück, was es sei; ich setz' so viel dagegen, und nun schlag' ich ab. Merkt wohl! dies ist Herzdaus – nun schlag' ich weiter und weiter – ab, da kommt ein Daus; der gute Freund hatte gewonnen. Gesetzt nun, er läßt beide Geldstücke stehen, ich stelle eben so viel dagegen – ah, wieder ein Daus. Nun hätt' er schon dreimal so viel gewonnen, als er eingesetzt.

»Ei, da könnt' man ja ein reicher Mann werden!« lachte Einer. »Kann man denn gar nit verlieren?«

»Es wird allemal gewonnen;« antwortete der Landsknecht.

»Ich probir' das Ding! Habt Ihr Lust, Herr Landsknecht?«

»Euch zu lieb;« sagte Lehnhard gleichgültig. »Was wollt Ihr setzen?«

»Diesen Silberbatzen.«

»Es können auch Mehrere mitspielen.«

»Ich setz' auch 'nen Silberbatzen!« meldete sich Jörg.

»Gut. Ich setze dagegen. – Ah, Ihr habt schon gewonnen! Wollt Ihr's stehen lassen?«

»Ja, es trägt ja dann dreifach.«

»Recht! seht, welches Glück Ihr habt! Wieder gewonnen!«

»Noch einmal!«

»Ihr werdet mich ausbeuteln. – Ah, diesmal kommt die Reih' an mich.« Er strich das Geld ein; die Bauern sahen sich verblüfft an. »Ihr müßt das Glück zwingen;« fuhr Lehnhart fort. »Setzt das Doppelte.« Ein kurzes bedenkliches Zaudern, und die Silberbatzen wanderten auf die Karte. »Das Glück scheint mir hold,« sagte der Landsknecht, indem er seinen Gewinn einzog. Einer der Spieler zog sich zurück; Jörg aber griff in die Tasche und setzte seine ganze Baarschaft. »Ich habe schon wieder gewonnen;« tönte es von des Landsknechts Lippen.

Der Bauer stand in sprachloser Bestürzung »Sagtet Ihr denn nicht, es würde allemal gewonnen?«

»So ist's auch!« lachte Lehnhard, sein Geld, das sich merklich vermehrt hatte, in die Tasche schiebend. »Einer von uns Beiden gewinnt allemal; diesmal hab' ich das Glück gehabt.«

»Aber das ist Betrug!« schrie Jörg.

»Wäg' deine Worte, guter Freund!« antwortete der Andere ruhig. »Das wäre mir ein schönes Spiel, wo man nur Aussicht hätte, zu verlieren« Er wandte sich von dem Grollenden hinweg und sah dem Tanze zu. Die unglücklichen Spieler waren in Verzweiflung. Ihr mühsam Erspartes war in wenig Minuten verschlungen worden. Was war ihnen nun noch die ganze Freude des Festes? »Daran ist das Margrethle schuld!« murmelte Jörg. Mit feindlichen Blicken betrachteten sie den Mann, der sie so schmälig betrogen, und Rachegedanken keimten in ihren Herzen auf.

»Da ist's ja wohl erlaubt, auch ein Tänzchen zu machen?« sagte Lehnhard und musterte die Schaar der jungen Mädchen, die sich alle scheu zurückzogen, weil sie das Glück fürchteten, von dem häßlichen Manne gewählt zu werden. Endlich hatte er ein Opfer erspäht; mit zierlichem Schritt trat er auf ein Mädchen zu, das kaum fünfzehn Jahre zählen mochte und einer frischen Rose glich. Umsonst verbarg sie sich hinter ihre Gespielen; der Landsknecht faßte ihre Hand und wollte sie in die Reihe der Tanzenden ziehen, als der junge Mann, als dessen Vater sich Kolbach zu erkennen gegeben, dazwischen trat und sprach: »Erlaubt, das ist mein Platz!«

»Ei Gesell, du bist ja aus einmal recht trotzig!« lachte Lehnhard. »Vorhin wurdest du roth, wie ein junges Mädchen. Ist das deine Liebste?«

»Es ist meine Schwester;« entgegnete Heinz.

»Seit wann tanzen denn Bruder und Schwester mit einander? lachte jener. »Geh', Bürschchen, such' deinen Schatz auf und laß mir mein Liebchen!« Er wollte die schüchtern bebende Jungfrau an sich ziehen, als er sich von einer kräftigen Faust zurückgeschleudert fühlte, und wiederum jener trotzige Bauer vor ihm stand und ihn mit durchbohrenden Blicken maß. Diesmal riß aber auch ihm die Geduld; rasch griff er nach der Partisane und schlug mit dem Schaft auf Kolbach ein. Dieser wich dem Hieb aus; die Partisane fuhr mit aller Wucht auf den Boden und zerbrach. Ehe er die Trümmer noch zu einem zweiten Schlag erheben konnte, hatten ihn mehrere Fauste gepackt und versuchten ihm die Waffe zu entreißen. Es waren jene Spieler, denen die Gelegenheit willkommen war, ihre Rache zu kühlen. Der Kampfplatz war geräumt, die Musik schwieg, die Mädchen entflohen.

Der Landsknecht besaß Bärenkraft; er schüttelte seine Feinde von sich; lehnte sich mit dem Rücken an den Maibaum und ließ den Rest seiner Partisane wie einen Kreisel um sich her schwirren. »Pfui über Euch!« rief er. »Zwanzig über Einen! Hütet Eure Köpfe, sage ich Euch!«

»Er hat Recht!« sagte Kolbach »Last ihn in Frieden. Ich allein werde es mit ihm vollenden.« – »Dein Eisen weg!« rief er gebieterisch. »Faust gegen Faust! Heran! Wer unterliegt, zieht ab!«

»Ist's so gemeint?« lachte Lehnhard, indem er seine Waffe sinken ließ. »Ich bin's zufrieden. Aber ehrlich Spiel!«

Kampfbereit standen sich die beiden Männer gegenüber. An Kolbach's Armen waren alle Muskeln straff, sein düsteres Auge war starr auf den Feind gerichtet. Der Landsknecht lauerte wie ein Tiger auf seine Beute. Nun kamen sie sich entgegen, umfaßten sich und Jeder suchte den Andern zu Boden zu ringen. Aber Beide standen wie Felsen; Brust an Brust hatten sie sich gepreßt, und die Knochen krachten in der rasenden Umschlingung. Große Schweißtropfen perlten auf den Stirnen, keuchend entrang sich der Athem ihrer Kehle, aber Keiner wankte. Die Zuschauer standen in tiefem Schweigen.

Endlich schien Lehnhard zu ermatten; die Arme des Gegners umschlangen ihn enger und enger; er schnappte nach Luft, man sah die Angst auf seinen Zügen, er stand schon nicht mehr fest – Kolbach hob ihn empor und warf ihn mit aller Gewalt gegen den Boden, daß die mächtigen Knochen krachten, und der Besiegte mehrere Minuten wie ein Todter liegen blieb. Von allen Seiten wünschte man nun dem Sieger Glück; dieser wischte sich den Schweiß von der Stirne und sah gleichgültig drein, wie der Landsknecht sich erhob, auf seinen Sieger losging und sprach: »Ihr habt teufelmäßige Kraft, guter Freund! Ihr hättet ein frommer Landsknecht werden sollen! Unhöflich aber seid Ihr denn doch, einem Gaste nicht einen Tanz zu gestatten! Nun, die Bedingung halt' ich. Ich zieh' ab.« Er nahm hierauf das Eisen seiner Partisane und steckte es in den Gürtel. »Was Euern Wein betrifft,« sprach er, sich entfernend, »so werde ich ihn dem heiligen Vater zum bewußten Zweck empfehlen.«

»Was hat's denn gegeben?« fragte der Forstwart Hubert, der eben herzutrat. Man erzählte ihm lachend den Vorfall. »Der Kolbach ist ein Sacramenter,« sprach er darauf. »Aber wo ist er denn? Hat er sich davon gemacht? Das liegt in seiner Art. Er bleibt nicht gern lang, wo ehrliche Leute sind!«

»Laßt ihn das nicht hören, Herr Forstwart!« warnte ein Bauer.

»Ei was, ich sag's ihm in's Gesicht!« prahlte Hubert. »Ich bleibe dabei, er hält es mit dem bösen Feinde. Er hat ein Mittelchen, sich unsichtbar zu machen.«

Die Bauern drängten sich an ihn heran« »Wie? was?« fragten sie durch einander.

»Thut nur nicht, als fielet Ihr aus den Wolken!« lachte Hubert. »Ihr wißt so gut, als ich, daß es nicht richtig mit ihm ist! Er ist keines Menschen Freund, immer für sich; mich wundert's, daß er heute zum Pfingsttanz gewesen. Fragt doch, wenn er zur Beichte gegangen und Messe gehört hat?«

»Er hält's mit der lutherischen Lehre!« bemerkte Einer.

»Also noch dazu ein Ketzer!« sagte der Forstwart. »Daß er sich unsichtbar macht, weiß ich ganz bestimmt! Ich weiß, daß er mir das beste Wild aus dem Forste holt, und bin ihm oft nachgegangen. Ich war richtig auf seiner Spur, wollt' ich aber zugreifen, weg war er! Sah ich ihn in der Schußlinie und ich drückte auf ihn ab, so fuhr die Kugel durch ihn, wie durch einen Schatten, und er war doch auf und davon. Wenn das nicht mit dem Teufel zugeht, weiß ich nicht, was sonst!«

»Sollt's denn wahr sein, daß ein Mensch sich verhexen kann?« fragte ein Bauer.

»Wahr?« rief Hubert. »Nur ein Ketzer kann daran zweifeln! Das kommt von der Aufklärung! Es werden schlechte Zeiten, wenn kein Mensch mehr an den Teufel glaubt! Was den Kolbach betrifft, so will ich ihm das Handwerk schon legen. Ich weiß ein Mittelchen, hab's erst von einem Schäfer gehört. Und haben wir den Wilddieb, so entgeht er dem Galgen nicht!«

»Nehmt's nicht übel!« sagte ein alter Bauer. »Ich will dem Kolbach nicht das Wort reden; er ist ein menschenfeindlicher Patron. Ader was habt Ihr davon, wenn Ihr einen armen Kerl an den Galgen bringt? Die Herrschaft dankt's Euch nicht.«

»Aber meine Pflicht fordert es;« antwortete der Forstwart würdevoll.

»Ei was! Die Herrschaft hat des Wilds genug; sie spürt's nicht dran, wenn ein Braten in eines armen Mannes Küche fällt. Was ist auch am Ende für ein großes Verbrechen dabei? Der Herrgott hat es für alle Menschen geschaffen. Der Bauer ist so genug gedrückt von Lasten und Abgaben, daß er sie nicht erschwingen kann.«

»Ei, welcher Mangel steht Euch denn an?« versetzte Hubert.

»Davon wißt Ihr halt nichts. Ihr habt des gnädigen Herrn Rock an und eßt sein Brot. Guckt aber mal in die Bauernhäuser. Da hat mancher Familienvater mit seinen Kindern nur trocknes Brot und auch das oft nicht einmal. Die Zinsen und Steuern aber muß er bei Heller und Pfennig schaffen. Vorige Woche haben sie die alte Liese aus ihrer Hütte gejagt; das Herz that Einem weh, und der Gemeinde fällt sie nun zur Last. Die Gemeinde hat aber für sich selbst genug zu baden. Was folgt am Ende draus? Daß wir lauter arme Leute werden. Die Herrschaft sollt's nit so gar streng treiben.«

»Man sieht Euch keine Noth an;« sagte Hubert. »Ihr seid lustig und guter Dinge und laßt einen Batzen aufgehen.« Wär's so schlimm, so hieltet Ihr keinen Pfingsttanz, keine Kirchweih.«

»Es ist schlimm, wenn's erst dahin kommen soll, ehe die Herrschaft ein Einsehen hat.«

»Und ganz mit Recht. Was Ihr verjubelt, könnt Ihr der Herrschaft geben.«

»Soll der Bauer denn keinen frohen Tag im Jahr haben? Die Herrschaft lebt alle Tage lustig und in Freuden, der Bauer aber muß sich schinden und plagen das ganze Jahr hindurch. Da will er auch mal ein unschuldiges Vergnügen!«

»Der gemeine Mann ist zum Arbeiten geboren, wie der Ochs zum Pflügen! So lang er noch Feiertage halten kann, geht's ihm nicht an's Leben. Aber das kommt von der lutherischen Ketzerei! Da setzen sich die Leute Dinge in den Kopf, die gegen alle menschliche Vernunft laufen. Man sollte jeden solchen lutherischen Teufelsbraten an den nächsten Baum knüpfen.«

»Wir wissen noch nicht viel vom Luther; aber seine Sache mag doch so unrecht nicht sein! Ist die gnädige Herrschaft gesinnt, wie Ihr, so gieb's ein Unglück. Denn so kann's wahrhaftig nicht fortgehen!«

»Ihr droht wohl gar!« höhnte der Forstwart. »Wollt vielleicht ein Bischen Aufruhr anfangen? Laßt es Euch nicht einfallen; es wird heiß über Eure Köpfe gehen. Will das gemeine Voll am Ende so viel sein, als die Herrschaft! Das ist der Welt Ende! Dem Luther aber wird bald der Garaus gemacht werden; Ihr könnt Euch ein Exempel nehmen! – Hui, wie jauchzt das junge Volk! Wie lustig gehn die Geigen und da klagen sie noch über Hunger!«

Traurig sah Jörg Fromm dem Tanze zu; Margareth schwang sich mit einem Andern im Reihen und lachte fröhlich, recht ihm zum Hohn. Nun fluchte er dem Landesknecht erst recht. Hätte er doch seine Silberbatzen noch, wie wollt' er sich herumschwingen im Reihen, der stolzen Margareth zum Trost Hubert schmunzelte über sein hoffnungsvolles Töchterlein. –

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